Nr. 283 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Mittwoch, Dezember (935
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Aus der Provinzialhauptstadt.
Die AchilleSverfe des Mannes.
Die Achillesferse des Mannes sitzt am Halse. Diese Behauptung ist kühn, aber zutreffend. Der Hals einer Frau kann unschön sein, aber der mit dem sogenannten Adamsapfel gezierte Hals des Mannes ist immer häßlich.
Wenn Eva schon im Paradies den Apfel der Erkenntnis als erste nahm, so muß es Adam aber doch ziemlich eilig gehabt haben, denn sonst wäre ihm — nach einer alten Sage — der Apfelbutzen nicht im Halse stecken geblieben und hätte dort jene organische Verzierung hervorgerufen, die den Mann zu ewiger Marter verdammte: Denn dem mehr als bürgerlichen Adamsapfel setzte der Herrenmensch den steifen Leinenkragen entgegen! Mit einem Fol- terwerkzeug bedeckte er eine unästhetische Unebenheit und zog den Vorhang der Würde über einen kleinen Schönheitsfehler der Natur.
Wenn wir Frauen den Mann zum erstenmal ohne Kragen sehen, so haben wir den erschreckenden Eindruck eines entthronten Halbgottes. Die Romantik schwindet. Wir denken voller Wehmut zurück an die Backfischzeit, in der der hohe Kragen als hehres Symbol edler Männlichkeit unsere Herzen in schnellere Wallung setzte. Hätte man sich einen solchen Helden ohne Kragen vorstellen können?
Man sagt immer, daß die Liebe in unferm Zeitalter an Wert und Inhalt verloren Hobe. Sollten hier vielleicht geheimnisvolle Beziehungen zu dem weichen niederen Kragen der heutigen Herrenmode cm Wirken sein? Ragt nicht der Hass eines Mannes aus diesem niebern Kragen heraus wie ein einsamer Blumenstengel aus einer viel zu großen Vase? Und reizt nicht der sichtbare Adamsapfel, der beim Sprechen und Schlucken sich in rhythmischen Figuren bewegt, zu Widerspruch?
Man kann einen Mann lieben wegen seines kindlichen Gemüts, seiner Güte, die an Leichtsinn grenzt, feiner Selbstsucht, seiner Fehler, ja, wegen seiner Brutalität: aber man muß ihn lieben trog seines nun einmal vorhandenen Adamsapfels.
Wenn wir rückblickend auf die Entwicklung der Mode schauen, sehen wir, daß die halsfreie Kleidung des Mannes immer nur von kurzer Dauer war. Die meisten Volkstrachten zeigen den Mann in der Würde eines umkleideten Halses. Denn wenn der Kehlkopf so fröhlich auf- und abspaziert beim Sprechen und Schlucken, werden die meisten Menschen wie hypnotisiert auf diesen Knoten schauen und werden zuletzt gar nicht mehr hören, welche Weisheiten der Besitzer des Adamsapfels zu verkünden hat.
Sollten die Anhänger des weichen, weiten Kragens, die sich bemühen, wie Schiller auszusehen, jemals mit ihren Forderungen durchdringen, dann müßten vermutlich Heiratszwangsgesetze eingeführt werden, um die notwendige Neigung und Begeisterung beim schwachen Geschlecht zu erzielen.
Daher wird der steife hohe Kragen unerschütterlich wie ein Fels im Meer der Ansichten und Meinungen ragen. M. A.
Vornoinen
Tageskalender für Mittwoch.
NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.30 Uhr allgemeine Körperschule im Lyzeum; 16 bis 17 Uhr und 20 bis 21 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. Deutsche Studentenschaft: 20.15 Uhr im Cafe Leib der Reichsführer der Deutschen Studentenschaft Pg. Fe icke r t. — Stadttheater: 19.30 bis 21.45 Uhr „Straßenmusik". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Ein Teufelskerl". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „G'schichten aus dem Wiener Wald". — Gießener Hochschulgesellschaft: 20 Uhr im Saale des Studentenwerks, Leihgefterner Weg, Vortrag von Kapitän K i r ch e i ß.
Sladttheater Gießen.
Heute von 19.30 bis 21.45 Uhr das Volksstück mit Musik „Straßenmusik" von Paul Schüret. Mu-
Heuer Schmuck für den Gießener Ehrenfriedhos.
Winterhilfswerk 1935/36 Ortsgruppe Gießen-Süd.
Am Dienstag, 3., Mittwoch, 4. und Donnerstag, 5. Dezember findet im Bereich der Ortsgruppe Gie- ßen-Süd durch die NS.-Frauenschaft die Pfund- sammlung für den Monat Dezember 1935 statt. Es wird gebeten, die Pfundpakete zur Abholung bereitzuhalten.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine am Mittwoch, 4. Dezember, von 19 bis 20 Uhr auf unserer Geschäftsstelle, Crednerstraße 24, einzureichen. Später eingereichte Gutscheine können nicht mehr angenommen werden
Auf Veranlassung des städtischen Hoch- und Tiefbauamtes schufen die Friedhofsgärtner auf dem Ehrenfriedhof (Neuer Friedhof am Rodtberg) als äußeres Zeichen der Ehrung der Gefallenen des Weltkrieges ein prächtiges Schmuckbeet von stattlichen Ausmaßen. Der Platz vor dem steinernen Rednerpodest, der bisher wenig belebt erschien, hat nun eine Ausgestaltung erfahren, wie man sie sinnvoller und schöner sich kaum denken kann. Aus verschiedenen Pflanzen hat man auf einem Raum von etwa 5X5 Meter ein Eisernes Kreuz nachgebildet, das in feiner geschickten und geschmackvollen Ausführung eine schöne Bereicherung des Ehrenfriedhofes darstellt. Eine Tujagirlande umschließt das ganze Schmuckfeld, wie auch die Form des Kreuzes. Der Raum zwischen der Umfassungsfläche und dem Kreuz ist mit Schmuckreisig ausgelegt. Das Kreuz selbst ist aus Buschgrün und Blautanne geschaffen
worden und bietet sich in feinen, dezenten _ tönen dar. Die Winkelflächen des Kreuzes wurden mit weißem Sand ausgestreut, so daß die Form des Kreuzes völlig klar in Erscheinung tritt. Wer den Friedhof am Rodtberg besucht, sollte nicht versäumen, auch dem Ehrenfriedhof einen Besuch ab- zustatten.
Eine sehr schöne Gestaltung hat auch der Vorhof der Kapelle erfahren. In ähnlicher Weise wurden dort die beiden langen Wiesenbeete ausgeschmückt. Aus Sandalinen, Taxus, Jslandmoos und Blau- tannen wurden in schöner dekorativer Gestaltung zwei schlanke Kreuze geschaffen, die eine Zierde dar- stellen, wie man sie wohl selten auf Friedhöfen sieht. Durch die Verwendung der zartfarbigen Pflanzen ist auch hier eine sehr feine Wirkung erreicht worden.
(Aufnahme: Neuner. Gießener Anzeiger)
sik von Will Meisel. Spielleitung Kurt Lüpke. 10. Mittwoch-Abonnement.
Deutsche Arbeitsfront.
Kreiswallung Gießen.
Am Sonntag, 8. Dezember, vormittags 10 Uhr, findet im Lichtspielhaus, Gießen, Bahnhofstraße 34, die
Eröffnung der Verufserziehungsarbeit des Winterhalbjahres 1935/36
und des
Reichsberufswettkampfes der £)J. und der DAF.
statt. Diplom-Ingenieur König, Wetzlar, spricht in einem Lichtbildervortrag über „Das Eisenhüttenwesen".
Anschließend wird der Werkfilm der Buderus'schen Eisenwerke „Das Hohelied der Arbeit" zur Vorführung gebracht.
Karten, für die ein Unkostenbeitrag von 0,10 RM. erhoben wird, sind erhältlich in der DAF., Schanzenstraße 18, Zimmer 7.
NSA., L>t6arupve Giesten-Nord.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine bis zum Mittwoch, 4. Dezember, auf unserer Geschäfts- | stelle, Walltorstraße 16, einzureichen. Später ein
gereichte Gutscheine können nicht mehr angenommen werden.
Am Donnerstag, 5. Dezember, werden die Spenden (Pfundsammlung) von den NSV.-Blockwaltern und -Helfern eingesammelt. Die Hausfrauen werden gebeten, den Inhalt der Päckchen auf der Umhüllung kenntlich zu machen und dieselben bereitzuhalten. Die Pfundsammlung erstreckt sich während der Dauer des WHW. auf alle Volksgenossen.
NSA., Ortsgruppe Mitte.
Die Kohlenhändler werden ersucht, die für den Monat November gültigen Kohlengutscheine der Serie B am Donnerstag, 5. Dezember, abends 8.30 Uhr, bei der NSV.-Geschäftsstelle, Kaplansgasse, mit Firmenstempel versehen, nebst den entsprechenden Rechnungen einzureichen. Der Termin ist unter allen Umständen einzuhalten, da eine Ablieferung nach dem 5. Dezember strengstens untersagt ist und die Scheine ihre Gültigkeit verlieren.
NSA., Ortsgruppe Gieheu-Ost.
Die Kohlenhändler werden ersucht, die Kohlengutscheine bis zum Donnerstag, 5. Dezember, in der Zeit von 14.30 bis 19 Uhr auf der NSV.-Geschäftsstelle, Kaiferallee 52, mit den entsprechenden Rechnungen einzureichen. Spätere Einreichung ist * zwecklos.
Paul-Eipper-Abend am 6. Dezember.
Zu dem Schmalfilmvortrag des bekannten Tierfreundes und Tierfchriftftellers Paul Kipper „Freude kommt vom Tier" hat uns der Goethe- bund Gießen verbilligte Eintrittskarten zum Preise von 40 Pf. zur Verfügung gestellt. Die Karten sind auf der Kreisdienststelle „Kraft durch Freude", Schanzenstraße 18, erhältlich.
Oeuische Iäqersckast.
Jagdkreis Gießen.
Am Sonntag, 8. Dezember, findet um 15.30 Uhr pünktlich im „Cafe Leib" in Gießen (Walltorstraße) ein Jägerappell der Kreisjäger- schäft statt. Damit ist die diesjährige Pflicht- trophäe'n schau verbunden. Alle Mitglieder der Jägerschaft sind zum Erscheinen verpflichtet, die Jagdvorsteher des Kreises sind willkommen. Für Mitglieder der Jägerschaft ist der Zutritt zur Schau ab 13.30 Uhr gestattet. Der Kreisjägermeister. Kyffhöuserbund und Wmterh'lfswerk.
Vom Deutschen Reichskriegerbund „Kyffhäuser", Landesverband Hessen, Kreisverband Gießen, wird uns geschrieben:
Auch dieses Jahr stellt sich der Deutsche Reichskriegerbund „Kyffhäuser" in den Dienst des Winterhilfswerks. Er hält zu diesem Zwecke im ganzen Deutschen Reich ein Opferschießen ab, an dem sich auch der Landesverband Hessen beteiligen wird. Es wird dadurch dem Kyfshäuserbund möglich werden, seinen Teil an dem Winterhilfswerk des deutschen Volkes beizutragen und seiner Verbundenheit mit den Zielen der Partei durch die Tat Ausdruck zu verleihen. Die Beteiligung der Kyffhäuser-Kame- raden wird recht groß sein, so daß mit einem namhaften Beitrag zur Unterstützung des Winterhilfswerkes zu rechnen ist.
Oie drei (?i '(opfgerichte für den 8. Dezember.
Der Leiter der Wirtschaftsgruppe Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe teilt seinen Mitgliedern mit, daß für den dritten Eintopfsonntag am 8. Dezember folgende drei Eintopfgerichte für die Gaststätten vorgeschrieben sind:
1. Weiße Bohnen mit Wurst- oder Speckeinlage,
2. Brühkartoffeln mit Rindfleisch,
3. Gemüsetopf mit Knödel.
Die Festlegung dieser Eintopfgerichte gilt allerdings nur für <3 a ft ft ä 11 e n. Den Hausfrauen bleibt die Wahl ihrer Eintopfgerichte selbst überlassen.
Verbilligte Weihnachts- undTleujahrs- glückwunschtelegramme.
Auch zum bevorstehenden Fest läßt die Reichs- post wieder verbilligte Glückwunschtelegramme nach dem Ausland zu. Die Telegramme werden vom 14. Dezember bis 6. Januar bei allen Telegrammannahmestellen angenommen und frühestens zum
Die deutsche Arbeitsfront d / n.9.-6emkinschakt „Kraft bunh frcuöc"
Regen fällt von einer Dachtraufe aus einen Rinnstein
Aon Anton Schnack
Wer ihn vernimmt, hat Zeit.
Wer ihn vernimmt, sieht gedankenlos oder mit unausführbaren Plänen beschäftigt, dem trägen Fluge einer Fliege zu.
Wer ihn vernimmt, wohnt still und im Halbdunkel, den altjüngferlichen Blick auf die wetterschwarzen Ziegel eines Nachbarhauses gerichtet, Zankplatz von Sperlingen, die unter dem gierigen Satz einer Katze flatternd auseinanderjagen.
Wer ihn vernimmt, vernimmt noch mancherlei: die Knistergeräusche alter Häuser, die langsam aus den Fugen geraten, das blecherne Drehen eines Turmhauses, das dumpfe Kartenklopfen aus einem Wirtshaus, das peinigende' Widerschlagen eines Fensterladens, knisterndes Fichtenholzfeuer: Geräusche, die nur das abseitige Leben bietet.
*
Für die Vertiefung der Nachdenklichkeit, für die Entzündung von Wachträumen, für das Entstehen von abgründigem Haß oder abgründiger Liebe, für die Weisheit und für die Langeweile ist er gut, gut für die stillen Landschaftsdichter und für die Büchergrübler.
Ein Regen fällt von einer Dachtraufe auf einen Rinnstein — ein Satz, nicht häufig mehr zu gebrauchen, so wenig wie die anderen, „ein Kerzenleuchter wird von einer Hand über einen Spiegel gehalten", „ein Posthorn tönt von der Waldstraße her", „ein Wind fährt nachts durch die Wipfel eines Kastanienbaumes", „ein Nachtwächter singt die Stunden an". Lauter Gedichte, die nicht mehr geschrieben werden.
Merkwürdiger, eintöniger, quälender oder beruhigender Klang, der langsam ausstirbt. Im Reich der Kindheit war er ein gewöhnlicher Laut; da schoß das Regenwetter, unaufgefangen durch Röhren, hoch von den Dächern, auf den harten, ausgehöhlten Stein. An solchen Nachmittagen waren die Klüfte und Verstecke der Heuböden, die halbdunklen Gänge der Speicher wunderbar. Sogar die Lehrbücher der Mathematik und der Chemie hatten Anziehungskraft, wenn die Dachtraufe ihr nasses Lied in die Kleinstadtstraße sang.
*
Merkwürdig, wenn er zur Nachtzeit in die Schlaflosigkeit fällt. Ganz breit, ganz beherrschend, qaiu trostlos, als wäre die Welt, Himmel und Erde, . naß überschwemmt und finster. Kann der hastige und schnelle Schritt, der über das harte Stern- Pflaster klappert, dagegen auskommen? Nein: er aedt darin unter. Auch der Wmd, der sich manchmal erhebt und den Trausensall weit und dünn ausem-
anderweht. Dann ist das Wassergeräusch wieder ganz allein da, seufzend, eintönig, klatschend und alles beherrschend.
Wer sind die, die ihn Horen?
Viele junge Frauen, nach Leben hungernde, an Säufer verheiratete und in zwei kleinen Zimmern wohnende Frauen, von Träumen, Vorstellungen und Wünschen versengte Frauenantlitze haben es oft gehört und still dabei gemeint. Die bayerischen Gendarmen, wenn sie auf ihren Nachtstreifen im Regen durch die Rhöndorfer marschierten, haben es oft gehört. Da mußten sie inmitten der stockdunklen Dorfstraßen gehen, weil die Dachtraufen weite Wasserbogen warfen.
Es vernimmt ihn der gebückte Bahnpensionift, der jeden Freitag abend zum Schafkopfspielen schleicht. Es vernimmt ihn der kerngesunde Landkrämer, der unter der offenen Ladentüre steht, aber er denkt nicht an ihn, er denkt an sein volles Faß Gurken, an den neuen Sack Kaffee und an die dralle Magd vom Wirt. Es hört ihn das ängstliche Fräulein, das Sonntags noch Kapotthüte trägt, die einmal teuer und elegant waren. Es schließt den grünen Laden schon vor Einbruch der Dämmerung und hort die Dachtraufe während einer schlaflosen Nacht, die nach Baldriantropfen und Pfefferminztee riecht.
Ich habe es oft selbst gehört, halb froh, daß ich nicht wie der Nachtwächter im Regen an den Häuserwänden entlanggehen mußte: halb traurig, weil nicht Sommer war und Mundharmonikamusik ober sonst ein luftiger Lärm der Burschen unter dem Fenster.
Wenn der Regen am Morgen von der Dachtraufe in den Rinnstein fällt, spähen mißmutige Gesichter, Gesichter voll Schlaf und von wirren Haaren umflattert, durch die Fensterscheiben.
Wenn er am Nachmittag fällt, sitzen ergraute Männerköpfe hinter den grüngebuckelten Fenstern und schieben, über ein Buch gebeugt, die Brille auf und ab
Wer ihn vernimmt, hat Zeit.
Es werden Bücher vom verstaubten Brett genommen, Bücher voll Räubergeschichten und glühenden Liebesgeständnissen; es wird ein wenig geträumt, ein wenig Klavier gespielt, ein wenig gestrickt und viel hinausgestarrt auf die Gasse, ob nicht doch ein Wunder oder ein Märchen vorbei- ^Er^ ist der eintönige Gesang der Kleinstädte und Dörfer die an den Krümmungen der Fulda, der fränkischen Saale, an der Isar oder am grünen Spiegel der Unstrut liegen, still und unbemerkt, von kleinen Bahnen gestreift, unkanalisierte, altertümliche Orte, wo die Wasserspeier, die Drachenmäuler, die Fischleiber und die bärtigen Wassermänner noch an den Dachfirsten hängen und wenn
der Regen rinnt, sprudeln sie, gießen und tropfen, daß es hoch und breit auf dem Rinnstein aufklatscht. '
Jedermann.
Aon Dans Niebau
Die Wettfahrt.
Federmann und Mücke fahren Auto. Federmann sitzt am Steuer. Hinter ihnen hupt ein großer Sechszylinder. Federmann tritt auf den Gashebel.
„Laß ihn doch vorbei", sagt Mücke.
„Ausgeschlossen", schüttelt Federmann den Kopf und gibt noch mehr Gas, „ich lasse nie jemanden vorbei."
Der Wagen rast die Straße hinunter der große Wagen hinterher. Federmann biegt nach rechts ab. Der große Wagen biegt auch nach rechts ab. Federmann macht einen Bogen um den Dorfplatz und fährt — mit 100 Kilometer — dieselbe Straße zurück, die er gekommen ist. Der große Wagen bleibt hinter ihnen. Federmann fährt — mit 110 Kilometer — nach Hannover — dann zurück nach Hildesheim — dann wieder nach Hannover. Der große Wagen verfolgt sie.
„Nein", ruft schließlich Mücke, und nimmt die Zündung weg, „diesen Wahnsinn mache ich nicht länger mehr mit!"
Der Wagen steht. Der große Wagen steht auch. Federmann knirscht mit den Zähnen, dann reißt er die Tür auf. „Na?" sagt er, „ haben Sie es endlich aufgegeben, mich zu überholen?"
Der Herr, der in dem großen Wagen sitzt, reißt auch die Tür auf. „Hatte gar nicht die Absicht", lächelte er und schiebt eine große schwarze Kiste aus der Tür, „ich wollte nur den Musterkoffer wiederbringen, der Ihnen hinten vom Wagen gefallen ist."
Radrennen.
Federmann und Mücke sind beim Radrennen. Die Fahrer treten die Pedale, die Zuschauer schreien und toben, die Motoren der Schrittmacher knattern.
„Ein sehr interessantes Rennen", ruft Mücke, „ich wette, Numero 9 wird es schaffen, und Numero 4 wird zweiter."
Federmann guckt Numero 9 und dann Numero 4 an. „Aber erlaube mal", sagt er bann, „ich wette baß bie Motorräber es schaffen werben!"
Begleitung.
Die berühmte Sängerin hat gesungen. Das Publikum hat geklatscht. Dann sitzt man noch ein bißchen im Künstlerzimmer zusammen.
Die Sängerin kennt bie ganze Welt. Sie ist in Amerika gewesen, in Afrika, in Australien. „Sehr interessant war es im Frühjahr in Manbschukuo,"
erzählte sie. „Vierzehn Tage war ich in Charbin, unb währenb ber Zeit würbe ich ftänbig von einem japanischen Polizeigeneral begleitet."
„Donnerwetter", sagt ba Febermann, „auf dem Klavier?"
Die Aufnahme.
Febermann unb Mücke machen eine Heidewan- berung. Mitten in ber Heibe liegt ein kleiner Find- ling. Mücke nimmt, inbes Febermann sich auf ben Finbling stellt, ben Photoapparat. Die Nachmittagssonne scheint schräg in bas Objektiv. „Nein", sagt er, „so geht es nicht. Ich muß bich von ber andern Seite aufnehmen."
„Meinetwegen", nickt Febermann, unb bleibt auf feinem Finbling stehen, „aber meinst bu, baß man mich von hinten erkennt?"
Neid.
Federmann ist in Bremerhaven. Die „Europa" ist angekommen, und die ersten Passagiere verlassen das Schiff. „Kennen Sie den da?" fragt jemand Federmann und zeigt auf einen unscheinbaren alten Herrn in zerknittertem Regenmantel, „das ist William Kersey. Sieht man ihm nicht an, wie? Dabei nennt er runde 500 Millionen Dollar sein eigen!" •
„Donnerwetter", flüstert Federmann, „und s o kurz vor dem Ersten?"
Das arme, blasse Mädchen.
-Federmann und Mücke sind seit acht Uhr abends unterwegs. Ab zwölf Uhr hat Jedermann kein Geld mehr. Um eins trinken sie noch ein kleines Glas Bier. „Komm", sagt Mücke bann, „jetzt gehen wir nach Haus."
„Gut", nickt Febermann, „aber gib mir mal eben schnell bm Mark für ein armes, blasses Mäbchen!"
„Drei Mark?" überlegt Mücke unb guckt sich um, „wo ist benn bas arme, blasse Mäbchen?"
„Es sitzt bort brüben an ber B ar", flüstert Febermann, „unb verkauft Whisky-Soba."
Dochschulnachnchten.
Der Reichs- unb Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung unö Volksbildung hat ben orbent« lichen Professor Dr. Erich Jung'in Marburg beauftragt, in der Rechts- und Staatswissenschaftiichen Fakultät der Universität Marburg die Vertretung der durch das Ausscheiden des Professors d e Boor freigewordenen Professur für Prozeßrecht und bürgerliches Recht wahrzunehmen.
Professor Dr. Heinrich Weber, Ordinarius für wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Unioet» fität Münster, wurde vom Reichs- und Preußischen Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung an die Universität Breslau berufen


