Ausgabe 
4.3.1935
 
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Nr. 53 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Montag, 4-MärzM5

Ein großer Dichter mußte seines gut entwickelten Gesichtsoorsprunges wegen den Namen Naso er­tragen. Und so hieß der größte Redner aller Zeiten: Kichererbse. Wir sagen Cicero und empfinden nichts dabei, aber die Römer empfanden auch nichts.

Cicero trat vor Gericht und im Senat als Redner auf. Seine Gegner verspotteten nicht seinen Namen, obgleich Cicero selbst mit Damen nicht zärtlich um­ging. Cicero stellte korrupte' Staatsmänner bloß und ließ als Konsul die Genossen des Catilina bin- richten. Das Volk dachte nicht an Kichererbse, son­dern nannte ihnVater des Vaterlandes". Die Dik­tatur Cäsars Überstand der große Redner jammernd und klagend. In den Wirren des jungen Augustus fiel der Greis.

Das ist der Lebenslauf der größten Erbse. Die kleineren aber leben noch bis in unsere Zeit hin fort. Nach Deutschland kam die Erbse zur Eisen-

Wir rufen die deutsche Jugend zum Berufs- wettkampf, um ihr den Weg zu weisen, der zur höhe führt. Dir suchen den Adel der Leistung, den einzigen Adet, den die neue Jugend kennt.

Baldur von Schirach.

Jeck, loß Jeck elans!"

Kölner Karneval rheinisches Volksfest.

Von Otto Brües.

Der Karneval in Köln soll in diesem Jahre noch prächtiger als früher gefeiert werden. Den Höhepunkt bringt der große Rosenmontagszug, der mit seinen vielen Wagen und Gruppen durch die Straßen ziehen wird. Am nächsten Tage folgen die Veedelszög", die Umzüge in den einzelnen Stadtvierteln, und am Aschermittwoch wird der Karneval bei Musik und Tanz und gro­ßem Fischessen feierlich begraben.

Jeck, loß Jeck elans!" hinter diesen knappen Worten rheinischer Mundart verbirgt sich die freund­liche Aufforderung eines Narren an den andern, ihn im Menschengewühl liebenswürdig vorüber­zulassen; man spürt hinter dieser Redensart das Gedränge einer Karnevalssitzung, das Wogen eines Maskenballes, das Gewühl der Kölner Altstadt­straßen und Rosenmontag.Jeck, loß Jeck elans!", das ist zugleich der Ausdruck einer Haltung von Mensch zu Mensch: ein nachsichtiges Gewähren­lassen, eine gutmütige Einsicht in die Schwächen des andern, ein Verliebtsein in die eigene Schwäche.

In der Karnevalszeit liegen in den Schaufenstern der Hutgeschäfte mancherlei Narrenkappen; mit ihrem spitzen Schnabel und ihren langen Federn sind sie sich nur auf den ersten Blick ähnlich. Jede der Karnevalsgesellschaften es sind ihrer heute noch Dutzende hat eine eigene Kappe, mit eige­nen Abzeichen, die zu kennen eine Sonderwissen­schaft ist. Diese Gesellschaften sind das stehende Heer des Prinzen Karneval; je näher die Festtage rücken, um so mehr erhebt sich die Kölner Bevölke-

Gruppen und Wagen bereitzustellen; und am Dienstag nach Karneval macht jedes Stadtviertel wieder seinen besonderen Zug.

Man steuert eben langsam auf einen Zustand zu, der früher einmal gang und gäbe war. Der Kölner Karnevalist, der sich historisch zu nehmen weiß, pflegt ein Büchlein genau zu kennen, das ein ge­wisser Stoll unter kaum verhüllendem Decknamen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts heraus­gegeben hat. Die darin abgedruckten Lieder, Reden und Scherzanzeigen erweisen ein sprudelndes Volks­tum, von dessen Schatz die Kölner Karnevalisten heute noch zehren. Schon in den alten Liedern, denen sich nur dann und wann ein neues von gleicher Kraft gesellt, findet man die Dolkstypen wieder: der Schutzmann marschiert auf in seiner blauen, der Koch in seiner weißen Tracht, der Professor im grauen Bratenrock und mit großer Hornbrille, einRhingroller" wälzt sich heran mit blauer Jacke, weißen Hosen und dem historischen roten Tuch um den hals. Ein Filmphotograph mit seinem Flimmerkasten tritt auf, einStäänekiecker" (Sterngucker), ein Fuhrmann, ein Schlangenbändi­ger mit dem gesamten Federschmuck einer berüch­tigten Rothaut, ein Ringkämpfer, Schusterjungen, die immer in Gruppen auftreten, ein Flieger, der sächsisch spricht, ein Duo von Straßenmusikanten und andere mehr.

Diese Dolkstypen sind dieReservisten" des Kar­nevals die Funkensoldaten das stehende Heer. Und in den Vierteln um St. Severin und das Eigelstemtor hat der Karneval noch feine ganze Urwüchsigkeit; hier kann man es erleben, daß einer drei Tage lang eine noch so unbequeme Maskie­rung als Rolle spielt und durchführt, in ernstem Eifer bei der lustigen Sache.

Der Rosenmontag ist der Höhepunkt des Karne­vals. Was an den drei Gipfeltagen, die vom Sams­tagabend bis zum Aschermittwochmorgen ausge­dehnt werden, von den Kölner und den Zugereisten verzehrt wird, was an Vorbereitungen Wochen hindurch aufgewandt werden muß, was für Ar­beiten die Abwicklung des Festes erfordert: das wissen die Statistiker ganz genau; es ist nicht ein Kapitel Gastwirtschaft allein, auch ein Kapitel Volkswirtschaft. Wenn aber derZug" durch die Straßen zieht (wer kann, schaue ihn sich in der Altstadt an, nicht auf den breiten Ringstraßen, wo das Schauen freilich bequemer ist), dann vergißt der Kölner Raum und Zeit und fühlt sich, auf Erden schon, im Himmel; ein Zustand, der während der Haupttage des Karnevals anhält und der den immer vernünftigen Menschen freilich nicht erklär­lich ist.

Freilich, es gibt auch die unverbesserlichen Köl­ner, jene, die das ganze Jahr hindurch feiern möch­ten. Für sie ist eine alte Anekdote kennzeichnend: Pitter und Tünnes, die unsterblichen Kölner Origi­nale, treffen sich Aschermittwoch morgen vor der Kirche. Ehe sie eintreten, fragt der eine, Luft schöpfend, den andern: Wat maschkeeste dich nächstes Johr? (Wie maskierst du dich im nächsten Jahr?)

Nun, das ist halt die Frage der Unverbesserlichen!

Aus der provinzialhauplstadi.

rung und mit ihr die Gäste, die aus dem ganzen Rheinland und auch von weiter her kommen, in einerlevee en mässe", von der sich keiner aus­schließt, und sei es nur zum Kampf um den Platz an der Heerstraße des Rosenmontagszuges.

Wenn man sich etwa in dieSitzungen" begibt, deren jede Gesellschaft bis zu einem halben Dutzend abhält, erkennt man sofort, wie der Strom des Vergnügens in ein festes Bett geleitet ist. Wie der Redner in dieBütt" steigt, eingeholt, begrüßt, gefeiert und weggebracht, wie ein Lied angestimmt und durch den geschunkelten Kehrrreim betont wird, bas ist ebenso zeremoniell bestimmt, wie die all­gemeinen Umzüge, die die Maskenbälle unter­brechen. Wenn der Rosenmontagszug naht, weiß jedes Kölner Kind, ob nun dieOreesberger" oder die Luftflotte", dieLindenthaler" oder dieGroße Kölner" heranmarschiert, gefahren oder geritten kommt; jede Kompanie der Narrensoldaten hat ihren Hauptmann, Leutnant, Fähnrich und sein Mariechen", seine Marketenderin, nach einer seit hundert und mehr Jahren festgelegten Ordnung, die so sicher eingehalten wird, wie die Natur ihre Ge­zeiten schickt.

Diese Wiederkehr des gleichen, diese geheime Uebereinfunft macht vielleicht einen besonderen Reiz dieses Festes aus; es ist ein Fest des Brausens und Fliehens, der Bewegung um ihrer selbst willen, und entbehrt so doch nicht der ruhenden Mitte, der festen Pole. Jeder Narr trägt seine Kappe, aber jede Kappe ihr untauschbares Zeichen, das ist und bleibt so und überdauertKrieg und Kriegsge­schrei". Auch die hauptfeste und -bälle sind durch den Kalender auf einen bestimmten Tag festgelegt, und ein neues durchzusetzen, erfordert nicht geringe Mühe.

heute, wo ein neuer staatlicher Impuls selbst auf dieses Gebiet hinübergreift, spürt man den klaren Willen, den Karneval wieder ganz zu einem V o l k s f e st zu machen. Die Vorstädte wetteifern damit, so wie die Kirchspiele einer früheren Dolks- orbnung, zum Rosenmontagszug besonders schöne

Karneval.

Ist es nicht die Sehnsucht nach Lachen und Freude, die uns in diesen Tagen erfüllt? Man will sich einmal befreien von der Umwelt, man will etwas anderes darstellen. Die Rollen müssen ver­tauscht werden.

Und wenn es das erlösende Lachen ist, das sich einstellt, dann sind diese Karnevalstage sehr ge­sund. Es muß aber auch freiwillig und befreiend wirken, niemals erzwungen oder künstlich hervor­gerufen werden.

Glücklich sind die Menschen, die lachen können, und dankbar sollen wir allen sein, die uns zum Lachen bringen, denen die Macht geschenkt ist, die Mitmenschen aus dem Alltag zu reißen, hinein in die Freiheit des goldenen Lachens. Wir werden sie lieben, diese Menschen, denn sie sind Künstler, sie lassen uns alles vergessen.

Deshalb sollen wir Karneval in diesem Sinne feiern. Alles sollen wir hinter uns lassen und uns die paar Stunden einmal ganz weltvergessen dem Trubel anvertrauen. Wenn es nicht ausartet, wird dieses Treiben wie ein Verjüngungsbad wirken.

Streifen wir alles Mürrische und alles Kalte von uns und werfen wir uns dem kommenden Frühling in die Arme. Aber das kann nur mit freudigem Gesicht, mit einem glücklichen Lachen geschehen, und hierzu sollen die Karnevalstage helfen. Nicht nur die Kinder sollen rechte Narren sein was sie treiben, ist ja nur eine Nachahmung der Großen , auch die Erwachsenen dürfen einmal richtig aus dem Häuschen geraten. Das schadet niemand. Drum hinein in den Trubel, mitgefreut und mitgelacht!

Bornotizen.

Tageskalender für Montag. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Jungfrau gegen Mönch". Rosenmontagskonzert im Cafe Leib.

Daten für den 4. März.

1829: der Ingenieur Karl Heinrich von Siemens in Menzendorf geboren (gestorben 1916). 1924:

die Türkei schafft das Kalifat ab, der Kalif Abdul Medschid wird verbannt.

Oie Kichererbse

Der Kleingärtner hat das Ende des Frostes ab­gewartet und macht sich fein erstes Beet im Garten zurecht. Er setzt Erbsen. Der Boden darf nicht frisch aebüngt sein, die Erbsen dürfen nicht zu flach liegen, sonst holen sie die Tauben. Der Siedler freut sich, die erste Arbeit im Garten tun zu dür­fen, und wenn zwei Nachbarn sich treffen, geht von Haus zu Haus die Frage:habt Ihr schon Erbsen gelegt?"

Die Frage wird uralt sein, denn die Erbse ist uralt. Als noch keine Geschichte ausgezeichnet wurde, bauten die Schweizer ihre Häuser in den See und fühlten sich auf Pfahlbauten vor Feinden und Raubtieren sicher. Diese Schweizer Pfahlbauern aßen schon Erbsen. Man wende nicht ein, daß die Fischer nicht zugleich den Boden bestellen konnten. Selbst ihr Vieh nahmen sie mit auf ihre See- wohnungen. Don den Pfahlställen trieben sie über lange Brücken, Kühe, Schafe, Ziegen und Schweine auf die Weide.

Die Erbse ist noch älter als die Schweizer Pfahl­bauten. Als die homerischen Helden noch nicht ge­boren waren und die Bürger von Troja noch keine Metallwaffen kannten, sondern sich ihre Werkzeuge aus Stein zurecht schlugen, gab es schon Erbsen­esser in Troja. Im Altertum wurden Erbsen in Indien, Griechenland und Rom gegessen.

Die Römer waren ein Bauernvolk. Als sie das griechische Kulturkleid überzogen, wußten sie sich bald wie geborene Aestheten zu bewegen. Zwar klingt nicht alles echt, was sie schufen, und manches blieb geistlose Nachahmung, aber sie schufen das Recht und entwickelten die Kunstrede. Mancher stiernackige Römerschädel erinnerte noch an den Bauern, und mit ihren Namen wurden sie nie feine Leute. Die Griechen sprachen geziert vom Goldmund und vom Wogengeflüster, aber die Römer benannten adlige Familien nach der Bohne.

zeit. Die Angelsachsen fanden die Pflanze erst in England vor. Karl der Franke empfahl seinen Un­tertanen den Anbau von italienischen Kichererbsen und maurischen Erbsen.

Ohne die Ratschläge des Frankenkaisers zu ken­nen, baut unser Siedler in jedem Jahre Erbsen, un& mit ihm alle Nachbarn. Von Cicero weiß er nichts, er kennt aber die Verwandtschaft der Leguminosen oder der Hülsenfrüchtler. Nicht nur die Erbsen und Bohnen gehören hierher, sondern auch die Lupinen, die Akazien und in fernen Tropen die Mimosen. Die schreckhaften Mimosen lassen sich nicht bei uns einbürgern. Die Akazien aber stehen im deutschen Sandboden, als wenn sie hier heimatrecht hätten. Ein französischer Hofgärtner hat den Baum aus Amerika mitgebracht. Nach ihm nannte man die Pflanze Rubinie. Das Volk kehrt sich nicht an wis­senschaftliche Begriffe und spricht weiter von der Akazie, obgleich der Name schon von einem anderen Baume belegt ist. Die Wissenschaft gab nach und spricht jetzt von Rubinia pseudoacacia.

Alle Leguminosen haben eine Eigenart. Die ge­meinsamen Hülsenfrüchte sind kein Geheimnis mehr geblieben, aber die Wurzeln bilden Knötchen, die mikroskopische Bakterien beherbergen. Mit diesen Bakterien leben die Hülsenfrüchtler in enger Lebens­gemeinschaft. Bei dem Namen Bakterie verfolgen uns Krankheitsbilder und peinliche Vorstellungen. Jedoch, es gibt auch gute Bakterien. Die kleinen Einwohner der Hülsenfrüchtler holen den gas­förmigen Stickstoff aus der Luft und verarbeiten ihn zu Nährsalzen. Das kann keine Pflanze und kein Tier. Selbst der Mensch kann das noch nicht lange und benötigt dazu gewaltige Mengen elek­trischen Stromes. Die kleinen Bakterien aber voll­bringen die Leistung ohne viel Aufwand und An­strengung. Sie arbeiten so still, daß die Gelehrten ihre Arbeitsweise noch nicht entdeckt haben. Da helfen keine Mikroskope und da hilft keine Werk­spionage. Die kleinen Fabriken haben ihr Monopol.

Dor acht Tagen hat der Siedler die Erbsen gelegt Jetzt bricht der Boden auf, und die Pflanzen drän­gen heraus. Nicht alle Blätter kommen zur Ent­faltung. Manche verzichten darauf, Blatt zu werden und wachsen zu Ranken, um der Pflanze halt zu geben. Bald zeigen sich auch die schmetterlingsartigen Blüten, die der Familie den Namen Schmetterlings­blütler gegeben haben. Aber noch ist es nicht so weit.

Der alte Cicero ist lange tot. Gelehrte Redner lobt man noch heute mit den Worten:Ein neuer Cicero". Das klingt sehr vornehm und gebildet. Daß ich nicht kichere! Herbert Paatz.

Oberhefsischer Kunstverein.

Professor Richard Kaiser, München:

Die süddeutsche Landschaft.

Die am Sonntag eröffnete dritte Jahresausstel­lung des Kunstvereins bringt statt der ursprünglich geplanten Gegenüberstellung der Landschaften von Kaiser mit den Bildnissen des in Gießen ziemlich bekannten Porträtisten Kraus nur 24, z. T. sehr große Bilder des Müncheners, die allein den ver­fügbaren Raum vollauf in Anspruch nehmen. Die Arbeiten von Kraus sollen später für sich gezeigt werden.

Die Ausstellung macht nicht nur aus diesem zufälligen, äußeren Grunde einen ungemein ge­schlossenen Eindruck. Die 24 Gemälde find'unter dem TitelSüddeutsche Landschaft" zusammengefaßt, und obwohl nicht alles aus Süddeutschland stammt, was hier gezeigt'wird, ergibt sich schon vom Thema­tischen her eine ganz einheitliche Linie, die nun persönlich noch vertieft wird durch den auf allen Bildern, die übrigens sämtlich aus den letzten Iah- ren stammen, wiederkehrenden, charakteristischen Malstil, hier haben wir eine Freilichtmalerei, die auf eine klare, großzügige und unproblematische An- schauung gegründet ist. Der Maler tritt unbefangen an das Objekt heran und gibt es wieder, wie es ist, ohne irgendwelche Auflösung, Verdichtung oder Stilisierung. Doch ist der Realismus, der sich so darbietet, keineswegs nüchtern oder trocken, sondern im Gegenteil immer beseelt dergestalt, daß jeweils ein Stück Landschaft ergriffen und dar gestellt wird, welches, vom Künstler aus der Laie würde es nicht ober nicht immer so empfinden alsschon schlechthin, als malerisch oder jedenfalls als charak­tervoll bezeichnet werden muß. Daß das, was wir ebenschön" nannten, in einigen Fällen zugleich mit einem monumentalen Format und in fast allen Fällen mit einer ausgesprochen dekorativen Wir­kung zusammenfällt, darf nebenbei bemerkt werden.

Einer solchen allgemeinen Haltung, die wir aus der Sammlung dieser vierundzwanzig Landschaften ablesen, entspricht auch die ruhige und abgeklärte Reife des Stils und der Malweise im einzelnen. Man kann den festen, gleichmäßig tonigen Auftrag auf zahlreichen Bildern sich wiederholen sehen, man findet gewisse Prinzipien in der Bildarchitektur heraus, in der Raumaufteilung und Tiefengliede­rung, in der «Behandlung des Verhältnisses zwischen Vorder- und Hintergrund, im Verhältnis etwa von Himmel und Erde und überhaupt der einzelnen Elemente einer Landschaft zueinander: vor allem auch in gewissen koloristischen Einzelheiten, die häufig wiederkehren: jene Skala z. B. von Grau über ein kühles Blau zum vielfach gestuften und

gebrochenen Grün mit mancherlei Zwischentönen scheint uns besonders charakteristisch.

Das zweifellos repräsentativste Bild der Aus­stellung, das von der rückwärtigen Schmalseite her den Blick des Beschauers sogleich beim Eintreten auf sich zieht und ihn gefangen nimmt, ist die Land­schaftZwischen Regen und Sonnenschein": ein fast rembrandtisches Motiv, in einem (nicht nur dimen­sional) großen Rahmen gesehen und gemalt, dra­matische Naturschilderung, die übrigens durch einen rechts vom Fenster her einfallenden Sonnenstrahl erstaunlich belebt und in ihrer Leuchtkraft gesteigert wird. Das Gegenstück, das gerade gegenüber hängt, heißtAm Ammersee" und wirkt trotz seinem ähn­lich ausladenden Format wie ein heiteres, sommer­liches Idyll; man könnte versucht sein, von einer arkadischen Landschaft zu sprechen, und gewisse Einzelzüge darin rufen sogar eine flüchtige Erinne­rung an Böcklin nach.

Sehr interessant ist ferner die große Ansicht von Magdeburg, hier tritt das Landschaftliche hinter dem architektonischen Motiv zurück, der imponie­renden Masse des Domes nämlich, der, von der Elb- feite und vom Chor her gesehen, den ganzen Aus­schnitt entscheidend beherrscht. Man sollte, wenn man dieses Bild als Ganzes hat auf sich wirken lassen, einmal den Einzelzügen nachgehen und sich klarmachen, mit rote feinen und technisch geschick­ter (übrigens ganz unaufdringlichen) Mitteln das Zentralmotio dieses imvosanten Bauwerkes kom­positorisch und in der Bildwirkung herausgehoben und gesteigert wird: wie die farbig vielfach gestufte Fläche des Wassers im Vordergründe gleichsam das Vorspiel oder den Natureingang bildet; wie ferner die an sich so sachlich-nüchterne Erscheinung einer langen Reihe von Eisenbahnwagen am jenseitigen Ufer eine koloristisch sehr nobel behandelte Ueber- leitung ergibt; wie belanglose Gruppen moderner Architektur mit einer gelassenen Selbstverständlich­keit zugleich zurückgedränqt und ins Bild einbezogen werden; und wie endlich die wuchtig gegliederte, mit den beiden Haupttürmen großartig empor­wachsende und sich verjüngende Masse des Dom- bauwerkes durch eine dahinter aufsteigende Wand von Kumuluswolken gewissermaßen über sich hin- ausgehoben und sublimiert wird, womit sich wieder­um zugleich ein kompisitorischer Ausgleich und ein kontrapunktisches Gegengewicht zu der breit hin- gelagerten Waagerechten der fließenden Vorder­grundfläche ergibt.

Es würde begreiflicherweise im Rahmen eines Zeitungsberichtes viel zu weit führen, ähnliche Analysen für jedes der vierundzwanzig Bilder durchzuführen, aber vielleicht regen derartige Be­trachtungen zu genauerem Einzelstudium und er­höhtem Genuß des Beschauers an. Von intimerer

Wirkung zeigen sich die kleineren Formate; wir notieren etwa die im besten Sinne stimmungsvolle und malerischeDorfkirche" mit dem charakteristi­schen bayerischen Zwiebelturm, kräftig und delikat zugleich in der Farbgebung. Sehr gut auch die aus großer Weite geseheneFeldeinsamkeit", die ein literarisch berühmtes Motiv mit Feinfühligkeit be­handelt und an beste süddeutsche Landschaftstradition der Thoma und Trübner erinnern mag. Auch der Blick auf Passau", dasGewitter über Stein­kirchen" und die stille, heitere, farbig vielfach be­lebte Landschaft des Werratales feien nicht ver­gessen.y

Griechischer Karneval.

Von unserem G. v. 71 -Miiarbeiier.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Athen, im Februar.

Es ist lange her, seit der Athener Karneval das weltberühmte Nizzaer Faschingstreiben wenn nicht übertraf, so doch jedenfalls mit allen Ehren neben ihm bestehen konnte. Die ehemals venezianischen Adeligen der sieben jonischen Inseln, allen voran die Zantioten,exportierten" die venezianischen Faschingssitten nach dem griechischen Festland. Doch blieb das Athener Faschingstreiben bei aller Pracht und Ausgelassenheit lediglich eine Angelegenheit der Gesellschaft. Im republikanischen Griechenland ver­lor der Adel bald allen Einfluß und im gleichen Augenblick der Fasching seinen Antrieb. Denn dem griechischen Volke fehlt das innere Verhältnis zu diesen ausgelassenen Narreteien und überhaupt zum Scherz. ..

Dem festländischen Griechen mangelt es gänzlich an allen Qualifikationen zum rechten Untertan des Prinzen Karneval. Ernst und geschäftig, aber ohne Witz und selten ironisch, versteht er keinen Spaß. Theatralisch und stets zeremoniell selbst in seinen Vergnügungen, besonders in seinen Tänzen, ist er eigentlich niemals ganz von Herzen luftig, son­dern immer darauf bedacht, sich nichts zu ver­geben.

Die Athener Boulevards sind trotz allem auch heute noch mit Masken bevölkert. Dan tanzt öffent­lich. Nach kreischenden Hirtenflöten, Tamburins und Dudelsäcken. Dem allem aber fehlt die Faschings­laune. Mit toternften Gesichtern ziehen sie umher. Meistens Geld sammeln. Aus dem Volksvergnügen wurde ein Volksgeschäft. Aber es fehlt ihnen die mitreißende Ausgelassenheit.

Ein wirkliches Faschingstreiben findet man heute eigentlich nur noch auf den Inseln, vor allem in Zante, wo das italienische Element vor allem im Adel auch heute noch vorwiegt. Dort gerät

das Volk mit dem Beginn des Karnevals voll­kommen außer Rand und Band.

In den weniger bemittelten Volksklassen herrschen dort zuweilen noch ganz mittelalterliche Sitten. Den sonntäglichen Kirchgang ausgenommen, gehen z. B. die Frauen das ganze Jahr nicht aus. Nur während des Karnevals lösen sie die Fesseln, ziehen den ganzen Tag in ihren Masken umher und kommen erst nachts zu später Stunde heim, und man sagt, während des ganzen Faschings bekämen die zantio- tischen Ehemänner ihre herumvagabundierenden Frauen nicht zu sehen.

Die zantiotischenMascares" (die weiblichen Masken) und dieDottori" (die maskierten Männer) sind geradezu gefürchtet wegen ihres sarkastischen Witzes und ihrer boshaften Geiftreicheleien. Nie­mand ist sicher vor diesen Spöttern.

Schon am Nachmittag, um drei Uhr, beginnen die Maskeraden, und die Straßen der pittoresken alten Stadt sind von Masken übervölkert. Man tanzt den Oaitani": die Paare drehen sich um einen dirigie­renden Dotiere, der eine Stange hält, die mit bun­ten Bändern und Schnüren behangen ist. Es kommt darauf an, die verschiedenen Bänder wäh­rend des Tanzes miteinander zu verflechten und wieder auseinanderzuknüpfen.

Die ständischen Unterschiede, die in Zante im Gegensatz zum Festland noch sehr ausgeprägt sind, verwischen sich während des Karnevals. Vor hundert Jahren noch hatten die allmächtigen Nobili sehr viel konservativere Ansichten. Damals saßen sie großartig vor dem Palais Comouto, und jeder simple Bürger, der an ihnen vorüberging, mußte die Mütze lüften. Die Nobili beantworteten den Gruß, indem sie die rechte Hand lässig zwischen die Westenknöpfe steckten und den kleinen Finger bewegten. Man betrachtete es schon als besonders aufgeklärt und liberal, wenn einer von ihnen auch den Kops neigte.

Diese patriarchalischen Sitten haben sich inzwischen ein wenig verändert. Und am Rosenmontag erleben wir sogar eine regelrechte Verbrüderung der exklu­sivensociety" mit dem Volk. An diesevm Tage ist jeder Tanzlustige zumCasino" zugelassen. Die Kasinomitglieder versammeln sich zu einem feier­lichen Bankett. Die Nichteingeladenen sitzen zu- nächst an verschiedenen abgesonderten Tischen. Erst einige Stunden später, zu Beginn des Festmahls um zwei Uhr nachts, gehen die geladenen Gäste und die nurzugelassenen" von Tisch zu Tisch, um sich gegenseitig den Wunsch auszusprechen, an einem Tische speisen zu dürfen.

Mit dieser schönen Sitte findet das zantiotisch« Faschingstreiben am Rosenmontag seinen Höhe­punkt. Am Aschermittwoch um Mitternacht läutert die Glocken. Die Masken fallen. Die Fastenzeit be­ginnt