ttr.80 Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstags. April M5
Die Abwertung des Selga.
Von unserem Dr.K.-Verichierstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Brüssel, 31. April 1935.
Mit überwältigender Mehrheit hat in der Nacht vom Samstag zum Sonntag der belgische Senat das Vertrauensvotum bestätigt, das die Kammer in der vorhergehenden Nachtsitzung dem neuen Ministerpräsidenten vanZeelan d bewilligt hatte. Die Entscheidungen, die in den beiden Kammern des Parlaments auf Drängen der Regierung innerhalb kürzester Frist beschlossen werden mußten, greifen tief ein in das staatliche und wirtschaftliche Leben eines Landes, das von den Wirkungen der Weltkrise mit am härtesten betroffen worden ist. Der Ernst der Lage und die ungeheure Verantwortung, die van Zeeland mit dieser Entscheidung der Volksvertretung aufbürdete, hatte auf die Mitglieder dieses Parlaments, das sonst stark unter den Verfallserscheinungen des sterbenden Parlamentssystems leidet, sichtlich tiefen Eindruck gemacht. Die Reden standen auf einer beachtlichen Höhe, und die Auseinandersetzungen unter den Parteien vollzogen sich in einer ungewohnt würdigen und "sachlichen Form. Bis in die frühen Morgenstunden harrten die Zuhörer auf den überfüllten Tribünen aus, und auf vielen sorgenvollen Gesichtern konnte man lesen, daß die zur Entscheidung stehende Frage jeden einzelnen aufs tiefste berührte. Sie hieß: Ist das Parlament bereit, der Regierung die Ermächtigung zur Herabsetzung der Währung zu bewilligen?
Diese Frage stand im Vordergrund der beiden denkwürdigen Sitzungen. Sie beherrschte derartig Parlament und Qeffentlichkeit, daß man sich des vollständigen Kurswechsels, den das auf der Abwertung aufgebaute Wirtschaftsprogramm des neuen Ministerpräsidenten für Belgien bedeutet, zunächst kaum bewußt wurde. Wenn man bedenkt, daß dieses Parlament noch im März in nahezu einmütiger Geschlossenheit nicht nur einmal, sondern wiederholt die Unantastbarkeit des Goldfranken und damit des Sparvermögens von Tausenden proklamiert hatte, so kann man die Bestürzung begreifen, die sich nicht nur des Landes sondern auch seiner Vertreter im Parlament bemächtigte, als der neue Ministerpräsident mit der unerbittlichen Forderung hervortrat, diesen geheiligten Grundsatz, wenigstens vorübergehend, aufzü- geben!
Die materiellen Wirkungen dieser Entscheidung sind schon heute zu übersehen; die moralischen dagegen sind noch völlig ungewiß. Soviel steht jedoch schon fest, daß noch selten das Vertrauen eines Volkes in seine Regierenden so erschüttert worden ist wie in diesen Tagen hier in Belgien. Die Regierung Theunis hat das Land über den Ernst der wirtschaftlichen Lage nicht aufgeklärt, sie hat in den Reden ihrer führenden Persönlichkeiten eine ausgesprochen optimistische Schönfärberei getrieben. Dieser amtliche Optimismus stieg in letzter Zeit um so höher, je mehr die versprochenen Wirkungen der einseitig betriebenen Deflationspolitik und ihrer unzähligen Notverordnungen ausblieben. Daß die wirtschaftliche Lage kritisch war, wurde allgemein trotz der rosigen Ministerreden empfunden. Daß Belgien aber vor einem Abgrund stand, hat man erst aus den Reden des neuen Ministerpräsidenten erfahren! Es ist kein Zweifel, daß Theunis alles getan hat, um den Franken zu verteidigen. Das Land wirft ihm aber jetzt vor, daß er den Glauben an die Unerschütterlichkeit des belgischen Franken noch krampfhaft hochgehalten hat zu einer Zeit, als dieser Glaube schon eine Fiktion geworden war.
Aus den verschiedenen Reden, die van Zeeland in diesen Tagen gehalten hat, gewinnt man ein klares Bild über die Gründe, die die Abwertung des Belga unvermeidlich machten. Sie ist nicht wie seinerzeit in England planmäßig herbeigeführt worden, etwa um Belgien im Konkurrenzkampf auf dem ausländischen Markt zu stärken.
Sie ist vielmehr, wie van Zeeland immer wieder betonte, wie ein unvermeidliches Hebel über Belgien hereingebrochen. Verschiedene Elemente haben hierbei zusammengewirkt. Aus den mit schonungsloser Offenheit gemachten Mitteilungen van Zeelands geht hervor, daß schon seit Anfang vorigen Jahres, also zur Zeit des Kabinetts Broqueville, von der Nationalbank zur Stützung des Franken beträchtliche Goldmengen exportiert werden mußten, und zwar bis Ende März dieses Jahres nicht weniger als fünf Milliarden. Die dauernde Verschlechterung der Wirtschaftslage und die fortgesetzten Mißerfolge, die die Regierung trotz aller Anstrengungen hatte, erfüllten die Bevölkerung mit steigendem Mißtrauen, und die Zurückziehung der Einlagen bei den Banken nahm zuletzt ein solches Ausmaß an, daß die volkswirtschaftliche Funktion der großen Privatbanken vollkommen zu erlahmen drohte. Von der Tatsache ausgehend, daß die Lebensfähigkeit der belgischen Wirtschaft auf dem Export beruht, bemühten sich sowohl Theunis wie sein Vorgänger Broqueville, den infolge der allgemeinen Ausfuhrhemmungen völlig darniederliegenden Außenhandel wieder zu beleben. Innenpolitisch kam es ihnen zu diesem Zweck vor allem darauf an, auf dem der Deflation die belgische Wirtschaft den veränderten Weltverhältnissen anzupassen. Diese Politik hatte nur geringe Erfolge, einmal, weil sie nicht schnell genug wirkte, sodann deshalb, weil sie nur einzelne der Faktoren, die die Wettbewerbsfähigkeit beeinflußten, erfaßte und schließlich einseitig in einer dauernden Verschlechterung der Kaufkraft der Bevölkerung ausmündete. Von außen her wurden die Anpassungsbestrebungen der belgischen Wirtschaft in letzter Zeit illusorisch gemacht durch die Abschwächung des englischen Pfundes.
Aber weit mehr als England trägt das befreundete Frankreich eine Mitverantwortung daran, daß es Belgien nicht gelungen ist, trotz gewaltiger eigener Anstrengungen die für die Aufrechterhaltung feiner Währung unerläßliche Festigung feiner Wirtschaft zu erlangen. Auch hierüber hat van Zeeland im Parlament den Schleier gelüftet. Von frankophiler Seite wurde die Behauptung ausgestellt, daß der Franken zu halten gewesen wäre, wenn die Regierung Theunis am 17. März bei ihren Besprechungen in Paris das französische Angebot einer Anleihe angenommen hätte. Van Zeeland hat klar und Überzeugend nachgewiesen, daß eine solche Hilfe nur neue Bela ft ungen für Belgien bedeutet hätten. Er hat aber gleichzeitig festgestellt, daß Frankreich nicht bereit gewesen ist, Belgien die Hilfe zu gewähren, die eine letzte Chance gewesen wäre: handelspolitische Zugeständnisse. Die Weigerung Frankreichs, das sich hierbei wieder, wie schon früher, auf seine Bindungen durch die Meistbegünftigungs- klausel zurückzog, hatte, wie van Zeeland jetzt unumwunden erklärt hat, die sofortige Einführung der Devisenkontrolle und damit die endgültige Erschütterung des Belga zur unmittelbaren Folge.
Die Abwertung des Belga ist der Ausgangspunkt einer neuen wirtschaftlichen Orientierung Belgiens nach innen und nach außen. Innenpolitisch sind Richtung und Ziel vorgeschrieben durch das Zeeland- sche Programm der wirtschaftlichen Erneuerung, das eine vollständige Abkehr von der bisherigen Deflationspolitik darftellt. Nach außen wird Belgien zweifellos die Folgerungen aus dem Versagen der Goldblockpolitik und dem endgültigen Beweis, daß Belgien wirtschaftlich von Frankreich nichts zu erwarten hat, ziehen. Aus den fortgesetzten Störungen, die der belgische Markt unter der englischen Währungspolitik erleidet, hat van Zeeland schon bei seiner Regierungserklärung die Schlußfolgerung gezogen : Ein Anschluß an den Sterling- block ist entgegen manchen Erwartungen nicht erfolgt. Belgien wird aber mit allen Kräften auf eine Stabilisierung der wichtigsten Währungen hinarbeiten, um dem Währungskrieg, dem sich der Belga nunmehr gezwungen angeschlossen hat, sobald als möglich ein Ende zu bereiten.
Edens Besuch in Warschau.
ß W
V 7 /?.
W
'■ V-'
KM
MA > <7;%
i
Scherl-Bildmatemdienst
Unser Bild zeigt links den polnischen Außenminister Oberst Beck, in der Mitte den polnischen Staatspräsidenten M o s c i c k i und rechts den englischen Gast Lordsiegelbewahrer Eden.
Buntes Allerlei.
Der Berliner Waldteufel und dos gute Herz.
Aus der vormärzlichen Zeit, aus den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, berichtet ein Weltreisender allerhand, was ihm beim Besuch der werdenden Weltstadt Berlin aufgefallen ist. Er hat dort auch den Weihnachtsmarkt besucht, von dem man ihm erzählt, daß er viel von seinem alten Glanze und seiner früheren Bedeutung verloren habe, seit die billigen Groschenbazare aufzukommen begannen. Aber einiges, was er in ausländischen Hauptstädten nicht beobachtet hat, scheint dem Reisenden doch der Aufzeichnung wert zu fein. So machen ihn die Berliner Begleiterinnen auf die auf- gestellten Puppenstuben aufmerksam, die man hier auf dem Markte kaufen müsse, weil man dadurch armen Leute helfe. Diese Puppenstuben würden nämlich ausnahmslos von derzeit stellungslosen Tischlergesellen angefertigt. Die Zutaten, Kistenbret- chen und etwas buntes Tapetenpapier find billig, aber was die jungen Handwerker in langen erzwungenen Mußestunden daraus machen, darin stecke soviel zum guten Herzen sprechende Liebe, daß der Berliner seine Puppenstuben nur hier auf dem Weihnachtsmarkt kaufe.
An der Schloßbrücke fällt dem Fremden ein merkwürdiges Getön auf. Da stehen frierende Jungen und lasten Waldteufel kreisen, das sind farbige Pappzylinder, die mit Pergament bespannt sind und an einem Pferdehaar mit einem Stock geschwungen werden und dabei ein drollig brummendes Gesumm ertönen lassen. Der Reisende wundert sich darüber, daß Alt und Jung seinen Groschen für solch ein Ding opfert. Ja, er wird belehrt, das fei altes Brauchtum. Mit derlei Lärmgerät treibt der Berlins feit unvordenklichen Zeiten in der Altjahrsnacht, die hier einen karnevalsmäßigen Anstrich hat, die bösen Geister aus. Aber das sei es nicht allein. Denn die Herstellung und der Vertrieb dieser Wald
teufel auf dem Berliner Weihnachtsmarkt fei das Vorrecht der Kinder der ärmsten, arbeitslosen Leute, und so „vertreibt der Waldteufel den Hungerteufel". Das gibt dem Fremden Anlaß, das gute Herz der damaligen Berliner zu loben, die, auch wo es dis eigene Belustigung gilt, die Not der anderen nicht vergessen.
Das Ganze ist ein beachtenswertes Zeugnis aus der Vergangenheit. Es bekundet uns einen überlieferten Rest jener Fürsorge, die sich in so vielen Verordnungen aus dem Mittelalter und aus der Glanzzeit des reichsstädtischen Bürgertums aussprechen. Das Wesen der ehemaligen Zünfte atmet ursprünglich, ehe sie vielfach erstarrten, denselben Geist. Dann setzte sich der Sieg dessen durch, was man den aufgeklärten Fortschritt nannte, und die neugewonnene kapitalistische Bereicherungsfreiheit verhöhnte die altmodischen Leute, die bei ihren Einkäufen in erster Linie darnach fragten, ob ihre Ausgabe auch wirklich einem notleidenden Volksgenossen zugute kam. Erst unsere Zeit des wiedererwachten Volksgemeinschaftsgewifsens hat den tiefen Sinn erkannt, der sich darin äußert, den letzten städtischen Heimarbeiter wie den letzten ländlichen Kleinsiedler in die Erzeugungsschlacht einzugliedern, und darum lächeln wir nicht mehr über den Alt-Berliner Ausspruch, daß der Waldteufel den Hungerteufel vertreibt.
Oie „Große ßnfc" gratuliert!
Die Schuljungen in London werden bald ihre geheimsten Wünsche erfüllt sehen, denn die Helder^ ihrer Bücher und Träume, Indianer in vollem Kriegsschmuck, wollen leibhaftig in die Hauptstadt des Britischen Weltreiches kommen. Wenn alle weißen und farbigen Untertanen König Georg V. ihre Boten schicken, um Glückwünsche zum Regierungsjubiläum im Mai d. I. aussprechen zu lassen, dann dürfen auch die Indianer, die auf kanadischem Gebiet wohnen, nicht fehlen. So haben sich
Ehamiffo als Naturforscher.
Von Dr. Albert Keil, Gießen.
Im allgemeinen ist uns Adalbert von C Harn i s s o nur in seiner Eigenschaft als Dichter bekannt, und doch verdient er es, auch als Naturforscher, insbesondere als Biologe, gewürdigt zu werden.
In einer Zeit auf gewachsen — er ist geboren 1781 —, in der eine romantische Naturphilosophie alle empirische Wissenschaft zu überwuchern schien, darf er als einer der ersten gelten, die wie Alexander von Humboldt wieder vorurteilslos den Weg der wissenschaftlichen Erfahrung gingen und allem weltfremden Philosophieren über die Natur abgeneigt waren. Aber diese Seite seines Wesens war doch wieder, ohne der Sentimentalität feines Zeitalters zu verfallen, vereinigt mit wirklicher Ehrfurcht vor der Natur, die erst den wahren Forscher macht. Chamisso erzählt in einem seiner Briefe, wie sehr er schon in seiner Jugend von den Wundern der Natur angezogen wurde. Wie er Insekten erspähte, neue Pflanzen fand, wie all sein Schaffen und Zerstören „auf physikalische Experimente und auf Erforschen der Gesetze der Natur ausging". Ader die äußeren Verhältnisse brachten es mit sich, daß er erst spät den Weg zur Wissenschaft fand. Nach der Flucht aus Frankreich war Berlin seine zweite Heimat geworden, und hier begann er — noch mit 31 Jahren — seine Studien, die ihn besonders auf das Gebiet der Botanik, aber auch der anderen Naturwissenschaften, vor allem der Zoologie und Mineralogie, führten. In bezug auf die Mineralogie sagt er einmal in einem Brief an seinen späteren Biographen Hitzig (1813): „Ich hätte nimmer geglaubt, daß die Steine soviel Verstand hätten!" — Aber die Pflanzenkunde ist für ihn doch immer die scientia amabilis, die liebliche Wissenschaft, geblieben, und er selbst gab sich meist für einen „systematischen Botaniker" aus.
Drei Jahre hatte er sich mit außerordentlichem Eifer einem umfassenden Studium der Naturwissenschaften gewidmet, als er schon am entscheidenden Wendepunkt seines Lebens angekommen war. In einer Zeitung hatte er nämlich die Nachricht von der bevorstehenden Romanzoffschen Entdeckungsreise der Russen „in die Südsee und zur Erforschung der nordöstlichen Durchfahrt" gefunden, und sein größter Wunsch wäre erfüllt gewesen, wenn er diese Expedition als Naturforscher hätte begleiten können. Und wirklich gelang es ihm durch Vermittlung seines Freundes Hitzig und verschiedener seiner Lehrer, daß er an Stelle eines erkrankten Professors Ledebour zum Naturforscher der Entdeckungsreise ernannt wurde. Am 9. August 1815 bestieg er in Kopenhagen das Forschungsschiff „Rurik", das
damit eine der ersten wissenschaftlichen Expeditionen rund um die Erde trug.
Chamisfos Forschungen zeigen immer wieder, daß er ein Mann von ungewöhnlicher Beobachtungsgabe gewesen sein muß. So gelingt es ihm schon während des kurzen Aufenthaltes an der englischen Küste bei Plymouth, eine den einheimischen Botanikern bisher entgangene Pflanze zu entdecken. Und bereits auf dem zweiten Teil der Reise, von Plymouth nach Teneriffa, kann er eine bedeutsame zoologische Entdeckung als sein Verdienst buchen; es ist der Generationswechsel der S a l p e n, durchsichtiger Manteltiere der hohen See. Er und sein Begleiter Eschscholtz hatten gefunden, daß einzelne freischwimmende Tiere dieser Art mit aneinandergereihten, sogenannten Kettensalpen generationsweise abwechselten. Die Salpen waren damit die ersten Tiere, an denen diese merkwürdige Art der Fortpflanzung festgestellt wurde, die inzwischen auch bei vielen anderen Lebewesen gesunden werden konnte. Es bleibt seltsam genug, daß gerade Chamisso, der stets geneigt war, die „Metamorphd- senlehre" abzulehnen, damit Entscheidendes auf dem Gebiet der Entwicklungsgeschichte beigetragen hatte.
Fast selbstverständlich ist es, daß der Scharfsinn dieses unermüdlichen Mannes sich während des Aufenthalts in der Südsee auch dem großen Rätsel der Korallenriffe zuwandte. Wenn es ihm auch nicht gelang, dem bis heute noch nicht völlig geklärten Entstehen der Korallenriffe auf die Spur zu kommen, so gebührt ihm doch auch hier das bleibende Verdienst, die Atolle zoologisch, petrographisch und geologisch genau untersucht und beschrieben zu haben. Im übrigen benutzte er den Aufenthalt auf den Südsee-Jnseln zu Wanderungen in die unwegsamen Gebirge. Dabei entdeckte er unzählige neue Pflanzen und sammelte Beobachtungen aus allen Gebieten der Wissenschaft. Sogar Der Erforschung der hawaischen Sprache hat er einen Teil seiner Zeit gewidmet. So war es ihm als einem der ersten vergönnt, in diesen geheimnisvollen Zonen wissenschaftlich zu arbeiten.
Chamisso kehrte jedoch von dieser Reise, wie er selbst sagt, nicht gesättigt zurück. Er hatte schon bald erkannt, daß er „wie eine Kanonenkugel über die Erde fuhr, und wenn er heimkam, sollte er rings ihre Höhen und Tiefen erkundet haben". Und doch, welche Fülle neuer Beobachtungen und Tatsachen, welch reiche Sammlungen aller Art hatte er in diesen drei Jahren, von 1815 bis 1818, zusammengetragen! Berücksichtigt man dabei, mit welchen Schwierigkeiten damals ein Naturforscher, besonders aber Chamisso („als Passagier auf einem Kriegsschiff, wo man nicht gewohnt war, solche zu haben") !zu kämvfen hatte, so sind feine Leistungen noch j erstaunlicher. Anerkennung ward chm bann auch
am Ende seiner Weltreise in verschiedenen Ehrungen zuteil. Im Jahre 1819 ernannte ihn die Universität Berlin ehrenhalber zum Doktor der Philosophie und die Gesellschaft naturforschender Freunde daselbst zu ihrem Mitglied. Dazu wurde ihm das Amt eines Kustoden am Botanischen Garten Berlin. Schließlich wurde er auf Alexander von Humboldts Vorschlag im Jahre 1835 fast einstimmig als Mitglied in die Berliner Akademie der Wissenschaften ausgenommen.
So mag der Kreis geschlossen sein, der Chamisfos Wirken als Naturforscher umfaßt. Kaum läßt sich entscheiden, ob er als Naturforscher oder Dichter größer war, wenn solche Größen überhaupt vergleichbar sind. Was aber charakteristisch für Chamisso ist und was an ihm bewundert werden muß, ist die Kraft, mit der er die ganze Welt der Erscheinungen zu umfassen vermochte: Vom Gestein bis hinauf zum Menschen und dessen Aeußerung, der Sprache, reichte das Gebiet seines wissenschaftlichen Interesses.
Wüffenriii.
Von Hans Vethge.
Von Assuan in Oberägypten sind wir auf großen weißen Kamelen im Brand der Sonne einen Tag lang in die arabische Wüste geritten, die hier eine Felswüste ist. Die Tiere tragen den Lammfellsattel auf dem Häcker, man reitet ohne Bügel, die Beine hängen vorn herab, rechts und links vom Widerrist. Der Zügel, ein schwarzer Baststrick, ist einseitig, er liegt links am Halse und reicht nach der rechten Seite des Mauls hinüber. Zunächst ist das Reiten auf diesen hohen Tieren befremdend, aber man gewöhnt sich bald daran, wiegt sich in dem Rhythmus der Schritte ein, und besonders der Trab ist angenehm. Die Tiere zeigen meist ein leises Sträuben, wenn man sie, während sie wiederkäuend auf den harten Schwielen ihrer Beine liegen, besteigen will. Ehe sie sich erheben, in drei mächtigen, langsamen Rmken, stoßen sie häufig ein paar dumpfe Klagelaute aus, bann aber gehen sie geduldig, unermüdlich, sanft schaukelnd. Zum Galoppieren eignen sie sich schlecht. Sie sind überhaupt keine richtigen Reittiere, dafür in idealer Weise geschaffen für das Transportieren von Lasten.
Wir reiten durch flache Felfentäler, ringsum steht das Gestein in uralter Verwitterung, schweigend, unnahbar. Zunächst zeigt sich noch ein Rest' von Vegetation, Koloquinthen, runde, gelblich - grüne Früchte von der Größe der Apfelsinen, liegen gehäuft an spärlichen, mühsam über den Sand hin- kriechenden Ranken. Man versteht nicht cht, wie so zarte, halb verdorrte, kleinblättrige Ranken die Kraft
besitzen, so große Früchte in solcher Fülle hervor* zubringen. Hier treibt ein auf dürrstem Boden erwachsenes schwächliches Gebilde eine rührende, sich selbst aussaugende Vergeudung von Kraft. Die Kolo- auinthen werden praktisch verwertet, besonders für Leim. Wenn Leim, der mit Koloquinthen angemacht ist, zum Kleben von Tapeten verwendet wird, so stellen sich keine Wanzen hinter der Tapete ein. Schabe, daß nicht alle Wände des Orients mit Koloquinthensast bestrichen sind.
Die Steinwüste besteht in ihren urweltlichen Bildungen aus einem rötlich - grauen, ausgedörrten Feld, Täler von fruchtbarer Zerrissenheit tun sich auf, allem Lebewesen feind, die Kamele tragen uns über wüstes, herumgewürfeltes Felsgeröll und Splitter, diese braven Tiere halten auch auf den schrecklichsten Pfaden geduldig aus, ihr Schritt ist lautlos und immer sicher. Nun klimmen wir auf ein Plateau und blicken meilenweit in die Runde: ein Hügelland von wulstigen Felshöhen, rötlich-grau, unermeßlich, trostlos, erschütternd in seiner Oede. Die Form des Pylons zeigt sich hier und da, in der Ferne auch einmal Bildungen von der Gestalt der Pyramiden. Kein Tier, nicht die geringste Pflanze mehr, alles ausgebrannt, wüst und leer. Die Formen stehen ruhig, abweisend, erbarmungslos, voll monotoner Großartigkeit in gläserner Luft, hier scheint die Erde resigniert zu haben, sie liegt genau so da, wie sie vor' Urzeiten lag, gnadenlos, unberührt, völlig schweigend, ein ungeheures, namen- loses Grab.
Im vorigen Jahr siel in dieser Gegend ein Regen nieder, der erste seit dreißig Jahren. Man sieht noch auf den Talsohlen an abgewaschenen Stellen, wo er dahingerauscht ist. Welch ein Schrecken muß den ausgedörrten Boden erfaßt haben bei diesem märchenhaften Ereignis! Wir reiten auf einer Kn'-aw-inenstraße, die zu den Ababde - Beduinen führt. Vor zwanzigtausend Jahren zogen hier Kamele mit Menschen und Lasten auf ihren Rücken, fo wie sie heute zuweilen ziehen. Nichts hat sich verändert, die Zeit scheint stillzustehen in diesen wüsten, rotgrauen, von der Hitze überzitterten Geländen, die den Besucher sphinxhast anftarren in ihrer melancholischen Größe, in ihrer schauerlichen, unendlichen Einsamkeit.
Mittags rasteten wir lange in einem breiten, ausgebrannten Tal und nahmen im Schatten eines Felsens ein einfaches Mahl, das wir mitgenommen hatten. Huhn, Schinken, Eier, Orangen. Dann stiegen wir wieder in die Sättel und ritten allmählich heim durch die gläserne rosig-violett sich färbende Luft der blutenden untergehenden Sonne entgegen, ermattet, von der Hitze vollgesoqen, sanft von b<m oraoen Kanülen gefcllaukct, braungebrannt, grau bestäubt, von Durst geguäü, voll Verlangen nach einem Bad.


