Ausgabe 
5.1.1935
 
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Nr. 4 MM Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)Samstag, 5. Januar (935

Aus der Wett des Ulms.

Berliner Kilmbrief.

Die Männer von Aran."

Das fei vorausgeschickt: dieser Film ist ein wun­dervolles Zeugnis für die Gewalt der Natur und den tragischen Kampf des Menschen mit den Elementen! Er ist herrlich! In monatelanger, müh­seliger Arbeit hat man das Leben, das Werden und Vergehen der Bewohner der kleinen Meeres­inseln Aran, festgehalten. Man hat nichts hinzu­gesetzt, nichts verschönert, nichts wesentlicher und wichtiger gemacht, als es die Natur dort erfordert, und gerade darin liegt fein herber, packender Reiz.

Nach einem ziemlich schwachen Anfang setzt das Erlebnis ein. Wohl noch nie sahen Menschenaugen unseres gemäßigten Klimas Derart gigantisch be­wegtes Meer. Himmelstürmend, elementar los­brechend, tobend, rasend, sich überschlagend, stürzt es auf die steilen Felsen zu und ringt mit ihnen um die Vorherrschaft. Man kann es nicht fassen, daß in diesem tobenden Hexenkessel ein paar Män­ner in einer Nußschale um ihr Leben kämpfen: jede Sekunde ist vom Tode bedroht, steht unter der Anspannung aller Kräfte, aller Muskeln und Sinne. Ein winziger Fehler und das Meer schlägt er­barmungslos über ihnen zusammen. Wundervoll, erregend und schauerlich die tagelangen Kämpfe mit den Haifischen. Nackte Notwendigkeit zwingt dazu: man braucht Fett und Tran, um existieren zu können.

Interessant ist die Verschiedenartigkeit der Be­wohner. Zum Teil vertreten sie den italienischen Typ, andere könnte man wohl für ostpreußische Bauern halten und ein Junge hat ein keckes Stups­näschen und blonde Ringellöckchen, wie wir sie bei uns auf den Halligen finden. Trostlos mutet uns oft dieses Dasein an, wenn die Frauen die Erde mit den Händen zusammenkratzen, damit nur ein wenig Frucbt ihnen zuwächst. Doch dieses Dasein ist stark und frei und groß, denn es ist immer­währender männlicher Kampf und Sieg. Der stürmische Beifall war ehrlich verdient.

Prinzessin Turandot."

...Turandot, bezaubernde Turandot... so singt und klingt es durch diesen Film, der den Mut auf­bringt, ins Märchenland zu wandern. Aus der Tatsache, daß er trotzdem Erfolg hat, erkennen wir, daß der Mensch von heute gar nicht so verschlossen gegen die Welt der Phantasie ist, wie man im all­gemeinen annimmt. Die chinesische Landschaft und die chinesische Atmosphäre sind ausgezeichnet ge­troffen. Die Darsteller sprechen inmitten vieler öst­licher Herrlichkeiten eine ganz unbekümmerte, herz­hafte Sprache, sind komisch und lebendig, verspielt und grausam und albern zugleich. Es gibt Helden und Bösewichte, eine wunderschöne Prinzessin und einen kecken klugen Liebhaber, ganz so, wie wir sie in unseren Kindertagen liebten.

Gerhard Lamprecht ist der verantwortliche Leiter, der mit diesem Werk wieder den Beweis er­bringt, daß er was kann, und daß er saubere, Arbeit liebt und pflegt. Die Hauptgestalten werden durch Willy Fritsch, der herber und männlicher geworden ist, und durch Käthe von Nagy ver­körpert. Sie sieht reizend aus und bewegt sich mit der ihr eigenen weichen Anmut. Willy Schäf­fers ist in der Rolle des Kaisers in seinem Ele­ment. Hier erkennt man seine starke Begabung für die Parodie. Kemp: heiter wie immer, doch mitt­lerweile in der Schablone erstarrt, die kleine Inge List munter, doch nicht so gut wie zuletzt. Heide­mann, Aribert Wäscher, Leopoldine Kon­stantin und viele andere helfen mit, diesen Film erfolgreich zu gestalten. Das Publikum unterhielt sich außerordentlich gut, belachte die parodistischen Stellen und würde doch lieber sehen, wenn man die Märchenidee rein durchgeführt hätte. Aber wir wollen nicht undankbar sein und dieses Filmwerk als einen Vorstoß in ein Neuland der Leinwand betrachten. Das Manuskript stammt von Thea von H a r b o u, die Musik schrien Franz D o e l l e.

Liebesgeschichten im Film.

Bon Jörg Alert.

Es gibt Romane, die einer ganzen Epoche ihren Stempel aufgedrückt haben, deren Ideen und Weis­heiten man sich aneignete, deren Gestalten man sich zum Vorbild nahm, deren Tendenzen Hunderte von Zeitgenossen von ihrem bisherigen Lebensweg ab­drängten. Es gibt Dramen, die jahrzehntelang in Schulen und Salons von sich reden machten, die die Meinungen und sozialen Verhältnisse eines Zeit­alters hinwegfegten, um sie durch neue, Geschichte machende zu ersetzen. Gibt es auch Filme, die irgendwelche Spuren auf dieser alten Erde hinter­ließen, die von einer Generation als Banner einer neuen Gesinnung aufgepflanzt wurden? Nein.

Gewiß, der Film ist noch lange nicht der Film. Zugegeben, er steckt noch immer in den immer kürzer werdenden Kinderkleidern, ohne daß es ihm bisher gelungen wäre, sich das Gewand Erwachse- ner zu verschaffen. Wie kommt es aber, daß ernst- hafte Leute, die sich Gedanken über die Zeit und ihre Erscheinungen machen, auf die Frage nach ihrer Meinung über den Film immer abfällig mit den Achseln zucken und ein nachsichtiges Lächeln aufsetzen? Wie kommt es, daß sie sich auf ernsthafte Erörterungen über dieses Thema nur ungern em- lassen und heftig protestieren, wenn man von einer Film f u n ft redet? . . ri .

Weil die Filmgilde sich selbst gi minbuftrie nennt hat man je einen Bühnenmenschen von Theater­industrie reden hören? und weil der Alm sich bis jetzt von dem Makel des bösen Worteskitschig wie im Film" noch nicht zu befreien vermochte. Noch heute ist der Kitsch ein häufig benutzter Roh- ftoff der Filmindustrie. Er präsentiert sich abge- sehen von alberner Regie und Darstellung haupt­sächlich in den Filmstoffen.

Der Kitsch ist ein Bazillus, dessen Wirken man nur empfinden kann, der sich aber meistens nicht mit Händen greifen läßt. Sein deutlichstes Merk­mal ist: Unechtheit, Verlogenheit. Will em Stoff der Ansteckung durch den Kitsch entgehen, so mutz er ein wirkliches, natürliches und enges Verhältnis zu den Menschen und ihrer Eigenart und zu Der Zeit und ihrem Geist anstreben.

Wenn der Film immer ein echtes und wahryeits- getreues Abbild des menschlichen Lebens wäre, fo bliebe er immer frei von jedem Kitschvorwurf. Un­terzieht man nun einmal die Filmstoffe einer ge=

Lockvogel."

Wie hat Ihnen der .Lockvogel' gefallen?" Danke, es war ein netter, unterhaltender Film, voller Drolligkeiten, sehr natürlich, mir manchmal ein bißchen zu burschikos", wird wohl die Antwort heißen. Jedenfalls, man amüsiert sich prächtig, gähnt nicht ein einziges Mal, erst wenn man nach Hause geht, fängt man so ein bißchen zu nörgeln an: dies hätte anders fein können und das hat man übersteigert, es wäre besser gewesen, wenn... na ja. Aber der Mensch soll nicht undankbar fein und sich die Tatsache genügen lassen, daß ihm ein unterhaltsamer Abend beschert wurde.

Viktor de K o w a und Jesfie Vihrog über­treffen sich selbst an Komik und bleiben trotz all der Verrücktheiten, die sie zu begehen haben, auf einer menschlich-angenehmen Linie.

Die Handlung führt von Istanbul nach Mar- seille, sie bringt wunderschöne Bilder aus fernen Landen, heitere und groteske Szenen, ein Masken­fest auf hoher See, Explosion, Panik, Rettung und Untergang. Das Ganze ist ein Kriminalfilm. Man stelle sich diese Mischung vor! Sie ist neu und witzig, doch den Inhalt zu erzählen, wäre Verrat.

Hilde Meißner, der Lockvogel, wird leiber zum Schemen. Sie braucht eine liebevollere Füh­rung, wenn sie Wirkungen erzielen soll. Auch photo-

Film-Abenteuer am Kraterrand.

Amerikanische Kameraleute erzählen ...

Der Bromo ist einer der gefährlichsten Vulkane Javas, ein würdiger Bruder des furchtbaren Kraka­tau. Ausgerechnet im Krater dieses Berges sollte sich nach dem Willen einer englischen Filmgesellschaft der letzte Akt eines Abenteuerfilms abfpielen. Das stellte die Kameraleute und die Schauspieler vor wesentlich andere Aufgaben als das Filmen im Atelier; ihr Bericht von ihrer dortigen Tätigkeit jedenfalls kann es getrost mit der Handlung des Sensationsfilmes selbst aufnehmen.

Die Filmhandlung war folgende: Ein Schurke war im Flugzeug mit wichtigen gestohlenen Dokumenten entkommen. Die Verfolger machten auf das Flug­zug Jagd und brachten es auch wirklich zur Strecke. Dem Schurken gelang es aber, trotz unsanfter Lan­dung, mit dem Leben baoonAukommen, indem er den Gipfel eines Vulkans, eben des Bromo, er­klimmt.

Die Filmleute, die den Abschluß des Dramas dar­stellen sollten, hatten zunächst eine Kletterpartie in einer Höhe von etwa 3000 Meter zu unternehmen. Sie gelangten auf einen schmalen Grat von etwa vier Meter Breite. Wenn sie rückwärts fielen, so hatten sie die angenehme Aussicht, durch spitzige Lavabrocken in Stücke gerissen zu werden, wenn sie aber vorwärts fielen, so landeten sie im Kraterkessel, dessen Kochen und Brodeln ihnen ins Ohr klang.

Die Handlung schrieb vor, daß der flüchtende Ver­brecher an diesem Kraterrand eingeholt und in die Enge getrieben werden sollte. Ein Kampf auf Leben und Tod am Abgrund, verzweifelte Notwehr des Schurken, schließlich Sturz des Schurken in die bro­delnde Tiefe diese Szenen mußten nun gespielt und ausgenommen werden.

Noch vor einem Augenblick", so schilderte C. Le- stock Reid, einer der Hauptdarsteller, seine Erleb­nisse,wären wir froh gewesen, wenn wir wieder hätten umkehren können. Jetzt packte uns die Hand­lung, die wir spielten, so, daß wir in einem sonder­baren Verwandlungsprozeß kaum mehr zwischen Spiel und Wirklichkeit unterschieden. Wir hatten alles um uns vergessen außer der Notwendigkeit, die Szene lebenswahr darzustellen. Aus unserer schau­spielerischen Entzückung rief uns ein schriller War­nungsruf unseres indischen Führers zurück. Wir fuhren zusammen und bemerkten, daß der Krater buchstäblich unter unseren Füßen lag, die schon halb über den abbröckelnden Rand hinausragten.Um Gottes willen, aufpassen!", schrie ich.Wir stürzen!"

Wir ließen einander instinktiv los und riefen uns gegenseitig zurück. In dem hastigen Streben, dem Kraterrand zu entfliehen, vergaß ich, daß es auf der anderen Seite herunterging. Ich fiel über den Rand, und nur ein Wunder konnte mich vor dem Hinunter­rollen bewahren. Das Wunder blieb zum Glück nicht aus. Nachdem ich etwa sechs Meter gerutscht war und die schlimmsten Sekunden meines Lebens durch­gemacht hatte schlug ich auf, und konnte mich wie ein Ertrinkender noch an einem von den Holländern angelegten Geländer halten. Wenn es nicht dage­wesen wäre bann wäre dieser Bericht nicht ab­gefaßt worden.

Nach einem Augenblick der Verwunderung, daß ich noch lebte, machte ich mich daran, wieder nach oben zu klettern. Als ich den Berggrat erreicht hatte, trat ich dafür ein, daß wir die eben gedrehte Kampfszene nicht wiederholten. Aber der eigentliche Entschei­dungskampf stand uns noch bevor. Ich selbst war an dessen letzten Momenten nicht beteiligt. Aber mein Kollege M. hatte die Aufgabe, sich mit dem Ver­brecher, dargestellt durch K., direkt am Kraterrand zu balgen. Der gefährlichste Augenblick war jener, wo K. endgültig bezwungen, seine Arme nach rück­wärts werfen mußte, um in die kochende Lavamasse zu stürzen. Alles ging gut. Den eigentlichen Sturz sollte natürlich eine Puppe ausführen, die einen gerade menschlichen Eigensinn zeigte, sich ihrer Auf­gabe zu entziehen. Nachdem sie nämlich unter den Augen der Kamera zehn Meter hinuntergerollt war, blieb sie endgüttig an einem kleinen Vorsprung hängen. Noch ein wenig weiter, und sie wäre aus dem Bild gewesen. Kein Filmschurke aber, der sich selbst respektierte, konnte kurz vor seinem Untergang in einer solchen Lage verharren.

Mit anderen Worten: wir mußten die Puppe, die einzige, die wir hatten, wieder heraufholen, wenn unsere Arbeit nicht schließlich doch vergeblich sein sollte. Darüber waren wir uns einig. Weniger einig waren wir uns darüber, w e r die Puppe holen sollte. Einer unserer Kulis bot sich schließlich an. Er wollte sogar ohne jede Unterstützung das Wagnis aus­führen, aber wir bestanden doch darauf, daß er sich anseilen ließ.

Aber es ist doch etwas anderes, mit freien Armen und Beinen am Kraterrand zu klettern, als eine mannshohe Puppe dabei zu tragen. Wenn er auch nur einmal das Gleichgewicht verlor! Aber auch das ging gut, es ging sogar mehr als gut, denn die Puppe wollte auch ein zweites und drittes Mal nicht in die Tiefe fallen. Als schließlich aber doch alles ordnungsgemäß auf dem Filmstreifen war, da machte sich der Kuli noch einmal auf, um sich die Kleider der Puppe für seinen Privatgebrauch zu holen! Er hatte sie wahrhaftig verdient!

Alle gefährlichen Szenen waren nun erledigt. Wir mußten für diesen Tag abbrechen. Da aber einige kleinere Aufnahmen noch fehlten, schien es not­wendig, am nächsten Tag noch einmal den Aufstieg zu unternehmen. Da stellte sich heraus, daß die Schwierigkeiten, in Java zu filmen, in erster Linie gar nicht vulkanischer Natur sind. Denn als mir an diesem zweiten Tage gerade den Bromo erreicht hatten, da trat uns ein höflicher kleiner Mann in der Uniform der javanischen Polizei entgegen und erklärte uns, daß das Filmen hier überhaupt nicht erlaubt sei. Inzwischen mar nämlich das unsinnige Gerücht aufgekommen, daß wir Spione sein könnten.

Widerspruch war wirkungslos. Wir konnten den Gipfel des Bromo kein zweites Mal betreten. Daß wir am Tage vorher schon Aufnahmen gemacht haben könnten, auf diese Idee ist die javanische Po­lizei zum Glück nicht gekommen ... Ha.

naueren Untersuchung, so stellt sich heraus, daß neunzig Prozent sich mit der kurzen Spanne im Leben eines Menschen beschäftigen, die mit dem bewußtenersten Blick" anhebt und mit demer­sten Kuß" zuweilen auch mit dem Standesamt schließt. Wenn alles seine Richtigkeit hätte, so müßte diese Spanne neunzig Prozent des mensch­lichen Lebens ausmachen. Das tut sie aber nicht. Denn vor und nach dieser Spanne ist ein normales, menschliches Leben mit soviel seltsamen, spannenden und erzählenswerten Momenten ausgestattet, daß diese kurze Spanne dagegen leicht einmal in Ver­gessenheit gerät.

Wenn der Film wirklich das Originelle, Erre­gende und Interessanteste des Lebens gestalten wollte, fo wäre nicht einzusehen, warum er sich nun ausgerechnet auf diese bewußte Spanne kapri­ziert. Denn in der Zeit mein Gott, wie oft ist das schon gesagt und gesungen worden! be­nehmen sich alle Menschen gleich, völlig unoriginell, und unvernünftig.

Der Film zwingt einen, es anders zu machen. Im Film läuft man einem solchen Pärchen 2500 bis 3000 Meter weit nach.

Warum tut man das? Weshalb schreit niemand Protest aus gutem Geschmack ober Langeweile? Weil man ja gar nicht nachläuft, sondern weil man binnen kurzem selbst die eine Hälfte von diesem Pärchen darstellt. Weil man sich übertölpeln läßt. Man erlebt seine Liebesabenteuer gewissermaßen genormt, vor irgendeiner Firma mit allem Kom­fort ausgestattet, man bekommt es für einen be­scheidenen Obolus serviert, wie in einem mittleren Restaurant das Menü zu einszwanzig.

Man sieht, wie recht die oben erwähnten Leute haben, wenn sie den Film eine Industrie nennen. Es soll damit natürlich nicht gesagt werden, daß die Darstellung jeder Liebesgeschichte aus dem Be­zirk der Kunst verbannt sei. Es kommt eben weniger aus die Liebesgeschichte selbst, als auf ihre Dar­stellung an. Das ZehnpfennigheftDein auf Ewig" ober, um bei einem aktuellen Beispiel, zu bleiben, die Geschichte von dem jungen Grafen unb dem ar­men Wiener Mäbel in bem FilmGschichten aus bem Wienerwalb" enthalten zwar einen Liebesroman, nicht aber irgenb etwas, was mit Kunst zu tun hätte. Hingegen würbe sich wohl nie- manb unterfangen, bas Liebeserlebnis inM a s - kerabe" aus bem Lanb ber Kunst auszuweisen.

Auf bie Darstellung kommt es an. Unb barauf, baß bie bange FrageWerben sie sich krie-

g e n?" nicht bas einzige bramaturgische Spannungs­moment vorstellt. In biesen neunzig Prozent, bie man häufig als Jnbustrieprobukt unb Ware bezeich­nen hort, roenbet man ebenfalls ber Art ber Dar­stellung ein großes Interesse zu. Nur mit bem Unterschieb, baß bieses Interesse von ben Kauf­leuten biftiert wirb unb einzig unb allein barauf gerichtet ist, diese Ware als Massenartikel heraus- bringen zu können. Die Frage lautet hier also: Wie schaffe ich ein Liebespaar und eine amouröse Hand­lung, in die jeder Zuschauer sich ohne besondere Mühe hineinversetzen kann, ohne durch irgendeine Besonderheit, durch irgendeine Unähnlichkeit mit sich selbst gestört zu werden. Man beantwortet diese Frage, indem man mit seltener Meisterschaft einen genormten Durchschnittsliebhaber und ein liebes süßes, durch keinerlei charakteristische Eigentümlich­keiten feftgelegtes Durchschnittsmädel zeichnet. So kommt es, daß man immer wieder und wieder die­selben zuckersüßen herzigen Maderln unb bie glatt- gesichtigen, hübschen Tausenbsassas, bie bezaubern- ben Schönlinge vorgesetzt bekommt. Die beide so überaus unoriginell unb charakterblaß, aber so seien wir einmal ehrlich; wir finb ja alle bloß Menschen na eben: soo aussehen (wie wir alle uns in schwachen Stunben schon gewünscht haben, auszusehen.)

Es ist alles auf bas raffinierteste auskalkuliert unb berechnet, man bekommt es fertig, allen Wün­schen ber pp. Kunbschaft weitgehenbst gerecht zu werben nur eines gelingt nicht babei: Kunst zu machen.

Wie lange bas bem Film noch zuträglich fein mag bas ist bie einzige Kalkulation, bie in ben Büchern ber Filmkaufleute zur Zeit noch fehlt. Vor­läufiggeht" ja bie Ware noch immer. Sie liegt ja bereits im Filmtitel, ber sich auf Biegen unb Brechen bemüht, immer roieber bas Wort Liebe in ein neues Kleib zu hüllen. Unb bas zieht ja be« kanntlich immer. (Warum hättest bu, verehrter Leser, sonst auch bissen bitteren Artikel gelesen?)

Der 40. Geburtstag des Kinos.

Das Jahr 1895 hat in ber Geschichte ber Kine­matographie eine wichtige Rolle gespielt. Der Franzose Lumiöre trat bamals mit bem Appa­rat hervor, ber ben Anstoß bazu gab, bie neue Er- finbung als Unterhaltungsmittel zu verwenben, unb daburch wurde die Kinematographie als ein

graphisch hat man sich nicht allzuviel Mühe mit ihr gemacht.

Die beiden Schurken: Westermeier und R a s p, verdienen Anerkennung und Lob, da sie ein paar vorzüglich durchgearbeitete Charaktere dar­stellen. Die Verbrecher werden von Sima, Ralph und D a h m e n gemimt. Für die Regie zeichnet Hans S t e i n h o f f und das routiniert ge­schriebene Drehbuch floß aus den Federn von L. M a y r i n g und Ludwig von Wohl.

Ferien vom Ich."

Nach dem Roman von Paul Keller hat man ein Lustspiel gedreht und damit bewiesen, daß Witz und Humor stärker zünden, wenn ihnen ein Ge­danke zugrunde liegt, der nicht nur aus bem Augenblick geboren ist. Mit ausgezeichneten Dar­stellern hat Hans Deppe bie Regie geführt, man kann ihn unb anbere loben, trotzbem bleibt eine Forberung offen:

Wer bieFerien vom Ich" kennt, muß enttäuscht barüber fein, wie man bas Manuskript zurecht­gebogen hat. Es bleibt unverstänblich, warum man nicht ein wenig tiefer ging, ben Ernst nicht fanb unb sich mit einem Lustspiel, bas zeitweise sogar zur Posse wirb, begnügt.

Speelmanns unb Henkels finb wie immer ausgezeichnet. Sicher in ber kleinsten Geste, Men­schen wie ich unb bu, mit allen ihren Schrullen, Nerven, Leistungen unb inneren Regungen, lieber Carola Höhn verlohnt es sich, ein paar Worte zu sagen. Diese junge Schauspielerin ist zart wie selten eine; sie konnte sich bisher nicht recht burchsetzen. Das soll ein Vorwurf für bie Herren sein, bie bar­über zu entscheiben haben, wer ben sogenannten Nachwuchs für bie Leinwanb barstellt. Zugegeben, baß biese Darstellerin im Anfang noch ein wenig tastet, aber wozu finb bie Regisseure ba, wenn sie sich nicht bie Mühe machen wollen, ein begabtes Geschöpf au lösen?

Der Eriolg bes Filmes ist groß. Es gibt Beifall über Beifall, man lacht unb bekommt schreckliche Sehnsucht banach, auch einmalFerien vom Ich" zu machen.

Wie entgeht ein Film?

Der Weg eines Films von ber Idee bis zur Aus­führung ist weit und dornig. Der Filmbichter, nicht jeder Dichter ist ein Filmbichter, hat eine Jbee, aus ber sich nach seiner Filmerfahrung ein guter Film Herstellen ließe. Der Autor fertigt zunächst ein Expose an, bas auf 20 bis 30 Schreibmaschinen­seiten bie Hanblung enthält. Das Exposö wirb bem Filmbramaturgen zur Begutachtung vorgelegt; fin« bet es dessen Beifall, bann beginnt sich ber Probuk- tionsleiter für bie Sache zu interessieren. Der glück­liche Dichter wirb gebeten, ein sog.Treatment" an­zufertigen. Der Dichter arbeitet baraufhin das Ex­pose aus, bas dann schon einen Umfang von 60 bis 80 Schreibmaschinenseiten erhält unb alsErste Fassung" wieder dem Dramaturgen zugeleitet wirb. Zusammen mit diesem, bem Produktionsleiter und dem Regisseur wird diezweite Fassung" ausgear» beitet, die nun schon die Bildfolgen enthält. Mer babei bleibt es nicht, noch eine britte Fassung wird notwendig, an der sich auch schon ber Architekt be­teiligt, unb bann ist bas Drehbuch, bas einen star­ken Buchdanb von mehreren hunbert Seiten bar­stellt, kurbelreif. Inzwischen hat man sich sebr ernst­haft mit der finanziellen Seite des zukünftigen Films beschäftigt. Die Kalkulation unterscheidet nach bem Kostenaufwand des Films, ob er zur Klaffe A, B ober C gehören soll. Nach der zur Verfügung gestellten Summe sucht sich der Produktionsleiter den Regisseur, die Schauspieler, Komparsen, ben Komponisten unb Architekten aus. Der Regisseur ist verpflichtet, den Film in einer bestimmten An­zahl von Tagen herzustellen, unb für jeben Tag ist das zu leistende Programm bis in alle Einzel­heiten festgelegt. Handelt es sich um Freiaufnahmen bann kann es leicht vorkommen, daß alle am Film beteiligten Darsteller und Operateure im Gebirge, in ben Tropen ober auf bem Meer wochenlang auf

Gewerbe im heutigen Sinn begrünbet. Ebenso zeigten 1895 bie Brüber Sklabanowsky zum erstenmal im Berliner Wintergarten Darstellungen mit bem von ihnen erfunbenen Bioskop. Man kann also sagen, baß bas Kino vor vier Jahrzehnten bas Licht ber Welt erblickte. Der Film war freilich schon vorher erfunben, unb auch Vorführungen in ber Form unseres Kinos hatten bereits ftattgefun« ben. Es ist feftgefteUt, baß ber amerikanische Schau­steller ß e o r o i am 5. Februar 1894 in Neuyork in einem Hause ber Beckrnan-Street 16 öffentlich unb gegen Bezahlung einen Film zeigte, ber bie Hinrichtung ber Maria Stuart zum Gegenstanb hatte. E b i s o n s Erfinbung war bereits 1891 beim amerikanischen Patentamt angemelbet worben, unb auch sonst finb schon vor 1895 von Deutschen unb anberen Reihenaufnahmen nach bem Prinzip ber kinematographischen Darstellung gezeigt worben. In einem Aufsatz berFilmtechnik" beschäftigt sich Hans P a n b e r mit ber Bebeutung bes Jahres 1895 in ber Geschichte ber Kinematographie unb erörtert babei bie so viel umstrittene Stellung ber beutschen Erfinber Sklabanowsky. Die Skla- banowskys traten erst nach fiumiere hervor, ber seine Erfinbung am 22. März 1895 wissenschast- lichen Kreisen unterbreitete unb bann Öffentlich zur Schau stellte. Die erste Vorstellung ber Sklabanow- skys mit ihren Bioskop-Bilbern erfolgte im Winter­garten am 1. November 1895, unb sie traten bann auch anberroärts bamit auf. Ihre Erfinbung ist von ihnen burchaus felbftänbig ausgearbeitet wor­ben, aber sie können nicht als Schöpfer ber Kine­matographie angesehen werben, ba biese schon vor­her erfunden war, unb ba Ebison unb Lumiöre bereits Vollkommeneres geschaffen hatten.Wenn man bas Erfinberschicksal ber Brüber Sklabanow­sky heute betrachtet", schreibt Panber,kann man nur sagen, baß sie als Pioniere ber Kinemato- graphie zu werten finb, aber ein tragisches Schick­sal wollte, baß sie von vornherein einen aussichts­losen Nebenweg einschlugen, noch bazu zu einer Zeit, wo anbere bereits weiter waren. So weiß man aus ber Biographie Thomas Alva Ebisons, bie fein Mitarbeiter Dickson 1894 veröffentlichte, baß Ebison schon 1889 bas vorgeführt hat, was unstreitig als erster Nabeltonfilm anzusehen ist unb baß er 1888/89 Filme bes heutigen, auf ihn au- rückgehenben Formats projiziert hat. Von iym Haden die Brüder Lumiöre bas Filmformat unb bie Perforation übernommen.*