Nr. 153 Drittes Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Donnerstag, 4. Zuli 1935
Sommertage in der Haustaube.
Zur Geschichte von Balkon/ Veranda und Loggia.
Von Or. Jürgen Schäfer.
Wem an diesen strahlenden Sommertagen der Wea hinaus in die Wälder und an die Ufer der Flüsse und Seen zu weit oder auch zu beschwerlich ist, der braucht darum doch nicht hinter herabgelassene Vorhänge in halbdunkle Zimmer zu flüchten. Auch er kann sein Teil an Luft und Sonne haben, ohne den sich der Mensch des zwanzigsten Jahr- hunderts sein Leben überhaupt nicht mehr vorstellen kann. Die Kunst der Baumeister hot einen Raum erdacht, der halb Haus und halb Garten ist und in den der volle Glanz der sommerlichen Tage unverwehrt eindringen kann: den Balkon. Wir suchen nach einem deutschen Wort für diesen Vorbau der Häuserfront und stellen fest, daß wir in jenem „balcon“ ein französisches Lehnwort vor uns haben, das einen gut deutschen Ursprung hat und aus dem germanischen Balken gebildet worden ist. Auch die Verwandten dieses Battons, die Veranda, die zumeist überdacht ist, und die Loggia, ein nach der Straße zu offener Raum, der aber nicht über die Häuserfront vorspringt, haben ihre sprachlichen Schicksale: während die Veranda über England aus Indien kommend — im Sanskrit findet sich das Wort „waranda“ — in der Mitte des vorigen Jahrhunderts bei uns ihren Einzug hielt, stammt der Name der Loggia, — der wie leicht zu erraten ist, mit Loge verwandt ist, — aus dem Italienischen, aber auch hier steht zuguter- leßt ein deutsches Wort am Anfang, nämlich die althochdeutsche „laubia“, die Laube. In dieser ganzen Namensreihe aber bringt jedes Wort und jeder Klang etwas von dem Zauber mit, der das frohe sommerliche Leben in unserem „Gartenhaus in der Wohnung" erfüllt, vom frühen Morgen, wenn die ersten Sonnenstrahlen auf den kleinen Blumengärten spielen, bis zum Abend, wenn Mond und Sterne über ihm hoch am Himmel schweben.
Der ganze Sommertag spielt sich für die kleine Familie draußen in der „Hauslaube" ab. Durch die Taghelle früh geweckt, wandeln groß und klein, oft noch nicht ganz hoffähig gekleidet, die paar Schritte hinaus ins Freie, um nach dem Himmel zu spähen, ob er in unbegrenztem Lichtblau erstrahlt oder ob Regenwolken den Himmelsberg Heraufziehen. Dann wird ein paar mal tief Ätem geholt und die Müdigkeit abgeschüttelt. Derweilen hat sich auf dem kleinen Viereck des Balkons ein kleines Tischchen eingefunden, auf dem schon die Kaffeetassen blinken. So heißt es schnell ins Badezimmer eilen und wenn man alsdann fertig angekleidet wiederkommt, ist man mit einer Gießkanne bewaffnet. Erst müssen die Blumen versorgt werden, und die Kinder recken sich auf die Zehenspitzen, um zu sehen, ob auch „ihre" Blumen schon die Augen aufgetan haben. Das Geplapper mischt sich in die Lockrufe und Weisen der Vögel im Nachbargarten. Eine schönere Morgenmusik läßt 'sich gar nicht denken. Dann lockt der Duft des Morgen- trankes groß und klein und eine Weile ist's still. Sind alle Brote, in den hungrigen Mäulern verschwunden, gibt es einen überstürzten Abschied: denn der Tagbeginn ist hier draußen so beglückend schön, daß man darüber Arbeit und Schule fast vergißt und jeden Sommertaq gar für einen Sonntag hält. Nun herrscht einige Stunden Friede. Mutter tut ni aller Stille im Freien ihre Arbeit, um die Familie dann hier zu einem Mittagsmahl unterm Sonnenschirm zu empfangen, das nicht enden will. Das Hauslaubenidyll — wer es nicht selber erlebt, der braucht bloß ein wenig durch die Straßen zu gehen, um es mit eigenen Augen anzusehen — nimmt dann seinen Fortgang. Nirgends lassen sich Schularbeiten so gut machen wie hier u n - ter freiem Himmel, wenn man auch versucht ist, von Zeit zu Zeit einen Blick hinunter auf die *
Straße zu werfen oder gar einen Ball aufzufangen, der aus einem Spiel hoch herauf in die offene Laube fällt, und nirgends kann man eine so gemütliche und ausgedehnte Vesperpause machen. Und dann das Sonnenbad! Da liegt man mucks- mäuschenstill und starrt durch eine dunkle Brille in den Himmel, jedes Wölkchen, das da oben lämmersanft vorbeizieht, als ein aufregendes Begebnis betrachtend. Und dabei wird die Haut braun und im Gegensatz dazu das Auge immer leuchtender und funkelnder und der ganze Mensch vom Scheitel bis zur Sohle völlig neu. Kommt dann die Dämmerung mit ihrer duftenden Kühle, so zögert man lange, die Lampe anzuzünden. Erst wenn das Nachtmahl eingenommen worden ist und die kleinen Barfüßer zu Bett gegangen sind, leuchtet eine sanfte gedampfte Lampenhelle auf. Vielleicht findet sich ein Gast ein, zu dessen Ehre eine Bowle gebraut wird und dann sinkt still die Nacht hernieder in nachdenkliche und frohgemute Gespräche, deren Abschluß der aus tiefstem Herzen kommende Spruch ist: Es war schön!
Ist dies Idyll aber eine Erfindung des zwanzigsten Jahrhunderts? Wir müßten weit in der Geschichte zurückgehen und über die ganze Erde wandern, um die erste „Laube" ausfindig machen zu können, denn jede Terrasse, jeder Altan und jeder Söller sind Vorfahren unserer modernen Loggia. Im engeren Sinne verstand man darunter die im 12. und 13. Jahrhundert aufkommenden Bogengänge vor dem Erdgeschoß der Häuser, die von Mailand aus in Italien und Deutschland bekannt wurden. Im Süden wurden schließlich ganze Städte — wie die Königin der Adria, die Lagunenstadt Venedig — zu einem solchen Ort der Loggien. In Deutschland konnten die Häuser nicht ganz so luftig und zugänglich aussehen. Aber oben auf den schmalen, steil ansteigenden Giebeln wurde ein Zinnen
Wehrwiffenschast.
-- Wolfgang von Gronau: Wie ich fliegen lernte. Erlebnisse und Erfahrungen als Schüler und Lehrer. Reclams Univerfal-Biblio- thef Nr. 7289. Geheftet 35 Pf., gebunden 75 Pf. — (56) — Wolfgang von Gronau, der Weltum- fkreger, schildert an Hand seiner zwanzigjährigen Erfahrungen die Ausbildung des Fliegers. Er erzählt, wie er als junger Leutnant zur See während des Krieges zur Fliegerei kam, und gibt dann in der Schilderung seiner Ausbildungszeit und seiner Kriegserlebnisse gleichzeitig zahllose praktische Winke, was alles — auch heute noch — der Flieger berücksichtigen muß. Selbst der Segelflieger, der sonst in dem Buch nicht berücksichtigt werden konnte, wird aus diesen Erfahrungen großen Nutzen ziehen. Nach dem Kriege wird Gronau der Lehrer einer neuen Fliegergeneration — bis er sein Ziel erreicht hat: bis er, ohne Menschenleben aufs Spiel zu setzen, den Flug um die Welt mit seiner deutschen Mannschaft vornehmen kann. All dies schildert Gronau in seinem Bändchen schlicht und bescheiden, aber in lebendigster Anschaulichkeit, so daß jeder, auch der Laie, seinen Ausführungen mit Interesse und mit reichem praktischen Nutzen folgen kann.
— Mathematik und Wehrsport. Aufgaben für Unterricht und Wehrerziehung. Von Studiendirektor E. Lampe und Studienassessor Dr. A. Wagner. Mit 20 Figuren im Text. (51 S.) Kart.
kranz mit einem Türmchen erbaut, wo man dem Himmel auch etwas näher war, als in der engen dunklen Straße. Statt offener Galerien baute man Balkone, die durch Fenster verschlossen werden konnten, und in diesem Erker war wiederum ein entfernter Verwandter der Hauslaube entstanden. Dann entschied man sich an der Ziersront zu einem Bal- kon, und an der Rückseite des Hauses wurde eine Glasveranda an die Wohnungen angebaut. Schließlich kam dann bei Wohnhäusern, zunächst bei Siedlungsbauten und Landhäusern, später aber auch bei großen Reihenhäusern, die Loggia auf, der nach vorn und oft auch nach den Seiten offene, aber über» deckte Aufenthaltsraum, der nicht wie ein Balkon vor der Mauer liegt, sondern hinter die Mauerflucht zurückspringt. Hier läßt sich ohne Mühe etwas Schatten schaffen, wenn die Sommersonne allzu heiß herniederbrennt, und die Mauern spenden etwas Kühle. Eine Reihe von Blumenkästen aber schließt mit ihrer wuchernden Blütenpracht die Bewohner ganz für sich in ihren kleinen Sommerfrieden ein.
Dieser kleine „5)0 us garten" ist das aller- schönste an der ganzen Hauslaube. Wie viele Freude macht es, zu verfolgen, wie sich die Pflanzen langsam aus der schwarzen Blumenerde hervorstrecken und ihre grünen Blätter entfalten. Wächst denn nicht jedes dieser kleinen Pflanzengeschöpfe hier auf eigenem Grund und Boden, auch wenn man keinen ©arten hat und entfaltet sich nicht jede Blume vertrauensvoll, daß man ihr Regen und Sonnenlicht gewährt, je nachdem, wonach es sie gelüstet. Hier sind es die leuchtendroten Geranien, die ihre Blütendolden über das Hellgrün der weichen Blätter stolz emporstrecken, dort entfalten violette Petunien ihre Kelche, und Nelken und Goldlack spenden ihren starken Duft. Weinlaub und Geißblatt ranken sich hoch empor und flechten einen durchsichtigen Vorhang vor die Loggia, durch den wundersame Sonnenkringel auf die leichten Möbel fallen, die sich frischgestrichen in der Mittagsstille einladend breiten. Noch ist der Sommer auf feiner Höhe, und in die Loggia werden noch viele Sonnentage ihren Einzug halten. Auch sie ist so ein Mittler zur Natur, aus der uns immer wieder neue Kräfte wie aus einem ewigen Jungbrunnen zufließen.
1,20 RM. Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 1935. — (73) — Das Büchlein wendet sich an alle, die sich und andere theoretisch über Wehrsport unterrichten wollen. Einen kleinen Beitrag zur geistigen Wehrerziehung wi. die Mathematik in diesem Büchlein geben. Die Anordnung des Büchleins ist nach sachlichen Gesichtspunkten (nicht nach Unter- richtsgebieten) erfolgt. Der nach mathematischen und physikalischen Stichworten geordnete Anhang ermöglicht dem Lehrer, zu den verschiedenen Unterrichtsgebieten sofort entsprechende Aufgaben zu finden. Sämtliche Aufgaben find mit Hilfe der Schulmathematik lösbar, viele schon von einem Tertianer zu bewältigen.
— Jean Feuga : S. M. S. Emden. Ein deutscher Heldenkampf im Indischen Ozean. Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von Fr. G u d e h u s. 154 Seiten. Brosch. 2,20, geb. 3 Mark. Verlag von Eugen Salzer, Heilbronn 1935. — (120) — Die historischen Ereignisse, die in diesem Buche berichtet werden, sind an sich bei uns längst bekannt und sozusagen Allgemeingut geworden: das Besondere ist dies, daß wir hier die heldenhaften Taten und den heroischen Untergang unseres berühmtesten Kreuzers von einem Franzosen nicht nur objektiv, sondern mit Verständnis und Wärme geschildert finden.
— Gasschutz — Gashilfe gegen Giftgase! Merkbüchlein für Nothelfer bis zum Eingreifen des Arztes. In Frage und Antwort. Von Medizinalrat Dr. O. R u f f und Universitätsprofesfor
Neues für den Bücheriisch
Ostpreußische Störche als „Kolonisten^
Der große Storchreichtum Ostpreußens hat dis VogelwarteRossittenzu einem Versuch, die Störche nach anderen Teilen des Reiches zu verpflanzen, angeregt. Durch Vertrauensleute werden die Jungstörche aus den Nestern in Ostpreußen herausgenommen und an Vogelsreunde, besonders nach dem storcharmen Westen des Reichs, verfrachtet. Weit über 400 Störche werden die Reise nach den westlichen Gauen Deutschlands antreten. Ein Lastauto fährt von Ort zu Ort und sammelt die Jungstörche ein. — (Scherl-M.)
Dr Feßler. Mit 60 Abbildungen. 60 Pf. Verlag von Alwin Fröhlich, Leipzig N 22. — (142). — Es ist gemeinnützige Pflicht, sich über alle wissenswerten Einzelheiten der Entstehungsursachen, Erkennungsmerkmale, Maßnahmen des wirksamen Schutzes und der ersten Hilfe gegen Giftgase zu unterrichten, um im Ernstfälle zu wissen, wie man sich selbst verhalten und anderen Helfer und Retter sein muß. In der vorliegenden, den neuesten Erkenntnissen und Erfahrungen angepaßten, verbesserten 5. Auflage ist u. a. auch der Gebrauch der neuen (Einheits-) 8-Maske in Wort und Bild berücksichtigt worden.
— Ernst Ohliger: Bomben auf Kohle n st a d t. Mit einem Geleitwort von Major a. D. Otto Lehmann. — Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg i. O., Preis 2,90 Mark. — (157) — Feind- liche Flieger über deutschem Land. Längst hätte dieses Bild grausige Wirklichkeit werden können. Ein abgerüstetes Deutschland müßte wehrloses Opfer feindlicher Willkür geworden sein. Das wehrhafte Deutschland ist doppelt gewappnet, einem solchen Angriff zu begegnen. Doppelt — denn jeder Deutsche ist Soldat, der eine in der Uniform, der andere im Straßenanzug, in der Arbeitskleidung, die Frau in der Schürze. Von diesem jede Stunde möglichen Ueberfall auf das deutsche Industriegebiet, von der assiven Abwehr, der dann der deutsche Gegenangriff folgt erzählt Ohliger mit packender Wirklichkeitsnähe, ohne sich in technische Phantastereien zu verlieren.
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0er ferne ORuf.
Wunderbare Begebenheiten aus dem Alltag Von Werner Schumann.
Im Leben jedes Menschen gibt es des Wunderbaren und Unerklärlichen genug. Wir nehmen es als Fügung, Schicksal oder „Zufall", was nach geheimnisvollen Assoziationsgesetzen uns manchmal auf eine überirdische Weise zu lenken und unter einen höheren Willen zu stellen scheint. Mag mancher in solchen Phänomenen physikalische Erscheinungen sehen, ein anderer das Vorhandensein eines übergeordneten Kollektiosinns annehmen oder Gottes weise ordnende Hand in allem spüren — wir werden das Rätselhafte kaum jemals ganz mit Vernunftgründen enthüllen können. Eine alles Wunderbaren entkleidete Welt ist undenkbar. Uns soll hier nur das einfache, starke, charakteristische Beispiel beschäftigen, das gleichwohl den Stempel des Wunderbaren trägt und unsere Seele erschauern läßt. In den nachstehend erzählten Fällen sind nicht etwa besonders sensible oder gar medial veranlagte Menschen plötzlich vom „Schicksal" zum willfährigen Werkzeug erkoren worden, sondern an Geist und Körper durchaus gesunde, normale Naturen, deren Denken und Fühlen kaum jemals übersinnlichen Erscheinungen zuneigte.
Ein guter'Bekannter berichtete mir einst folgendes: Er habe, als langjähriger Abonnent einer Besucherorganisation, mit seiner Frau eine Oper besucht, die beide außerordentlich gefesselt habe. Nach der Pause, als sich der Vorhang zum dritten Male hob, wurde er von einer unerklärlichen Unruhe ergriffen. Er folgte den Vorgängen auf der Bühne nur noch zerstreut, hörte Gesang und Musik, ohne wirklich an ihnen teilzunehmen, und wußte lange nicht, wie er sich die plötzliche Veränderung seines Wesens zu erklären habe. Nach wenigen Minuten verdichtete sich in ihm die allgemeine Ruhelosigkeit zu einem klaren Anruf. Er fühlte, daß er von daheim gerufen wurde, von feinem Kinde, und er machte seiner Frau davon Mitteilung. Sie war in keiner Weise berührt von ihres Mannes „innerem Gesicht" und versuchte zunächst, nach dem ersten leisen Erschrecken, den Erregten flüsternd zu beruhigen. Natürlich blieb es vergeblich, der Mann verließ noch während des Spiels die Oper und eilte auf dem kürzesten Wege nach Haufe. Was er dort, noch ehe er den Fuß auf die Schwelle gefetzt hatte, zu sehen bekam, fuhr ihm als lähmender Schrecken in die Glieder: im weit geöffneten Fenster ihres im dritten Stock gelegenen Spielzimmers faß seine dreijährige Tochter und rief ängstlich in die Nacht nach Vater und Mutter. Das Kind hatte, wahrscheinlich ohne völlig zu erwachen, das Bett
verlassen und dann, als es die Eltern nicht fand, zu meinen begonnen. Schließlich hatte es einen Stuhl unters Fenster geschoben, war hinaufgeklettert, um es zu öffnen und in dieser lebensgefährlichen Lage eine halbe Stunde oder länger geblieben. Da das Haus abseits lag und die Straße in dieser Nachtstunde völlig menschenleer war, war das Kind von niemandem bemerkt worden. Kann man des Vaters Erschütterung begreifen? Vorsichtig, um es ja nicht zu erschrecken, rief er die Kleine an: sie solle nur ganz still sitzenbleiben, gleich werde er nachts unter solchen Umständen erhoben, niemals, bei ihr sein! Niemals zuvor hatte sich das Kind nachts unter solchen Umständen erhoben, niemals auch tagsüber nicht, sah man es in ähnlicher Situation. Denn sonst wäre es selbstverständlich gewesen, vor jedem Ausgang das Fenster gehörig zu sichern. Dieser Fall ist eines der sich immer wieder ereignenden telepathischen Phänomene, nur daß der Vater keine klare Vorstellung von der Gefahr hatte, in der fein Kindchen schwebe. Aber der Anruf war da, und er war ihm, zu seinem und feiner Familie Glück, unverzüglich gefolgt.
Daß die unablässige Beschäftigung mit einem geliebten, fern weilenden Menschen sich bei einer Mutter zur Hellsichtigkeit steigern kann, ist oft genug erlebt worden. Die schlichte und arbeitsame Mutter, von der ich hier sprechen will, hatte im Weltkriege drei Söhne im Felde, mit denen Tag und Nacht ihr Herz in unendlicher Liebe wandelte. Eines nachts brannte das dem Wohnhaus gegenüberliegende Stallgebäude, Feueralarm rief das Dorf auf die Beine, Knechte und Mägde trieben das brüllende Vieh über den Hof auf die Straße. Verdrossen und mit zusammengekniffenen Lippen stand inmitten des allgemeinen Wirrwarrs der Besitzer des Anwesens und dirigierte die wachsende Schar der Helfer. Der tapfersten und umsichtigsten einer war der Großknecht. Nur des Besitzers Frau, die Mutter dreier Frontsoldaten, war heute auf eine sonst an ihr ungewohnte Weise unschlüssig. Ohne mit Hand anzulegen, hatte sie sich zitternd vor unbestimmter Angst in die zu den Gesindestuben führende Tür gedrückt und verfolgte dort mit abwesendem Blick die vordringende und die Flammen dämmende Feuerwehr. Sie sah, wie der Großknecht noch einmal in das hell brennende und knisternde Gebäude stürzte, um vielleicht noch ein vergessenes Kalb oder einen Ochsen vor dem Verderben zu retten. Mit wild fuchtelnden Armen hieb er sich durch den beißenden Qualm, er arbeitete mit rasender Hast wie einer, der, ringsum von Feuer- und Erstickungstod bedrängt, mit einer Winzigkeit Lust in den Lungen in kürzester Frist Großes zu vollbringen hatte. Und wie die Frau die Gestalt des Großknechts gespenstisch aus den wabernden und quellenden Qualmschwaden auf» und niedertauchen
sah, sich einen Weg durch die undurchdringlichen Wolken bahnend, da verwandelte sich ihr der verzweifelt kämpfende Großknecht urplötzlich in die Gestalt ihres zweiten Sohnes, der bei einem Infanterie-Regiment im Westen stand. Sie mußte entsetzt, während wohl ihr Herz stillestand, miterleben, wir ihr Junge, die Gasmaske vor dem Gesicht, sich mit weitausgreifenden Gesten der Giftwolke zu entziehen suchte. In diesem grauenvollen Augenblick war sie wie gelähmt. Keinen Schritt vermochte sie vorwärts zu tun, kein Schrei wollte sich aus ihrer Brust lösen. Dann schwand mit dem Großknecht, der mit versengtem Haupthaar und rußigem Antlitz der brodelnden Hölle wieder glücklich entronnen war, auch die Erscheinung. Aber ihre Seele blieb fortan in Aufruhr.
Ihr Mann, dem sie's noch in selbiger Nacht berichtete, schüttelte ungläubig, wenn auch erschrocken, den Kops. „Unmöglich, Frau", sagte er mit einem Unterton der Mißbilligung, „du siehst weiß Gott schon Hingespinste." Die Frau indessen tat am nächsten Tag schon, wozu ihr Erlebnis sie notwendig trieb: sie setzte alles in Bewegung, um auf schnellstem Wege Gewißheit über ihres Kindes Schicksal zu erlangen. Und die Antwort bestätigte ihre Ahnung vollkommen. Ihr Sohn war an jenem Spätabend, ungefähr auch zur gleichen Stunde, gasvergiftet worden und lag nun ernstlich, jedoch nicht lebensgefährlich, krank in dem und dem Lazarett.
Aber auch zwischen Mensch und Sache gibt es seltsame Verbundenheiten, eine Art geheimer Anziehungskraft. Daß das Eigentum zu seinem Besitzer zurückzustreben scheint, hat niemand anschaulicher als Wilhelm von Scholz, der dichterische Erkunder und Deuter zwischenmenschlicher Phänomene, an vielen Beispielen gezeigt. Ich möchte hier nur zweier besonders typischer Fälle Erwähnung tun, die den Anstoß und Kern einiger Erzählungen bilden. Ein mir befreundeter, blinder Sprachlehrer hatte seine ihm lieb und unentbehrlich gewordene Schreibmaschine aus wirtschaftlicher Bedrängnis verkaufen müssen. Als es ihm später wieder besser ging, kaufte er sich eine neue, modernere wieder, die ihn jedoch nicht befriedigte. Sein Herz hing an der alten, verkauften, nun für immer verlorenen. Und an einem Sommerabend, als er jener ihm so teuren Maschine wieder ein wenig und beredt nachgetrauert hatte, findet er sie auf einem Spaziergang, der durch eine sonst nie betretene Seitengasse führte. Aus einem verschlossenen Fenster im ersten Stock bringt plötzlich das unverwechselbare Geräusch ihrer Tastatur an sein verfeinertes Ohr. Er ist tief berührt von der merkwürdigen Begegnung und kauft die Maschine, die er vor sieben Jahren aus der Hand gegeben und die den Besitzer seitdem wiederholt gewechselt hatte, auf der Stelle wieder zurück.
Merkwürdig ist auch ein anderer Fall von Zu- einanberftreben bes Zusammengehörigen, ber sich vor gar nicht so langer Zeit ereignete Ein begüterter, auf großem Fuße lebenber Mann gerät in Not. Sein ehemals bebeutenbes Vermögen schrumpft zu einem Nichts zusammen. Stufe um Stufe geht es abwärts, in bie Nieberungen bes Elends, nichts bleibt ihm erspart. Er hat früher mit milder Hand der Not der Welt auf feine Weise zu steuern versucht. Nun ist er selbst auf öffentliche Unterstützung und gelegentliche Gaben Edeldenkender angewiesen. Da es ihm an einem ordentlichen Mantel mangelt, entschließt er sich, die Winterhilfe darum anzugehen. Der freundliche Beamte läßt ihn sieben Mäntel an» probieren. Keiner will recht sitzen. Jetzt wird ihm der achte hingehalten: Hier, sagt der Beamte, versuchen Sie's einmal mit dem da! Und wie ber Unglückliche ben Mantel entgegennimmt, erkennt er in ihm, fassungslos vor Ergriffenheit und mit Trä- nen in den Augen, feinen eigenen wieder, jenen schon ein wenig abgetragenen und nun säuberlich reparierten Ulster, den er vor vielen Jahren, weil er ihn nicht mehr tragen mochte wegen seiner unmodernen Form, einem notleidenden Verwandten geschenkt hatte, der ihn schließlich der Winterhilfe weitergab. So hatte jeder also, der Ulster wie sein ehemaliger Besitzer, eine lange und mühsame Reise zurücklegen müssen, um an einem fernen Punkte wieder zufammenzutreffen.
Zeitschriften.
— Das Juniheft von „Volk und Reich" ist vornehmlich ben großen Verschiebungen in ber inneren Politik ber Tschechoslowakei gewidmet. Von hervorragenden Sachbearbeitern wird die neue Lage dieses für die europäische Entwicklung so wichtigen Kleinstaates analysiert. Friedrich Hübner führt die Voraussetzungen für ben überraschenden Durchbruch der subetendeutschen Einheitsbewegung auf das ungeheure Arbeitslosenelend in ben beut» scheu Gebieten und auf die jahrelange Unter- drückungspolitik der Tschechen zurück. Die soziale Lage wird von Karl Viererbl an der Hand ber amtlichen tschechischen Zahlen besonders sorgfältig und aufschlußreich dargestellt, zu dem die anschließenden Ausführungen von Kurt Vorbach über den Leidensweg der Deutschen in Sowjetrußland eine erschütternde Ergänzung bilden. Die Wirkung die» ser Darstellungen wird unterstützt durch Karten über die Verteilung ber Arbeitslosigkeit in ber Tschechoslowakei, über bie Bevölkerungsdichte, die Häufigkeit der Selbstmorde und bie Expansion?- tenbenzen ber Tsechen: schließlich and) 'ein Bild vom Vertragssystem des Tschechenstaates, das non Werner Wächter beigefteuert und durch graphische Schaubilder ergänzt wird.


