es nun immer wieder, daß Teschen nicht vergessen sei. Sie forderten gerechte Behandlung der polnischen Minderheit in der Tschechoslowakei. Und Prag glaubte, die richtige Antwort dadurch geben zu müssen, daß es diese Minderheit nun erst recht verfolgte, Polen auswies, Zeitungen verbot, polnische Bürger von diesseits und jenseits der Grenze einkerkerte. Da mußte man sich durch die polnischen Gegenmaßnahmen sehr bald belehren lassen, daß man doch nicht in jedem Falle so kann, wie man will. Und man mußte in Prag zu seinem großen Schmerz sehen, daß Polen die Anerkennung als Großmacht doch erreichte, obwohl Benesch alles getan hatte, diese Anerkennung zu verhindern.
Die Beziehungen wurden seit dem Sommer 1934 gespannter und gespannter. Zu spät versuchte Benesch, wieder in ein gutes Einvernehmen mit Polen zu kommen, und was er durch seine weise Politik verscherzt hatte, das mußte er erkennen, als Gom - bös kurz nach dem Marseiller Attentat nach Warschau reifte. Er mußte es auch anläßlich der jüngsten außenpolitischen Erklärung Becks sehen, in der kein Wort über die Tschechoslowakei fiel, aber in das beharrliche Schweigen zu diesem Thema ein deutlicher Hinweis auf die guten polnisch-ungarischen Beziehungen eingeflochten wurde. In einer monatelang andauernden Pressekampagne hat Benesch versucht, „Klarheit zu schaffen". Er hat wohl heute diese Klarheit. Nur wird er sein Gefallen daran haben. Und wer die tschechischen Machenschaften gegen Polen, von den Nadelstichen gegen die Minderheit bis zu den Keulenschlägen der Verhinderung militärischer Hilfe, verfolgt hat, der weiß, wer die Schuld trägt an der Spannung zwischen Prag und Warschau.
Umbildung
der Regierung Gömbös
Das Reformprogramm bleibt das alte.
Budapest, 4. März. (DNB,) Amtlich. Die Regierung versammelte sich unter dem Vorsitz, des Ministerpräsidenten Gömbös und beschloß auf An- i trag des Ministerpräsidenten ihren Rücktritt. Den Beschluß des Ministerrats brachte Ministerpräsident Gömbös unverzüglich dem Reichsoerweser zur Kenntnis, der den Rücktritt annahm und gleichzeitig mit der Bildung des neuen Kabinetts den bisherigen Ministerpräsidenten Gömbös betraut. Die neue Regierung wird wie folgt zusammengesetzt sein: Ministerpräsident und Kriegsminister: Gömbös, Minister des Aeußeren: von K a ny a, Finanzminister: F a b i n y i, Ackerbauminister: D a r a n y i, Justizminister: Lazar, Inneres: Nikolaus von Kozma (neu), an Stelle von Kerefztes-Fischer, Kultus und Unterrichtsminister H o m a n, Handelsminister: Geza Borne m i s sz a (neu).
Die Regierung wurde zum Rücktritt von der Absicht bewogen, der im Verlauf der letzten Monate künstlich angefachten politischen Unruhe und der infolgedessen entstandenen politischen Unsicherheit, die sich sowohl in den außen- wie in den innerpolitischen Interessen des Landes nachteilig geltend machte, ein Ende zu fetzen. Gleichzeitig sollte Gelegenheit geboten werden, daß die zu bildende neue Regierung im Besitze des Vertrauens des Staatsoberhauptes, die 3um Besten des Landes so notwendige einheitliche und zielbewußte Linienführung in den außenpolitischen wie den inneren Problemen sichere.
Ministerpräsident Gömbös erklärte, auch das neue Kabinett betrachte den nationalen A r - beitsplan als Grundlage seiner Zielsetzungen. Die allgemeine Richtung der innerpolitischen Zielsetzung und der Wirtschaftstätigkeit der Regierung werde beibehalten. An erster Stelle stehe die Verwirklichung der sog. konstitutionellen Reformen (Ausdehnung der Machtbefugnisse des Reichsverwesers, Wahlrechtsreformvorlage, Reform des Oberhauses und des Presserechts), ferner Durchführung von siedlungspolitischen und von Fideikommiß-Re- formplänen sowie Jnteressenvertretungsgesetz und Dolkserziehungsreform. Diese Pläne bilden, wie Gömbös betonte, ein organisches Ganzes. Ihre Verwirklichung dürfe nicht dadurch behindert werden, daß sie zum Gegenstand politischer Aktionen gemacht würden.
Deutschland in der Weltwirtschaft.
Eine Kundgebung des Wirtschaftspolitischen Amts der NSDAP, auf der Leipziger Messe.
Leipzig, 4. März. (DNB.) Die Kommission für Wirtschaftspolitik der NSDAP, veranstaltete wahrend her Leipziger Messe, am 4. März, abends, in einer Halle des ßeipsiger Messegeländes eine große Kundgebung, die unter dem Motto stand: Deutschland in der Weltwirtschaft! Namens der Sta'dt Leipzig begrüßte der Reichskommissar für Preisüberwachung
Dr. Goerdeler
die Anwesenden, lieber „Deutschland in der Weltwirtschaft" kann da besonders wirksam gesprochen werden, wo das, was wir sehen und das, was wir hören, von innerer Verbundenheit mit der Weltwirtschaft Zeugnis ablegt. Das ist in den großen deutschen Seestädten, in den großen Handelsstädten des deutschen Binnenlandes der Fall. Hier ist die Arbeit von vielen Jahrhunderten in den Anlagen und Verkehrsmitteln verkörpert, die einen Sinn nur haben, wenn wir in die Welt hin- a u s w o l l e n , und deren Zweck es ist, die Verbindung mit der Weltwirtschaft herzustellen und lebendig zu erhalten. Unser Lebensstandard ist davon abhängig, in welchem Maße wir hochwertige Erzeugnisse" deutscher Köpfe und Hände auf dem Weltmärkte absetzen und uns dafür solche Güter beschaffen können, die entweder nur anderwärts zu haben sind oder die nun einmal unter anderen, bei uns nicht vorhandenen klimatischen Bedingungen ein-facher, besser und billiger entstehen. Die Preise für ausländische Rohstoffe sind zum größten Teil von Tatsachen abhängig, auf die wir nur einen bescheidenen Einfluß nehmen können. Anordnungen des Reichskommissars für Preisüberwachung können also nur Vorsorge treffen, daß Preisbewegungen auf dem Rohstoffmarkt nicht zu spekulativen oder unlauteren Preisbildungen auf dem Binnenmarkt ausgenutzt werden. Es ist bekannt, daß der deutsche Preisspiegel im Durchschnitt wesentlich über dem Stande der Weltmarktpreise liegt. Diese Tatsache stellt zwei Forderungen an uns:
1. Wir müssen unsere Preise dem Weltmarktpreise wieder näher bringen. Je besser und schneller uns das gelingt, um so größer ist die Absatzfähigkeit deutscher Erzeugnisse in der Welt, um so mehr deutsche Menschen können wir mit der Herstellung solcher für die Wett bestimmter Erzeugnisse beschäftigen.
2. Die Abfatzfähigkeit deutscher Erzeugnisse ist um so aussichtsreicher, je besser die Beschaffenheit der deutschen Ware im Verhältnis zum geforderten Preis ist. Sind wir in der Beschaffenheit so überlegen, daß in ihr ein dem höheren Preis entsprechender Mehrwert an Leistungen oder Benutzungsdauer vorhanden ist, so ist auch der höhere Preis durchsetzbar. Wenn Deutschland in der Weltwirtschaft seinen Platz wiedergewinnen will, dann muß es auf die geistige, technische und handwerksmäßige Ausbildung feiner Menschen den größten Wert legen. Organisches Denken und damit schöpferisches Handeln setzt immer Charakter voraus. Und nur wenn das deutsche Volk die ihm geschenkten Möglichkeiten organischer ersaßt, wenn es Arbeit nicht als Last, sondern als Inhalt des Lebens und als Trägerin jedes Fortschrittes und jedes Emporringens erkennt, dann kann es zu jener Harmonie aller Fähigkeiten und Kräfte gelangen, deren wir für das Ringen auch in der Weltwirtschaft bedürfen. Eine so gewonnene Harmonie in L e i st u n g u m z u s e tz e n , die in der Welt sich wieder ihren Platz erringt, ist nur der Persönlichkeit und nur beschränkt dem Reglement gegeben. Die höchsten Energien entfaltet ein Volk, das in ebenso eiserner wie selbstverständlicher nationaler Disziplin, in straffer Ordnung der grundsätzlichen Lebens- und Wirtschaftsregeln dem einzelnen freie Bahn zur Entfaltung seiner Kräfte läßt und ihn anfeuert, diese Kräfte im täglichen Ringen um Leben und Fortschritt einzusetzen, zu stählen und zu stärken. Mit einer gewissen Sorge sehe ich, daß wir seit Jahren Gefahr laufen, dem Träger solcher Leistung, der Persönlichkeit, den Boden zu entziehen. Die Bewertung nach Leistung setzt eine Auslese voraus nach Tüchtigkeit, nach Können, nach Fleiß und Charakter.
Jeder Reichskommissar für Preisüberwachung wird das ©einige dazu tun müssen, um in dem enger gewordenen Raum die Spiel- und Kampfregeln anständig zu gestalten und der Wirtschaft Selbstverwaltung und Selbstverantwortung zu schaffen. In diesem Raum müssen dann diejenigen, die es können, im anständigen Wettbewerb um beste Leistungen dem deutschen Volke die bestmögliche Lebenshaltung verschaffen dürfen.
ReWbandräfident Sr. Schacht
führte dann als nächster Redner u. a. folgendes aus: Wirtschaftspolitik ist keine Wissenschaft, sondern eine K u n st. Das Können bedingt zwar die volle Kenntnis von Handwerkszeug und Methoden, aber es ist begründet in Seele, Glaube, Hingabe, Willen, mit einem Wort in dem, was man Weltanschauung nennt. Darum gibt es eine nationalsozialistische Wirtschaftspolitik, so gut wie es eine merkantilistische oder eine libe- ralistische Wirtschaftspolitik gegeben hat Darum ist es eine Irrlehre, wenn man von exakten Wirtschaftsmethoden und' von unveränderlichen Wirtschaftsgesetzen spricht. Der Wirtschaftspolitiker muß auch scheinbar Unmögliches möglich machen können. Es ist diese geistige Kraft der nationalsozialistischen Bewegung, die jetzt die Welt zum Nachdenken bringt. Zahllose materielle Interessenten erheben mancherlei Bedenken, die auf den ersten Blick Eindruck machen mögen. Revolutionen sind aber keine Doktordissertationen, und in der nationalsozialistischen Revolution wird genau wie bei allen Revolutionen manches mit umgerissen, das mehr zufällig als verdient fällt. Auch mögen liebereifer und heilige Einfalt einzelner hier und da Schaden anrichten, den auch die Regierenden zu leiden haben. Wenn der Nationalsozialismus mit Recht das Sichbreitmachen fremraffigen Wesens in Staat und Kultur ausmerzt, so heißt das nicht unterschiedslos jeden Juden vernichten, und wenn freimaureriscffe Heimlichtuerei mit Recht abgetan
wird, so gilt deshalb nicht jeder Freimaurer als Landesverräter. Aber Mißgriffe dieser Art sind vergängliches Beiwerk, das noch keiner Revolution gefehlt hat. Was Revolutionen an geistigen Großtaten heroorbringen, bleibt, und das große geistige Gut der nationalsozialistischen Revolution wird seinen unvergänglichen Siegeslauf durch die Geschichte halten
Alle Kritik der ausländischen presse an den Formen und der Einheitlichkeit dieses Lebenswillens trifft ins Leere. Darum sind auch die Versuche, dauernd Gegensätze zwischen den einzelnen Führerpersönlichkeiten der Bewegung oder der Reichsregierung zu konstruieren, abwegig. Ich kann Ihnen versichern, daß alles, was ich sage und tue, die absolute Billigung des Führers hat, und daß ich nichts tun und sagen würde, was feine Billigung nicht hat. Hüter der wirtschaftlichen Vernunft bin nicht ich, sondern der Führer. Die Stärke des nationalsozialistischen Regimes liegt eben in der einheitlichen Willenslenkung durch den Führer und in der begeisterten und bedingungslosen Hingabe seiner Mitarbeiter und des
Volkes an ihn.
Die Wirtschaftskrise der Wett verschärft sich fast von Tag zu Tag. Die Ursache liegt in den politi
schen Auswirkungen des Weltkrieges. Deutschland hat alles getan, um feine Schulden abzuzahlen. Das Ausland hat aber den (Erfolg dieser Anstrengungen durch seine Handelsrestriktwnen und Währungsdumpings vereitelt. Außerdem ist ein Teil unserer Gläubigerstaaten zu dem System der Clearings übergegangen und hat damit unseren Transithandel säst vollständig zum Erliegen gebracht und durch Bürokratismus und Formularwirtschaft den fremden Käufer abgeschreckt, in Deutschland einzukaufen.
Die zwangsläufige Folge ist, daß wir f ü r unsere Ausfuhr immer weniger freie Devisen erlangen, um Rohstoffe aus denjenigen Ländern zu kaufen, denen gegenüber wir im Warenaustausch passiv sind. Infolgedessen entsteht für uns die Zwangslage, auch diesen Ländern gegenüber den zweiseitigen Verkehr in Anwendung bringen zu müssen.
Es liegt in der Ralur dieser Entwicklung, wenn unsere durch den neuen plan gekennzeichnete Politik der Selbstbehauptung umwälzende Wirkungen haben muß. Niemand würde es mehr begrüßen als wir, wenn die Voraussetzungen zur Wiederherstellung des mehrseitigen Handels geschaffen werden konnten. Solange diese Voraussetzungen indessen nicht bestehen, sind wir aus Gründen unserer Selbsterhaltung gezwungen, unsere Stellung als Rohsiofskonsument mit vollem Gewicht in die Wagschale zu werfen und nur dort zu kaufen, wo man gewillt ist, unsere Produkte abzunehmen.
Die Losung des deutschen Schuldentransferproblems ist nur auf zwei Wegen möglich, entweder Herabsetzung von Zins und Amortisation unserer Anleihen im Zusammenhang mit einer zeitweisen Stundung J^er ausreichende Erhöhung des deutschen Exportüberschusses. Ich freue mich, daß der Leiter der Vertragsabteilung im amerikanischen Staatsdepartement, Mr. Grady, ein Kompromiß aus beiden Maßnahmen empfiehlt. Das würde sich mit dem Wege decken, den ich wiederholt unteren Gläubigern empfohlen habe, nämlich den deutschen Anleihedienst für einige Jahre aus- zusetzen und ihn danach zu maßvollen Zinsen wieder aufzunehmen. Die dazwischen liegende Zeit müßte dazu verwandt werden, um den normalen internationalen Handelsverkehr wieder aufzubauen. Die in der Zwischenzeit aufla enden Zinsen konnten fundiert und der Anleihe zugeschlagen werden. Um unseren ehrlichen Willen zu bekunden, gehe ich soweit, das Wiederaufleben aller ursprünglichen Rechte der Anleihegläubiger zuzugestehen, wenn ein solches Abkommen von uns später nicht eingehatten werden sollte.
Der Wille, unser Schicksal selbst in der Hand zu hatten, ist bestimmend gewesen für die Einführung des sog. „Neuen Planes". Der Grundsatz dieses Planes lautet: Nicht mehr kaufen als bezahlt werden kann und in erster Linie das kaufen, was notwendig gebraucht wird. Wir find durch den Winter glatt hindurchgekommen mit gesteigerten Produktionsziffern und einer sehr geringen saisonmäßig bedingten Steigerung der Arbeitslosenziffer. Allerdings ist es sehr schwer gewesen. Das Haupthindernis des Neuen Planes bleiben die Clearingsverträge. Der Grundsatz, nicht mehr zu kaufen, als Devisen vorhanden sind, wird nämlich durch sie fortlaufend durchlöchert. Es hat sich auf den Verrechnungskonten bereits eine deutsche Neuverschuldung von über einer halben Milliarde Mark entwickelt, die uns zwar devisenmäßig nicht bedrückt, weil ihre Bezahlung nur in Waren verlangt werden kann, die aber doch psychologisch wenig erfreulich ist, weil sie wiederum den Eindruck erweckt, als ob Deutschland rückständige Warenschulden sich wieder ansammeln läßt. Im Gegensatz zu dem Clearing
Land ohne Nacht.
Von Ioses Ponten.
Wir sind in der Dänemarkstraße zwischen Island und Grönland. Sie ist so breit, wie etwa Bremen von Berlin entfernt ist. Der Polarkreis wird überschritten. Wir fahren in der offenen Trift des Island umschlingenden Golfstromarmes — ein anderer und der stärkere Arm des Jslandarmes hat sich südlich von Island in Richtung Amerika zurück- gebogen — dünn ist der verbleibende Rest des Stromes, und ttnks von uns streicht der eiskalte Polarstrom her. Von Grönland ist nicht zu sehen und wäre auch nichts zu sehen, wenn die (Entfernung es zuließe. Denn wie der Strom auf dem Meere Grönland mit Eis blockiert, so blockiert er es in der Luft mit Nebel. Katt scheint es von Westen herzustreichen, man meint, die Ausstrahlung des erdteilgroßen Eisschildes über Grönland zu fühlen, man riecht Eis, man riecht Grönland. Das laute Treiben einer mäßigen Schiffsgesellschaft ist verstummt, man hat sich in warmes Zeug gewickelt. Das Meer ist grau, monoton und unendlich, nasser Nebel steht in der Luft und belastet die Augenwimpern.
Am anderen Tage verdichtet sich links der Fahrt der Nebel — wir sind auf der Höhe des europäischen Nordkaps — zu einer ungeheueren, nicht hoch über der Erde liegenden Wolkenbank, sie läßt wenigstens den Fuß des bergigen, einsamen Landes, das sie überlagert, frei und uns sehen — die Insel Jan Mayen. Wir dürfen uns mit dem Wenigen, diesem Fußküpfen des Wolkenkleides sozusagen, zufrieden geben, denn für gewöhnlich bleibt die Insel verhüllt. Wir können dunkle vulkanische Grate und Linien ahnen und wiederum einen „Eisberg", wiederum die atmosphärisch-massive Verkleidung eines toten Vulkans sehen oder zu sehen meinen. Unbewohnt ist das Eiland.
Noch zwei Tage pflügt der Dampfer, fast Nord- kurs haltend und das vom großen, über die Farör- fchwelle gegangenen Goldstromarm offengehaltene Eismeer aufsuchend, das grüngraue Wasserfeld, ewig und stetig rauscht die Bugwelle, so gleichmäßig wie die Uhr klopft. Schon sind wir auf der Höhe der nördlichen Kaps von Sibirien und Asien, und es ist vom stillen Dasein am sauberen Bord des blanken Schiffes nichts zu verzeichnen, als daß man das Schlafengehen verspätet. Man schaut auf die Uhr, es ist fast Mitternacht, und noch immer ist Tag, grauer Tag freilich, aber Tag.
Und nun wird es überhaupt nicht mehr Nacht, Um Mitternacht sieht man eine bleiche Sonne nahe am Horizont, sie beschreibt, hinter Dunstschleiern zu
erraten, einen Kreis am Himmel, aber sie taucht nicht mehr ins Meer.
Der Unerfahrene wird sich denken, der monatelange Polartag dieser sommerlichen Jahreszeit müsse schon, das Fehlen der Nacht angenehm sein — aber es ist quälend. Man schläft ein — es ist Tag, man wacht im Schlafe auf — es ist Tag, man erhebt sich morgens (nur die Uhr sagt, daß es Morgen ist) — es ist Tag. Nicht Ausgeschlafenheit kündet einem ohne Uhr den Morgen, diese uns fast als Störung der Natur erscheinende geographische Gegebenheit hat auch unser gewohntes Leben gestört. Man hat sich mit der fehlenden Nacht um die zugemessene Ruhe betrogen. Man sehnt sich — es ist, als ob die Körperorgane sich sehnten nach dem starken Gesetz der unerbittlichen Weltuhr, das auch ihnen ihr Recht läßt.
Ein gewisser Mißmut ist in einem, und die ganze Reisegesellschaft ist mißlaunig.
Eines Morgens schwimmen zahlreiche Eisschollen bugvorauf, das Schiff tritt in die weiße Herde ein, die auseinanderzutreten scheint, wie wenn man auf einer Straße einer Schafherde begegnet. Aber die Herde wird dichter, und die Individuen werden größer, man sieht grünliches Eis, Meereis, Eis als Salzwasser; aber auch bläuliches Eis, und man mag wissen, daß es Gletschereis ist, Eis aus Süßwasser, und also von einem Lande stammend, das man in der Nähe vermuten kann» das man aber in nebel- verhängter Kimme nicht sieht.
Und plötzlich gibt es einen Ruck, das Schiff, das schon mit sehr langsamem Kurse fuhr, stoßt gegen eine große Scholle und stoppt. Die Scholle gibt den Stoß weiter und knirscht dahinten laut an anderen Schollen auf, ein unheimliches Knirschen geht durch die stille Wett — die Polarwelt hat aufgeknirscht. Nie wird man diesen Ton vergessen, Ton aus Weltenmund.
Und nie wird man den Stoß vergessen, der durch das Schiff ging, als es an dieser unerbittlichen Grenze anlief.
Vor uns dehnt sich weit das Eisfeld, leicht schwankend, leicht schaukelnd, in der Ferne schon starr, mit Krusten und aufgcfrempelten Rändern die Raine der weißen Felderflur bezeichnend.
Vor uns also liegt der Pol. Oh, gar nicht so weit. Etwa tausend Kilometer weit, so weit nur wie der Durchschnitt Deutschlands lang, wie Rügen von der Zugspitze entfernt ist, liegt der geheimnisvolle Pol, wir sind auf 80° 25' nordöstlich und 10° 50' östlich. ®or uns das stumpfweiße, von Randkränzen seiner Schollen und einigen auf die großen gesetzten kleinen Schollen belebte Eisfeld Vorn Nebel und hinten und hoher von Wolken überlagert, und die Ferne sich verlierend in Nebel und" Wolkendunkel. Ein
schwarzer Strich am Himmel im Norden vor uns ist wohl ein „Wasserhimmel", Widerschein einer großen Wake im Eis, aber für uns, für die Empfindung steht er am Himmel hingezeichnet, als wollte er ein wahres Ende der Welt bedeuten: Strich! Aus!
Man ist leicht enttäuscht ...
Wir halten südostwärts auf Spitzbergen zu. Am Nachmittag kommt die Sonne hervor. Wir treten in die Rote Bai ein, die man nicht jedes Jahr eisfrei findet. Eine zwanzig Kilometer lange, fünf Kilometer breite, genau von Norden nach Süden streichende Meerbucht nimmt uns auf. Auf der Westseite besteht sie aus Gneis, und die westliche Wand ist völlig von gewaltigen Gletschern durchmodelliert, die bis in das Meer reichen. Die fast geschloffene Ostseite aber ist alter roter Sandstein, jetzt gerade von der Abendsonne angeglüht (von ihm hat die Bai den Namen), der wasserdurchlässig ist, und auf solcher Unterlage bilden sich kleine' Gletscher, ein »Merkwürdiger, landschaftlich im höchsten reizender Gegensatz. Vom Widerschein der roten Wand ist das Wasser leicht rot, im Westen aber grün von der Farbe der hohen, mauergleichen, grünen Gletscherenden. Das Wasser ist eben wie ein Teich — aber jetzt wellt es, denn eine aufrechtstehende Schicht des Gletschereises, haushoch und an Masse ein Haus, brach vom Gletscher unter einem so plötzlichen Knall, wie wenn eine Kanone abgefeuert wird, los und stürzte in die See. Tausend Vögel flattern schreiend und kreischend von ben Felsen der Gneisseite auf, aber bald beruhigt sich wieder diese einsame Natur! die Echos des Donners sind verrollt, die Vögel fallen wieder ein, das Wasser glättet sich — und da liegt vertraut ein Seehund auf einer Scholle in der Sonne.
Wir durchfahren die Bucht in einem Boote (das Schiff liegt draußen), der Seehund, welcher Menschen und ihre Gefährlichkeit nicht kennt, läßt sich durch uns nicht stören. Und wir tun ihm nichts. Unvergleichlich großartig stehen die grünen und blauen Abbruchwände der Gletscher da, die in scheinbar starrem Fluß aus unbekannten toten Gebirgen herabkommen, und in der Bucht bei niedriger später Sonne ist ein Farbenspiel von Dunkelrot der Sandsteinwand, Grün und Blau der Gletscherenden, Bleichblau als Widerschein des Nordhimmels im glatten Wasser, das man als unverlierbaren Besitz von bannen nimmt. Tiefer erscheint die Stille und Ruhe in diesem nur von Tieren, nicht von Menschen bewohnten Lande, die Welt ist einsam wie in Urtagen, und der Reisende ruht aus, ruht tief aus von den Menschen und ihrem lauten Getriebe weiter unten in der besiedelten Wett, von den Menschen und sozusagen von sich selbst
,/Jungfrau gegen Mönch/-
Um den etwas rätselhaften Titel dieses Lust- spielchens zu erklären: die „Jungfrau" und der „Mönch" sind zwei Hotels in einem schweizerischen Kurörtchen, deren Besitzer, abgesehen von der naturgegebenen Konkurrenz, einen bereits seit 150 Jahren währenden Prozeß miteinander führen, dessen Ende zur Freude der beteiligten Anwälte noch gar nicht abzusehen ist. Erst als der Besitzer der „Jungfrau" eines Tages das Zeitliche segnet und einer- entfernten Verwandten, einer jungen Lehrerin, das Hotel samt dem darauf lastenden Prozeß als Erbschaft vermacht, nehmen £>ie Dinge eine einigermaßen dramatische Wendung dergestalt, daß der Krieg zwischen den feindlichen Häusern aufs neue entbrennt, hitzige Schlachten entfesselt und am Ende durch eine Verlobung der beiden Besitzer glorreich beendet wird. Die Sache kommt unter der Regie von E. W. (Emo ziemlich behäbig und umständlich in Fluß, ergibt aber später allerlei ergötzliche Situationen, die die Besucher angenehm erheitern. Paul Richter, der vor vielen Jahren als Siegfried in den „Nibelungen" den Drachen erschlug, hat sich mittlerweile in einen feschen Hotelbesitzer verwandelt. Dorit K r e y s l e r vertritt mit Energie die jungfräulichen Interessen und kapituliert in allen Ehren erst im letzten Augenblick. Ida W ü st, scharmant wie immer, Eric Ode, Fischer- Koppe und Werner Finck tun sich im Ensemble hervor. — Im Beiprogramm bringt das Lichtspielhaus das Lustspiel „Lottchens Geburtstag"; wir kennen es von der Bühne her, aber es tut auch auf der Leinwand feine drastische Wirkung und erregt verständnisvolle Heiterkeit
Massenpsychose.
Psychologisches Seminar in der Universität T. Die Hörer sind fast alle Lehramtskandidaten, und Professor Danksch hat deshalb Sonderübungen über das Thema „Moderne Pädagogik und kindliche Lüge" angekündigt.
„Meine Herren", sagt er, „bevor ich beginne, eine Frage: Wer von Ihnen hat die beiden letzten Kapitel meines Buches »Kindliche Lüge als Massen- Psychose* gelesen?"
Sämtliche Hörer heben die Hand.
„Das ist ja ausgezeichnet!", ruft der Professor. „(Einen besseren Anknüpfungspunkt kann ich mir gar nicht denken, meine Herren. Das Buch ist nämlich noch gar nicht erschienen." H. R.


