Ausgabe 
5.1.1935
 
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ttr.4 viertes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)8amrtag,5.Zamiar 1955

Der Gießener Gchlachthof ein moderner Versorgungsbetrieb.

Das humane Tötungsgerät:

Der Schermersche Bolzenschüß-Apparat.

Der Gießener Schlachthof besteht seit nahezu 50 Jahren. Er setzt sich aus einer Reihe von Ge­bäuden zusammen, von denen ein Teil im Jahre 1886 erbaut wurde. Eine bedeutsame Erweiterung hat der Schlachthof durch den Bau der modernen Schweineschlachthalle im Jahre 1910 er­fahren. Bor etwa einem Jahre wurde eine auf das modernste eingerichtete R i n d e r k u t t e l e i in Be­trieb genommen, so daß der Schlachthof Gießen heute eine moderne Einrichtung dieser Art darstellt. Lediglich das Verwaltungsgebäude und die Rinder­schlachthalle sind noch Schmerzenskinder. Neubau­ten scheiterten bisher aber an der Finanzierungs-, frage.

Der Gießener Schlachthof ist, ganz grundsätzlich betrachtet, wie jeder moderne Schlachthof, eine große hygienische Anstalt, die dem Zwecke dient, unter dem Gesichtswinkel des Gemeinwohls, die Bevölkerung mit völlig einwandfreiem Fleisch zu versorgen. Durch die Konzentration der Schlach­tungen in den Schlachthöfen ist Gewähr dafür ge­boten, daß die auf den Menschen übertragbaren Krankheiten der Haustiere von den im Schlachthof angestellten Tierärzten rechtzeitig erkannt, die in­fektiösen Tiere beseitigt werden und das minder­wertige, im Nahrungs- und Genußwert herab­gesetzte Fleisch dem allgemeinen Verkauf entzogen und der Freibank zugeführt wird. Das Fleisch, das auf der Freibank verkauft wird, ist für Mensch und Tier durchaus unschädlich, wenn es auch nur gekocht oder gebraten Verwendung finden soll.

Zu den Erkrankungen, die von Tieren auf den Menschen durch pflanzliche Keime (Infektions­erreger") übertragen werden können, gehören u. a

ben wären. Die Veterinärpolizei kann, den An­regungen der Tierärzte des Schlachthofs folgend, jeweils ihre Schutzmaßnahmen anordnen.

Aber auch die Landwirtschaft erfährt durch den Schlachthof eine wesentliche Förderung. Wie mancher Bauer kann auf Krankheiten' seiner Schlachttiere und deren Ursachen aufmerksam ge­macht werden. So kann ihm z. B. nach der Ein­lieferung eines Kalbes, das sich als tuberkulös er- weist, gesagt werden, daß er sehr wahrscheinlich ; eine an Tuberkulose erkrankte Kuh im Stalle stehen hat. Der Bauer kann dann durch die Be­seitigung des kranken Tieres seinen Viehbestand sanieren.

Eine wichtige Aufgabe hat der Schlachthof in der bakteriologischen Untersuchung von paratyphus­verdächtigen Tieren Paratyphus ist am Schlachtbefund selbst nicht zu erkennen. Auch hier kann mancher Seuchenherd festgestellt werden, von dem viel Unheil für den Menschen ausgehen kann. Jeder moderne Schlachthof muß deshalb auch für

zahl der in unserem Schlachthof getöteten, ausge­schlachteten und untersuchten Tiere zu erfahren. Im vergangenen Jahre 1934 wurden 261 Ochsen, 66 Butten, 955 Kühe, 1905 Rinder, 39 Pferde, 11525 Schweine, 6813 Kälber, 357 Schafe, 35 Ziegen, 2 Ziegenlämmer und 4 Spanferkel in unferm Schlachthof geschlachtet.

Das Töten der Tiere geschieht auf denkbar hu­manste Weise. Der Hammer, mit. dem früher das zu schlachtende Tier mehr oder weniger stark, ge­schickt oder ungeschickt auf den Kopf geschlagen wurde (wodurch es betäubt werden sollte) wird im Schlachthof längst nicht mehr geschwungen. An Stelle des Hammers ist der Schermersche Bolzenschuß - Apparat getreten, durch den das Tier im winzigen Bruchteil einer Sekunde dem Bewußtsein seiner selbst entrissen wird. Der Appa­rat ist sehr sinnreich konstruiert. Durch Auslösen einer Feder wird in einem festen Sahlmantel eine Pulverladung zur Explosion gebracht, durch die mit großer Kraft und Schnelligkeit ein Bolzen bewegt

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Das Tier ahnt nichts von seinem Tode in der nächsten Sekunde.

Im Kühlraum: Jeder Metzger Hut eine Zelle für sein Schlachtgut.

Brühbottiche stehen den Metzgern zur Verfügung, Tische für die Bearbeitung von Mägen, Därmen, Klauen und Köpfen stehen den Notwendigkeiten ent­sprechend bereit. Entnebelungsanlagen halten die Luft stets klar. Große Fenster und Oberlichte ma­chen die Arbeitsräume hell. Glasierte Wandplatten bedecken bis zur Höhe von zwei Meter die Wände, so daß allen Forderungen der Hygiene Rechnung getragen ist. Neuartig ist die moderne Düngerpresse, durch die der Panseninhalt gedrückt wird, dabei 70 v. H. seines Feuchtigkeitsgehaltes sowie verschiedene unangenehme Eigenschaften (Geruch, Klebrigkeit) verliert und in der sich ergebenden Form als Dün­ger Verwendung finden kann. Die Düngerpresse in der Rinderkuttelei des Gießener Schlachthofes ist die zweite derartige Maschine, die bisher in Deutsch­land aufgestellt wurde. Die Gesamteinrichtung der neuen Kuttelei ist auf Einfachheit und Zweckmäßig, feit abgestellt und hat bis jetzt allen Erwartungen entsprochen.

Eine sehr wesentliche Station des Gießener Schlachthofes ist die Kühlanlage. Die Kühl­häuser der deutschen Schlachthöfe sind für die Volks- wirtschaft von ungeheurer Bedeutung. Mindestens

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Schlachtgut (Schweine) auf dem Weg in den Vorkühlraum.

Die neue Rinderkuttelei.

und vor allem die Tuberkulose, der Milzbrand, der Rotz (eine Pferdekrankheit), die Tollwut und die Maul- und Klauenseuche. An parasitären Erkran­kungen, die auf den Menschen übertragbar sind, find zu nennen: die Rinderfinne, aus der der gemästete Bandwurm (Taenia saginata) entsteht (das Rind ist lediglich der Zwischenträger); ferner die Schweinefinne, aus der sich im Menschen der Einsiedler-Bandwurm entwickeln kann. Schließ­lich ist die Trichine besonders zu erwähnen, die, wenn sie in den menschlichen Körper gelangt, Erkrankungen und den Tod herbeiführen kann.

Der Schlachthof steht aber nicht nur im Dienste der Allgemeinheit, soweit es den Fleischgenuß an­betrifft, sondern er ist auch ein wichtiger Helfer der V e t e r i n ä r p o l i z e i. Bei der Schlachtung im Schlachthof können durch die wissenschaftliche Untersuchung Seuchenherde aufgedeckt werden, die sonst vielleicht noch lange Zeit unbeobachtet geblie-

bakteriologische Untersuchungen eingerichtet sein. Die zielbewußt und ebenso verantwortungsbewußt geleistete Arbeit in den Laboratorien der Schlacht­höfe hat im Gefolge, daß Fleischvergiftungen im­mer seltener werden.

Aus alledem ist zu erkennen, wie unbedingt not­wendig die Einbeziehung der Hausschlach- t u n g e n in den Untersuchungszwang wäre. Viele Krankheiten der Tiere bleiben bei Hausschlachtun­gen unbeobachtet. Leider fehlt bis heute das gene­relle Gesetz dafür, das für jede Schlachtung die Fleischbeschau verlangt.

Nebenbei sei noch bemerkt, daß der Schlachthof Gießen jährlich etwa 150 000 Mark an Schlacht­steuern an den Staat abführt. Für das Kalb müs­sen 4 Mark, für die Kuh 7, für Rinder 10 bis 22 und für Schweine über 40 Kilogramm 9 Mark Schlachtsteuer erhoben werden.

Von besonderem Interesse dürfte es sein, die An­

wird, der in das Gehirn der Tiere dringt und das zu schlachtende Tier im gleichen Augenblick bewußt­los zu Boden stürzen läßt. Sofort tritt der Metzger in Funktion; Rinder werden sofort ausgeschlachtet. Schweine werden in der vorbildlich eingerichteten Schweineschlachthalle aus der Tötebucht heraus in heißes Wasser gestürzt, dann entborstet und schließ­lich ebenfalls ausgeschlachtet. Baucheinaeweide gehen in der unmittelbar angeschlossenen Kuttelei ihrer Verarbeitung entgegen. Die Einrichtung der Halle gestattet die Verarbeitung fast ohne Berüh­rung des Fleisches mit Menschenhand. Fahrbare Spreizen ermöglichen einen raschen Transport.

Die Rinder-Kuttelei, die jetzt dem Schlachthof dient, ist eine der modernsten Einrich­tungen, die es auf diesem Gebiete gibt. Die Kuttelei ist ein in sich mehrfach unterteiltes neues Gebäude, das mit Einrichtungen ausgestattet ist, die ein eben­so schnelles, als sauberes Arbeiten gestatten. Große

10 v. H. aller Lebensmittel wären der Verderbnis ausgesetzt. Man sieht in den Kühlräumen des hie­sigen Schlachthofes zu Zeiten große Mengen Fleisch aufbewahrt. Das Schlachtgut erfährt, sobald es aus den Schlachthallen kommt, zunächst eine Vorküh­lung auf plus 5 bis 6 Grad Celsius, und im eigent­lichen Kühlraum eine Kühlung auf 0 Grad Cel­sius. Fleisch kann bei dieser Temperatur verhält­nismäßig lange aufbewahrt werden. Der Kühlraum ist in lauter durch Eisengitter voneinander getrennte Zellen unterteilt, die sich die hiesigen Metzger mie­ten konnten. Außerdem besitzt der Schlachthof seit 1933 einen gut funktionierenden Gefrierraum.

lieber die Arbeit im Untersuchungslabo­ratorium des Schlachthofes braucht im Hinblick auf die vorausgegangenen Ausführungen kaum etwas gesagt zu werden. Das Untersuchungslabora­torium ist im Schlacht.hof die Zelle der Verantwor­tung vor der Volksgemeinschaft.

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Blick in die neuzeitliche Schweineschlächthalle. (Beim Entborsten der Schweine.)

Am Brutschrank im Untersuchungslaboratorium.