Ausgabe 
4.12.1935
 
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Mittwoch, 4. Dezember 1935

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Nr. 283 Drittes Blatt

Bücher unter dem Weihnachtsbaum.

e.

Volksbücher und Märchen

bereiten.

y-

Buch des Insel-Verlags schmücken.

e.

Enno Littmann: Arabische Mär-

Verlag zu

Allerlei neue Tierbücher

tur hingewiesen werden kann.

Cherry Kearton:

vollkommene Einheit.

Severin Rüttgers: DeutscheVolks- b ü ch e r. Im Insel-Verlag, Leipzig. Preis gebunden 4,50 RM. (486) Deutsche Volksbücher heißen jene volkstümlichen Nacherzählungen der alten Hel­den- und Spielmannsdichtung, deren bunte Aben­teuerwelt durch die Jahrhunderte hin immer von neuem die Leser gefesselt hat. Severin Rüttgers hat diesen stammhaftesten Teil der ganzen Literatur" von den Schlacken des Veralteten gereinigt und die Geschichten auf seine oft erprobte meisterliche Art nacherzählt. Wir finden den hörnern Siegfried, die vier Haimonskinder, Herzog Ernst von Schwa­ben, Wigoleis, Kaiser Barbarossa, Melusine, Grisel­dis, die schöne Magelona, Hirlande, Fortunat, Eulenspiegel, die Schildbürger und Doktor Faust. Sie alle, uns wohlvertraut, treten in diesem schönen Buch neugestaltet vor uns hin und werden doch den alten ewigen Zauber üben, weil die Lust am Aben­teuer und der Wunderglauben nie verloren gehen werden.

miteinander sind, wie Jahreszeit und Lebensvor­gänge mit größter Genauigkeit ineinandergreifen, wie hier im Mikrokosmos eine Lebensgemeinschaft entstanden ist, die aufs engste aufeinander ange­wiesen ist und in der jedem Einzelwesen, sei es Pflanze oder Tier, eine besondere Aufgabe gestellt ist. Dies reizend ausgestattete Büchlein hat als eine solche Lebensgemeinschaft den Wiesenteich betrach­tet. In einer kurzen Einleitung lernen wir die Pflanzenwelt kennen, deren einzelne Vertreter in einer späteren Auflage des Büchleins vielleicht ohne große Schwierigkeiten auf den Bildtafeln bezeichnet werden könnten. Dann stellen sich die Teichbewoh­ner selber vor, von Spitzmaus und Wasserratte, den Vögeln, Molchen und Fröschen bis zum Schlamm­beißer, den Fliegen und Käfern, Polypen, Schnecken und Muscheln ein bunter Reigen in hübschen, gut getroffenen ganzseitigen Farbbildern mit gesonder­ten Erläuterungen. Das schmucke Büchlein wird jeder Naturfreund besitzen wollen. Besonders aber wünschen wir es unserer Jugend, die nicht früh genug gerade auf eine solche Gesamtschau der Na­

ch e n, aus mündlicher Ueberlieferung gesammelt und übertragen. Im Insel-Verlag zu Leipzig. Preis in Leinen gebunden 7, RM. (339) Der Insel-Verlag hat das große Verdienst, in seiner großen Ausgabe der Märchen ausTausendundeine Nacht" das Schönste arabischer Erzählerkunst uns vermittelt zu haben. Hier ist gleichsam eine Nachlese aus späterer Zeit, die Enno Littmann, der berühmte Tübinger Orientalist, in Jerusalem nach Geschichten einer arabischen Märchenerzählerin, der Mutter seines Dieners Salim, ausgezeichnet hat. Da heute auch im Orient die Kunst des Märchenerzählens, die einst bei den Morgenländern in so hoher Blüte stand, fast im Aussterben begriffen ist und wenig­stens in den größeren Städten meist durch das Lichtspieltheater verdrängt wird, sind die hier über­mittelten Märchen vielleicht die letzten Zeugnisse einer echten orientalischen Volkspoesie. Sie zeigen sowohl in den behandelten Motiven wie in der an­mutigen Form der Darbietung eine Mannigfaltig.

berechtigte Uebertragung von r a t h. Mit 25 Tiefdruckbildern nach Aufnahmen des Verfassers. Kart. 3,50 Mark, Leinen 4,80 Mark. I. Engelhorns Nachf., Stuttgart. (335.) Es ist eine große Freude, einem so ausgezeichneten Tierschriftsteller wie Cherry Kearton, dem berühm­ten Pionier derunbewaffneten Tierphotographie", einmal auf dem Pfade des Erzählers zu begegnen, denn der Verfasser vonMein Hund Simba",Im Lande des Löwen" und anderer, früher hier be­sprochenen Bücher, zeigt sich als vollbürtiger Erbe der alten glänzenden Erzählertradition Englands. In lebendiger Nachformung einer Mafsai-Sage be­richtet er die Geschichte und den Untergang eines kleinen Negerdorfes-, ein jahrzehntelang verstumm­ter Vulkan, in dem nach dem Glauben der Ein­geborenen ein riesiger Löwe versteinert ist, bricht plötzlich wieder aus und begräbt das Dorf unter glühenden Lavafluten. Nur ein Forscher und Be­obachter wie Kearton, der über dreißig Jahre lang Natur, Mensch und Tier im afrikanischen Busch studiert hat, vermochte über eine spannende Ge­schichte so den Zauber des Erlebten und die un­geschminkten Farben der Wirklichkeit zu breiten; der Text und die prachtvollen Bilder ergeben eine

Feuerberg. Schicksal eines Negerdorfs. Einzig

** ' Ernst Münche -

Deutsche Erzähler.

Karl Heinrich Waggerl: Mütter. Roman. 263 Seiten. Leinen 5,50 Mark. Im Insel- Verlag zu Leipzig, 1935. (487) Mit diesem neuen Roman schließt Karl Heinrich Waggerl den kleinen Kreis seiner vier Bücher aus der bäuer­lichen Welt, und er kehrt damit gewissermaßen wie­der zu seinem Ausgangspunkt zurück. War der erste Roman dieser Reihe, unter dem TitelBrot", dem Schaffen, der Schuld und dem Schicksal des Man­nes gewidmet so steht im Mittelpunkt dieses letzten aus dem gleichen dörflichen Umkreis und Bereich die Gestalt einer mütterlichen Frau, der alten Hebamme Gertraud, und das ist wirklich eine Ge­stalt, nämlich gesehen und aus der Nähe erlebt und in ihrer Lebenswirklichkeit bewahrt und weiterge­geben aus den Erinnerungsgründen der Kinderzeit. Aber der Leser, der schon die früheren Bücher von Waggerl kennt und Art und Wesen dieses Dichters liebgewonnen hat, wird sich hier bei denMüttern" zugleich auch an die unmittelbar vorhergehende, die blühendste und reichste aller seiner bisherigen Erzählungen erinnert fühlen, nämlich anDas Jahr des Herrn", und es will uns scheinen, als ob eine der köstlichsten Gestalten daraus, der kleine Da­vid, hier wiederkehre, nicht leibhaftig zwar, aber doch in manchen Kindergestalten, welche das Buch so lebendig und erfrischend bevölkern. Und wieder- um bewährt sich, gerade in deren Schilderung, aber auch etwa in der Geschichte von der starken Mül­lerin, eine der schönsten und reinsten Gaben des Dichters Waggerl, nämlich jene befreiende, gesunde und gleichsam ansteckende Heiterkeit des Herzens, mit der er seine kleine bäuerliche Welt erhellt und beglänzt, von der auch die freilich durchaus nicht komischen Gestalten und Schicksale in diesem Roman einen leisen Abglanz erhalten zu haben scheinen. Diese Art der Erzählung und Menschenbetrachtung macht die beiden letzten Bücher des Kreises noch liebenswerter als die ersten, die ein wenig herb und spröd und jedenfalls nicht ohne weiteres zu­gänglich waren, dem Leser die Welt Waggerls zu erschließen. Das warme und heitere Buch von den Müttern aber wird den schon zahlreichen Freunden des jungen Dichters eine rechte Weihnachtsfreude

Th. Müller-Alfeld: Alex, die Ge­schichte eines Fuchses. Verlag C. Bertels- mann, Gütersloh. Preis 2 Mark. (499) Als molliges Kerlchen ist Alex der Fuchs zwischen den Beinen eines erschrockenen Oberlehrers und der johlenden Pennäler hindurch aus dem Bau geflitzt und nach Jahren als listiger Mörder und räudiger Hinkebein unter der hohen Kiefer zum letzten Male eingefahren. Ein Fuchsleben lang diese aufreibenden Abenteuer um das bißchen Sattsein, der ewige Kampf mit der gefräßigen Konkurrenz, mit Mensch und Naturgewalten wer ergreift da nicht für Alex Partei, unfern Alex, dessen zäher Lebenswille sich jeder Situation gewachsen zeigt! Eine Fuchs­geschichte mit kurzweiligen, tier- und naturnahen Stimmungsbildern aus den Wäldern des hannover­schen Leinetales.

Johannes Heinrich Braach, Tur Dell. Die Geschichte eines Hechtes. Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg i. O./Berlin. Preis in Ganzleinen gebunden 3,80 RM. (514) lur Dell ist ein Hecht. Wir können seine Schicksale von dem Augenblick an verfolgen, da er aus dem Ei schlüpft, bis zu dem, da er, schon zu einem Riesen von fast sagenhafter Größe geworden, einem Angler vom Spinner reißt und wieder untertaucht in die grüne, ihm heimische, in die ewig dahingleitende Flut. Das eigentümliche Liebesleben des Fisches zieht an uns vorüber, wir sehen, wie Angler und Fischräuber sich aufmachen, um den Hecht zu erlan­gen und mit ihm in einer Auseinandersetzung stehen, die oftmals mehr als schlimm für das ftos- sentraqende mächtige Geschöpf auszugehen scheint. Nur innigste Verbundenheit mit der Natur, nur leidenschaftliche Liebe zu Strom und Kreatur u,id nur eigene Erlebnisse und .zahlreiche Beobachtun­gen vermochten dieses interessante Buch zu gestal­ten Es ist ein Werk, das nicht nur den Jager, Angler und Wassersportler begeistern muß, sondern auch jeden Naturfreund packen wird.

- Julius R. Haarhaus:D e r W i e s e n - teick und seine Lebensgemeinschaft. Mit 32 Abbildungen von Curt Bessiger Alexander Reichert und Franz Schmidt-Kahring Weberschift- chen-Bücherei, Verlag J.J. Weber m Leipzig. Preis qn mf _ (361) Es ist eine lohnende Aufgabe, einen beliebigen winzigen Ausschnitt der uns all­täglich umgebenden Natur auf alles das hin zu untersuchen, was da kreucht und fleucht. Wie werden erst dann erkennen, wie minutiös aufeinander abge­stimmt Pflanzenwuchs und Tierwelt in sich und

Historie als Dichtung.

Paul Ernst,Das Kaiserbuch". Volksausgabe in 3 Bänden. Band I:D i e S a ch s e n k a i s e r". Preis in Leinen gebunden 8,50 RM. (482) Band II:Die Frankenkaiser" erscheint im Frühjahr 1936, Band III:Die Schwa­benkaiser" im Herbst 1936. Subskriptionspreis je Band 6, RM. Nach Erscheinen des dritten Ban­des erlischt der Subskriptionspreis. Verlag Albert Langen/Georg Müller, München. Die große mittel­alterliche deutsche Kaiserzeit, die Jahrhunderte m denen deutsches Wesen zuerst zu sich selber fand, jene ritterliche Kampfzeit, da der Reichsaedanke sich bildete und von den deutschen Kaisern seine tform erhielt die dichterische Gestaltung dieser reichsten Epoche unserer Geschichte ist der Inhalt von Paul ErnstsKaiserbuch". Es ist in seinem farbenpräch­tigen Gewirr aus Geschichte, Sage. Märchen und Lebensweisheit ein Spiegelbild des deutschen We­sens Die drei Bände der Dichtung sind je einem der großen mittelalterlichen Herrschergeschlechter ge­widmet, den Sachsen-, Franken- und Schwaben- kaisern. Der vorliegende erste Band setzt em tm Dämmer der mythischen Sagenwelt des alten Sachsenstammes, gestaltet als erste geschichtliche Per­sönlichkeit den Herzog Wittekind und erzählt von dem Aussterben der Karolinger und der Neufor­mung des ersten deutschen Reiches durch die Otto- nen. Dor allem ist es Otto der Große, dessen macht­volle Gestalt diesem Bande sein besonderes Gepräge gibt. Gesichert von den Angriffen von außen, geeint im Innern, getragen von der Kraft einer großen Idee wird seine Schöpfung den Nachfahren über­liefert. Notzeit und innerer Zwist brechen herein, mancher spätere Herrscher vermag das erdrückende Erbe kaum zu tagen, tiefgreifende Veränderungen sozialer und religiöser Art kündigen sich an. Dem letzten Sachsen jedoch, Heinrich III., gelingt es wie­derum, die Kraft des Reiches zu erneuern. Da ruft ihn in entscheidender Schicksalsstunde der Tod ab. So schließt dieser erste Band mit der bedrängenden Frage: was weiter? Der Leser aber hat sich von den klaren, klingenden Versen führen lassen auf blu­tige Schlachtfelder, auf prunkende Feste, in unheim­lich ernste Stunden der Kaisereinsamkeit, aber auch in die bezaubernde, befreiende Welt tiefsinniger Sagen und anmutiger Märchen. Unser ganzes Volk in seinem unvergänglichen Wesen ist vor uns auf- gestanden mit seiner Innigkeit und Weltweite, sei­ner Zartheit und Kraft, seinem Traum und seiner

Else von Hollander-Lossow: Die Gefangene von Celle, ein Roman um den Volkskanzler Struensee. Verlag E. A Seemann in Leipzig. Preis geb. 4.50 Mark. (397) Gs ist die Zeit eines schrankenlosen Absolutismus m Däne­mark, damals zwar um Norwegen^und Sch eswlg- Holstein vergrößert eine nordische Großmacht, aber

Macht fällt er in menschliche Schuld. Ein Liebes­verhältnis mit der Königin bleibt nicht verborgen. Die Köngin-Mutter Juliane Marie sammelt Der- schwörens um sich, namentlich aus den Kreisen des Hochadels, den Struensee mit seinen auf die Wohl­fahrt des niederen Volkes bedachten Reformen vor den Kopf gestoßen hat. Den Verschworenen gelingt es, von dem gänzlich vertrottelten König, den Struensee unzureichend bewachen läßt, Haftbefehle gegen den Allmächtigen und sogar gegen die Königin zu erwirken. Beiden wird der Prozeß gemacht, wie gelähmt sieht das dänische Volk der grausigen Hin­richtung seines wohlmeinenden Gönners zu, die Königin wird nach Celle verbannt, wo sie schon drei Jahre später tm Schloß ihrer welfischen Ahnen vermutlich durch Gift zugrunde ging in dem Augenblick, als die in Dänemark gegen das Will­kürregiment Juliane Maries entstandene Opposition sich ihr näherte, um sie auf den Thron zurückzu­führen. Der Roman Else von Hollanders folgt die­ser historischen Linie genau. Die Charakteristik Struensees ist gut gelungen, auch seine segensreichen politischen Reformen sind sehr klar geschildert und auch die anderen Figuren des grausigen Dramas sind historisch getreu und sehr eindrucksvoll heraus­gearbeitet. Sehen wir von einigen sentimentalen Entgleisungen ab. so ist der hier gemachte Versuch zu loben, eine der interessanten Episoden des Kamp­fes zwischen Absolutismus und Aufklärung einem breiten Leserkreis deutlich zu machen.

unter der Regierung eines unfähigen, haltlosen und verschwenderischen Königs wie Christian VII. außen­politisch ein schwankendes Rohr zwischen Schweden und Rußland und im Innern seufzend unter der Mißwirtschaft und der Willkür eines korrupten per- önlichen Regiments Der Altonaer Arzt Johann Friedrich Struensee wird an den Hof von Kopen­hagen gerufen, mehr als maitre de plaisir des Königs, dessen hemmungsloser Vergnügungssucht die Höflinge nicht mehr^ genügen können. Er ge­winnt Einfluß auf den "König und unerwarteter­weife auch auf die Königin Karoline Mathilde, eine Schwester Georgs III. von England, die nach den grausamen Gesetzen der Kabinettspolitik des Absolu­tismus mit 15 Jahren schon einem Wüstling hatte auf den Thron und in die Ehe folgen müssen und in Kopenhagen mit der regierenden Clique, voran der Stiefmutter des Königs in bitterer Feindschaft lebte. Die faszinierende Persönlichkeit Struensees reißt sie aus aller Lethargie, seine von den auf­klärerischen Gedanken Friedrichs des Großen und Rousseaus getragenen Reformpläne begeistern sie für die Idee, für Dänemark ein Regiment der per» önlichen Freiheit, wirtschaftlichen Wohlfahrt und ozialer Gerechtigkeit heraufzuführen. Der Tatkraft Struensees gelingt es, den mehr und mehr in Schwachsinn verfallenden Christian ganz in seine Hand zu bekommen, die regierende Hofclique ihrer Aemter zu entsetzen und für sich selber uneinge­schränkte Regierungsvollmachten als Erster Kabi­nettsminister zu erwirken. Auf der Höhe feiner

Friedrich Griese: Die Wagenburg, Erzählung. Preis in Seinen geb. 4,50 Mark. Ver­lag Albert Langen / Georg Müller, München. (309) Es istde Franzosentid" in Mecklenburg, die Gieses Landsmann Fritz Reuter mit so viel besinnlichem Humor breit und behaglich geschildert hat. Grieses Menschen dagegen tragen mythische Züge und seine Landschaft rückt aus der geschicht­lichen Sehweite in legendäre Ferne. Aeußerst spar­sam sind hier und da Andeutungen, die das Zeit- gebundene des Geschehens erraten lassen. Maro­dierende Truppen des Korsen nehmen aus einem mecklenburgischen Dorf das Gespann eines Bauern mit, der junge Knecht, der die Pferde bisher betreut hat, begleitet das Gespann seines Dienstherrn, um es wieder zurückzubringen, sobald er der Soldateska entwischen kann. Aber mehrfache Versuche zur Flucht mißlingen und immer weiter in die Ferne geht der Zug, der Heeressäule Napoleons nach durch Süd­deutschland und Frankreich über die Pyrenäen nach Spanien. Auf dem düsteren, von Blut und Flam­men geröteten Hintergrund des spanischen Volks­krieges zeichnet sich die Ballade eines Häufleins Soldaten ab, die selber kein anderes Band eint, als der Befehl des Imperators und die gemeinsame Not in diesem von allen Furien der Hölle durch­rasten Lande, inmitten eines Volkes, besten Haß und Fanatismus sich in grenzenloser Erbitterung gegen den Eindringling wendet. Szenen in den grellen Farben eines Goya stellt der Dichter in eine Landschaft, die durch ihre Kargheit und Wildheit sich zu einer grotesken Gxöße erhebt. Und durch diese Welt des Grauens wandelt der Pferdeknecht von der Ostseeküste fast wie im Traum, nur die eine Sorge um das Wohl der ihm anvertrauten Pferde und nur das eine Ziel mit ihnen wieder heim­zukommen zu feinem Bauern. Und dieses ganz auf sich Gestelltsein, an dem die Umwelt einoruckslos abgleitet, erzwingt mit aller Energie die enge Der- bundenheit mit den seelischen Kräften der Heimat. Mit seherischem Blick verfolgt die Mutter in der dörflichen Kate daheim den Leidensweg des Sohnes im fernen Spanien. Das Bewußtsein des Erwartet­werdens, der Ruf der Heimat macht den Jungen in der Ferne stark, alles zu erdulden und unbeirrbar feinen Weg zu gehen, der schließlich wieder in das heimatliche Dorf fühH. Diese Rückkehr ist vielleicht die dichterisch schönste Szene des Buches, mit dem Griese der norddeutschen Erde und der Treue seiner Menschen zu ihr ein Heldenlied gesungen hat.

e.

Anton Schnack: Kleines Lesebuch. 61 Seiten. Paul List Verlag, Leipzig. (451) Dieses hübsch ausgestattete und gut gedruckte Bänd- chen ist innerlich verwandt derKalender-Kantate" von Schnack, die wir vor kurzem an dieser Stells besprochen haben: auf sechzig Seiten kleine, zarte, empfindsame Prosa eines lyrischen Dichters, ein stilles Buch der Bilder, Erinnerungen und Träume, gut zu lesen für Leute, die Zeit haben an einem dunklen Winterabend oder an einem duftenden Sommernachmittag. Was steht darin? Lauter Klei­nigkeiten, aber alle gesehen mit dem Auge des Dich­ters und ausgezeichnet von der Hand eines Poeten und Phantafierers. Da wird zum Beispiel beschrie­ben eine wein- und liebestrunkene Stunde in der alten fränkischen Stadt Würzburg; es ist die Rede von der Seligkeit des Sommers und der Schwer- mut des Herbstes, von der melancholischen Stunde eines späten Nachmittags ober von dem erregenden Duft aus einem kleinen Spezereiladen; er hört nachts einem rauschenden Wasser zu (daß man an Eichendorfs denken möchte), er nimmt ein morgend­liches Bad im Rhein, er besingt die Schneegans und einen Trauermantel, und er schließt wem würde das sonst einfallen? mit der Widmung für einen alten, morschen, hölzernen Landbrief­fasten ... Fast alle Stücke dieses kleinen Lesebuches sind vor Jahren verstreut im Feuilleton des Gieße- ner Anzeigers erschienen; viele unserer alten Leser werden sich freuen, sie nun gesammelt zu besitzen und von Zeit zu Zeit wieder darin blättern und sich festlesen zu können. Es geht eine merkwürdige Anziehungskraft von diesem kleinen Buche aus.

y

Gottfried August Bürger: Wun­derbare Reisen des Freiherrn von Münchhausen zuWasserund zu Lande. Mit den Holzschnitten von Gustav Dors. Im Insel- Verlag zu Leipzig. Preis 4,50 RM. (338) Münchhausens Abenteuer sind seit vielen Genera­tionen ein echtes deutsches Volksbuch. Wer von uns, unseren Eltern und Großeltern hat nicht einen von Begeisterung heißen Kopf bekommen über diesen Lügenmärchen, die einst im Zeitalter des Rokoko ein weitgereister hannöverscher Edelmann aus reiner öust am Fabulieren ersonnen hat und wie es auf dem alten Titelblatt so hübsch zu lesen ist bei der Flasche im Zirkel feiner Freunde selbst zu erzählen pflegte". Die wenigsten kennen aber die wechselvolle Geschichte dieses Buches, das erst auf dem Umweg über England zu uns gekommen ist, muuycn uui"* v...v _..o

wo ein wegen Veruntreuungen aus Kassel geflohener' feit und Erfindungsgabe, die das Lesen dieser Mar- deutscher Archäologe die ihm mündlich überkomme- chensammlung zu einem erlesenen Genuß machen, nen Münchhausiaden gesammelt und, um einige selbst

erfundene Seeabenteuer bereichert, in englischer Sprache herausgegeben hatte. Gottfried August Bürger, der fast vergessene Dichter derLenore", hatte sie auf der Suche nach Balladenstoffen ent­deckt und hat ihnen dann die volkstümlich meister­hafte Form gegeben, in der wir sie kennen. Aber erst ein halbes Jahrhundert später fand Bürger in dem berühmten französischen Graphiker Gustav Dore den kongenialen Künstler, der zu den geist­reichen, an Ursprünglichkeit der Erfindung unüber­troffenen Aufschneidereien Münchhausens mit hu­morvoller Phantasie und zeichnerischem Schwung die prachtvollen Bilder schuf, die nun auch unter Benutzung der wiederaufgefundenen Holzstöcke der ersten französischen Ausgabe von 1853 dies schöne

Vom deutschen Osten.

Walter Engelhardt: E i n Memel­bilder buch mit einem Geleitwort von Ernst W i e ch e r t mit 111 Bildern in Kunstdruck. Preis kart. 3,60 Mark. Verlag Grenze und Ausland, Ber­lin W 30. (385) Die Not der Deutschen des Memelgebietes, seit anderthalb Jahrzehnten mit dem stillen verbissenen Trotz des ostdeutschen Men­schen getragen, ohne sich litauischer Willkür zu beu- gen, ist seit dem großartigen Bekenntnis zum deut­schen Volkstum bei der letzten Landtagswahl wieder in aller Munde. Aber für den West- und Süd­deutschen, den sein Weg selten über Berlin hinaus weiter nach dem Osten führt, ist es schwer, sich die rechte Vorstellung zu machen von dem Land der Ebene im äußersten Nordosten des Reichs. Weite Wälder und das unendliche Meer bestimmen sein Gesicht. Hier trabt der Elch wie ein Fabeltier aus einer andern Welt durch den Bruch und die hohen Dünen, in deren Schutz trauliche Fischerdörfer und stattliche Bauernhöfe einer arbeitsamen Bevölke­rung eine zäh verteidigte Heimat geben. Große Windmühlen stattliche Kuhherden auf den endlos sich dehnenden Weiden, Torfmieten in den großen Moorbrüchen, Holzschläge und Sägewerke, das Pferd, so recht ein Tier der Ebene, tummelt sich in weiten Koppeln, die Segel der Fischerboote, die aus dem Haff die glitzernde Beute bergen, und schließlich die hohen Wanderdünen der Nehrung, die sich zwischen Haff und Meer hinzieht, das alles geben uns die in diesem Buch von einem jungen thüringischen Zeichenlehrer mit schönheitsdurstigen Augen und feinstem Verständnis der engen Bin­dung von Natur und Mensch zusammengetragenen Photographien. Sie zeigen uns aber auch besser als manche politischen Darlegungen die landschaft­liche Einheit der Memelniederung, aus der durch die widernatürliche Grenzziehung des Versailler Vertrags das sog.Memelgebiet" herausgerissen ist. Der ostpreußische Dichter Ernst Wiechert, dessen große Romane aus dieser Landschaft geboren wur­den, hat dem schönen Buch ein warmherziges Ge­leitwort geschrieben.e.

Ernst Seraphim: Baltische Schick­sale. Im Spiegel der Geschichte einer kurländi­schen Familie 17561919, mit 13 zum Teil mehr­farbigen Tafeln. Geheftet 6 RM, in Seinen 8 Mark. Verlag Grenze und Ausland in Berlin W 30. (384) Der Verfasser hat Jahrzehnte hin­durch als Lehrer, Journalist und Politiker an den Schicksalen des baltischen Deutschtums Anteil ge­habt und seine schwersten Zeiten bis zur letzten Revolution unmittelbar miterlebt. Einer Bildnis­sammlung gleich erstehen in seinem Buch vor uns die Gestalten einer baltischen Familie aus zwei Jahrhunderten, die in all ihrem Glück und all ihrer Not das Schicksal ihrer ganzen Volksgruppe ver­körpern. Wie der erste von ihnen, von guten Freunden empfangen, in das Land kam, wie er sich niederließ, wie feine Kinder und Kindeskinder es zu Ansehen und Wohlstand brachten und zu den Besten des Landes gerechnet wurden, das wird uns berichtet. Darüber hinaus aber erkennen wir das ganze Schicksal der baltischen Deutschen inner­halb der letzten zwei Jahrhunderte, erfahren, wie ihnen, die sie alt eingesessen auf eigenem Grund und Boden lebten, ein Recht nach dem andern ge­nommen wurde, eigene Gerichtsbarkeit, eigenes Schulwesen und wie endlich die Stürme des Krieges und die Wirren der blutigen Revolution alles zer­störten. Selbst der Heimatboden wurde ihnen ge­nommen. So ersteht vor uns ein eindringlicher Be­richt baltischen Schicksals durch zwei Jahrhun­derte, der uns erschüttert und ergreift.

e.

Das Tier im