Ausgabe 
4.4.1935
 
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ttr.80 Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Donnerstags. April M5

Die Abwertung des Selga.

Von unserem Dr.K.-Verichierstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Brüssel, 31. April 1935.

Mit überwältigender Mehrheit hat in der Nacht vom Samstag zum Sonntag der belgische Senat das Vertrauensvotum bestätigt, das die Kammer in der vorhergehenden Nachtsitzung dem neuen Ministerpräsidenten vanZeelan d bewilligt hatte. Die Entscheidungen, die in den beiden Kammern des Parlaments auf Drängen der Regierung innerhalb kürzester Frist beschlossen werden mußten, greifen tief ein in das staatliche und wirtschaftliche Leben eines Landes, das von den Wirkungen der Welt­krise mit am härtesten betroffen worden ist. Der Ernst der Lage und die ungeheure Verantwortung, die van Zeeland mit dieser Entscheidung der Volks­vertretung aufbürdete, hatte auf die Mitglieder dieses Parlaments, das sonst stark unter den Verfallser­scheinungen des sterbenden Parlamentssystems lei­det, sichtlich tiefen Eindruck gemacht. Die Reden standen auf einer beachtlichen Höhe, und die Ausein­andersetzungen unter den Parteien vollzogen sich in einer ungewohnt würdigen und "sachlichen Form. Bis in die frühen Morgenstunden harrten die Zu­hörer auf den überfüllten Tribünen aus, und auf vielen sorgenvollen Gesichtern konnte man lesen, daß die zur Entscheidung stehende Frage jeden einzelnen aufs tiefste berührte. Sie hieß: Ist das Parlament bereit, der Regierung die Ermächtigung zur Herabsetzung der Wäh­rung zu bewilligen?

Diese Frage stand im Vordergrund der beiden denkwürdigen Sitzungen. Sie beherrschte derartig Parlament und Qeffentlichkeit, daß man sich des vollständigen Kurswechsels, den das auf der Abwertung aufgebaute Wirtschaftsprogramm des neuen Ministerpräsidenten für Belgien bedeutet, zunächst kaum bewußt wurde. Wenn man bedenkt, daß dieses Parlament noch im März in nahezu ein­mütiger Geschlossenheit nicht nur einmal, sondern wiederholt die Unantastbarkeit des Gold­franken und damit des Sparvermögens von Tausenden proklamiert hatte, so kann man die Be­stürzung begreifen, die sich nicht nur des Landes sondern auch seiner Vertreter im Parlament be­mächtigte, als der neue Ministerpräsident mit der unerbittlichen Forderung hervortrat, diesen geheilig­ten Grundsatz, wenigstens vorübergehend, aufzü- geben!

Die materiellen Wirkungen dieser Entscheidung sind schon heute zu übersehen; die moralischen dagegen sind noch völlig ungewiß. Soviel steht jedoch schon fest, daß noch selten das Vertrauen eines Volkes in seine Regierenden so erschüttert worden ist wie in diesen Tagen hier in Belgien. Die Regierung Theunis hat das Land über den Ernst der wirt­schaftlichen Lage nicht aufgeklärt, sie hat in den Reden ihrer führenden Persönlichkeiten eine aus­gesprochen optimistische Schönfärberei getrieben. Dieser amtliche Optimismus stieg in letzter Zeit um so höher, je mehr die versprochenen Wirkungen der einseitig betriebenen Deflationspolitik und ihrer un­zähligen Notverordnungen ausblieben. Daß die wirtschaftliche Lage kritisch war, wurde allgemein trotz der rosigen Ministerreden empfunden. Daß Belgien aber vor einem Abgrund stand, hat man erst aus den Reden des neuen Ministerpräsidenten er­fahren! Es ist kein Zweifel, daß Theunis alles getan hat, um den Franken zu verteidigen. Das Land wirft ihm aber jetzt vor, daß er den Glau­ben an die Unerschütterlichkeit des belgischen Fran­ken noch krampfhaft hochgehalten hat zu einer Zeit, als dieser Glaube schon eine Fiktion geworden war.

Aus den verschiedenen Reden, die van Zeeland in diesen Tagen gehalten hat, gewinnt man ein klares Bild über die Gründe, die die Abwertung des Belga unvermeidlich machten. Sie ist nicht wie seinerzeit in England planmäßig herbei­geführt worden, etwa um Belgien im Konkur­renzkampf auf dem ausländischen Markt zu stärken.

Sie ist vielmehr, wie van Zeeland immer wieder betonte, wie ein unvermeidliches Hebel über Belgien hereingebrochen. Verschiedene Elemente haben hierbei zusammengewirkt. Aus den mit scho­nungsloser Offenheit gemachten Mitteilungen van Zeelands geht hervor, daß schon seit Anfang vorigen Jahres, also zur Zeit des Kabinetts Broqueville, von der Nationalbank zur Stützung des Franken beträchtliche Goldmengen exportiert werden mußten, und zwar bis Ende März dieses Jahres nicht weniger als fünf Milliarden. Die dauernde Ver­schlechterung der Wirtschaftslage und die fortgesetzten Mißerfolge, die die Regierung trotz aller Anstren­gungen hatte, erfüllten die Bevölkerung mit steigen­dem Mißtrauen, und die Zurückziehung der Ein­lagen bei den Banken nahm zuletzt ein solches Aus­maß an, daß die volkswirtschaftliche Funktion der großen Privatbanken vollkommen zu erlahmen drohte. Von der Tatsache ausgehend, daß die Lebensfähigkeit der belgischen Wirtschaft auf dem Export beruht, bemühten sich sowohl Theunis wie sein Vorgänger Broqueville, den infolge der allgemeinen Ausfuhrhemmungen völlig darnieder­liegenden Außenhandel wieder zu beleben. Innen­politisch kam es ihnen zu diesem Zweck vor allem darauf an, auf dem der Deflation die belgische Wirt­schaft den veränderten Weltverhältnissen anzupassen. Diese Politik hatte nur geringe Erfolge, einmal, weil sie nicht schnell genug wirkte, sodann deshalb, weil sie nur einzelne der Faktoren, die die Wett­bewerbsfähigkeit beeinflußten, erfaßte und schließlich einseitig in einer dauernden Verschlechterung der Kaufkraft der Bevölkerung ausmündete. Von außen her wurden die Anpassungsbestrebungen der belgischen Wirtschaft in letzter Zeit illusorisch gemacht durch die Abschwächung des englischen Pfundes.

Aber weit mehr als England trägt das be­freundete Frankreich eine Mitverantwortung daran, daß es Belgien nicht gelungen ist, trotz ge­waltiger eigener Anstrengungen die für die Auf­rechterhaltung feiner Währung unerläßliche Festi­gung feiner Wirtschaft zu erlangen. Auch hier­über hat van Zeeland im Parlament den Schleier gelüftet. Von frankophiler Seite wurde die Be­hauptung ausgestellt, daß der Franken zu halten gewesen wäre, wenn die Regierung Theunis am 17. März bei ihren Besprechungen in Paris das französische Angebot einer Anleihe angenom­men hätte. Van Zeeland hat klar und Überzeu­gend nachgewiesen, daß eine solche Hilfe nur neue Bela ft ungen für Belgien bedeutet hätten. Er hat aber gleichzeitig festgestellt, daß Frankreich nicht bereit gewesen ist, Belgien die Hilfe zu gewähren, die eine letzte Chance gewesen wäre: handelspolitische Zugeständnisse. Die Weigerung Frank­reichs, das sich hierbei wieder, wie schon früher, auf seine Bindungen durch die Meistbegünftigungs- klausel zurückzog, hatte, wie van Zeeland jetzt un­umwunden erklärt hat, die sofortige Einführung der Devisenkontrolle und damit die endgültige Er­schütterung des Belga zur unmittelbaren Folge.

Die Abwertung des Belga ist der Ausgangspunkt einer neuen wirtschaftlichen Orientierung Belgiens nach innen und nach außen. Innenpolitisch sind Richtung und Ziel vorgeschrieben durch das Zeeland- sche Programm der wirtschaftlichen Erneuerung, das eine vollständige Abkehr von der bisherigen Defla­tionspolitik darftellt. Nach außen wird Belgien zweifellos die Folgerungen aus dem Versagen der Goldblockpolitik und dem endgültigen Beweis, daß Belgien wirtschaftlich von Frankreich nichts zu er­warten hat, ziehen. Aus den fortgesetzten Störungen, die der belgische Markt unter der englischen Wäh­rungspolitik erleidet, hat van Zeeland schon bei seiner Regierungserklärung die Schlußfolgerung ge­zogen : Ein Anschluß an den Sterling- block ist entgegen manchen Erwartungen nicht erfolgt. Belgien wird aber mit allen Kräften auf eine Stabilisierung der wichtigsten Währungen hinarbeiten, um dem Währungskrieg, dem sich der Belga nunmehr gezwungen angeschlossen hat, sobald als möglich ein Ende zu bereiten.

Edens Besuch in Warschau.

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Scherl-Bildmatemdienst

Unser Bild zeigt links den polnischen Außenminister Oberst Beck, in der Mitte den polnischen Staats­präsidenten M o s c i c k i und rechts den englischen Gast Lordsiegelbewahrer Eden.

Buntes Allerlei.

Der Berliner Waldteufel und dos gute Herz.

Aus der vormärzlichen Zeit, aus den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, berichtet ein Weltreisender allerhand, was ihm beim Besuch der werdenden Weltstadt Berlin aufgefallen ist. Er hat dort auch den Weihnachtsmarkt besucht, von dem man ihm erzählt, daß er viel von seinem alten Glanze und seiner früheren Bedeutung verloren habe, seit die billigen Groschenbazare aufzukommen begannen. Aber einiges, was er in ausländischen Hauptstädten nicht beobachtet hat, scheint dem Rei­senden doch der Aufzeichnung wert zu fein. So ma­chen ihn die Berliner Begleiterinnen auf die auf- gestellten Puppenstuben aufmerksam, die man hier auf dem Markte kaufen müsse, weil man dadurch armen Leute helfe. Diese Puppenstuben würden nämlich ausnahmslos von derzeit stellungslosen Tischlergesellen angefertigt. Die Zutaten, Kistenbret- chen und etwas buntes Tapetenpapier find billig, aber was die jungen Handwerker in langen er­zwungenen Mußestunden daraus machen, darin stecke soviel zum guten Herzen sprechende Liebe, daß der Berliner seine Puppenstuben nur hier auf dem Weihnachtsmarkt kaufe.

An der Schloßbrücke fällt dem Fremden ein merk­würdiges Getön auf. Da stehen frierende Jungen und lasten Waldteufel kreisen, das sind farbige Pappzylinder, die mit Pergament bespannt sind und an einem Pferdehaar mit einem Stock geschwungen werden und dabei ein drollig brummendes Gesumm ertönen lassen. Der Reisende wundert sich darüber, daß Alt und Jung seinen Groschen für solch ein Ding opfert. Ja, er wird belehrt, das fei altes Brauchtum. Mit derlei Lärmgerät treibt der Ber­lins feit unvordenklichen Zeiten in der Altjahrsnacht, die hier einen karnevalsmäßigen Anstrich hat, die bösen Geister aus. Aber das sei es nicht allein. Denn die Herstellung und der Vertrieb dieser Wald­

teufel auf dem Berliner Weihnachtsmarkt fei das Vorrecht der Kinder der ärmsten, arbeitslosen Leute, und sovertreibt der Waldteufel den Hungerteufel". Das gibt dem Fremden Anlaß, das gute Herz der damaligen Berliner zu loben, die, auch wo es dis eigene Belustigung gilt, die Not der anderen nicht vergessen.

Das Ganze ist ein beachtenswertes Zeugnis aus der Vergangenheit. Es bekundet uns einen überlie­ferten Rest jener Fürsorge, die sich in so vielen Ver­ordnungen aus dem Mittelalter und aus der Glanz­zeit des reichsstädtischen Bürgertums aussprechen. Das Wesen der ehemaligen Zünfte atmet ursprüng­lich, ehe sie vielfach erstarrten, denselben Geist. Dann setzte sich der Sieg dessen durch, was man den aufgeklärten Fortschritt nannte, und die neuge­wonnene kapitalistische Bereicherungsfreiheit ver­höhnte die altmodischen Leute, die bei ihren Ein­käufen in erster Linie darnach fragten, ob ihre Aus­gabe auch wirklich einem notleidenden Volksgenos­sen zugute kam. Erst unsere Zeit des wiedererwach­ten Volksgemeinschaftsgewifsens hat den tiefen Sinn erkannt, der sich darin äußert, den letzten städtischen Heimarbeiter wie den letzten ländlichen Kleinsiedler in die Erzeugungsschlacht einzugliedern, und darum lächeln wir nicht mehr über den Alt-Berliner Aus­spruch, daß der Waldteufel den Hungerteufel ver­treibt.

OieGroße ßnfc" gratuliert!

Die Schuljungen in London werden bald ihre ge­heimsten Wünsche erfüllt sehen, denn die Helder^ ihrer Bücher und Träume, Indianer in vollem Kriegsschmuck, wollen leibhaftig in die Hauptstadt des Britischen Weltreiches kommen. Wenn alle wei­ßen und farbigen Untertanen König Georg V. ihre Boten schicken, um Glückwünsche zum Regie­rungsjubiläum im Mai d. I. aussprechen zu lassen, dann dürfen auch die Indianer, die auf kana­dischem Gebiet wohnen, nicht fehlen. So haben sich

Ehamiffo als Naturforscher.

Von Dr. Albert Keil, Gießen.

Im allgemeinen ist uns Adalbert von C Ha­rn i s s o nur in seiner Eigenschaft als Dichter bekannt, und doch verdient er es, auch als Naturforscher, insbesondere als Biologe, gewürdigt zu werden.

In einer Zeit auf gewachsen er ist geboren 1781, in der eine romantische Naturphilosophie alle empirische Wissenschaft zu überwuchern schien, darf er als einer der ersten gelten, die wie Alexan­der von Humboldt wieder vorurteilslos den Weg der wissenschaftlichen Erfahrung gingen und allem weltfremden Philosophieren über die Natur abgeneigt waren. Aber diese Seite seines Wesens war doch wieder, ohne der Sentimentalität feines Zeitalters zu verfallen, vereinigt mit wirk­licher Ehrfurcht vor der Natur, die erst den wahren Forscher macht. Chamisso erzählt in einem seiner Briefe, wie sehr er schon in seiner Jugend von den Wundern der Natur angezogen wurde. Wie er Insekten erspähte, neue Pflanzen fand, wie all sein Schaffen und Zerstörenauf physikalische Experi­mente und auf Erforschen der Gesetze der Natur ausging". Ader die äußeren Verhältnisse brachten es mit sich, daß er erst spät den Weg zur Wissen­schaft fand. Nach der Flucht aus Frankreich war Berlin seine zweite Heimat geworden, und hier begann er noch mit 31 Jahren seine Studien, die ihn besonders auf das Gebiet der Botanik, aber auch der anderen Naturwissenschaften, vor allem der Zoologie und Mineralogie, führten. In bezug auf die Mineralogie sagt er einmal in einem Brief an seinen späteren Biographen Hitzig (1813):Ich hätte nimmer geglaubt, daß die Steine soviel Ver­stand hätten!" Aber die Pflanzenkunde ist für ihn doch immer die scientia amabilis, die liebliche Wissenschaft, geblieben, und er selbst gab sich meist für einensystematischen Botaniker" aus.

Drei Jahre hatte er sich mit außerordentlichem Eifer einem umfassenden Studium der Naturwissen­schaften gewidmet, als er schon am entscheidenden Wendepunkt seines Lebens angekommen war. In einer Zeitung hatte er nämlich die Nachricht von der bevorstehenden Romanzoffschen Entdeckungsreise der Russenin die Südsee und zur Erforschung der nordöstlichen Durchfahrt" gefunden, und sein größter Wunsch wäre erfüllt gewesen, wenn er diese Expedition als Naturforscher hätte begleiten können. Und wirklich gelang es ihm durch Vermittlung sei­nes Freundes Hitzig und verschiedener seiner Leh­rer, daß er an Stelle eines erkrankten Professors Ledebour zum Naturforscher der Entdeckungs­reise ernannt wurde. Am 9. August 1815 bestieg er in Kopenhagen das ForschungsschiffRurik", das

damit eine der ersten wissenschaftlichen Expeditio­nen rund um die Erde trug.

Chamisfos Forschungen zeigen immer wieder, daß er ein Mann von ungewöhnlicher Beobach­tungsgabe gewesen sein muß. So gelingt es ihm schon während des kurzen Aufenthaltes an der englischen Küste bei Plymouth, eine den einheimi­schen Botanikern bisher entgangene Pflanze zu entdecken. Und bereits auf dem zweiten Teil der Reise, von Plymouth nach Teneriffa, kann er eine bedeutsame zoologische Entdeckung als sein Verdienst buchen; es ist der Generationswechsel der S a l p e n, durchsichtiger Manteltiere der hohen See. Er und sein Begleiter Eschscholtz hatten gefunden, daß einzelne freischwimmende Tiere dieser Art mit an­einandergereihten, sogenannten Kettensalpen genera­tionsweise abwechselten. Die Salpen waren damit die ersten Tiere, an denen diese merkwürdige Art der Fortpflanzung festgestellt wurde, die inzwischen auch bei vielen anderen Lebewesen gesunden wer­den konnte. Es bleibt seltsam genug, daß gerade Chamisso, der stets geneigt war, dieMetamorphd- senlehre" abzulehnen, damit Entscheidendes auf dem Gebiet der Entwicklungsgeschichte beigetragen hatte.

Fast selbstverständlich ist es, daß der Scharfsinn dieses unermüdlichen Mannes sich während des Aufenthalts in der Südsee auch dem großen Rät­sel der Korallenriffe zuwandte. Wenn es ihm auch nicht gelang, dem bis heute noch nicht völlig geklärten Entstehen der Korallenriffe auf die Spur zu kommen, so gebührt ihm doch auch hier das bleibende Verdienst, die Atolle zoologisch, petro­graphisch und geologisch genau untersucht und be­schrieben zu haben. Im übrigen benutzte er den Aufenthalt auf den Südsee-Jnseln zu Wanderungen in die unwegsamen Gebirge. Dabei entdeckte er un­zählige neue Pflanzen und sammelte Beobachtungen aus allen Gebieten der Wissenschaft. Sogar Der Erforschung der hawaischen Sprache hat er einen Teil seiner Zeit gewidmet. So war es ihm als einem der ersten vergönnt, in diesen geheimnis­vollen Zonen wissenschaftlich zu arbeiten.

Chamisso kehrte jedoch von dieser Reise, wie er selbst sagt, nicht gesättigt zurück. Er hatte schon bald erkannt, daß erwie eine Kanonenkugel über die Erde fuhr, und wenn er heimkam, sollte er rings ihre Höhen und Tiefen erkundet haben". Und doch, welche Fülle neuer Beobachtungen und Tatsachen, welch reiche Sammlungen aller Art hatte er in diesen drei Jahren, von 1815 bis 1818, zusammen­getragen! Berücksichtigt man dabei, mit welchen Schwierigkeiten damals ein Naturforscher, besonders aber Chamisso (als Passagier auf einem Kriegs­schiff, wo man nicht gewohnt war, solche zu haben") !zu kämvfen hatte, so sind feine Leistungen noch j erstaunlicher. Anerkennung ward chm bann auch

am Ende seiner Weltreise in verschiedenen Ehrungen zuteil. Im Jahre 1819 ernannte ihn die Universität Berlin ehrenhalber zum Doktor der Philosophie und die Gesellschaft naturforschender Freunde da­selbst zu ihrem Mitglied. Dazu wurde ihm das Amt eines Kustoden am Botanischen Garten Berlin. Schließlich wurde er auf Alexander von Hum­boldts Vorschlag im Jahre 1835 fast einstimmig als Mitglied in die Berliner Akademie der Wissen­schaften ausgenommen.

So mag der Kreis geschlossen sein, der Chamisfos Wirken als Naturforscher umfaßt. Kaum läßt sich entscheiden, ob er als Naturforscher oder Dichter größer war, wenn solche Größen überhaupt ver­gleichbar sind. Was aber charakteristisch für Chamisso ist und was an ihm bewundert werden muß, ist die Kraft, mit der er die ganze Welt der Erschei­nungen zu umfassen vermochte: Vom Gestein bis hinauf zum Menschen und dessen Aeußerung, der Sprache, reichte das Gebiet seines wissenschaftlichen Interesses.

Wüffenriii.

Von Hans Vethge.

Von Assuan in Oberägypten sind wir auf großen weißen Kamelen im Brand der Sonne einen Tag lang in die arabische Wüste geritten, die hier eine Felswüste ist. Die Tiere tragen den Lammfellsattel auf dem Häcker, man reitet ohne Bügel, die Beine hängen vorn herab, rechts und links vom Widerrist. Der Zügel, ein schwarzer Baststrick, ist einseitig, er liegt links am Halse und reicht nach der rechten Seite des Mauls hinüber. Zunächst ist das Reiten auf diesen hohen Tieren befremdend, aber man gewöhnt sich bald daran, wiegt sich in dem Rhyth­mus der Schritte ein, und besonders der Trab ist angenehm. Die Tiere zeigen meist ein leises Sträu­ben, wenn man sie, während sie wiederkäuend auf den harten Schwielen ihrer Beine liegen, besteigen will. Ehe sie sich erheben, in drei mächtigen, lang­samen Rmken, stoßen sie häufig ein paar dumpfe Klagelaute aus, bann aber gehen sie geduldig, un­ermüdlich, sanft schaukelnd. Zum Galoppieren eignen sie sich schlecht. Sie sind überhaupt keine richtigen Reittiere, dafür in idealer Weise geschaffen für das Transportieren von Lasten.

Wir reiten durch flache Felfentäler, ringsum steht das Gestein in uralter Verwitterung, schweigend, unnahbar. Zunächst zeigt sich noch ein Rest' von Vegetation, Koloquinthen, runde, gelblich - grüne Früchte von der Größe der Apfelsinen, liegen ge­häuft an spärlichen, mühsam über den Sand hin- kriechenden Ranken. Man versteht nicht cht, wie so zarte, halb verdorrte, kleinblättrige Ranken die Kraft

besitzen, so große Früchte in solcher Fülle hervor* zubringen. Hier treibt ein auf dürrstem Boden er­wachsenes schwächliches Gebilde eine rührende, sich selbst aussaugende Vergeudung von Kraft. Die Kolo- auinthen werden praktisch verwertet, besonders für Leim. Wenn Leim, der mit Koloquinthen angemacht ist, zum Kleben von Tapeten verwendet wird, so stellen sich keine Wanzen hinter der Tapete ein. Schabe, daß nicht alle Wände des Orients mit Koloquinthensast bestrichen sind.

Die Steinwüste besteht in ihren urweltlichen Bil­dungen aus einem rötlich - grauen, ausgedörrten Feld, Täler von fruchtbarer Zerrissenheit tun sich auf, allem Lebewesen feind, die Kamele tragen uns über wüstes, herumgewürfeltes Felsgeröll und Splitter, diese braven Tiere halten auch auf den schrecklichsten Pfaden geduldig aus, ihr Schritt ist lautlos und immer sicher. Nun klimmen wir auf ein Plateau und blicken meilenweit in die Runde: ein Hügelland von wulstigen Felshöhen, rötlich-grau, unermeßlich, trostlos, erschütternd in seiner Oede. Die Form des Pylons zeigt sich hier und da, in der Ferne auch einmal Bildungen von der Gestalt der Pyramiden. Kein Tier, nicht die geringste Pflanze mehr, alles ausgebrannt, wüst und leer. Die Formen stehen ruhig, abweisend, erbarmungs­los, voll monotoner Großartigkeit in gläserner Luft, hier scheint die Erde resigniert zu haben, sie liegt genau so da, wie sie vor' Urzeiten lag, gnadenlos, unberührt, völlig schweigend, ein ungeheures, namen- loses Grab.

Im vorigen Jahr siel in dieser Gegend ein Regen nieder, der erste seit dreißig Jahren. Man sieht noch auf den Talsohlen an abgewaschenen Stellen, wo er dahingerauscht ist. Welch ein Schrecken muß den ausgedörrten Boden erfaßt haben bei diesem märchenhaften Ereignis! Wir reiten auf einer Kn'-aw-inenstraße, die zu den Ababde - Beduinen führt. Vor zwanzigtausend Jahren zogen hier Kamele mit Menschen und Lasten auf ihren Rücken, fo wie sie heute zuweilen ziehen. Nichts hat sich ver­ändert, die Zeit scheint stillzustehen in diesen wüsten, rotgrauen, von der Hitze überzitterten Geländen, die den Besucher sphinxhast anftarren in ihrer melancholischen Größe, in ihrer schauerlichen, unend­lichen Einsamkeit.

Mittags rasteten wir lange in einem breiten, aus­gebrannten Tal und nahmen im Schatten eines Felsens ein einfaches Mahl, das wir mitgenommen hatten. Huhn, Schinken, Eier, Orangen. Dann stiegen wir wieder in die Sättel und ritten allmählich heim durch die gläserne rosig-violett sich färbende Luft der blutenden untergehenden Sonne entgegen, ermattet, von der Hitze vollgesoqen, sanft von b<m oraoen Kanülen gefcllaukct, braungebrannt, grau bestäubt, von Durst geguäü, voll Verlangen nach einem Bad.