Nr. 205 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefjen) Dienstag, 3. September (035
Prag und Moskau.
Was Außenminister Benefch übersieht....
Don unserem ^..Mitarbeiter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Prag, 28. August.
Der Besuch sowjetrussischer Flieger und die Abordnung hoher Sowjetoffiziere zu den tschechoslowakischen Manöoern hat die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf die merkwürdige Wandlung gelenkt, welche die Außen- und Innenpolitik der Tschechoslowakei nicht nur gegenüber dem Sowjetstaat, sondern auch gegenüber dem Kommunismus durchgemacht hat.
Am Anzing dieser Beziehungen standen Haß, Blut und Krieg. Als sich die tschechischen Legionen — entgegen dem Befehl der Roten Armeeleitung - mit den Waffen in der Hand längs der sibirischen Eisenbahn zum Ruckzug nach Osten entschlossen, gerieten sie 1919 in einen offenen Krieg mit den Sowietrussen, die ihre Abreise mit allen Mitteln zu verhindern trachteten. In der tschechischen Wclt- kriegsliteratur bot diese „Anabasis" ebenso viel An- laß zur Verherrlichung tschechischer Heldentaten auf diesem Ruckzug, wie zur Verurteilung des roten Blutdurstes und der roten Grausamkeit. Umgekehrt wußte die kommunistische Literatur nur etwas von tschechischen Räuberbanden zu berichten, die auf ihrem Rückzug plünderten und Mitnahmen, was sie konnten, wenigstens nach den roten Berichten.
Der jungen tschechoslowakischen Republik wurden auf Befehl Moskaus so- viel Schwierigkeiten als möglich bereitet. Die Sozialdemokratie wurde gespaltene eine kommunistische Partei entstand, die offen staatsfeindlich auftrat, bei jeder Gelegenheit mit den Staatsbehörden in Streit kam. die Parolen Moskaus von der proletarischen Revolution, der Einrichtung einer Rätediktatur und des Rechtes der Minderheiten auf Selbstbestimmung bis zur Los- reißung derselben von der Tschechoslowakei übernahm, die Zersetzung und revolutionäre Gesinnung in die Armee trug und in allen Rüstunasindustrien der Tschechoslowakei die Spionage für Sowjetrußland zu einem wohlausgebauten System machte. Roch vor Jahresfrist gab es daher Verhaftungen über Verhaftungen von Kommunisten, fortwährende Hochverratsprozesse, in die sogar Abgeordnete der Kommunisten verwickelt waren. Bei der letzten Wahl Masaryks zum Staatspräsidenten schrien die Kommunisten ..Stalin, nicht M a s a r y k", und bei einer Haussuchung im „Parlamentarischen Klub" der Kommunisten wurden Flugblätter gefunden, die offen zum M i - der st and mit der Waffe aufforderten. Führer der tschechischen Kommunisten flüchteten und wurden mit Steckbriefen verfolgt. Einer von ihnen, Gottwald, ist auf dem letzten Rätekongreß in Moskau als Redner wieder aufgetaucht. Damals schien es nur eine Frage der Zeit, wann die kommunistische Partei der Tschechoslowakei von den Staatsbehörden aufgelöst werden würde...
Welcher Wandel der Dinge! Seither hat die Tschechoslowakei nicht nur die diplomatischen Beziehungen zu Sowsetru^land wieder ausgenommen. sondern — im Einklang mit der französischen Politik — sogar einen 5) i lf e l e i st u n qs- pakt. in Wirklichkeit ein Militärbündnis, mit Somietrußland abgeschlossen. Der tschechoslowakische Außenminister Dr. B e n e s ch ist norh Moskau gefahren und wurde dort als treuer Bundesgenosse gefeiert, umgekehrt wurden die sowjetrussischen Flieger und Offiziere von den Spitzen der
tschechoslowakisches Militär- und Zivilbehörde mit Festbanketten und Ansprachen geehrt, als ob man lm Weltkrieg Schulter an Schulter gefochten hätte! Plkanterweise konnte man durch die offenen Fenster der Prunksäle, in denen diese Verbrüderung stattfand, von der Prager Straße die Hochrufe auf Sowjetrußland hören. Während früher das Singens der Internationale verboten war und die Sänger mit Gummiknüppeln auseinandergetrieben wurden, war die Polizei diesmal fast versucht, dabei stramm zu stehen. Während noch die wegen Spionage verurteilten Arbeiter im Kerker sitzen, führten tschechische Generale die Sowjetoffiziere diesmal selbst bis in die geheim st en Abteilungen der Skoda- werke!
Diese Wendung hat vielerlei Ursachen, psychologischer sowohl als auch taktisch-politischer Natur. Hier wie dort. Sie wäre unmöglich gewesen, wenn der heutige Kommunismus in Ru-ßland nicht eine gewisse Neigung dazu bekommen hätte, das alte panslawistische Protektorat des Zarentums über alle slawischen Völker der Erde zu übernehmen, und wenn es in der Tschechoslowakei nicht gelungen wäre, die Ideologie des alten Tschechenfllhrers Kramarsch zu überwinden, welcher eine Erneuerung des Panslawismus solange für unmöglich erklärte, als in Rußland die „b l u t r ü n st i g e n Henker des armen, geknechteten russischen Volke s" am Ruder seien. Solange, wurde ihm von der Linken geantwortet, könne man nicht warten. Der Kassandrafluch, den Dr. K r a m a r s ch daraufhin über all jene aussprach, die das Slawentum durch solche Zusammenarbeit verraten hätten, verhallte. Bei den Tschechen überwog die alte A n g st p s y ch o s e , die — ganz unbegründet — nur einen Feind auf der Welt kennt, den D e u t- s ch e n, der stets bereit sei, über die arme Tschechoslowakei herzufaNen und die Tschechen im pangermanistischen Meere ertrinken zu lassen. Die Tschechen glauben, daß nur der feste Zusammenschluß aller deutsch-feindlichen Staaten sie vor dem Untergang retten könne. Sie glauben, wie auch aus den Festreden bei den sowjetrussischen Besuchen zu hören war, daß nur Bündnisse, sei es mit wem immer, den Frieden sichern könnten, der nach ihrer Meinung von den Deutschen bedroht wäre. Ob die Tschechoslowakei nicht umgekehrt durch ihre Bindung an jene Macht, die — der letzte Komin- t e r n k o n g r e ß hat es gezeigt — den Plan der Weltrevolution mit allen Mitteln weiter- verfolqt, den in Moskau gehegten Eroberungsplänen neue Nahrung gegeben und gerade dadurch den Frieden gefährdet hat, kann erst die Zukunft lehren. Kluge Tschechen befürchten, daß eine zuhilfe gerufene Sowjetarmee zwar in die Tschechoslowakei ein-, aber nicht mehr ausmarschieren wird. In einem Prager Regierungsblatt war vor kurzem zu lesen, daß sich nach einem solchen Ereignis der Himmel über die Tschechoslowakei nicht mehr blan-weiß-rot. sondern v urpurrot färben werde. Das hat allerdings alle Wahrscheinlichkeiten für sich.
Aber Dr. B e n e s ch sieht alle diese Gefahren nicht. Er will seinen Staat. den niemand bedroht, retten. Er glaubt, daß das nur möglich ist. wenn er und seine Richtung auch für die Zukunft die ganze Macht im Innern des Staates ausüben
können. Er will Nachfolger Masaryks als Staatspräsident werden. Das ist offenes Geheimnis. Seine Gegner sind vor allen Dingen die tschechischen Agrarier, aus natürlichen Gründen die schärfsten Gegner kommunistischer Theorien und der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei. Dr. B e n e s ch machte daher den Versuch, die in Frankreich zur Tat gewordene sog. „Einheitsfront" aller marxistischen Parteien auch in der Tschechoslowakei aufzurichten. Auch dazu soll ihm Moskau helfen. Die auf dem Kominternkongreß gepredigte These, die Kommunisten müßten in allen Ländern die bürgerlich-demokratische Regierung unterstützen, wenn sie nur zum Kampf gegen den Faschismus und den „Hit- l e r i s m u s" bereit wäre, bietet ihm dazu eine willkommene Handhabe.
Das Spiel mit dem Kommunismus ist ein Spiel mit dem doppelten Boden. Dahinter steht die Gewißheit, daß der Kommunismus die Maske des demokratischen Kostgängers abwirft, wenn ihm der Zeitpunkt dazu geeignet erscheint, um das Gesicht des revolutionären Wolfe s zu zeigen, der mit Wollust jene Demokratie
zereißt, die ihn auf solche Weise großgezogen hat. Ob der Kommunismus sich daran von einem Staatspräsidenten Dr. Benesch hindern lassen wird, wenn er wirklich einmal mit seinen Stimmen dieses Amt erreicht haben sollte, ist mindestens - fraglich. Die Idee der bolschewistischen Weltrevolution und roten Diktatur ist keine Theorie, die man ungestraft zu taktischen Manöoern verwenden darf! Die Geschichte kennt keine Kompromisse mit solchen Ideen, sondern nur Entscheidungen, die mit Sieg oder Tod des einen oder des anderen Teils enden.
Vielleicht werden auch ehrliche Tschechen eines Tages Deutschland dafür dankbar sein, daß es sich mit allen Kräften und unter Aufopferung seiner selbst wieder einmal zur Rettung der wirklichen abendländischen Kultur gegen ostische Barbarei eingesetzt hat. Dr. Benesch hat in einer seiner letzten Reden neuerlich davon gesprochen, daß die Tschechoslowakei ein „Bollwerk der Demokratie in Mitteleuropa" sei. Die rote Hilfe ist nach allen Erfahrungen keine Bürgschaft für die Erhaltung dieser Staatsform und des Staates.
Oper und Konzerte in Berlin.
Vorschau auf den reichshauptstädtischen Musikwinter.
Das Berliner Musikleben wird auch im kommenden Winter durch seine beiden ständigen Merkmale gekennzeichnet: ein Ueberangebot an musikalischen Darbietungen aller Art und einen starken Konservativismus in der Auswahl der Werke. Der Idealzustand, daß die lebenden Schöpfer ihre Kunstwerke einem aufgeschlossenen Publikum darbieten können, ist in Berlin fast schwieriger zu verwirklichen als in Prooinzstädten mit einer begeisterten Musikgemeinde.
Der Spiel plan der Staatsoper ist für diese Tendenz kennzeichnend. Das Institut hat sich mit einer Garde erster Sänger und Aufführungen von beispielloser Höhe in den letzten Jahren an die Spitze aller deutschen Opernbühnen gesetzt. Diese Führung kann der Berliner Staatsoper jedoch nur in reproduktiver Hinsicht zugestanden werden. Von den erfolgreichen und wertvollen neuen Opern, die die letzte Spielzeit ans Licht gezogen hat, ist, außer dem „Prinzen von Homburg" von Paul G r a e n e r, keine einzige an der Berliner Staatsoper aus der Taufe gehoben worden. Nachdem die „Provinz" die Kastanien für einige junge Komponisten aus dem Feuer geholt hat, wird nun auch die Staatsoper mit der Erstausführung der „Zaubergeige" von Werner E g k der jungen zeitgenössischen Komponistengeneration ihren Tribut darbringen. Im übrigen sieht der Spielplan die deutsche Uraufführung von Ottorino R e s p i g h i s Oper „Die Flamme" vor, und auch „Die schweigsame Frau" von Richard Strauß scheint in der Staatsoper aufgeführt zu werden, obgleich das offizielle Programm sie noch nicht nennt.
Von diesen wenigen Ausnahmen abgesehen, betrachtet es die Leitung der Staatsoper als ihre Hauptaufgabe, einen möglichst reichhaltigen Spielplan aus allen Epochen der deutschen Opernliteratur mit den Standardwerken des Repertoires zu pflegen. Drei Namen werden durch zyklische Einstudierungen und Aufführungen besonders hervortreten: die Erneuerung des gesamten Lebenswerkes Richard Wagners wird mit dem „Tristan" fortgesetzt, Richard Strauß ist bereits mit Der Mehrzahl feiner Opern vertreten, „Die Frau ohne Schatten" soll den Kranz der Strauß-Neu-
| inszenierungen schließen. Einen P f i tz n e r vermißt | man freilich noch immer in den Ankündigungen der Staatsoper. Mit der Neuaufführung mehrerer Opern von Mozart wird eine alte Schuld gegenüber dem größten Dramatiker der deutschen Musikbühne endlich eingelöst werden. — Durch den Abgang Erich Kleibers und die starke Bindung des Staatskapellmeisters Robert Heger an das Staatstheater Kassel ist die Verpflichtung zweier neuen Kapellmeister erforderlich geworden. Hans S w a r o w s k y und Wolfgang Martin sind zwar noch jung an Jahren, ihnen geht jedoch ein guter Ruf voraus.
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Das Deutsche Opernhaus fällt für die neue Spielzeit die ersten Monate aus. Ein völliger Umbau des Hauses wird Mitte November beendet fein. Die „M eiftersinger von Nürnberg" werden dann den Beginn der Spielzeit einleiten und eine vollständige Ring- Inszenierung soll unmittelbar folgen.
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Das dritte Opernhaus Berlins, die Deutschs Volksoper im Theater des Westens hat eine wesentliche Verbreiterung ihrer Grundlagen erfahren. In der vergangenen Spielzeit als Opernbühne der NSG. „Kraft durch Freude" gegründet, wird dieses Unternehmen von nun an ebenso wie das „Theater des Volkes" vom Reichspropaganda-Ministerium und der Deutschen Arbeitsfront finanziell getragen werden und den Mitgliedern der NSG. „Kraft durch Freude" volkstümliche Opern bieten. Unter der verantwortlichen Führung feines neuen Intendanten, Generalmusikdirektor Erich Orthmann, ist ein vollständiges Opernensemble verpflichtet worden, so daß alle Fächer mehrfach besetzt werden können. Das Orchester ist ebenfalls auf volle Operngröße gebracht worden und der Spielplan wird keme geringen Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Deutschen Volksoper stellen. In neunmonatiger Spielzeit werden zehn Opern aufgeführt werden, jedoch sind keine Serien, sondern ein wechselnder Spielplan beabsichtigt. „Fidelio", „Freischütz," „Toska", „Wildschütz", '„Tann- Häuser", „Maskenball", „Figaros Hochzeit", „Boris Godunow", und „Tiefland" ober „Mona Lisa" werden den Mitgliedern der DAF. für den E i n h e i t s-
Oer verlorene Ton.
Erzählung von Zohann Otto Bringezu.
In den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts hatte der Name des schönen Taunusbades Homburg vor der Höhe einen hellen und lauten Klang. Nicht, daß es ihn heute verloren hätte; aber damals, als im Kursaal noch die Spieltische standen, als auf der Luisenstrahe und in der Kurpromenade die Vierer-Gespanne keine Seltenheit waren, und in der Saison die Turbane und Feze vor den Quellen die jüngsten Homburger kaum noch sonderlich in Erstaunen versetzen konnten: Damals verstand man unter dem Klang weniger das sanfte Geplätscher der heilbringenden Quellen und das milde Rauschen der reinen Luft in den alten Wäldern, (die jenen anderen Klang, von dem jetzt gesprochen werden soll, bis heute überlebt haben,) sondern eher das heimliche Klingen der heimlichen Kronen, das für die Ohren der Homburger heimlich unter den schlichten Filzhüten ober feierlichen Zylinbern ber Könige unb anberer souveräner Fürsten zu hören war, wenn sie auf ber Kurpromenade lustwandelten, ober bei festlichen Gelegenheiten im bunt durchleuchteten Kurpark die Ehrenplätze zierten.
In jenen Jahren war es — von welcher Ursache her wußte niemand recht zu sagen — bei dem Ersten Homburger Männergesangverein Brauch geworden, den neu ankommenden Gästen, sofern sie ein Land ober auch nur ein Länbchen regierten, am zweiten Morgen ihres Verweilens in Hornburg ein Stänbchen zu bringen. Man versammelte sich unauffällig (aber dach so, daß es dem Hofmarschall ober zumindest bem ßeibbiener ber betreffenben Majestät, Hoheit ober Durchlaucht nicht verborgen bleiben konnte) in dem Gartenhofe des Park-Hotels, in bem bie bebeutenben Gäste ein für alle Male abzusteigen pflegten; wie es sich geziemt in Gehrock und Zylinber, unb erfüllte feine vaterstabtlsche Pflicht mit ber Hingabe unb ber inneren Anteilnahme, bie bes hohen Besuches unb ber Würbe bes Vereins angemessen war. Auch ber Würbe bes Vereins; benn — wie aus bem Namen „Erster Homburger Männergesangverein" schon hervorgeht — bem Verein gehörten als Mitglieber nur die Honoratioren des Städtchens an; ehrenhalber, wenn sie die hohen Beiträge bezahlen, aktiv, wenn sie be- zahlen und fingen konnten. Und es war an jedem solcher festlichen Tage ein feierlicher Anblick, den Chor der schwarzgekleideten, breitbruftigen unb auch sonst chohlgefüllten, meist vollbärtigen Herren zu sehen, bie nicht nur ben Chor ber Musen, sondern auch die Wohlhabenheit ber Stabt reprafen- fierten. Ihren Mitbürgern und den besungenen Herren ein,' in allem wahlgesalliger änblitf.
Sa haft« man sich auch am zweiten Tage nach der Ankunat Eduards VII. öon England zu gewöhn- tem Branche im Garten des Park-Hotels den. Im, Hinblick auf dw besonders 3adtenreirf)e «tone des neuen Safte», vielleicht mit einem etwa«
höheren Grabe von Feierlichkeit, mit etwas höher gewölbten Hembbrüsten unb etwas glänzenber gebürsteten Zylinbern als sonst. Jebenfalls machte es fo ben Einbruck bei bem jüngsten Mitgliebe bes Vereins, bem Metzgermeister Georg Molbenhauer, ber nicht nur über ein blühenbes Geschäft, eine blühenbe Gefunbheit unb über bie blühenbe Aussicht auf eine balbige Verlobung mit Henriette, ber einzigen Tochter bes Chefkochs unb Hoftraiteurs im Park-Hotel verfügte, fonbern auch über ben blü- henbsten Tenor, ber je bem Verein angehörte. Dennoch hatte er es heute mit feiner besonderen Pro- perität nicht etwa barauf abgesehen, bem König von Englanb Einbruck zu machen. Es muß sogar gesagt werben, baß er im letzten Grunbe ben erlauchten Herrn nur als Mittel zum Zweck ansah, zu einem Zweck, ber seinem allerpersönlichsten Interesse bienen sollte. Denn nachbem er, wie er. glaubte, mit seinem schönen Tenor nicht nur bem Uhre bes Königs unb nicht nur bem Herzen seiner Henriette, fonbern auch dem Stolz bes ChefLochs geschmeichelt hätte, wollte er biefen letzten, ihm sonst ein wenig abgeneigten Stolz schmieben, solange er noch von seiner Stimme erweicht war, also sogleich nach bem Stänbchen bei bem Herrn Hoftraiteur um bie Hand feiner Tochter anhalten.
Man war bereit; bas letzte Räuspern verklang; mit Vergnügen sah ber wackere Chor bie Fenster bes Hotels rings besetzt unb auch hinter ben Gar- binen bes königlichen Schlafzimmers glaubte ein befonbers scharfsichtiger Bariton bie Umrisse bes königlichen Gastes ober sonst boch seines ßeibbieners zu erkennen. Mit Vergnügen sah auch Georg, ber Tenor, seine Henriette mit ihrem Vater am Küchenfenster stehen, ben zierlichen Kops wie eine Kennerin leicyt gegen bie Schulter hin geneigt, inbessen ber Vater voll Erwartung seinen Napoleonsbart zwirbelte. Man war bereit, aber es geschah nichts. Denn noch fehlte ber Dirigent, unb als er, wegen feiner Körperfülle ein wenig atemlos, aber doch noch mit dem Glockenfchlage pünktlich vor feine Sänger trat unb mit gewohntem Griff aus feiner Westentasche bie Stimmgabel ziehen wollte, ba geschah auch jetzt noch nichts, ober vielmehr, es konnte nichts geschehen, weil bie Hanb leer zurückkam unb alles Greifen in bie anberen Taschen sich als ebenso ergebnislos erwies. Die Stimmgabel war fort unb Die Stimmpfeife auch unb wenn es einer wußte, wohin bie beiben wichtigen Dirigenten- hanbwerkszeuge gekommen waren, fo brauchte man nur ben Schneiberzunftmeister Haeberlein anzusehen, bem ber Schreck bas fröhliche Weingesicht, bas ebenso wenig wie sein grollenber Bah zu seinem zarten Beruf zu passen schien, jäh erblassen ließ. Ja, e r wußte es, baß sie baheim in Der Fensterbank neben bem Schneibertisch lagen, auf bem er noch gestern bem guten Freunde einen Keil in bie Festweste gesetzt hatte, weil sie seit bem letzten Stänbchen schon roieber um gut zwei Zoll zu eng geworden war.
Aber zugleich mit bem Schrecken kam ihm ber rtttenbt (Bebantti »Der Schorsch soll den Ton
holen", flüsterte er, vor Eifer heiser, bem gequälten Dirigenten zu unb: „Ja, Schorsch, lauf' was bu kannst unb hol' ben Ton aus bem Musiksaal, wo ber Flügel steht. Aber eil' biet), eil' bich, ber König wartet schon", flüsterte der in ber Aufregung fo laut, daß es aus allen Winkeln widerhallte. Das letzte „eil' dich" traf nur noch die langen Gehrockschöße des verliebten Meisters, der, von der Wichtigkeit dieses Amtes überzeugt, wie ein Junge ba- vongeschosfen war, bem ber Flurschütz auf ben Hacken ist; sehr zum Erstaunen bes Hoftraiteurs unb seiner musikalischen Tochter, bie sich ben Vorgang nicht recht erklären konnten, „im Angesichte Seiner Majestät" wie ber zwickelbärtige Herr mißbilligend murmelte. Aber dies hörte der eilende Georg nicht; er lief über Treppen und durch Gänge, kreuzte den Speisesaal und ließ im Lesezimmer die Zeitungen flatternd auffahren, als er an ihnen vorüberflog in bas Musikzimmer hinein, aus bem er ben Ton holen sollte. Nun, er brauchte ihn nicht lange zu suchen: Ein Anschlag, ein Summen hinter geschlossenen Lippen unb flugs mit langen Beinen roieber zurück, burch bas Lesezimmer, bem Speisesaal, über Treppen, burch Gänge, an golbgerahm- ten Spiegeln unb künstlichen Palmen vorbei, beren Webel unwillig hinter ihm breinraschelten: Eil' bich, eil' bich, sie warten schon! Da ging plötzlich vor ihm eine Tür auf unb ein repräfentabler Bauch im weißen Kochkittel, mit einem würdigen Doppelkinn unb einem gewirbelten Knebelbart barüber, trat ihm in ben Weg. „Ei, wohin benn fo schnell, Schorsch? Was hat's benn gegeben? Warum fangt ihr benn nicht an? Wo mußtest bu benn fo eilig hin?" Unb babei hielt eine gleichfalls wohlgenährte, neugierige Hanb ben ßaufenben fo beharrlich am Rockaufschlag fest, baß ein Entschlüpfen nicht möglich war.
Dem braven Meister trieb die Verlegenheit den Schweiß auf die Stirne. „Hmmm", summte er zwischen den krampfhaft geschlossenen Lippen, zuckte bie Achseln und mühte sich dabei, den Griff seines künftigen Schwiegervaters mit mehr Energie als Zärtlichkeit zu lockern. „Hmmm" und es klang, wie wenn ein Brummer an einem geschlossenen Fenster den Ausweg sucht. „Hmmm" und seine Augen nahmen in demselben Maße den Starrblick eines geängstigten Fisches an, wie die des Knebelbärtigen immer erstaunter wurden. „Ei, ei Schorsch hat dir denn der Schreck die Sprache verschlagen, ober ist bir sonst etwas Absonberliches begegnet" unb hierbei schnüffelte ber Alte bem Meister verbachtslüstern um ben Munb herum, „unb bann schon so früh am Morgen an solch einem feierlichen Tage"? „Hmmm" summte es roieber, jetzt aber wie bas Sausen eines gereizten Bienenschwarms, hinter den Lippen des Festgehaltenen, und „Hmmm" — unb babei schüttelte er Kopf unb Schultern — unb „Hmmm" — unb babei brehte er dem Herrn Hoftraiteur in ganz respektwidriger Weise den Aermel um das Handgelenk so fest zusammen, daß der mit einem Schmerzenslaut den Rock fahren lassen mußte. Und J)nunm", fo brauste er davon und —
geradewegs in die Arme Henriettchens hinein, die den einseitigen Dialog ihres Vaters gehört hatte unb sehen wollte, was es mit biefem Selbstgespräch wäre. Unb ehe ber unglücklich-glückliche Meister noch Zeit zu einem neuen „Hmmm" unb neuem Kopf- unb Schulterschütteln hatte, rief sie ihm ein leises: „Eil' bich. Liebster," ins Ohr unb brückte ihm einen raschen resoluten Kuß auf bie feftge- schlossenen Lippen... Unb aus war's mit bem „Hmmm", aus mit bem sorglich gehüteten Ton; vergeblich war bie Eile gewesen, vergeblich bie Stanbhaftigkeit bem rebfeligen Koch gegenüber. Mit offenen Lippen ftanb er ba und suchte unb probierte, aber Ton unb Kuß waren nicht mehr auseinanbergufinben, roeber auf feinen noch auf Henriettes Lippen, bie sich vor Erstaunen über ben seltsamen Bräutigam nun ebenfalls nicht schließen wollten.
Was bann geschah? Eine breitbrüstige, schwarz- berockte Gestalt sprang, nein, jagte bie Treppen unb Gänge, bas Speise-, Lese- unb Musikzimmer entlang, hämmerte einen Schlag auf ben Flügel unb flog, ein riesiger, lautfummenber, schwarzer Käser benfelben Weg zurück. Vorüber an dem erbosten Vater unb der verduzten Tochter, diesmal ohne ein Hindernis zu finden, dem Dirigenten fast in die beschwörend erhobenen Hände hinein. Aber nun boch mit bem Tone, bem gesuchten, verloren gewesenen unb glücklich roiebergefunbenen ...
Als das Ständchen beendet war, kam ein Küchenjunge und brachte dem Meister ein Billett. In dem stand, daß es ein königlicher Hoftraiteur sich nicht antun könne, einem Manne feine Tochter zur Frau zu geben, der offenbar schon am frühen Morgen nicht mehr auf Nüchternheit sähe und der außerdem nicht wisse, daß es sich nicht schicke, seinen künftigen Schwiegervater tätlich anzufallen. Womit ber Herr Hofkoch fein zusammengeschnürtes Hanbaelenk meinte. Dennoch würbe — um in Gesellschaft bes Kochs ein Bilb aus feinem Bereich zu gebrauchen — auch hier nicht so heiß gegessen, wie es gekocht war. Born Küchenjungen erfuhr ber Kellner, vom Kellner ber Oberkellner, vom Oberkellner ber ßeibbiener unb vom ßeibbiener ber König bie Geschichte von bem verlorenen Ton. Unb weil ihm das Ständchen gefallen hatte, die Küche des Kochs ihm gefiel unb Die junge frische Henriette, bie mit verweinten Augen umherging, am meisten von allen breien, würbe balb barauf bem Metzgermeister Georg Molbenhauer anheimgestellt, sich mit ben nötigen ßiefe- rungen um ben Titel eines Königlich Englischen Hoflieferanten zu bewerben. Er hat es sich nicht zweimal sagen lassen unb an bem Tage, an bem er bas Diplom bekam unb über seinem Geschäfte bas golbprunfenbe Wappen mit bem ßöroen und bem Einhorn anbringen ließ: An biefem Tage ging am Morgen bie kleine Henriette wieder mit verweinten Augen umher; aber es waren Freudentränen, die jeder Braut wohl anstehen, und die noch heller glänzten als bie Perlenkette, bie ihr als Geschenk bes „englischen Herrn" vom königlich englischen Hof- marschastamt übersandt worden war.


