Ausgabe 
4.2.1935
 
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Nr. 29 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Montag, §.8ebruar1935

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Die Winterschlacht in Masuren

Marsch der Vernichtung. Sie bahnten sich einen

Vom nationalen Schachturnier in Berlin

Munn. Der größte Teil baoon bestand aus alten Landstürmern und Landwehren oder aus unerfah­renen Iungmannschaften. Die ungeheuren Strapa-

Feuertaufe erhalten sollten. Es war der Auftakt zur dritten großen Masurenschlacht, durch

Bogoljubow (rechts) tm Spiel gegen Sämisch ein Bild von der ersten Runde des naHtr nalen Schachmeisterturniers, das gegenwärtig in Berlin ausgetragen wird.

ten sich gegen die abrutschenden Schlitten, sie trieben keuchend die Gäule an, sie drangen unaufhaltsam vor mit Pickeln und Spitzhacken. Die Patrouillen erkundeten auf Skiern den Feind, kräftige Hunde

Im Februar 1915 wurde die russische 10. Armee in der berühmten Winterschlacht in Masuren von den deutschen Truppen einge­kreist und vernichtend geschlagen. Deutscher Soldatengeist, zäh, unbeirrbar und stählern, errang einen der gewaltigsten, aber auch schwierigsten Siege des gesamten Krieges. Die Winterschlacht in Masuren, die an alle Soldaten beispiellose Anforderungen stellte, wird für immer mit dem Namen Hindenburgs verbunden bleiben.

Die Schreckensherrschaft der Ruffen.

Der Kampf um die ostpreußischen Grenzgebiete währte monatelang mit wechselndem Glück. In der glorreichen Schlacht bei Tannenberg gelang es Hindenburg, einen überwältigenden Sieg zu erringen: Ostpreußen, die deutsche Provinz, über der die Brandfackel russischer Plünderungswut lo­derte, war frei! 92 000 Russen waren gefangen, 70 000 tot oder verwundet. In Königsberg und Thorn, in Allenstein und Osterode, überall ging ein befreiendes Aufatmen, ein Freudentaumel durch die Reihen der gepeinigten, ausgeplünderten Bevölke­rung. Brausender Jubel erfüllte die Lande. Ins Rie­senhafte wuchs mit einem Schlag der Name Hinden­burg, dem die Befreiung aus unsäglicher Not und grauenvollem Elend zu danken war. Ostpreußen frei! Am 12. September 1914.

Wie hatten die russischen Horden in diesem deut­schen Grenzland gewütet!Vorn ärmlichsten Dorfe bis yir wohlhabenden Stadt, von der einfachen Kate des armen Mannes bis zu dem mit Kunstschätzen gefüllten Edelsitze blieb nichts verschont, an das die Brandfackel überhaupt geworfen werden konnte", so schrieb als Augenzeuge der Provinzialkonservator Dethlefsen imZentralblatt der Bauverwal- tyng". Nach amtlichen Feststellungen zerstörten die Russen 24 Städte, fast 600 Dörfer und 300 Güter. 34 000 Gebäude wurden vernichtet, über 100 000 Wohnungen geplündert, 2000 Personen getötet oder mißhandelt, 10700 nach Rußland ver­schleppt. Gegen 400 000 mußten notgedrungen, um ihr nacktes Leben zu retten, Haus und Hof im Stich lassen und in die westlichen Provinzen fliehen. Die Viehbestände wurden geschädigt um schätzungsweise 135 000 Pferde, 250 000 Stück Rindvieh, 200 000 Schweine, 50 000 Schafe, 10 000 Ziegen, 600 000 Hühner und 50 000 Gänse.

Ein gigantischer plan.

Ostpreußen war in der Schlacht bei Tannenberg von den Russen gesäubert worden, aber um die Grenzorte tobte immer noch ein zäher, er­bitterter Kampf. Da holte Hindenburg zu Anfang des Jahres 1915 zu einem vernichtenden Schlage aus. Ohne daß die Russen eine Ahnung hatten, begann er seine Vorbereitungen .zu der gewaltigen Einkreisung und restlosen Vernichtung des Feindes in aller Stille und in einem überraschend schnellen Tempo. Die Russen, die in stark verschanz­ten Stellungen lagen und dem Bewegungskrieg aus dem Wege gingen, bauten auf die Härte des russisch­ostpreußischen Winters: es schien ihnen heller Wahn­sinn, die taktischen Operationen und umfassenden organisatorischen Maßnahmen des deutschen Gene­rals bei diesem mörderisch kalten Klima in einem so weglosen und heimtückischen Seen- und Sumpf­gebiet zu verwirklichen.

Die Kälte schnitt den Soldaten wie mit Messern ins Gesicht. Ein eisiger Orkan fegte Tag und Nacht über das dicht verschneite Gelände. Wege und Schützengräben versanken unter den lastenden, wind­verwehten Schneemassen. Halb erfroren, mit steifen,

Hindenburgs gigantische Leistung. Vernichtung der Russen und Befreiung Ostpreußens vor 20 Jahren.

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die Ostpreußen endgültig von den Russen befreit Weg mit Schaufeln und Schneepflügen, sie sternrn- wurde. Hindenburg verfügte über 250 000

zen der Umgehungsmärsche stellten an die Truppen fast unerfüllbare Anforderungen.

Die Deutschen bissen die Zähne zusammen, ließen nicht locker, übertrafen sich selbst. Heiliger Zorn trieb sie ungestüm gegen den Feind, der ihre Heimat, ein Stück deutscher Erde, erbarmungslos vernichtet hatte. Sie hatten nur den einen Gedanken: Vergeltung! Hindenburg führt uns! Das Blut unserer Brüder schreit gen Himmel! Dieser Gedanke gab ihnen die Kraft, dem Gespenst der Kälte zu trotzen. Er wärmte ihre Glieder, befeuerte ihren Geist, riß sie immer wieder hoch, wenn sie stöhnend in den Schnee sanken und ihnen die Kräfte zu verlöschen drohten.

Neun Tage tobte der Orkan, der die Russen hin­wegfegte. Ueberrumpelt, aus der Lethargie ihres Winterschlafes durch wütende Sturmangriffe der Deutschen mit einem Ruck herausgerissen, wehrten sie sich verzweifel oder ergriffen, von wahnsinniger Angst gehetzt, Hals über Kopf die Flucht. Das deutsche Artilleriefeuer kannte kein Erbarmen. Krachend zerbarst da und dort die Eisdecke unter dem Feuerhagel der deutschen Geschütze, Hunderte und Tausende von fliehenden, zu Tode gehetzten Russen versanken und ertranken mit Mann und Maus in den eisigen Fluten. Tausend wurden, in dichten Knäueln von allen Seiten eingeschlossen, reihenweise niedergemäht, Tausende verkrochen sich in die Wälder, Tausende ließen sich freiwillig ge­fangennehmen.

Der stürmische, alles überrennende Vormarsch der Deutschen war eine Offensive auf Tod und Leben. Sie trotzten dem furchtbaren Schnee- st u r m, der ihnen die Haut zerriß, sie wateten in phantastischen Eilmärschen durch die unendlichen Schneemassen. Die Kälte war ihr grimmigster Feind. Der Schnee suchte ihren Schreckenslauf zu hem­men: vergeblich. Wohl versanken da und dort die Wagen, wohl brachen Hunderte erschöpft zusammen und blieben erfroren liegen, wohl knickten die zu Tode ermatteten Pferde zu Dutzenden in den Schnee, aber das Gros vollendete den grauenhaften

blutleeren Gliedern lagen die Leute in ihren Gräbern Wer von den Russen dachte in dielen Wintertagen im Ernst an die Möglichkeit einer Ueberrumpelung!

Und dennoch: Hindenburg hatte sich entschlossen, Ernst zu machen. Ein kühner Plan wurde bis in die kleinsten organisatorischen Einzelheiten ausgearbei­tet. Mitten im Grauen eines barbarischen Winters plante man einen Bewegungskrieg von unvorstell­baren Ausmaßen in Szene zu setzen, die ahnungs­losen russischen Truppen, die eine Front von 165 Kilometer besetzt hielten, von allen Seiten einzu­kreisen und bis zur völligen Vernichtung durch das festgefrorene Sumpfgebiet der Masurischen Seen zu verfolgen.

Grauenhafte Kämpfe in See und Sumpf.

Unvergeßlich wird diese Schlacht bleiben für ewige Zeiten, die Kämpfe bei E y d t k u h n e n und Wir- ballen, die Verfolgung der Russen, ihre endgül­tige Vernichtung...

In den ersten Tagen des Februars trafen an der Front die ersten deutschen Verstärkungen ein. Die Vorbereitungen zu der großen Ueberrumpelung vollzogen sich mit unheimlicher Präzision und fabel­hafter Geschwindigkeit. Es klappte wie am Schnür­chen, großartig war die Organisation. Man hätte frische, junge Regimenter zur Verstärkung herangeholt, die in diesem grimmigen Winter ihre

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Eine besonders anziehende Prüfung des Berli« ner Reitturniers war die Junioren- Prüfung. In der Abteilung A siegte Rosemarie Seydel aus Halle, der wie unser Bild zeigt Ministerpräsident Göring persönlich den Preis überreichte. Der jüngsten Teilnehmerin dieser Prü­fung, der siebenjährigen Jngeborg Pickhahn (vorn), übergab er einen Sonderpreis für ausgezeich­nete Leistungen. Rechts hinten (in Zivil) der Vor­sitzende des Reichsverbandes für Zucht und Prüfung deutschen Warmblutes, General der Kavallerie a. D. von P o f e ck.

zogen die Proviantschlitten. Soldaten, die nicht mehr weiter konnten, wurden oft an Kanonen ge­bunden, damit sie nicht liegen blieben. Nur ein Ge­danke galt; ran an den Feind! Ran an die Plün­derer und Schänder Ostpreußens!

Die Flucht in den Tod.

Zu Tausenden fanden die Russen auf irrsinniger, planloser Flucht den Tod. Die Leichen häuf­ten sich, sie lagen ineinander verknäuelt auf den Eis­flächen der Seen und in den Wäldern. Das Tau­wetter, das plötzlich hereingebrochen war, hatte das Land in sumpfigen Morast verwandelt. Durch den graugelben, zähklebrigen, halbgefrorenen und halb aufaeweichten Schnee kämpften sich die deutschen Sowaten durch. Die Russen flohen in alle Winde wie eine auseinanderstiebende Herde. So vollzog sich z. B. bei Kalwarja die Flucht in acht neben­einander herrasenden Wagenreihen! Die deutschen Granaten und Schrapnells platzten ununterbrochen in diesen Tumult einer verwirrten, kopflosen, plan­losen Auflösung. Hie und da erbitterter, verzwei­felter Widerstand russischer Soldaten! Offiziere erschießen sich aus Beschämung, eine Handvoll deutscher Soldaten nimmt Dutzende bewaffneter Russen gefangen, ein Tohuwabohu auf der ganzen russischen Front.

Nüchterne Zahlen melden die V e r l u st e der Russen.

Gefallen: 3 Generale, 11 Obersten, 19 Majore, 297 Hauptleute, 403 Leutnants. Verwundet: 10 Generale, 32 Obersten, 57 Majore, 381 fyauptteute, 1107 Leutnants. Vermißt: 10 Obersten, 28 Majore, 211 Hauptleute, 381 Leutnants.

Das war die große Masurenschlacht! Einer der eindrucksvollsten und größten Siege der Welt-

Unterwegs.

Von Otto Karsten.

Der Umstand, daß Michael selten reiste, bewirkte in ihm heute eine lebhafte Stimmung von erregter Unternehmungslust. Bewußt ward es ihm freilich kaum ober eben erst, als er sich in einer blitzenden Sekunde entschloß, just hier, in dieser kleinen Stadt irgendwo, den Zug zu verlassen.

Dem Mädchen, das im Abteil seine Aufmerksam­keit auf sich gezogen hatte, folgte er, nahm in sich selbst eine weitere Hürde und sprach es nach weni­gen Schritten an. Sie schrak ein klein wenig zu­sammen und verbarg kaum ein reizvolles Entsetzen, gab ihm indes nicht ganz unfreundlichen Bescheid, diesemLandfremden". Verzeihung, er fei land­fremd und finde den Ort nicht, den er suche, wenn er da nun sozusagen um Auskunft bitten dürfe, und so weiter.

Das Mädchen war blond und zierlich, eine Hand­voll Anmut, und mußte zu ihm aufschauen mit er­stauntem und zaghaftem Blick, um ihn alsbald be­nommen niederzuschlagen; denn Michael war dun­kel, groß und so viel erhabener als sie. Sehr wehr­los schien sie und war doch, wie sich erwies, hier zu Hause und bewandert, wegkundig und bekannt.

Und nun handelte es stch um jenen ragenden Hügel mit dem sonderbaren Turm, einem noch nicht dagewesenen Turmbilde; das war also ein Aussichts­turm. Ja eben, und den wollte Michael ersteigen; denn weithin berühmt sei die Pracht dieser Land­schaft mit ihren Erhebungen und Wässern, die zu Tale rinnen und die Erde fruchtbar machen, und dergleichen mehr. Michael drückte sich in der Tat einigermaßen hochtrabend aus zum Preise der also gebenebeieten Natur, nachbem er vernommen, wie bas Mäbchen, bessen Namen er gewiß halb ken­nen würbe, in frommer Einfalt biese Heimat liebte. Unb wahrhaftig, es war alles in allem ein gefegne- ter Tag von herber Klarheit unb leicht unb geheim­nisvoll verhangenem Horizont, glückhaft vor allem aus Michaels eigenster Macht, wie es erschien, es gebieh ihm ja boch, aus einem Eisenbahnzug mit­ten in träumerische Verhältnisse zu treten, allein dank eines schnellen unb jungen Entschlusses.

2Iud) bas Mäbchen schien zugleich unter einem garten Schleier trotz allem verborgen zu bleiben, ment einmal ihre leise unb langsame Stimme schien ganz menschlichem Klang zu gleichen. Aber wer wußte, was es bamit auf sich hatte, unb ob er selbst nicht ein wenig verrückt unb wunberlich war! Ueb- rigens verhielt es sich richtig so unb war nicht an­ders zu wünschen, nein gerabe zu wünschen blieb

vor biefer ünben Gegenwart nichts, bas eben war wohl ihr höheres Wesen. Unb Michael entsann sich nicht, oft ben Dingen so wunschlos nah unb anver- traut gewesen zu sein wie jetzt.

Zubern war bieses Mäbchen, das Toni hieß, von einer zauberischen Fügsamkeit unb Artigkeit. Es war schwer, zu benken, wie Toni überhaupt unter natürlichen unb alltäglichen Bewanbtmssen ftünbe, etwa als häusliche Hilfskraft ber Mutter ober kaum entwachsener Zögling von Erziehern. Unb so war es im Grunbe kaum ein Gespräch, bas beibe, gleich­wohl destänbig fragenb unb entgegnenb, mitein« anber führten, es fei benn eine kinblich erfunbene Geheimsprache, in deren Äußerungen es stets um anberes ging als, was sie besagten.

Mit seiner leicht belegten unb jetzt sehr behut­samen Stimme fragte etwa Michael:Gibt es hier zum Beispiel eine Garnison? Ich meine so Soldaten unb bergleichen Mannsvolk unb Betrieb, Tanz unb Musik?"Ach nein", erroiberte Toni seitlich auf- blüfenb unb scheinbar äußerst bestürzt,wo benken Sie wohl hin! Allerbings einen Arbeitsbienst boch, wenn Sie so etwas auch meinen." Soo, einen Ar­beitsbienst boch. Michael pfiff dabei durch bie Zähne, in Wahrheit ohne jebe Bebeutung unb nur so. Toni inbes wünschte nun ihpe Angabe zu vervollstänbigen ober berichtigen, ba sie bes Fremden Mißfallen zu erregen schien, sie plauberte ausgiebig über das Arbeitslager, dem ja nichts Schlimmes nachzusagen war. Doch Michael erkundigte sich bereits nach anderem, ob sie vielleicht größere Städte kenne unb woher sie benn heute gekommen sei. Unb Toni kannte wenigstens eine ziemlich große unb in man­cher Hinsicht bedeutende Stabt, eben daher kam sie heute; sie erlernte bort nämlich bas Hanbwerk und bie Kunst bes Damenschneiberns.

Sie war sogleich erfüllt von jeder Anregung, allerlei zu erzählen: unb so fügte es sich, daß sie Michael zum Aussichtsturm geleitete. Beibe stiegen gemächlich, bisweilen stehen bleibend unb Umschau haltenb, hinan unb erklommen schließlich bas höl­zerne Gerüst, das eine windschiefe Sitzgelegenheit frönte. Es war so weit gekommen, baß Toni bang eingeftanb, sie werbe zwar daheim erwartet, boch sei bieferFall" wohl eine begründete Ausnahme, für bie sie jebe Weiterung auf sich nehme. Im übri­gen seien ihre Eltern keine Unmenschen, vielmehr umgänglich unb gut zu ihr, biefer Tochter Toni, bie hier bem Frembling, ben ber Ruhm ihrer Heimat von weit her gezogen hatte, nun das runbe unb bunte Panorama, berftenb vor heimlichem Eifer, erläuterte. Ja, ja, aha unb viel Staunen unb Be- munberung, oh, Michael war ein mehr als dank­

barer Hörer unb Betrachter, war geradezu ver­sunken in diese vom Himmel hergewehte Stunbe unb alles ringsum. t

Aber enblich wandte er sich vom lockenben Um­kreis ab unb Toni zu, er lauschte unb blinzelte vage vor sich hin unb Hub, als sie verstummen wollte unb leis wurde wieder vor Verzagtheit, an:Ja, mein kleiner Ausflug hat sich ja schönstens gelohnt, wirklich. Ich banke bir, kleine Toni, bu sanftes unb williges Kind. Du bist so freunblich, ja, siehst bu." Fertig und weiter nichts; vielmehr war Trauer unb Gewölk über ihn gekommen, wie er ba saß unb un­verhofft beschenkt warb.

Er war ja nicht leicht zu Liebe, Glauben unb der­lei Anwanblungen bereit unb pflegte im allgemei­nen ein strenges unb abweisenbes Gehabe. Es hätte inbes seiner Natur nicht burchaus wibersprochon, wenn er ber Toni ben berebten Munb anbers ver­schlossen hätte als burch einen von fernem Ernst beschatteten Blick. Wie- war es nun möglich, daß unter ihm bas Mädchen sogleich ihrer Angst und Befremdnis enthoben ward und nichts geringeres zu tun liebte als zu lächeln! Sich selbst und ihn lächelte sie aus einer dämmerigen Verstrickung her­aus und befreite so still und mild den Augenblick von seinem dunklen Zwang. Michael erfuhr eine kleine Erleuchtung gleichsam vor dieser Unschuld; denn einer höheren Unschuld als nur leiblicher ahnte er sich hier gegenüber und lobte sich Plan ober Zufall so träumerischer Fahrt.

Er fühlte also eine gute Gesinnung für Toni in sich aufsteigen unb fanb es nicht schwer, ihr zu ge­horchen. Noch immer lächelte sie ja, unb gütlich er­leichtert lächelte nun auch er. Er nahm ihre weiße Hanb zu törichtem Gespiel in die seine und mur­melte:Weißt du, Toni, ich bin manchmal etwas kindisch. Und so freue ich mich jetzt über dich. Ich könnte es im Augenblick nicht anders ausdrücken. Uebrigens sollten wir nun wohl gehen. Vielleicht erreiche ich gerade den nächsten Zug, was meinst du?"

Ja, den würde er womöglich erreichen, sofern man sich recht beeilte. Daher mußten sie beide den Rückweg mehr laufend und stolpernd als würdevoll schreitend nehmen; und Michael schien der Toni überhaupt am Ende weit jünger unb harmloser als am Anfang. Doch ba war nun nicht mehr viel zu bebenken; benn kaum daß er sein Abteil betreten unb eben noch das Fenster geöffnet hatte, setzte sich der Zug schon in Bewegung. Eine Weile winkten beide einander noch zu, bis sie sich in einer jähen Biegung des Gleisstranges aus den Augen verloren.

Späte Aufklärung eines Justizirrtums.

Im November 1914 lag das französische Dorf Loos-en-Goelle im Feuer deutscher Geschütze, war aber noch nicht von allen Einwohnern verlassen. Ein Mädchen wollte bes Abenbs von einem Hause aus Lichtsignale bemerkt haben unb melbete bas. Ein Kriminalbeamter untersuchte bas Haus, in bem eine Arbeiterfamilie wohnte, und fand im Bett eine Petroleumradfahrlampe. Der Vater der Familie wurde verbannt, die Mutter starb nach fünf Jahren im Zuchthaus, die beiden Söhne kamen ins Gefäng­nis, wurden aber später wieder freigelassen. Sie haben das Wiederaufnahmeverfahren erreicht, wobei sich ergab, daß eine Spionage mit Lichtsignalen nach dem Morsesystem schon deshalb ausschied, weil in der ganzen Familie niemand lesen und schreiben konnte, auch wäre das Licht des Petroleumlämpchens bei, der Entfernung der deutschen Truppen zum Signa­lisieren nicht ausreichend gewesen. Das französische Militärgericht, das 1914 das Urteil über bie Familie aussprach, stanb offenbar im Banne ber Spionen- furcht, bie bas ganze Volk bamals ergriffen hatte. Die Arbeiterfamilie war burch bas Verhör, bem man sie unterzog, so eingeschüchtert, baß man sie für überwiesen hielt. Der Vater lebt noch in ber Verbannung in Guyana unb hofft, halb bie Heim­reise antreten zu können.

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. Friebrich Koch, Extraordinarius an der Universität Frankfurt, hat einen Ruf auf den ordentlichen Lehrstuhl für Innere Medizin an der Universität Tübingen erhalten.

Professor Dr. Heinrich Stoll, ordentlicher Pro­fessor für Bürgerliches Recht an ber Universität Tübingen, hat einen Ruf an bie Universität Leipzig erhalten.

Professor Dr. Hans Blunck, ao. Professor an ber Universität Kiel, hat einen Ruf auf ben Lehr­stuhl für Pflemzenkrankheiten an ber Universität Bonn erhalten.

Im Alter von 59 Jahren ft a r b in Halle D. Dr. Hans Hahne, ber ordentliche Professor für Volk- heitskunbe an ber Universität Halle. Professor Hahne war ber Begrünber bes Museums für beutsche Volkheitskunbe, das unter feiner Leitung zunächst unter bem Namen berLanbesanstalt für Dor* gefchichte ber Provinz Sachsen" in Halle entstand. Professor Hahne ist damit einer der bedeutendsten wissenschaftlichen Vorkämpfer für Volkstum unb Rassenibes gewesen.