Ausgabe 
4.5.1935
 
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Nr.M Erstes Blatt

185. Jahrgang

Samsfag, 4. Mal 1935

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Oie offene Tür.

Es ist immerhin noch eine volle Woche ins Land gegangen, bis der mit Eifer betriebene B e i - ftandspakt zwischen Frankreich und Sowjetrußland unter Dach und Fach ge­bracht worden ist. Obwohl das Abkommen in seinen Grundzügen bereits vor der Apriltagung des Völ­kerbundsrats festgelegt worden war, hatten sich noch Schwierigkeiten eingestellt, die weit über das rein Formale hinaus grundsätzliche Fragen der politi­schen Auffassung, aber auch der politischen Taktik berührten und deshalb noch ungeahnt langwierige Verhandlungen verursacht hatten. Das Abkommen trägt den Charakter eines Kompromisses, bei dem namentlich Moskau feine ursprünglich aufs Ganze gehenden Wünsche hat stark reduzieren müssen. Schuld daran dürfte wohl in der Haupt­sache die englische Politik der letzten Wochen tragen, die bestrebt war, unter allen Umständen zu verhindern, daß Frankreich sich unter dem Eindruck der Reibungen mit Deutschland dem russischen Bol­schewismus in die Arme warf. England wollte keinesfalls die enge Fühlung mit Frankreich und Italien verlieren. Noch in seiner Unterhausrede am Donnerstag hat ja Macdonald unter dem besonders starken Beifall der Abgeordneten das gute Einver­nehmen zwischen England, Frankreich und Italien als beste Friedensbürgschaft gewürdigt und jeden Versuch einer Lockerung des Vertrauens zwischen den genannten drei Mächten als tief bedauerlich be­zeichnet. England glaubte, dieses Vertrauensver­hältnis nur durch eine Politik retten zu können, die in Stresa und Genf durch die englische Unterschrift unter die bekannte Entschließung des Völkerbunds­rats gegen die Verkündung der deutschen Wehr­hoheit zweifellos eine erhebliche Distanzierung von dem bisherigen Kurs eines ehrlichen Maklers be­deutete.

Englands Haltung in Stresa und Genf hat sicher­lich nicht zur Entspannung der politischen Lage in Europa beigetragen, aber sie hat anscheinend doch ihr unmittelbares Ziel erreicht, Frankreich von einem engen und ausschließlichen Bündnis mit Sowjetrußland zurückzuhalten. Der britischen Poli­tik kam dabei zustatten, daß in der öffentlichen Meinung Frankreichs, ja innerhalb des französi­schen Kabinetts durchaus geteilte Auffassungen über die Zweckmäßigkeit eines Bundes mit Moskau über­haupt wie jedenfalls über die Modalitäten im ein­zelnen herrschten. Der Ministerpräsident Flandin war offenbar mit den Heeresministern und den Kreisen des Generalstabs der Meinung, daß ein offenes Militärbündnis beider Mpchte am besten dem Gebot der Stunde entspräche, auch auf die Gefahr hin, daß man sich mit einer solchen radi­kalen Abkehr von dem Gedanken eines kollektiven Sicherheitssystems England entfremden werde. Dank der ausgezeichneten Beziehungen zum britischen Generalstab und zur hohen Bürokratie des Foreign Office hoffte man, daß über kurz oder lang der Erneuerung der französisch-russischen Allianz ähn­lich wie einst in den Jahren um die Jahrhundert­wende auch die Erneuerung der französisch-britischen Entente cordiale folgen werde. Diese Hoffnung ist selbstverständlich auch heute noch keineswegs auf­gegeben, ebensowenig wie der entschlossene Wille, den französisch-sowjetrussischen Beistandspakt, gleick- gültig in welchem Ausmaße er auch aus Rücksich­ten innen- roje außenpolitischer Art verwässert sein möge, durch enge militärische Zusammenarbeit wirk­sam zu ergänzen. Die Rußlandreise französischer Ingenieure, die beim Ausbau des Eisenbahnnetzes in den westrussischen Grenzgebieten beratend mit­wirken sollen, hat in der Geschichte des französisch­russischen Vorkriegsbündnisses seine bedenkliche Parallele, die allerdings auch für den französischen Rentner einen üblen Beigeschmack hat, denn da­mals wurden die strategischen Bahnen in Russisch- Polen mit seinen Spargroschen gebaut, denen er dank der Ablehnung Moskaus, für die Schulden der Zarenregierung aufzukommen, heute noch nach­trauert.

Im Augenblick haben sich in Paris tue vorsich­tigeren Politiker durchgesetzt. Außenminister L a - v a l möchte nicht die Fühlung mit England ver­lieren und nicht alles auf eine Karte setzen, von der es überdies noch recht ungewiß ist, ob sie im ge­gebenen Augenblick auch stechen wird. Laval hat die Bedeutung der britischen Sekundantendienste in Stresa und Genf richtig verstanden und sucht sein Ziel erhöhter Sicherheit oder vielmehr das, was man in Frankreich' darunter versteht, unter Be­nutzung des Völkerbundsapparats zu erreichen, dessen Ausschaltung, wie -er weiß, wenigstens zm nächst noch die Trennung von England nach sich ziehen müßte. Laval weiß zudem, daß in weiten Kreisen des französischen Volkes von der klerikalen Rechten bis weit hinein in die Radikalsozialistische Partei Herriots, der selber allerdings seit Jahren einer der eifrigsten Fürsprecher eines Bündnisses mit Moskau ist, ein allzu herzliches und aus­schließliches tete A tete mit dem Bolschewismus aus Furcht vor der zunehmenden kommunistischen Propaganda im eigenen Lande wie aus begreif­licher Abneigung, nach den Erfahrungen von 1917 noch einmal sein gutes Geld in ein höchst zweifel­haftes Unternehmen zu stecken, wenig Sympathie genießt. Der Widerhall, den der Abschluß des Pak­tes in der französischen Presse gefunden hat, zeigt ja die durchaus zwiespältigen Gefühle, die das fran­zösische Bürgertum bei der politischen Freund­schaft seiner Regierung mit dem revolutionären Bolschewismus empfindet. Laval hat, um all diesem Rechnung zu tragen, recht viel Wasser in den Wein Moskaus gießen müssen, Litwinow und Stalin hätten wohl am liebsten auf die weitschweifige und umständliche Bezugnahme auf die Dölkerbunds- satzung verzichtet. Aber sie haben sich den franzö-

Europa am Scheidewege.

Times" fordert offene Aussprache mit Deutschland.Andere konservative Blätter suchen Deutschland die Entscheidung zuzuschieben.

London, 4. Mai. (DNB. Funkspruch.) Die englische Presse findet trotz des vor der Tür stehen­den Jubiläums Zeit, sich mit der Entwicklung der politischen Lage zu befassen, wie sie sich nach Mac­donalds Erklärung im Unterhaus abzeichnet. Zu­nächst erklärt derDaily Telegraph", daß die Kommentare der deutschen Presse zur Macdonald-Rede zum größten Teil einch a r a k- teristisches Mißverständnis" aufwiesen. Den Aeußerungen der deutschen Blätter, daß Mac­donald versuche, zu seiner Vermittler­rolle zurückzukehren, sei entgegenzuhal­ten, daß keine britische Regierung jemals nach­gelassen habe, den Geist der Verständigung in die europäische Politik zu bringen. Ferner sei der angebliche Gegensatz zwischen dem Ton des Macdonalds-Artikels in der Zeitschrift News Letter" und seiner Unterhaus-Rede in Wirklichkeit nicht vorhanden. Tatsache sei, daß die beiden Erklärungen Macdonalds sich ge­genseitig ergänzten. Die deutschen Zei­tungsschreiber wurden daher, so meint das Blatt weiter, ihrem eigenen Volk besser dienen, wenn sie erkennten, daß sich Europa an einem Scheidewege befinde.

3m gegenwärtigen Augenblick liege die Ent­scheidung bei Deutschland, ob, ein Rüstungswettlauf oder aber bessere und billigere Mittet zur Sicherung des Friedens erstrebt werden sollen. Eng­land sei jedenfalls unter keinen Umständen be­reit, eine Rüstungsunterlegenheit anzunehmen. Das Blatt schließt mit den drohenden Aeuße­rungen:Die Bitte an Deutschland, seine Poli- tif neu zu erwägen ist von der deutlichen Er­klärung begleitet, daß wir entschlossen sind, Deutschlands Stärkezuwachs Schritt um Schritt zu erwidern. Diö britische Produktionstätigkeit ist einer ebenso schnellen Ausdehnung fähig, wie die deutsche. Diese Fähigkeit muh ausgenuht werden, um zu zei­gen, daß das Scheitern einer Vermittlung uns voll und ganz vorbereitet für die Verteidigung finden wird.

Times" schreibt u. a..Die deutschen Siele seien offen durch Hitler mitgeteilt worden. Es sei daher eine um so größere Pflicht für die anderen Regierungen, mit Deutschland unter gleicher Offenheit die Bedingungen zu erörtern, unter denen sie zu einer Regelung bereit seien. Der deutsche Luftfahrtminister Göring sei in seiner Rede dem von Macdonald in der Unterhaus-Aus- sprache gemachten Vorschlag, das Luftlocarno durch ein Abkommen über die Luftstärken zu ergänzen, in befriedigender Weise entgegen­gekommen. Göring habe von sich aus seine völlige Uebereinstimmung mit diesem Vorschlag ausgedrückt und erklärt, daß es an den anderen Mächten liege, die endgültige Stärke der deutschen Luftflotte zu be­stimmen. Göring habe mehrmals die Bereitschaft Deutschlands wiederholt, seine Luftstreitkräfte f ü r Verteidigungszwecke einzusetzen. Eine offene Besprechung mit diesemschneidigen Flieger" könne die Grundlage einer nützlichen Verständigung ab­geben.

Tatsächlich sei die größtmögliche Offen­heit auf allen Seiten von ausschlag­gebender Bedeutung. Die Hälfte der Miß­verständnisse zwischen Deutschland und dem übrigen Europa sei auf die Geheimhaltung der deutschen Rüstungsvorbereitungen zurückzufüh- rcn. Die Deutschen feien indessen zu der Er­widerung berechtigt, daß man ihnen zwar die

Gleichberechtigung versprochen hatte, daß sie diese aber nicht offen durchführen durften.

Die konservativeM 0 r n i n g P 0 st" glaubt der deutschen Politik eine bemerkenswerte Einmütig­keit der englischen öffentlichen Meinung gegen­überstellen zu können und versteift sich zu dem drohenden Hinweis, daß Deutschland die Eng­länder aller Parteien zu einer einmütigen Ent­schlossenheit zusammengeschweißt habe, den Frie­den durch die einzigen Mittel sicherzustellen, die Deutschland offenlasse. (!)

Italien mißvergnügt.

Italienische Blätter als Scharfmacher gegen Deutschland.

Mailand, 4. Mai (DNB. Funkspruch). Jrn Vordergrund der Betrachtungen der norditalienischen Presse steht die Aussprache im englischen Unterhaus. Die Blätter machen keinen Hehl aus ihrem aus­gesprochenen Mißvergnügen über die nach­giebige Haltung der Engländer. Die Turiner Stampa " ist außerordentlich unbefriedigt. Sie spricht von der Unsicherheit der britischen Politik, während Deutschland seine Aufrüstungs­pläne fortsetze, und fühlt sich veranlaßt, England zu einer schärferen Haltung gegenüber Deutschland Zu mahnen. Macdonald habe zwar einen schönen Artikel geschrieben und zweifellos seien auch Fortschritte erzielt worden. Aber trotz der Ankündi­gung der Wiederaufnahme der Kriegsschiffbauten durch Deutschland, trotz der Uebermacht, die die deutsche Luftflotte bereits gewonnen habe, verharrten die Leiter der englischen Politik auf ihrer Ablehnung, weitere Verpflichtungen über Locarno hinaus ein­

zugehen. Das Blatt fordert schließlich wieder einmal gemeinsame Schritte, wofür in Stresa die unerläßlichen Richtlinien aufgestellt worden seien. AuchC 0 r r i e r e della Sera" ist sehr miß­gestimmt darüber, daß die englische Regierung ihre persönliche Haltung gegenüber Deutschland nicht aufzugeben beabsichtige. Nicht einmal die Ankündi- gung der Seeaufrüstung Deutschlands habe den ge­mäßigten Ton der englischen Sprache ändern können^

Französische Verstimmung.

Paris, 4. Mai. (DNB.-Funkspruch.) Zahlreiche Pariser Morgenblätter geben ihrer Mißstimmung über die Ausführungen des englischen Ministerprä- fibenten vor dem Unterhaus Ausdruck. Man wirft Macdonald vor, sich Deutschland gegenüber z u nachsichtig gezeigt zu haben. Man habe von ihm einen energischen Entschluß erwartet und habe nur eine Predigt gehört, so schreibt die radikal- sozialistischeEre Nouvelle".Homme libre" ist der Auffassung, daß der englische Ministerpräsident sich durch nichts entmutigen lasse, weder durch die Kündigung der Militärklausel des Versailler Ver­trages noch durch die Schaffung einer deutschen Mi- litärluftflotte oder die Kiellegung von Unterseebooten. Journal" wirft Macdonald vor, kein Worte ge­funden zu haben, um Deutschland an die Verletzung des Versailler Vertrages zu erinnern. Er habe im Gegenteil dem Führer ein neues Zeugnis feines guten Willens ausgestellt. Macdonald klammere sich an die Hoffnung einer Verständigung mit Berlin. Seine Erklärungen erschienen noch schwächer, wenn man sie den Aeußerungen General Görings gegenüberstelle, der sich zu gleicher Zeit gerühmt habe, die modernste Luftflotte der Welt zu besitzen.

Oie Unterzeichnung -es Pakts zwischen Paris und Moskau.

Scherl-Bildmatern dienst

Die Unterzeichnung des französisch - sowjetrussischen Vertrages wurde von dem französischen Außen­minister Laval (rechts stehend) und dem Sowjetbotschafter in Paris P 01emkin (sitzend) vollzogen.

fischen Wünschen fügen müssen, die wohl eine Be­ratung der beiden Vertragspartner im Falle einer Angriffsgefahr und eine gegenseitige Unterstützung im Falle eines mchtherausgeforderten Angriffs zu­lasten, aber alle Aktionen in Uebereinstimmung mit der Völkerbundssatzung gebracht wissen wollten.

Zudem hat Frankreich natürlich besonderen Wert darauf legen müssen, mit dem neuen Beistands­pakt nicht in Kollision mit seinen im Locarno- vertrag übernommenen Verpflichtungen zu ge­raten, um nicht die Garantie Englands und Ita­liens für den Schutz feiner Ostgrenze gegen einen deutschen Angriff zu verlieren, die den Franzosen sicherlich wertvoller ist als eine Unterstützung Sow­jetrußlands, die ja, da Rußland nicht unmittelbarer Nachbar des Deutschen Reiches ist, nur unter Ver­letzung polnischen Gebiets wirksam werden könnte. Wie wichtig diese Rücksicht auf das Locarnoabkom­men ist, mag man aus den Anfragen in der letzten Sitzung des britischen Unterhauses ersehen, die von Sir John Simon dahin beantwortet wurden, daß der neue französisch-sowjetrussische Beistandspakt Englands Verpflichtungen aus dem Locarnovertrag nicht vermehrt habe. England fei nicht zur Hilfe­leistung für Deutschland verpflichtet, falls Frank­reich auf Grund des neuen Paktes Sowjetrußland gegen einen deutschen Angriff beifpringe, voraus­gesetzt, daß die französische Hilfe den Bestimmungen des Völkerbundsvertrages entspreche. Neben dieser Abstimmung auf Locarno und Völkerbund hat La­val ferner dafür gesorgt, daß der neue Beistands­pakt englischen Wünschen entsprechend die Möglich­

keit der Erweiterung zu einem System regionaler Pakte durch den Hinzutritt anderer Mächte bietet. Laval möchte wohl ebensowenig wie die britischen Staatsmänner eine Fortsetzung des G e - sprächsmitDeutschland dadurch erschweren, daß sich unter der Aegide Frankreichs ein Mächte­block bildet, von dem Deutschland bewußt und ab­sichtlich ausgeschlossen bleibt, ja der feine antideutsche Tendenz nicht verleugnen könnte, sobald die Sow­jets die Hauptrolle in einer solchen Kombination spielen würden. So hatten also Franzosen vom Schlage Lavals sicherlich beträchtliche innere Hem­mungen zu überwinden, bis es zu dem von Moskau so eifrig betriebenen Pakt kam und nicht zuletzt mag die Rücksicht auf die verbündete Kleine Entente mitgesprochen haben, die im Abschluß des französisch-sowjetrussischen Beistandspakts die Voraussetzung für ihre eigene Teilnahme an dem von Frankreich und Italien für die bevorstehende Konferenz in Rom in Aussicht genommenen Donau­pakt sehen.

England hat bereits erklärt, daß es in Rom nur durch einen Beobachter vertreten fein werde und auch nicht an eine eigene Beteiligung an dem unter der FlaggeNichteinmischung in Oesterreich" segeln­den neuen Pakt denke. Während also die britischen Staatsmänner allen anderen Mächten, besonders natürlich Deutschland, den Beitritt zu möglichst vielen Sicherheitspakten nicht warm genug emp­fehlen können, ohne Rücksicht darauf, daß aus den daraus entstehenden Verschachtelungen sehr wohl auch Jnteressenkollisionen erwachsen können, die die

Kriegsgefahr eher vergrößern als abschwächen, sehen wir überall das Bestreben Englands, sich selber sehr sorgfältig aus einem System herauszuhalten, das auch nur die Möglichkeit einer Verwicklung in einen kontinentaleuropäischen Streit tn sich birgt ober gar in einen Konflikt mit Sowjetrußland, der Englands asiatische Interessen empfindlich berühren müßte. Auf eine solche Politik äußerster Reserve sehen schon die britischen Dominions, die nicht noch einmal in einen europäischen Krieg hinein­gezogen werden möchten, der für die meisten von ihnen zweifellos einen Kampf um die eigene Exi­stenz aufrollen würde. Mit den zu den Jubiläums­feierlichkeiten bereits in London eingetroffenen Ministerpräsidenten von Kanada, Australien und Südafrika hatte das britische Kabinett bereits An­fang der Woche eine Aussprache über die politische Lage in Europa, und man wird gewiß nicht fehl gehen in der Annahme, daß die Dominionminister ihre britischen Kollegen in ihrer Zurückhaltung gegenüber neuen Bindungen auf dem Festland werden bestärkt haben. Andererseits scheint man sich indessen auch darüber einig geworden zu sein, durch erhöhte Aufwendungen der Dominions für ihrs eigenen Rüstungen England die Möglichkeit erheb­licher Rüstungsverstärkung in der Heimat zu geben. England wird von dieser Möglichkeit den weit­gehendsten Gebrauch machen und namentlich alles daransetzen, um seine Luftwaffe auf den Stand zu bringen, der dem erst kürzlich von Baldwin ver­kündeten Grundsatz entspricht, daß Großbritanniens Luftwaffe mindestens so stark sein muß wie die