Ausgabe 
3.8.1935
 
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tensttaße zum Sahn-Gedenk stein fortgesetzt. Hier sagte

Gauoberturnwart Paul, Gießen, in einer Gedenkansprache an Friedrich Lud­wig Jahn: Wir wollen einen Augenblick eines Mannes gedenken, der von vielen vergessen war und noch von vielen mehr verkannt. Wir wollen des Mannes gedenken mit dem goldenen Herzen und der urdeutschen Gesinnung, dessen Vermächt­nis wir über die Deutsche Turnerschaft in den Reichsbund für Leibesübungen getragen haben. Wir wollen hier, ehe wir zur frohen Arbeit hin­aufgehen, einen Augenblick an den Mann uns er­innern, dem vorgeschwebt haben jene Volksfeste, die wir jetzt im Begriff sind zu begehen und deren Vorboten in den anderen Gauen die Anfänger echter, wahrer, deutscher Volksfeste waren.

Die Feste des Reichsbundes für Leibesübungen sind in dieser Gestaltung nichts Neues, sondern

sie sind die Erfüllung jener heißen Sehnsucht, die unser Friedrich Ludwig Iahn, unser Turn­vater, Im Herzen trug. Seien wir würdig dieses urdeutschen INannes und legen wir dem Reichs­bund für Leibesübungen jene Gedanken zu­grunde, die ihn beseelt haben.

So wollen wir auf dem Wege zu den wahren Volksfesten unseres Turnvaters gedenken, indem wir geloben: Ob wir Turner oder Sportler sind, wir wollen im Geiste Jahns arbeiten zum Wohle Deutschlands, für Volk und Vaterland, und wir wollen den Weg unseres Reichssportführers gehen mit dem Auftrag von Adolf Hitler, die deutschen Leibesübungen zu einigen in einem echt deutschen Bund deutscher Männer und deutscher Frauen. Mit diesem Gelöbnis legte der Redner einen Kranz am Jahn-Gedenkstein nieder.

Dann marschierte der stattliche Zug durch die Kaiserallee zur Volkshalle.

Vegriißungs- und Kameradschastsabend.

In festlicher Gemeinschaft vereinigte dann der Begrüßungs- und Kameradschaftsabend die Turner und Sportler, viele Gäste aus dem Gau, aus Stadt und Land in der mit Hakenkreuzfahnen schön ge­schmückten Volkshalle. Besonders schön war die Bühne hergerichtet worden; der ganze Bühnen­raum war schwarz ausgeschlagen, die Rückwand durch ein Hakenkreuz belebt. Die Volkshalle war gut besetzt.

Unter den vielen Gästen sah man u. a. den Ober­bürgermeister Ritter, der der Veranstaltung von Anfang bis zum Schluß beiwohnte, den Gaubeauf- tragten des Reichssportführers, Meister (Kassel), als Vertreter des Prinzen von Hessen und des NSKK. Kurhessens, Standartenführer Kramer (Kassel), ferner waren die Wehrmacht, SA. und SS. und verschiedene andere Organisationen der Partei vertreten. U. a. war auch der Organisator des Turnfestes in Stuttgart, Dr. Obermeyer (Stuttgart), erschienen.

Der Abend wurde durch schneidige Darbietungen des Musikzuges der SA.-Standarte 116 unter der Stabführung von Musikzugführer Herrmann eingeleitet. Der Bauersche Gesangverein (Chordiri­gent Lehrer Dietrich) sang anschließendSonn­aufgang" von Cornelius, dann brachte der diszipli­nierte Chor noch das mahnendeRun schweige jeder von seinem Leid" (H. Heinrichs) zu Gehör.

Mit großem Interesse folgte man dann dem Auftreten der Gauriege (Leitung: Gaumännerturn- wart Dahms, Bad Wildungen) am Barren. Die Turner L. und H. Herbert, Gießen, S ch ö f f - mann und Setti n. Wieseck, Seth, Großen- Linden, Busch, Fluck und Sieger, Limburg, Adolf Fink, Marburg, und Erich Fink, Kassel, zeigten sich von ihrer besten Seite und machten mit ihren Vorführungen der hohen Schule des Geräte­turnens große Freude. Jede Hebung erntete ver­dienten starken Beifall. Richt weniger großartig waren dann einzelne Leistungen am Reck, die im weiteren Verlaufe des Abends gezeigt wurden. Die Vorführungen bewiesen den hohen Stand des Ge­räteturnens in unserem Gau. Herzlicher Beifall dankte den Turnern.

Oer Leiter des Hauptausschusses A. Reining-Gießen

entbot den Gästen aus nah und fern den herzlichen Willkommengruß des Hauptausschusses und gab der Hoffnung Ausdruck, daß das Gaufest* einen Ver­lauf nehmen möchte, der für alle ein denkwürdiges Erlebnis fei. Jeder Besucher möge mit den besten Erinnerungen von hier scheiden. Dann übertrug der Redner die Leitung des Gaufestes dem

OT -Gauführer Brunst,

der diese Ausgabe mit herzlichen Dankesworten an den Vorredner für dessen und der übrigen Aus­schußmitglieder ausgezeichnete Vorbereitung des Festes übernahm. Sodann dankte der Redner dem Oberbürgermeister und der Gießener Bevölkerung 1 ür die außerordentlich herzliche Ausnahme und die ehr tatkräftige Förderung durch die Stadtverwal- ung. Weitere Gruß- und Dankesworte richtete der Redner an den Gaubeauftragten des Reichssport­führers Meister (Kassel), den Vertreter des Prin­zen von Hessen Standartenführer Kramer (Kas­sel), den schwäbischen Turnerführer Dr. Ober­

meyer, bekannt als Vorsitzender des Hauptaus- schuffes des Stuttgarter Turnfestes, an die Karne- raben der Wehrmacht, der SA., SS., Arbeitsdienst, der HI., den BDM. sowie an die vielen Turner und Sportler beiderlei Geschlechts. Er wies sodann auf die Ideenwelt Jahns yin, die in Deutschland immer mehr gewachsen sei und in den RfL. mit hinübergenommen werden müsse. Unser Führer Adolf Hitler habe uns den gleichen Weg gezeigt, der allein zu einem großen Deutschland führe. Aus diesem Wege in Glauben, Liebe und Treue zum Führer und in geeinter Front muß marschiert und gekämpft werden für eine glückliche, gesegnete deutsche Zukunft.

Oberbürgermeister Ritter-Gießen wurde bei seinem Erscheinen am Rednerputt mit starkem Beifall der großen Versammlung begrüßt. Er entbot den Männern und Frauen des Turnens und des Sports sowie allen übrigen Gästen zu­nächst den herzlichen Willkommengruß unserer Stadt, sodann erwähnte er, daß die Stadtverwal­tung gerne bei den Vorbereitungsarbeiten förder­lich gewesen sei. Die Bevölkerung sei aus diesem Wege mit Freuden mitgegangen und bringe den Gästen alle Herzlichkeit entgegen; Beweis dafür seien schon diese ersten Stunben, ferner auch ein Blick in die hiesigen Zeitungen. Turnen und Sport hätten schon feit langen Jahrzehnten in Gießen eine gute Pflegstatt. Es solle auch weiterhin unsere Aufgabe fein, eingedenk der Verpflichtungen, die wir von unseren Vorderen übernommen haben, das verpflichtende Werk fortzusetzen, das jene begonnen, und uns mit aller Kraft für die Ertüchtigung des deutschen Menschen, insbesondere der deutschen Jungen und Mädels, einzusetzen, damit immer ein ehrliebendes Volk bestehe, dessen höchstes Panier die Treue sei und das allezeit bereit sei, seine Kraft und seine Tüchtigkeit einzusetzen für die Verteidi­gung dieser Ehre, die unser heiligstes Gut dar- stelle. Der Redner wünschte dann allen einen guten Verlaus des Festes und ermahnte xum Schluß, immer der verpflichtenden Linie eingedenk zu fein, daß auch durch Turnen und Sport nach dem Willen des Führers ein einiges und kraftvolles Volk ent­stehen solle. Das Sieg-Heil des Redners, von der Versammlung begeistert ausgenommen, gatt dem deutschen Sport.

Gaubeauftragter Meister-Kassel überbrachte die herzlichen Grüße des Reichssport­führers, der leider nicht persönlich kommen konnte; er werde durch den Reichsdietwart Munch ver­treten fein. Dann gab der Redner einen kurzen Rückblick auf die Entwicklung des Reichsbundes und betonte dabei die in diesem Bund verwirklichte Idee der Einheit und der Sammlung. Dann feierte er den Geist Jahns und hob zum Schluß hervor, daß unser Führer Adolf Hitler die geschichtliche Ent­wicklung der deutschen Leibesübungen anerkannt und dem Reichssportführer den Auftrag zu dem großen Einigungswerk im Reichsbund gegeben habe. Zwischen den Turn- und den Sportkameraden werde in Zukunft kein Unterschied mehr bestehen. Der Ruf zur Mitarbeit ergehe an alle, an jeden einzelnen. Nur durch die Mitarbeit aller werde das große Einigungswerk der Millionen Turner und Sportler zu vollbringen fein mit dem Ziel: Alles für unser Volk, alles für unser Land!

Haupteinrichtung, das Sanatorium Hohenlychen.

Nach dem Festabend in der Volkshalle fanden I Wir empfehlen den Besuch der lehrreichen Aus- sich Turner und Sportler, soweit sie nicht in der' stellung, der selbstverständlich kostenlos ist.

Oer weitere Verlauf des Abends brachte von der Bühne her weiterhin ein unter­haltsames, buntes Programm. Zunächst warteten die jugendlichen Turnerinnen des hiesigen Turn­vereins 1846 mit wirkungsvollen und ästhetischen Uebungen in der Ballgymnastik auf. Die Jugend­turnerinnen bewiesen dabei eine gute Schulung und viel Disziplin; sie ernteten reichen Beifall.

Eine außerordentliche Leistung sah man dann von den Mitgliedern des Gießener Radfahrer-Ver­eins 1885, von den Herren A. Deibel, Friedrich und Karl Keßler (Wieseck), Heß, Von-Eiff und Wißner, die einen Sechser-Kunstteigen fuh­ren und dabei große Geschicklichkeit und äußerste sportliche Durchbildung unter Beweis stellten. Die Radfahrer boten schwierigste Uebungen in sicherer und harmonisch bewegter Ausführung. Lebhafter Beifall war verdienter Dank. Sehr dankbar wurde auch das Einer - Kunstfahren von Herrn Haas (Gießener Radfahrerverein 1885) ausgenommen, das dem Publikum in hoher Vollendung vor Augen geführt wurde.

Der Bauersche Gesangverein sang noch zwei Lie­der (Schenkenbachs Reiterlied" von G. Weller und Verschütt'" von H. Finken), die dank ihrer sorg­fältigen Wiedergabe ebenfalls viel Beifall fanden und den Abend beschlossen.

In Anbettacht dessen, daß die meisten Wettkämp­fer für den heutigen Samstagmorgen zu ftüher Stunde anzutreten hatten, wurde der Begrüßungs­abend noch vor Mitternacht beendet. In angeregter Stimmung und in Erwartung zweier schöner Fest­tage begab man sich auf den Heimweg.

ßin Gruß der Schwaben.

Frühe des heutigen Arbeitstages zu den Wett­kämpfen antreten mußten, in verschiedenen Lokalen der Stadt noch zu einer kameradschaftlichen Stunde zusammen. Im Bayrischen Hof weilten die Ver­treter benachbarter Turngaue im Kreise ihrer Freunde aus dem Gau Hessen. DT.-Gauführer Brunst fand herzliche Worte der Begrüßung an die Freunde aus Schwaben und Baden, vom Nie­derrhein und der Wasserkante und aus dem Gau Südwest, die als Festgäste in Gießen weilen. Na­mens der Gäste sprach DT.-Gauführer Oberstudien­rat Dr. Obermeyer- Stuttgart, der Feslleiter des letzten Deutschen Turnfestes 1933, in echt schwä­bischer Art herzliche Worte. Er überbrachte die Grüße und Glückwünsche der Schwaben zum Ge­lingen des Festes. Herzlich seien die Auswärtigen empfangen worden als der Ausdruck dafür, daß Gießens Einwohnerschaft das Fest bejahe. Diese festliche Stimmung, die jeden erfassen müsse, der zur Volksgemeinschaft stehe, biete Gewähr dafür, daß das Fest den Ausklang und Erfolg bringe, den mir alle von ihm erwarten.

Eine Ausstellung.

Der Hilfsfonds für den deutschen Sport nimmt im Rahmen des 1. Gaufestes eine Ausstellung und einen Vertrieb seiner Olympia-Werbekarten vor.

Die Ausstellung die sich in der Drogerie Noll (Ludwigsplatz) befindet, gibt einen Ueberblick über die Aufgaben und die Arbeit des Selbsthilfs» Werks des deutschen Sportes. Der Hilfsfonds bil­det die Grundlage für das soziale Hilfswerk des Reichsbundes für Leibesübungen und feine

Wehrmacht und Sausest.

Oer Infanterie-Führer V würdigt die Bestrebungen des RfL.

Unsere Wehrmacht bringt ihre enge Verbunden­heit mit dem Reichsbund für Leibesübungen durch freudige Beteiligung an dem 1. Hessischen Gaufest zum Ausdruck. Angehörige der Wehrmacht betei­ligen sich am Wehrmannsschießen und an den tur­nerischen und sportlichen Wettkämpfen und ihrer erfolgreichen Durchführung. In ausdrucksvoller Weise wird die Garnison Gießen am Festsonntag den großen Gemeinschaftstag des RfL. gestalten hel­fen. Im Rahmen der Schauvorführungen des Nach­mittags wird das Infanterie-Regiment Gießen mit spannenden militärsportlichen Wettkämpfen auf­warten, wie es auch bei der erhebenden Gefallenen- Ehrung durch eine Ehrenabordnung vertreten ist. Bei dieser Gefallenen-Ehrung wird Regimentskom­mandeur Oberst V i e r o w sprechen.

Der Infanterie-Führer V, General Lüdke, bedauert es aufrichtig, daß er erkrankt ist und deshalb dem Gaufest fernbieiben muß. Er schreibt u. a. an die Gaufestleitung: ,Zch bedauere das um so mehr, weil die Bestrebungen des Reichs­bundes für Leibesübungen, ihr ganzes Tun und Lassen den Grundstock bilden, auf den die Wehr­macht ihre körperlichen Anforderungen aufbaut Nicht umsonst werden ja auch die Leibesübungen bei uns in besonderem Maße gepflegt und gefördert und haben sie gegen die Vorkriegszeit eine so über­ragende Bedeutung gewonnen. Der Kommandeur des Infanterie-Regiments Gießen wird mich bei dem Gaufest vertreten, dem ich von Herzen einen wohl- gelungenen sportlich schönen Verlauf wünsche."

Der Tag der Wettkämpfe

Frohes, buntbewegtes Kampfgetriebe auf der Kampfbahn des Festplatzes.

Schon in aller Frühe war am heutigen Samstag die Stadt erwacht. Die Turner zogen hinaus zu den Kampfbahnen auf dem Festplatz. Pünktlich traten die Turner zu den von Gaumännerturnwart Dahms, Bad Wildungen, geleiteten

turnerischen Mehrkämpfen der Männer

in 36 Riegen an, zu den Zwölfkämpfen der Son­derstufe, Oberstufe und Unterstufe, wie zu den Zehnkämpfen der Ober- und Unterstufe. Pünkt­lich um 7 Uhr wurde begonnen. Von der günstig gelegenen Tribüne hat man eine schöne Uebersicht über das Kampffeld. Dort wird gelaufen oder in den anderen volkstümlichen Hebungen der Mehrkämpfe geturnt, dort treten Riegen am Reck, Barren oder Pferd an, dort versammelt sich eine Riege zur völkischen Aussprache, die erst­mals in den Wettkampf eingebaut ist. Hier sieht man die Teilnehmer am Hessenkampf, die ihre Uebungen mit dem Schießen beginnen, nach den Schießständen abmarschieren. Die Turner sind mit dem Wetter sehr zufrieden. Es ist rechtes Turn- roetter, und ein Wettkämpfer sagt uns:So soll es bis heute mittag 4 Uhr bleiben, dann soll es ruhig wieder heiß werden". Man sieht dann auch wirklich gute Lei st ungen an den Geräten, wenn auch hier und da einmal ein unerwarteter

Versager dazwischen kommt, wie es z. B. unserem Wiesecker Schöffmann, der sonst feiner Sache so sicher ist, am Reck passierte.

Die Aufmerksamkeit der schon zahlreich anwesen­den Zuschauer ist vor allem auf das Geräte­turnen gerichtet, und hier in erster Linie wieder aus das Turnen der Sonderstufe, in der Hessens Spitzenturner, die wir so oft schon bei Hallenvetan- ftattungen bewundern konnten, in ihren olympischen Uebungen beachtliches Können zeigten. Um 9 Uhr kamen zu den Turnern noch

die Altersturner

mit ihren N e u n f ä m p f e n, und die Kampfplätze waren jetzt von insgesamt 1100 Wettkämp­fern froh belebt. Unter den Altersturnern sah man viele begeisterte Jünger Jahns, die seit Jahr­zehnten der Turnsache die Treue gehalten und an­schaulich unter Beweis stellten, wie geregeltes Tur­nen bis ins mittlere und hohe Mannesatter hinein den Körper leistungsfähig erhält.

Schöne Bilder bieten auf dem Festplatze die Gruppen, die zur

völkischen Aussprache

im Kreise auf dem Boden um die Kampfrichter sitzen. Die völkische Aussprache macht die Wett- kämpfer mit den Aufgaben und Zielen der Turner

Oer Hecht.

(Line Spihbubengeschichie von Paul Ernst.

Der Herr Stadttichter Matta hat über eine An­zahl Spitzbuben abzuurteilen. Es war ein Auflauf gewesen, bei dem mehrere Geldbeutel abgeschnitten wurden. Die Polizei hat verschiedene Leute verhaf­tet, von denen sie glaubt, daß sie bei dieser Gelegen­heit tätig waren. Matta sitzt auf seinem Richterstuhl vor seinem breiten Tisch, zur linken sitzt ihm sein Schreiber und schreibt nach; er läßt die einzelnen Angeklagten vortreten, befragt sie, hört ihre Ant­worten, befragt die Zeugen, bildet sich sein Urteil und teilt dem Spitzbuben mit, zu wieviel Jahren er verurteilt ist. Das Verfahren erscheint uns vielleicht etwas oberflächlich; aber ländlich, sittlich, das Ge­richt ist überlastet, die Polizei faßt überhaupt keine Spitzbuben, die nicht unbedingt zu der denkbar höchsten Strafe verurteilt werden müßten, wenn nicht für diese, bann für andere Taten, so daß die Schnelligkeit Mattas den armen Kerls eigentlich nur eine Möglichkeit gibt, glimpflicher davonzukom­men. Außerdem reihen die Spitzbuben natürlich so­bald wie möglich aus, wenn sie im Gefängnis sitzen.

Pietrino steht mit im Gerichtssaal; aber nicht als Angeklagter, sondern als Zeuge. Er hat sich den Angeklagten zur Verfügung gestellt. Er war mit im Gedränge und bezeugt bei federn Spitzbuben, der vorgeführt wird, daß er ihn keinen Geldbeutel hat abschneiden sehen. Das Zeugnis hat bei den ersten Angeklagten geholfen; später fiel es dem Stadtrich­ter Matta ein, daß der Mann ja vielleicht den Beutel abaeschnitten haben kann, während Pietrino gerade nicht hinsah, und so nützt sein Zeugnis jetzt nichts mehr. Pietrino ist daher auch im Begriff zu gehen; denn wozu soll er sich umsonst im Gericht herumtteiben?

Das Dienstmädchen des Richters Matta erscheint, bestellt dem Herrn einen Gruß von der gnädigen Frau, und Onkel Vittorio wäre gekommen und wollte zum Essen dableiben, und der Herr Richter möchte doch sehen, daß er recht frühzeitig fertig wurde. Matta flucht auf die Gedankenlosigkeit der Werber. Wie oft hat er nicht gesagt, daß sein silber­ner Trinkbecher, den er von Onkel Vittorio geschenkt bekommen hat, zum Silberschmied zum Ausbeulen geschickt werden soll! Was wird Onkel Vittorio nun oon ihm denken, wie er seine Geschenke In Ehren

hält! Er entläßt das Dienstmädchen und trägt der gnädigen Frau auf, sie solle wenigstens für etwas Anständiges zu Mittag sorgen.

Das Dienstmädchen geht; Pietrino hat schweigend das Gespräch mit angehört und geht gleichfalls.

Er geht auf den Fischmarkt, wo er eine Fisch­händlerin weiß, die ausgezeichnete Fische hat. Er tritt vor ihren Stand, knüpft ein Gespräch mit ihr an und fragt sie, ob sie nicht einen schönen Hecht hat, einen recht schönen Hecht, er muß reichlich sein für fünf Personen, er ist für den Herrn Stadtrichter Matta, und der Herr Stadtrichter Matta hat es nicht gern, wenn auf dem Tisch etwas knapp ist; der Onkel Vittorio ist zu Besuch, und Onkel Vittorio ist der Erbonkel und ist ein starker Esser, und das weiß man ja, wenn einer ordentlich ißt, dann essen die andern auch mehr wie sonst. Die Fischhändlerin hat gerade einen Hecht, der für die Gesellschaft des Herrn Stadtrichters paßt, einen Achtpfünder, einen Hecht, wie er selten vorkommt heutzutage, denn der Hecht kann das auch nicht mehr leisten, früher haben die Leute an den Fasttagen eine Seespinne ge­gessen ober ein halbes Pfunb Stint, jetzt soll es immer Hecht sein, unb wo soll benn ber Hecht Her­kommen? Sie faßt ben Hecht mit zwei Fingern zwischen ben Kiemen unb hält ihn hoch; ein Staats­hecht! Ein Prachthecht! Ein süßes Tier von einem Hecht! Die Fischhänblerin ist ein junges, appetit- uches Weib, brall unb rotbäckig, mit gleichmäßigen, weißen Zähnen unb frischen, blauen Augen. Ein Hecht zum Küssen!

Piettino kauft ben Hecht für fünf Bajocci unb bezahlt bar, er läßt sich ben Hecht in Papier schla- gen unb geht zum Hause bes Herrn Stabtrichters Matta. Er bestellt ber Frau Stabtrichter einen Gruß vom Herrn Stabtrichter, unb hier wäre ber Hecht jur ben Mittag, ber Herr Stabtrichter habe ihn selber gekauft, bie Frau Stabtrichter solle ihn aber sp^en, unb bie Frau Stabtrichter möchte boch so fteunblich fein unb bem Boten ben Munbbecher bes Herrn Stabtrichters geben, er solle ihn gleich zum Silberschmieb bringen zum Ausbeulen.

Die Frau Stabttichter finbet, baß ihr Mann gut gekauft hat, wenn ber Hecht nur nicht zu teuer ist, benn ben Mannern wirb immer mehr abgenommen uaf bem Markt als ben Frauen; sie legt ben Hecht auf eme große Schüssel, schließt den Schrank auf unb nimmt ben Munbbecher heraus. Dann schärst sie dem Boten ein, daß der Silberschmieb ihn aber ja

gleich in Orbnung bringt unb ihn nicht vierzehn Tage lang sich in ber Werkstätte herumtteiben laßt, denn ber Herr Stabtrichter gebraucht ihn täglich unb wäre sehr ärgerlich, wenn er seinen Mund­becher einmal nicht hätte.

Pietrino nimmt den Becher, wickelt ihn in bas Papier, bas um ben Hecht geschlagen war unb zieht ab.

Er geht in bie Kneipe, wo Freunbe beieinander sitzen, und erzählt seinen Stteich. Lange Rübe ist der Oberste am Tisch, er hat selbstverständlich den Ehrenplatz, und alle sehen auf ihn, was er zu ber Geschichte sagen wirb.

Lange Rübe zuckt bie Achseln. Was ist bas schließlich für eine Helbentat! Ein silberner Becher für einen Hecht! Solche Geschäfte macht jeber Kauf­mann. Der Gauner muß ben Hecht auch roieber mitnehmen, bann hat er etwas geleistet; aber so etwas, bas ist gar nichts.

Pietrino ist gekränkt unb macht eine ausfallende Bemerkung über Leute, die alles besser wissen, aber besser machen, das ist eine andere Sache. Wortlos nimmt ihm Lange Rübe den Becher ab unb geht.

Er nimmt einen jungen Menschen mit, ber ba am Tische sitzt, unb geht geraberoegs zum Hause bes Stadttichters unb klingelt. Die Frau Stabtrichter öffnet ihm in Küchenschürze mit geröteten Wangen. Lange Rübe tut so, als ob er sie für bas Dienst- mäbchen hält, unb fragt, ob er bie gnäbige Frau nicht sprechen kann. Die Frau Stabttichter gibt einen erschrockenen Ton von sich, reißt bie Tür zur guten Stube auf unb erklärt, baß bie gnäbige Frau im Augenblick kommen wirb. Lange Rübe tritt ein unb wartet; ber Bursche ist hinter ihm eingetreten unb wartet mit, inbem er bie Mütze in ber Hanb brebt; bie Frau Stabttichter hat inzwischen ihre Schurze abgeworfen, sich in bas Korsett gepreßt, denn fie wallt gewöhnlich uferlos baher, bas gute braunseibene Kleib angezogen, schnell bie Haare n Orbnung gebracht, unb tritt nach einer Viertel­ende mit süßem Lächeln in bie gute Stube, inbem te sich über bie Dummheit bes Mäbchens beklagt, lc Hr ^rst jetzt gesagt habe, baß ein Herr warte. Lange Rübe macht eine Verbeugung unb stellt sich als geheimen Angestellten ber Polizei vor. Die gnäbige Frau ist einem stechen Gaunerstreich zum Opfer gefallen. Hier er zeigt ihr ben Becher diesen Becher hat ihr ein Spitzbube abgeschwinbelt der angab, von dem $crrn Gemahl geschickt zu

sein, unb einen Hecht mitbrachte, ben ber Herr Stadtrichter angeblich gekauft haben sollte. Die Po­lizei hat den Mann bereits dingfest gemacht; sie bittet nur noch, daß die Frau Stadtrichter ben Hecht verabfolgt, ba man biefen nebst bem Becher als Zeugen ber Gaunerei braucht.

Die Frau Stabtrichter fällt aus allen Wolken. Nein, was boch einem geschehen kann! Unb ber Herr Stabttichter hat von nichts gewußt, er hat gar mcht nach bem Becher geschickt, er hat auch ben Hecht gar nicht gekauft! Lange Rübe macht eine vornehme Hanbbewegung. Der Herr Stabttichter weiß selbst jetzt noch von nichts; aber bie Polizei wacht.

Kopfschüttelnb geht bie Frau Stabtrichter in bie Küche unb winkt bem Burschen, baß er ihr folgt; in ber Küche gibt sie ihm ben Sjedjt, ber noch auf ber Schüssel liegt.Aber bie Schüssel gehört mir, ich bekomme sie boch roieber?" fragt fie.Gewiß, gnäbige Frau", erroibert Lange Rüde, macht eine tabellose Verbeugung, zieht bie Hanb ber gnäbigen Frau zum Kuß an ben Munb unb geht mit bem Burschen ab, ber ben Hecht trägt.

Pietrino erklärt etwas verbrossen, baß er besiegt ist, denn Lange Rübe hat nicht nur ben Hecht, fon- bern auch noch eine Schüssel aus gutem Porzellan dazu erbeutet. Aber bie Wirtin kann ben Hecht sehr gut zubereiten, unb ber Wirt hat einen trefflichen Wem; ber Munbbecher bes Herrn Stabtrichters geht um unb fein Hecht wirb aufgetragen, unb so wird benn bie leichte Verletztheit in allgemeiner Zustie- benheit vergessen.

Aus alten Schatz- und Wunderkammern

Eine besondere Anziehungskraft auf Düsselborfs -öe|ud)er uvt zur Zeit eine SonberausstellungAus alten Schatz- unb Wunderkammern" aus, bie im JJiufeumsgebäube am Ehrenhof gezeigt wird. Die aus ben Kunstsammlungen Düsselborfs zusammen- gestellte Schau umfaßt wertvollste Gefäße unb Ge­rate aus Holz, Stein, Perlmutter, Muscheln, Ton und Glas usw. in Gold- und Dilberfassungen, bie ür ihrer uberwiegenben Mehrzahl aus Golbschmiebe- Werkstätten bes 16. bis 18. Jahrhunderts stammen, zlus beutschen Museen unb Privatsammlungen sind hier eine Reihe außerorbentlich wertvoller unb fei- tener Stücke zur Schau gestellt, bie bisher ber Oeffentlichkeit nicht zugänglich waren. Die Ausstel­lung bleibt bis zum L Septtmber geöffnet«