Nr. 103 vierter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen) §ani8tag,4.MN035
Das Tierzuchtinstitut in Gießen.
Ein Jahrzehnt erfolgreicher Aufbauarbeit. — Oie Tierzucht-Wissenschaft im Dienste der Volksernährung.
Gänsekücken im Gras. Die Frau Mama sieht es nicht gern, wenn man ihren Kleinen zu nahe tritt.
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Auf der westlich der Lahn gelegenen, dem Gleiberg südlich vorgelagerten Terrasse liegt in unmittelbarer Nähe des Bismarckturms der Obere Hardthof, heute das Tierzucht-Institut der Universität Gießen.
Es sind im vergangenen Herbst bereits zehn Jahre gewesen, daß der im Eigentum der Stadt Gießen befindliche Hof an die Universität verpachtet worden ist, um im Rahmen der Verbesserung der Grundlagen für das Studium der Landwirtschaft und Tierheilkunde die Aufgaben zu übernehmen, die sich auf Forschung und Lehre in der Tierzucht er
strecken. Diese Tatsache ist Grund genug, einmal einen kurzen Rückblick zu halten.
Schon immer war der Obere Hardthof eine Stätte deutschen Bauerntums. Bei den älteren Landwirten des Kreises Gießen und der Provinz Oberhessen ist der Name Schiente sicherlich noch hinreichend bekannt, um dies zu dokumentieren. Damals sollen zu dem Hof etwa 360 Morgen Land, z. T. auch beste Böden und Feldscheunen im Lahntal, gehört haben. Später wurde der Hof von der Union-Brauerei (B i ch l e r), jetzt Unterer Hardthof, übernommen und je nach der allgemeinen Wirtschaftslage — Krieg usw. — der Landwirtschaft stärkere oder schwächere Beachtung geschenkt. Es darf nicht wundernehmen, daß in Verbindung mit der Brauerei, zumal in Stadtnähe, eine besonders starke reine Abmelkwirtschaft (ohne Iungviehaufzucht) anzutreffen war und daß außerdem in der Zeit des Liberalismus es auch mit einer Konjunkturwirtschaft bei der Schweinemast versucht wurde.
Als Beispiel für diese auch noch später wirksame allgemeine Einstellung sei hier festgehalten, daß das Tierzuchtinstitut im Jahre 1924, abgesehen von dem Hofraum, dem drei Morgen umfassenden Gutsgarten, desgleichen Naturpark und 6000 Quadratmeter Obststück, ohne Land, also ohne eigene Ernährungsbasis, aus der Taufe gehoben worden ist. Es gab ja damals auch auf ausschließlichen Kraftfuttermittelzukauf eingestellte sogenannte Milchfabriken in den Städten und desgleichen Schweinemästereien als Industrie-Unternehmen.
Die Entwicklung führte aber von selbst zum Verschwinden dieser Wirtschaftstypen und zwang auch im Tierzuchtinstitut zur Umstellung vom ausschließlichen Futtermittelkauf zur eigenen Futtermittelerzeugung. Diese wurde bereits im Jahre 1926 in
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Der Obere Hardthof. Ein Blick aus dem Garten zum Wohnhaus und zum Wasserturm.
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Stürmisch umdrängen die stets hungrigen Ferkel das Muttertier. — Links Erkennungsmarken versehen und buchmäßig eingetragen. — Rechts unten:
Links oben: Kleine Zwiesprache auf der Weide. — Rechts oben:
“TÄWÄ ^gÄWner"auf die Weide bringt
Förderung der mitteldeutschen Rotviehzucht auszu- nützen.
In der Schweinezucht wird Wert darauf ge« legt, daß für Demonstrationszwecke für die Studierenden der Landwirtschaft und Tierheilkunde, dann aber auch für die Schüler der ländlichen Fortbildungsschulen und bäuerlichen Werkschulen, sowie 'für die landwirtschaftlichen Vereine Tiere verschiedener Rassen vorhanden sind. Diese werden auch für Kreüzungsversuche benutzt, die neuerdings, verursacht durch das Fettprvgramm der Reichsregierung, erhöhte Bedeutung gewonnen haben. Auf dem Gebiet der Schweinezucht wurden weiterhin vom Tierzucht-Institut erstmalig für die frühere Landwirtschaftskammer Darmstadt Schweinemast- leistungsprüfungen durchgeführt. Gegenwärtig bestehen im Bereich der Landesbauernschaft Hesfen-Nassau zwei Prüfungsstellen, nämlich die Lehr- und Versuchsanstalt für Schweinezucht Wesch- nitzmühle und nach wie vor das Tierzucht-Institut, wohin die praktischen Züchter einen Teil der Nachzucht ihrer besten ins Herdbuch eingetragenen Tiers schicken, um sie auf Mastfähigkeit und Futterdankbarkeit prüfen zu lassen. In der Schweinehaltung dienen neu errichtete Gruben-Silos zur Speicherung und Einsäuerung von Kartoffeln und damit zur Sicherstellung wirtschaftseigener Futtermittel für den Winter, genau so wie die Saftfutterbereitung in verschiedenen modernen Silos das Grünfutter für das Rindvieh über die eigentliche Weidezeit hinaus aufbewahren und zur Verfügung halten läßt.
Das Tierzucht-Institut hat von der Gründung an auch den Fragen der Kleintierzucht feine Aufmerksamkeit zugewendet. Es geschah dies nicht allein deshalb, weil die Kleintiere infolge ihrer zahlreichen Nachkommenschaft und Schnellwüchsig- bzw. -lebigkeit ein ausgezeichnetes V->rsuchsmat r- i[ für mancherlei Untersuchungen, besonders auch für Vererbungsversuche, abgeben, sondern weil hier die Verhältnisse in der breiten bäuerlichen Praxis am meisten im Argen liegen. Gerade deshalb mußten aber hier Erfahrungen und feftfunbierte Erkenntnisse gewonnen werden.
Die Einfuhrzahlen, die neben Molkereiprodukten, Deien und Fetten, bann Wolle, insbesondre für bie Erzeugnisse der Geflügelwirtschaft ber Tatkraft ber Tierzüchter noch einen genügenb großen Spielraum lassen, sprechen eine sehr beutliche Sprache. Betrug doch ber Wert ber Eiereinfuhr, die im letzten Jabre auf etwa die Hälfte herabgedrückt werden konnte, immer noch 120 Millionen Mark. Die tierzüchtenden Nachbarn in Holland und Dänemark hatten jedenfalls zu ihrem eigenen Vorteil schon frühzeitig auch die Kleintierzucht als vollwertigen Betriebszweig anerkannt und danach gehandelt.
Dem Institut wurde eine planvoll aufgebaute
Putt! — Putt! — Putt! Es gibt gutes Hühnerfutter! — Im Hintergrund sieht man einen der vorbildlichen Hühnerställe
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(Aufnahmen; Neuner, Gießener Anzeiger)
den I für die Praxis überaus i in । wichtigen Dinge wird in
die Wege geleitet durch Ueberführung des um i Hof gelegenen Ackerlandes von ca. 50 Morgen in Dauerweiden. Dabei galt es bei dem nährstoff- armen und wasserdurchlässigen Grauwackeverwitterungsboden, der nur eine jährliche Niederschlagsmenge im Durchschnitt der letzten zwanzig Jahre von etwa 570 mm aufweist, zunächst die damit ge-
Zukunft an Stelle des für Demonstrationszwecke
seither noch beibehaltenen Rindviehrasselstalles auf dem Tierzucht - Institut eine kleinere Rotviehzucht betrieben werden, wozu bereits durch einige besonders gute Tiere aus dem Versuchsgut der Landesbauernschaft Selgenhof und aus dem Bezirk des Tierzuchtamtes Biedenkopf die ersten erfolgversprechenden Grundlagen gelegt sind. Dabei wird es sich gewissermaßen um einen Vorposten für das Mitteldeutsche Rotvieh als Hinweis auf das benachbarte Zuchtgebiet der Vogelsberger handeln. Es wird damit nicht nur Gelegen- heit geboten sein, Freud und Leid mit den Züchtern dieser Rasse, der heute wie den übrigen Landschlägen eine ganz besondere Bedeutung zukommt, zu teilen, sondern auch wissenschaftliche Er
gebenen Schwierigkeiten zu überwinden.
In dem Zeitabschnitt, der unserer gesamten deutschen Landwirtschaft die Grünlandbewegung brachte, war Gelegenheit genug, allen damit in Verbindung stehenden Fragen' versuchsmäßig auch in dem Institut, z. T. in Verbindung mit der damaligen Landwirtschaftskammer Darmstadt und der dortigen Landwirtschaftlichen Versuchsstation, nachzugehen. Diese erstreckten sich sowohl auf die Anlage der Weiden, als auch auf die Saat (Saatzeiten, Saatmischungen, evtl. Deckfrucht), Düngung, Beregnung, Pflege, insbesondere aber auch auf die Nutzung (Koppelgröße); außerdem wurden verschiedene Einzäunungsarten für alle Gattungen des Weideviehes geprüft. Die Ergebnisse wurden nicht nur z. B. bei bestimmten Tagungen (Freunde der Feldberegnung, Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft) bekanntgegeben, sondern die Anlagen auch bei größeren Veranstaltungen (deutsche Grünlandfahrt und hessische Grünlandfahrt 1929) und kleineren Besichtigungen den praktischen Landwirten der weiteren und engeren Umgebung gezeigt.
Belebt waren diese Grünflächen seither mit den Tieren des R i n d v i e h - R a s s e st a 11 e s des Instituts, der Tiere der verschiedenen deutschen und ausländischen Rinder-Rassen aufwies, bei denen den Fragen nachgegangen wurde, mie die hiesigen Ver- hältn’Ü'e den Tierpn zusagen, insbejmMce wie sich».keyichnn.e .zu 9^ | die Nachzucht dabei entwickelt. Nach Klärung dieser j und diese zur praktischen
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Schöne Tiere auf der Wejde. Das Fell «der gut gepflegten Kuh glänzt im Sonnenlicht wie Seide.


