Unser neuer Roman.
Nachdem wir in der Ausgabe vom Samstag die Veröffentlichung des Romans „Und dennoch, nur du ..von Charlotte Prenzel zum Abschluß gebracht haben, beginnen wir in der heutigen Nummer des Gießener Anzeigers mit dem Abdruck eines neuen großen Romanwerkes, das bei allen unseren Leserinnen und Lesern in Stadt und Land ungeteilten Beifall finden dürfte. Es handelt sich um das neueste Werk einer Autorin, die sich aus dem Gebiete des Zeitungsromans bereits einen vorzüglichen Namen gemacht hat, und deren Arbeiten sich bei einem sehr großen Leserkreise in ganz Deutschland ständig steigender Beliebtheit erfreuen:
„Warum verkennst du mich, Barbara?" von Liane Sanden
so heißt unser neuer Roman, der jedermann vom ersten bis zum letzten Kapitel in seinen Bann schlagen wird — ein groß angelegter Liebesroman, den besonders unsere weibliche Leserschaft mit der größten Anteilnahme verfolgen wird. Die allgemein geschätzte Verfasserin weiß genau, worauf es gerade bei einem in Fortsetzungen erscheinenden Roman ankommt, und sie versteht es, in einer dramatisch aufgebauten Handlung, in packenden Szenen und zu Herzen gehenden Schilderungen den Kampf um das schwer errungene Glück einer echten Leidenschaft eindringlich und überzeugend lebendig zu machen. Liane Sanden ist es gelungen, Phantasie und Wirk- lichkeitssinn, flüssigen Stil und geschickte Handlungsführung ihrem jüngsten Werk so zu verbinden, daß der Roman zu einer überaus genußreichen und fesselnden Lektüre wird; wir sind gewiß, daß er überall gefallen und den starken Erfolg haben wird, den er verdient.
Veränderung in der Deutschen Arbeitsfront in Gießen.
Mit Wirkung vom 1. Juni an ist der bisherige stellv. Kreiswalter der Deuschen Arbeitsfront in Gießen, Pg. Hahn von hier, als Kreiswalter der Deutschen Arbeitsfront und Kreisbetriebszellenobmann der NSBO. nach St. Goarshausen versetzt worden. Pg. Hahn tritt sein neues Amt sofort an. Er ist der jüngste Kreiswalter der DAF. im Gau Hessen-Nassau und wohl auch in ganz Deutschland.
USD., Ortsgruppe Mitte.
Lebensmillelsammlung.
Im Bereich der Ortsgruppe Mitte wird am Mittwoch, 5. Juni, die Lebensmittelopferringsammlung durchgeführt. Die Sammlerinnen werden die erhaltenen Spenden in die Mitgliedskarten vom Lebensmittelopferring quittieren. Wir bitten deshalb die Hausfrauen, die Spenden sowohl als die Mitgliedskarten ab Mittwoch, vormittags 9 Uhr, bereitzuhalten.
Deutsche Arbeitsfront.
NS.-Gemelnschast „Kraft durch Jreube“.
Am Mittwoch und Donnerstag, 5. und 6. Juni, kommt das Kabarett der Komiker!
Arbeitskameraden, sichert euch im Vorverkauf bei Musikhaus Challier, Frau Huntemann, der Geschäftsstelle der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", Schanzenstraße 18, und bei den Orts- waltern der DAF. schnell noch Eintrittskarten. Ihr werdet es nicht bereuen, diese Veranstaltung besucht zu haben. Diese Veranstaltung wird das Gastspiel des Schumanntheaters noch übertreffen. Ganz Gießen wird wieder wochenlang von diesem großen Ereignis reden.
Deutsches Lugendfest 1935.
Gemeinsam mit dem Reichsminister des Innern, dem Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, dem Jugendführer des Deutschen Reiches und dem Reichssportführer findet auf Veranlassung des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und
1624 Höfe in Hessen-Darmstadt als Erbhöfe anerkannt.
Nach einer in der „Deutschen Justiz" 1935, Seite 624, von Erbhofgerichtsrat im Reichsjustizministerium Dr. Hopp gegebenen Uebersicht über den Stand der Arbeiten an der Erbhöferolle sind im Oberlandesgerichtsbezirk Darmstadt in die von den Gemeindebehörden angelegten Verzeichnisse der Erbhöfe insgesamt 10604 Höfe eingestellt worden. Bei 8134 davon haben die Vorsitzenden der 48 Anerbengerichte im Anlegungsverfahren bis zum 1. Januar 1935 die Erbhofeigenschaft bejaht und diese Höfe in das sogenannte Gerichtliche Verzeichnis ausgenommen; bei 308 Höfen war bis dahin über diese Aufnahme noch nicht entschieden. Wegen mangelnder Bauernfähigkeit, insbesondere mangels Ehrbarkeit, Wirtschaftsfähigkeit, Reichsangehörigkeit und Deutschblütigkeit des Hofeitzen- tümers ist bei 7 Höfen die Aufnahme in das Gerichtliche Verzeichnis abgelehnt worden; diese Höfe werden mit dem Uebergang in das Eigentum einer bauernfähigen Person Erbhöfe. 2207 Höfe sind als zur Zeit nicht eintragungsfähig befunden worden, z. B. wegen Miteigentums mehrerer Personen; auch diese Höfe, die in einer besonderen Liste geführt und unter ständiger Beobachtung gehalten werden, werden Erbhöfe, sobald der Hinderungsgrund weg- gefallen ist. Gegen die Aufnahme bzw. Nichtaufnahme in das Gerichtliche Verzeichnis war bis zum
1. Januar 1935 in 1636 Fällen Einspruch eingelegt und Über 711 dieser Einsprüche noch nicht entschieden.
3n die Erbhöferolle eingetragen und damit endgültig als Erbhöfe anerkannt waren am 1. Ianuar 1935 im Bezirk Darmstadt 1624 Erbhöfe, davon 974 Ehegattenerbhöfe.
In den 26 Oberlandesgerichtsbezirken des Deutschen Reiches mit 1543 Anerbengerichten sind 956 027 Höfe in das Gemeindeverzeichnis eingestellt und davon bis zum 1. Januar 1935 665 644 in das Gerichtliche Verzeichnis ausgenommen worden, während bei 65 372 bis dahin über diese Aufnahme noch nicht entschieden war. Wegen mangelnder Bauernfähigkeit wurde die Aufnahme abgelehnt in 5294 Fällen, und in die Liste der zur Zeit nicht eintragungsfähigen Höfe wurden 223 076 Höfe eingestellt.
3n die Erbhöferolle eingetragen und damit endgültig als Erbhof anerkannt waren bis zum 1. 3anuar 1935 322 437 Erbhöfe, davon 91 759 Ehegattenerbhöfe.
Dr. Hop p schätzt — mit näherer Begründung — die endgültige Gesamtzahl der deutschen Erbhöfe auf etwas unter 700 000. Bei Anwendung seiner Schätzungsweise ergeben sich für den Oberlandesgerichts- bezirk Darmstadt voraussichtlich rund 8500 Erbhöfe.
Volksbildung am 22. 6. und 23. 6. das Deutsche Jugendfest statt. Die gesamte 10- bis 18jährige Jugend soll sich an diesen Tagen zu sportlichen Wettkämpfen und Sonnenwendfeiern zusammenfinden.
Zum Zwecke der Vorbereitung für diese Veranstaltung hatte der Oberbürgermeister der Stadt Gießen am Freitagabend zu einer Sitzung zusammengerufen. Die Leitung lag in Händen von Schulrat N e b e l i n g. Es waren erschienen Vertreter der Hitlerjugend und ihrer Unterorganisationen, Vertreter des Reichssportführers und der Ortsgruppe des Reichsbundes für Leibesübungen, ein Vertreter der Stadt und der einzelnen Schulgattungen. Der Kreispropagandaleiter mußte leider wegen Erkrankung absagen.
In großen Zügen, gemäß den Richtlinien der Reichsministerien, wurde folgendes beschlossen:
1. Die Oberleitung für Stadt und Kreis Gießen hat Schulrat N e b e l i n g.
2. Die technische Durchführung der Wettkämpfe (Zusammensetzung des Kampfgerichtes usw.) tätigt für die Stadt die Ortsgruppe des Reichsbundes für Leibesübunaen (Dr. M ö ck e l- m a n n), für den Landkreis Gießen der Kreisvertrauensmann des Reichssportführers (W. Mohr).
3. Die Kämpfe, an denen sich ausnahmslos alle nichtjüdischen Schüler beteiligen müssen, finden für das Jungvolk und alle anderen Zehn- bis Vierzehnjährigen am Samstag, 22. 6., für die Hitlerjugend und alle übrigen Fünfzehn- bis Achtzehnjährigen am Sonntag, 23. 6. statt.
4. Alle Jugendlichen in Gießen sind in Gießen auf verschiedenen Sportplätzen vereinigt.
5. Die Kämpfe des Landkreises finden voraussichtlich an folgenden Orten, die ungefähr den Sitzen der Gefolgschaften der HI. entsprechen, statt: a) Lollar, b) Großen-Buseck, c) Londorf, d) Beltershain, e) Grünberg, f) Lich, g) Hungen, h) Watzenborn, i) Leihgestern. An den genannten Orten bilden sich zur Vorbereitung baldmöglichst Ortsausschüsse, denen angehören 1 Vertreter der Partei, der Gemeinde, der HI., der Schule und der Vereine des Reichsbundes für Leibesübungen. Die betr. Gemeinde ruft den Ausschuß zusammen.
6. Eine Sonnenwendfeier am Samstagabend wird von der HI. durchgeführt.
7. Nähere Anweisungen folgen im Laufe dieser Woche.
Sportamt „Kraft durch Freude".
In dieser Woche finden folgende Kurse statt: Montag:
21—22 Uhr: Reiten, Reitschule Schömbs. Dienstag:
19—21 Uhr: Fröhl. Sport- und Spielbetrieb, Universitätssportplatz.
21—22 Uhr: Reiten, Reitschule Schömbs. Mittwoch:
20—21 Uhr: Reiten, Reitschule Schömbs.
20—21 Uhr: Schwimmen, Volksbad.
21—22 Uhr: Schwimmen, Volksbad.
Donnerstag:
20—21 Uhr: Fröhl. Gymnastik und Spiele nur für Frauen, Lyzeum, Dammstraße.
21—22 Uhr: Fröhl. Gymnastik und Spiele nur für Frauen, Lyzeum, Dammstraße.
Freitag:
20—21 Uhr: Allgemeine Körperschule, für Frauen und Männer, Lyzeum.
20—21 Uhr: Fröhl. Gymnastik und Spiele nur für Frauen, Heilanstalt.
Samstag:
17—19 Uhr: Leichtathletik (Reichssportabzeichen), Universitätssportplatz am Kugelberg.
. Die Kurse für Fröhliche Gymnastik und Spiele sind nur den Frauen vorbehalten. An allen anderen Kursen können Frauen und Männer gemeinsam teilnehmen.
Erwerbt die Jahressportkarte zum Preise von —,30 RM. (einschl. Versicherung) bei der Sportlehrerin oder dem Sportlehrer in der Uebungsstätte oder auf dem Sportamt, Schanzenstraße 18, Tel. 2919, Sprechstunden von 10—13 und 15—17 Uhr.
Kommt alle und seht Euch die Sportkurse „Kraft durch Freude" an, dann macht mit! Es ist niemand zu alt dazu!
Linns-Feier.
Nach mehrjähriger Unterbrechung wurde am Sonntagvormittag wieder eine Linn6-Feier im Botanischen Institut abgehalten, ßu der die Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde
e'mgeladen hatte. Mit 'einführenden Worten sprach Herr Universitätsprofessor Dr. K ü st e r über die Bedeutung Linnes und seiner Leistungen für die Botanik. Er sprach von Linnäs Stellung zur Systematik, seinem Bemühen und Streben nach einem natürlichen System und von dem Erfolge, das sein Bemühen um ein künstliches System gefunden hat. Professor K ü st e r kennzeichnete Sinne als den Mann und Forscher, der an der Wende der alten und der neuen Zeit stand: zur alten Zeit gewendet, betonte er die Unveränderlichkeit der Arten und schuf er das letzte und beste künstliche System; zur neuen Zeit gewendet, stellte er die Forderung eines natürlichen Systems und fand er Gedanken, die ihn mit Goethe und dessen Methamorphoselehre verbinden.
Der Redner kam ferner auf die Eröffnung des neuen Gewächshauses zu sprechen, die vor wenigen Wochen stattgefunden hatte, lieber sie ist an dieser Stelle bereits eingehend berichtet worden.
Herr Garteninspektor Nessel führte hierauf die in großer Zahl erschienenen Hörer durch die neu- eingerichteten Kalt- und Warmhäuser.
** 44 Jahre im Staatsdienst. Am 1. Juni d. I. ist der langjährige Hausmeister des Realgymnasiums Gießen, Herr Adolf Börner, infolge Erreichung der Altersgrenze in den wohlverdienten Ruhe st and getreten. Herr Börner hat 13 Jahre dem Dragoner-Regiment Nr. 23 in Darmstadt angehört und wurde am 1. Mai 1904 als Pedell der obengenannten Schule eingestellt; hat also 44 Jahre dem Staate gegenüber seine Pflicht erfüllt. Lehrkörper und Schüler werden sich dieses pflichtbewußten Beamten stets gerne erinnern. Herr Börner ist seit seinem Dienstantritt Bezieher des Gießener Anzeigers.
** 25jähriges Mieterjubiläum. Ein schönes Verhältnis von Mieter und Hausbesitzer besteht im Hause Mühlstraße 32, Besitzer Kreisfeuerwehrinspektor Bouffier. Oberpostschaffner i. R. Gräf konnte am Samstag, 1. Juni, auf ein 25jähriges Mietjubiläum zurückblicken. Auch ist Herr Gräf feit dieser Zeit Leser seines Heimatblattes, des Gießener Anzeigers.
Rundfunkprogramm.
Dienstag, 4.3uni.
6 Uhr: Choral — Morgenspruch. Gymnastik. 6.15: Von Köln: Frühkonzert. 8.10: Don Stuttgart: Gymnastik. 8.30: Von Bad Salzschlirf: Frühkonzert. 10.15: Schulfunk. Wunder der Pflanzenwelt. Von Werner Reichardt. 11.30: Sozialdienst. 11.45: Bauernfunk. 12: Von Leipzig: Mittagskonzert I. 13.15: Von Leipzig: Mittagskonzert II. 14.15: Wirt- fchaftsbericht. 14.45: Sendepause. 15.15: Für die Frau. 16: Kleines Konzert. Lieder von Roderich von Mojsisovicz. 16.30: Die Türkei, die Pforte nach Groß-Asien. Ein Wirtschaftsbild von Dr. K. Kling- hardt, Frankfurt a. M. 16.45: Glas, ein wichtiger junger Werkstoff. Ein Zwiegespräch. 17: Von Königsberg: Nachmittagskonzert. 18.30: Meister Eckhardt. Ein Gottsucher der deutschen Mystik. Von Dr. H. Braun^ Frankfurt a. M. 18.45: Die deutsche Technik arbeitet an der Lösung des Rohstoffproblems. 19: Von Stuttgart: „Im Frühjahr, wenn die Vögel fingen". Eine bunte Stunde Volksmusik. 19.50: Politische Rundfunkwirtschaft. Vortrag von Dr. Otte von der Reichsrundfunkkammer. 20.15: Don Leipzig: Reichssendung: Stunde der Nation. Zum 125. Geburtstag Robert Schumanns. 21: 1 Humor der Faulheit. 2. Wenn man eine Reife tut — kann jeder etwas anderes erzählen. 21.30: Chor-Konzert. Altdeutsche Lieder. 22.20: Kleines Virtuosen-Konzert. 23: Von München: Volksmusik. 24: Auf den deutschen Kurzwellensender und Stuttgart: Sonne im Glas — Die Mosel singt. 1 bis 2: Nachtkonzert.
Spreamunoen oer Redaktion. ' 11.30 bis 12.30 Uhr, 16 bis 17 Uhr. Zamslagnach- mittag geschlossen.
Wamm verkennst du mich, Barbara?
Vornan von Liane Sanden.
Urheberrechtschutz: Füns-Türme-Verlag, Halle (S.) Nachdruck verboten.
1. Kapitel.
Die großen weißen Flügeltüren nach dem Park waren weit geöffnet. Draußen lag die helle blaue Sommernacht. Die Umrisse der großen Kastanien im Park zeichneten sich schwach ab. Die weißen Blütenkerzen standen hoch und feierlich. Es sah aus, als wollten sie wetteifern mit den Kerzen, die hier im Saal in verschwenderischer Fülle brannten.
Barbara von Stechow war sonst in allen Dingen eine sehr moderne Frau. Aber hier in dem großen Ahnensaale hatte sie kein elektrisches Licht geduldet.
Auch heute, bei dem ersten Fest, das sie seit dem Tode ihres Mannes gab, war der Saal von diesem warmen, stillen Licht erhellt. Kerzen brannten in den kristallenen Wandleuchtern, die zwischen den Ahnenbildern der Stechows befestigt waren. Ihr Schein ergoß sich über die schweren alten Goldrahmen, aus denen die rassigen Frauengesichter unter den weißen Perücken sahen. Die herrischen Männer auf den alten Bildern schienen freundlicher du blicken in dem gedämpften Licht. Alle, wie sie da von den Wänden herabschauten, die Männer der Stechows aus fünf Generationen, sie hatten alle eins gemeinsam: den üppigen, lebensgenießerischen Zug um den stark ausgeprägten Mund.
Eckehard von Mackenroth saß ganz am Ende der langen Festtafel. Er hatte zur Tischdame eine Penfionsfreundin der Hausfrau, Magdalena Ger- wig, ein zartes, scheues Geschöpfchen, das offenbar über die Kraft und den Glanz des Hauses hier in Erstaunen und Verwirrung geraten war. Magdalena gab auf Eckehards Fragen nur verlegen Antwort. Es kam kein richtiges Gespräch zustande.
Eckehard war darüber nicht böse. Ihm war es am liebsten so. So konnte er doch still dasitzen und Barbara von Stechow beobachten. Sie saß am anderen Ende der Tafel. Er konnte sie gerade zwischen den großen sechsarmigen Leuchtern sehen. Ihr rostbraunes Haar leuchtete im Schein der Kerzen wie gesponnenes Gold. Ihr schmaler Kopf hob sich in seinen schönen reinen Linien wunderbar ab von dem Hintergrund der schneeweißen Wandtäfelung, die bis hoch zur Hälfte der Wand emporging.
Schönste, du Schönste!, dachte er bei sich in einer heißen, schmerzlichen Sehnsucht. Traumverloren starrte er hinüber.
Barbara von Stechow sah diesen Blick nicht. Sie sprach in ihrer etwas kühlen Liebenswürdigkeit mit ihrem Tischnachbar, einem hohen Beamten.
Ihr schneeweißes Kleid verschwamm in eins mit dem Hintergrund. Ein einziger schwerer Brillant an einer schmalen Platinkette hing um ihren Hals und sprühte ein leuchtendes Feuer aus.
„Raffiniert!" flüsterte ein magere, ältere Dame, Frau von Tschewnick, ihrem Tischherrn zu. „Sie weiß ganz genau, daß sie im Kerzenlicht mit ihrem roten Hexenhaar am besten aussieht!"
„Ich finde, daß unsere schöne Gastgeberin immer am besten aussieht, gnädige Frau! Daß sie es gar nicht nötig hat, sich in Szene zu setzen!" Der Herr widersprach anscheinend harmlos. Aber er wußte, wie er die eitle, verblühte Frau damit traf. So setzte er hinzu: „Frau von Stechow ist in allen Beleuchtungen gleich reizend!"
Franzka von Tschewnick lachte hart auf:
„Nun ja, man weiß ja, Sie haben eine Schwäche für sie, mein lieber Direktor! Man kennt Ihre Schwäche für die Deutschen!"
Direktor Geczy sah feine Nachbarin scharf an.
Sollte das von dieser abscheulichen Tschewnick nur so dahingesagt sein? Oder verbarg sich dahinter eine tiefere Absicht? Er hatte schon so einiges gehört, daß man ihm höheren Orts mißtraute.
Schon sah auch Direktor Geczys Frau mahnend herüber. Sie hatte nur einen Teil des Gesprächs gehört. Aber sie kannte ihren Mann. Dem saß das Herz leicht auf der Zunge. Das war in Zeiten wie den jetzigen gefährlich.
Geczys Gesicht wurde ablehnend:
„Gnädige Frau, ich bin ein Mensch, der sein Lebtag nichts mit Politik zu tun haben wollte! 2ch bin ein ebenso guter Patriot wie viele andere Leute, die das Wort »Patriotismus^ dauernd im Munde führen. Ich sehe mir die Menschen daraufhin an, was sie wert sind und was sie leisten."
„Aber Frau von Stechow scheint anderer Meinung zu sein. Warum beschäftigt sie denn auf ihren Gütern nur Deutsche?"
„Wirklich?" fragte Geczy ironisch zurück. „Ich habe immer gedacht, daß zum Beispiel der Ober- mspektor Rockesch ein echter Tscheche wäre." Er wies mit einem Kopfnicken dorthin, wo der Kopf Rockeschs auftauchte.
„Dafür ist der Zweite Inspektor wieder deutsch. Man munkelt sogar, ehemaliger Offizier, Herr von Geczy! Man munkelt weiter, daß unsere Wirtin, Frau von Stechow, mit diesem Mackenroth..."
Herr von Geczy setzte hart sein Glas hin:
„Was man munkelt, meine Gnädigste, sollte uns nicht bekümmern! lieber Klatsch sind wir doch erhaben nicht wahr? Uns würde es doch niemals emfollen, im Hause der Gastgeberin selbst über sie zu sprechen?"
Frau von Tschewnick war feuerrot geworden. Sie
hatte den ironischen Tadel in den Worten Geczys wohl verstanden.
„Also sind wir uns ja einig", meinte Geczy gemütlich. Er hob sein Glas und trank mit einem ironischen Lächeln Frau non Tschewnick zu. Auch sie erhob ihr Glas. Aber in ihren Augen lag Aerger. Sie schwieg während der ganzen Tafel beharrlich.
Geczy war darüber gar nicht böse. Wenigstens brauchte er sich mit dieser Giftspinne, wie er sie bei sich nannte, nicht weiter herumzuärgern. So gab er sich behaglich den Freuden der Tafel hin. Das Essen war bei Barbara von Stechow wieder einmal exquisit. Er kannte wenige Häuser, die so tadellos geführt waren.
Gerade traf Barbara von Stechows umherschweifender Blick den seinen. Er hob mit einer verbindlichen Bewegung sein Glas. Barbara ergriff den Sektkelch und trank Geczy lächelnd zu. Er war einer der wenigen treuen Freunde, die sie hier hatte. Sie freute sich, ihn heute bei sich zu sehen. Es war ja das erstemal, daß sie seit dem Tode ihres Mannes Gäste in einem größeren Kreise bei sich versammelte.
Frau von Tschewnick ließ ihren scharfen Blick umherwandern. Lächerlich, daß Geczy ihre Bemerkung über Barbara von Stechow und diesen Inspektor Mackenroth so als ein leeres Gerede abgetan hatte. Das sah ja doch ein Blinder, daß zwischen Mackenroth und der Stechow etwas war. Wie selbstvergessen die Blicke des jungen Deutschen an Barbara hingen! Die beachtete es nicht. Aber das war wohl nur eine Finte. Sie war eben vorsichtig und gewitzt. Sie wollte durch ihre scheinbare Nichtbeachtung Mackenroths das Verhältnis zwischen ihnen beiden vertuschen.
Lächerlich, zu glauben, daß zwischen einer jungen Frau wie Barbara von Stechow, die seit zwei Jahren verwitwet war, und einem jungen Manne wie dem Mackenroth nichts sein sollte.
Sie hat es ja ihrem Neffen, dem jungen Grafen Josef Bannosch, schon lange gesagt, daß er sich um Barbara bewerben sollte. Der dumme Junge hatte ihr niemals geglaubt. Schon zu Lebzeiten Albert von Stechows hatte sie ja überschaut, wie die Dinge werden mußten. Niemals konnte ein Mensch wie Albert von Stechow auf die Dauer in den Fesseln einer Ehe aushalten. Josef hätte sich beizeiten Barbara nähern müssen.
Aber er hatte immer geglaubt, er käme noch zurecht. Inzwischen war ihm dieser Mackenroth in den Weg gekommen. Dabei hatte Josef es jetzt wirklich nötig, sich durch eine reiche Heirat zu rangieren.
Sie wollte ihm gleich heute noch gehörig den Standpunkt klarmachen. Er mußte doch jetzt einsehen, daß Barbaras Besitztum in die Hand zu bekommen ein erstrebenswertes Ziel war. Schließlich wurde es einem ja auch zuviel, immer wieder
für den leichtsinnigen Neffen pekuniär einzusprin» gen. Besaß Josef durch die Ehe mit Barbara Schloß und Gut Schedlowitz, so waren zwei Dinge erreicht: man war selbst entlastet, und Joses war Herr über eins der größten Güter des Landes. Höheren Orts würde man sich sicher auch dankbar zeigen, wenn es der Familie von Tschewnick gelang, diesen Besitz durch Heirat wieder in die Hände einer alteingesessenen Familie zu bringen.
2. ’ Kapitel.
Barbara von Stechow ahnte nichts von den Gedanken Frau von Tschewnicks. Sie saß schön, hochmütig und ganz große Dame oben am Kopfende der glänzenden Tafel. Es klappte alles tadellos. Die Speisen, von ihrer alten böhmischen KScynr, der Marpha, angerichtet, konnten jeden Wettbewerb aufnehmen. Die Diener und Stubenmädchen servierten lautlos. Die Tafel war geschmückt mit dem alten Porzellan der Stechows. Zwischen dem Dunkelblau und Gold des Randes war das Wappen der Stechows aufgeprägt. Das gleiche Wappen trugen die kristallenen Gläser mit den goldenen Rändern und das schwere Tafelsilber. Zwischen all den schimmernden Geräten in Kristall und Silber schlangen sich duftige Ranken von frisch erblühten Sommerblumen. Der Gärtner hatte seine ganze Kunst aufgeboten, um die Tafel zu schmücken. In bunten Büscheln waren immer abwechselnd rote, lichtblaue und zartgelbe Blumensorten aneinander gebunden. In gleich breiten Girlanden lagen sie auf dem schneeigen Weiß des Damasts.
Barbara von Stechow sah die Tafel entlang. Da faßen sie alle, die zu den Zeiten ihrer Ehe mit Albert von Stechow hier im Hause verkehrt hatten. Sie hatten die Jagden mitgeritten, sie batten die Gastfreundschaft von Schloß Schedlowitz in vollem Maße genossen.
Albert von Stechow konnte nie genug Menschen und nie genug Betrieb um sich haben. Je lauter und lustiger es in seinem Hause zuging, um so wohler fühlte er sich. Barbara hatte es sich anders gedacht, als sie, kaum zwanzigjährig, Albert von Stechow die Hand reichte.
Sie hatte sich in ihn verliebt — blind, ohne zu denken. Sie hatte ihm ihr ganzes heißes Herz und ihre ganze gläubige Jugend entgegengebracht. Auf einer Schiffsreise, die sie mit ihren Eltern machte, hatte sie Stechow kennengelernt. Drei Tage waren sie zusammen, als er schon um sie geworben hatte. Bei dem ersten Worte schon hatte sie zitternd, erglühend vor Seligkeit und Liebe sich ihm ergeben. Die Welt um sie schien verwandelt zu sein. Sie sah, sie horte nichts mehr als diesen großen, schön gewachsenen Menschen mit den sprühenden, dunklen Augen, die so eigentümlich zu dem fast weißen Blond des Haares kontrastierten,
(Fortsetzung folgt!)


