Nr. 4 Drittes Blatt
GießenerAnzeiger(General-Anzelger für Oberhessen)
Samstag. 5. Januar 1955
Eine Zukunstsrejerve -er Welirvirischast.
Von Or Paul Rohrbach.
Wieder ist ein Krisenjahr der Wirtschaft zu 'Ende gegangen, und mir fragen uns: Soll das nun immer so bleiben? Nach einer amerikanischen Statistik sind von dem letzten günstigen Wirtschaftsjahr vor dem Einsetzen der Weltkrise, 1929, bis 1933 d i e Importe aller Staaten der Welt von rund 35,6 Milliarden Golddollars a u f rund 12, die Exporte von rund 33 auf rund 11 Milliarden gefallen. Das macht auf der Ausfuhr- wie auf der Einfuhrseite eine Verringerung um zwei Drittel. Für 1934 gibt es noch keine abschließende Uebersicht, aber im Ganzen wird der Stand nicht sehr verschieden von dem zu Ende des vorigen Jahres sein. Deutschland hat, wie wir alle wissen, an dem allgemeinen Rückgang der Wirtschaft feinen Teil zu tragen, und auch die Umstände, die uns besonders drücken (aber nicht entmutigen!), sind bekannt genug.
Versetzen wir uns in das Jahre 1929 zurück und stellen uns vor, damals hätte einer prophezeit: Vom Gesamtwert des Welthandels wird nach fünf oder sechs Jahren nur noch der dritte Teil übriggeblieben sein! Hätte man nicht gesagt: Solch ein Uebermaß von Schwarzseherei ist eine unmögliche Sache!? Angenommen selbst, diejenigen haben Recht, die da feststellen, die Krise sei zum Stillstand gekommen, ja die Kurve steige, weltwirtschaftliche gesehen, schon wieder leise an. — Wie lange mag es dann noch dauern, bis wir einen Jahresabschluß mit Ziffern machen können, die sich den besseren Jahren der Vor- oder Nachkriegszeit wieder nähern? Nicht selten hören wir darauf die Antwort: Das wird überhaupt n i e mehr der Fall sein, denn die eigenwirtschaftlichen Tendenzen der Völker haben sich so verstärkt, daß ein Güteraustausch im Umfang früherer Jahre ein für alle Mal der Vergangenheit angehört. Wir wollen dieser Frage, die nur durch die Erfahrung kommender Jahre ihre Beantwortung finden kann, hier im Ganzen nicht weiter nachgehen, sondern ein Gebiet herausnehmen, auf dem noch eine große, bisher nicht zur Entwicklung gebrachte weltwirtschaftliche Reserve vorhanden ist, die auch uns nahe angeht: Afrika!
Alle Gütererzeugung, und dem entsprechend auch aller Güterverbrauch, ist abhängig von der M e n g e des vorhandenen Bodens und der Zahl der vorhandenen Menschen. Für die heutige Bevölkerung Afrikas — Afrika im Sinn seiner tropischen Teile verstanden —, ist es schwer, eine genaue Zahl anzugeben. Sie mag zwischen 100 und 120 Millionen Seelen betragen und ist, wenn überhaupt, so nur sehr langsam im Wachsen, weil die Schädigungen durch Krankheiten und die gesundheitliche Unwissenheit der Eingeborenen zu groß sind. Die Kindersterblichkeit ist ungeheuer, und das durchschnittliche Lebensalter noch erheblich niedriger, als früher in Europa. Die Schlafkrankheit, die Malaria und der Hakenwurm find die hauptsächlichsten Würger des schwarzen Afrikaners. Dazu kommt die Tsetsekrankheit des Viehs, die in allen befallenen Gebieten Pflugkultur unmöglich und Milch für Kinder zu einer unbekannten Nahrung macht. Mit der Hacke kann eine menschliche Arbeitskraft nur ein Viertel des Landes bestellen, wie mit dem Pflug, und das Fehlen der Milch ist mit ein Hauptgrund für die hohe Sterblichkeit der Negerkinder.
Die große, zugleich humane und machtvoll wirtschaftsfördernde Parole gegen diese Hebel heißt: Sanierung Afrikas. Ein Afrika mit vervierfachter Menschenzahl, vervierfachter Kulturfläche wird nach der erzeugenden, wie nach der verbrauchenden Seite auch viermal so viel für die Weltwirtschaft
bedeuten, wie das Afrika von heute. Niemand hat ein größeres Recht, auf einen Anteil an dieser großen weltwirtschaftlichen Reserve zu bestehen, als Deutschland, denn die deutsche Wissenschaft hat zwei große Heilmittel für die den Erdteil verwüstenden Krankheiten gefunden: das Germanin gegen die Schlafkrankheit und, ganz neuerdings das dem Chinin noch überlegene Atebrin gegen die Malaria. 1921 wurde an einem schwer schlafkrank ins Hamburger Tropenhygienische Institut eingelieferten Engländer zum ersten Male die Wirkung des Germanins als Heilmittel am Menschen erprobt, und seitdem ist dies Unheil, das sonst durch nichts in seinem fortschreitenden Verwüstungszuge durch den schwarzen Erdteil aufzuhalten wäre, in feiner Wurzel getroffen. Mit Germanin und Atebrin kann die schwarze afrikanische Menschheit durchgreifend saniert, kann ihrer Vermehrung freie Bahn geöffnet werden. Ihr Wachstums-Spielraum ist mit Rücksicht auf die durchschnittlich sehr geringe Bevölkerungsdichte in Afrika noch auf lange hinaus praktisch unbegrenzt. Auch der Sieg über die Tsetse ist nicht mehr fern.
Wie schnell unter gesundheitlich normalen Verhältnissen die Menschenvermehrung in dünn bevölkerten Ueberfeelänbern vor sich geht, beweist die Siedlungsgeschichte Nord- und Südamerikas: Verdoppelung im Laus eines halben Menschenalters. Der Boden Afrikas kann f a ft alle industriellen Rohstoffe und die meisten der zum Lebensbedarf der Weißen gewordenen G e n u ß m i 11 e l (Tabak, Kaffee) hervorbringen. Die physische Arbeitsleistung für die Produktion sind die Schwarzen zu liefern im Stand, sei es in Lohnarbeit, sei es in selbständiger Ein-
fieborenentultur, und in beiden Fällen entwickeln ie sich auch zunehmend als Verbraucher- ch a f t für die europäischen Industrien. Unkundige werden vielleicht einwenden, es könne eines Tages auch, in Afrika, wie jetzt in Dftafien, heißen: Fort mit den Weißen! Diese Vorstellung hegen aber nur Nichtkenner der afrikanischen Eingeborenen. Der Schwarze ist ohne Frage intellektuell und bis zu einem gewissen Grade auch moralisch entwicklungsfähig; aber er ist von Natur technisch unbegabt, ihm fehlt nicht nur alle Organisationskraft, sondern auch die Fähigkeit ordnenden Dorausbiicks. Niemals wird er imstande sein, sich von der geistigen und technischen Überlegenheit des Weißen zu emanzipieren, und noch viel weniger wird er sich je mit Erfolg gegen den Weißen bewaffnen. Hier handelt es sich um einen tiefen und unausgleichbaren Rassenunterschied.
Um ein paar grobe Biespiel zu nennen: Wenn nur die 15 Millionen Eingeborene in unfern alten Schutzgebieten dahin gebracht werden, jährlich eine Hose, ein Hemd, einen Kittel, einen Kochkessel, einen Eimer zu kaufen, dazu Pflug, Spaten und sonstiges Werkzeug für jede Wirtschaft — welch einen Nutzen gäbe das schon für unsere Wirtschaft! Und nun denke man sich die Volkszahl in ganz Afrika durch Sanierung wachsend und wachsend, sich verdoppelnd, vervierfachend, den vorhandenen kulturfähigen Boden in immer größerem Umfana in Arbeit nehmend, unsere rohstoffhungrige Industrie immer besser versorgend, unfern wirtschaftlichen Absatzraum erweiternd. Dann wird man eine Idee davon bekommen, was das heißt: W i r t s ch a f t s r e s e r v e Afrika!
Achtung Gasrabstimmungsberechtigte!
Der Sonderzug Nr. 15, der von Gießens am Samstag, 12. Januar, abfährt, die Ab-1 stimmungsberechtigten aus dem Lahntat aufnimmt [ und Montag, 14. Januar, zurückgeleitet wird, hat folgenden Fahrplan:
Hinfahrt Rückfahrt
aml2. Januar: am 14. Januar:
8.47 ab Gießen an 23.30
9.04 „ Wehlar ab 23.15
9.16 „ Braunfels „ 23.00
9.22 „ Stockhausen „ 22.53
9.34 „ Weilburg „ 22.43
10.05 „ Limburg usw. „ 22.04
11.19 „ Koblenz (Hbf.) usw. „ 20.33
13.42 „ Trier (Hbf.) ,, 18.26
14.54 ,, Mettlach „ 17.12
15.06 Merzig „ 17.01
15.16 „ Beckingen „ 16.50
15.25 „ Dillingen „ 16.41
15.33 „ Saarlouis „ 16.33
15.43 ,, Vous .„ 16.22
15.53 „ Völklingen „ 16.14
16.09 „ Saarbr.-Vurb. „ 16.02
16.14 an Saarbrücken (Hbf.) „ 15.56
16.21 ab Saarbrücken (Hbf.) an 15.49
16.31 „ Dudweiler ab 15.42
16.41 „ Sulzbach ,, 15.36
16.54 „ Friedrichstal „ 15.30
17.07 an Neunkirchen ab 15.13
Die Aussteigebahnhöfe im Saargebiet sind
gesperrt gefetzt.
Die Fahrkarten werden jedem Abstimmungsberechtigten rechtzeitig bereits in die Wohnung zugestellt werden.
Vor allem sei auch an dieser Stelle nochmals darauf hingewiesen, daß keiner ohne seinen Abstimmungsausweis und gültigen Paß zur Abstimmung
zugelassen wird! Es darf keiner auch nur eine dieser unerläßlichen Urkunden vergessen, da sonst seine Stimme verloren ist!
Große Saarkundgebung am Sonntag/ 6. Januar.
Am Sonntag, 6. Januar, findet im Berliner Sportpalast eine große Saarkundgebung statt, voraussichtlich werden Reichsminister Pg. Heß und Gauleter B ü r ck e l sprechen.
Die Kundgebung wird über alle deutschen Sender übertragen. Der Gemeinschaftsempfang findet für die Gießener Ortsgruppe n im Saale des (Safe Leib statt.
Alle Volksgenossen sind zu diesem Gemeinschafls- empfang eingeladen! Beginn 20 Uhr!
heil Hitler!
Schmelz, Kreispropagandaleiter.
Ortsgruppe Gießen des Bundes der Gaarvereine.
Leiter: Polizeihauptwachtmeister Thum, Neuen Bäue 4, II.
Sämtliche Anfragen von Abstimmungsberechtigten sind an die Saarobleute zu richten, die zu jeder Auskunft und Unterstützung gerne bereitstehen.
Saarobleute sind:
1. Oberarzt Dr. Rau h, Gießen, Universitäts- Augenklinik,
2. Verwaltungs-Oberinspektor Hentschel, Gießen, Welckerstrahe-12,
3. Gerichtsreferendar Koch, Gießen, hitlerwall 51.
Anfragen wegen des Transportes zur Abstimmung sind an den Transportleiter ThuNi oder den stellvertretenden Transportleiter K o ch zu richten (Anschriften siehe oben).
Aus der Provmzialhcmpistadi.
OreikönigStag.
„Drei Könige wandern aus Margenland, ein Sternlein führt sie zum Jordanstrand ..."
Das ist die romantische Legende, die neben der schlichten Bibelerzählung van der Geburt des Chri- stuskindes steht. Es genügt nicht, daß die Hirten dem göttlichen Kinde ihre Verehrung darbrachten, nein, von weither, aus fernen Landen, finden die drei Weisen den Weg nach Bethlehem, um den neugeborenen König zu grüßen. Sie beugen ihre Knie vor ihm und beschenken ihn mit fürstlichen Gaben.
Viele Maler haben sich an diesem Stoff versucht, zahllose Legenden haben sich um den romantischen Bericht gesponnen. Regt er nicht eigenartig bi* Phantasie an in der Gegensätzlichkeit des armseligen Stalles zu dem reichen Gepränge der fremden Herrscher?
Der Tag der Heiligen drei Könige am 6. Januar, der zuerst als rein kirchliches Fest gedacht war, wurde bald ins Volk hineingetragen. Umzüge, bei denen die Könige selber dargestellt werden, Spiele und andere Veranstaltungen wurden in deutschen Gauen zur festen Sitte.
Da der 6. Januar aber mit dem Ende der zwölf heiligen Nächte zusammenfällt, die im germanischen Mythos eine Rolle spielten, so ist es nicht verwunderlich, wenn auch heute noch Reste der alten Ueberlieferung vorhanden sind, die sich neben dem christlichen Fest behaupten konnten. Frau Berchta oder Frau Holle geht an diesem Tage um und prüft die Spinnrocken der Mädchen. Faulen Spinnerinnen wird das Gespinst zerzaust. So glaubten unsere Väter, und in Thüringen wird noch hier und da am 6. Januar Frau Holle verbrannt, damit sie feinen Schaden anrichten kann, denn in christlicher Zeit wurde Frau Holda zur Unholdin...
Die besten Freunde.
Jedes gute Buch kann uns etwas sagen und sagt es uns auch. Man muß nur lesen können. Es erschließt uns Ausblicke, macht zufrieden ober regt an. Viele unserer großen Männer haben befunbet, daß einst ein gutes Buch ihrem Lebensweg eine andere Wendung gab.
Winterabende sind nie langweilig, wenn wir zu einem Buche greifen. Es hilft uns treulich wie ein guter Freund. Mit ihm können wir sprechen, unser Herz ausschütten. So wie uns der Freund beichtet, so spricht das Buch zu uns.
Die Bücher sind immer da. Sie warten, bis wir zu ihnen kommen. Und daß wir eines Tages kommen, das ist gewiß. Geduldig und stumm stehen sie im Bücherschrank. Du bist unter Menschen, du kennst nur wenige, du unterhältst dich, du lächelst und fühlst dich doch so furchtbar einsam. Und siehe! Auf einmal siehst du die Reihe deiner Lieblingsbücher im Geiste vor dir stehen und denkst: Jetzt möchte ich heim, möchte mich in den beguemen Stuhl setzen und ein schönes Buch lesen! Solche Augenblicke kommen bestimmt. Auch bei der Arbeit. Und du beißest die Zähne zusammen und sagst leise: Heute abend! Und die Bücher, sie warten.
Was für Wunderwelten, welch unerschöpfliche Schätze breiten sie dann aus! Wir brauchen nur zuzugreifen. Und wenn wir noch so arm sind, so lange wir lesen, sind wir reich. Wir finden keine besseren und treueren Freunde.
Noch aus der Jugendzeit grüßen uns die Märchenbücher, Robinson und Siegfried, die herrlichen Volksbücher mit all ihren schönen Sagen. Dann kamen die Abenteurerbücher, Karl May und viele andere. Die Romantiker schlossen sich an. Es waren doch unsäglich schöne Stunden, die wir mit unfern Büchern verbringen durften.
Als ich noch Schüler war und mir die Zeit zum Lesen der Bücher zwischen den einzelnen Arbeits-
Was soll ich denn mit einem Auto?
ROMAN VON KÄTHE METZNER.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türrne-Verlag, Halle (S.).
Nachdruck verboten.
1. Kapitel.
Ein grauer November.
Schon seit Tagen ist trostloses Wetter. Unablässig wehen vom Himmel Regen und Schnee. Das Pflaster ist schlüpfrig, und man muß sich in acht nehmen, um nicht auszugleiten. Doch das ist nicht das Schlimmste. Schlimmer ist, wenn die Schuhsohlen entzwei sind und überall das Schneewasser durchdringt. Oder wenn man nur einen dünnen, schäbigen Mantel hat. •
„Ich friere nicht. Nicht ein bißchen", sagte Gerlinde Steinbrück immer wieder leise vor sich hin, während sie fünfen Schritts die belebten Großstadtstraßen durchguerte. Und wirflich, eine ganze Zeit schien diese Autosuggestion zu helfen. Aber dann blieb der tückische, naßkalte Wind doch Sieger Und Gerlinde konnte es nicht verhindern, daß sie sich wie im Fieber schüttelte, als der Wind ihr eben wieder grimmig entgegenblies.
Endlich schien sie am Ziel zu sein. Sie schlupfte durch das hohe Portal eines riesenhaften Gebäudes und befand sich kurz darauf im Leseraum einer der großen Berliner Tageszeitungen.
Gerlinde spürte, wie die trocken-warme Luft der Zentralheizung ihr für Augenblicke die Luft wegnahm; doch dann hatte sie sich daran gewohnt und fühlte nur Licht und wohlige Warme. •
Die Menschen um sie beachtete sie md)t. klopfendem Herzen nahm sie einen der Zeitungshalter vom Haken und blätterte hastig m der letzten Nummer.
Stellenanaebote. , x. t
Stenotypistin. Ein-, zwei-, drei-, viermal di: fettgedruckte Überschrift, stellte Gerlinde im fest. Dann las sie mit schnellen Augen die Anzeigen. Doch der hoffnungsvolle Glanz m ih Augen erlosch sehr bald. Da war wieder nichts dabei, wo sich eine Bewerbung gelohnt haue.
Ein tiefer Seufzer entglitt ihren Lippen, wahrend sie doch noch einmal langsam und sorgsaulg jede einzelne Anzeige studierte. Aber sie hatte sich nicht getäuscht. Das erstemal war Bedingung perfekte Kenntnisse in Französisch und Italienisch, m der zweiten Anzeige wurde „eine äußerst erfahrene Kraft" verlangt — nicht unter fünfundzwanzig Jahren —, dann „Damen, die bereits in der Cisen- branche gearbeitet haben, erhalten den Vorzug, und in der vierten hieß es: Bewerbungen von Anfängerinnen Papierforb.
War es plötzlich nicht mehr so hell und warm in dem großen menschengefüllten Leseraum? Drang der naßkalte Nov^mberwind doch etwa bis hier- herein? Gerlinde Steinbrück fühlte plötzlich wieder, wie sie innerlich fröstelte, und fühlte auch gleichzeitig, daß ihre Strümpfe in den sommerlichen, abgelaufenen Halbschuhen feucht waren.
Zum ersten Male hob sie den Blick. Mutlos und müde starrte sie auf die Menschen, die um sie her saßen und standen. Aber ihre jungen, leidgewohnten Augen sahen mit einem Male in den vielen fremden Gesichtern den eigenen Schmerz, die eigene Enttäuschung.
Da überkam sie eine seltsame Ruhe.
„Nun — es war also für heute nichts!" sagte sie sich innerlich, und das leise Lächeln um ihren Mund zeigte, daß Gerklnde versuchte, ihre Lage weniger tragisch zu nehmen als noch kurz zuvor. Sie würde also morgen wiederkommen und übermorgen und alle Tage... Einmal mußte es doch klappen.
Unwillkürlich steifte das junge Mädchen den Nacken. Sieghafter, unerschütterlicher Glaube der Jugend.
Beinah mechanisch, fast nur, um etwas zu tun, blätterte sie die Seite des Zeitungsblattes um. Es schien, als wolle sie den Aufenthalt hier noch ein wenig hinauszögern, ehe sie sich wieder draußen dem 'trostlosen Novembergrau überließ.
Da sprangen ihr große, fette Buchstaben in die Augen und 'weckten unwillkürlich ihr Interesse.
!! Eilt !!
Junge Dame, tadellose Figur, hübsches Gesicht, Blondine, zirka 1,65—1,70 Meter groß, als
Mannequin
zur Aushilfe für große Modenschau gesucht!! Vorzustellen heute!?
Modehaus Merkur.
Gerlinde Steinbrücks Puls ging plötzlich rascher. Wenn das etwas für sie wäre... Wenn sie doch nicht umsonst gekommen fein sollte... Eine Aushilfe! Mein (Bott, und wenn sie fünf Mark verdienen konnte, das waren Holz und Kohlen ... das waren foundfoviele Mittagbrote ... das war ...
Die Gedanken, denen sie erst zaghaft nachgegeben hatte, wurden plötzlich überraschend stark in ihr.
Modehaus Merkur. Welche junge Berlinerin kannte es nicht! Welches junge Mädchen hatte noch nicht mit sehnsüchtigen Augen vor den hohen, eleganten Schaufenstern gestanden und die kostbaren Auslagen bewundert?!
Gerlinde erinnerte sich genau, wie sie vor wenigen Wochen einmal mit ihrer Schwester Gisela dort gestanden hatte. Und sie erinnerte sich dann weiter, wie in Giselas Augen plötzlich ein ganz eigenartiges, süchtiges Brennen kam, während sie überstürzt herausgesprudell hatte; . _
„Diese Kleider werde ich auch einmal tragen. Ich werde hier auch einmal im eigenen Auto vorfahren. Es gibt häßlichere Mädchen als wir sind, die ihr Glück gemacht haben, Linde! Ja — glaubst du denn, ich sähe nicht, wie sich die Männer auf der Straße nach uns umsehen, wie ihre Blicke unsere Gestalten fast verschlingen? Deine auch, Küken! Mach' nicht immer so dumme Augen, als ob du das nicht wüßtest! Der Spiegel sagt dir wie mir, daß wir bildhübsch sind und blond dazu.
Sie war damals tief erschrocken über Giselas Worte und über den Ausdruck im Gesicht der Schwester. So fremd schien sie ihr mit einem Male. Doch die andere hatte schnell das Thema gewechselt, als habe sie zuviel von ihren innersten Gedanken verraten.
Gerlindes Gesicht überzog flammende Röte. Warum kam ihr das alles jetzt gerade in den Sinn? Doch dann wußte sie auch schon.
„Daß wir bildhübsch sind", hatte Gisela gesagt, „und blond dazu."
Aber ... wie konnte Gisela das nur so frei heraussagen? Gerlinde hatte nie darüber nachgedacht, ob sie hübsch sei oder nicht, und wenn schon einmal, dann war sie immer zu dem Schluß gekommen, daß andere Mädchen viel, viel hübscher waren als sie. .
Und auch in diesem Augenblick ging es ihr nicht um diese Frage, sondern nur um die Aussicht auf eine kleine, wenn auch nur vorübergehende Verdienstmöglichkeit.
Wie viel freier wäre ihr Herz gewesen, wenn man statt eines hübschen Mannequins eine junge Stenotypistin, Anfängerin, gesucht hätte!
Doch dann dachte sie an das blasse, versorgte Gesicht der Mutter, und da war sie sich klar darüber, daß sie selber gar nicht zu entscheiden hatte, sondern einfach jede Möglichkeit aufgreifen mußte, wenn Aussicht bestand, zu verdienen.
Schnell hängte Gerlinde den Zeitungshalter an den Haken und eilte davon.
Doch merkwürdig, jetzt brauchte sie sich nicht gewaltsam stark zu machen gegen den peitschenden, naßkalten Wind. In ihrem ganzen Körper prickelte eine Wärme der Erregung und zauberte einen rosigen Schimmer auf die blütenweichen Wangen.
Doch viele Straßen hatte sie zu durcheilen, bis sie endlich vor dem Modebause Merkur stand.
Als sie wenige Augenblicke später in dem hocheleganten Geschäft stand, war plötzlich aller Mut wie weggefegt, und sie begriff nicht, wie sie es hatte wagen können.
Die ausgesucht vornehm gekleidete, ältliche Empfangsdame musterte das junge, verwirrte Mädchen mit einem maßlos erstaunten Blick auf die schlechten Schuhe und den dünnen, unmodernen Mantel, fragte dann aber doch höflich:
„Was steht zu Diensten, meine Dame?"
„Ach, Verzeihung..." Gerlindes Atem ging schwer, doch bann wurde ihr banges Herz etwas
mutiger. Mehr als eine Ablehnung konnte ihr ja nicht geschehen: „Ich komme auf die Anzeige hin. Ich möchte mir erlauben, mich vorzustellen ... zur Aushilfe ... als Mannequin ..."
In der Empfangsdame aber schien inzwischen eine Veränderung vor sich gegangen zu sein. Ihr geübter Blick hatte in dem ärmlich gekleideten Mädchen schnell eine ausgesucht schöne Figur erkannt, und das Gesicht ... ein ganz bezaubernd süßes Kindergesicht, dem nur die traurigen, großen Augen und der leichte Schmerzenszug um den feinen Mund Zeichen innerer Reife und Klarheit gaben.
So war ihre Stimme wesentlich freundlicher, ja, .fast teilnahmsvoll, als sie einem der herumstehenden Boys winkte.
„Der Boy wird Sie hinaufführen in die Vorführräume, Fräulein!"
Gerlindes Augen dankten der Empfangsdame mehr als ihr Mund, der nur schüchtern „Herzlichen Dank!" stammelte. Das junge Mädchen hatte wohl gehört, wie die fremde Stimme jetzt anders geklungen hatte.
Lautlos ging sie hinter dem Boy über schwere Läufer und Teppiche.
Vor einer breiten Milchglastür hielt der Boy feine Schritte an. Einen Augenblick zögerte er, dann nahm er beinah militärisch exakte Haltung an und öffnete behutsam.
„Bitte, warten Sie hier, Fräulein! Es sind noch mehr Damen da, die auch warten!"
Gerlinde schritt durch die Tür, die der Boy hinter ihr einklinkte, und sah sich im nächsten Augenblick mehr als einem Dutzend staunender Augenpaare gegenüber.
Verwirrt grüßte sie. Doch nur ein Murmeln kam als Antwort.
Das waren alles Bewerberinnen? Diese hübschen, feingekleideten Mädchen ... Neben denen sollte sie bestehen können?
Gerlinde sah Pelzmäntel, schicke, kurze Pelzjäckchen, tadellose Ueberschuhe. Jetzt erst bedachte sie, daß sie sich wohl gar keinen rechten Begriff von ihrem Vorhaben gemacht hatte. Das war ja völlig sinnlos und töricht von ihr gewesen. Hier schied sie als Bewerberin selbstverständlich vollkommen aus.
Ach, wäre ich doch erst wieder draußen!, dachte sie beklommen und hatte das Gefühl, als wenn die spöttisch prüfenden Blicke der anderen bis auf die Haut brannten.
Minute auf Minute verging.
Endlich öffnete sich wieder die Milchglastür, und wie auf Kommando wandten alle sich um.
Hinter einer lebhaft gestikulierenden Dame trat ein Herr in den Raum, und an der Art, wie fein Blick durch dicke Brillengläser hindurch die Wartenden überflog, schien jedes der Mädchen sofort zu empfinden, daß er hier ein ausschlaggebendes Wort zu reden hatte.
(Fortsetzung folgt!)


