Freude", 20 bis 21 Uhr Reiten, Reitschule Schombs, 20 bis 22 Uhr Schwimmen im Volksbad. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Das Mädchen Johanna". — Ausstellung „Gießen und die Lustsahrt" im (SafS Leib, bis 19 Uhr geöffnet. — Oberhesjischer Kunst- verein (Turmhaus am Brandplatz), 16 bis 17 Uhr, Ausstellung Christian Rohlfs-Hagen. — Im Katholischen Bereinshaus um 16 und um 20 Uhr Koch-, Brat- und Back-Vorführungen.
Hessische Vereinigung für Volkskunde.
Die Hessische Bereinigung für Volkskunde hielt in Gießen eine Borstanosfigung ab. Im Vordergrund der Besprechungen stand die künftige Arbeit der Vereinigung, an Oie man freudig Herangehen wird, zumal man im neuen Deutschland der im heimischen Volkstum wurzelnden, in’ lebendiger Beziehung zu Blut und Boden stehenden Wisfen- chaft der Volkskunde ganz besondere Beachtung chenkt. Es konnte mitgeteilt werden, daß Band 33 )er „Hessischen Blätter für Volkskunde" im Druck ast fertig oorliegt. Er wird im September den Mitgliedern der Vereinigung zugestellt werden. Auch die Herausgabe des Bandes 34 ist bereits vorbereitet. Die hessische Flurnamen-Forschung ist weiter oorangeschritten. Vom Flurnamenbuch ist neu erschienen eine Arbeit von Hermann Meyer über „Die alten Namen der Gemarkungen Waldmichelbach und Aschbach im Odenwald". Kurz vor dem Abschluß steht der Druck der Flurnamensammlung von Großen-Linden, die in Pfarrer i. R. Schulte den berufenen Bearbeiter gefunden hat. Das Erscheinen weiterer Flurnamen-Arbeiten steht in naher Aussicht.
Schwerer Verkehrsunfall.
In der letzten Nacht gegen 23 Uhr ereignete sich in der äußeren Frankfurter Straße, in der Nähe der Eisenbahn-Ueberführung vor Klein-Linden, em schwerer Verkehrsunfall. Dort fuhr ein Personenauto der Firma Stollwerck in Köln, die gegenwärtig in Gießen eine .Ausstellung veranstaltet, mit einem Ehepaar Seibert und einer Frau Borschütz aus Wetzlar als Insassen in Richtung Wetzlar. Zwischen dem Grundstück der Firma Kahl und der Bahnbrücke kamen dem Kraftwagen vier Radfahrer entgegen, die allesamt ihre Fahrräder neben sich herschoben. Aus bis jetzt noch nicht völlig geklärter Ursache kam es zwischen dem Auto und den marschierenden Radfahrern zum Zusammenstoß, wobei von den Radfahrern Otto L u h und Theodor Hahn erhebliche Kopfverletzungen davontrugen, während Wilhelm W e l l e r und Otto Pfeiffer Prellungen am linken Bein erlitten und von den Autoinsassen der Ehemann Seibert an den Händen verletzt wurde. Die Verletzten wurden von der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz nach der Ehirur- gischen Klinik verbracht. Das Auto wurde stark beschädigt.
** Neuer Fußweg entlang der Wie- s e ck. Zwischen Bahnhofstraße, Cafe Amend und der Hammftraße, an der Eisenbahnunterführung der Main-Weser-Bahn wird ein weiterer Fußweg entlang der Wieseck angelegt. Dieser Weg stellt eine direkte Verbindung zwischen der Altstadt und dem Stadtteil jenseits der Bahn dar. Nach der Fertigstellung kann man ohne Umweg yon der Bahnhofstraße aus direkt zum Elektrizitätswerk, Güterschuppen usw. gelangen. Der Weg wird in der gleichen Weise wie an der Alicenstrahe hergestellt, mit einem hölzernen Abschlußgeländer versehen und die Böschung mit Strauchwerk angepflanzt, so daß das ganze eine wesentliche Verbesserung des seitherigen Zustandes jenes Stadtbildes bringen wird.
** Das Hoherodskopffest findet in diesem Jahre ausnahmsweise schon am 3 0. Juni statt. Der Ostgau des Vogelsberger Höhenklubs (VHC.) hat unter Führung des Zweigvereins Lauterbach die Ausgestaltung des Festes übernommen, das wieder, wie in früheren Jahren, ein echtes, rechtes Vogelsberger Volksfest werden soll. Außer Wettspielen, Kasperltheater, Volkstänzen kommt auch ein von dem VHC.-Dichter Schirr-
Musterung bet Jo^rflänge 1914 und 1915 in der Stadt Gießen.
Die Reichsregierung hat am 16. März 1935 eine Proklamation an das deutsche Volk erlassen.
hiernach ist Wehrpflicht Ehrendienst am deutschen Volke. Jeder deutsche Mann ist wehrpflichtig.
Unter Bezugnahme auf die angeführte Proklamation und das Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht vom 16. März 1935, sowie das Wehrgesetz vom 21. Mai 1935 (RGBl. 1 S. 609) und die Dienst- anweisung für die Musterung und Aushebung vom 29. Mai 1935 (RGBl. 1 S. 607) wird hiermit fol- gendes bekanntgemacht:
I.
Alle männlichen Reichsangehörigen, die im Jahre 1914 und 1915 geboren sind, und sich, wenn auch nur vorübergehend, in der Stadt Gießen aufhalten, müssen sich zur Musterung für den Wehrdienst (Heer, Kriegsmarine und Luftwaffe) stellen.
Die Einstellung zum Dienst erfolgt erst später.
Die zur Zeit im Arbeitsdienst befindlichen Dienstpflichtigen werden nicht gemustert, mit Ausnahme derjenigen, welche Zurückstellungsanträge stellen.
II.
Als militärische Behörde ist für die Musterung das Wehrbezirkskommando Gießen zuständig.
III.
Die Musterung der Jahrgänge 1914 und 1915 findet in der Stadt Gießen vom 17. Juni 1935 ab jeweils in der Zeit von 8V2 Uhr vormittags im Wehrbezirkskommando Gießen, Llebig- ftrahe 16, nach folgendem Plan statt:
Es melden sich die Dienstpflichtigen, deren Familiennamen beginnen:
Von A bis Bi: „ Bl bis Fl: „ Fo bis He: „ Hi bis Ko: „ Kr bis O: „ P dis S: „ Sch, St und „ U bis Z:
am 17. Juni am 18. Juni am 19. Juni am 21. Juni am 24. Juni am 25. Juni T: am 26. Juni
am 27. Juni
‘IV.
1935;
1935;
1935;
1935;
1935;
1935;
1935;
1935.
Jeder Dienstpflichtige hat zur Musterung mitzubringen:
a) den Geburtsschein;
b) Nachweis über Abstammung (bis einfchl. Großeltern, gegebenenfalls auch über die der
• Ehefrau);
c) die Schulzeugnisse und Nachweise über Berufsausbildung (Lehrlings- und Gesellenbriefe);
d) Ausweise über Zugehörigkeit zu:
HI. (Marine-HI.),
SA. (Marine-SA.),
SS.,
NSKK.,
DLV. (Deutscher Luftsport-Verband),
DASD. (Deutscher Amateur - Sende- und Empfangsdienst);
e) den Nachweis über Teilnahme an Wehrsport (Wasser-Wehrsport);
f) den Nachweis über Landhilfe;
g) den Nachweis über geleisteten Arbeitsdienst (Arbeitspaß oder Arbeitsdienftpaß);
h) den Nachweis über geleisteten aktiven Dienst in der Wehrmacht oder Landespolizei oder, über die bereits erfolgte Annahme als Freiwilliger in der Wehrmacht oder Landespolizei;
i) den Nachweis über den Besuch von Seefahrt- fchulen und über Seefahrtzeiten;
k) den Nachweis über den Besitz des Reichssportabzeichens oder des SA.-Sportabzeichens;
I) den Führerschein (für Kraftfahrzeuge, Flugzeuge oder des Deutschen Seglerverbandes).
Brillenträger haben außerdem das Brillenrezept vorzulegen.
V.
Zur Musterung hat auch ein Gestellungspflichtiger zu erscheinen, der seine Zurückstellung vom Wehrdienst beantragen will. Dieser hat das nötige Beweismaterial beizubringen, und zwar:
a) bei Anträgen auf Zurückstellung aus häuslichen und wirtschaftlichen Gründen eine entsprechende Bescheinigung der Ortspolizeibehörde;
b) bei Anträgen auf Zurückstellung aus Gründen beruflicher Art, Bescheinigung der Ausbildungsstelle.
VI.
Die Polizeidirektion kann völlig Wehruntaugliche (Geisteskranke, Krüppel usw.) auf Grund eines Zeugnisses des Amtsarztes von der Gestellung zur Musterung befreien.
Ein Dienstpflichtiger, der durch Krankheit an der Gestellung zur Musterung verhindert ist, hat hierüber ein Zeugnis des Amtsarztes einzureichen.
VII.
Jeder Gestellungspflichtige hat gewaschen und mit sauberer Wäsche zur Musterung zu erscheinen. Sport- oder Badehose ist mitzubringen.
VIII.
Vor und bis zum Abschluß der Musterung ist der Genuß von alkoholischen Getränken verboten.
IX.
Zur Musterung ist das Mitbringen von Verpflegung erwünscht.
Es empfiehlt sich, keine Wertsachen und bergt zur Musterung mi^ubringen.
Wer seiner Gestellungspflicht nicht ober nicht pünktlich nachkommt ober ben vorstehenden An- orbnungen sonst zuwiberhanbelt, wirb, wenn keine höhere Strafe verwirkt ist, bis zu 150 Reichsmark ober mit Haft bestraft. Evtl, werben sofortige polizeiliche Zwangsmaßnahmen gegen ihn ergriffen.
Gießen, 4. Juni 1935.
Hess. Polizeibirektion.
Meusel.
mann verfaßtes Freilichtspiel zur Aufführung. Die Verbesserung bes Sommerfahrplans, befonbers die Einlegung von später in Schotten abgehenben Zügen mit guter Verbindung nach Frankfurt unb Gießen, ermöglicht weit mehr als seither ben Besuch bes hohen Vogelsberg.
** Dom Rettungsschwimmen. Von ber Hauptgeschäftsstelle Berlin ber Deutschen Lebens- rettungs-Gesellschast konnte Herrn Dr. Arno Schulz, Gießen, Diezstraße 6, nach erfolgreich abgelegter Prüfung ber Lehrschein mit golbener Nadel überreicht werden. Im Monat Mai konnten nach
stehend genannte Personen ihre Prüfung im Rettungsschwimmen mit Erfolg ablegen: Für ben Leistungsschein: Turn-Oberlehrer Georg Reinharb, Friedberg. Für den Grundschein: Willi Keiner, Rudi Bädenbender, Reinhold Krämer, Helmut Jahn, Wilhelm Schott unb Rolf Meyer, sämtlich zu Gießen. — Der Bezirk Oberhessen ber Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft wirb in biesem Monat einen Lehrgang zur Ausbildung von Rettungsschwimmern in Gießen zur Durchführung bringen. Siehe heutige Anzeige.
** 7 5. Regiments -Jubiläum ber
6. Dragoner. An alle Kameraden in allen deut- schen Gauen ergeht bie Aufforderung zur Beteiligung am 75. Regiments-Jubiläum mit großer Wieber- fehensfeier bes ehemal. Dragoner-Regiments Nr. 6 im letzten Stanbort M a i n z, am 29. unb 30. Juni unb 1. Juli, sowie zur alsbaldigen Mitteilung ihrer genauen Postanschrift. Beabsichtigt ist, in die Jubiläums-Festschrift ein Anschristen-Verzeichnis aller Kameraden aufzunehmen unb bie Festschrift jedem einzelnen zugänglich zu machen, bamit enblich bie Möglichkeit besteht, baß befreundete Regiments- Kameraben in gegenseitigen Schriftwechsel treten können. Dazu ist natürlich erforberlich, daß auch
Deutscher Volksgenosset
Deine Mitgliedschaft im Deutschen Luftsport- Verband ist dein Bekenntnis zur fliegerischen Geltung deines Volkes!
diejenigen Kameraden ihre Anschrift einsenden, welche der Feier voraussichtlich nicht beiwohnen können. Meldung der Postanschrift an: Wilhelm Pfeifer, Mainz, Rochusstraße 10/12.
Amtsgericht Gießen.
Der G. S. aus Wilnsdorf wurde durch Strafbefehl zu 3 RM. Geldstrafe verurteilt. Der Angeklagte hielt am 13. Dezember vorigen Jahres mit feinem Personenkraftwagen auf der linken Straßenseite an, obwohl dem auf ber rechten Seite keinerlei Umftänbe entgegenftanben. Der gegen ben Strafbefehl eingelegte Einspruch wurde gestern kosten- vslichtig verworfen, da der Angeklagte nicht erschienen war.
Eine weitere Sache wegen Erpressungsversuchs wurde zwecks Anstellung weiterer Ermittlungen vertagt.
Rundfunkprogramm.
Donnerstag, 6. Juni.
6 Uhr: Gymnastik. 7: Frühkonzert. 8.10: Gymnastik. 8.30: Frühkonzert. 10.15: Schulfunk. Volks- liebfingen. 10.45: Praktische Ratschläge für Küche unb Haus. 11: Werbekonzert. 11.30: Sozialdienst. 11.45: Bauernfunk. 12 unb 13.15: Mittagskonzert. 14.15: Wirtschaftsbericht. 15: Nachrichten ber Gauleitung. 15.15: Kinberfunk. Das Steckenpferb. 16: Kleines Konzert. 16.30: Kunstbericht ber Woche. 16.35: Einmaleins für Gartenfreunbe. Nützliche Betrachtungen eines Dichters. Von Otto Nebeltau. 16.45: Deutsche Gespräche: „Vom deutschen Gefolgschaftsethos". Von Theodor Seibenfaden. 17: Nachmittagskonzert. 18.30: „Boot-Fluß-Zelt". Ein Sommerfang mit Dichtungen von Eichenborff und Mo- rike. 19: Unterhaltungskonzert. 20.15: Schweizer Musik. 21.25: „Erziehung zur wahren Weiblichkeit". Sketsch von Hanns Geck. 22.20: Volksmusik. 23: Reichssenbung: Zeitgenössische Musik (IX). 24 bis 2: Nachtmusik.
OerSturz vom Felsen—kein Verbrechen
Limburg, 4. Juni. (LPD.) Vor einigen Tagen würbe gemelbet, baß zwei junge Leute unter dem Verbacht verhaftet worben feien, ein Mäd - d) en von einem Felsen auf bem Schafsberg hi n - untergestürzt zu haben. Nach ben polizeilichen Feststellungen handelt es sich jedoch um kein Verbrechen, vielmehr ist das Mädchen aus Unachtsamkeit abgestürzt. Die beiden jungen Leute wurden daraufhin wieder freigelassen.
CREME: 15 Pf.-RM 1.00 / OL: 55 Pt-RM 1.20
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NIVEA
Warum vslkemisi du mich, Barbara?
Vornan von Liane Sanden.
Urheberrechtschutz: Fünf-Türrne-Derlag, Halle (S.)
2 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Wie finster seine Brauen zusammengezogen waren! Welch bitterer Zug um seinen Mund lag! Warum hatte Barbara ihr nur diesen Mackenroth zum Tischherrn gegeben? Die Freundin wußte doch ganz genau, daß sie selbst schüchtern unb ungewandt war. Was sollte sie mit einem Menschen wie Mackenroth anfangen? Dem war sie doch offensichtlich ganz gleichgültig. Oder mehr als bas, sogar lästig. Die Unterhaltung bei Tisch hatte sich nur mühsam hingeschleppt. Magdalena begriff es ja. Was konnte sie auch einem Menschen wie Mackenroth sagen? Seitbem sie ihn zum ersten Male gesehen, hatte sie eine scheue Bewunberung für ihn.
Sie kam sich neben ihm ganz klein unb winzig vor. Sie begriff es einfach nicht, baß Barbara, ihre einzige Freundin, Mackenroth so von oben hvrab behanbeln konnte. Gestern hatten sie ihn getroffen, als sie über bie Felder gefahren waren.
Von weitem hatten sie ihn gesehen, wie er an der Waldlisiere auf seinem Pferd gehalten hatte. In die blaue Sommerluft war sein Gesicht schön und kühl hineingeschnitten gewesen.
„Sieht er nicht aus wie der Ritter Sankt Georg?" hatte sie schwärmerisch zu Barbara gesagt. Aber Barbara hatte kurz aufgelacht.
„Was du immer für romantische Ideen haft, Kleines! Dieser Ritter Sankt Georg ist in Wahrheit ein ganz gewöhnlicher Sterblicher— weiter nichts als ein kleiner Inspektor."
Barbaras Gesicht hatte dabei den Ausdruck eisigen Hochmuts angenommen. Da hatte Magdalena erschrocken geschwiegen. Wenn die Freundin diese Miene aufsetzte, war es klüger, nichts zu sagen.
Aber das Herz hatte ihr doch weh getan. Sie hatte Barbara seit der Pensionszeit unb ihrer Hochzeit nicht mehr gesehen. Was für eine Wand- lung war mit der Freundin vorgegangen? Das von Güte und Zärtlichkeit überströmende Herz Barbaras schien in einem blinden Hochmut erstarrt zu sein. Sie war vollkommen verändert und nur in ihrer Freundschaft zu Magdalena bie gleiche. Freilich, Magbalena hatte so einiges von Barbaras schwerem Eheschicksal gehört. Die furchtbare Tragödie, bie ber Schluß ber Gemeinschaft mit Albert von Stechow gewesen, war ja auch Magbalena bekannt. Aber wenn man auch an einem Manne eine Enttäuschung erlebte — gab
bas ein Recht, gegen alle anbern so hart unb verächtlich zu sein?
Magbalenas sanftes Gemüt begriff es nicht. Es war ber einzige Punkt, in bem sie mit ber vergötterten Freunbin nicht übereinstimmte.
Dabei war biefer Mackenroth beinah bas Gegenstück zu Barbara. Ja, bie beiben sahen sich nach Magbalenas Meinung sogar ein wenig ähnlich. Heimlich musterte sie Mackenroths Profil. Wie er jetzt so mit zusammengezogenen Brauen dasaß, ben Mund zusammengepreßt, hatte er eine über» raschenbe Ähnlichkeit mit Barbara. Gerabe so preßte auch Barbara bie Lippen zusammen, wenn sie zornig war. Genau so ftanb ihr eine steile Falte zwischen ben Brünen. Auch bas Profil — biefes gerabe, kühne Profil —, hatte es nicht Aehnlichkeit mit bem Antlitz Barbaras, biesem norbbeutschen Gesicht? Nur baß Mackenroths Haare von friesisch-hellem Blonb waren unb glatt wie bei einem Soldaten am Kopfe lagen, währenb Barbaras Haare in einem rotgolbenen Gelock ihren Kopf umgaben.
Plötzlich mußte Magbalena benfen, baß Mackenroth unb Barbara herrlich zueinanber passen müßten.
Ihr Herz schlug ganz heftig, wie sie bies bachte. Welche Torheit: Diese beiben Menschen, bie in knappster, kühler Höflichkeit miteinander verkehrten — welcher Abgrund trennte die beiden! Barbara von Stechow, die Erbin des ungeheuren Besitzes, Tochter eines Millionärs, und Mackenroth, dieser kleine Inspektor — nein, sie hatte doch wirklich mitunter zu törichte Gedanken!
Wie Mackenroth nur dasaß! Sein Gesicht war fast zum Fürchten. Warum starrte er so finster in den Saal? Wen suchten seine Blicke? Beinah angstvoll sah sie ihn an.
4. Kapitel.
Es war, als ob ihre Gedanken Eckeharb Mackenroth erreichten. Er schrak aus seinen Sinnen auf. Er bürste nicht mehr weiterträumen. Er bürste sich nicht weiter in biefe Gebanken ver- lieren, bie so bitter schmerzlich waren. Er hatte es ja in biefen Monaten erfahren, wie Barbara von Stechow seine Stellung hier ansah.
Er hatte geglaubt, als Sohn ber Familie Mackenroth, bie ben Stechows seit langem befreundet war, für Barbara etwas mehr zu bebeuten als ein gewöhnlicher Angestellter. Nicht, bah er eine Bevorzugung erwartet hätte. O nein! Er selbst beharrte ja auf bem Stanbpunkt, nur durch bie Leistung hatte man Anspruch auf eine Son- berfteflung im Leben. Aber baß bie junge Her- rin von Schloß unb Gut Scheblowitz ihm kühl unb hochmütig begegnete wie einem Fremben, bas batte er boch nicht erwartet. Nicht ein Wort, baß fie beibe sich boch schon vor seinem Arbeitsantritt hier gesellschaftlich begegnet waren. Nicht eine Frage nach feinen Eltern. Sie hatte feine Melbung äum Dienstantritt entgegengenommen mit einem
kurzen Kopfnicken. Nicht einmal bie Hanb hatte sie ihm gereicht. Noch horte er ihre knappen Worte:
„Herr Oberinspektor Rockesch wirb Sie in Ihre Pflichten einführen. Ich hoffe, bo* Sie biefe Pflichten gewissenhaft erfüllen werden."
Das war alles gewesen. Damit hatte sie ihm seinen Platz angewiesen. Er hatte sich stumm verbeugt — keine Muskel f)ate in seinem Gesicht gezuckt. Nichts von bem, was in ihm vorging, bürste irgenbeinem Menschen bekannt werben. Am liebsten hätte er auch in sich all bas totgeschlagen, was feit Jahren fo sehnsüchtig in ihm lebte. Aber es war unmöglich. Er liebte Barbara von Stechow seit ber Zeit, ba er sie als junge Frau kennenlernte. Er hatte sie bamais allerbings nur selten gesehen. Denn er bewirtschafttete zu jener Zeit bas zweite Gut seiner Eltern, bas in einem schlesischen Kreise nahe ber Grenze lag. Seine Eltern saßen noch auf bem ehemals deutschen Besitz in bem jetzigen fremben Lanbe. Es war für ihn immer ein bitterer Schmerz, fie zu besuchen. Sah er boch, wie verzweifelt man in bem Winkel hart an ber Grenze zu kämpfen hatte.
Barbara war kaum ein halbes Jahr verheiratet gewesen, ba würbe auch bas Gut ber Mackenroths enteignet. Nun hatte er keinerlei Möglichkeit mehr, Barbara zu sehen. In ber ersten Zeit, als bie Eltern von ihrer angestammten Sa)olle fort zu ihm auf bas kleine Gut in Deutschland flüchten mußten, hatte er an Barbara von Stechow nicht mehr benfen können. Der Schicksalsschlag, ber bie Eltern unb auch ihn getroffen, war zu groß gewesen. Der Boben unten gehörte ihnen ja seit Generationen. Bis in bie Zeiten bes Dreißigjährigen Krieges konnte man bie Familie ber Mackenroths bort unten feststellen.
Dor bem Leib, biefes väterliche Lanb aufgeben zu müssen, versank ber eigene Kummer. Erst als Eckeharb wieber einigermaßen zur Ruhe kam, begriff er, baß mit ber Trennung von bem väterlichen Grunb unb Boben bort unten auch bie Trennung von Barbara von Stechow vollzogen war. In Stunden ber Selbsterkenntnis mußte er sich sagen, baß bies bas Allerbeste wäre. Er bürste sich nicht in ber Liebe zu Barbara, zu ber Frau Albert von Stechows, verlieren. Sie war nicht glücklich an ber Seite biefes leichtsinnigen, wenn auch nicht gerabezu schlechten Menschen.
Er kannte Stechow von ber gemeinsamen Schulzeit in Niesky her. In ber großen Erziehungs- anstatt war er bort fein Zimmerkamerab gewesen. Schon bamais hatte Stechow eine Neigung, sich bas Leben sehr leicht unb angenehm zu machen. Er hatte nichts von jenem strengen Pflichtgefühl, das Eckeharb von seinem Vater her überkommen war. Schon in ber Oberprima würbe Stechow aus Niesky fortgewiesen. Er war eines Nachts nicht nach Hause gekommen. In ber Anstatt gingen bie tollsten Gerüchte über ihn umher.
Eckeharb von Mackenroth hätte schon bamals voraussagen können, wie Albert von Stechows Leben werben würbe. Er hatte biefen Menschen mit bem skrupellosen-Hang zum Lebensgenuß unb Leichtsinn nie befonbers gemocht, ohne jeboch gegen ihn irgenbwelche Feindschaft zu empfinben.
Zum Feinb wurde Stechow ihm erst, als er ihn wiedersah an Barbaras Seite. Er begriff es nicht, baß Barbara, biefe reine, unenblich weibliche Frau, Stechow gewählt hatte. Er wußte ja nichts baoon, baß Liebe einer Frau ben Blick für bie Wirklichkeit verwirren konnte. Er selbst hatte ja bis dahin Liebe noch nicht gespürt. Dann aber, als er Barbara kennenlernte, schlug diese Liebe über ihm zusammen in einer schmerzhaft lodernden Flamme. Er hätte Barbara fortreißen mögen von der Seite dieses Mannes, der ihr nur Unglück bringen konnte. Er- hätte sie in feine Arme nehmen mögen und forttragen in ein wunderbares Glück! Und durfte doch nicht. Nur stumm dabeistehen. Er durfte ihr nichts anderes sein als einer unter vielen.
Wie er jetzt so hier saß und mit sehnsüchtigen Augen Barbara folgte, war es ihm, als ob er ihr damals ein wenig — ein klein wenig mehr bedeutet hätte. Vielleicht aber hatte er sich getäuscht in dem Glauben, ihre Augen hätten wärmer aufgeleuchtet, wenn er als (Saft auf Schloß Schedlo- witz erschienen war — ihr Mund hätte ein wärmeres Lächeln gehabt, wenn sie ihn begrüßte.
Das alles mußte Täuschung gewesen sein. Sonst wäre ja unmöglich gewesen, daß sie ihn jetzt so kalt und hochmütig begegnete, nicht durch ein Wort, einen Blick eine Brücke zu schlagen vermochte zwischen damals und jetzt. Freilich, damals war er der Sohn eines Großgrundbesitzers und ein Standesgenosse Barbaras gewesen. Jetzt war er ein kleiner Inspektor.
Das Gut drüben im Vaterlande hatte das Schicksal so vieler anderer Besitzungen teilen müssen. Man hatte die schwere Zeit nicht durchhalten können; das Gut war unter den Hammer gekommen. Die Ettern hatten eine kümmerliche Zuflucht bei Verwandten in der pommerschen Heimat der Mutter gefunden. Er selbst war Inspektor geworden. Er dankte seinem Geschick, daß er wenigstens durch die praktische Arbeit von Grund auf und den Besuch der Landwirtschaftlichen Hochschule in seinem Fache etwas konnte. Freunde hatten ihm die Stellung hier verschafft.
Es war seinem Stolz zuerst sehr hart angekommen, nun hier als Untergebener zu erscheinen, wo er einst gesellschaftlich gleichberechtigt gewesen. Aber er hatte sich selbst ob dieses hochmütigen Gedankens gescholten. Leistung und Können mußten genau soviel gelten wie Titel und Vermögen. _
Barbara von Stechow, so hatte er gebacfyt, würde die letzte fein, die ihn wegen der Veränderung seiner jetzigen gesellschaftlichen Lage niedriger ein- schätzen würde. (Fortsetzung folgt.)


