Ausgabe 
3.4.1935
 
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Nr. 79 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch. 3. April (935

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Scherl-Bildmaterndienst

Ein Iugenbbildnis Bettinas nach einem Stahlstich von G. Wolf.

kreuzt hat, der hinreißenden Macht ihres Geistes entziehen können. Man hat sie den Kobold der Ro­mantik genannt, und tatsächlich ist um sie bisweilen ein Irrlichtern, ein jäher Wechsel zwischen Helle und Dunkel. Wir können den Grund ahnen, wenn wir ihre gelassene Klage vernehmen:Du glaubst nicht, wie groß oft die Sehnsucht in mir ist, zu tun; ja, wenn ich es recht bedenke, so war manche Ausgelassenheit, Mutwille, Unwille, Schmerz nichts anders als Mangel an Tun, in welches ich mein Leben hatte ergießen sollen." Und doch haftet an dieserzeitlos nahen Gestalt", wie Richard Benz sie in seinem bei R. Piper & Co. in München er­schienenen BuchBettina" nennt, nicht der Makel des Unverbindlich-Spielerischen, des rein ästhetischen Schwärmens und Genießens. Vor dem durchdrin­genden Ernst ihres geistigen Schaffens schweigt be­troffen jede Kritik.

Wie die berühmte Begegnung mit Goethe und das Wiener Zusammensein mit Beethoven das Leben desKindes" mit einem vollen Doppelklang abschließt, der ihren Namen allein schon unsterblich machen würde, so vollendet sie sich nach einer selten reichen Entwicklung in einem Dasein, das ganz auf Schutz und Hilfe für die Unterdrückten und Be­drängten ausgerichtet ist. Die Frau, um die sich die glänzendsten Geister Deutschlands zusammengefun­den haben, dringt in Berlin im Cholerajahr 1831 in die ärmsten Wohngegenden vor, um zu pflegen und zu unterstützen. Bei dem ersten schlesischen We­beraufstand fleht sie Friedrich Wilhelm IV., ihren schlafenden König", an, den Aufruhr nicht blutig niederzuschlagen. Dur Humboldt läßt sie ihm sagen:Bauen Euer Majestät den Dom nicht in den Lustgarten; bauen Sie ihn in zerstreuten Hüt­ten auf, dort, in Schlesien." In den Revolutions­

Oie 46 Handball-Gaumeister.

Nach den Meisterschaftsentscheidungen in Bayern und Nordhessen sowie im Gau Ostpreußen stehen jetzt alle 16 Handball-Gaumeister in Deutschland fest. In Ostpreußen heißt der neue Gaumeister Hinden­burg Bischofsburg.

Die Liste der Gaumei st er hat folgendes Aussehen.-

Gau Ostpreußen: Hindenburg Bischofsburg Gau Pommern: Greif Stettin Gau Brandenburg: Polizei-SV. Berlin Gau Schlesien: Post-SV. Oppeln Gau Mitte: Polizei Magdeburg Gau Nordmark: Polizei Hamburg Gau Niedersachsen: Polizei Hannover Gau Westfalen: Hindenburg Minden Gau Niederrhein: Rasensport Mülheim Gau Mittelrhein: To. Siegburg/Mülldorf Gau Sachsen: Sportfreunde Leipzig Gau Nordhessen: Kasseler Turngemeinde Gau Südwest: SV. 1898 Darmstadt Gau Baden: SV. Mannheim-Waldhof Gau Württemberg: Tbd. Göppingen Gau Bayern: Spielvereinigung Fürth.

Die Deutsche Handballmeisterschaft 19 3 5 wird erstmals auch wie beim Fußball in vier Gaugruppen begonnen. In Gruppe 1 spielen die Gaumeister von Ostpreußen, Pommern, Branden­burg und Mitte; die Gruppe 2 bilden die Meister von Schlesien, Sachsen, Nordhessen und Bayern; in Gruppe 3 sind die Meister von Niedersachsen, Mittelrhein, Baden und Württemberg vereint, und die Gruppe 4 umfaßt die Gaue Nordmark, West­falen, Niederrhein und Südwest.

Kußballabteilung

des Turnvereins 4846 Gießen

Io. 1846 I 36. 26 Grünberg I 1:0 (0:0).

Die 1. Mannschaft erschien in folgender Aufstel­lung: Tiehl; Fuß, März; Viehl, Schrod, Marien- hag-en; Zimmer, Tennesch, Schumacher, Zoch, Bal­

ser. Für den ausgebliebenen Torwart Groß sprang Tiehl von der 2. Mannschaft ein und wurde seiner Aufgabe vollauf gerecht. Die beiden sehr guten Verteidiger unterbanden durch ihr forsches Spiel fast alle Angriffe der Gäste und nahmen dem Tor­wart die meiste Arbeit ab. Mit der Läuferreihe konnte man sehr zufrieden sein, sie war der beste Mannschaftsteil, gleich gut in Aufbau und Ab­wehr. Nur der Sturm war nicht ganz aus der Höhe, und manch schöne Vorlage wurde versiebt. Ganz unter Form spielte der Halbrechte. Das ein­zige Tor fiel in der Mitte der zweiten Halbzeit durch einen Schuß des Linksaußen Balser. Der Grünberger Torwart wollte mit dem Fuß abweh­ren und lenkte den Ball ins eigene Netz. Sehr schade, daß gerade ihm dies passieren mußte; er war der weitaus beste Spieler der Grünberger. Schiri Grote- Mainzlar leitete zufriedenstellend.

Tv. 1846 II $(L 26 Grünberg II 2:1 (1:0).

Die Fußballabteilung des Tv. 1846 konnte bei ihrem ersten Auftreten in Gießen gleich zwei Siege erringen. Die 2. Mannschaft schlug die gleiche von Grünberg mit 2:1 Toren. Nachdem die körperlich kräftigeren Gießener Turner nach etwa 20 Mi­nuten einen Elfmeter verschossen hatten, konnten sie fünf Minuten später durch einen schönen Schuß des Halbrechten doch in Führung gehen. Mitte der zweiten Halbzeit fiel der zweite Treffer für die Turnermannschaft. Der Rechtsaußen flankte aufs Tor und der Torwart ließ den nassen Ball durch die Finger gleiten. Kurz vor Schluß erzielten die Gäste ebenfalls durch Elfmeter ihr Ehrentor.

\5portverein 4928 Garbenteich.

Krofdorf I Garbenleich I 1:3 (0:1).

Der Sportverein 1928 Garbenteich weilte am Sonntag mit seiner ersten Mannschaft, wie auch mit der Schülermannschaft, zu Freundschaftsspielen in Krofdorf. Die erste Elf konnte das Spiel mit starker Aufstellung bestreiten. Es entwickelte sich ein flotter Kampf, bei dem beide Torhüter ihr Können unter Beweis stellen mußten. Die Gästx

Der Kobold der Romantik.

Zum 450. Geburtstage der Bettina von Arnim am 4. April.

Ich, ich bin nichts; aber es weht eine Luft um mich, von der ich glaube, die Jugend müsse sie wie mutige Gäule mit offenen Nüstern einschnauben." Diese Worte der Bettina sind ein schönes Bekennt­nis, das den Kern ihres Wesens trifft, das demütig und stolz zugleich war, voll tiefer Einsichten und edler Gesinnung, stets bereit, dem Größeren zu die­nen und das Niedrige mit einer Herrschergeste aus seinem Reiche zu verbannen. So sehr sie schon von ihren Zeitgenossen zwiespältig beurteilt wurde, so hat sich doch niemand, der Bettinas Lebensweg ge-

jahren verdankte ihr mancher zum Tode verurteilte Mann das Leben, und sie ist es gewesen, die sich un­ermüdlich für die Rehabilitierung der vertriebenen Brüder Grimm eingesetzt hat. Nicht aus roman­tischer Stimmung, die ebenso schnell verfliegt wie sie gekommen ist, war sie eine Beschützerin der Ar­men und Getretenen, sondern aus einem leiden­schaftlichen sozialen Sinne, aus einem überquellen­den Kraftgefühl, das in ihr zu tätiger Menschen­liebe geläutert war.Sie ist in dieser Zeit der eigentliche Held, die einzige wahrhafte freie und starke Stimme" sagte Varnhagen von Ense 1844 voll Bewunderung von Bettina.

Auf die meisten Zeitgenossen, selbst auf die größ­ten unter ihnen, hat sie einen tiefen Eindruck ge­macht. Wilhelm von Humboldt mußte staunend von dem Geist des jungen Mädchens gestehen:Man ist wie in einer anderen Welt" Ihre Erscheinung war, besonders in ihrer Jugend, außergewöhnlich und be­zaubernd, wie immer wieder berichtet wird. 1809 heißt es von ihr:Von kleiner, zarter und höchst symmetrischer Gestalt, mit blassem klarem Teint, weniger blendend schönen als interessanten Zügen, mit unergründlich lmnkeln Augen und einem Reich­

tum langer schwarzer Locken schien sie wirklich die ins Leben getretene Mignon oder das Original dazu gewesen zu fein. Abgeneigt modischem Wechsel und Flitter trug sie fast immer ein schwarzseidenes, ma­lerisch in offenen Falten herabfließendes Gewand, wobei nichts die Schlankheit ihrer feinen Taille be­zeichnete als eine dicke weiße ober schwarze Kordel, deren Ende ähnlich wie an Pilgerkleidern lang herabhing ... Wer diesem eigentümlichen Wesen je­mals nahe getreten war, konnte es im Leben nicht mehr vergessen. Ihr reicher Geist, ihre sprudelnde Regsamkeit voll poetischer Glut und Phantasie, ver­bunden mit ungesuchter Anmut und grenzenloser Herzensgüte, machten sie im Umgang unwidersteh­lich." Nach aus ihren späteren Jahren entwirft Her­man Grimm ein nicht minder anziehendes Bild: Wie soll man die Macht eines Menschen beschrei­ben, jeden Moment inhaltreich zu machen, den man mit ihm zubringt? Die Anziehungskraft, der nie­mand widerstand? ... Sie brachte Licht in die Men­schen und machte sie froh und zutraulich. Alles, was mir an Erinnerungen an sie aufsteigt, ist freudiger, freundlicher Natur. Immer sehe ich sie vor mir mit ganz bedeutenden Dingen beschäftigt. Nicht einen Moment wüßte ich aufzufinden, wo ich sie kleinlich ober für ben eigenen Vorteil bemüht gesehen hätte. Sie gleicht Goethe barin in meinen Augen, bei bem auch jede Handlung von dem gleichen Licht innerer Erleuchtung, die aus ihm heraus die Dinge um ihn her anstrahlte, beschienen mar."

zeigten sich in der Folge überlegen. Im Anschluß an zwei Lattenschüsse konnte der Halbrechte von Garbenteich unhaltbar zum Führungstor einschie­ßen. Bis zur Halbzeit wurden jedoch keinerlei Erfolge mehr erzielt. Nach dem Wechsel machte der schußfreudige Sturm der Mannschaft aus Garbenteich dem Gastgeber schwer zu schaffen, der Torwart von Krofdorf hielt jedoch ausgezeichnet. In der Mitte der zweiten Spielhälfte mußte er jedoch einen vom Halblinken getretenen Ball passieren lassen. Kurz darauf kam Krofdorf zum Ehrentor. Im weiteren Verlauf des Kampfes war der Rechtsaußen von Garbenteich noch einmal er­folgreich. Beide Mannschaften lieferten sich einen fairen Kampf. Schiedsrichter Rüspeler - Gießen leitete sicher. Vor diesem Spiel trafen sich die Jüngsten beider Vereine. Garbenteich siegte mit 4:2- Toren.

Kußball im Turnverein Allendvrf/Lahn

Allendorf I Launsbach I 5:2 (3:2).

Am vergangenen Sonntag trafen sich beide Mannschaften zu einem Freunoschaftsspiel in Allen- borf. Sofort nach Anstoß entwickelte sich ein leb­haftes Spiel. Launsbach konnte burch gute Zusam­menarbeit bes Sturmes bald zwei Tore erzielen. Allenborf, in ben ersten Minuten verwirrt, fand sich allmählich besser zusammen unb konnte bis zur Halbzeit mit 3:2 bie Führung übernehmen. Zweite Halbzeit: Allenborf war nicht mehr zu halten. An­griff auf Angriff rollte auf bas Gästetor, boch fehlte immer ber entscheibende Torschuß. Erst gegen Schluß konnte Allenborf burch zwei sehr schöne Er­folge bas Spiel für sich entscheiben. Der Schlußpfiff trennte zwei fair um ben Sieg kampfenbe Mann­schaften. Der Schiebsrichter leitete einmanbfrei.

Das Olympia-Vergleichsturnen in Gießen.

Am kommenben Sonntag, 7. April, ist bie hie­sige Dolkshalle ber Schauplatz eines großen turne­rischen Ereignisses. Die Olympia-Kernmannschaften ber Turnkreise Wilhelmshöhe-Reinharbswalb, Rhön- Vogelsberg, Lahn-Dill unb Main-Kinzig werben burch bas Olympia-Vergleichsturnen bem Gebauten bes Olympia-Schulungsjahres sichtbaren Ausbruck verleihen. Dem spannenben Kampf ist insofern eine befonbere Bebeutung beizumessen, weil in ben Reihen ber Kreismannschaften fast ohne Ausnahme bie Gaubesten stehen, bie am Sonntag barauf in Koblenz ben Gau Norbhessen im Kampf gegen bie Olympia-Kernmannschaften zweier leistungs­fähiger Gaue (S ü b w e st unb Mittelrhein) zu vertreten haben. (Eröffnet wirb ber Mann­schaftskampf in der Gießener Volkshalle mit einem Fahnenaufmarsch, an dem sich die Gießener Ver­eine, die dem Reichsbund für Leibesübungen an­geschlossen sind, und etwa 50 Vereine ber näheren unb weiteren Umgebung beteiligen werben. Der ©aubeauftragte bes Reichssportführers, Verleger Meister- Kassel, unb DT.-Gauführer Brunst- Vollmarshausen werben in kurzen Ansprachen^für bas Gaufest bes Reichsbunbes werben unb babet ben Reichsbunbgebanken unb ben olympischen Ge­bauten besonbers Herausstellen.

Die Kunbgebung am 7. April will in weiteste Kreise ben Ruf tragen:Turner unb Sportler, bie ihr geeint feib im Reichsbunbe, kommt in großer Zahl zu eurem ersten Gaufeste in Gießen unb helft alle mit, baß biese erste gemeinsame Großveran­staltung eine eindrucksvolle Kunbgebung für bie beutsche Leibesübung unb ein großes Fest beutscher Volksgemeinschaft werbe!

Deutschlands Krauen-Hockey siegreich.

Holland in Amsterdam mit 5:3 (3:2) geschlagen.

Infolge des schlechten Wetters waren nur 500 Zuschauer in Amsterdam zum Frauen-Hockey- Länderkampf zwischen Holland unb Deutschland

Oie Lfflandstöchter und ihre Kreier.

Roman von 3- Schneider Koerstl

Copyright by Verlag Oskar Meister. Werdau i. Sa.

21 Fortsetzung Nachdruck verboten!

Klaudine ließ sich von Niels ben Rucksack abneh­men unb zwinkerte ihn an.Schwer, was? Lau­ter geheimnisvolle Dinge."

Post auch"

Auch einen sochen Stapel!" Sie zeigte bis unter die Hängelampe.Aber erst «zieh' ich mich um."

Einstweilen könnte ich lesen."

Nein", wehrte sie gleichmütig ab.Nachher." Ging nach ber Kammer unb wanbte sich auf ber Schwelle noch einmal um.Das ist bie Vergeltung für ben Empfang." e . .

Als Klaubine wieber herauskam, trug sie auf ihrem blauen Tuchkleid einen neuen, weißen Spitzenkragen, welcher in einer Schleife über ber Brust geknüpft war. ,

Niels plagte ber Spott.Also deshalb sind Sie so lange ausgeblieben?"

Nur deshalb, ja! Aus lauter Eitelkeit. Sie erschrak, als sie sein finsteres Gesicht sah, und schlug einen versöhnenden Ton an.Ich habe fajon beim Hinunterfahren Pech gehabt. Die Smbung ist ge­rissen, und ich konnte sie nur mit Muhe und Not wieder zusammenflicken. In Bruck bm ich dann gleich zu Sanitätsrat Hauck gegangen id) glaube, es ist bei allen Aerzten ber Welt gleich: Ich habe einen Banb illustrierter Blätter gelesen, cm Dutzend Hefte von Weltall unb Wissen, unb einehalbe Literaturgeschichte, bis ich an bie Reihe kam.

Was hatten Sie benn bei Sanitätsrat Hauck verloren?" meinte Pöttmes abfällig.

Klaubine hatte ein scharfes Wort auf der Zunge, bezwang sich aber. Das Gesicht über die Schale mit dampfendem Kaffee geneigt, die ihr von Barthelmes auf den Tisch gestellt worden war, sagte sie: ,^>ch hatte in den letzten Tagen hin unb wieber so ein bißchen Stechen, ba bekam ich Angst um meine kostbare Gesunbheit unb habe mir versichern lassen, baß ich nicht umzubringen sei. Auch ein Trost! Nichts

Statt jeder Antwort neigte Pöttmes sein Gesicht über ihre Hand.Verzeihen Sie, Klaudine." Er wußte nur zu gut, weshalb sie Sanitätsrat Hauck ausgesucht hatte.

Daraufhin bekam er seine Post. Unb während Niels sich in die Briefe vertiefte, die Bob ihm nach- geschickt hatte, tuschelte und wisperte Klaudine un­unterbrochen mit Barthelmes, ber mit Schüsseln und Tiegeln napperte. Sie lachten und kicherten und

steckten bie Köpfe zusammen.A Muserl hätt' i iahm g'macht. Einen Kinberbrei", wieberholte er auf Hochbeutsch.Aber er hat koan Gusto brauf g'hadt. Wirb er 'leicht jetzt an Hunger friagt hob'n?"

Geruch von gebratenem Huhn unb Aepfeln zog verlockenb burch bie Stube. Pöttmes schnupperte in ben Raum, unb er schielte nach ben beiben hin­über, bie kaum mehr ein Auge für ihn hatten. Ein­mal kam Klaubine mit roten Backen an ben Tisch unb nickte ihm zu.

Er strich behutsam über ihre Finger unb fragte leise.Was kriege ich benn Gutes?" Kinberbrei!"

Mit biefer Auskunft mußte er sich begnügen.

Dann aber bas Trio, als hätte es seit Wochen nichts mehr gehabt: Gebratenes Huhn, gebünftete Aepfel unb Regententorte. Dazu gab es einen gol- benen, halbsüßen Terlaner. Pöttmes rauchte von ben Zigaretten, bie Klaubine mitgebracht hatte, unb Barthelmes stopfte sich um zehn Uhr noch einmal seine Pfeife von bemguaten" Tabak, ber eben­falls aus Bruck importiert worben war.

Der Wein machte Klaubine gesprächig. Sie er­zählte alle Etappen bes verflossenen Tages, wie sie bie Nase an jebes Schaufenster gebrückt hatte, ihre Suche nach einem fetten Brathuhn, schließlich von bem alten wunberlichen Sanitätsrat Hauck.

Unb bann bie Heimfahrt! Auf halbem Wege sei eine Wagensptiche kaputt gegangen. Nach vieler Mühe habe man sie gemeinsam wieber in Drbnung gebracht. Einmal sei bas Hanbpferb bis an ben Bauch iy ben Schnee eingebrvchen, unb als es sich bann wieber herausgearbeitet hatte, seien ihre Skier nicht mehr auf bem Schlitten gewesen. Inbes sie bie Pferbe hielt, habe ber Kutscher bie an einem Latschenstrauch hängengebliebenen Bretter wieber zurückgeholt.

Klaubine blickte Pöttmes von ber Seite an.Ich habe keinen trockenen Faben mehr am Leibe ge­habt, als ich hier ankam."

Da neigte Niels sich zum zweitenmal an biesem Abenb über ihre Hanb.

- Der alte Barthelmes begriff nicht, warum bas Lächeln, bas babei um Klaubine? Munb glitt, so über bie Maßen schmerzlich war.

Nach Haslbach kam ein Telegramm, bas die bei­den lakonischen Worte enthielt:

alles verloren

Henriette."

Bob hatte sich zur Nachmittagsruhe auf dem Di­van ausgestreckt, als Luzie zu ihm ins Zimmer gestürzt kam.Lies das!"

Er sprang auf, las unb sah Luzie kopfschüttelnb an.Ich verstehe bas nicht!"

Ich auch nicht," erklärte sie und setzte sich mit zitternden Knien neben ihn.Was ist benn ver- lorep9 Wa^um Pacht sie's benn so geheimnisvoll? Wenn sie ein einziges Wort mehr depeschiert hätte.

wüßte man's." Plötzlich wurde Luzie ganz blaß und fragte hastig:Hat Henriette hat deine Mut­ter Geld in Hamburg angelegt gehabt?"

Ich weiß es nicht."

Bob, ob sie vielleicht spekuliert hat?^

Ich weiß es nicht, Luzie."

Wein' doch nicht!" bat er, als sie in Schluch­zen ausbrach.Ich zerbreche mir ja ohnehin den Kopf, was Mama damit meinen könnte, aber ich finde es nicht. Es kann sich nur um Geld handeln", setzte er dann hinzu.Was wäre es sonst, als Geld? Geh' du", bat er, als im Herrenzimmer das Tele­phon klingelte. ,^Jch kann jetzt nicht reden."

Es war Henriettes Münchener Bankier, der an­fragte, ob er die gnädige Frau für einige Minuten sprechen könne.

Die Mama ist verreist", antwortete Luzie mit noch unsicherer Stimme.

Wohin sie gefahren wäre?

Was geht ihn das an? dachte sie.Wir haben eben ein Telegramm bekommen."

Ob er wissen dürfe, was die gnädige Frau de­peschiert habe? Das gnädige Fräulein habe sicher schon von dem großen Krach der Hamburger Bank gehört. Die Verluste gingen in die Millionen.

Ja", stammelte Luzie.Ja" bann fiel ihr ber Hörer aus ber Hanb. Der Bankier konnte sich benfen was er wollte.Bob! Bob!" Er kam im Laufschritt bie Treppe herab.Die Amstelbank ist verkracht! Ich muß mich setzen komm, setz bu bich auch." Gewaltsam zog sie ihn neben sich auf bas Sofa unb faßte nach feiner Hanb. Bob war sehr blaß.

Ein paarmal wollte er zu sprechen beginnen, schüttelte ben Kopf unb preßte bie Lippen wieber zusammen.Ich werbe natürlich zu ftubieren auf­hören", würgte er enblich hervor.Das geht jetzt nicht mehr. Wenn ich nur wüßte, wo unterkom­men?"

Unb Haslbach?" fragte Luzie bagegen, währenb ihr bie Tränen ununterbrochen über bie Wangen liefen.Glaubst bu, baß es sofort unter ben Ham­mer kommen wirb? Henriette kann uns boch jetzt bie Hypothekengelber nicht mehr zinslos überlassen. Unb bie Steuern unb bie Löhne bezahlen unb alles anbere! Mein Gott, Bob. wie soll denn das werden, wie denn?"

Ich weiß es nicht."

Du weißt es nicht! Du weißt überhaupt nichts! Du bist eben ein Idiot!" Sie entriß ihm ihre Hand, stutzte, als sie in fein Gesicht sah, und schob ihre Finger wieder zwischen bie seinen.Verzeih, Bob!" Sie legte bie Wange abbittenb gegen seine Schul­ter.Ich hab's wirklich nicht so gemeint. DerJbiot" ist mir nur so herausgerutscht. Unb baß bu zu stu­dieren aufhören willst, ist Unsinn. Du hast doch deinen Bruder. Und wenn's der nicht bezahlen will, bezahle ich's. Jawohl!" sagte sie trotzia. als er lie pngläubig ansah.Ich geb einfach in Stellung Als Kindermädchen Ober Verkäuferin ober so. Für

Essen brauch' ich nicht viel. Das anbere kriegst alles bu."

Ach, Luzie! Wenn ich ..."

Laß mich boch erst fertigsprechen", fiel sie ihm gereizt ins Wort.Deine Wäsche kann ich bir auch waschen, unb was bu noch sonst hast. Unb bein Zim­mer aufräumen."

Weiter kam Luzie nicht mehr, benn Bob hielt sie plötzlich in feinen Armen. Sie wollte sich wehren, blieb bann ganz still unb brückte ben Kopf an ihn. Vielleicht wirb's gar nicht so schlimm, Bob! Wein' boch um Gottes willen nicht! Wein' boch nur nicht! Nicht!" stammelte sie unter feinen Küssen. Es bauerte lange, bis Bob Pöttmes ihren Munb frei- gab.

Bob ließ seine Finger burch ihr Haar spielen unb sah mit hochrotem Kovf auf bas Mäbchen herab. Niels muß sich für mich um eine Stellung um­sehen, er hat so viele Verbinbungen. Unb wenn ich bann irgenbroo festsitze, heiraten wir."

Den Munb halb geöffnet, strahlte sie zu ihm auf. Zwei ober brei Jahre kann ich immer noch war­ten. Ich bin ja erst Siebzehn gewesen."

Aber bu barstt nicht Kinbermäbchen werden ober Verkäuferin!" stieß er hervor.

Nur solange bu keine Stellung hast unb nichts verdienst, Bob. Du wirst sehen, wie ich spare, wenn ich deine Frau bin. Wir bringens schon wieder zu etwas. Ein kleiner Hausstand macht einem über­haupt weniger Sorgen."

Er sagteJa", küßte sie, unb horchte nur mit halbem Ohr, was Luzie noch alles für ihn tun wollte. In seinem Gehirn war ein Chaos. Er wälzte Pläne hin unb her, ließ sie wieber fallen unb ent­warf neue. Er liebte Niels sehr. Aber in biesem Augenblick war ihm ber Bruber ferngerückt wie noch nie. Dessen Reichtum unb feine Armut bas war wie eine stählerne Wanb, bie sich plötzlich zwi­schen sie beibe schob. Unb er war nun einmal arm! Die Mutter war arm, Klaubine, Luzie, alle waren sie Bettler geworben.

Ich fürchte mich, wenn bu so vor bich hinstarrst", wisperte Luzie zu ihm auf.Soll ich der Klaudine schreiben, daß sie kommen möge?"

Wozu benn?" meinte er resigniert.Auch beine Schwester vermöchte nichts mehr an dem finanziel­len Zusammenbruch zu ändern.

*

So kam es, daß Niels Pöttmes unb Klaubine einen heiligen Abenb auf ber Karrer-Hütte verleb­ten, wie er sich frieblidjer, schöner unb erhabener nicht mehr hätte verleben lassen.

Barthelmes hatte eine kleine Tanne aus ber Wölbung unten geholt. Einer ber Almhofknechte brachte von Bruck herauf Brief- unb Paketpost. Er konnte einen Fluch nicht unterdrücken, als er bie Labung auf die Hüttenbank stellte.Druckt bat bös Zeig fan leicht Stoana br»n9 A so a G'wicht hat 's g'haht,« Teuftlsg'lump!"

(Fortsetzung folgt!)