allerdings unter Aufbringen manchen persönlichen Opfers — gelungen ist, hier eine deutsche Schule mit spanischen und deutschen Lehrkräften zu gründen, die zur Zeit von 55 spanischen und 5 deutschen Kindern besucht wird. Ein solches Beginnen soll man sich nicht so leicht vorstellen, es gehört schon ein gewaltiges Maß an Unternehmungslust dazu. Aber es ist geschafft und die Schule, die — wie schon gesagt — in der Ueberzahl von spanischen Kindern besucht wird, trägt an ihrer Stelle und in ihrem möglichen Wirkungskreise sehr viel zur Festigung der schon immer vorhandenen kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Spanien bei. Es ist ein hübscher Augenblick, als die spanischen Schüler uns an Bord unseres Schiffes deutsche Lieder Vorsingen und deutsche Gedichte vortragen, und auf der Calle Mayor kann man sie stolz mit unserem Mützenband um die Stirn Herumlaufen sehen. Auch dieses Erlebnis bringt uns den Spaniern näher, ist es doch ein großes Vertrauen, das die Eltern den deutschen Lehrkräften entgegenbringen und damit auch uns Deutschen ganz allgemein, wenn sie einen so wick- tigen Teil der Erziehung chrer Kinder in deutsche Hände legen.
Am 19. April laufen wir aus Cartagena aus; zum zweiten Male wird Kurs auf die Kanarischen Inseln genommen. Am Nachmittag des Ostersonntags gellt die Pfeife des Bootsmannsmaaten der Wache durch die Decks: „Luftschiff Graf Zeppelin achteraus". Niemand bleibt unten, alles stürzt — bewaffnet mit Ferngläsern und Photoapparaten — an Deck! Schnell kommt das Luftschiff auf. Dann geht es über uns stehend auf langsame Fahrt. Deutlich sieht man das Winken aus den Gondeln heraus, Signale werden ausgetauscht. Ein prächtiges Bild; ganz klar hebt sich der silberne Leib von dem tiefblauen Mittelmeerhimmel ab. Dann gehen die Motoren wieder auf höhere Umdrehungen, und bald ist der Bote der Heimat wieder verschwunden.
Aus den Kanarischen Znseln.
Schon nach vier Seetagen liegt Santa Cruz de Tenerife, die Hauptstadt der größten und volkreichsten der Kanarischen Inseln vor uns. Aus den Wolken heraus ragt die Spitze des etwa 3700 Meter hohen Pic, unsere „Alpinisten" stehen bereits überlegend und beratend in Gruppen zusammen, auch dieser Berg soll ihnen nicht entgehen. Im Hafen, der durch zwei Molen geschützt ist, herrscht lebhafter Schiffsverkehr, denn die Insel ist fruchtbar und demzufolge ist die Ausfuhr bedeutend. Besonders Tomaten und Bananen sind in den letzten Jahren verschisst worden, man hat sogar vorüberfahrende Dampfer in den Hasen rufen müssen, um den nötigen Laderaum zu gewinnen. Santa Cruz macht — kommt man vom Angeleplatz der Boote in die Stadt hinein — zunächst keinen spanischen Eindruck. Ganze Reihen gut instand gehaltener Kraftwagen warten am Ende der Pier, und die Plaza de la Republica wird von schönen größeren Geschäften und Bauten umsäumt. Natürlich fehlen die indischen Shops' auch hier nicht. Inder sitzen überall dort, wo der Fremdenverkehr blüht oder sonst irgendwie Geschäfte winken. Weiter im Innern der Stadt trifft man meist auf Straßen und Häuser mit typisch spanischem Gepräge, aber immer wieder sieyt man auch schöne, mit grünen Bäumen und mit Blumen bestandene Plätze und gut gepflegte, breite Verkehrsstraßen, ©ante Cruz hat sich in den letzten Jahren sehr entwickelt.
Teneriffa ist ein Paradies für Kraftfahrer: ein Liter Benzin kostet nach deutschem Gelde hier nur neun Pfennige. Selbstverständlich nutzen wir die billigen Kraftwagenfahrten in vollem Umfange aus, um uns das Land anzusehen. Aber wir brauchen unsere Devisen nicht allzustark in Anspruch zu nehmen, denn zwei Deutsche haben je 500 Peseten gestiftet und dadurch ist es jeder Division möglich, einmal nach dem weit berühmten Oratava-Tal zu fahren. Schon der Weg dorthin ist ein Genuß. Rechts und links grüne Felder, über die, Windschutzmauern hinweg wuchern Geranien vom zarten Weiß-Rosa bis zum Purpurrot. Eukalyptusbäume säumen teilweise den Weg. Dann kommen wir über die letzten Anhöhen hinüber und vor uns liegt das weite Tal wie ein grüner Teppich. Links türmen sich die gewaltigen Felsmassen der „Canadas" das leibe auf, rechts unten sieht man die weiße Brandung des Meeres. Es ist lohnend, dieses Tal aufzusuchen!
Unterdessen habe mir Immer mehr Angeho - rige der deutschen Kolonie tennengelernt. In Sante Cruz leben etwa 230, auf der gesamten Insel etwa 300 Landsleute. Meist sind es selbständige Kaufleute, kaufmännische Angestellte und Angehörige technischer Berufe, ebenso wird das Gastwirtsgewerbe von vielen betrieben. Alle nehmen uns in ihren Familien auf, wir sind bei ihnen sehr schnell zu Hause. Die deutsche Schule von Santa Cruz wird jetzt von 95 Kindern besucht, darunter auch solche spanischer, österreichischer, schwedischer, norwegischer und tchechoslowakischer Nationalität. Ein neues Schulgebäude wird zur Zeit gebaut und zwar aus Mitteln, die die Kolonie selbst aufbrachte. Das kennzeichnet den Geist der Deutschen Teneriffas, ihren Gemeinschastssinn und ihre Liebe zum Vaterlande. „ .
Vom 2. bis 6. Mai liegt der französische Kreuzer „Jean d ' A r c" im Hafen. Das Schiff macht einen vorzüglichen Eindruck. Zwischen den Offizieren werden Besuche ausgetauscht, an Land sieht man hie und da deutsche und französische Ma
trosen oder Heizer zusammen durch die Straßen gehen oder in einem Lokal sitzen, denn zahlreiche Franzosen sprechen deutsch, es sind meist Elsässer.
Wieder trat der Tod in unsere Reihen: am 4. Mai verstarb unser Kamerad, der Obermatrose Karl W Ü l k. Nur wenige Wochen liegen noch zwischen uns und der Heimat, und mancher feiner Gedanken wird wohl schon dem Wiedersehen seines Vaterhauses im Frankenlande gegolten haben. Jetzt trugen wir ihn im fremden Lande zur letzten Ruhe. Unendlich lang war der Trauerzug, der sich durch die Straßen von Santa Cruz bewegte; eine Ehrenkompanie von Bord, eine Abordnung des spanischen Kanonenbootes „Dato" und des französischen Kreuzers die Spitzen der spanischen Behörden, die deutsche Kolonie und die Besatzungsangehörigen unseres Kreuzers gaben ihm das letzte Geleit. Nicht nur einen vorbildlichen Soldaten verloren wir, sondern auch einen guten und lieben Kameraden! Am 8. Mai laufen wir aus, unser nächstes Ziel ist P o n t a Delegada auf den Azoren.
SJL-tfpont
Handball-Städtespiel Wehlar-Gießen 9:5 (7:1).
Auf dem Universitätssportplatz hatten sich etwa hundert Zuschauer eingefunden, die eine Niederlage der Gießener Stadtelf erleben mußten. Durch Absage einiger Spieler waren die Gießener gezwungen, ihre Mannschaft umzustellen. Besonders die Verteidigung und die Läuferreihe litten unter dieser Umstellung. Wetzlar hatte eine komplette Vereinself als Städtemannschaft zur Stelle. Bis die Einheimischen sich zusammengefunden hatten, lagen sie schon mit 7:1 Toren im Hintertreffen. Gerade beim Handball kommt es darauf an, daß die Kombination klappt, daß die gesamte Mannschaft sich versteht und eingespielt ist. Das wird bei nächster Gelegenheit mit die Hauptsache bei Aufstellung einer Städtemannschaft fein, lieber einzelne Spieler bei der Gießener Mannschaft zu kritisieren, wäre verkehrt. Fest steht nur, daß der Gießener Tormann an der Niederlage schuldlos war. Den Hiesigen muß man zugute halten, daß sie trotz aller Mängel weiter kämpften. Während Wetzlar in der ersten Hälfte tonangebend war, konnten die Einheimischen in der zweiten Halbzeit das Spiel überlegen gestalten.
Dem Schiedsrichter D r o l s b a ch stellten sich die Mannschaften in folgender Aufstellung:
Wetzlar: Weimar; Krämer, Bärwinkel; Ulm, Pausch, Müller; Denhardt, Wagner, Rieß, Tiß- mer, Otto.
Gießen: Fischer (DfBR.); Jungheim (MTV.), Cremers (1900); Knob (1900), Kissel (Universität), Schmidt (MTV.); Schüler (1900), Langenohl (VfBR.), Wlodareck (1900), Schott (1900), Acker (Universität).
Spielverlauf: Vom Anstoß weg zieht Wetzlar mächtig los. Der Mittelstürmer der Gäste kann unbehindert vom Wurfkreis aus einsenden. Dieses Bild wiederholt sich innerhalb kurzer Zeit viermal. Der Angriff der Gastgeber kommt zu keiner einheitlichen Aktion. In der Folge kann Wetzlar noch dreimal erfolgreich sein, während Gießen durch Schüler auf Vorlage von Langenohl einsendet. Halbzeit 7:1. Nach Wiederanstoß klappt es bei den Einheimischen besser. Wetzlar verteidigt mit allen Mit
teln, kann aber nicht verhindern, daß Gießen durch Wlodareck und Acker auf 7:4 herankommt. Ein Mißverständnis der einheimischen Verteidigung läßt, obwohl Gießen überlegen ist, den Mittelstürmer Rieß für Wetzlar auf 8:4 erhöhen. Im Endspurt bringen die Gastgeber es fertig, totsichere Chancen auszulassen. Nachdem beide Parteien noch einmal Erfolg haben, kann Wetzlar als glücklicher Sieger den Platz verlassen.
Handball im DfD -Reichsbahn.
Heuchelheim I — vfB. R. Ib 5:12 (3:7).
Die 1. Handballmannschaft vom Tv. Heuchelheim hatte das Glück, die VfB.er in ganz bestechender Form anzutreffen. Das Jnnentrio der Platzbesitzer (Petri, Magsaam, Deuker) zeigte wahre Kabinettstückchen. Heuchelheim war besser als das Resultat vermuten läßt. Mit ihren Torwürfen hatten sie Pech. (Vier Lattenschüsse.)
Spielverlauf: Mit dem Anstoß der VfB.er entwickelt sich sofort flottes Spiel. Beide Torleute müssen abwechselnd eingreifen. Der VfB.-Mittel- ftürmer kann nach zehn Minuten Spielzeit den Gästetormann das erstemal schlagen. Heuchelheim gleicht durch halblinks aus. Petri ist es, der die Führung wieder an Gießen bringt. Die Gäste ziehen abermals gleich. Eine leichte Feldüberlegenheit der Gießener kann man trotzdem feststellen. Der VfB- Mittelläufer Wulle kommt in Hochform und füttert feinen Sturm mit präzisen Vorlagen. Bei den Gast- gebern läuft die Kombinationsmaschine wie am Schnürchen. Heuchelheim verteidigt und stürmt, aber vergebens. In gleichmäßigen Abständen werden die Einheimischen noch fünf Tore, denen die Gäste nur eins entgegensetzen können. Halbzeit 7:3. Nach Beginn der zweiten Halbzeit kommt Heuchelheim etwas auf, hat aber entschieden Pech. Bis die Turner zu ihrem nächsten Erfolg kommen, führt VfB.-R. durch Petri und Magsaam 10:3. Nachdem beide Mannschaften noch zweimal einsenden können, war ein schönes, schnelles und faires Spiel zu Ende. Der Unparteiische leitete gut.
Mannschaftsaufstellung des VfB.-R.: Balser; Simon, Herbert; Blum, Wulle, Schwalm; Ober, Petri, Magsaam, Deuker, Schirmeister.
Kirchgöns I — VfV. R la 7:7 (7:3).
Handball-Ergebnisse im Kreis W.
Aufstiegspiele der II. Kreisklasse.
Tv. Garben heim — Tv. Katzenfurt 12:3 (4 : 2).
Es wird immer offensichtlicher, daß die Stärke der beiden Vertreter der Staffel Dill nicht an die unserer heimischen Mannschaften heranreicht. Das beweist auch dieses Ergebnis. Garbenheim gewann das Spiel wie es wollte, obwohl die Gäste in der ersten Halbzeit noch einigermaßen offen spielen konnten.
Tv. Herborn — Tv. Dorlar 2:9 (1:4).
Auch im Rückspiel 'mußten die Platzbesitzer die Ueberlegenheit der Gäste anerkennen. Die Dorlarer
übernahmen schon gleich nach Beginn das Kommando, konnten aber in der ersten Halbzeit durch großes Pech und gegen den Wind spielend die gegnerische Hintermannschaft nur viermal schlagen. Nach der Pause wurde das zwar etwas anders. Trotzdem verhinderten schlecht gezielte Würfe einen höheren Sieg.
Tv. Burg-Gemünden — Mtv. Gießen II 6:7 (1:5).
In einem äußerst schnellen und interessanten Spiel konnten die verstärkt spielenden Männerturner die Platzbesitzer knapp aber verdient niederringen. Man sah auf beiden Seiten sehr schc .e Leistungen.
In der ersten Hälfte waren 6te Gießener kon- angebenb, während Burg-Gemünden nach der Pause mächtig aus sich herausging und so das Ergebnis noch recht knapp gestalten konnte, lieber die beiden Punkte wird allerdings noch nicht das letzte Wort gesprochen worden sein, da die Gäste für die zweite Mannschaft nicht spielberechtigte Spieler in ihren Reihen hatten.
Freundschaftsspiele.
Tv. Münchholzhausen—Kreis au sw ahl- mannschaft 13:12 (7:9).
Der Kreis 8 will am 16. d. M. zur Einweihung der Tschammer-Osten-Kampfbahn in Bad-Nauheim gegen den Kreis 11 zu einem Propagandaspiel antreten. Das er dazu die spielstärkste Mannschaft benötigt, ist klar. Sonntag stieg deshalb bereits das zweite Auswahlspiel mit dem Zwecke der Sichtung neuer Könner. Nach dem Ergebnis zu urteilen, kann man die erfreuliche Feststellung machen, daß der Kreis über eine große Anzahl wirklich guter Spieler verfügt und daß er ohne weiteres in der Lage ist, an einem Tage mit mehreren gleich starken Mannschaften auf den Plan zu treten. Aus dem Grunde allein schon ist die Aufstellung der Vertretung für den 16. d. M. bestimmt nicht einfach.
Tv. Allendorf (Lahn) — Tv. Garbenteich 1 2: 5 (6 : 3).
Die Gäste traten mit zahlreichem Ersatz an, so daß die Niederlage zu verstehen ist. Aber auch die Einheimischen hatten Spieler ersetzen müssen. Trotzdem kam ein spannendes Spiel zustande, in dem Allendorf dank der geschlosseneren Mannschaftsleistung zu einem sicheren Sieg kam.
Tv. Allendorf (Lahn) Jgd. gegen Tv. Garbenteich Jgd. 10:1 (4:0).
Die Einheimischen traten mit einigen neuen talentierten Spielern an und konnten den Gästen, bei denen man den gesunden Torschuß vermißte, eine hohe Niederlage beibringen.
To. Holzhei m—T v. Büdesheim9:7(5:3).
Die Handballer des Tv. Holzheim sind nicht nur sehr eifrig, sie spielen auch einen so guten Handball, daß sie es ruhig wagen dürfen, gegen starke Mannschaften anzutreten. Das beweist der Sieg gegen die der Bezirksklasse angehörenden Gäste, der zwar nicht hoch ausfiel, aber immerhin genügte, um zu beweisen, daß sie während des ganzen Spieles Herr der Lage waren.
Tv. Holzheim Jgd. gegen Tv. Büdesheim Jgd. 3:1 (0:0).
Auch dem Nachwuchs gelang es, die Gäste nach einer torlosen ersten Halbzeit sicher zu schlagen.
T v. ©rüntngen — T v. L i ch 7 : 6 (4 :1).
Ein sehr knappes Ergebnis erzielte Grüningen gegen Lich. Während die Einheimischen in der ersten Hälfte weitaus besser als der Gegner gefielen, kam dieser nach der Pause mächtig auf, und Grüningen hatte alle Mühe, noch die Oberhand zu behalten. Das Sviel der Jungmannschaften mußte beim Stand von 2:0 für Grüningen wegen starken Regens abgebrochen werden.
Tv. Staufenberg — Tv. Dutenhofen 6:3 (2:1).
Den Einheimischen gelang es nicht, für die in dem Vorspiel erlittene Niederlage Revanche zu nehmen. Sie konnten dem technischen Können der Gäste nur großen Eifer entgegensetzen, der aber zu einem besseren Ergebnis nicht ausreichte.
D'fB.-R. Gießen II gegen Tv. Heuchelheim I 11:5 (6:3). Beide Mannschaften lieferten sich ein ausgezeichnetes Spiel, bei dem, wie es eigentlich immer fein sollte, kein lautes Wort zu hören war. Daß unter diesen Umständen auch der Schiri ein leichtes Amt hatte, ist nicht weiter verwunderlich. Der Sieg der Gießener ist verdient, kann aber nicht so tragisch genommen werden, weil Heuchelheim ersatzgeschwächt antrat.
T v. Wißmar — T v. Roth 4:8 (1:6).
Die Wißmarer haben sich gegen die Bezirksklasse spielenden Gäste recht gut gehalten. Während es anfänglich nach einer hohen Niederlage aussah, kam Wißmar zum Schluß mächtig auf und hätte bei etwas mehr Glück sogar noch ein besseres Ergebnis herausholen können.
Tv. Münchholzhausen Jgd. gegen Tv. Wetzlar Jgd. 12:7 (5:5).
Bis zur Halbzeit sah man ein ausgeglichenes Spiel. Nach dem Wechsel war es mit der Kunst der Gäste vorbei. Die Einheimischen siegten wie sie wollten.
Spielzeug der Jugend.
Aus dem Leben eines Ingenieurs.
Von Alfred Gehner.
Wir stellen unseren Lesern einen neuen jungen Erzähler vor, der als Ingenieur im praktischen Leben steht und seine Stoffe auf dem harten Boden der Werkplätze und Maschinenhallen findet.
Georg Jäger, oder „der Oberjäger", wie er als Chefingenieur im Gesurr und Gedonner seines Ar- beitsbereiches von jedermann schlechtweg und mit Respekt genannt wurde, eilte schon feit einer vollen Stunde durch die Straßen der Innenstadt. Für das einstweilige Versuchsmodell einer wichtigen, von ihm ersonnenen und seinem Betriebe zugedachten Vorkehrung benötigte er ein besondersartiges Magnetspulen-Paar, das sich allerdings auf feinem Rundgang durch sämtliche elektrotechnischen Läden als nicht handelsüblich erwies. Schon wollte er unverrichteter Sache umkehren, als er sich an ein weiteres, etwas außerhalb gelegenes Geschäft erinnerte. Es fragte sich nur, ob dieses Geschäft überhaupt noch bestand, ob nicht jetzt an Stelle der schönen Taschenlampen, der elektrischen Türklingeln, Funkeninduktoren und noch viel mehr verwandter Dinge — ob nicht jetzt nach mehr als drei Jahrzehnten in jenem Schaufenster gänzlich andere Sachen, vielleicht Kohlköpfe ober Leihbücher ausgestellt waren. Immerhin, er machte sich auf den Weg.
Schon aus einiger Entfernung sah er das Schaufensterlicht trübe durch den Nebel scheinen: das Geschäft war noch da, und Jäger stand nun wieder vor der Auslage, ähnlich wie er einstmals als Sextaner auf jedem Schulwege vor diesem Augenparadies stehen geblieben war, weil nämlich während eine Folge von Wochen ein unsäglich schöner, kleiner Elektromotor inmitten der übrigen Schätze und zugleich auch im Herzen des Knaben den weitaus ersten Rang einnahm. Täglich aufs neue und ^unehmends durch diesen Anblick behext, war es selbstverständlich, daß sich der Kleine diesen Motor zum Geburtstag wünschte. Ja, er glaubte ihn schon Halbwegs zu besitzen, in vielerlei Vorstellung hantierte er bereits mit dem wunderbaren Maschinchen, bis ihn dann eines Tages die überhandnehmende Ungeduld in den Laden trfcb, um den Kaufpreis
zu erfragen. Die Auskunft, welche ihm zögernd gegeben wurde, vernichtete seine Vorfreude bis auf einen jämmerlichen Rest, und auch dieser Rest wurde zuschanden, als bald danach der Motor für immer, aus dem Schaufenster verschwand.
Dann, nach langen, betrübten Tagen war der Morgen gekommen, da neun brennende Wachskerzen seinen Geburtstagskuchen umringten. Links daneben stand ein niegesehenes Glasgefäß, und zur Rechten ein kleiner hochförmiger Pappkarton, aus dem zu Georgs Erstaunen und Jubel nichts anderes zum Vorschein kam, als der Motor! Und das Glas- inftrument daneben war seine Kraftquelle, ein Akkumulator.
Nein, es war nicht zu sagen, welch ein Taumel ihm in die Seele fuhr! Gewiß, die Wunder, die in Märchen und biblischen Geschichten vorkamen, mochten großartig fein; dieser sausende Motor aber war ein wirkliches, lebendiges Wunder, viel un= begreiflicher und dennoch überzeugender, als alle anoeren zusammen. Man brauchte nur seine beiden, grün-umsponnenen Zuleitungsdrähte an die Polklemmen des Akkumulators zu halten, bann brauste der Motor schon auf, so daß der Tisch, auf dem er stand, zu zittern begann, und dies Zittern drang bis in die Nervengrunde aller Hausgenossen, die mit aufgesperrten Augen atemlos und gebannt zusahen, weil er fang und surrte und auf seinem kupfernen Lamellenring ein blitzblauer Funkenkranz knisterte — ein Gebaren, mit dem der Motor sich mühelos gegen den Zugriff Unbefugter verwahrte; nur Georg, fein unerschrockener Besitzer, durfte das aufregende Maschinisten-Amt verwalten.
Sein älterer Bruder besaß schon seit dem Vorjahr eine Dampfmaschine mit einer umfangreichen Maschinenanlage dazu: eine lange Transmission nebst vielen anzutreibenden Modellen, die allesamt auf einem großen Brett montiert waren. Was lag näher, als an dieser zusammengeschlossenen Maschinerie die Zugkraft und Geschwindigkeit des elektrischen neben der des Dampfantriebes zu vergleichen! Wie zu erwarten war, zeigte sich der vorgespannte Motor weit überlegen: dem Hämmerwerk, dem Springbrunnen und Schleifstein fuhr sein Temperament dermaßen in die Räder, den Handwerkern, die da fügten oder klopften, so wüst in die blechernen Gelenke, daß von ihren sonst so biederen Bewegungen nichts mehr zu erkennen b ieb; die gesamte friedliche Werkstatt geriet äugen- butflid) in Raserei und war schon der Auflösung nahe, so daß der Bruder die sofortige Abstellung
verlangte, während Georg frohlockend die Arme schwang.
Doch dies war nur ein kleiner Bestandteil seines motorischen Triumvhzuges, der ebenso unaufhaltbar schien, wie seine Leidenschaftlichkeit und Ausdauer, die er im Umgang mit diesem Spielzeug an den Tag legte. Somit war es bann bald ausgemacht, baß für später Ernstliches baraus werden solle. Unterdessen ging der kleine Motor den Weg aller Spielzeuge, und ©eorg Jäger hat, als die Zeit gekommen war. Tag für Tag mit Kollegheft und Füllfeder vor einem Dozenten gesessen, der die'Geheimnisse, die Schaltungen und Funktionen der elektrischen Kraftmaschinen zu verraten wußte. Vielerlei Gesetze mußte der Jünger begreifen, um endlich einen rechtschaffenen Elektromotor aufs Papier bringen zu können. Ungezählte Zeichenbögen, mit Bleistift, Zirkel und Tuschen und unter Mühen und Zweifeln verfertigt, sie waren endlich gut genug, um mitsamt ihrem rechnerischen Nebenher den ausgegangenen Stubenofen wieder anzumachen.
Und wiederum später bekam Jäger, der Ingenieur, mit richtigen, wirklichen Motoren zu schaffen, mit kleinen, großen und sehr großen, die willig ober weniger willig ihre Arbeit taten und brummten unter ber Last ihrer Riemenzüge. Mit manchem kranken ober launischen, mit tapferen unb mutlosen, unentwegten ober stets fiebernben hat er einen Kampf gekämpft. Manche Verlegenheiten hat er um ihretwillen burchmachen müssen unb manchen Stromschlag eingesteckt, gebulbig ober fluchend. Aber trotz allem hat er immer feine Freube gehabt an diesem Motorenleben, heute wie gestern hat er noch feine Freude an ihren sinnvollen Ausstattungen unb Spezialitäten, an ihrem hurtigen Gesang, an ihrer Unraft unb Kraft.
Doch wieviel lebenbiger, schien ihm, als er jetzt wieder vor dem Schaufenster stand, aus dem einstmals fein kleiner Geburtstagsmotor hervorgegan- gen war, wie unvergleichlich und herrlicher war doch dieser erste kleine Motor gegenüber jenen ernsten Gesellen ber Technik, bie bem Alltag verschrieben waren! Wie unberührt in feinem Glanz unb voller Wunber noch war doch er im Vergleich mit ben großen, bie kein Geheimnis mehr befaßen!
Georg Jäger ging in ben Laben. Und wie ber aus einem Witz bekannte Schotte gesagt haben soll, nachbem er mehrere Jahrzehnte ein und denselben Hut getragen hatte und nun in den Laden wiederkehrte, darin er ihn einst gekauft — wie jener hätte der Eintretende nun auch wohl jagen mögen: „Da bin ich wieder".
Johannes Ballhorn und die Ballhörner unserer Gegenwart
Der ehrsame Meister ber hochgeschätzten Buch- bruckerkunst Johannes Ballhorn, ber fein Hand- werk recht und schlecht im 16. Jahrhundert zu Lübeck ausübte, hat eine Berühmtheit erlangt, die er gewiß selber nicht erstrebt hat. Wir führen, wenn wir von Verballhornungen sprechen, seinen Namen im Munde, ohne uns dessen bewußt zu fein. Es war zu Lebzeit des Johannes Ballhorn allgemeiner Brauch, daß bie Buchbrucker auf eigene Faust „Verbesserungen" an ben ihnen in Arbeit gegebenen Manuskripten vornahmen, wobei verstänblicherweise recht oft Ergebnisse von zweifelhafter Güte ober gar unfreiwilliger Komik entstauben. Warum man nun gerabe ben Namen bes guten Lübecker Meisters mit biefer Sitte in Verbindung gebracht hat, konnte von ber Forschung nicht ermittelt werben. Es besteht kaum Anlaß für die Annahme, daß Johannes Ballhorn in stärkerem Ausmaß und mit unglücklicherer Hand in die Arbeiten der Schriftsteller und Dichter „hineinverbessert" hat als seine anderen Zunftbrüder. Es heißt sogar, daß man ihn ganz zu Unrecht beschuldigt hat. Jedenfalls ist stin Name auf diese Weise in den deutschen Sprachschatz eingegangen, und man findet noch genügend Gelegenheit, ihn anzuwendeli, denn die Zahl ber Ballhörner will auch in unserer Gegenwart fein Ende nehmen. Ernst H e i m e r a n hat eine Sammlung solcher Verballhornungen, zumeist aus Münchener Buch- hanblungen unb Verlagen, zusammengestellt, von benen "einige Beispiele in der Zeitschrift „Das Deutsche Wort" angeführt worden sind. Darunter befinden sich folgende Büchertitel: Die Memoiren eines Obst-Okkulanten. (Obskuranten.) — Der Gehrock und der Abendstern. (Gerock, Unterm Abendstern.) — Herders Kitt. (Cid.) — Emilia von Ga- loppi. (Lessing, Emilia Galotti.) — Schillers Wendelstein. (Wallenstein.) — Der Prinz von Hamburg. (Kleist, Prinz vom Homburg.) — König Lehar. (Shakespeare, König Lear.) — Sechs Personen suchen ein Auto, (einen Autor.) — Die Heiraterei. (Otto Ludwig, Die Heiterethei.) Nietzsche, Tragödie der Geburt. (Geburt ber Tragöbie.) — Fallaba, Wer einmal in ben Fettnapf tritt. (Wer einmal aus dem Blechnapf frißt.) — Etwas von Annemarie Rilke. (Rainer Maria Rilke.) — Ein Eisenbahnkonkursbuch. (Kursbuch.) — Ein Plan von München mit sämtlichen Moscheen. (Museen.)


