Nr. 129 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Mittwoch, 5.Zuni 1935
Die Abenteuer des Autos.
Die aufregenden Erlebnisse seiner Erfinder und seiner ersten Meister. — Bon der Benzinkutsche bis zum Grand prt£1914.
Don Udo Wolter.
v.
(Schluß.)
Grand Prix 1914.
Noch kein Rennen der Welt hatte bisher solche Besetzung aufzuweisen gehabt. Unübersehbare Menschenmengen waren nach Lyon gekommen, um Zeuge dieses beispiellosen Treffens zu werden. Die ganze Nacht, die dem Rennen vorausging, trafen Extra- z ü g e ein, die Tausende über Tausende ausspien. Karawanen von Autos hasteten der Stadt zu. Die Gasthöfe waren bis in die letzte Mansarde vermietet. Biele Fremde, die keine Unterkunft gefunden hatten, erwarteten den Morgen in den Kaffeehäusern.
In den Hotelräumen, in denen sich die französischen Konstrukteure Peugeot und Delage aushielten, ging es unruhig zu. Immer wieder ließen sich neue Besucher, Journalisten aus der ganzen Welt, Neugierige, Frauen, Männer, halbwüchsige Buben anmelden oder versuchten mit List und Gewalt oorzudringen, um aus dem Mund der beiden Männer einige Worte über die Aussichten der französischen Wagen zu hören. Ein Taumel lag über der Stadt. Ganz Frankreich wartete fieberhaft auf Nachrichten. Noch nie hatte ein sportliches Ereignis die Menschen so in Bann geschlagen. Schon drohte über dem Kontinent das Gewitter des nahenden Krieges. Man schrieb den 3. Juli. Die Zeitungen hatten ihr übriges getan. Es ging um die Ehre Der Nation. Frankreich mußte siegen. Die besten Fahrer, die neuesten Konstruktionen wurden auf die Bahn geschickt. Es mußte geschafft werden. Es hing mehr daran, als nur ein Sieg!
Delage ließ sich hinreißen. Er war seiner Sache allzu sicher. Bor den Journalisten der ganzen Welt gab er die Erklärung ab. „Ich habe 48 Pro- zent Gewinnchancen, Peugeot ebenfalls 48, für Mercedes bleiben die restlichen vier."
Man glaubte es ihm. Bedingungslos. Noch die Morgenhlätter des Renntages brachten diese Worte. Sie standen in Schlagzeilen auf der ersten Seite. Sie verkündeten Triumph. Nicht ein Patriot, der ihren Erklärungen nicht glaubte!
Im Lager der französischen Fahrer ging es unruhig zu. Immer wieder brachen Menschen durch die Absperrung. Hände streckten sich ihnen entgegen, die Geschenke häuften sich. Die Zahl der Amulette ging in das Endlose. Bei den Deutschen war es stiller. Zwei an den v-Zug gehängte Wagen hatten die Schlachtenbummler aus dem Reich gebracht. Hinzu kam die deutsche Kolonie aus Paris. Man sprach nicht viel. Man wußte, wie schwer diesmal der Einsatz wog. Man stand bereits in feindlichem Land. Aber wer diese deutschen Fahrer bei der Arbeit sah, wer ihren ruhigen, sachlichen Gesprächen lauschte, der ahnte bereits, daß es anders kommen würde, als der Taumel im Lande es sehen wollte.
Ein strahlender Julimorgen brach an. Schwer lag die Sonne über der Bahn. Schon zwei Stunden vor Beginn waren alle Tribünen und die Plätze um die Bahn besetzt. Militärkapellen spielten. Dann verstummten sie jäh. Die Wagen kamen. Ohrenbetäubender Jubel empfing die französischen Fahrer. Blumen fielen herunter. Bor dem Rennen! Bor dem Triumph! Bor dem Siege! So sicher war man, so fest glaubte man, daß die Trikolore an den leeren Masten drüben emporgehen würde.
41 Fahrer stellten sich dem Starter. Die besten Wagen der Welt! Die besten Fahrer der Welt! Die Sieger aller großen Rennen der letzten Jahre waren darunter. Bei den Deutschen an erster Stelle Lautenschlager, der bereits den ürand Prix 1908 gewonnen hatte. Weiter fuhren Wagner, Salzer, Sailer und P i l e t t e mit
deutschen Wagen für die deutschen Farben. Ein grandioser Kampf stand bevor.
Ein Pistolenschuß!- Die Menge schrie auf. Knattern und Dröhnen brach in die Bahn. Die Wagen jagten davon. An der Spitze lag ein Deutscher. Die deutsche Mannschaft fuhr nach einem wohldurchdachten Plan. Ingenieur Sailer hatte die nicht sehr dankbare, aber überaus wichtige Aufgabe übernommen, die Konkurrenz zu Tode zu hetzen. In mörderischem Tempo raste er die Bahn herunter, daß das Feld kaum zu folgen mochte. Er fuhr die schnellste aller Runden. Er riß das ganze Rudel mit. Er zwang alles hinein in diesen Geschwindigkeitsrausch. Er pumpte die Motoren der anderen aus.
Die Zuschauer hielten den Atem an. Der mörderische Kampf schlug sie vom ersten Augenblick an in Bann. Die Spannung steigerte sich von Runde zu Runde. Noch immer lag Sailer dem Felde voran. Seine Kameraden hielten sich zurück. Sie fuhren schnell, doch sie vermieden es, alles daranzusetzen. Dennoch sind in der dritten Runde die Mercedes-Fahrer unter den ersten sieben. Sailer führt. Mit einer Minute und zwölf Sekunden liegt er vor dem Feld. Lautenschlager,schiebt sich um zwei Plätze vor. Am Ende der vierten Runde führt Sailer mit zwei Minuten und achtundzwanzig Sekunden. Lautenschlager liegt auf dem vierten Platz.
Auf den Tribünen ist es still geworden. Nach der fünften Runde geht ein Aufatmen durch die Menge. Sailers Wagen hält nicht durch. Der Benzinbehälter ist gebrochen. Der erste Deutsche scheidet aus. Man glaubt nicht, daß die anderen es viel länger machen werden.
Dennoch läßt das Tempo nicht nach. Nach der zehnten Runde ist die Hälfte der Strecke, sind 376 Kilometer erledigt. Boillot führt. Führt für Frankreich. Aber immer noch sind die Deutschen im Rennen. Biele sind schon ausgeschieden. Unruhe geht durch die Zuschauer. Man ahnt, daß der Endkampf noch nicht gekommen ist.
Die Sonne brütet über der Bahn. Einige der ausgeschiedenen Fahrer sind zusammengebrochen. Einer weint. Es ist zu viel. Es ist eine furchtbare Strapaze. Siebenhundertfünfzig Kilometer! Zwanzig Runden! Und zwischen Dreck und Staub, zwischen knatternden und glühend heißen Motoren brennt die Sonne auf die Fahrer dieses gewaltigen Kampfes.
Die dreizehnte Runde! Immer noch Boillot an der Spitze. Aber mit atembeklemmender Eile ist der Wagen Lautenschlagers aufgerückt. Dicht hinter ihm liegt Wagner. Den Zuschauern gehen die Nerven durch. Sobald der französische Wagen heranrast, geht ein einziger Schrei des Ansporns durch die Menge, der wie eine Überschlagende Woge die ganze Bahn herunterläuft. Bei dem Heraufkommen der deutschen Wagen eisige Stille. Nur die kleine deutsche Kolonie ermuntert. Höhnische Antworten fallen dazwischen. Man steht wirklich schon in feindlichem Land.
Weiter tobt das Rennen. Mehr als die Hälfte aller Fahrer ist bereits ausgeschieden. Die meisten wegen verschiedener Maschinendefekte. Ein großer Teil, weil er aussichtslos weit in das Hintertreffen geraten ist. Nach Beendigung der fünfzehnten Runde liegt der Franzose noch immer an der Spitze. Hinter ihm jagen Lautenschlager, Wagner, Coux und Salzer. Zwei Franzosen gegen drei Deutsche. Das Tempo scheint sich noch zu steigern! Die Erregung wirkt wie eine erdrosselnde Hand. Die deutschen 'Wagen rücken immer bedrohlicher vor. Die Funktionäre, Zeitnehmer, Leiter dieses Kampfes haben ihre Aufgabe' vergessen. Sie schreien mit, winken mit den Taschentüchern. Ein Ruf geht um die Bahn.
Nächtliche Stadt.
Don Fritz Reck-Malleczewen.
Hinein führt der Weg seltsamer Weise nicht durch ein Tor, sondern durch eine Bresche in der Stadtmauer. Dieses Loch, durch das nun die Landstraße ihren Eingang findet, hat vor drei Jahrhunderten Gustav Adolfs Artillerie geschossen. Das erste Haus, auf das man stößt, ist eine jener riesigen Mietskasernen, wie sie in den eng gewordenen Städten die späte Gotik baute. Dürers Geburtshaus ähnlich: mit beklemmend enger Stiege und Fachwerkbalken, die sich eigentlich schon m Staub auflöse». Mit eisern gang engen Hof, der oben nur ein ganz kleines Stück Himmel laßt und nach fünf Jahrhunderten riecht. Mit unendlich vielen spielenden Kindern, wie sie seit Jahrhunderten hier immer gespielt haben. Und weswegen das Riesenhaus m diesem kleinen Nest zu finden ist, mag Gott wissen Die große Heeresstraße nach Wien gina hier einmal durch, und die kleine Stadt wollte ihren Mauer- gürte! sprengen. Heute sind die hohen Hauser leer und still, und Schneider und Spengler wohnen m Riesengemächern, in denen sich die Menschenstimme verliert.
Siegt man um die,- Häuserburg, die sich spukhaft non dem schweselgelben Abendhimmel abhebt, dann kommt ein riesiger Marktplatz, umsäumt van ganz kleinen Häusern aus dem spateren Rokoko. Un darüber, an der Grenze der eigentlichen Altstadt, mit den beiden Turmfronten gegeneinander, und durch keine zehn Meter getrennt, zwei glgam^e Kathedralen. Ein romanischer Dom, em gotischer Dom.
Und der Abend ist Nacht geworben, und draußen auf dem Friedhof haben sie einen kleinen Holzknecht begraben, dem sein Kamerad aus Eifersucht den Schädel eingeschlagen hat. Und weil noch keine Menschenmutter den Menschensohn gebar, damit von Menschenhand sein Blut wieder vergossen werde, zieht alles in die Kirchen zur Totenmesse. Alte Weiber, junge Weiber... Der Platz vor den Kirchen ist schwarz von ihnen. Die Halle des romansicyen Domes ist noch ganz dunkel, und nur die ewige Ampel scheint in die Finsternis. Aber Licht kommt nur zu Licht. Zündet eines sich am anderen an. .. wie an der Weihnachtstanne wächst der Schern, schwimmt auf dem Dunkel und kämpft mit dem Dunkel und besiegt in der Riesenhalle die Finster- nis dennoch nicht.
Requiem aeternam dona eis Domine...
3m Haus gegenüber spielt ein Grammophon
„Valencia", die anscheinend nicht tot zu bekommen ist in Europa.
In einer Steinnische ein armes Skelett, nut roten und goldenen Füttern schreckhaft geputzt, liegt in seinem Glassarg irgendein Märtyrer. Und in der Gruft schläft der Feldherr des dreißigjährigen Krieges, Marias guter Streiter. Wer hinuntergeht, kann durch das Fenster im Sargdeckel die blonde Locke sehen, die seinem lederüberzogenen Schädel geblieben ist. Rundherum in den Kellernischen, winzig klein für ein ganzes Menschenleben, sind die übrigen Toten eingesperrt, deren Steinwappen man oben in die rissigen Steinmauern eingefügt hat. Oben beten noch immer die Lebenden. Noch immer, noch immer...
Hinter den beiden Kirchen ist die eigentliche Altstadt. Eine lange Zeile jener finsteren, burgähnlichen Häuser mit Laubengängen und Blattdächern, wie sie über den Brenner ziehen, van Sterzing hinab durch das ganze österreichische und bayerische Jnntal. Schmale Stiegenhäuser und labyrinthische Gange, Treppen auf und Treppen ab ... ein weiter Dachsbau, ehe man sein Zimmer erreicht. Schroffe Mauerstürze mit spärlichen und kleinen Fenstern, dreifach übereinandergelagerte Keller wie unerforschte Katakomben, und irgendwo unten jagt der Inn an den Fundamentquadern vorbei. In Den Laubengängen klingt der Schritt merkwürdig hohl wie über unentdeckten Grüften, und über der langen engen Zeile brennt mitten über der Straße an rostiger Kette eine einzige Lampe. Kleinbürger sitzen irgendwo um ein trübseliges Licht, und in einem Untergeschoß, das einmal die Ehrenhalle eines Patrizierhauses war, hämmert ein später Schmied. Oben aus den Kämpfersteinen der Gewölbe grinsen die Gesichter der Steinmetzen, die sich so verewigten, und auf den bunten Linien des Gewälbebogens liegt Der Schmiederuß. Oben im zerbrochenen Schloß, aus dem sie ein Nonnenkloster gemacht haben, sucht sich ein Cellospieler falsche Terzengange zusammen. Im übrigen aber ist Nacht und Finsternis Das Unbekannte, in der die sagenhafte Blütezeit der Stadt versunken ist. . , , r, _ .... .
Auch das Gastzimmer ist riesenhaft. Es fuhrt mit der einen Front auf den Hof mit seinen Stein- qalerien in dessen Grund ein Brunnen murmelt. Eine ewig verschlossene Tür ist da, die führt mitten in die Mauer hinein, und man weiß nicht, ob es eine Ausfallpforte nach dem Inn ist, durch die man einmal mißliebige Leute verschwinden lassen konnte. Die beiden Kerzen sind viel zu schwach, um den übergroßen Raum auch nur einigermaßen zu erhellen und die Wand drüben ertrinkt tm großen Dunkel. Eine Tafel über der Tür erzählt, daß em-
„Boillot!"
In der achtzehnten Runde wird es jäh still. Der Deutsche geht vor. In einem für unmöglich gehaltenen Tempo zieht er an Boillot vorüber. Noch einmal bricht das Fieber dieser Stunde in den Menschen durch. Noch einmal hetzen sie ihren Landsmann voran. Aber erst jetzt zeigen die Deutschen, was wirklich in ihren Wagen steckt. In der vorletzten Runde hat Lautenschlager seinen Abstand vor Boillot auf eine Minute und sieben Sekunden vergrößert. In einer einzigen Runde über eine ganze Minute gewonnen! Und er bleibt nicht auf der Strecke, allen geheimen Wünschen zum Trotz. Mit wundervoller Gleichmäßigkeit zieht er jetzt seine Bahn.
Mit verbissenem Gesicht sehen die Tribünenzuschauer diesem Siege zu.
Letzte Runde! Niemand weiß, wer die Meldung zuerst weitergegeben hat. Boillot hat auf- gegeben. In der Nähe von Givors.
Niemand will es glauben.
In der Ferne tauchen einige dunkle Punkte auf, brechen durch flimmernde Luft. Die kleine Schar der Deutschen reckt die Köpfe. Auch auf den Tribünen bat sich alles erhoben. Wer liegt an zweiter Stelle? Boillot? Coux ist bereits abgefallen.
Drei Wagen jagen heran. Drei Deutsche. Fast geschlossen erreichen sie das Ziel. Lautenschlager, Wagner, Salzer. Drei Mercedes- Wagen. Dreimal gehen die Farben Deutschlands am Siegesmast empor.
Es ist still geworden. Fast fluchtartig verlassen die Tribünenzuschauer die Bahn. Der Empfang der Sieger durch das Preisgericht ist höflich, aber kühl. Die Kapelle beginnt die deutsche Nationalhymne zu spielen. Sie kommt plötzlich nicht damit zurecht. Jäh bricht sie ab. Aber wie ein Mann steht die deutsche Kolonie zusammen. Das Deutschlandlied klingt auf. Mächtig bricht es durch die Stille ...
Noch einmal sieht der Strand von Ostende die deutschen Wagen siegreich. Dann kommt der Krieg, der Niederbruch. Noch einmal muß der Kampf um die Geltung deutscher Arbeit in der Welt durchgefochten werden. Und er wird gewonnen! Gewonnen in dem gleichen Maße, wie er damals seinen Ausdruck fand.
Zwanzig Jahre nach dem historischen Rennen bei Lyon beginnt der große Siegeszug der neü- geschaffenen, deutschen Rennwagen. — Von dreißig bis dreihundert Kilometer! Ein weiter weg. Mehr als ein Kampf um die Geschwindigkeit, ein Jagen nach dem Kilometer.
Ein Kampf um die deutsche Geltung in der Welt!
M Kreuzer „Lmdeu" um die halbe Well.
IX.
3n Cartagena.
Von Korvettenkapitän (3ng.) Weber.*)
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
An Bord Kreuzer „Emden", Ende Mai 1935.
Spanien! Als uns in Alexandrien die zweite Hälfte unseres Reiseplanes bekannt wurde, gab es unter denjenigen, die dieses Land schon kennen, niemanden, der sich nicht darüber freute. Es ist schwer zu sagen, was uns eigentlich dorthin zieht. Ist es die Gastfreundschaft Spaniens? Ist es die Ritterlichkeit des Volkes? Ist es die alte glorreiche Geschichte, die vor allem wir Seefahrer bewundern? Oder ist es unsere Dankbarkeit dem Lande gegenüber, in dessen Häfen schon so manches Schiff unserer Marine von Anker ging? Nun, es ist ja gleichgültig, was uns nach diesem Lande treibt. Jedenfalls können die Spanier die Tatsache für sich buchen, daß wir gern zu ihnen kommen.
Am 15. April laufen wir in Cartagena ein. Mehrere spanische Kriegsschiffe liegen bei unserer Ankunft in diesem wichtigsten Kriegshafen der Ostküste, der ein alter Vulkankrater ist. Drüben von der Stadtseite her grüßt die alte Cartago-Burg, die H a s d r u b a l 221 v. Chr. gründete. Man genießt von dort aus einen schönen Rundblick: Im Osten liegen die Minen der Stadt la Union, wo schon Phönizier, Griechen und Römer Blei und Silber gewannen. Die Wiesen im Norden waren vor Jahrhunderten vom Meere überschwemmt. Griechen, Römer, Araber usw. brachten dorthin ihre Ware und übernahmen die Produkte des Landes. Drüben sieht man das Fischerdorf Santa Lucia, wo Santiago, der Schutzpatron Spaniens, landete. Cartagena hat eine Geschichte, die bis zum alten Mastia 800 v. Chr. zurückreicht.
Die Stadt, die einen freundlichen Eindruck macht, wird umsäumt von gelblich leuchtenden Bergen. Wie überall in Spanien, so spielt sich auch in dieser Stadt das Leben in einer Hauptstraße ab. Hier ist es die Calle M a y o r , die nur einige Meter breit ist. In dieser Straße liegen auch die Klubs und Kasinos.
Ein Stier kampf, an dem der größte Teck der Besatzung teilnimmt: Mit klingendem Spiel zieht unsere etwa 400 Mann starke Abordnung durch die Straßen und mit ihr rechts und links
* Siehe Gießener Anzeiger Nr. 107 vom 9. Mai.
mal hier in diesem Zimmer Mallenstein übernachtet hat, man kann nicht sagen, daß es weniger spukhaft wird dadurch. Die Fenster sind offen, und von Süden fährt der Nachtwind herein, der vom Wendelstein und von der Rotwand herkommt. Unten der Inn, der in riesigen Bogen um die Stadt fährt, leuchtet matt herüber.
Wäre es hell, man würde unten am Fuße Des furchtbaren Mauersturzes einen Kirschgarten sehen. Ganz hell und freundlich. Einen Garten, der blühen und Früchte tragen wird, dennoch, dennoch ...
So aber ist schwarze, vorzeitige Nacht, die kein Geheimnis entschlüpfen läßt. In der Rächt verborgen für immer ruht dieses römischen Reiches größte Zeit, von der wir allenfalls eben noch die Umrisse zu ahnen vermögen.
Altgermanische Schmuckformen in der deutschen Frauentracht.
Zur Frauentracht gehört seit uralter Zeit ein entsprechender Schmuck. Dank der Dauerhaftigkeit des Stoffes, aus dem er verfertigt roqrben ist, kann man ihn bis in die frühesten Epochen nachweisen. Aus der älteren Bronzezeit besitzen wir Kopfringe und Diademe, Halsringe, Halskragen und große Gürtelplatten, die hohe künstlerische Formkraft verraten. Die mythologischen Zeichen, mit denen diese Schmuckstücke verziert sind, weisen, wie Anna Hurfeld in der „Deutschen Frauenkultur ausfuhrt, auf Vorstellungen vom Sonnen-Halsschmuck der Himmelsgöttin Freya und von dem Sternengeschmeide auf ihrem Kleide, so, wie auf die Jahrtausende überdauernde Ornamentik von Sonne. Mond und Sternen und ihren Symbolen von Strahlen-, Stern- und Radgebilden hin, wie sie auch heute wieder vielfach Verwendung finden. Zur Zeit der Völkerwanderung erfährt diese altgermamsche Schmuckkunst alsdann eine vielfältige Bereicherung durch das Aufkommen der sogenannten Goldzellem Technik und eine Belebung der Schmuckstücke durch eingelegte Steine und Schmelzarbeiten. Dazu gesellt sich die nordische Tier- und Flechtband-Ornamentik, deren Spuren sich über die germanischen Wande- runqsgebiete hin von Skandinavien bis Mittelitalien und von der Krim bis nach Lissabon verfolgen lassen. Ueberall zeigen Ornamentik und Runeninschrif- ten, daß eine religiöse Sinngebung in ihnen zum Ausdruck gelangt. Durch die Karolingerzeit, die nordische Wikingerzeit und die Zeitalter romanischer Kleinplastik läßt sich alsdann die Umgestaltung und Ausgestaltung dieser uralten Schmuckkunst weiter verfolgen. Unmittelbar bis in die Gegenwart reicht
eine große Menschenmenge. Zu einem wahren Triumphzug gestaltet sich der Einmarsch in t) i'e Arena. Spontan brechen die Besucher in einen Beifallssturm aus, der Spanier liebt die große Aufmachung und das Gepränge. Auch wir blicken mit Stolz auf den exakten militärischen Aufmarsch, der mit dem Spielen der Nationalhymne beendet ist. Dann beginnt der Kampf, es gehört viel Mut und Entschlossenheit zur Durchführung eines Stiergefechts, das muß anerkannt werden und wir bewundern das auch. Aber nicht jede Kampfphase ist etwas für unsere Augen und unser Gefühl. Mag sein, daß man darüber anders denkt, wenn man erst in die Feinheiten der Kampfesregeln eingeDrun- gen ist. Ein befonberer Augenblick tritt ein, als ber Torero tief unten in ber Arena vor unsere Loge tritt, sich vor unserem Kommanbanten verneigt, ihm feinen Hut zuwirft unb ihm mit biefer Geste ben nächsten Stier weiht. Wir empfinben es als eine Ehrung für unseren Kreuzer unb für bie beutschen Farben, ber Spanier ist eben aufmerksam unb höflich. Es war ber beste Kampf, der ausgetragen wurde, das erkennen auch wir „Analphabeten des Stiergefechts".
Auch in die Umgebung Cartagenas kommen wir. Nicht nur die deutschen Landsleute, sondern auch der schwedische und norwegische Konsul, beides Schweden, verhelfen uns hierzu. Es ist hier wohl am Platze, der sprichwörtlich gewordenen schwedischen Gastfreundschaft dankbar zu gedenken, die schon so manches deutsche Kriegsschiff genossen hat. Unmittelbar hinter den Bergen, bie ben Hafen Cartagenas umsäumen, breitet sich Flach- lanb aus, bem aber bas Blut ber Erbe, bas Wasser, fehlt. Kaum wächst auf biefer großen Fläche etwas. Dann geht es auf ber tadellos gepflegten Straße roieber über Gebirge hinweg, unb vor uns liegt bas grüne fruchtbare Tal von Murcia, besten Bewässerungsanlagen bereits bie Mauren angelegt haben. Fast jebe Sübfrucht wächst hier: Feigen, Apfelsinen, Oliven, Manbeln, Wein usw. In Cieza haben wir Gelegenheit, eine 5500 Bäume große, mustergültig angelegte Apfelsinenfarm zu besichtigen. Sie hat, wie alle anberen hier, unter ber außergewöhnlichen Kälte bes letzten Winterhalbjahres zu leiben gehabt, in bem etwa 70 v. H. ber Ernte erfror. Nach bem Besuch ber Schwefelbäder von Archena und einem Bummel durch die Straßen Murcias geht es in fröhlicher Fahrt wieder zurück.
Die deutsche Kolonie in Cartagena ist sehr klein, es sind nur 15 Köpfe. Um so erstaunlicher ist, daß es dem Bemühen des deutschen Konsuls —
diese Tradition im deutschen Bauernschmuck, der in ben verschiebenen beutschen Lanbschaften noch beut- liche Beziehungen zum Trachtenschmuck ber alten Stämme aufweist. Der Frauenschmuck ber Friesen, bas „Ohreisen" ist eine solche vielfach abgewanbelte Grunbform, beren Vorlage wir in bem Golbreifen ber Bronzezeit sehen können. Auch ber Stirnreif ber alten Moselfranken kann in ben glitzernben Oolbbänbern unb ben kronenförmig angeorbneten „Bockelnabeln" ber Siebenbürger Sächsin unschwer mieberertannt werben. Die Brustplatten im Schaum- burgerlanb, das Brustgehänge der Nordfrisin und der Kettenschmuck der Frauen aus den Elbmarschen haben ebenso wie die Schmuckstücke der Franken, Schwaben und Oberbayern Vorbilder in Schmuckstücken altgermanischer Schmiedekunst. Die einzelnen Zierate haben zumeist auch noch eine bestimmte Bedeutung; sie dürfen nur von verheirateten Frauen, nur von der Braut am Hochzeitstag, ober nur von ben jungen Mäbchen getragen werben. Der Schmuck gehört nach altgermanischem Recht ber Frau, ist ihr persönlicher Besitz unb wirb auf bie Tochter vererbt (z. T. auch mit ins Grab gegeben!). Wo keine Tochter ist, verbleibt ber Schmuck „am Herbe" bes Sohnes als „Familienschmuck".
Reichstagung der Bibliophilen in Göttingen.
Die von Febor von Zabeltitz gegrünbete, unter Führung Börries von Münchhausens stehenbe „Gesellschaft ber Bibliophilen" hielt in Göttingen ihre Jahrestagung ab. Die aus allen Teilen des Reiches erschienenen Mitglieder der Gesellschaft wurden nach einer Sitzung, in der Borries Freiherr von Münchhausen als Vorsitzender bestätigt wurde, von ber Stabtverwaltung im Rathaus empfangen. Don Vertretern bes beutschen Schrifttums waren u. a. Hans Grimm, Konrab Beste, Moritz Jahn, Georg Abolf Bartels, Schulte-Strathaus zu bemerken. Univ.-Professor R i e ck e begrüßte bie Versammlung namens ber heimischen Bücherfreunbe. Bei einem Festakt in ber Universitätsaula sprach Rektor Prof. Friebrich Neumann Worte ber Begrüßung. Börries Freiherr von Münchhausen führte aus, ber soziale Gebaute im Reiche bes Geistes — ferne höhere Forberung könne heute an Wissenschaft unb Kunst gestellt werben, unb bie Forberung vor bie sich bie Bibliophilen gestellt sähen, heiße: Saatfelber zu sein, beren Früchte bem ganzen Volke zugute kämen. Geheimrat Ebwarb S ch r ö b e r gab bann in seinem Festvortrag Silber aus ber ersten großen Epoche ber Universität.


