heit oft nicht weniger unangenehm wirken, als die ungepflegten Plakatfriedhöfe, die sie weiter verunstalten Es braucht daher ein Werbefchild, das bei geschmackvoller Anfertigung angebracht wird, durchaus nicht störend zu wirken, sondern kann sogar die öde Fläche angenehm unterbrechen. Dasselbe trifft zu für festgebaute undurchsichtige Umzäunungen. Ist die Umzäunung, die Wand oder der Giebel länger als 60 Meter, so kann für je 30 Meter ein Schild angebracht werden. Für Wände mit vereinzelten Fenstern gelten die gleichen Bestimmungen. Man wird zugeben, daß bei diesen Bestimmungen die berechtigten Wünsche der Landbevölkerung weitgehend berücksichtigt worden sind. Der Industrie und dem Handel, die an der Werbung interessiert sind, sind starke Einschränkungen auferlegt worden
Was vom Daueranschlag gilt, gilt auch vom Bogenanschlag (Plakate). Das Ankleben von Plakaten an alle möglichen Stellen des Dorfes hat in Zukunft zu unterbleiben. Um das wirtschaftliche Bedürfnis, das für einen Bogenanschlag zweifellos vorhanden ist, zu befriedigen, müssen in jeder Ortschaft Anschlagstellen eingerichtet werden. Diese Anschlagstellen können entweder von der Gemeinde einem Unternehmer übergeben, oder sie können als freie Anschlagstellen eingerichtet werden. Es ist dafür zu sorgen, daß diese Anschlagstellen eine dauernde Pflege erhalten.
Ueberblickt man die Bestimmungen, so wird man zugeben, daß die starke Einschränkung der Anschlagmöglichkeiten auf dem Lande weitgehend den Wünschen der Landbevölkerung entgegenkommt, und daß nur dort das Anschlagwesen geduldet wird, wo es ohne Schaden für das Kultur- und Naturempfinden verantwortet werden kann. Deshalb müßte sich jeder sagen, daß ein Verletzen dieser Bestimmungen nicht nur die Volksgenossen schädigt, sondern auch der Volkswirtschaft nachteilig ist Dies ist insbesondere zu bedenken, wenn in der Uebergangszeit nicht alles so schnell geht, wie der schönheitsempfindende Dauer es möchte. Wenn Eingriffe von diesem Ausmaß vorgenommen werden, so ist eine gewisse schonende Behandlung in der Uebergangszeit angebracht. Mit je mehr Verständnis jeder an der Regelung in der Uebergangszeit arbeitet, desto schneller wird das Ziel erreicht, das dem Werberat der deutschen Wirtschaft oorschwebt: die Verbannung der häßlichen Reklame aus dem Landschafts- und Ortsbild und die Gestattung der wirtschaftlich bedeutsamen Werbung an den Stellen, an denen sie wirklich wirksam ist und nicht verletzend sein kann. Der Mitarbeit des Reichsnährstandes ist der Werberat versichert worden.
Deutsche Arbeitsfront.
NS.-Geweinschafl „Kraft durch Freude".
Bei dem Gastspiel des Schumanntheaters am kommenden Samstag, 6. April, 20 Uhr, wirkt auch das gesamte Stadttheaterorchester aus Gießen mit. Somit haben alle Volksgenossen die Möglichkeit, neben einem ganz ausgezeichneten Variete-Pro- gramm auch noch gute Musik zu hören, wir machen noch darauf aufmerksam, daß an der Abendkasse noch Karten zum Preise von 40 Pf. zu haben sind (unnumerierte Plätze).
Reisen, Wandern, Urlaub: Im ganzen vergangenen Jahre nahmen fast 300 Volksgenossen aus dem Kreise Gießen an Ferienfahrten teil. Wie die Teilnahme in diesem Jahre sein wird, kann man aus folgender Zahl ersehen: Vom Montag bis Mittwoch dieser Woche, also in 3 Tagen, wurden 54 Voranmeldungen zur Teilnahme an den Ferienzügen dieses Sommers abgegeben.
Urlaubsfahrt in die Sächsische Schweiz vom 27. April b i s 5. Mai. Fahrtkosten: RM. 36,—. Schlußtermin für die Anmeldung 6. April. Wer weiß im Reich von den riesigen Waldungen des Grenzlandes Sachsen? Dieser deutsche Wald, ein schier unendlich grüner Wald, mit uralten Laub- und Nadelbeständen, er-
Zager? Achtung!
Die Pressestelle des Gaujägermeisters für Oberhessen teilt mit:
Die Ausführungsbestimmungen zum Reichsjagd- gosetz (A.-V. RJG.) sind erschienen. Genaues Studium wird jedem Jäger dringend empfohlen. Die Anträge auf Ausstellung eines Reichsjagdscheines müssen nunmehr an die Kreisjägermeister eingereicht werden. Soweit es seither schon ohne Benutzung des vorgeschriebenen Formblattes geschah, behält es dabei sein Bewenden. Benutzung des Formblattes wird erst im kommenden Jagdjahr in jedem Falle verlangt werden. Dem Antrag auf Erteilung eines Jahresjag>djcheines sind beizufügen: 1. ein Ausweis über den Abschluß einer ausreichenden Haftpflichtversicherung (150 000 bzw. 15 000 Mark), 2. Angabe der Nummer des letzten Jahresjagdscheines und der ausstellenden Behörde, 3. Bescheinigung darüber, daß eine der drei anerkannten, amtlichen Jagdzeitungen bis zum 31. März 1936 bestellt ist, 4. ein neueres Paßlichtbild. Der Kreisjägermeister gibt die Papiere nach Prüfung und nach Entscheidung darüber, ob der Antragsteller einen Paß erhalten darf, an das Kreisamt weiter. Die Einlösung des Paffes hat dort gegen eine Gebühr von 50 Mark zu geschehen. Sie muß spätestens am 20. April 1935 vorgenommen werden, wenn im Besitze eines gültigen Jagdpafses keine Unterbrechung eintreten soll.
Mit dem 20. April verlieren auch alle Dienstjagb-
pässe der Forstbeamten ihre Gültigkeit. In Zukunft erhalten alle Reichs- und Staatsforstbeamten, Forstbeamten öffentlich-rechtlicher Körperschaften, Privatforstbeamten und Angestellten, welche die vorgeschriebene Ausbildung genossen haben und in ihrem Beruf tätig sind, sowie Personen, die sich in der hierfür vorgeschriebenen Ausbildung befinden, einen unentgeltlichen Jagdschein. Dasselbe trifft zu für die im Berufe tätigen Berufsjäger, die die vorgeschriebene Hilfs- oder Revierprüfung abgelegt haben oder sich bei einem anerkannten Lehrherren in Ausbildung befinden.
Alle vorgenannten Personen erhalten nunmehr ihre Jagdflcheine nur noch über den Kreisjägermeister und nicht mehr über ihre dienstlich vorgesetzte Behörde, ©ie haben den Antrag aus Ausstellung eines unentgeltlichen Jagdscheines baldigst einzureichen, den Nachweis der Versicherung zu erbringen, die Bestellung einer Jagdzeitung auf ein Jahr nachzuweisen und ein Paßbild anzufügen, ferner eine Bescheinigung ihrer vorgesetzten Dienststelle über ihre berufliche Tätigkeit. Sie erhalten dann durch das Kreisamt ihren Jagdschein, für den sie als Beitrag zur deutschen Jägerschaft 10 Mark (sind sie noch in der Ausbildung, Betriebsbeamte oder Berufsjäger 5 Mark) zu zahlen haben.
Da diese Regelung für Berufsjäger und Forstbeamte völlig neu ist, wird empfohlen, die nötigen Anträge umgehend zu stellen.
freut immer wieder die Besucher. Wie wundervoll ist hier das Wandern, wo der Wanderer tagelang kaum aus dem Wald herauskommt. Ueberall tun sich Fernblicke von überraschender und überwältigender Schönheit auf. Landschaften, in denen die deutsche Romantik sonnig leuchtet. Den schönsten Teil des Grenzlandes aber bildet das Elbsand- steingebirge, die Sächsische Schweiz. Die Elbe hat hier mit dem Durchbruch aus dem böhmischen ins sächsische Gebirgsland eine Zauberwelt aufgebaut, die alljährlich Tausende immer wieder in ihren Bann schlägt. Felsen in phantastischen und grotesken Formen von verwirrender Fülle überraschen immer wieder den Blick des Besuchers. Hier an den Ufern der Elbe, im Elbsandsteingebirge, werden die Urlauber um Königstein herum untergebracht. Eine Dampferfahrt mit den schmucken Elb- dampfern wird ihnen alle die Schönheiten des Gebirges erschließen. Die schroffen und steilen Felsen werden immer wieder wagemutige Kletterer zum Erklimmen herausfordern. Eine herrliche Fernsicht ist der Lohn für die beschwerliche und anstrengende Kletterei. An Abwechslung und Zerstreuung, an Freude und Erholung, wird es unseren Urlaubern in dieser Wunderlandschaft nie mangeln. Allzu schnell nur werden die herrlichen Urlaubstage vergehen, und mancher wird sich nur schwer am 5. Mai von dieser schönen, wildromantischen Landschaft trennen können. Anmeldungen werden auf der Kreisdienststelle, Schanzenstraße 18, Zimmer 10, entgegengenommen.
*
Neunte Sinfonie. Nächste Probe: Freitag, 5. April, im großen hörsaal, 20 Uhr: Sopran und All. 21 Uhr: Tenor und Baß. — Alle Herren, auch die nicht in den vereinen organisierten, werden gebeten, zu erscheinen.
Die Bekämpfung der Schnakenplage.
Von der Polizeidirektion Gießen wird uns mitgeteilt:
Nach § 3 der Polizeiverordnung, betreffend die Bekämpfung der Schnakenplage vom 28. November 1911, hat jeder Grundstückseigentümer in den Monaten April bis September einschließlich mindestens einmal monatlich die auf seinem Grundstück befindlichen stehenden Gewässer, die den Schnaken zur Brut dienen (Wassertümpel, Regenfässer, Bassins, Wasserlachen, Jauchegruben, Abortgruben
usw.) mit einem zur Vertilgung der Brut geeigneten Mittel (Saprol, Petroleum usw.) zu übergießen. Nichtbefolgung dieser Vorschrift wird bestraft.
BetriebsappeUe.
Anläßlich der bevorstehenden Vertrauensratswahlen in den Betrieben fanden am gestrigen Donnerstag, im Anschluß an den Betriebsappell der Stadtverwaltung, weitere Appelle dieser Art in den Arbeitssälen der Firmen Bänninger, Poppe, S ch a f f ft a e b t und des Gießener Anzeigers statt.
Im Betriebe des Gießener Anzeigers versammelte sich die gesamte Mitarbeiterschaft mit ihrem Betriebsführer Richard Lange an der Spitze im Saale der Handsetzerei zum Betriebsappell, bei dem nach öert Eröffnungsworten des Betriebsführers der stellvertretende Kreiswalter der DAF., Pg. Hahn, die Ansprache hielt. Der Redner umriß in eindrucksvollen Darlegungen die Stellung des schaffenden deutschen Menschen im Dritten Reich, im Gegensatz zu den Verhältnissen in den Jahren des überwundenen politischen Systems. Er wies dabei auf die unlösliche innere Gebundenheit aller Volksgenossen an die von Blut und Rasse gebildeten Daseinsgrundlagen hin und schilderte die aus dieser Gebundenheit resultierenden Bedingtheiten für das Schaffen der werktätigen Kräfte in den Betrieben und damit auch für bie Volksgemeinschaft. In klarer Weise stellte er das neugestaltete Verhältnis der am gemeinsamen Werk des Betriebs schaffenden Menschen dar, das nicht mehr, wie früher, in Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu trennen ist, sondern auf dem Gedanken der Schicksalsgemeinschaft und der Betriebsverbundenheit nach dem Grundsatz des Führerprinzips beruht und nur noch die einheitlich ausgerichtete Front des Betriebsführers und der Betriebsgefolgschaft auf der Grundlage des gegenseitigen vollen Vertrauens kennt.
Von diesem großen Gesichtspunkt aus gesehen machte der Redner sowohl die inner- als auch die außenpolitische Bedeutung der kommenden Vertrauensratswahlen deutlich, von denen insbesondere das Ausland erkennen soll, daß nach der Ueberroinbung des Marxismus allenthalben in Deutschlanb unb befonbers auch in ben Betrieben im Verhältnis zwischen bem Betriebsführer unb ber Betriebsgefolgschaft ein neuer Geist herrscht: ber vom Nationalsozialismus unb seinem Führer Abolf Hitler geschaffene Geist ber Volksgemein
schaft. Er hob weiter hervor, daß die Wirtschasts- unb die Sozialpolitik aus einem einheitlichen Gesichtspunkt heraus betrachtet werden müssen, so daß sich jetzt entscheiden muß, ob jemand nur Sozialpolitiker sei, oder auch Wirtschaftspolitiker. Mit einem Hinweis auf das große Borbild des Führers Adolf Hitler , der in sich die besten Eigen- schäften des schaffenden deutschen Menschen verkörpert, und mit der Ermahnung, diesem Vorbild allezeit nachzueifern, schloß der Redner seine von der Belegschaft mit starkem Interesse unb mit lebhaftem Beifall aufgenommene Rebe. Anschließend brachte ber Betriebsführer Richard Lange ein breimaliges Siegheil auf ben Führer unb Reichskanzler Abolf Hitler aus, bas von ber Belegschaft lebhaft aufgenommen würbe. Gemeinsam würbe fobann ber erste Vers bes Horst-Wessel- Liebes gesungen.
Angesichts der einheitlichen Grundrichtung und der gleichartigen Durchführung dieser Appelle müssen wir es hinsichtlich der Berichterstattung bet dieser Gesamt-Registrierung der Veranstaltungen dieser Art belassen.
Elternabend der pestalozzischule.
In ber freunblich hellen unb geräumigen Turnballe ber neuen Pestalozzischule fanb gestern ein Elternabenb statt, ber viels Eltern unb Kinder in schöner Gemeinschaft vereinigte. Nach einem ein- leitenden Lieb („Kennt ihr bas Land?"), von Mädchen m schöner stimmlicher Steigerung gesungen, hielt der Schulleiter Rektor Kaufmann eine kurze Ansprache. Er gab zunächst dem Gedanken Ausdruck, daß es ein langgehegter Wunsch ber Schule sei, einmal mit ber Elternschaft zusammen zu sein. Schule unb Elternhaus haben, so sagte er u. a., die gemeinsame Aufgabe der Erziehung ber Kinder. Die Kinder sollen gesund sein an Leib und Seele, sie sollen herangeführt werden an deutsche Kulturschätze und bekannt werden mit den Taten großer deutscher Männer. In den Kindern sollen Charaktere gebildet werden. Es soll eine Jugend heranwachsen, die die Aufgaben des Lebens zu lösen vermag. Hinter der vermeintlichen Strenge in der Schule steht immer die Liebe zum Kinde. Die Jugend kann aber nicht im Schatten stehen, sie liebt die Freude zu sehr. Dieser Abend soll deshalb der Freude gewidmet sein. In seinen weiteren Ausführungen gedachte der Redner der deutschen Volksgenossen im Memelland, die unter fremder Knechtschaft stehen, deutsch sind und es immer bleiben möchten. Wir hoffen alle, daß es den Brüdern und Schwestern im Memelland bald vergönnt fein möge, wieder zurückzukehren in das Vaterland, in das deutsche Volk. Die Jungens unb Mäbchen von heute werben bald bas beutsche Volk darstel- len. Es wirb einmal bas Schicksal bes deutschen Volks in biefen Hänben liegen. Die Jugenb muß beshalb so erzogen werben, baß wir ihr einst bas
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besten Steinpilzen
entsteht die hervorragende „Knorr Pilz-Suppe"! — Auch die übrigen Knorr-Suppen verdanken den reinen, unverdeckten Eigengeschmack ihren natürlichen Bestandteilen, seien es nun Erbsen mit Schinken oder Bohnen mit Speck, Reis mit Tomaten, Grünkern, Spargel, Blumenkohl oder andere Gemüse. — 1 Würfel-- 2 reichliche Teller --10 Pfennig. Schon feit 50 Jahren:
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23 Fortsetzung Nachbruck verboten!
Wo sie stand, riß Klaudine die Hülle bes Eilbriefes auf, überflog bie wenigen Zeilen unb vermochte keinen Fuß mehr zu rühren. — Aus! — Das war der Ruin! Henriette fo arm, wie ber Vater es gewesen war, bevor er sie als seine Frau nach Haslbach holte. — Fritz aus seinem Studium gerissen! Bob besgleichen. Die Heimat unter dem Hammer. Das war das Ende, wie es schrecklicher hätte nicht über sie alle hereinbrechen können.
Aus dem Chaos, in das sie dieser Brief geschleudert hatte, löste sich schließlich klar und deutlich der eine Gedanke: Ich muh nach Hause! Heim zu Henriette, zu Bob und Fritz und Luzie. Mittragen helfen, dieses Fürchterliche! Trost geben, soweit sich bei einer solch entsetzlichen Schicksalsfügung überhaupt noch Trost geben ließ.
Don der Hütte her rief Berthelmes ihren Namen in die Mittagshelle und warnte dann: „Tuan's Eahna fei net verkühl'n, Fräul'n Klaudinia!"
Sie wandte das Gesicht und ging langsam dem Hause zu, sah ihn an und sah ihn doch nicht.
„Ganz weiß san's scho", schalt er ärgerlich. „Und d' Fmgerln verfror'n. D' Bergbuckln bleib’n ja für a ganze Ewigkeit da. De segn's ja morg'n wieder unb übermorg’n unb ollerweil."
„3a", sagte Klaubine abwesenb, „ja, Barthelmes."
„Segn's!" rief er erschrocken, als sie sich plötzlich gegen bie Hüttenwanb lehnen mußte. „Segn's, da harn ma's jetzt scho. Jetzt gengan’s aber glei eini in bie Stuab'n unb tuan's a Schnapserl trinf’n. Glei gengan’s eini, sonst hol' i ben Herrn Pöttmes!"
Klaubine ging hinter bem Alten brein durch ben dunklen Vorplatz und fühlte, wie sie ein Schüttelfrost packte.
„Was ist denn?" fragte Pöttmes, als er sie so blaß und verändert unter der Tür stehen sah.
„Ausg'fror'n hat sie's a so vül, ’s Fräul'n Klau- binia", antwortete an ihrer Stelle Barthelmes unb setzte bereits einen Topf Wasser auf bas offene Herdfeuer. „Tuan's Eahna jetzt glei a Schnapserl einschenk'n. — Kruzitürk'n noch amal, a Schnapserl solln's trinf’n, hab i g’fagt!" schalt er, als Klaudine abwesend ins Leere blickte, ließ den Topf stehen unb lief zum Fensterbrett, wo ber Enzian ftanb. Mit zittrigen Fingern aoß er einen Becher voll und wartete, bis sie ihn hmuntergestürzt hatte. „So, jetz'n wird's glei wieder roerb’n."
Niels hatte bis jetzt kein Wort gesagt. Nachdenklich schaute er in Klaudines ernstes Gesicht. „War es wirklich nur die Kälte?" fragte er so leise, daß Barthelmes es nicht hören konnte.
Der feine Hauch, der ihre Wangen durchglühte, verschwand sofort wieder. Sie sah über ihn hinweg unb bann nach ihm hin, sein Gesicht stumm ins Auge fassend: Die Buchtung seiner Stirn nach den Schläfen zu, bie feingezeichneten Brauen, ben leichten Schatten, ber immer unter seinen Augen lag, bie beiben scharfen Rinnen, bie von ber Nase nach bem Munbe zu liefen.
„Klaubine", sagte Niels bittenb, „ist bas Ihr ganzes Vertrauen zu mir?"
Sie schüttelte ben Kopf, ftanb auf unb ging zu Barthelmes nach bem Herb, um bie Taffe Tee, bie er ihr eben eingoß, an den Tisch zu tragen. Schweigend nahm sie bann bas heiße Getränk zu sich.
Als sie in ihre Kammer ging, um ein Tuch zu holen, sahen ihr beibe Männer nach. „Was hat sie benn?" fragte Pöttmes erregt. „Ist Post für sie gekommen?"
hab' nix g’feg’n", erklärte Barthelmes. „Wia i halt' sag, ausg’fror’n hat's es a so. — Segn's jetzt san bie Aeuaerln scho roieber Höll", meinte er, als Klaubine wieder in die Stube trat und ihm zunickte. In der Tat vermochte sie jetzt schon wieder zu lächeln, bat nochmals um eine Tasse Tee unb setzte sich bann, als wäre nun alles vorüber, zu Pöttmes an ben Tisch. Er legte seine Hanb auf bie ihre unb fragte: „Warum haben Sie mich vorhin so genau ftubiert, Klaudine?"
Sie erwiderte nichts, aber es war wieder der gleiche Blick, der jetzt über ihn hinging. „Verzeihen Sie!" Sie erhob sich und trat zu Barthelmes an den Herd. —
*
Der Nachmittag erschien Klaudine endlos. Die Zeit bis zum Abendessen eine Ewigkeit. Sie mußte sich gleichmütig zeigen unb verbrannte in ber Ungewißheit, wie sich bie Dinge auf Haslbach gestalten mochten, was Henriette trieb, wie sie es aufnahm, was Bob sagte, unb ob Luzie sich in bie veränber- ten Verhältnisse schicken könne.
Beim Abenbtisch wagte sie kaum mehr Niels anzusehen. Nur ein paarmal streifte ein flüchtigeixBlick sein Gesicht.
Barthelmes fühlte, baß heute etwas anders war, als sonst, stellte bas Grammophon auf ben Tisch unb reichte Pöttmes bie Schachtel mit ben Platten.
Statt feiner begann Klaubine auszuwählen.
Da bin ich aber neugierig, buchte Niels ber tiefer schürfte, als sie glaubte. Er ärgerte sich, als gleich barauf ein Walzer von Strauß burch bie nie» bere Stube klang. „Das stimmt ja nidjtr sagte er peftig unb nahm noch vor Schluß bie sich brehenbe Platte weg. ,Letzt wähle--" schnitt er ihre
Emwenbung ab.
Für eine Sekunbe ftanb sie wie angeschmiebet, als Koschats: „Verlassen, verlassen" zu ben schwarzen Balken aufklang.
Dann lief sie mit abgemanbtem Gesicht aus bem Zimmer unb riegelte bie Kammer hinter sich ab.
Die beiben Männer mußten ihr „Gute Nacht" burch bas Schlüsselloch sagen.
*
Die Nacht war von traumhaft winterlicher Stille. Kein Luftzug ging über ben Grat. Nur einmal loste bie Hanb eines Bergbämons ein Schneebrett von einem ber Gipfel, baß es krachenb zu Tal fuhr unb ein bumpfes Echo wachrief.
Niels richtete sich im Bette auf und horchte. Da war es schon vorüber. Das Ohr an die Wand gelegt, lauschte er. Aus Klaudines Kammer drang kein Ton. Morgen frage ich sie, was es ist, dachte er, den Kopf wieder zurücklehnend. In der vergangenen Nacht hatte es begonnen. Da war sie in bie Stube geschlichen, von bort hatte sie mein Rufen verscheucht. Das war bas erstemal, baß sie mich belog.
Unb heute abenb — biefer Walzer von Strauß — war roieber eine Lüge. Er sollte ein Lachen vortäuschen — unb bist boch zum Sterben traurig, arme Klaubine, war sein letzter Gebaute, mit bem er einschlief.
Es war noch gar nicht hell in ber Kammer, als Pöttmes burch ein mörberisches Fluchen geweckt mürbe. Barthelmes knallte verschiedene Türen zu, unb ber Walbl ließ sein langgezogenes Wimmern hören.
Langsam erhob sich Niels unb begann sich anzu- kleiben. Da würbe bie Kammertür aufgerissen, unb Barthelmes’ zornig gerötetes Gesicht kam zum Vorschein. „Sitzn's Eahna nur glei roieber nieber, Herr Pöttmes, sonst trifft Eahna ber Schlag! — Fort is!"
„Wer?" fragte Niels verstänbnislos.
„D' Klaubinia! Auf unb bavon! D' Kammer leer, ber Rucksack weg, 's G'roanb — all's. Dos hat's balaft’n." Dabei hielt er ihm ein Blatt Papier unter die Nase.
.Lieber Barthelmes!
Tausenb Dank für alles. Klaubine."
„Unb für mich?" fragte er ungläubig.
„Für Eahna — —?" Das Stück Papier zwischen ben Fingern zerkrümelnb, lachte ber Alte zornig auf. „Für Eahna hat's extra a Anbenk'n hinterlass'n. Glei unterhalb ber Hüttn', foane zwoa Meter weit, ba steht im Schnee neikrotzt: Niels. Unb weiter unten noamal! Jetzt wissn S's, Herr Pöttmes."
Ja, jetzt wußte er's.--Unb trotzdem! Liebe,
kluge Klaudine, deswegen allein bist du nicht gegangen. Du hast mich auch diesmal belogen. Aber ich finde dich schon! Hab' keine Angst, daß ich dich nicht wiedersinde, unb wenn ich bis ans anbere
Enbe ber Welt suchen gehen müßte. Ich heiße nämlich Niels Pöttmes, mein Mäbchen!
♦
„Ach, Klaubine", sagte Henriette, als biefe vollkommen unerwartet auf Haslbach eintraf, „wie übereilt von Luzie, dich von meinem Unglück zu unterrichten! Aber ich freue mich doch sehr, daß du wieder da bist. Was macht Niels?" Und als Klaudine, bie bie Stiefmutter vollkommen gebrochen vorzu- finben glaubte, unb nun einer völlig gefaßten Frau gegenüberstand, nicht gleich zu anroorten vermochte, lächelte Henriette unb nahm ihr selbst Hut unb Mantel ab.
„Bob ist nach ber Stabt. Ich habe auch Luzie mitgeschickt. Die beibe,n stellen bie gesamte Lage auf ben Kopf. Bob will zu ftubieren aufhören unb irgenbroo unterzukommen suchen, unb Luzie nimmt bemnächst eine Stelle als Kinbermäbchen an, bamit Bob nicht zu verhungern braucht." Ueber Klaubines verdutztes Gesicht lächelnd, erklärte sie: „Ja, mein Kind, so ist das. Nun wird aus der Stiefmutter auch noch eine Schwiegermama."
Klaudine sank in ben nächsten Stuhl unb brachte kein Wort hervor. Luzie und Bob? Sie wunderte sich, daß ihr Gehirn überhaupt noch zu denken vermochte.
Statt ihrer sprach Henriette wieder: „Ist Niels' Befinden wieder zufriedenstellend? Ja? — Das freut mich! Ich war so beruhigt, dich bei ihm zu wissen. Er hat natürlich keine Ahnung, wer du bist?"
„Nein."
„Ist dir der Abschied schwer geworden?"
Klaudine übersprang die Frage. „Ich bin gegangen, als Niels noch schlief."
„Das war gut, ja", freute sich Henriette. „Mache es dir jetzt bequem. In einer Viertelstunde trinken wir Tee. Dann sprechen wir über alles. Mit Bob und Luzie ist nicht vernünftig zu verhandeln. Sie bringen zu jeder Stunde andere Pläne, aber es ist nie einer darunter, ber brauchbar wäre."
■ Als sie bann nach bem Tee in Henriettes Zimmer beisammensaßen, entwickelte biefe bie ganze Lage. Einfach, sachlich, mit allem Für unb Wiber, ohne etwas aufzubauschen ober irgenb etwas belangloser hinzustellen, als es in Wirklichkeit war. „Meine Verluste bei ber Bank betragen breihunbert- fünfzigtausenb Mark. Vorausgesetzt, baß wirklich zwanzig Prozent bavon gerettet werben — so heißt es nämlich — verfüge ich bann noch über siebzig- taufenb Mark. Das ist nicht eben viel. Ein Glück, baß ich seinerzeit beinern Vater einhunbertfünfzig» tausenb Mark für Hypothekenablösung gegeben habe, sonst wäre auch bas noch verloren. Es fragt sich nur, wie teilen wir bas Ganze ein, bamit euch bie Heimat erhalten bleibt."
„Henriette!" brachte Klaubine nur hervor unb senkte bie Stirn auf deren Hand.
(Fortsetzung folgt!)


