Nr. 30 Erstes Blatt
Dienstag, 5.8ebruarM5
185. Jahrgang
Gietzemr Anzeiger
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einig, daß Englanb erstmalig etwas Handgreifliches nicht nur gegeben, sondern auch empfangen habe. Und gleichzeitig, so lautet wenige Stunden nach der Abreise der französischen Minister der Tenor der Meinungsäußerungen, hat Englanb die Tür geöffnet, um seine „Ideale" (allerdings mit sehr realistischem Hintergrund) zu verwirklichen. Es bleibt der Zukunft und dem guten Willen Englands vorbehalten, ob die „frei zu verhandelnden Pakte" eine Gestalt annehmen, die die deutschen Hoheitsrechte nach innen und außen in keiner Weise mehr beeinträchtigen.
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Die Auffassung in Berlin.
Deutschland zur Mitarbeit an einer Rüstungskonvention bereit.
Berlin, 4. Febr: (DRB.) Der englische Botschafter Sir (Eric Phipps erschien am Sonntagmiltag beim Reichsautzenmini st er Frhr. von Reurath und übermittelte ihm den vorläufigen Text des engllsch-französi- scheu (Kommuniques. Der Reichsautzenrnini- ster meldete dann den englischen Botschafter auf seinen Wunsch für den Abend beim Führer an. Auch der französische Botschafter Francois Pon§et äutzerte den Wunsch nach einer Unterredung mit dem Führer. Frhr. von Reurath begab fia- darauf am Sonntagabend mit dem englischen und dem französischen Botschafter zum Führer. Am Abend übergab dann der englische Botschafter dem Rerchsautzenmi- nister das endgültige Londoner (Kommunique.
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Deutschland wird benachrichtigt.
Oer englische und der französische Botschafter beim Führer.
land und den übrigen interessierten Mächten vereinbart werden soll, die Rede ist. Was die Rüstungsfrage betrifft, so erinnert auch die Londoner Verlautbarung an das römische (Kommunique vorn 7. Januar, worin festgestellt wurde, daß eine einseitige Aenderung vertraglicher Rüstungsbeschränkungen unzulässig sei. Anscheinend ist aber nicht beabsichtigt, hiermit eine unfruchtbare theoretische Diskussion, wie sie jahrelang geführt wurde, neu zu beleben. Deutschland hat im Einklang mit dem Versailler Vertrag seine einseitige Entwaffnung immer als V o r - leistung in Erwartung einer allgemeinen Abrüstung betrachtet. Heute, im vierten Jahre des Bestehens der schon mit reichlicher Verspätung einberufenen Genfer Abrüstungskonferenz muß leider festgestellt werden, daß sich die allgemeine Abrüstung zu einer Utopie verflüchtigt hat. Die Grundlagen der Versailler Rüstungsregelung sind an der Macht der politischen Gegebenheiten zerbrochen. Deshalb ist das Wesentliche und Wertvolle an dem Londoner Programm der Wille zur R ü - stungskonvention, der diesmal nicht nur von England, sondern auch von Frankreich bekundet wird. Um dieses wichtige Ziel zu erreichen, darf in der Tat den Beteiligten keine Anstrengung zu groß, kein Entschluß zu schwer sein. Auch Deutschland fühlt sich mitverantwortlich und ist bereit, mitzuarbeiten, damit der Weg einer wirklichen und wirksamen Verständigung gegen den Rüstungstaumel und die damit verbundenen Gefahren gefunden wird.
England hat bei den Londoner Verhandlungen ein großes Maß von Bereitschaft zur praktischen Mitarbeit gezeigt. Gewiß muß die endgültige Gestalt der beabsichtigten Vereinbarungen noch unter Mitwirkung aller Interessierten festgesetzt werden. Wichtig und interessant ist aber die solidarische Handlung Englands gerade auch in der Frage der Aktivierung von Locarno, die durch ein besonderes Luftabkommen der Locarno-Staaten erreicht werden und in Europa die Gefahr eines Zusammenstoßes der großen Luftmächte vermindern soll. Der G e i st von Locarno, d. h. die fruchtbare Beschränkung auf klare Eventualitäten, sollte auch für die Verhandlungen über die Sicherheit anderer Teile Europas richtunggebend sein. Dann wäre ein Ausgangspunkt gewonnen, um greifbare und ausgeglichene Ergebnisse zu erlangen.
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Die Franzosen haben sich mit ihrem Vorschlag auf Abschluß eines Luftabkommens wieder einmal als ausgezeichnete Psychologen und Kenner der englischen Geisteshaltung erwiesen. Sie haben in den vorherigen Verhandlungen das Schwergewicht diesmal weniger auf die eigene als auf die englische Sicherheit gelegt und haben die englischen Politiker in der bereits vorhandenen Ueberzeugung bestärkt, daß bei bem heutigen Stand der Militärluftfahrt England heute genau so verwundbar sei, als hätte es vor dem Kriege keine Marine besessen.
Daher sind die englischen Kommentierer zum Verhandlungsergebnis sich heute in der Feststellung
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pariser Auslegungen.
Oie französische presse ist verschiedener Meinung.
Eine neue phafe?
Es war auf der Konferenz von Lausanne, in der es der Türkei Kemal Paschas gelang, sich auf Grund ihrer Waffensiege gegen Griechenland in Kleinasien von den Fesseln des Friedens von Sevres zu befreien und sich eine ehrenhafte nationale Existenz zu sichern. Die französische Delegation war geführt von P o i n c a r e, der damals auf der Höhe seiner politischen Macht stand und den Triumph der europäischen Vorherrschaft Frankreichs für gesichert halten konnte; die englische Außenpolitik wurde geleitet von Lord Curzon, der die letzten Anstrengungen seines Lebens darauf verwandte, die durch den Versailler Frieden bedrohte Weltmachtstellung und die europäische Schiedsrichterrolle Englands aufrecht zu erhalten. Zwei Temperamente und zwei historische Ziele von größter Gegensätzlichkeit prallten hier aufeinander. Gleich in der ersten Sitzung kam es zu einer höchst merkwürdigen und bezeichnenden Szene, über die wir durch das Buch des englischen Diplomaten Harold Ricolson „Die letzte Phase" (Verlag S. Fischer, Berlin) unterrichtet sind.
Der Zusammenbruch der griechischen Armee in Kleinasien und damit der ganzen von England geführten interalliierten Politik im Rahen Orient war dadurch herbeigeführt worden, daß die Franzosen ihre Truppen aus der gemeinschaftlichen Front mit den Engländern zurückgezogen hatten. Lord Curzon klagte nun auf der Konferenz in der knappen und trockenen Form des englischen Staatsmanns alten Stils Frankreich der Illoyalität an, deren es sich nicht nur in Kleinasien, sondern auch in Verfolgung seiner eigensüchtigen europäischen Politik habe zuschulden kommen lassen. Am Nachmittag antwortete Poincare auf den Angriff. „Seine Stimme war trocken, seine Worte waren abgehackt, seine Beschuldigungen waren Lanzenstiche. Curzons weiße Händ^ zitterten heftig auf dem grünen Tischtuch. Er konnte es nicht länger ertragen. Er erhob sich vom Platz, murmelte etwas von einer Vertagung und hinkte in das anstoßende Zimmer. Er wurde von seinen Sekretären und Lord Hardinge, unserem damaligen Botschafter in Paris, begleitet. Er sank in einen purpurfarbenen Lehnsessel, faßte Lord Hardinge am Arm. .Charlie', keuchte er, ich kann diesen furchtbaren kleinen Mann nicht ertragen. Ich kann ihn nicht ertragen. Er weinte.---"
Mehr als zehn Jahre sind vergangen, seit sich die tief greifenden Veränderungen in der weltpolitischen Stellung Englands und in der Frankreichs in diesem erschütternden nervösen Zusammenbruch eines englischen Staatsmannes offenbarte, der einer der letzten großen Vertreter des britischen Weltimperiums war. Er selbst ist tot, und auch der „furchtbare kleine Mann", der ihm so auf die Nerven fiel, ist nicht mehr. Aber die Tendenzen, die beide vertraten, leben noch, und ihr gegenseitiger Kampf ist, wie sich auch die Themen und Gegenstände der diplomatischen Zeitaufgaben verändern, der große historische Hintergrund, von dem alles Zeitgeschehen beurteilt werden muß. Wieder haben sich bei den nun abgeschlossenen Land o • ner Verhandlungen englische und französische Staatsmänner gegenübergestanden, und bei aller Veränderung, die der Wechsel der handelnden Persönlichkeiten und die freundschaftlichere Atmosphäre in den Beziehungen der beiden Länder bedingen mag, handelte es sich doch um die Frage, welches Gewicht die englische Stimme in Europa und der Welt noch besitzt und bis zu welchem Grade es seinen Einfluß für den künftigen Lauf der Geschichte noch durchzusetzen vermag.
Heber den menschlichen und intimen Verlauf der Londoner Aussprache ist die Oefsentlichkeit begreif- licherweise noch nicht so drastisch unterrichtet, wie über jene Episode von Lausanne. Aber auch jetzt mag es — der langwierige und vom ursprünglichen Programm abweichende Verlauf der Konferenz hat es gezeigt — Augenblicke gegeben haben, in denen die freundschaftliche und verbindliche Form nur eine mühsam gewahrte Maske in dem Ringen schwerster Interessengegensätze war. Aber wie sich die englischen Unterhändler, der kosmopolitisch angehauchte Außenminister Simon und sein erster Mitarbeiter, der weltgewandte Eden, von dem Stockbriten Curzon unterscheiden, in demselben Maße bedeuten auch die Figuren des fast über Menschenmaß hin- ausreichenden, ganz nordisch gebauten französischen Ministerpräsidenten Flandin und seines kleinen südfranzösischen, in allen Florettkünsten geübten Kollegen Laval die Wandlung der französischen Politik zu einem schmiegsameren Verständnis für nicht rein französische Gesichtspunkte und Weltbildvorstellungen, die den hartköpfigen Lothringer Poincare, dem „furchtbaren kleinen Mann", nicht gegeben war. Sicher ist, daß keiner dieser vier Unterhändler gemeint hat und daß keine Partei die Konferenz mit dem Gefühl völliger Niederlage ober völligen Sieges verlassen hat.
Also ein Kompromiß? Die gemeinsame Veröffentlichung, die in der Konferenz geschlossen wurde, scheint dieses Urteil zu rechtfertigen. Die englische Regierung stellt ihre wohlwollende Mitarbeit und Unter st ützung bei den von der französischen Diplomatie im Verlauf des letzten Jahres eingeleiteten P a k t s y st e m e n für Osteuropa und die Donauländer in Aussicht und erhält bafür von der französischen Regierung das Zugeständnis eines entgegenkommenden und biegsamen Verhaltens in der Behandlung ber Frage des Wiedereintritts Deutschlands in den Völkerbund und ber Wiederaufnahme ber Rü - stungsverhandlungen unter Außerkraftsetzung des Teils V des Versailler Vertrags, an des-
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lange Friedenszeit bringen. Die Verwirklichung hänge nur von dem guten Willen und der Ehrlichkeit Deutschland ab. Die Berliner Regierung habe nun das Wort.
„Echo de Paris" (Rüstungsindustrie) verrät, daß der Gedanke eines Luftabkommens den französischen Ministern erst auf der Ueberf ahrt von Calais nach Dover gekommen sei. Laval habe ursprünglich gezögert, diese Frage bei den Besprechungen anzuschneiden, aber der französische Ministerpräsident habe sie noch am gleichen Abend während des Essens mit Macdvnald aufgeworfen. Flandin habe sogar darauf bestanden, dieses Abkommen zwischen England und Frankreich sofort abzuschließen. Englischerseits habe man jedoch darauf hingewiesen, daß es dann als eine B e - drohung Deutschlands ausgelegt werden könnte.
Das „Journal", das sich für den Ostpakt in seiner augenblicklichen Form nie begeistert hat, meint, es sei möglich, baß der Plan Litwinows in London den Todes st oß erhalten habe, was natürlich nicht ausschließe, daß andere Vorschläge ausgearbeitet worden seien, die sich der augenblicklichen Lage besser anpaßten. Das gleiche Blatt weist im übrigen in Ueberein- ftimmung mit den meisten französischen Blättern darauf hin, daß die Anerkennung der Gleichberechtigung nichts an der entmilitarisierten Rheinlandzone ändern werde. Teil V des Versailler Vertrages beziehe sich lediglich auf die Rüstungen, während die entmilitarisierte Rheinlandzone in Artikel 42, 43 und 44 festgelegt sei.
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London ein neuer Ausgangspunkt.
Das Gimon-Kompromiß die Grundlage weiterer Verhandlungen
Drahibericht unseres Lü-Korrespondenien.
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Paris, 4. Febr. (DNB.) In Erwartung der Beschlüsse des für Dienstag einberufenen Mimster- rates über das Ergebnis der Londoner Unterredungen beschränkt sich die Presse im wesentlichen auf eine inhaltliche Darlegung der französisch-englischen Erklärung. Die „L i b e r t e" stellt fest, das Londoner Abkommen habe die peinliche Bedeutung, daß Frankreich und England, die nicht in der Lage waren, Deutschland zur Einhaltung der Abrüstungsklauseln zu veranlassen, Hitler nun eine Revision der militärischen Bestim- mungen des Versailler Vertrages z u - ge steh en. Das sei nicht etwa ein Messerstich gegen den Versailler Vertrag, sondern ein Hieb mit der Axt! Das Abkommen stelle em Kompromiß zwischen der englischen und der französischen Auffassung dar. _
Der „T emps" bezeichnet das Londoner Schriftstück als einen Wendepunkt in der Politik des Friedens und der Zusammenarbeit. Wichtig sei vor allem, daß Frankreich und England sich vollständig über einen Plan der allgemeinen Regelung geeinigt hätten. Nicht weniiger wichtig sei, daß das Londoner Abkommen Deutschland Zwing e n werde, seine Verantwortung hinsichtlich der gleichzeitigen Verwirklichung der Gleichberechtigung und der für alle Volker gleichmäßig organisierten S i ch e r h e i t zu über= nehmen. Drittens hebt der „Temps' die Tatsache hervor, daß durch das System der geplanten Luft- abkommen jeder plötzliche Angriff zur Luft verhindert wird. Die Verwirklichung des englisch-französischen Planes würde Europa eine
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Die „Deutsche Diplomatisch-Politische Korrespondenz" schreibt unter der Heberschrift „Das Londoner Programm" zur Londoner Verlautbarung u. a.: Die Londoner Verlautbarung umreißt ein großzügiges Programm zur gemeinsamen Regelung der Rüstungs - und Sicherheitsfragen in Europa, speziell in der Mitte und im Westen des Erdteils. Sie stellt zwei Gesichtspunkte voran, die auch in Deutschland ein lebhaftes Echo finden werden, weil sie stets eine Hauptsorge der deutschen Politik gewesen sind: Vermeidung des Wettrüstens und Ausschaltung von Kriegsgefahren. Zu den Londoner Beratungsgegenständen, die in Vorbesprechungen eingehend vorbereitet worden waren, gehört wiederum die zum Ueberdruß oft erörterte Zweiheit: Gleichberechtigung und Sicherheit. Es war nicht mehr möglich, hierzu neue Gedanken zu formulieren. Man wird erst nach eingehender Prüfung der Londoner Beschlüsse mit Bestimmtheit sagen können, welche Tragweite und welchen inneren Zusammenhang die verschiedenen Punkte nach Ansicht ihrer Urheber haben sollen. Wichtig ist aber schon jetzt, daß von einer allgemeinen Regelung, die frei zwischen Deutsch-
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) London, den 4. Februar 1935.
Die englische Außenpolitik hat ein neues Kapitel aufgeschlagen. Das Vorwort hierzu ist bereits in den vergangenen sechs oder acht Monaten geschrieben worden. Es beginnt mit der Feststellung des stellvertretenden Ministerpräsidenten Baldwin im vergangenen Sommer, daß Englands Grenze von nun ab nicht mehr der Kreidefelsen Dovers, sondern der Rhein sei, und schließt mit einer Aeußerung Neville Chamberlains vor etwa vierzehn Tagen in Belfast, wo der englische Schatzkanzler, einer der drei oder vier „starken Männer" des Kabinetts, erklärte, daß die Entsendung der britischen Truppen nach dem Saargebiet einen Präzedenzfall geschaffen habe, der die künftige Marschrichtung der brittschen Außenpolitik bestimme. Maßgebende englische Interpreten haben seinerzeit diese zunächst immerhin befremdlich klingenden Aeuherungen dahin ausgelegt, daß sie sich nicht gegen Deutschland richteten, sondern grundsätzlich eine schon seit langem vorgesehene Aktivierung der Londoner Politik gegenüber dem Fe st lande mü dem Ziele ankündigten, im Interesse einer gesunden politischen und wirtschaftlichen Weiterentwicklung innerhalb des Imperiums auf dem Kontinent endlich ein Atmosphäre zu schaffen, die das geringstmögliche Maß an Gefahren für das englische Mutterland und damit für das Weltreich überhaupt in sich birgt.
Aus dieser Einstellung heraus hat sich allmählich auch die Erkenntnis ourchgesetzt, daß es bei aller Würdigung des Wertes der französischen Freundschaft ebenso widersinnig wie unklug sein würde, sich an einen Friedensvertrag zu klammern, der angesichts eines wieder erstarkten und nicht mehr aus den Angeln zu hebenden Deutschlands heute nur noch ein politischer Leichnam ist. Die Annahme und die in manchen Kreisen zweifellos auch vorhanden gewesene Hoffnung auf eine vielleicht in absehbarer Zeit zu erwartende Liquidierung der nationalsozialistischen Herrschaft ist durch das Zeugnis zahlreicher maßgebender englischer Persönlichkeiten, die Deutschland kürzere oder längere Besuche abgestattet haben, ad absurdum geführt worden. Das politische England, seit jeher mit einem ausgezeichneten Wirklichkeitssinn begabt, hat hieraus eine wenn auch leider noch nicht allerletzte Schlußfolgerung gezogen.
Diese Einschränkung zu machen, ist unumgänglich; denn es wird sich erst in den kommenden Wochen und Monaten Herausstellen, ob das Schriftstück über die Ergebnisse der englisch-französischen Verhandlungen, das gestern der Weltöffentlichkeit übergeben worden ist, Elemente enthält, die sich auch vom deutschen Standpunkt aus verwirklichen lassen. Die amlliche Verlautbarung ist ein Meisterwerk weniger des Außenministers als des Juri st en Sir John Simon, dessen vorsichtige Federführung Zeile für Zeile erkennbar ist. Sie stellt nach allem, was man härt, ein geradezu ungewöhnliches, aus den verschiedensten Rücksichtnahmen zusammengesetztes Kompromiß dar. Sie trägt weitgehend den Empfindlichkeiten derjenigen englischen Kreise Rechnung, die grundsätzlich gegen zusätzliche Bindung Englands aus dem Fe st land sind; sie ist teilweise vielleicht auch ein Zugeständnis an die Stimmung der französischen öffentlichen Meinung und des Pariser Parlaments, von dessen Haltung das Schicksal der Regierung Flandin-Laval abhängt; sie versucht ferner in sehr bedächtigen Formulierungen die deutschen Gleichberechtigungsfor- 'derungen innerhalb des geplanten Kollektivsystems als befriedigt hinzustellen, wobei besonders von dem Grundsatz der Gleichzeitigkeit viel Aufhebens gemacht wird; und sie schlägt schließlich eine Brücke zwischen den tatsächlichen Vereinbarungen zwischen England und Frankreich auf der einen Seite und der den anderen Mächten und insbesondere Deutschland vorgeschlage- n e n Erörterungsgrundlage auf der anderen.
Der letztgenannte Punkt ist von besonderer Wichtigkeit, weil er den bevorstehenden diplomatischen Verhandlungen sein Gepräge geben dürfte. Wie berechtigt diese Annahme ist, geht aus dem Bericht eines englischen Zeitungskorrespondenten in Paris hervor, der noch vor Bekanntwerden der amtlichen Mitteilung die Lage wie folgt umschrieb: „Was auch das zu erwartende Kommunique über die Londoner Verhandlungen bringen mag, es wird nur andeutungsweise das enthalten, was tatsächlich zwischen Großbritannien und Frankreich vereinbart worden ist."
Das Kernstück der in der englischen Hauptstadt gefundenen Erörterungsgrundlage ist zweifellos die geplante Luftkonvention, die bemerkenswerterweise nicht Bestandteil des beabsichtigten Kollek- tivsystems werden soll. Wenn nicht alle Anzeichen täuschen, sind zum mindesten zwei der in Aussicht genommenen Unterzeichner bereits über den Abschluß dieser Konvention völlig einig, gleichgültig, wie sich die übrigen Mächte verhalten werden. Da Italien bereits seine Abneigung gegen einen Beitritt zum Ausdruck gebracht hat, kämen als weitere vertragschließende Parteien nur nach die beiden übrigen Locarno-Partner Deutschland und Belgien in Frage.
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