Ausgabe 
4.6.1935
 
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Nr.128 Drittes Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, 4-Zuni 1955

Aus der Provinzialhauptstadt.

Maien/'

In Deutschland ist es vielfach Brauch, zur Aus- Schmückung von Straßen, Häusern und Wegen mit ungen Blättern bedeckte Birken aufzustellen. Bei 'en früher alljährlich auf Pfingsten stattfindenden Konfirmationen, die heute auf einen früheren Zeit­punkt verlegt sind, war es auch bei uns in Hessen Sitte, Birken oderMaien" als Festbaum zu be­nützen. Mit ihren weißen Stämmchen, ihren schlan­ken Zweigen und ihrem hellgrünen Laub verkör­perten die zierlichen Birken so recht den Frühling, mochten sie in zwei Reihen vor dem Eingang der altehrwürdigen Dorfkirche aufgestellt sein, oder ein­zeln die Häuser kennzeichnen, in denen ein Konfir-

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Birken im Wald. (Aufnahme: Vogt, Gießen.) mand mit seinen Angehören wohnt. Dieser Brauch, an Festen Birkenbäumchen zum Schmucke der Straßen und Eingänge aufzustellen, hat seinen Ur­sprung in der Feier des in diese Zeit fallenden alt­germanischen Frühlingsfestes.

In Deutschland sind zwei Arten zu Bäumen Heranwachsender Birken zu unterscheiden. Die war­zige Birke, auch Weiß- oder Mai-Birke (Betula verrucosa) genannt, ist ein 3 bis 25 Meter hoher Baum mit glänzend weißer Rinde, die nach unten von einer dicken, hartrissigen Steinborke bedeckt ist. Diese Birke hat dreieckig-rhombische, in eine etwas verlängerte Spitze auslaufende Blätter. Die jungen Zweige find mit warzigen Harzdrüsen bedeckt. Aehnlich der Kiefer braucht die Weißbirke viel Licht und nimmt mit dem ärmsten Boden vorlieb. Sie ist der Charakterbaum sandiger Landstriche, und wer Brandenburg und die norddeutschen Heide- gebiete je durchwandert hat, wird die herbe Schön­heit dieser Gegenden und die Abwechselung, welche die weißstämmigen Birken in die etwas düsteren Farben der Landschaft bringen, stets wohltuend empfunden haben. Die eigenartige Schönheit der durch die einsame Heide ziehenden leuchtenden Bir- kenwege bildet immer wieder das Entzücken des Wanderers. Manchmal, besonders gegen den Ror- den hin, bildet unsere Birke zusammen mit Weiß- erle und Esche ausgedehnte Wälder.

Die weichhaarige oder Moor-Birke (Betula pubescens) unterscheidet sich von der vorigen Art durch in der Jugend behaarte nicht zugespitzte Blät­ter und das Fehlen der Harzdrüsen an den jungen Zweigen. Auch bildet sich auf der Rinde erst viel später eine rissige schwarze Borke. Die Moorbirke

Aufruf -es Gauleiters.

Ehemalige Arbeitsdienstler dürfen nicht in Not kommen.

LpD. Reichsstatthatter Gauleiter Sprenger erließ kürzlich folgenden

Aufruf!

Der Arbeitsdank, dem die Betreuung von ehe­maligen Arbeitsmännern obliegt, wird von mir auf das wärmste unterstützt. Da die Betreuung nicht nur die Ueberführung der ausscheidenden Arbeits­dienstmänner ins Erwerbsleben umfaßt, sondern auch die gesamten fürsorglichen Maßnahmen auf jedem Gebiete, ist eine Förderung des Arbeits- dankes, der die Fürsorgeorganisation des Arbeits­dienstes darstellt, tatsächlich ein Gebot unserer Tage. Die erneute Erwerbslosigkeit von Arbeitsdienst­männern muh durch die Mithilfe aller unmöglich

kommt, wie schon ihr Name verrät meist auf Moor- brüchen und sumpfige torfigen Stellen des Waldes vor. Sie ist es, welche die norddeutschen Moorland­schaften ziert. Auf dem Hochmoor im Oberwald un­seres Vogelsberges ist sie ebenfalls in einigen Exem­plaren vertreten.

Beide Birkenarten sind weit nach Norden oer- brellet, und die Moorbirke, deren Verbreitungsbe­zirk etwas weiter nördlich reicht, als derjenige der Warzenbirke, ist der nördlichste Baum Europas. Auf Grünland, wo ein letzter Arm des Golfstromes die Südküste umspült und ein noch Pflanzenwuchs aufkommen lassendes Klima bewirkt, bilden Birken die äußersten Vorposten der Baumflora gegenüber der unwirtlichen, lebensfeindlichen Zone ewigen Eises. Sie treten hier nur noch in lichten Gehölzen auf und sind durch den steten Kampf mit dem rau­hen Klima verkrüppelt

Das Holz unserer beiden Birkenarten ist weich und kann daher nur zu bestimmten Zwecken, wie zur Herstellung von Mulden, Löffeln, Holzschuhen, Tabaksdosen usw. verwandt werden. Stücke mit schönen Maserungen werden allerdings auch in der Möbelindustrie verarbeitet. In nordischen Gegenden wird die Rinde als Gerbmaterial benützt und in der Dachdeckerei verwertet. Der Lappe fertigt aus ihr Schuhe, Körbchen und ähnliche Gegenstände. Durch Destillation der Rinde erhält man besonders in Rußland den Birkenteer, auch Juchtenöl genannt, der dem Juchtenleder seinen eigentümlichen Geruch verleiht. Durch Anbohren der Stämme wird im Frühjahr der Birkensaft gewonnen, welcher etwa 2 Prozent Traubenzucker enthält. Er bildet in man­chen Gegenden ein beliebtes, wohlschmeckendes Ge­tränk. Die schlanken Birkenzweige werden zu Besen verarbeitet.

Die Birken bilden, wo sie auftreten, ob im ge­pflegten Park, oder in der urwüchsigen Heide, oder im dunklen Nadelwald stets eine Zierde der Land­schaft. Gleich einem losen Gewand hängen die Zweige mit ihrem Blätterschleier um sie herum. Das silberne Weiß der weithin leuchtenden Stämme verbindet sich mit ihrer Umgebung zu einem einzig schonen Farbenakkord. Dem einsamen Moor, wie der weiten unfruchtbaren Heide verleiht die Birke Stim- mung und Charakter. Durch die Weichheit ihrer Form und den Glanz ihrer Farben mildert sie die düstere Schwermut des Nadelwaldes. Es ist kein Wunder, daß die Birken immer wieder das Auge des Malers auf sich lenken und dem Menschen die Heimat lieblicher gestalten. Wegen ihrer zarten Schönheit ist die Birke mit Recht das Symbol des Frühlings unh h;- Mai-" h»« beuHdien Volkes geroorhr'r v

dornotiien

tagestalenber für Dienstag: NSG. ,Kraft durch Freude": 19 bis 21 Uhr Sport- und Spielbetrieb auf dem Universitätssportplatz: 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Aufforderung zum Tanz". Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brand­

gemacht werden. Wenn Städte und Gemeinden, Beamte des Staates und der Kommunen, Arbeiter und Angestellte, Industrie, handel und Handwerk aufgefordert werden, dem Arbeitsdank als ZUit- gtted beizutreten, so entspricht es meinem Wunsche, daß der Arbeitsdank in sämtlichen Kreisen der Stadt- und Landbevölkerung herzlichsten Widerhall finden möge. Ich erwarte die Mitarbeit aller, denn wir müssen uns immer eingedenk sein, daß nicht die Kot die Wurzel der Hoffnungslosigkeit ist, son­dern das Gefühl, in der Jlot verlassen zu sein: und dazu dürfen unsere ehemaligen Arbeitsmänner in unserem Gaugebiet nicht kommen.

heil Hitler! Sprenger.

platz): 16 bis 17 Uhr Ausstellung Christian Rohlfs- Hagen. 16 und 20 Uhr im Katholischen Vereins- Haus Koch-, Brat- und Back-Vorführungen.

Einführung des neuen kommissarischen polüeiöirektors in Gießen.

Gestern nachmittag wurde der Oberstleutnant a. D. der Landespolizei Karl Meusel aus Essen, der vom Reichs- und Preußischen Minister des Innern auf Vorschlag des Reichsstatthalters in Hessen, Gau­leiter Sprenger, zum kommissarischen Polizei­direktor in Gießen ernannt worden ist, von dem Leiter der Polizeiabteilung der Hessischen Landes­regierung, Regierungsrat Dr. Schultze, in An­wesenheit des Leiters der Zentralabteilung der Landesregierung und Vertreter des Gau-Personal­amtes des Reichsstatthalters, Verwaltungsdirektor Löwer, in sein Amt eingeführt

Nachdem Regierungsrat Dr. Schultze seine ein­führenden Worte beendet hatte, wurde der neue Polizeidirektor von Verwaltungsdirektor Löwer im Namen des Reichsstatthalters in Hessen auf sein Amt verpflichtet mit der Aufforderung, die Polizei in Gießen in straffer Disziplin zu führen.

Anschließend wurden dem neuen Leiter der Polizeidirektion die Abteilungsvorsteher der ein­zelnen Polizeidienststellen vorgestellt.

^ott der Universität.

Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:

Der Herr Reichs- und preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat dem Professeor in der Medizinischen Fakultät unserer Universität Dr. Eberhard Koch einen Lehrauftrag über Luftfahrtmedizin für das Sommerfemester 1935 erteilt

Privatunterricht und Halten von Pen­sionären durch Lehrkräfte.

Die Landesregierung Abteilung II hat den Direktionen der höheren Schulen, der gewerblichen Unterrichtsanstalten und den Kreis- und Stadtschul­ämtern folgende Verfügung zugehen lassen:

Um eine einheitliche Bearbeitung der Anträge von Lehrpersonen auf Erteilung der Genehmigung zur Uebernahme von Privatunterricht und zum Halten von Pensionären herbeizuführen, ordne ich im Einverständnis mit dem Herrn Reichs- und preußischen Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung an:

Festbesoldete Leiter und Leiterinnen und Lehrer und Lehrerinnen an öffentlichen höheren, mittleren und Volksschulen dürfen grundsätzlich keinerlei Pri­vatunterricht erteilen. Ausnahmen können nur dann gemacht werden, wo, wie es vor allem in Dörfern und kleinen Städten oft der Fall ist, Eltern von Schulkindern eine besondere Ausbildung ihrer Kin­der wünschen und andere Lehrkräfte nicht zur Ver­fügung stehen.

Nicht fest angestellten Lehrkräften kann die Er» laubnis zur Erteilung von Privatunterricht von dem Schulleiter (Kreisschulrat usw.) auf Antrag von Fall au Fall erteilt werden, jedoch mit der Maßgabe, daß der öffentliche Dienst darunter nicht leidet. Ein gewisses Höchstmaß der Stundenzahl soll auch hier nicht überschritten werden.

An Schüler und Schülerinnen der eigenen Klassen dürfen auch nicht fest angestellte Lehrkräfte keinen Privatunterricht erteilen.

Das Halten von Pensionären ist den fest ange­stellten Leitern und Leiterinnen und Lehrern und Lehrerinnen an öffentlichen Schulen sowohl in der eigenen Wohnung als auch in den Räumen der im Hause wohnenden Verwandten oder Untermieter untersagt.

Ausnahmen sind nur in ganz besonders ge­lagerten Fällen mit meiner Genehmigung zugelassen.

Gtaatsjugeniftaa und Schulen.

Die Landesregierung Abteilung II weist in einer Verfügung an die Direktionen der höheren Schulen und an die Kreis- und Stadtschulämter darauf hin, daß nach einer Entscheidung des Reichs­und preußischen Ministers für Wissenschaft, Er­ziehung und Volksbildung vom 30. März 1935 d i e Schüler bzw. Schülerinnen, die am Staatsjugendtag vorn Dienst im Jungvolk bzw. BdM. beurlaubt sind, am Schulunterricht teilnehmen müssen. Die Schul­leitungen sind angewiesen, das zur Durchführung dieser Anordnung Erforderliche zu veranlassen.

Die Mannschaftskämpfe und -spiele in den hessischen Schulen.

Den Direktionen der höheren Schulen und den Kreis- und Stadtschulämtern ist folgende Verfügung der Landesregierung Abteilung II zugegangen:

Um die Vorbereitungen für das am 22./23. Juni stattfindende Deutsche Jugendfest 1935, dessen Inhalt und Gestaltungsrahmen jetzt zur Vorlage kommen, genügend treffen zu können, wird hiermit angeord­net, daß die Durchführung der bereits ausgeschriebe­nen Mannschaftskämpfe und -spiele in den hessischen Schulen für das Jahr 1935 hinausgeschoben wird. Wettspiele und -kämpfe der Schulen untereinander dürfen erst nach den Sommerferien beginnen. Die restlose Durchführung muh dann beschleunigt vor­genommen werden.

NS. Bund Deutscher Technik (früher KOAI ).

Bezirk 6 (Gießen Alsfeld Lauterbach» Scholten).

1. Die bisherigen Mitglieder (Mitarbeiter) des NSBDT (KDAJ) werden gebeten, soweit sie Mit­glieder der NSKOV. (Nat.-Soz. Kriegsopfer-Vers.) sind', dieses dem Kreis-Amtsleiter zwecks Ergän­zung der Kartei sofort (spätestens bis 7. 6. 35) mit Postkarte bekanntzugeben. Tag des Ein­tritts in die NSKOV. ist mitanzugeben.

2. Ab 1. 4. 35 gehören alle Parteige­nossen technischer Berufe zum NS. Bund Deutscher Technik, sofern sie einemRTA."-Verein (Reichsgemeinschaft techn. Wissenschaft!. Arbeit) an­gehören. Mitgliedsbeitrag zum NSBDT. wird nicht erhoben. Zwecks Eingliederung der Pg. in den NSBDT. werden diese gebeten, sich umgehend zu melden (Postkarte), damit ihnen der vorgeschriebene Aufnahmeschein Überschickt werden kann.

NS. Bund Deutscher Technik Gießen Postfach 81, Ruf Nr. 2045.

jumcna, wundervoll

Mörike als Geisterseher.

Ium 60. Todestage des Dichters am 4 Juni.

Nicht des schönen Werkes des Dichters, der den Ruhm erwarb, der größte deutsche Lyriker nach Goethe gewesen zu sein, sei hier gedacht, sondern einiger schlichter Züge im Leben des Pfarrers von Cleverfulzbach. Im Herzen nach jenem gehelm- nisoollen Land Orplid verlangend, das er so sehn- üchtig besungen hat, war Mörike auch bei Be­gegnungen in seiner Sinnenwelt leicht geneigt, eine andere höhere Wirklichkeit in ihr zu suchen. Seine Gespräche mit Justinus Kerner, der im benach­barten Weinsberg wohnte, bestärkten ihn in die­sem Glauben an eine Einwirkung fremder unbe­kannter Kräfte auf das Seelenleben des Men­schen. Mörike und Kerner waren sich als Naturen zu verwandt, als daß sie sich nicht auch in ihrer Geistergläubigkeit und ihrer Vorliebe jur das jen­seitige und die Nachtseiten der Natur getroffen hätten.

KernersSeherin von Prevorst" hatte unter an­derem auch von einem merkwürdigen lüberglauben Notiz genommen, der vor einem Jahrhundert in der Umgegend von Cleversulzbach aufgerominen war. Er besagte, daß der Pfarrer R a b a u sch nächstens umgehe, der dort einst gelebt und ,ich durch seinen bösen Lebenswandel diese Strafe der Ruhelosigkeit nach dem Tode zugezogen habe. Als Mörike bei der Lektüre auf diese Kunde fnep, er­innerte er sich sofort vieler eigener unbeeinflußter Wahrnehmungen jenes Hausgeistes und beobachtete von nun an dessen Aeußerungen mit größter Auf­merksamkeit. Nach des Dichters Meinung per übte jener wüste Amtsvorgänger nämlich tatsächlich vie­len handgreiflichen Spuk; so wanderte er zur Nachtzeit nach Geistersitte durch die Räume und machte allerlei Unfug, bald die Schlafenden durch ein Läuten der Klingel aufschreckend, bald seltsame Geräusche von sich gebend und dann gar die Haus­bewohner durch ein unsichtbares Berühren verwir­rend, die nicht wenig über diesen friedlosen Pfarrer entsetzt waren. Wie ernsthaft sich Mörike mit dem Geist seines Amtsbruders auseincmderge- setzt hat, ist der bedeutsamen Rolle zu entnehmen, die jener Spuk in feinen Briefen und in feinem Leben spielte.Der alte Maulwurf regt sich im­mer noch", schrieb der Dichter im Jahre 1840 an einen Freund und erzählte, er habe, da das Glöck­chen in der Stube des Vikars sich von Zeit zu Zett auf unerklärliche Weise rege, den Boden aufqe- brachen, ohne allerdings eine Spur des Geistes zu finden. Justinus Kerner war natürlich Feuer

und- Flamme für diesen Poltergeist und bestärkte Mörike in seinem Glauben daß sich hier wirk­lich ein Spuk betätige.

Daneben hat Mörike auch zahlreiche Wunder­geschichten, die ihm selbst widerfahren seien, ausge­schrieben und als Beweise für ahnungsvolle Be­ziehungen zwischen räumlich getrennten Menschen mitgeteilt. Auch sein Entschluß, Margarete von Speth um ihre Hand zu bitten, hing mit einer solchen Wundergeschichte eng zusammen, die er in einer Zeitschrift als Beispiel fürmomentanes Fernsehen der Seele im schlafenden, völlig gefun­den Zustand" veröffentlicht. Eines Nachts, so be­richtete er, habe ihn das Gefühl geweckt, als wenn ihm kalte Tropfen ins Gesicht gespritzt würden, ohne daß er irgendwelche Spuren davon entdecken konnte Als er tags darauf in Gegenwart Gretchens den Vorfall erzählte, wurde sie sehr nachdenklich und gestand ihm später ein, sie habe in der Nacht, als sie bei ihrem Vater wachte, in einer unge­wöhnlich erhöhten Stimmung ihr Gebet verrichtet und nächst ihren Angehörigen auch die befreundete Familie eingeschlossen Danach habe sie, was sie sonst nie tat, in der Richtung der Lagerstätte eines jeden, einige Tropfen Weihwasser gesprengt. Moritz d. Schwind, mit dem Mörike in den letzten Jahren seines Lebens befreundet war, hörte sich zwar alle diese Berichte an, steuerte aus Gut­mütigkeit wohl auch eine ober die andere Geschichte bei, aber sonst erklärte er ketzerisch, es sei mit der Geisterseherei am Ende nicht anders wie mit dem Siegellack, der zwar, wenn man ihn reibe, allerlei Papierschnitzel und dergleichen anziehe, im Grunde aber doch zu nichts anderem als wm Vetschieren auf der Welt nütze sei

Auch eine Zeichnung Mörikes ist em anschau­liches Zeugnis für das mangelnde Verständnis Schwinds für diese Vorgänge in der Geisterwelt. Mörike hatte dem Freunde Da um er 9Geister­reich" zu lesen gegeben, aber der Maler schlief darüber ein und wurde erst durch eine Katze, die sich unversehens auf seinen Bauch setzte, aus dem Schlaf aufgeschreckt Mörike, der mit Kopfschütteln beobachtet hatte, daß die Geister den braven Schwind nicht beunruhigen konnten, hat jene Szene in ein$r Zeichnung festgehalten

Bei all diesen Geistergeschichten aber darf man nicht etwa glauben, daß es Mörike an Wirklich­keitssinn mangelte. Er konnte für einen Dichter zu- weilen sogar sehr realistisch und unpoetisch sein, was Emanuel Oeibel einst nicht ohne Verwun- berung seststellte. Es wird nämlich erzählt, daß Mörike einmal im Wagen von Stuttgart nach Cann­statt fuhr. Dabei bedeckte sich der Sommerhimmel mit

Wolkenflocken, die von der untergehenden Sonne beschienen wurden. Wahrlich ein Himmel für Poeten!Welch ein Schauspiel, lieber Mörike!" rief denn auch (Seibel voll Entzücken aus, feinen Nachbar erregt am Arme fassend; Mörike aber sagte ganz schlicht-Das heißt man bei uns Schäfte'"

Kunst und Wissenschaft.

Iubiläumstagung

der Deutschen Bunsen-Gesellschaft.

Die 4 0. Hauptversammlung der Deut­schen Bunsen-Gesellschaft wurde im Lan- genbeck-Virchow-Haus in Berlin eröffnet. Professor Grimm (Ludwigshafen) erinnerte in seiner Er­öffnungsansprache daran, daß jetzt 75 Jahre ver­flossen seien, seitdem Bunsen zusammen mit Kirchhoff die Spektralanalyse entdeckte und damit der Naturforschung ein epochemachendes Werkzeug geschaffen habe. Die Vorträge der gegenwärtigen Tagung, so führte er aus, gruppie­ren sich um das Thema:Die Bedeutung der physikalisch-chemischen Forschung für öie deutsche Volkswirtschaft" und stellen sich damit mitten in unser großes Zeitgeschehen hinein. Die spezielle Aufgabe für die Chemiker aller Richtungen lautet: Wir müssen aus dem deutschen Boden und den deutschen Rohstoffen noch viel mehr herausholen als bisher und müssen den Bedarf in weit höherem Maße auf deutscher Basis decken. Wir müssen ferner fortfahren, aus unseren wenigen Rohstoffen hochwertige Ausfuhrgüter, wie Teer­farben, Anilinfarben, Heilmittel, Chemikalien aller Art, zu schaffen, um den Export auf diesem Ge­biete nicht nur zu halten, sondern zu erweitern. Der Redner schloß mit einem Siegheil auf den Führer

In der Reihe der zusammenfassenden Vorträge behandelte Professor Dr. Grimm die Bedeutung der Chemie für die deutsche Volkswirtschaft und wies u. a. nach, daß die chemische Industrie infolge des geringen Verbrauchs an ausländischen Roh­stoffen einen besonders hohen Devisenüber­schuß erbringe.

Direktor Dr. Bütefisch sprach über dieBe­deutung der physikalischen Chemie für die chemische Großindustrie". Bei der heutigen Wirtschaftslage unseres Vaterlandes müsse unsere Aufgabe vor allem darin bestehen, vorhandene Rohstoffe in che­mischen Prozessen zu volkswirtschaftlich wichtigen Produkten umzuwandeln.

Professor Dr. K ö st e r vom Kaiser-Wilhelm-Jn- stitut für Metallforschung berichtete über die Be­deutung der physikalischen Chemie für die Metall­industrie. Mit einem Vortrage von Professor Dr. Eggert über die Bedeutung der physikalischen Chemie für die deutsche Photmndustrie schloß die Reihe der zusammenfassenden Vorträge des ersten Tages.

profeffor Iraufroein musiziert elektrisch. Vorführung des Irautoniums im Propaganda-

Ministerium.

Im Propagandaministerium in Berlin fand unter dem Vorsitz von Staatssekretär Funk vor einem geladenen Kreis von Musiksachverständigen eine Vorführung des von Professor T r a u t ro e i n kon­struierten ElektromusikinstrumentesTrauto - n i u tn" statt, die der Erprobung des in feiner Kon­struktion nunmehr ausgereiften Instrumentes der elektrischen Tonerzeugung galt. Es waren u. a. er­schienen: der Direktor der Hochschule für Musik, Professor Dr. Stein, der stellvertretende Direktor, Professor Dr. R ü h l m a n n, der Direktor der Aka­demie für Kirchen- und Schulmusik, Professor B i e» der, der Vizepräsident der Reichsmusikkammer, Generalmusikdirektor Stange, Professor (Tart Klingler, Professor Reimann und Professor Bruno Kittel. Oskar Sala erwies sich als ein Meifterschüler auf demTrautoniurn" und bewies mit der Vorführung einer Bach-Sonate, eines Beethooenfchen Trios sowie eines Satzes aus einer Sonate Regers mit Unterstützung des Pianisten Professor Rudolf Schmidt und des Cellisten Pe­ter Herbert Lehmann die musikalische Anwend, barfeit des neuen Instrumentes bei der Wiedergabe klassischer Musik. In einer Aussprache wurden dis verschiedensten Fragen, die das neue Musikinstru­ment für Komponisten und ausübende Künstler aufgibt, lebhaft erörtert und Professor Traut« mein im einzelnen beantwortet. Mit eindrucksvol»- len Demonstrationsvorführungen wurde den Zu­hörern ein interessanter Einblick in die außerordent­lich große Modulationsfähigkeit und die oölliq neu­artige Tonbildung und Tonmilchuna der Elektro« Musikinstrumente gewährt.

Günther Ramin wird Dirigent des Berliner philharmonischen Chors.

Der Philharmonische Chor in Berlin hat Pros, Günther Ramin, den Leipziger Thomas-Orga- nisten und Leiter des dortigen Gewandbaus-Chors, zu seinem Dirigenten gewählt Professor Ramin hat die Wahl angenommen und wird seine Tätig- feit mit einer Aufführung der B-Moll-Messe von I. S. B a ch im Herbst beginnen