Ausgabe 
3.9.1935
 
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Nr. 205 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberyesseiy

Dienstag, 3. September 1935

Aus Der Provinzialhaupistadt.

Zwetschenkuchenzeit!

Es ist jetzt eine köstliche Zeit, die Zwetschen- kuchenzeit! Die Erntearbeiten sind ziemlich erledigt, das Grummet leider gab es nicht viel ist auch jcfjon eingefahren, eine kleine Pause für unsere Bauern. Aber sie ist erfüllt von dem Duft, der uns aus allen Gemeindebackhäusern und den Stuben der Bäckereien entgegenströmt. Einmal, zweimal mindestens in der Woche steht nun der Zwetschen­kuchen auf dem Tisch. Unsere Kinder jubeln Das Fruhaufstehen fällt ihnen nicht mehr so schwer Auch beim Nachmittagskaffee sind sie stets anwe- send, sie lassen lieber ihr Spiel im Stich als den Zwetschenkuchen.

Wird auch die Obsternte stellenweise sehr knapp ausfallen, unsere gute Hauszwetsche bringt uns doch wieder Fruchte, wenn auch recht viele abae- fallen sind. Zum Kuchen gelangt es aber immer noch. Am Samstagmorgen sehen wir alt und jung mit dem bekannten Körbchen hinauswandern auf die Daumstucke. Wie gern helfen die Kinder dabei. ^.chu"eln kann man freilich die Zwetfchen noch nicht. Man mutz schon die reifen auspflücken. Aber diese Arbeit wird gern getan. Gibt es eigentlich Menschen, die den Zwetschenkuchen nicht mögen?

Der ganze Zauber der Herbstzeit steigt herauf, wenn die ersten Zwetschenkuchen auf dem Tisch er­scheinen. Wir waren einst sechs Geschwister und saßen oft mit Knecht und Magd zu zehnt am Tisch. Daß da ein Kuchen nicht weit reichte, braucht nicht versichert zu werden. Und die Mutter sparte doch so sehr, besonders am Zucker. Deshalb wurden für die Kinder die Kuchenstücke abgeschnit- ten und hingelegt. Mehr als eins erhielten wir nicht. Zuerst aßen wir Brot, dabei immer das schone Stück Kuchen im Auge! Dann kam der große Augenblick. Mit Andacht, ganz langsam und genieße­risch begannen wir den aufgesparten Zwetschen-

n <5U eWen- Das waren königliche Augenblicke! Mein Vater durfte natürlich so viel essen, wie er mochte. Auch der Knecht und die Magd, die schwer zu arbeiten hatten, durften nach Herzenslust zu­greifen. Glomm da nicht manchmal ein bißchen Neid in unserm kindlichen Herzen auf?

Wie oft dachte ich mir: Wenn ich einmal Vater bin, bann esse ich jeden Tag Zwetschenkuchen! Die Mutter fast nur Brot, um uns Kindern das Stück recht groß zu schneiden. Heute noch bin ich meinen Eltern dankbar, daß sie uns nicht so im Uebervollen leben ließen. Sich bei Zeiten beschei­den, bringt Glück, sagte meine Mutter.

Und nun ist es so weit. Ich bin Vater und könnte eigentlich so viel Zwetschenkuchen essen, wie ich möchte. Das tue ich schließlich auch. Ich meine aber, o gut wie der aufgesparte aus der Jugendzeit chmecke er nicht. Das ist ja mit allem so. Wir chauen mit Augen der Liebe in unsere Jugendzeit.

Ja, es ist eine köstliche Zeit, wenn die ersten Zwetschenkuchen auf dem Tische stehen! M. C. NSDAP. - Amt für Bolkswohlfabrt.

Ortsgruppe Giehen-INille.

Am Mittwoch, dem 4. September, findet in der Ortspruppe Gietzen-Mitte durch die NS.-Frauen- schaft die Opferringsammlung (Lebens­mittelsammlung) für die NSV. statt. Es wird ge- gebten, die Lebensmittelspende (Pfundpakete) ab 9 Uhr zur Abholung bereit zu halten.

Heeresfachschulen

für Vermeftunaswesen.

Die bisher den Fahrabteilungen Ponarth, München, Landsberg am Lech und der Abteilung B der Artillerieschule Jüterbog angeschlossenen Heeres- fachschulen für Vermessungswesen sind aufgelöst worden.

An deren Stelle wird mit Wirkung vom 1. Ok­tober 1935 der Heereshandwerkerschule Berlin eine Höhere Technische Wehrmachtslehranstalt für Ver­messungswesen angegliedert.

Diese Schule bezweckt die Ausbildung für den gehobenen mittleren Vermessungsdienst bei den Be-

Die Ehrenzeichen eines Lebensretters.

Kapitän Gchmehls Taten.

Die Ausstellung des Reichsbundes der Lebens­retter im Zeughaus in Berlin ist um bemerkens­werte Schaustücke ergänzt worden: Kapitän und Oberregierungsrat i. R. Karl S ch m e h l, in Gießen geboren, hat den Bitten feiner Freunde Rechnung getragen und die Urkunden über feine Leistungen und feine Ordensschnalle zur Verfügung gestellt. Denn Kapitän Schmehl, der Mann, der im Laufe seines abenteuerreichen Lebens nicht weniger als acht Menschen dem sicheren Tode in den Flu­ten entriß, ist als Lebensretter ebenso bekannt wie als Seemann. Kaum acht Jahre zählte er, als er einen Freund aus der Lahn rettete. Und noch als Sechzigjähriger holte Schmehl ein junges Mädchen bei schwerem Sturm und hoher Brandung aus der Ostsee. Im Roten Meer, in Westindien, in der Newa gewann sein opferfroher Einsatzmut durch die Errettung bedrohter Menschen den Sieg über den Tod.

Der Mann, der dreiunddreißig Jahre zur See fuhr und als Oberregierungsrat des Reichswehr­ministeriums im vorigen Jahre von fünfzigjähriger Arbeit im Dienst der deutschen Seefahrt schied, hat jeden Erdteil besucht. Im Hafen von Bombay war es, als er im Jahre 1903 eine Rettungstat voll­brachte, wie sie mutiger kein Held vollbringen kann. Der Hansa-DampferOckenfels" war in Brand geraten, schon drohte das Feuer die aus 2000 Kisten Dynamit, 620 000 Dynamitzündern und Spiritusfässern bestehende Schiffsladung zur Explosion zu bringen, schon war nicht bloß die Besatzung, sondern sogar die Bevölkerung des ganzen Bombayer Hafenviertels in größter Gefahr, als der Erste Offizier Schmehl unter Einsatz seines Lebens das Feuer zum Ersticken brachte. Er erlitt schwere Brandwunden. Der Kaiser ließ ihm den Roten Adlerorden überreichen, und der Name Schmehl wurde berühmt in aller Welt. Noch heute, wenn der rastlos tätige Mann wieder und wieder das Vortragspult besteigt, um von den Fahrten des HilfskreuzersWölf" zu berichten, kommen die Gäste von weit her, diesem Seebären von echtem Schrot und Korn zu lauschen. Hilfs­kreuzerWolf", auf dem Schmehl alsErster"

Dienst tat, ist nämlich jenes Schiff, dessen aben­teuerliche Kaperfahrten im Kriege die ganze Welt in Erstaunen versetzten. Oft totgesagt und stets zu neuen Taten bereit, drang HilfskreuzerWolf" in fünfzehnmonatiger Fahrt bis an die Küste Chinas vor. Ein Zeugnis hohen Heldensinns, das den Namen des Seemanns und Lebensretters Schmehl, wie die Namen feiner Kameraden in den Annalen der deutschen Geschichte festhalten wird.

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Hörden des Reiches, der Länder und der Gemein­den, sowie bei den Körperschaften des öffentlichen Rechts. Der Unterricht wird im 12. Dienstjahr er­teilt und schließt mit der Abschlußprüfung II, die beim Eintritt in die Laufbahnen des gehobenen mittleren Vermessungsdienstes die Vorprüfung ge­mäß § 27 der Anstellungsgrundsätze ersetzt.

Denjenigen Schülern, welche diese Prüfung nicht bestehen, kann bei entsprechenden Kenntnissen das Zeugnis der Abschlußprüfung I der Heeresfachschule für Gewerbe und Technik ausgehändigt werden.

Als Schüler eignen sich in erster Linie Soldaten, die entweder vor dem Eintritt in den Heeresdienst in vermessungstechnischen oder ähnlichen Berufen tätig waren, oder während ihrer militärischen Dienstzeit im Truppenvermessungsdienst ausgebil­det wurden. Grundsätzlich steht aber auch jedem anderen Soldaten der Zutritt zu der Ausbildung offen. Hinreichende Kenntnisse in Mathematik und entsprechende Fähigkeiten im Zeichnen sind erfor­derlich.

Die Möglichkeiten des Unterkommens in Lauf­bahnen des gehobenen mittleren Vermessungsdien­stes sind gut.

Die militärische Schweigepflicht

Der Referent im Reichskriegsministerium Geh. Kriegsrat Ministerialrat a. D. Dr. W a g n e r äußert sich in derDeutschen Juristenzeitung" über die dienstliche Verschwiegenheit im Wehrrecht. Er be­tont vor allem, daß das Wehrgesetz nicht nur den Angehörigen der Wehrmacht, sondern auch denen des Beurlaubtenstandes die Pflicht der Verschwiegen­heit in dienstlichen Angelegenheiten, die der Geheim­

haltung unterliegen, ausdrücklich auferlege. Die Wehrpflicht liegt nun nicht etwa erst in der Ein­berufung, sondern sie erfaßt jeden deutschen Mann mit der Vollendung des 18. Lebensjahres. Denn jeder Deutsche gehört vom ersten Tage seines 19. Lebens­jahres an der Ersatzreserve an. Es ist notwendig, diese Tatsache allen Wehrpflichtigen nachdrücklich vor Augen zu führen.

An die weibliche Bevölkerung Oberhessens.

Am Dienstag, 3. September, von 18.40 bis 19 Uhr, findet über den Deutschlandsender eine Repor­tage aus der Reichsluftschutzschule zu BerlinDie Frau im L u f t s ch u tz" .statt.

Für jede deutsche Frau, die ihr Vaterland und ihre Angehörigen liebt, ist es eine Selbstverständ­lichkeit, daß sie sich mit der Luftschutzfrage befaßt. Diese Sendung ist besonders geeignet, ihr Wissens­wertes über ihre Aufgaben im Luftschutz zu ver­mitteln. Keine deutsche Frau darf sich diese Gelegen­heit entgehen lassen.

Reichsluftschußbund, Bezirksgruppe Oberhessen.

Oer Dank des BDM

Der BDM, Obergau 13 Hessen-Nassau, teilt mit: Wir danken hiermit noch einmal allen Volksge­nossen und Eltern, die uns bei der Durchführung unseres BDM.-Sporttages geholfen und die uns durch den Besuch unserer Veranstaltung ihre Ver­bundenheit mit der deutschen Jugend gezeigt haben. Ebenfalls danken wir den Vertretern der Partei, der Wehrmacht und der Behörden, daß sie diesen!

Tag mit uns verlebten, um einen Teil unserer Str­beit kennenzulernen. Wir wollen durch straffe Win­terarbeit und frohen Einsatz zu unferm Werk die- fen Dank in die Tat umfetzen.

Wir wollen Zukunst des Staates werden....

Eltern und Mädels!

Wir haben euch am Sonntag einen Teil unserer Arbeit gezeigt, ihr habt an diesem Tage euch selbst überzeugen können, mit welch freudiger Bereitschaft der BDM. und die Jungmädel in ihrer jungen Ge­meinschaft stehen, ihr habt gesehen, wie froh und ge­sund unsere Mädel sind, aber auch wie ernst, wenn es heißt, sich einzusetzen für das Werk, dem jeder echte Deutsche dienen muß und soll. Eltern, dieser Tag hat euch zeigen sollen, daß unser Mädel- und Jung- mäbeltum keine Spielerei ist, und euch Mädel, die ihr noch nicht in unseren Reihen steht, sollte der Sporttag wach und aufmerksam machen und euch noch einmal die Worte des Führers ins Gedächtnis rufen: Wir wollen einst ein Reich sehen und ihr sollt euch dazu erziehen in einer Organisation.

Wir Jungmädel aus Hessen-Nassau führen jetzt in unserem Obergau eine große Werbeaktion durch. Wir wollen während dieser Zeit den Eltern und den Mädeln, die noch nicht zu uns gehören, Gelegen­heit geben, unser Jungmädelsein und unsere Jüng- mädelarbeit kennenzulernen, der Sporttag am Sonntag war der Auftakt dazu. Eltern und Mädel, kommt und erlebt einen Heimnachmittag und einen Staatsjugendtag mit uns, laßt euch von unserer frohen Arbeit überzeugen. Mädel, auch ihr müßt erkennen, daß ihr au uns gehört. Eltern, habt Ver­trauen zu unserer Arbeit, wir wollen euch nicht ent­täuschen, wir wollen in unserer Gemeinschaft zu gesunden, stolzen Menschen aufwachsen, wir wollen nicht davon reden, daß wir die Zukunft unseres Staates sind, wir wollen danach handeln und es in Wirklichkeit werden. Eltern und Mädel, Jungmädel rufen und werben, hört uns!

Bezirksverein Gießen-Land des NSLB.

Wie jedes Jahr, so wurden auch heuer die Ar­beitstagungen des N SLB., Bezirks gruppe Giehen-Land, durch eine gesellige Familien­zusammenkunft angenehm unterbrochen. Die Mit­glieder waren mit ihren Familien recht zahlreich auf derKarlsruhe", wo diesmal die Zusammen­kunft stattfand, erschienen. Der Obmann der Be- zirksbruppe, Rektor Siegfried (Grohen-Linden), begrüßte die Gäste und Mitglieder und betonte den Wert solcher Zusammenkünfte, an denen die Lehrer einmal von ihrer aufreibenden Tättgkeit Luft schöpfen und im Beisein von befreundeten Familien sich ausspannen könnten. Er hob besonders hervor, daß die Lehrerschaft mit dazu beitragen müsse, daß in unserer Jugend der Gemeinschaftsgeist, die Kameradschaftlichkeit, aufs innigste gepflegt werden müßte. So sollten auch diese Stunden der Unter­haltung eine Feier der Verbundenheit der Lehrer mit Frau und Kindern sein. Zum Schlüsse seiner Ausführungen gedachte er unseres Führers und brachte ein dreifaches Siegheil aus, in das die Ver­sammelten begeistert einftimmten. Nur allzu rasch verliefen bann bei Kaffee unb Zwetschenkuchen bi« Stunden. Zur Unterhaltung fang Herr Kraus» h aar (Heuchelheim) mit gut geschulter Tenorstimme einige Lieber, die starken Beifall fanben. Er würbe oon Musiklehrer Blaß (Gießen) begleitet. Außer­dem wurden mundartliche Gedichte des oberhessi­schen Dichters Georg Heß von seiner Tochter, Frl. Heß, oorgehragen. Sie erweckten viel Heiterkeit und fanden ebenfalls viel Beifall, ebenso ein Ge­dicht von Fuchs, Dorgetragen von Rektor Sieg­fried. Zwischendurch wurden Volkslieder gemein­sam gesungen und getanzt. Die Kinder kamen auf derKarlsruhe" besonders zu ihrem Recht, denn in dem großen Spielaarten fanden sie alles, was ihr Herz begehrte, und als dann noch das Wurst- schnappen dazu kam, kannte die Freude keine Gren­zen mehr. Auch der Himmel hatte ein Einsehen und gab das schönste Wetter zu dieser Fannlienzusam-

Sherlock Holmes" Geburt

Don I. Mayne.

to<2Im nächsten Morgen nach dem geheimnisvollen Vorfall trafen sich mehrere Studenten, darunter auch Conan Doyle, im Zimmer emes Kollegen um alle Möglichkeiten einer Losung des Rätsels zu erörtern. Conan Doyle lernte bet dieser Gelegenheit den Studenten Henry Clinton kennen, einen

An der Universität Cambridge wurde vor Jahr­zehnten ein neuer Student immatrikuliert. Sein Name war Conan Doyle. Am Morgen nach der Ankunft des Studenten in Cambridge versetzte ein geheimnisvoller Vorfall die ganze Universität in Aufregung. Einer der Studenten, Bob Ruther­ford, hatte, als man ihm das Frühstück auf fein Zimmer braä)tef weder auf Klopfen noch auf Rufe irgendeine Antwort gegeben. Schließlich brach man die verschlossene Tür gewaltsam auf und fand den Studenten tot in feinem Bett, feinen Revolver in der Hand. Auf dem Tisch lag ein unzweifelhaft von Rutherford selbst geschriebener Zettel:Man be­schuldige niemand, ich nehme mir das Leben." Der sogleich herbeigerufene Arzt erklärte, daß der Tod durch einen Lungenschuß eingetreten sei, der eine innere Verblutung zur Folge hatte. Bevor jedoch der Leichenbeschauer die Erlaubnis zur Bestattung erteilte, untersuchte er die Waffe näher und mußte hierbei die aufsehenerregende Feststellung machen, daß sich im Laufe des Revolvers alle sechs Kugeln noch befanden und kein Schuß daraus abgefeuert worden war. Mit Rücksicht auf das Ansehen der Universität unterließ man es zunächst, die Polizei von dieser Entdeckung zu verständigen, in der Hoff­nung, daß der Fall alsbald von selbst eine harmlose Aufklärung finden werde. Diese schien jedoch auf sich warten lassen zu wollen. Es wurde feftgefteüt, daß niemand das Zimmer Rutherfords hatte be­treten oder verlassen können. Tür und Fenster waren verriegelt gewesen, auch gab es in dem Raum keine Falltür, keinen Kamin ober geheimen Gang. Nichts war entwendet worden, es herrschte keine Unordnung im Zimmer und auch die Hand-

christ auf dem Zettel war unbedingt die Ruther- ords. Alles deutete somit auf Selbstmord hin. Da ich aber sämtliche Kugeln im Lauf befanden, konnte jer tödliche Schuß unmöglich aus diesem Revolver abgegeben worden sein. Dabei war in dem ganzen Simmer keine Spur von einer zweiten Waffe zu entdecken. Andererseits war jedoch die Kugel, die die Brust des Studenten durchbohrt hatte und bann in ber Wanb steckengeblieben ist, so abgeplattet, baß ihr Kaliber nicht mehr mit Sicherheit festzustellen

nachbenklichen, jungen Menschen von eckigen, ernst­haften Gesichtszügen, ber nicht viel sprach, bagegen ununterbrochen aus seiner großen Pfeife rauchte. Henry Clinton würbe Doyle von bem gemeinsamen Gastgeber Allan E b w a r b s als besten bester Freunb vorgestellt. Clinton war auf ber ganzen Universität bekannt wegen seines kriminalistischen Scharfsinnes, ber ihn schon oft zum Gelegenheits- bebektiv aus Liebhaberei werben ließ. Man er­wartete baher auch biesmal von Clinton bie Lösung bes Rätsels, bie benn auch nicht auf sich warten ließ.Der Fall Rutherforb", sagte Clinton lächelnd, ist ein zu vollkommenes Rätsel, als baß es nicht irgendwie gelöst werden könnte. Ich habe in aller Stille meine Nachforschungen angestellt und bin bereits zu einem Ergebnis gekommen." Auf das Drängen der Freunde wies Clinton darauf hin, daß am Morgen des gleichen Tages die Tochter des Professors Jefferson in auffälliger Eile nach Afrika abgereift sei, um dort angeblich einen Posten als Krankenschwester anzunehmen. Clinton hatte bas Mäbchen am Abenb vorher zur Rebe gestellt unb ihr auf ben Kopf zugesagt, baß es bie Morde- rin bes ©tubenten Rutherforb sei. Aus Clintons Untersuchungen war hervorgegangen, baß sich roeber Rutherforb selbst bas Leben genommen haben konnte, noch bas Opfer eines Verbrechers geworben war. Dieser letzteren Möglichkeit widersprachen der hinterlassene Zettel und die verschlossenen Ausgänge. Es gab also nur eine dritte Möglichkeit: Rutherford war von einem Täter zu Tode getroffen worden, den er trotz seines schweren Verschuldens vor Ent­deckung schützen wollte. Da von den Kollegen nie­mand in Betracht kam, konnte es sich nur um ein Liebesabenteuer handeln, zumal Beziehungen zwi­schen Rutherford und der Tochter des Professors bestanden. Miß Jefferson hatte feststellen müssen, daß Rutherfords Gefühle für sie allmählich zu erkalten begannen. Sie hatte ihn daher an dem kritischen Abend zu einer entscheidenden Aussprache in feinem Zimmer aufgesucht. Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung, wobei das Mädchen halb besinnungslos vor Schmerz unb Eifersucht, aus ihrem eigenen mitgebrachten Revolver ben Todesschuß auf Rutherforb abgab. Als Mebiziner war sich biefer barüber klar, baß er nicht mehr lange zu leben hatte. Rutherforb wollte baher bie kurze Spanne Zeit, bie ihm noch befchieben war, bazu benutzen, um bas Mäbchen, bas er vielleicht noch immer liebte, zu retten. Er verschloß bie Türe, schrieb bie Abschiebszeilen unb legte sich mit feinem eigenen Revolver in ber Hanb zu Bett. Der Stubent hatte allerbings vergessen, eine Kugel zur Vervoll- ftänbigung bes Täuschungsmanövers aus bem Magazin zu entfernen. Vielleicht hat ihn auch nur

ber Tod baran gehinbert. Die geschickte Inszenierung mußte jedenfalls die Vermutung eines Selbstmords erwecken.

Conan Doyle war von der raschen, scharf­sinnigen Aufklärung des geheimnisvollen Falles durch einen Kameraden so begeistert, daß er be­schloß, nach Clintons Vorbild einen Meisterdedektiv zu schildern, der der Held einer Reihe von Kriminal­geschichten werden sollte. Als die drei Freunde am Abend des gleichen Tages noch an einer großen Music-Hall vorbeigingen, fragte Conan Doyle den jungen Amctteurdedektiv:Und welchen Namen soll ich dir geben?"Den da", sagte Henry Clinton leichthin und wies dabei auf ein Riesenplakat an der Music-Hall:

Sherlock

Zauberkünstler

Holmes Rechenkünstler

Und so geschah es auch. Allan Edwards aber ging als Dr. Watson, der Freund und Gehilfe Sherlock Holmes, in die Literatur ein. Aus der Vereinigung der beiden Namen des Zauber- und Rechenkünstlers erwuchs die typische Gestalt des Meisterdetektivs Sherlock Holmes und schlug in den Werken Conan Doyles die Volker des ganzen Erdballs in ihren Bann.

Besuch am Abend "

Der Titel klingt so, als ob man sich auf eine kriminalistische Angelegenheit gefaßt machen müßte; es stellt sich aber heraus, daß es sich um ein etwas in die Länge gezogenes Lustspiel handelt mit Musik, mit stellenweise ausgesprochen schwankhaftem Einschlag, erfunden von B. E. L ü t h g e, in Szene gesetzt von Georg Jacoby, hergestellt von der Patria Film GmbH. Man erlebt, was daraus ent­steht, wenn ein geschworener Junggeselle seine Wohnung wechselt und in bie Räume zieht, wo oorbem ein eleganter Hutsalon betrieben würbe ... weil bas Türschilb biefer Firma noch nicht entfernt ist, finbet eine späte unb ahnungslose Kunbin statt vieler schicker Hüte einen einsamen unb verblüfften Hagestolz vor. Unb aus biejem beiberfeits unver­muteten Besuch am Abenb entwickeln sich nicht bloß bie fatalsten Situationen, fonbern auch bie entschei- benbe Wanblung im Gemüt des Prokuristen Ferne- beck (Tuche engros), der nach vielen Umwegen am Ende die schone und elegante Sängerin Lydia vom Kristallpalast an sein spät entdecktes Herz drückt. Diese Lydia ist Liane Haid, eigentlich Frau Baronin Haimerle aus Wien, fesch, kokett und lie­benswürdig bei Stimme. Ihr Landsmann Hör­

biger macht den pünktlichen, ordentlichen, sitten­strengen und grenzenlos unbeholfenen Jungge­sellen; er kann einem' fast leid tun. Im kleinen En­semble tun sich ferner Harald Pauls en, Jakob T i e d t k e (dem man seine sechzig gar nicht ansieht) und Erika G 1 ä ß n e r hervor. Im Beipro­gramm bringt bas Lichtspielhaus einen hüb­schen Varietäfilm unb bie neue Ufa-Tonwoche.

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Die Katzen von Thorn.

In ber Festung Thorn gab es früher ein Ar» tilleriebepot unb ein Proviantamt. Beiden war zur Steuerung ber Mäuseplage bas Halten von Katzen gestattet, bie mit militärischer Pünktlichkeit jeben Morgen Milch erhielten. Vierteljährlich reichte jeder Aufseher bie Milchrechnung ein.

Eines Tages kam im Artilleriebepot eine Anfrage ber Oberrechnungskammer an:

Es ist anzugeben, warum bie Katzen bes Ar- tilleriebepots im letzten Quartal für zwei Mark mehr Milch verzehrten als bie bes Proviantamtes!"

Der Zeugfelbwebel berichtete:

Die Katzen des Artilleriedepvts ernähren sich außer von Milch auch von Mäusen; diese aber fristen von den Lederabfällen und Pappresten des Depots ein kümmerliches Dasein. Dagegen ernähren sich die Katzen des Proviantamts von den Mäusen des Pro­viantamts. Diese Mäuse finden eine sehr kräftige und fette Nahrung in den Speisevorräten des Amts. Demnach brauchen die dort befindlichen Katzen be­deutend weniger Milch als die Depotkatzen." O. Q.

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. Willi Hoppe, Extraordinarius für Geschichte an der Universität Berlin, ist zum ordentlichen Professor in Berlin ernannt worden. Sein Spezialgebiet ist ostdeutsche und märkische Ge­schichte. 1933 trat er an die Spitze des Gesamtver­eins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine.

Professor Dr. Schultze von Lasaulx, Ordi­narius für Rechtsgeschichte. Bürgerliches Recht, Handels- und Kirchenrecht an der Universität R o - ft o cf, erhielt einen Ruf als Nachfolger von Geh. Rat Professor Dr. Rudolf Hübner an die Uni­versität Jena.

Professor Dr. Wilhelm H e d e m a n n , Ordina* rius für Römisches, Bürgerliches und Wirtschafts, recht an der Universität Jena, hat einen Ruf in gleicher Eigenschaft an die Universität Leipzig erhalten. u