Ausgabe 
4.10.1935
 
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Italien marschiert.

Helix Dahn widmet tn seiner TrilogieKamps um Rom" das letzte Kapitel der Entscheidungs­schlacht am Vesuv; dem letzten Ansturm der ver­einten Kriegsmacht des oströmischen und weströmi­schen Reiches mit seinen germanischen Bundesge­nossen gegen die Reste des tapferen Gotenvolkes, das im Bewußtsein der bevorstehenden Vernichtung be­schlossen hatte, lieber zu sterben als Sklave zu wer- den. Wir erinnern uns der eiskalten Berechnung des oströmischen Feldherrn N a r s e s, des verzwei­felten Entschlusses, der den Römer C e t h e g u s im Bewußtsein des sicheren Todes gegen den Goten­könig T e j a führte. Wir sahen Teja fallen; Cethe- gus untergehen und Narses schließlich siegen, ob­wohl die Reste der Goten schließlich von Harald, dem Wiking, zurückgeleitet wurden ins Nordland, gegen Thule. Hat Mussolini am Mittwoch vor seinen Schwarzhemden als Cethegus gesprochen, der edle Römer, der um seiner großen Idee willen den Tod erlitt, oder war er der Narses des faschistischen Reiches, der unbeirrbar einen Weg ging, der zwar ins Unrecht, aber zum sicheren Siege führte?

Während in Genf noch hinter den Kulissen ver­handelt wurde, der Telegraph zwischen Paris und London eifrig spielte, für die Diplomaten eine Fülle von Arbeit vorhanden war, fielen nach Meldung aus Abessinien schon d i e er st en Bomben aus A d u a. Was nach der Rede Mussolinis zu erwarten war, ist prompt am nächsten Tage eingetreten. Ohne Kriegserklärung, ohne jede Formalitäten, hat Ita­liens Heer die abessinischen Grenzen überschritten, haben die italienischen ßufftreitfräfte den ersten An­griff unternommen. Eine ungeheure Walze kommt jetzt an Abessiniens Grenzen von Erythräa und Jta- lienisch-Somaliland her ins Rollen. Italien hat die Hauptoffensive im Norden Abessiniens in Rich­tung auf den Tana-See und Addis Abeba vorwärts getrieben; der westliche Vormarsch führt an der Grenze von Französisch-Somaliland auf die einzige Eisenbahnlinie zu, die die abessinische Haupt­stadt mit der Küste des Golfes von Aden verbindet; und im Süden des Landes schließlich winkt den italienischen Truppen die Einnahme riesiger Wüsten- aebiete, die bis an den Fuß des abessinischen Hoch­landes reichen. Heber allem steht Adua, die Rache für Adua! Will Italien der Volksstimmung nach­gebend vor allem einen weithin sichtbaren Anfangs­erfolg erzwingen, so kann es nur durch die Erobe­rung Aduas geschehen, das schon fünfzig Kilometer jenseits der Grenze liegt und bis wohin den moder- nenn Kriegsmitteln der Heeresgruppe des Generals de Bono kaum ernste Widerstände entgegenstehen dürften.

Seit Anfang dieses Jahres hat Mussolini einen Truppentransport nach dem anderen nach den ita­lienischen Kolonien geschickt. 300 000 italienische Sol­daten dürften wohl heute auf ostafrikanischem Bo­den stehen, um gegen Abessinien Krieg zu führen. Alle Mittel moderner Kriegstechnik sind eingesetzt, Flugzeuge, Tanks, alles was die jüngste Vergan­genheit an technischen Errungenschaften zu ver­zeichnen hat, wird gegen das Reich des Negus mo­bilgemacht. Dazu kommt ein Heer von" Arbeitern zur Anlage von Sttaßen, Errichtung von Kasernen und Proviantlagern, Wassertanks, Lazaretten usw. Die Italiener gehen also nicht unvorbereitet in die­sen Krieg. Sie haben sich monatelang Zeit genom­men, alles auf das genaueste vorzubereiten. An der Spitze der italienischen Armeen steht der Gouver­neur von Erithrea, General de Bono, während die Truppen im Somaliland unter General Gra - ziani zusammengefaßt sind. Beide haben sowohl als Soldaten wie als Kenner Afrikas ihren Ruf.

Wenn man das alles bedenkt, so hat Abessi­nien demgegenüber rein militärisch wenig in die Waagschale zu werfen. Insgesamt wird es vielleicht ein stehendes Heer von 100 000 Mann haben. Das sind die einzigen Truppen Abessiniens, die man als vollwertig und ausgebildet ansprechen kann. Sie sind auch voll bewaffnet. Was allerdings moderne Kriegswaffen anlangt, fo ist Abessinien beinahe schutzlos. Was spielen wirklich einige Hunderte von Maschinengewehren und ein paar leichte Geschütze nebst ganz wenigen Flugzeugen für eine Rolle gegenüber der technischen Stärke der italienischen Armee? Es ist so gut wie nichts. Wenn man also rein zahlenmäßig und der Ausrüstung nach die Chancen abwägt, die Italien Abessinien gegenüber hat, so muß dieser Krieg anmuten wie ein Kampf Goliaths gegen den kleinen David. Aber ganz fo geht die Rechnung nicht auf. Mit der Mobilmachung kann der Negus den Italienern natürlich e i n weit größeres Heer gegenüberstellen. Der Begriff Heer ist allerdings insofern etwas kühn, als für einen großen Teil dieser Hunderttausende von Eingeborenen überhaupt kaum die notwendigen Waffen vorhanden sind. Sie sind aber da, sie kom­men, wenn nicht anders mit ihren Speeren und werden trotz allem bei der letzten Entscheidung ein Wort mitzureden haben.

Denn der Negus hat zwei große Verbün­dete, das ist einmal das Klima Abessiniens, das die Italiener nicht gewöhnt sind, und zum anderen der Charakter des Landes mit seinen wegelosen Gebirgen und Schluchten. Wenn zu Anfang der Feldzug für die Italiener auch ein Spaziergang sein mag, wenn sie verhältnismäßig leicht die Schlappe von Adua werden auswetzen können, und auch der Vormarsch von Somaliland über Üal-Hual im Anfangs leicht sein wird, so kommen doch sofort die Schwierigkeiten, sobald die italienischen Heeressäulen an den Abhängen des äthiopischen Hochlandes angekommen sind, denn dann beginnt der eigentliche Krieg, wie ihn Kaiser Halle Selassie vorbereitet hat und führen wird. Hier nutzen Tanks nichts mehr, auch keine schwere Artillerie, selbst Flugzeuge haben nur noch einen bedingten Wert, well es für sie keine geeigneten Angriffsobjekte mehr gibt. Hier aber kann der Negus mit feinen Truppen kämpfen, die das Ge° läiwe genau kennen, die außerdem an den Klein­krieg, Der sich in diesen Schluchten von Mann zu Mann entwickeln muß, gewöhnt sind.

Gelingt es also Italien, die wasserlosen Wüsten des Südens und die unzugänglichen Gebirgs­schluchten im Norden glücklich zu überwinden, dann wird der Kleinkrieg um jeden einzelnen der him­melhohen Berge, die fast bis zu 5000 Meter Höhe ansteigen, beginnen; dann wird ein Vormarsch nur noch möglich fein, wenn man die Gefahr mit in Kauf nimmt, auf alle rückwärtigen Verbindungen und auf alle modernen Kampfmittel zu verzichten. Der Nachschub muß über lange unwegsame Strecken gesichert werden und in Wüsten, wo er ständig von der eingeborenen Bevölkerung bedroht ist. Und wenn man auch von vornherein den Italienern zu- gestehen will, daß das faschistische System sie zu vollwertigen Soldaten erzogen hat, so wird man doch damit rechnen müssen, daß der Kampf um das Hochland Abessiniens Jahre dauern kann. Und darin liegt für Italien eine gewisse Gefahr. Nicht allein auf militärischem, sondern auch auf wirt­

schaftlichem Gebiet, selbst bann, wenn man Sank­tionen ganz außer Acht läßt. Ein so langwähren- der Krieg muß an die wirtschaftliche und finanzielle Kraft des Landes ungeheure Ansprüche stellen, denn Italien wird sich über das Eine klar sein müssen, baß es keinen Spaziergang nach Addis Abeba geben wird.

Das Ringen in Abessinien wird die ganze Welt in Atem halten. Hier steht ein riesiges Heer modern ausgerüsteter italienischer Truppen mit einer riesigen Luftflotte, mit zahllosen Tanks, dem schlecht aus­gerüsteten Aufgebot der zahlenmäßig überlegenen

Abessinier gegenüber, die tapfere Soldaten sind, aber nur im zähen Kleinkrieg des Gebirges Aussicht haben, die Kriegshandlungen hinzuziehen und dem großen Gegner ungeheure Opfer an Blut, Zeit und Geld aufzuerlegen. So ist der Kampf um das Herz Abessiniens ein gefährliches Unternehmen, das sich jahrelang hinziehen kann, und das vor allem Italien während feiner langen Dauer in unvorstellbare Ver­wicklungen zu bringen imstande ist. Aber es muß selber wissen, ob dieser Kolonialkrieg das Risiko lohnt, das der faschistische Staat und Mussolini ein­gegangen sind.

Italiens ivirlschastliche Röstung.

Als Mussolini am Mittwochabend sein Volk zum Kriege gegen Abessinien aufrief, wandte er sich gegen den Völkerbund und sagte:Auf Sanktio­nen wirtschaftlichen Charakters werden wir mit Disziplin, Gleichmut und Opferbereitschaft antwor­ten. Auf Sanktionen militärischen Charakters ant­worten wir mit militärischen Maßnahmen, auf Kriegshandlungen mit Kriegshandlungen". Die Frage der Sühnemaßnahmen gegen den angrei­fenden Feind, und das ist trotz aller sehr verständ­lichen Entschuldigungen Italien, wird vom Völker­bund eindeutig beantwortet. Und zwar tritt A r - tikel 16 Aos. 1 der Bundessatzung sofort in Kraft, wenn der Völkerbund Italien als den an­greifenden Teil erklärt, damit wird auch offiziell die Finanz- und Rohstoffsperre über Italien ver­hängt.

Ob Italien diese wirtschaftliche Verfemung er­tragen kann, hängt von der Rigorosität ab, mit der die wirtschaftlichen Sühnemaßnahmen durchgeführt werden. Die moderne Kriegsmaschinerie bedarf nicht nur der silbernen Kugeln, sondern verschlingt auch ungeheure Rohstoffmengen an Oel, Kupfer, Eisen, Baumwolle usw., die das rohstoff­arme Italien, das nicht einmal feinen Kohlen­bedarf in Friedenszeiten decken kann, nicht hat. Hinzu kommen die finanziellen Schwierigkeiten des Landes, so daß also sich die drosselnde Schnur viel­leicht sehr bald trotz des Widerstandes der gesamten Bevölkerung bemerkbar macht. Finanziell ist Italien schon heute von jeder Hilfe abgeschnitten. Sogar Frankreich, das bisher Italien half und dessen Großbanken während des Iähres 1935 Ita­lien 4 Milliarden Franken zur Verfügung stellten, hat feine Hand abgezogen.

Das faschistische System hatte bereits seit Jahren infolge der Anstrengungen für den wirtschaftlichen Aufbau des Landes gewaltige Fehlbeträge im Staatshaushalt, die sich am Ende des Etatsjahres 1934/35 auf 105,39 Milliarden Lire insgesamt be­

liefen. Diese gewalttge öffentliche Schuld zwang trotz aller Devisen- und sonstigen Vorschriften die Lira ohne ausländische Spekulation zu einem ge­waltigen Absturz. Und der Rückgang der Spar­kasseneinlagen zeigte, daß die wirtschaftliche Kraft des italienischen Volkes bereits zu erlahmen anfing, ehe ein Gewehr in Abessinien abgefeuert wurde, wozu kam, daß die Ausfuhrindustrien hauptsächlich auf Kriegsarbeit umgestellt wurden, also keine De­visen mehr ins Land kamen, während der Ver­brauch ausländischer Rohstoffe, Oele usw. gewaltig wuchs.

Alle Maßnahmen der italienischen Regierung ha­ben diese Tatsache nicht wettmachen können. Hinzu kam die gewaltige Steigerung der Heeresausgaben, die bereits für 1934/35 über 10 v. H. des gesamten Volkseinkommens verschlangen. Wirtschaftlich geht also Italien mit unzureichender Rüstung in den Krieg. Die gelegentliche Aeußerung Mussolinis, es bedürfe eines Zeitraumes von vier Jahren, um Abessinien zu erobern, berücksichtigt anscheinend doch nicht die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit feines Landes. Au jeden Fall wäre es selbst nach Bezwingung Abessi­niens auf Jahre hinaus außerordentlich erschöpft. Auf den internationalen Warenmärkten find die Rohstoffpreise, ebenso die Preise für Oel und Le­bensrnittel zunächst gestiegen, weil Italien zur Deckung seines Bedarfes fast jeden Preis zahlte, und es ist bezeichnend, daß sogar in den USA. die Italiener gewaltige Schrott-Ankäufe Vornahmen, die von 35 000 Tonnen pro Jahr sich im ersten Halb­jahr 1935 auf über 145 000 Tonnen steigerten, wo­bei selbstverständlich der Preis um 69 Cents pro Tonne stieg. Aber diese Bewegung ist bereits zum Stillstand gekommen, einmal, weil Italien nicht genügend Devisen hat, um die Ankäufe bar zu be­zahlen und Kredit erhält Italien nirgends! und bann, weil die Wirtschaftsfanktivnen bereits ihre Schatten vorauswarfen.

Der erste italienische Kriegsbericht.

Die italienischen Truppen 20 Kilometer vor Adua.

Hom, 4.Oft (DHB. Funkspruch). Nach hier aus Eritrea vorliegenden Meldungen haben die italie­nischen Truppen in den frühen Morgen­stunden des Donnerstags den Mares überschritten, der vor 40 Jahren die Grenze zwischen der italienischen Kolonie Eritrea und Abes­sinien bildete. Eingeborene Kavallerie er­öffnete den Vormarsch, gefolgt von Infanterie mit Tanks und Artillerie. Zahlreiche Flugzeuge erkundeten wahrend des Vormarsches das Gelände. In vorderster Linie bemerkte man das Geschwader des Propagandaministers, Flieger­hauptmann Graf Ciano.in dessen Begleitung sich die beiden Söhne Mussolinis in selbflgesleuerlen Maschinen befanden. Die Truppen sind am Donnerstag bis z u den Höhen von Sato Tacle, also etwa 20 Kilometer, vorgerückt; weitere 20 Kilometer trennen sie noch von Adua. Die Straßen sollen sich im relativ guten Zustande befinden. Die Truppen gehen meist einen gut pas­sierbaren Maultierpfad.

In den Berichten der römischen Presse wird b i e Geschichte bes Krieges mit Abessinien von 1895/96 in bas Gedächtnis zurückgerufen unb an bis Orte gemahnt, in benen viele Italiener in blutigen Schlachten ihr Leben lassen mußten, bie jetzt von italienischen Truppen neu

besetzt werben sollen. Die Fehler, die damals gemacht worden seien, weil Italien zu dieser Zeit noch keine Durchschlagskraft auch für bie ibeen- mäßige Durchsetzung seiner ßebensnotroenbigfeiten getroffen habe, sollen jetzt nicht wieberholt werben. So wirb heute desonbers gerügt, baß bas bamalige italienische Oberkommanbo nicht ben Be­fehl gab, ben Marsch bis Adbis Abeba fsrtzusetzen, fonbern ben Rückzug antrat. Man erklärt, baß die Toten der Schlachtorte von damals, von Abba Carima, von Macalle unb die Märtyrer von Dancaliajubelnd auf e r ste h en unb ber unwiberstehlichen Vorhut bes italienischen Heeres in Ostafrika oorangehen werben".

Dem italienischen Gesandten die Pässe zugestellt.

Addis Abeba, 3. Off. (DKB.) Die obeffi- nische Regierung stellte am Donnerstag um 15 Uhr dem italienischen Gesandten in Abessinien Graf Vinci die Pässe zu. Der Gesandte und das Ge- sandtfchaftspersonal werden Freitag früh mit einem Sonderzug Addis Abeba ver­lassen. Der Zug wird von einer starken Jnfan- teriewache, die mit Maschinengewehren ausgerüstet ist, begleitet werden. 5000 Mann Polizei übernah­men bereits den Schuh des AuslSnder- Viertels.

Was wird der Völkerbund tun?

Vorsichtige Ingangsetzung des Sanktionsapparates. Paris empfiehlt dem Völkerbund eine maßvolle Haltung.

Eden spricht mit Laval.

Paris, 3. DEL (DNB.) Eden hatte am Don­nerstagabend eine fast anderthalbstünbige Unter- rebung mit ß a d a I. lieber ben Inhalt ber Unter- rebung wirb folgenbe amtliche Mitteilung aus­gegeben:Wir haben uns über bie Tages­ordnung ber bevorstehenben Völker- bunbsratsfitzung unterhalten unb bie Der» fdjiebenen Möglichkeiten ins Auge gefaßt, bie verfolgt werben könnten. Wir werben unsere Zusammenarbeit in Genf fortfetze n."

Nach ber Unterrebung ßaoals mit Eben verlautet in französischen Kreisen, baß man bie weitere Be- hanblung bes italienisch-abessinischen Streitfalles burch ben Völkerbunb burchgesprochen habe. So­bald der Völkerbundsrat nach Artikel 16 den Angreifer fe st zu st eilen habe, werde als Folge dieser Feststellung die Frage ber Sühne- maßnahrnen bamit automatisch bejaht, beim sie seien satzungsgemäß vorgeschrieben. Im­merhin bleibe bann noch ber Umfang festzu­legen. Hierzu fei eine Vollversammlung bes Völkerbunbes geplant, ßaoal unb Eben seien ber Ansicht, baß bie wirtschaftlichen unb finanziellen Sühnemaßnahmen zeitlich unb fachlich g e ft a f « feit werden müssen.

Innerhalb des Völkerbundsrates dürften sich zwei Richtungen geltend machen. Die eine werde b e - fehleunigte und strenge Sühnemaß­nahmen fordern, die andere langsame und milde. Die ersten Sühnemaßnahmen würden, so glaubt man in Paris, wahrscheinlich nicht über die Grenzen hinausgehen, bie bie Erklärungen Musso­linis ihnen gezogen hätten, ba kein Staat bie de- stehenbe internationale Spannung verschärfen und eine heftige Reaktion Italiens heraufbeschwören möchte. Die römische Regierung habe wissen lassen, daß sie ohne Einspruch wirtschaftliche und fi­nanzielle Sühnemaßnahmen hinnehmen würde, die in den inneren Bereich eines jeden Staates gehören, und ber internationalen Kontrolle nicht unterstehen;

mit anderen Worten: Italien würde aber gegen jede Blockade - Maßnahme Front ma­chen.

Unter diesen Umständen scheine man zunächst an bie Kreditverweigerung gegenüber dem Angreifer unb an bie Aufhebung bes Waffen Ausfuhrverbotes für ben angegriffenen Staat zu benfen. Vielleicht werbe man in einem späteren Stabiurn das De r - bot ber Ausfuhr von Rohstoffen nach b e m Angreifer - Staat befürworten. Man habe auch baran gebacht, auslänbifche Kontos in bem betreffenben ßanbe zu verbieten, um ihm ba» burch bie burch ben Hanbel eingehenben Devisen zu sperren. Aber biese Maßnahme bürste b i e äufjerfte Grenze ber geplanten Steigerung ber Sühnemaßnahmen fein, weil sie wegen ihres Ern­stes binnen kurzem zurBlockabemit allen ihren internationalen Folgen führen könnte. Deshalb bürfte wohl in Genf maßvolle Haltung beobachtet werben, unb es werbe ziemlich lange Zeit verstrei­chen, bevor Verwicklungen eintreten könnten.

Der Bericht des Dreizehner- ansschuffes.

Samstag Sitzung des Bölkerbundsrats.

Genf, 3. Oft. DNB. Der Dreizehner- Ausschuß bes Völkerbunbsrates hielt Donners­tagnachmittag eine Sitzung ab, die über zweieinhalb Stunden dauerte. <£r hat sich offiziell nur mit der Ausarbeitung des Berichtes an den Rat beschäftigt. Der historische Teil wurde bereits gebilligt und für die D a r st e l l u n g des Sachverhaltes dieUmstände des Konflik­tes" im Sinne der Völkerbundssatzung wurde ein Redaktionsausschuß eingesetzt. Bezüglich des dritten unb wichtigsten Teiles des vorzulegenden Berichtes, der E m p f e h l u n g e n, soll Die nächste Sitzung des Rates abgewartet werden. Der Rat soll darüber entscheiden, ob angesichts der

neuen ßage Anlaß zu Empfehlungen der ur« sprünglich beabsichtigten Art bestehe. Auf Grund der heutigen Telegramme des Negus und der italie­nischen Regierung wurde ferner beschlossen, von der Entsendung neutraler Beobachter a b z u s e h e n, da sich der Ausschuß von ihrer Tätigkeit in diesem Stadium nichts mehr verspricht. Der V ö l k e r b u n b s r a t ist für Samstag, 10.30 Uhr, einberufen worben.

Die Stimmung in Paris.

Der frühere französische Botschafter in Rom, Henri b e Iouvenel, erklärt tmPetit Jour­nal", wirtschaftliche Sühnemaßnahmen dürften sich als unwirksam Herausstellen, militärische wären ge­fährlich. Wenn man gegen Italien militärische Sühnemaßnahmen anwenden würde, würde man es Deutschland in d i e Arme treiben. Was würde im Falle eines Krieges, bei dem dann in Mitteleuropa 100 Millionen Menschen eine bedroh­liche Haltung einnehmen würden, vom Völkerbund übrig bleiben? Das 20. Jahrhundert habe sich nicht durch Intelligenz ausgezeichnet. Wenn es ihm nicht gelinge, einen neuen Weltkrieg zu verhindern, ber burch einen rein kolonialen Streit hervor­gerufen werben würbe, bann wäre bas 20. Jahr- hunbert bas bümmfte aller Iahrhunberte.

DasEcho be Paris" schreibt, Italiens Vorgehen sei bedauerlich. Wenn die Abessinier sich aber nicht durch den Völkerbund und durch England unter­stützt gefühlt hätten, bann würbe bei der kolonialen Operation gar nichts ober beinahe gar nichts passiert fein. Das Blatt wendet sich gegen jedes Auftreten Frankreichs gegen Italien unb bemerkt im übrigen, baß Postmini- fter Manbel zu benen gehöre, die innerhalb des Kabinetts ßaoal am meisten für ein Zusammen­gehen Frankreichs mit England im Falle eines eng­lisch-italienischen Gegensatzes eintreten. DasJour« nal" entscheidet sich für Italien, das Frankreich eine vorbehaltlose Freundschaft entgegenbringe, während England mit Deutschland ein Flottenabkommen ab­geschlossen habe.Journal" empfiehlt, man möge dafür sorgen, daß die Angriffshandlungen über­haupt nicht festgestellt werden, denn dann gäbe es, amtlich gesproch e n" keinen Krieg und alle gefährlichen Folgen wären damit abgeschnitten.

DasD e u d r e" bezeichnet die italienische Note und den darin enthaltenen Hinweis, daß Abes­sinien den Krieg entfessele, als ein Monument" unb erklärt, es stehe Mussolini na­türlich frei, bie Dinge feinem Volke fo barzustellen, aber er mache sich wohl über bie Welt absichtlich luftig, wenn er bem Völkerbunb solche Flausen aufbinben wolle.Das ßamm hat bie ßöroin an­gegriffen", bemerkt bas Blatt.

Italien gegen Kriegsgreuelpropaganda.

Späte Erkenntnis.

Rom, 4. Oft. (DNB. Funksvruch.) In seinem Abgeschnittene Hänbe" überschriebenen ßeitartifel verwahrt sich berMessaggero" mit aller Entschiebenheit gegen bie Greuelrnärchen, bie jetzt durch die anti-italienische und anti-faschi- stische Presse in Umlauf gesetzt werden unb bie ty­pisch englischer Prägung feien. Das 'Blatt erinnert an die Greuelrnärchen bei Weltkriegsbeginn, besonders an die abgeschnittenen Hände belgischer Kinder und nimmt hierbei die Kriegsgreuelpropa­ganda, der sich auch Italien anschloß, in aller Form zurück, wenn es schreibt:

Wir kennen jetzt diese Lügenmiltel, die vor zwanzig Jahren die ganze Well, Ita­lien nicht ausgeschlossen, zu täuschen suchten, die sich heute aber als das offenbart haben, was sie wirklich sind, nämlich als unwürdige Anschläge gegen die Wahrhaftigkeit. Vor 20 Jahren sprach man von den abgeschlagenen Händen der belgi­schen Kinder, die barbarisch von Deutschen verstümmelt wurden, heute spricht man von Frauen und Kindern, die von Italie­nern getötet wurden. Nieman- vor und nach dem Kriege hat jedoch ein einziges Opfer dieser Barbareien gefunden, um derentwegen die Gefühle der ganzen Well tnobili- siert wurden.

Heute versucht man bas gleiche Spiel mit Italien beim ersten Anzeichen ber Feindselig­keiten zu treiben. Es ist jedoch nicht glaubhaft, baß die Weltmeinung noch einmal auf diese Täuschun­gen hineinfällt. Das Blatt verwahrt sich besonders gegen die Falschmelbung, baß ein abessinisches Rote-Kreuz-ßazarett in Abua von italie­nischen Flugzeugen bombardiert worden sei und verweist darauf, baß es in ganz Abessinien überhaupt keine derartigen Hospitäler gibt.

Die britische presse fordert den Völkerbund zum Handeln auf.

ßonbon, 4. Oft. (DNB. Funkspruch.) Da der Ausbruch des italienisch-abessinischen Krieges seit der großen Probemobilmachung Italiens jeden Augenblick erwartet wurde, zeigt bie Morgenpresse keinerlei Ueberraschung, sondern begnügt sich da­mit, wenn auch in etwas schärferem Tone, ihren schon seit vielen Wochen eingenommenen Standpunkt zu vertreten. Die Verschärfung bes Tones ist in berTimes" am auffälligsten. Das Blatt schreibt: Das gestrige Datum wirb in gutem ober schlimmem Sinne benfroürbig sein. Am 3. Okto­ber 1935, so werbe aufgezeichnet werben, habe eine ber Großmächte Westeuropas, ein führendes Mit­glied des Völkerbunbsrates, ein Bürge des europäischen Friedens und ein Unterzeich­ner des Kellogg-Paktes, ein Jahr militärischer Vor­bereitungen unb diplomatischer Ausflüchte abge- chlossen und eine große Armee zum Zwecke ber Eroberung unb Beraubung eines anberen Mitgliedes des Völkerbun- d e s in Bewegung gesetzt. Wenn die Mitglieder bes Völkerbundes bereit seien, untätig eine tatsächliche unb unzweideutige nicht herausgeforderte A n - griffshandlung zu dulden, dann sind bie Völkerbunbssatzung und der Kellogg-Pakt tot. Wenn ie tot seien, dann verzichte die Welt ausbrücklich auf ihre größte Bemühung um die Behinderung eines Krieges. Die britische öffentliche Meinung habe diese Wahrheit deutlich erfaßt. Sie schlage weder flärm, noch sei sie bestürzt, und dementspre­chend gebe es in ber britischen Politik kein Schwanken unb keine Verwirrung. Die Verpflichtung ber britischen Regierung sei äußerst einfach. Die Völker bundsfanktionen Eönn* ten das Kriegsaebiet einschränken und bie Hinbernisse für Den Krieg aufrechterhalten. So­lange alle zur Völkerbunbssatzung stehen, werde die britische Regierung ihren Anteil an allen ein-