Ausgabe 
4.6.1935
 
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I1SD., Ortsgruppe Mitte.

Lebensmillelsammlung.

Im Bereich der Ortsgruppe Mitte wird am Mitt­woch, 5. Juni, die Lebensmittelopferringsammlung durchgeführt. Die Sammlerinnen werden die erhalte­nen Spenden in die Mitgliedskarten vom Lebens­mittelopferring quittieren. Wir bitten deshalb die Hausfrauen, die Spenden sowohl als die Mitglieds­karten ab Mittwoch, vormittags 9 Uhr, bereitzu­halten.

Morgen kein Militär-Platzkonzert.

Das für Mittwoch jeder Woche angekündigte Platzkonzert des Musikkorps unserer Gießener Gar­nison muß aus dienstlichen Gründen am morgigen Mittwoch ausfallen.

Kameradschastsabend des Vereins ehe­maliger 116er u. derTradiüonstruppe.

Der Verein ehemaliger 116er Gießen hatte zum zweiten Male zu einem Kameradschaftsabend in Ge­meinschaft mit der Traditionstruppe in Gießen ein­geladen, der am Samstagabend im Schützenhaus stattfand.

Der Führer des Vereins ehemaliger 116er be­grüßte im Namen des Führerrats die Kameraden und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß der Einladung so zahlreich Folge geleistet wurde. Besonderen Gruß entbot er den Kameraden des Traditions-Bataillons, an ihrer Spitze dem Kommandeur Oberstleutnant Schmidt und dem gesamten Offiziers-Korps, ferner dem letzten Ehef der Traditionskompanie 2. I. R. 15, Major Schiel, sodann den Vertretern und Abordnungen aller übrigen an der Tradition beteiligten Re­gimenter, und zwar Offiziersverein 116, Ländwehr- Ojsiziersverein 116, sowie Infanterie-Regimenter 186, 390 und 418, Reserve-Regimenter 116, 222 und 254 und Landwehr-Jnfanterie-Regiment 116. Der Vere.nssührer Kamerad Bill führte u. a. aus: Wenn wir heute neben der Traditionstruppe auch Vertreter aller an der Tradition beteiligten Regi- m.nter und Vereine bzw. Kameradschaften einge- laden haben, so geschah es deshalb, weil wir ge­meinsam mit der Truppe, der die Tradition des ehe­maligen ruhmreichen Regiments übertragen ist, die Ueberlieferungen aller Regimenter, wie sie auf dem Denkmal benannt sind, erhalten, pflegen und för­dern wollen. Besonders geeignet sind Abende, wie der heutige Kameradschaftsabend. Bis zum Jahre 1934 war es nur eine Kompanie, der die Wahrung der Tradition übertragen war, inzwischen ist es ein Bataillon geworden, hoffentlich geht auch der viel­seitige Wunsch aller alten 116er noch in Erfüllung, daß es bald ein Regiment sein möge mit der Nr. 116. Am 17. März hatten. wir Gelegenheit, in Darmstadt einem feierlichen Akt beiwohnen zu kön­nen, als unsere alten Regiments-Fahnen durch den Standortältesten der Gießener Garnison mit dem Ehrenkreuz für Frontkämpfer ausgezeichnet wur­den. Das sind für einen alten Soldaten immer die feierlichsten und eindrucksvollsten Momente. Als nach diesem feierlichen Akt der Fahnenehrung die dekorierten Fahnen von der Museumstreppe in Darmstadt an den alten Soldaten, die einst auf diese Fahnen den Eid der Treue geschworen hatten, vorbei paradierten, war dieser Fahnenabmarsch be­stimmt mit dem allseitigen Wunsch begleitet, daß auch unsere Jugend wieder auf die alten Fahnen den Treueid leisten und daß die Fahnen Ihnen, meine Kameraden im feldgrauen Ehrenkleide, wie­der als Symbol der Treue voranwehen mögen. Ob dies ein Wunsch bleibt, überlassen wir der Zukunft im vollen Vertrauen auf das, was bisher zur Wie­derherstellung der nationalen Ehre, Sicherheit und Wehrha-ftmachung durch unseren Führer und Kanz­ler Adolf Hitler bereits geschehen ist, aber auch im ganz besonderen Vertrauen auf alles das, was zur Erhaltung des Friedens und der Sicherheit un­seres geliebten Vaterlandes noch notwendig ist. Wir bekennen uns gleichzeitig zur treuen Mitarbeit an dem Aufbauwerke unseres Führers und Volkstanz-

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Die Ausstellung ist bis Donnerstag, täglich bis 19 Ahr, geöffnet t Der Eintritt ist kostenlos!

Wendigkeit einer Ausstellung ergeben, um den Volksgenossen auch alles vor Augen zu führen, was auf diesem Gebiete geleistet worden sei. Die Flieger wollten dadurch beweisen, daß sie im Rah­men dieser Luftfahrtwerbewoche nicht nur neh-

* Schwerer Sturz mit dem Fahrrad. Auf dem Wege nach seiner Arbeits^ötte in Gießen stürzte heute früh der Buchb-nder W. Schneider aus Annerod auf der Landstraße kurz yinter dem Walde fi) unglücklich, daß er von der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz nach der Edirur- gischen Klinik verbracht werden mußte Dort liegt der bedauernswerte junge Mann mit inneren Ver­letzungen darnieder.

men wollten, sondern auch zu geben verstünden! Daraus ergebe sich auch die Selbst­verständlichkeit, daß diese Ausstellung völ­lig kostenlos für den Besucher sei. Nicht nur dem Volksgenossen gelte sie, der vor und nach dem Kriege diese Begebenheiten miterlebt habe, sondern vor allem der Jugend, die sehen und er­leben soll, was deutsche Menschen vor ihr ge­schaffen haben, und die daraus lernen soll, für ihre und des Vaterlandes Zukunft! Nicht nur reine Fliegerchronik, in erster Linie sei es der reine Fliegergei st! Das Wiedererstarken der deut­schen Wehrkraft und damit die Neuerstehung der deutschen Luftwaffe seien ein einziger Sehnsuchts­schrei geblieben, der sich aus dem schweren Gang des deutschen Luftfahrtwerdens in der Nachkriegs­zeit ergebe für jeden, der mit Leib und Seele dieser Pflegestätte wahrsten Heldentums und deutschen Mannesmutes verschrieben sei.

nach Dr. Oetker^ Rezeptbuch Backen macht Freude Ladenpreis 20Pfq.

AusstellungGießen und die Lustfahri".

lers Adolf Hitler." Ein dreifaches Sieg-Heil auf Führer, Vaterland und Heer schloß die eindrucks­volle Ansprache.

Oberstleutnant Schmidt dankte für die Ein­ladung und gab der Freude darüber Ausdruck, daß diesmal die junge Wehrmacht in größerer An­zahl dem Kameradschaftsabend beiwohnen hönne. Ein Hurra auf das alte und das neue Heer, sowie auf das stolze ehemalige Infanterie-RegimentKai­ser Wilhelm" beschloß die Dankesworte. Die Kame­raden erhoben sich zum Gedenken von den Sitzen, um die Klänge des Parademarsches des ehemaligen Regiments 116 andächtig zu vernehmen.

Oberkriegsgerichtsrat Koch verschönte den Abend mit Ausführungen aus der Geschichte des ehemali­gen Regimentes. Insbesondere wurde auf die ruhm­reichen Taten des Regiments in den vielen Kriegen und Schlachten hingewiesen. Für die jungen Solda­ten war es wissenswert und interessant zu hören, daß gerade das ehemalige 116er-Regiment das ein­zige der ganzen Armee war, das dazu ausersehen wurde, das neue Exerzier-Reglement zu erproben. Seinem damaligen allerhöchsten Kriegsherrn und Chef wurden am 1. Mai 1906 auf dem Trieb die neuen Formen zum ersten Male praktisch vorge­führte und damit das neue Exerzier-Reglement aus- der Taufe gehoben. Die Ausführungen wurden mit starkem Beifall ausgenommen.

Schöne alte und neue Soldatenlieder, sowie die Militärmärsche der Abteilung der Militärkapelle hielten die Kameraden noch stimmungsvoll bei­sammen.

Gießener Wochenmarktpreife.

* Gießen, 4. Juni. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,50 bis 1,55 Mark, Landbutter 1,40 bis 1,42 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 5 bis 10, Eier (in­ländische) 9, Wirsing, das Pfund 15 bis 18, Weiß­kraut 18 bis 20, Rotkraut 10 bis 12, Gelbe Rüben (alte) 25, (neue) das Bündel 15 bis 20, Rote Rüben 10 bis 12, Spinat 15 bis 20, Römischkohl 15, Boh­nen (grün) 45, Spargel (Suppenspargel) 30, 2. Sorte 50, 1. Sorte 60, Erbsen 30 bis 35, Mischgemüse 15, Tomaten 55 bis 65, Zwiebeln 20, Meerrettich 50 bis 70, Schwarzwurzeln 30 bis 45, Rhabarber 10 bis 12, Kartoffeln (alte) 4 Pf., der Zentner 3,50 bis 4 Mk., (neue) das Pfund 20 Pf., Aepfel 70, Kirschen 60, Nüsse 45 bis 60, Blumenkohl, das Stück 50 bis 70, Salat 10 bis 15, Salatgurken 40 bis 50, Ober­kohlrabi 15 bis 18, Lauch 5 bis 10, Sellerie 10 bis 50, Rettich, das Bündel 15 bis 20, Stück 10 bis 15, Radieschen, das Bündel 7 bis 10 Pf.

** Gin Fünfundsiebzigjähriger. Am morgigen Mittwoch, 5. Juni, kann Herr Jakob Seibert in Wieseck, Alicenstraße 1, seinen 75. Ge­burtstag begehen. Der alte Herr ist schon seit vielen Jahren treuer Bezieher des Gießener Anzeigers.

**Kein Gras in den Mund nehmen! In den Tagen, da die Wiesen und Felder in voller Pracht stehen, ist es notwendig, auf eine Unsitte aufmerksam zu machen, die schon manchmal großes Leid im Gefolge hatte. Da wandert einer durch die prangende Natur, rupft sich einen Gras- oder Ahrenhalm ab, steckt ihn in den Mund und kaut daran voll Lust. Durch das Gras, und noch mehr durch Getreidehalme, wird jedoch der Strahlenpilz, der in den Halmen sitzt, auf den Menschen über­tragen. Er äußert sich vielleicht im Anfang nur als eine harte Geschwulst am Halse und wird leicht mit einer harmlosen Krankheit verwechselt, die als Geschwür oder Furunkel nach außen in Erscheinung tritt und behandelt wird. Wird die Krankheit sofort erkannt, und zieht der Kranke auf schnellstem Wege den Arzt zu Rate, dann besteht die Möglichkeit, den Strahlenpilz auszuheilen. Wenn nicht, dann kann sich trotz zahlreicher Operationen der Pilz im Körper immer weiter ausbreiten. Die Behandlung einer solchen Erkrankung ist sehr schwierig und erfordert große Geduld von Seiten des Kranken, da Rück­fälle sehr häufig sind.

** Oeffentliche Bücherhalle. Im Mai wurden 1568 Bände ausgeliehen. Davon kamen auf:

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Literaturgeschichte 2, Zeitschriften 46, Gedichte und Dramen 5, Erzählende Literatur 987, Äugend­schriften 227, Länder- und Völkerkunde 94, Kultur­geschichte 8, Geschichte und Biographien 107, Natur­wissenschaft und Technologie 48, Heer- und Seewesen 2, Haus- und Landwirtschaft 4, Gesundheitslehre 4, Religion und Philosophie 9, Staatswissenschaft 20, Sport 2, Fremdsprachliches 3 Bände. Nach aus­wärts kamen 7 Bände.

Am Sonntag wurde im Saale des Cafö Leib die Luftfahrt-Werbe-AusstellungGießen und die Luftfahrt" eröffnet. Um 10.30 Uhr versammel­ten sich die Vertreter der Partei und der Behörden mit geladenen Angehörigen des früheren Vereins für Luftfahrt zu dem Eröffnungsakt.

Schon beim Eintritt in den Saal bot sich ein ein­drucksvolles Bild. Links und rechts, flankiert von Oleanderbäumen und überragt von den Hakenkreuz­bannern des Dritten Reiches, stehen die Maschinen und Bilderserien, letztere in chronologischer Form aufgelegt auf lange Tischreihen, mehrere Hundert an der Zahl. Vor der Hochleistungssegelflugmaschine der Gießener Fliegerin Martha Mendel waren die beiden Gießener Fliegerstürme angetreten: der Motorfliegersturm Gießen I und der Segelflieger- sturm.

Oer Ilieger-OriSgruppenführer Oberregierungsrat Or. Schönhals begrüßte die Besucher und dankte ihnen für ihr Er­scheinen. Sodann gab er in markanten Worten einen Ueberblick über das Zustandekommen dieser Ausstellung und die von uns vor einigen Tagen ausführlich besprochene Gießener Fliegerchronik Gießen und die Luftfahrt". Danach geht der Ge­danke an eine solche Luftfahrtchronik zurück auf eine Schulungsaufgabe an die Stürme des DLV., die für die Monate März und April 1935 gestellt war. Mit dieser Schulungsaufgabe sollte erreicht werden, daß das wertvolle Bildmaterial, das seit Bestehen der von General Göring ins Leben ge­rufenen blauen Fliegerstürme auf dem Wege der Liebhaberphotographie von fliegerischen Begeben­heiten in den Stürmen entstanden ist uyd sich be­reits in einigen meist in Einzelhand befindlichen Alben angesammelt hat, der Nachwelt und der Geschichte des DLV. nicht verloren gehe. Schon beim ersten Zusammentragen des Materials ergab es sich in Gießen, daß die Vergangenheit unserer Stadt reich an Geschehnissen auf dem Gebiete der Luftfahrt ist und daß sie regsten Anteil nahm an aller fliegerischen Fortentwicklung bis zur Neuzeit. In mühevoller Kleinarbeit wurde auch die Vor­kriegszeit in die Gießener Chronik einbezogen. Daß es nicht leicht war, alle Bilder, die sich auf diese historischen Begebenheiten beziehen, ans dem Pri­vatbesitz aufzutreiben, dürfte eine selbstverständliche Erkenntnis sein. Ebenso die Tatsache, daß das Studium der Quellen, die Auffindung der Urkun­den und Akten längst vergangener Zeiten und das Schwierigste von Allem die nachträgliche Feststellung der dem Gedächtnis der Ueberlebenden längst entrückten Daten ein schier unüberwindbares Hindernis zu sein schien. Trotzdem gelang es in monatelanger eifriger Arbeit, diese Schwierigkeiten zu meistern und das Werk au einer Vollendung von wertvollem historischem Ausmaß zu bringen. Dieser Erfolg sei das Verdienst unseres Kameraden, des Motorfliegers Dr. Fischer. Die Bewertung der von ihm verfaßten Chronik an erster Stelle durch die Landesgruppe hätte alsdann auch tien eGdanken angeregt, diese lückenlos zusammengetra- qene Kenntnis einstmaligen fliegerischen Ortsge­schehens auch der Oeffentlichkeit zugänglich zu machen und sie in Buchform zu drucken. Da aber die Menge des mittlerweise zum Teil unveröffent­lichten Bildmaterials viel zu groß fei, um in Buch- form veröffentlicht zu werden, habe sich die Not-

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1. Fortsetzung

Nachdruck verboten!

damals und heute wirklich erst

3. Kapitel.

duldet, schon um seiner einflußreichen Verwandten willen, die im Ministerium und im Heer in her-

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Barbara wachte lief), zwei Jahre! ben. Zwei Jahre

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ganz gern einmal ein paar Tage allein sein. Wochen seit ihrer Verheiratung waren in raschem Wirbel an ihr vorübergegangen.

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vorragenden Positionen saßen. Daß er aber nun Hamburgerin und dazu noch eine Bürgerliche

Waim verkennst-» M Barbara?

Roman von Liane Sanden.

Urheberrechtschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (S.)

Aus dem südlichen Frühling, der in voller Blüte prangte, waren sie nach Schedlowitz heimge- kehrt. Hier kamen sie gerade in den Beginn des nordischen Frühlings hinein. Barbara, das Kind der norddeutschen Tiefebene, war entzückt von der Landschaft, die sich hier ihren Blicken darbot. Wie schön war dieses Land hart an der deutschen Grenze! Es war Mittelgebirge, wie sie es noch nicht kannte. Sanft ging die Ebene in Hügel über, wuchsen die Hügel empor zu Bergen. Än- geschmiegt an die Hänge lagen die grünen Felder, die die ersten Spitzen der Wintersaat heraussteck­ten. Die Lerchen fangen hoch über dem grünen Lande. Die Konturen der Berge zeichneten sich

aus ihren Träumen auf. Wirk- Jhr war es wie ein ganzes Le- _ , des Kummers, der Tränen, der Schmerzen. Zwei Jahre der Entfremdung, des eisigen Verstummens zwischen ihr und ihrem Mann. Zwei Jahre der Einsamkeit seit jenem Tage, der ihr die furchtbare Erkenntnis gebracht, daß sie nicht um ihrer selbst willen geliebt worden war.

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anbrachte, verziehen die aristokratischen Großgrund­besitzer des Kreises nicht.

Barbara sah sich einer eisigen Front der Abwehr gegenüber. Vielleicht wäre es einer schmiegsameren Persönlichkeit, als Barbara es war, gelungen, diese Vereisung ein wenig aufzutauen. Barbara aber dachte nicht daran, sich um die Menschen hier zu bemühen. Sie war daheim gewohnt, daß ihre Fa­milie eine erste Rolle spielte. Der Name des Se­nators Heyden war mit der Entwicklung Ham­burgs aufs engste verbunden. Seine Vorfahren gehörten zu den ältesten Patriziern des hamburgi­schen Kaufmannsadels. Barbara war aufgewachsen in einer Atmosphäre des Reichtums, der Sicherheit und der Geltung. Sollte sie nun auf einmal um diese hochmütigen Frauen der Großgrundbesitzer hier werben? Sie dachte nicht daran.

Sie war mit dem besten Willen hierhergekom­men. Sie wollte der neuen Heimat und den Men­schen hier nur Gutes abgewinnen. Aber wollte man sie selbst nicht gelten lassen, dann konnte sie ihre ganze norddeutsche Kälte dagegensetzen.

Jetzt erst kam sie dazu, über alles das nachzu­denken, als sechs Wochen nach ihrem Einzug hier ihr Gatte zum ersten Male verreiste. Er hatte, wie er sagte, geschäftlich in Prag zu tun. Sie spürte gar nicht, daß seine Aufforderung an sie, mitzukommen, etwas gezwungen klang. Daß er beinah erfreut schien, als sie ablehnte. Sie wollte

Noch einmal überdachte sie alles. Von Hochzeitsfeier in Hamburg waren sie dann Wochen nach dem Süden gefahren. An blauen Ufern des Gardasees hatten sie vier Wochen verlebt. Albert von Stechow war der aufmerk­samste, zärtlichste Kavalier. Seine Liebkosungen und Küsse schienen immer wieder zu sagen: Ich liebe dich über alles in der Welt.

Stechow war sich seiner Wirkung auf Frauen wohl bewußt. Als er um Barbara warb, war es ihm klar geworden, dies unerfahrene junge Men­schenkind würde ihm besinnungslos anheimfallen. Barbara hatte auf kein warnendes Wort des Vaters gehört. Auf alle feine Einwände, daß sie doch Stechow erst so kurze Zeit kenne, daß man sich näher erkundigen müsse, daß man erst sehen müsse, was sich hinter seinem glänzenden Aeußeren verberge, hatte sie immer nur die eine Antwort gegeben:Ich liebe ihn."

Wie in einem Rausch des Glücks, wie in einem Traum, den kein Anruf des wirklichen Lebens er­reichen konnte, hatte sie gelebt. An der Seite des Geliebten hatte sie die Reise vollendet. Die Län­der des Orients hatten sich vor ihren entzückten Blicken aufgetan. Alles war ein vertiefter Glanz, eine erhöhte Freude, weil ihr Verlobter es mit ihr teilte.

Senator Heyden hatte inzwischen durch sein Hauptbüro in Hamburg Erkundigungen über Stechow eingezogen. Was er hörte, erschreckte ihn tief. Das Stechowsche Gut war sehr verschuldet. Stechow selbst wurde als ein liebenswürdiger, aber leichtsinniger Mensch geschildert, dessen Leben nicht so war, wie Senator Heyden in seiner strengen Bürgerlichkeit es schätzte. Aber was nützte das alles? Barbara hatte erklärt, niemals von ihrem Verlobten zu lassen. Es war nichts anderes übrig» geblieben, als Vorsorge zu treffen, daß Stechows Leichtsinn nicht allzuviel gefährden konnte.

Bereits ein Vierteljahr nach der Verlobung war die Hochzeit gewesen. Man feierte sie mit großem Prunk in dem alten Hause Senator Heydens tn Hamburg. Von der Stechowschen Familie war merkwürdigerweise nur ein Vetter aus einer Ne­benlinie erschienen. Ein hoher Offizier in der tschechischen Armee hatte im letzten Augenblick ab­gesagt. Angeblich waren Vorbereitungen für die Manöver der Grund. Aber Senator Heyden hatte so eine bestimmte Ahnung, als ob die Vermählung Stechows mit einer Bürgerlichen dem tschechisch gewordenen Schwager nicht genehm wäre. Er hatte vorausgesehen, was dann auch eingetreten war. Man kam Barbara mit äußerster Reserve entgegen.

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grünen. Die Tannen standen mit den ersten fri­schen Trieben. Die zahllosen Quellen und Bäche, aus der Hast des Eises befreit, riefelten über blanke Steine dahin.

Barbara schmiegte sich innig uh ihren Gatten, als sie in dem offenen Wagen durchs Land fuhren. Immer wieder ließ sie ihre Blicke in die Runde schweifen, um es ganz in sich aufzunehmen, dies schöne Gebirgsland, über das der Glatzer Schnee­berg groß und mächtig ragte.

Ihr Herz war voll heißen Glückes und tiefer Dankbarkeit gewesen. Sie wollte es lieben, dies Land, die Heimat ihres Gatten. Seine Freude sollte die ihre sein seine Sorgen wollte sie teilen.

' Sängerin an der Prager Oper hatte ja die ganze , Welt erfüllt.

Barbara schaute noch einmal im Kreise umher. Und nun traf sie auf den gedankenverlorenen Blick Eckehards. Sie wurde ein wenig rot. Da war er wieder, dieser Blick, fragend, forschend, drängend, der sie seit Wochen schon beunruhigt hatte.

Hochmütig warf sie den Kopf zurück. Was hatte dieser Mann sie so anzustarren? Sie stand so hastig auf, daß der Teller auf ihrem Platz leise aufflirrte.

Gesegnete Mahlzeit, meine Herrschaften", sagte sie mit ihrer hellen Stimme erst auf deutsch und dann auf tschechisch.

Ein allgemeines Stühlerücken. Das Gespräch summte lauter auf. Die Diener rissen die großen Flügeltüren zu dem lichtblauen Salon auf. Schon ließ die Kapelle, hinter einer Gruppe von blühen­den Pflanzen und grünen Bäumen verborgen, eine Tanzmelodie aufklingen.

Die Gäste des Hauses verteilten sich in die an­grenzenden Gesellschaftsräume. Barbara ging zwischen den einzelnen Gruppen hin und her, hatte für jeden ein liebenswürdiges Wort. Sie war ganz große Dame. Es schien alles vergejsen, was zwischen ihr und der Gesellschaft hier gestanden hatte.

Wie eine Königin saß sie in der Mitte eines großen Kreises, als ob sie Audienz erteilte. Herr von Geczy saß in der Ecke des Rauchzimmers bei feiner Tasse Mokka und sah in seine Tasse.

Jetzt können sie alle kommen", sagte er halblaut zu seiner kleinen rundlichen Frau, die neben ihm saß.Aber damals, als das arme Wurm keinen Menschen hatte, da waren sie alle scheintot. Ich kann dir sagen, diese alte Giftspinne, diese Tschew- nick, hat sich wieder einmal den Mund zerrissen. Ein gräßliches Weib! Daß man mit der überhaupt reden muß. Pfui Teufel!"

Es hätte nicht viel gefehlt und Geczy hätte in weitem Bogen ausgespuckt.

Aber um Gottes willen, fei doch still!" bat Jrau von Geczy.Du weißt, was für eine em- lußreiche Familie die Tschewnicks sind."

Während die Gäste Barbaras in dem großen Gesellschaftsraum in Gruppen zusammenfaßen und die Diener mit Mokka, Likör und eisgekühlten Ge­tränken hin- und herliefen, war der große Ritter­aal bereits zum Tanz ausgeräumt worden.

Als erster eröffnete Barbara mit dem jungen Grafen Auersperg den Tanz.

Eckehard Mackenroth hatte an einem kleinen Tisch mit Magdalena Gerwig ziemlich wortkarg jufarm mengefeffen; kaum, daß er die notigsten Höflichkeits- loskeln aufbrachte. Das junge Mädchen sah ihn ab und zu scheu von der Seite an.

(Fortsetzung folgt!)

Das Stechowsche Gut war eines der wenigen

deutsch gebliebenen Grundbesitze des neuen Staa- <uuut. xne Monturen oer Berge zeicyneien ncy tes. Albert von Stechow wurde einigermaßen ge-Izart und licht ab; die Wälder unten begannen zu

Ein Schauer überrieselte sie. Hastig nahm sie das Glas und trank in durstigen Zügen den eis­kalten, prickelnden Wein. Sie wollte jetzt nicht zu- rückdenken. Sie hatte ja triumphiert. Alle diese Menschen, die sie gemieden, als sie sich für Albert von Stechow oder Barbara entscheiden sollten, sie waren wiedergekommen. Sie würde ihnen bewei­sen, daß sie selbst für sich allein stehen konnte. Al­bert von Stechow hatte die Schuld feines Lebens mit feinem Freitode gebüßt. Das Schicksal selbst hatte sie befreit. Niemals im Leben mehr würde sie an Männerwort und Männerschwur glauben! Wie viele hatten sich ihr schon genähert in diesen zwei Jahren! Aber ihr Herz war ja tot. Sie glaubte nicht mehr an einen Mann. Sie glaubte mcht mehr an eine Liebe. Sie glaubte nur an sich und das, was sie selbst leisten konnte.

Ihr Tischherr hatte schon mehrmals versucht, sie ins Gespräch zu ziehen. Barbara aber war so tief in die Rückerinnerung verloren gewesen, daß sie die Worte einfach überhört hatte.

Jetzt schrak sie doch zusammen. Rechts und links sah man schon etwas erstaunt auf über ihre Schweigsamkeit.

Verzeihen Sie, Exzellenz", sagte sie ntit lie- benswurdigem Lächeln, das aber etwas Ärampf» ljaftes hatte, zu ihrem Tischnachbar,es ging mir eben so vieles durch den Kopf. Es ist doch das erste Mal, daß ich wieder Gäste sehe."

Der alte Herr sah sie teilnehmend von der Seite an. Er wußte, was die junge schone Frau an Der Seite Stechows durchgemacht hatte. Der Skandal um Stechow und die kleine französische