Das Kabinett Laval im Endkampf mii der Kammer.
Stürmischer Auftakt in -er parlamentarischen Aussprache über -ie Kampfbün-e.
Paris, 3. Dez. (DNB.) Die langerwartete Aussprache über die Kampfbünde begann vor spärlich besetzten Bänken. Der kommunistische Abgeordnete Ramette brachte Schriftstücke und Zeitungsausschnitte vor, die die Gefährlichkeit der „Feuerkreuz- ler" und der übrigen „faschistischen Bünde" und die „sträfliche Duldsamkeit" der Regierung beweisen soll. Der radikalsozialistische Abgeordnete Rucart warf der Regierung vor, die Bünde trotz wiederholter Herausforderungen ermutigt zu haben. Die Regierung habe Aufforderungen zum Mord und zu Gewalttaten und Generalproben zum Bürgerkrieg zugelassen. Als der Sprecher einige Fälle aufzählte, in denen angeblich Angreifer gegen politische Persönlichkeiten nicht zur Verantwortung gezogen worden seien, und als er besonders an die Verletzungen des Abgeordneten Elbel erinnerte, der bei einem solchen Zusammenstoß ein Auge verloren habe, bemächtigte sich der Kammer steigende Unruhe. Von der linken Seite des Hauses wurde wiederholt der Rücktritt des I u st i z m i n i st e r s gefordert. Ministerpräsident Laval erwiderte, daß eine Untersuchung eingeleitet worden sei. Die Worte des Ministerpräsidenten gingen in dem Lärm unter, der von der linken Seite des Hauses kam. Die Unruhe dauerte fort, als der Justizminister anschließend seine Haltung in den erwähnten Fällen rechtfertigen wollte. Der Kammerpräsident hob schließlich die Sitzung auf. Nach der Sitzungspause setzte Rucart seine Kritik an der Haltung der Regierung fort. Die Verordnung zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung hätte auf Seiten der Bünde nur Lachen hervorgerufen, sie enthalte kein Wort von der privaten Miliz, deren Auflösung schon der Ausschuß vom 6. Februar verlangt habe. „Die Menge vom 14. Juli" (damit ist die Kundgebung der Volksfront an der Bastille gemeint) habe kein Vertrauen mehr zur Regierung.
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In Frankreich hat der politische Winterfeldzug begonnen. Der Bauernsohn aus der Auvergne, der gegenwärtig die französische Politik als Ministerpräsident führt, Pierre Laval, hat es vermöge seiner Leihen Verhandlungstaktik erreicht, daß die ersten Angriffe der gegnerischen Vorhut zurückgeschlagen wurden. Der Kammersieg, den er in der vergangenen Woche in der Haushaltsfrage über die Linksparteien davontrug, ist noch in Erinnerung. Aber Laval ist nicht nur ein defensiv eingestellter Mensch, sondern er geht, wenn ihn die Verhältnisse dazu zwingen, auch mutig zur Offensive über. Das zeigt sich jetzt in der zweiten Woche der französischen Parlamentssession, wo die Kommunisten und die Sozialisten das schärfere Geschütz gegen die von ihnen so genannten „faschistischen Verbände" auffahren.
Etwa ein Dutzend Interpellationen hpt die Linke in dieser Frage eingebracht. Aber die Regierung hat ihrerseits dieses heikle Thema — heikel deshalb, weil auch die Radikalsozialisten Herriots am liebsten ein Verbot der Rechtsverbände sehen würden — bei
den Hörnern gepackt, indem sie auf die taktischen Vorteile verzichtete, die ihr die parlamentarische Geschäftsordnung durch die gleichzeitige Beratung der Verbände und des Haushalts bot. Laval hat schon vor einer Woche in der Kammer erklärt, daß die Regierung nicht eine bloße Bewährungsfrist zu erhalten wünsche, sondern daß sie eine klare Entscheidung herbeiführen wolle. Man darf also gespannt sein, ob die kommende Abstimmung das energische Vorgehen der Regierung rechtfertigen wird.
Einstweilen jedenfalls ist Laval der marxistischen Opposition dadurch zuvorgekommen, daß er sich mit der ununterbrochenen Beratung der Kampfbundfrage einverstanden erklärte. Wenn man überhaupt über bevorstehende Entscheidungen eines so unzuverlässigen, schwankenden Gremiums, wie es ein Parlament darstellt, im Voraus ein Urteil abgeben will, so muß man nach vorsichtiger Abwägung aller Umstände wohl zu dem Schluß kommen, daß Laval sich auch dieses Mal gegenüber der Meute seiner Widersacher behaupten wird. Auch in Frankreich
glaubt wohl niemand ernstlich an einen Kabinettsturz. Denn wer sollte die Nachfolge Lavals übernehmen?
Rein zahlenmäßig hat die „Volksfront" die Mehrheit im Parlament. Aber so einig dieses Linkskonglomerat im Negativen ist, so uneinig ist es im Positiven. Die „Front commun“ — Kommunisten, Marxisten und Radikalsozialisten — hat kein gemeinsames, f e st umrissenes politisches Programm. Sie ist daher auch nicht fähig, die Verantwortung für eine neue Staatsführung zu übernehmen. Der von den Kommunisten eifrig geschürte Haß gegen die nationalen Frontkämpferverbände mag daher zu einigen rednerischen Explosionen in der Kammer führen. Doch ist es unwahrscheinlich, daß sich Laval das Gesetz des Handelns entreißen läßt, indem er der Forderung nach Auflösung der Rechtsverbände entspricht. Denn für sehr viele und nicht die schlechtesten Franzosen sind heute die Frontkämpferbünde — an ihrer Spitze das „Feuerkreuz"! — das Gewissen der Nation.
Günstige Prognose für Laval.
Die pariser presse spürt eine wachsende Entspannung.
Paris, 4. Dez. (DNB. Funkspruch.) Der Beginn der Aussprache über die Kampfbünde hat nach Ansicht der Pariser Presse nicht das gebracht, was die in der Öffentlichkeit seit sechs Monaten stark behandelte Frage versprochen habe. Die Stimmung in der Kammer sei nicht übermäßig nervös geworden. Wenn die Abkühlung der Leidenschaften zugunsten der Regierung Laval spreche, so seien doch unvorhergesehene parlamentarische Zwischenfälle eine Gefahr. — Nach Ansicht des „Echo de Paris" liegen die großen Erfolgsaussichten für Laval in der Tatsache, daß man für ihn keinen Ersatzmann wisse.
In der „Republique" äußert sich der Innenminister des 6. Februar 1934, der Abg. F r o t, verhältnismäßig beschwichtigend. Er ist erstaunt darüber, daß die Führer der Kampfbünde ihrerseits beruhigende Versicherungen gegeben hätten, und möchte nun wissen, ob diese ernst gemeint seien, und Entspannung bringen könnten oder nur unehrlich gemeint seien. Frot benutzt diese Gelegenheit, um seinerseits zu versichern, daß die Volksfront keinerlei Angriffe vorbereite, sondern nur von dem Willen beseelt sei, die persönliche und die öffentliche Freiheit in dem Maße zu verteidigen, wie sie mit Gewalt bedroht werden würde. Wenn die Feuerkreuzler genau so dächten, dann möge man es deutlich sagen, und auf eine allgemeine Entspannung hinarbeiten. Man möge unverzüglich für die Entwaffnung der politischen Ver
bände sorgen und die moralische Sicherheit wieder .herstellen.
Im „Populaire" bläst dagegen der Marxistenführer Leon Blum zum Kampf. Nach seiner Ansicht sei bereits erwiesen, daß die militärähnlichen Einheiten der Faschisten nicht nur bewaffnet seien, sondern auch, daß sie von ihren Waffen Gebrauch machen und einen militärischen Gewalt st reich planten. Ihre Führer bereiteten einen Anschlag auf die republikanische Staatsform vor. Sie wollten sie mit Gewalt stürzen. Es sei erwiesen, daß der Regierungschef gegen alle von ihm gegenüber der republikanischen Mehrheit übernommenen Verpflichtungen verstoßen habe, und daß seine absichtliche Blindheit oder seine beharrliche Gefälligkeit nichts anderes als mit der Bezeichnung Beihilfe belegt werden könne.
Der Führer der vaterländischen Jugend, Abgeordneter T a i t t i n g e r, schreibt dagegen: Wann haben denn die Kampfbünde jemals die republikanische Staatsform bedroht? Wann haben sie die Wirtschaftsform angegriffen? Wann haben sie das Heer und die Fahne geschmäht? Die Kampfbünde wollen eine saubere Republik und ein sauberes Parlament, sie wollen ein starkes, geachtetes Frankreich. An die Fabel von der Notwendigkeit einer Verteidigung der Republik glauht niemand. Die Kampfbünde verhindern die Revolution und insofern verteidigen sie die Republik.
Eröffnung -es neuen britischen Parlaments.
Die Thronre-e verspricht Behauptung -es alten Kurses. — Die Meinung -er Opposition.
London, 3. Dez. Das neue Parlament ist am Dienstagmittag eröffnet worden. Die Thronrede des Königs wurde vom Lordkanzler im Oberhaus verlesen. Sie beginnt mit der Feststellung, daß d i e Beziehungen zu den fremden Mächten nach wie vor freundschaftlich seien. Die. Außenpolitik gründe sich auf eine unzweideutige Unterstützung des Völkerbundes. Die Regierung bleibe gewillt, in Zusammenarbeit mit anderen Mitgliedern des Völkerbundes die Verpflichtungen der Genfer Satzung zu erfüllen. Insbesondere sei sie entschlossen, zu jeder Zeit ihren Einfluß für die Erhaltung des Friedens geltend zu machen. In Verfolg dieser Politik habe sich die Regierung verpflichtet gesehen, in Zusammenarbeit mit fünfzig Völkerbundsstaaten gewisse Maßnahmen wirtschaftlicher und finanzieller Natur gegen Italien anzuwenden. Weiterhin werde sie auch künftig ihren Einfluß zugunsten eines Friedens ausüben, der für alle drei Par - t e i e n, Italien, Abessinien und den Völkerbund annehmbar sei.
Die Thronrede erwähnt hierauf kurz die demnächst in London beginnende Flottenkonferenz. Der König vertraue darauf, daß die Arbeiten der Konferenz von Erfolg gekrönt sein würden. Die Erfüllung der internationalen Verpflichtungen aus den Völkerbundssatzungen ebenso wie der angemessene Schutz des Britischen Reiches machten es zu einer zwingenden Notwendigkeit, die Mängel in der Landesverteidigung zu beseitigen.
Die Thronrede kündigt dann die Fortsetzung der Bemühungen zur Förderung der wirtschaftlichen Erholung. Besondere Aufmerksamkeit werde man den Gebieten schenken, wo die Arbeitslosigkeit am größten sei. Die Vereinheitlichung der Verkaufseinrichtungen des Bergbaues sei ins Auge gefaßt, Gefälle und Schürfgerechtsame sollten unter staatliche Kontrolle gestellt und die Sicherheitsverhältnisse unter Tage verbessert werden. Die Modernisierung des Eisenbahnwesens soll durch eine Anleihe unter Staatsgarantie eingeleitet werden.
Beginn der Aussprache im Unterhaus.
Wegen der Hoftrauer sind die üblichen prunkvollen Zeremonien bei der Parlamentseröffnung unterblieben. Bei dem Eröffnungsakt wurde der König durch die königliche Kommission vertreten, deren Führer der Lordkanzler ist. Im Unterhaus wurde dann die Dankadresse an den König von dem neugewählten Abgeordneten Wakefield verlesen. Er ist Fliegerleutnant und bekannter internationaler Rugby-Spieler. Nachdem Wakefield das Beileid der Abgeordneten zum Tode der Schwester des Königs ausgedrückt hatte, erklärte er u. a., die bisher verfolgte Sühnepolitik werde von der überwältigenden Mehrheit des englischen Volkes unterstützt. Der Führer der Arbeiteropposition Attlee erklärte, die Opposition lehne die Thronrede des Königs ab. Sie berücksichtige die dringenden außenpolitischen Angelegenheiten nur in sehr geringem Maße. Die englische Regierung habe Italien zu gelinde behandelt und in den letzten vier Jahren dauernd zwischen den Völkerbundsgrundsätzen und imperialistischen Gesichtspunkten geschwankt. Die Auffassung, daß ein Plan zur Beilegung des italienisch-abessinischen Streitfalles auch
für Italien annehmbar sein müsse, sei gesetzwidrig. Der Hauptpunkt in der Thronrede sei natürlich die Aufrüstung. Auch hinter dem geplanten Ausbau der Luftverbindungen stecke die Absicht einer Verstärkung der Luftaufrüstung.
Ministerpräsident Baldwin
erklärte, in Artikel 8 der Genfer Satzung heiße es, daß die Erhaltung des Friedens die Verminderung der nationalen Rüstungen auf den niedrigsten Stand gebiete, der mit der n a t i o n a l en Sicherheit und der Erhaltung internationaler Verpflichtungen durch gemeinsames Vorgehen vereinbar sei. Hier stehe nichts davon, daß die Sicherheit eines Landes ausschließlich aus dem internationalen Schutz beruhen solle. Aber als derjenige, der die Verantwortung für das englische Staatsschiff in höchst schwierigen Gewässern trage, werde er keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um den Frieden anstatt den Krieg zu sichern. Wenn der Völkerbund auf Grund der oft erwähnten Bedingungen dem augenblicklichen schrecklichen Streitfall ein Ende bereiten könne, dann werde jeder in Europa, der den Frieden liebe, hierfür dankbar sein. Baldwin erwähnte eine Bemerkung eines Vorredners über einseitige Aufkündigung von Verträgen und erklärte: „Es ist durchaus wahr, daß die Heiligkeit der Verträge geachtet werden muß. Das bedeutet aber nicht, daß irgenein gegebener Vertrag nicht abgeändert werden kann, oder daß er für alle Zeiten die Gestalt behalten muß, die er heute hat. Aber die Modifizierung eines Vertrages ist etwas anderes als eine Aufkündigung' (repuckwtivn). (Beifall.) Die einseitige Aufkündigung bedeutet die Herrschaft der Gewalt. Das Zerreißen eines Vertrages will dcks moderne Europa verhindern. Alle Ereignisse dieses Jahres haben dies klar zum Ausdruck gebracht, weil zum Angreiferstaat ein Land erklärt worden ist, mit dem alle Länder Europas auf freundschaftlichem Fuße stehen. England werde jedoch festzustellen versuchen, ob es einen ehrenhaften Weg gebe, um diesen Streitfall nach Maßgabe der Bedingungen zu beenden, die sich den beiden Parteien und dem Völkerbund nach Prüfung selbst empfehlen
Ser Vorsitzende der Oppositionsliberalen (Sir Archibald Sinclair
nannte den Wahlsieg der Regierung eine Der - trauens? unbgebung für Baldwin. Die Negierung müsse vor einer Rückkehr zur früheren Art des Lavierens gewarnt werden. Von der heute in Regierungskreisen vertretenen Ansicht, man müsse im afrikanischen Krieg eine für d i e drei Parteien (Italien, Abessinien und Völkerbunds annehmbare Regelung erstreben, wollte Sinclair nichts wissen. Ein solches Ergebnis würde keinen der drei Beteiligten befriedigen. Sollte es keinen klaren Sieg der Gerechtigkeit über den Rechtsbrecher geben, dann werde das Ende des abessinischen Krieges die Saat zu neuen Kriegen sein. Ferner erwähnte der Redner noch die Notwendigkeit, die wirtschaftlichen Ursachen von Kriegen auszumerzen, zu denen er besonders die Frage der kolonialen R o h st o f f e rechnet. Er bestritt, daß das Land sich bei den Wahlen zu den Fragen der Aufrüstung
geäußert habe, die Regierung habe nichts bestimmtes über ihre Pläne mitgeteilt.
Der Abänderungsantrag der Arbel- teroppofition zur Antwortadresse auf die Thronrede ist am Dienstagabend von dem neugewählten Vollzugsausschuß der Partei erwogen worden. In parlamentarischen Kreisen verlautet, daß der Abänderungsantrag der Regierung vorwirft, sie habe vor Ausbruch der abessinischen Krise dem Völkerbund keine tatkräfti g e Unter st ützung zuteil werden lassen. Der Antrag wird voraussichtlich auch Kritik daran üben, daß die Thronrede keine umfassend en Pläne für die notleidenden Jndustriebezirke und keine deutlichen Vorschläge zur Umänderung der Bedingungen für den Bedürftigkeitsnachweis der Arbeitslosen enthalte.
Dr. Hanfstaengis Veleidigungs- klage gegen den „Daily Expreß"
London, 3. Dez. (DNB.) Die feit Dezember 1934 schwebende Ehrenbeleidigungsklage des Ausland s p r e f s e ch e f s der NSDAP. Dr.Ernst Hanfstaengl gegen den bekannten Londo - ner Expreß-Zeitungskonzern Lord Beaverbrooks kam am Freitag, 29. November, vor dem englischen Gerichtshof zur Verhandlung. Schon der erste Verhandlungstag brachte für Dr. Hanfstaengl und seine Privatsekretärin Frau Agathe Hausberger ein mehrstündiges Kreuzverhör, in dessen Verlauf trotz der Versuche von - feiten des gegnerischen Anwalts Sir Patrick Hastings die Stellung des Dr. Hanfstaengl vollständig unerschüttert blieb. Eine Reihe unvorhergesehener Wendungen, die die Folge der durchaus sachlichen Einstellung Dr. Hanfstaengis waren, führten bereits am Montagmorgen zum Angebot einer gütlichen Einigung durch den Gegner. Trotz der ausgesprochen günstigen Prozeßlage entschloß sich Dr. Hanfstaengl im allgemeinen Interesse zu einem Abbruch des Verfahrens, nachdem die Gegenseite erstens lm offenen Gerichtssaal ihre Beleidigungen zu rückgenommen und ihr Bedauern zum Ausdruck gebracht und zweitens die lieber» nabme öer gesamten Dr. Hanfstaengl entstandenen Kosten zugefichert hatte.
Es ei hinzugesügt, daß von.Dr. Hanfftaengl der Gerichtsweg gegen den „Daily Erpreß" erst 'dann beschritten worden ist, als sämtliche Bemühungen, die Angelegenheit auf friedlichem Wege beizulegen, felilgeschlagen waren. Die Verteidigung des Dr. Hanniaengls lag in den Händen der berühmten Londoner Anwaltsfirma Kenneth, Brown Baker und des bekannten Kings Council Sergeant ^o n. Wie wir hören, hat seinerzeit' der (5lpre^t ■ bie Meldung eines amerikanischen Blattes über ferne angebliche abfällige Aeußerung des Auslandspressechefs der NSDAP. Dr. Hanf- staengl über eine englische Universität, und zwar n gehässiger Form, wiedergegeben. Durch den Ausgang des Prozesses ist nustmehr klar erwiesen daß solche Aeußerungen von Dr. Hanf- sta-NKl n t Cf) t g e m a Cf) t wurden, sondern daß der »Daily Expreß zumindest das Opfer einer Täuschung geworden war.
„Sicherheit für Japan."
Von unserem N W.-Berichierstatier.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! , Tokio, November 1935.
Die große F l o 11 e n p a r a d e in Tokio nach Beendigung der diesjährigen Manöver vermittelte ein anschauliches Bild von der beträchtlichen Stärke dieser Streitmacht, die der Stolz Japans ist. In der Tat kann man sich dem Eindruck nicht» entziehen, daß sich in den Großkampfschiffen, den schnellen Kreuzern, den modernen U-Booten, den Torpedobootsund Zerstörerflottillen und endlich in den Flugzeugträgern und Flugzeugmutterschiffen eine Kraft zusammenballt, die „stark genug ist, der Lebens- l i n i e des Kaiserreichs Schutz und Rückhalt zu verleihen". Mit dem Begriff „Lebenslinie" verbindet der Japaner schlechthin die „von der Geschichte Übertragene Aufgabe, den Frieden im Fernen O st e n sicherzustellen."
Die zu sichernde Friedenszone ist zunächst ein rein strategisch-militärischer Begriff, d. h. innerhalb dieser Zone sollen alle Ängriffsmöglichkeiten auf Japan beseitigt werden. Sie ist ferner ein strategisch-wirtschaftlicher Begriff, d. h. Japans Absatzgebiete und umgekehrt die Versorgung mit Rohstoffen sollen feindlichem Eingriff entzogen werden. Innerhalb dieser Friedenszone find wieder zwei Fronten zu unterscheiden: die kontinentale Front im Norden und Osten und die pazifische maritime Front im Südosten (Formosa), Süden (äquatoriale Südseemandate), Osten (180. Grad) und im Nordwesten die Aleuten.
Die Friedenszone zeigt gleichzeitig die Stärke der von Japan geforderten Vormachtstellung auf, die sich mehr und 'mehr zu dem Begriff des „j apa= nischen Imperiums" verdichtet hat. Japans Gegner sind infolgedessen alle diejenigen Staaten, die den Anspruch Japans als „stabilisierenden Faktor in Fernost" (so bezeichnet Japan seine imperialistischen Ansprüche) nicht gelten lassen wollen. Das sind also Rußland, England und die Vereinigten Staaten, während China notgedrungen in die Rolle des „neutralen Zuschauers gedrängt ist". Die Holländer werden als „aufmerksame, nach den sichersten Gelegenheiten zur Verteidigung ihres Kolonialbesitzes spähende Beobachter" bezeichnet, ebenso wie die Philippinen, deren Zukunft nach Erreichung der „Unabhängigkeit" vorwiegend von wirtschaftlichen Erwägungen bestimmt wird.
Ueber den Ausgang eines Krieges gegen die vereinigte Front Sowjetrußlands, Englands und Amerikas ist kein Zweifel möglich. Darüber werden sich auch diejenigen japanischen Kreise im klaren sein, die von einer unerhörten Reihe siegreicher Kriege sprechen, die allerdings nur gegen Korea, China, gegen ein Teilgebiet des kaiserlichen Rußlands, oder gegen einen nicht vorhandenen Gegner im Weltkrieg geführt wurden. Freilich sorgte die politische Kräfteverteilung im Westen und Osten dafür, daß Japan nach menschlicher Voraussicht einen Krieg gegen seine geeinten Gegner nicht zu befürchten braucht. Es sind bisher auch keine Voraussetzungen für einen vollen Einsatz der militärischen Kräfte Amerikas und Englands gegen Japan gegeben, wie überhaupt das japanische Jnselreich durch politische und geographische Gegebenheiten vom Glück begünstigt ist.
Was nun den so oft angekündigten Ausbruch von Verwicklungen zwischen Japan und Sowjetrußland anbelangt, so muß man in Rechnung stellen, daß gegenwärtig beide Teile mehr auf Verteidigung und Sicherung, als auf Angriff und Eroberung bedacht sind. Das lassen schon die Verhandlungen über die Einrichtung von Grenzkommissionen erkennen, die den Zustand eines „latenten Waffenstillstandes" andeuten. Aber auf die Dauer verträgt eine Waffenruhe weder den ständig wachsenden Ausbau des sowjetrussischen, das nördliche Mandschukuo umklammernden Sicherungssystems (das bei gegebener Gelegenheit automatisch offensive Kräfte'auslöst), noch den beiderseitigen stärkeren Einsatz mobiler diplomatischer Kräfte in Gebieten, die sich bislang als politisches Niemandsland behaupteten. Es handelt sich hier um den unverkennbar anwachsenden Druck Japans und Mandschukuos auf die Innere und Aeußere Mongolei, der eines Tages dem sowjetrussischen Gegendruck nicht mehr ausweichen kann.
In China, der Front des geringsten militärischen Widerstandes, arbeitet Japans Diplomatie und Wehrmacht mit Hochdruck an der Ausgestaltung der FontmenFaTen Sicherungszone. Freilich läßt sich heute noch nicht sagen, ob die zum Einsatz gebrachten Mittel zum erwünschten Ziele führen, d. h. zu einer geschlossenen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Einheit beider Länder. Aus dem Wege zu diesem Ziel sind noch viele Hindernisse zu beseitigen, die durch die Abtrennung der nordwestlichen Provinzen (Mandschukuo) und durch den immer stärkeren Druck auf Nordchina (die japanische Presse spricht von der Bildung eines selbständigen, von Nanking unabhängigen Fünfprovinzenblocks) äußerlich gekennzeichnet find.
Schwerer wiegt noch der Kampf gegen den vermeintlichen inneren Feind in China, gegen die sog. antljapanische Bewegung, zu deren Beseitigung, wie die diplomatischen und militärischen Konferenzen noch jüngst lehrten, alle verfügbaren Kräfte geschlossen eingesetzt werden. Es handelt sich hier nicht nur um die Träger der nationalistischen Bewegung in China, also um die Kuomintang und ihre <5onu^?organijationen, sondern auch um die „w e st l e r i s ch e n" Einflüsse (in erster Linie England und Amerika), in denen Japan eine Bedrohung seines fernöstlichen Friedens zu erkennen behauptet. Und endlich wird der Nanking-Regierung vorgeworfen, daß sie sich auch in Moskau nach Bundesgenossen umsähe, mit deren Hilfe „dem Vordringen Japans in Nordchina entgegengetreten werden solle" Die japanische Presse'beschäftigt sich unausgesetzt in langen Berichten ihrer Vertreter. in China mit diesen nicht immer richtig geschilderten Vorgängen und verlangt entschiedene Abkehr der Nankinger Zentralregierung von ihrer „doppelzüngigen und unaufrichtigen Politik". Es bleibt also eine offene Frage, ob die japanische Sicherungspolitik sich in China durchsetzen kann, ob es gelingt, den vorsichtig zurückhaltenden Chinesen als aktiven Bundesgenossen in den fernöstlichen Block einzugl'edern.
Mit diesen Ueberlegungen geht Japan auf die Flottenkonferenz nach London. Hier wird der Kampf um die Sicher st ellung der maritimen Front weitergeführt, nachdem er mit der Kündigung der Washingtoner Formel im letzten Jahr eingeleitet wurde. Das Ziel Japans ist bekannt: England und Amerika sollen dem Sicherheitsverlangen Japans Rechnung tragen und Japan als den maßgebenden und verantwortlichen Faktor in Dftafien anerkennen. Japan will den Frieden in Oftafien garantieren, aber dieser Friede ist angeblich bedroht, wenn sich nicht die großen Seemächte zu


