Oie Religionszugehörigkeit in Hessen.
Die Mitteilungen des Hessischen Landesstatistischen Amtes bringen interessante Angaben über die religiöse Gliederung der hessischen Einwohnerschaft, wie sie sich auf Grund der Volkszählung vom 16. Juni 1933 ergeben hat, bei der, ähnlich wie bei der 1925er Volkszählung, noch der Reliaionszugehörigkeit gefragt wurde. Hierbei wurde lediglich die äußere, rein rechtliche Zugehörigkeit zu einer Kirche, Religions- Gesellschaft oder Weltanschauungsgemeinschaft er- forscht.
Hiernach wurden in der vom Landesstatistischen Amt bearbeiteten Tabelle die Bevölkerung gegliedert in:
a) Evangelische Christen, und diese wieder 1. in Angehörige der evangelischen Landeskirchen;
2. in Altlutheraner, Reformierte und Herren- huter und 3. in Angehörige sonstiger evangelischer Religionsgemeinschaften;
b) Römisch-katholische Christen (einschließlich der uniierten);
c) Andere Christen (orthodoxe und andere morgen- ländische Christen, Altkatholiken und verwandte Christen);
d) Israeliten;
e) Angehörige anderer nichtchristlicher Religionsgesellschaften;
f) Angehörige von lediglich Weltanschauungsgemeinschaften;
g) und h) Gemeinschaftslose und solche ohne Angabe.
Die Statistik ergibt, daß sich von Zählung zu Zählung die Zahl der Gemeinden in Hessen verringert, deren Einwohnerschaft nur einem Bekenntnis angehört und daß die Zahl der konfessionell stärker gemischten Gemeinden größer wird. Don wenigen Ausnahmen abgesehen, gehörten die heute noch überwiegend katholischen Gebiete bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts dem Kurbistum Mainz an. Es zeigt sich auch, daß die Wanderungsbewegung wohl mit der handarbeitenden Bevölkerung eine ständig voranschreitende Mischung der Konfessionen bewirkt. Gemeinden ohne evangelische Einwohner, die der Landeskirche angehören, gab es nach der Statistik nicht, wohl aber 143 Gemeinden in den Provinzen Starkenburg und Oberhessen ohne Römisch-katholische.
In früher fast rein evangelischen Bezirken hat sich die katholische Minderheit wesentlich verstärkt, z. B. in Darmstadt und Gießen. In Mainz dagegen hat die evangelische Minderheit stark zugenommen. Der Rückgang im Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung ist sehr deutlich. Die Zahl der „Gemeinschaftslosen" findet ihre Ursache in der jetzt wohl mehr zurückgehenden Kirchenaustrittsbewegung in den Industriezentren, so daß die beiden großen Konfessionen in den letzten zwanzig Jahren kleine Rückgänge zu verzeichnen hatten.
Wie sich die Religionszugehörigkeit der beiden großen Bekenntnisse und der Juden im letzten Jahrhundert im jetzigen Hessen absolut und relativ, wie auch im Vergleich zum Reich entwickelt hat, zeigt die nachstehende Uebersicht.
Hessen, absolute Zohlen.
Gliederungszahlen in Hessen.
Volkszählungsjahr
Evang.
Röm.-Kath.
Israeliten
1828
482 745
181 559
21236
1871
584 391
239 088
25 373
1880
635 474
269 384
26 746
1890
666 118
293 651
25 531
1900
746 201
341 570
24 486
1910
848 004
397 549
24 063
1925
891 867
415 685
20 401
1933
933 473
439 048
17 888
Volkszählungsjahr
1828
Evang. 70,3
Röm.-Kath.
26,4
Israeliten
3,1
1871
68,6
27,9
3,0
1880
67,4
28,8
2,8
1890
67,1
29,6
2,6
1900
66,6
30,5
2,2
*1910
66,1
31,0
1,9
1925
66,2
30,8
1,5
1933
65,3
30,8
1,2
Gliederungszahlen im Reich*.
Evangelische.
Römisch-Katholische.
Israeliten.
1871 1905
Sonstige.
1910
1925
1933
1871
1905
1828
3,2 1,6 2,5 2,7 2,7
1,0 2,1
Kreis Kreis Kreis Kreis Kreis
Kreis Kreis Kreis Kreis Kreis
Alsfeld Büdingen Friedberg Lauterbach Schotten
Stadt Gießen übr. Kreis Gießen
3,7 2,3
3,0 3,2 3,7 0,5
2,6
1910
85,7 96,7 92,4 94,4 74,7
92,8 96,8
1910
10,1
1,5
5,3
2,2
22,7
6,3
0,8
1910
3,3
1,5
2,3
2,6
2,4
0,9
2,0
Stadt Gießen übr. Kreis Gießen Kreis Alsfeld Kreis Büdingen Kreis Friedberg Kreis Lauterbach Kreis Schotten
Stadt Gießen übr. Kreis Gießen
1871
6,0 0,3
4,7
1,3
21,0
6,1
0,3
1925
84,9
96,8
92,8
94,1
74,0
92,8
97,2
1925
3,0
1,2
1,8
2,1
1,8 0,8
1,6
1933
9,8
1,3
5,1
2,8
22,4
5,8
0,1
1933
2,4
1,0
1,4
1,9
1,6
0,8
1,1
1905
9,5
1,3
5,2
2,3
22,2
5,9
0,6
1828
2,7
2,8
2,4
3,1
3,5
0,1
2,5
Alsfeld Büdingen Friedberg Lauterbach Schotten
Stadt Darmstadt übr. Kreis Darmstadt Stadt Gießen übr. Kreis Gießen
wir bezüglich der konfessionellen Gliederung einzelner hessischer Kreise und Städte folgende Zahlen (in Prozenten) seit 1828:
1925
9,9
1,2
5,1
2,9
23,1
6,3
0,7
Stadt Darmstadt übrig. Kreis Darmstadt Stadt Gießen übr. Kreis Gießen Stadt Mainz übr. Kreis Mainz
Stadt Mainz übr. Kreis Mainz
1871
90,1 97,3 92,2 95,1
75,2 93,4 97,0
1828
5,5 0,3
5,0 1,1
21,5
6,4 0,3
1828
91,8 96,8
92,5 95,3 75,0 93,5 97,1
1933
85,9 97,4 93,3
95,1
74,8 93,4
97,6
1905
86,7 96,9
92,3
94,7 74,9
93,1 97,1
Die konfessionelle Entwicklung und Gliederung von Ob er Hessen in den Jahren 1828, 1871, 1905, 1910, 1925 und 1933 weist folgende Zahlen auf:
Volkszählungsjahr
Evang.
Röm.-Kath.
Israeliten
1828
—
—
_
1871
62,3
36,2
1,2
1880
62,6
35,9
1,2
1890
62,8
35,8
1,1
1900
62,5
36,1
1,0
1910
61,6
36,7
0,9
1925
64,1
32,4
0,9
1933
62,7
32,5
0,8
Den landesstatistischen
Mitteilungen
entnehmen
Evang.
Röm.-Koth.
1828
1933
1828
1933
88,6
77,8
9,0
17,5
t 95,6
91,1
1,0
5,0
91,8
85,9
5,5
9,8
96,8
97,4
0,3
1,3
14,5
36,4
80,7
56,6
14,6
18,7
83,3
78,9
Israeliten
Sonstige
1828
1933
1828
1933
2,4
1,5
—
3,2
3,3
0,8
0,1
3,1
2,7
2,4
—
1,5
2,8
1,0
0,1
0,3
4,8
2,0
■—
5,0
2,1
0,6
—
1,8
Stadt Gießen 0,0 übr. Kreis Gießen 0,1 Kreis Alsfeld 0,1
Kreis Büdingen 0,5
Kreis Friedberg 0,0
Kreis Lauterbach 0,0
Kreis Schotten 0,1
0,2 0,6 0,9 2,2 1,5 0,1 0,2 0,3 0,8 0,3 0,1 0,0 0,0 0,3 0,1 0,4 0,3 0,8 0,9 0,2 0,1 0,2 0,2 1,1 1,2
0,0 0,0 0,0 0,1 0,1 0,1 0,2 0,4 0,5 0,2
Die Volkszählung vom 16. Juni 1933 ergab für die fünf größten Gemeinden des Kreises Gießen folgende Zahlen:
Gießen: Wohnbevölkerung: 35 913. Hiervon waren 30 305 Angehörige der Evangelischen Landeskirche, 9 Altlutheraner, 668 evangelische Sekten, 3534 Römisch-katholische, 3 Orthodoxe, 5 Altkatho-
* Rach dem jeweiligen Gebietsumfang. Rechnet man die Zahlen für 1910 auf den Gebietsstand von 1925 um, so waren 66,0 v. H. evangelisch, 32,6 v. H. römisch-katholisch und 0,9 H. israelitisch.
lische, 855 Israeliten, 56 andere Nichtchristen, 436 Gemeinschaftslose, 42 ohne Angabe.
Wieseck: Wohnbevölkerung: 3832. Die entsprechenden Zahlen sind: 3590 Evangelische, 27 evangelische Sekten, 68 Katholiken, 39 Israeliten, 32 andere Nichtchristen, 58 Gemeinschaftslose, 18 ohne Angabe.
Heuchelheim: Wohnbevölkerung: 2964. 2885 Evangelische, 11 evangelische Sekten, 33 Katho
liken, 12 Israeliten, 2 andere Nichtchristen, 21 Gemeinschaftslose.
L i ch : Wohnbevölkerung: 2926. 2632 Evangelische, 41 evangelische Sekten, 173 Katholiken, 73 Israeliten, 2 andere Nichtchristen, 1 Gemeinschafts« loser, 4 ohne Angabe.
Grohen-Linden: Wohnbevölkerung: 2581. 2531 Evangelische, 10 evangelische Sekten, 7 Katholiken, 28 Israeliten, 5 Gemeinschaftslose.
Obecheffen.
Neue Bürgermeister und Beigeordnete im Streife Lauterbach.
Das Personalamt des Hessischen Staatsministers gibt bekannt: Ernannt wurden zu Bürger- meistern: Heinrich Lerch in Allmenrod, Johannes Fischer VIII. in Bernshausen, Thomas Stock in Blitzenrod, August Rasch in Freiensteinau, Heinrich Lind VII. in Grebenhain, Georg Wilhelm Weißgerber in Heblos, Heinrich G r e b in Hörgenau, Heinrich Weller II. in Maar, Heinrich Eifert II. in Metzlos-Gehaag, Heinrich Flach III. in Radmühl, Georg Geisel in Reuters, Johannes Hofmann in Reichlos, Heinrich Konrad W i e n o l d in Stockhausen, Theodor W i l l m a n n in Steinfurt, Joh. Beyer I. in Schlechtenwegen, Konrad Lips V. in Unter- Schwarz, sämtlich im Kreise Lauterbach; zu Bei - geordnet en: Johannes Habermehl V. in Allmenrod, Karl Roth in Engelrod, Theodor Schaaf in Eichenrod, Konrad Schultheiß in Freiensteinau, Georg Fölsing II. in Heblos, Johannes Lachmann II. in Hemmen, Heinrich Seibert in Heisters, Konrad Wiegel in Rimlos, Georg Karl Habermehl in Rixfeld, Karl F a u ft in Rudlos, Karl Bloch in Schlechtenwegen, Johannes Alles in Unter-Schwarz, Heinrich Diehl in Wernges, sämtlich im Kreise Lauterbach.
Landkreis Gießen.
cf Heuchelheim, 2. Jan. Das Gießener S t a d t t h e a t e r, das schon öfter in Heuchelheim mit großem Erfolg gastierte, gab am Neujahrstag hier wieder eine Vorstellung. Der Turnverein hatte die Turnhalle zur Verfügung gestellt, die durch ihre geräumige Bühne und durch die gute Akustik die Aufführung sehr gut zur Wirkung kommen ließ. Etwa 800 Besucher hatten sich eingefunden; bereits eine Stunde vor Beginn war der Saal bis auf den letzten Platz besetzt. Zur Aufführung gelangte die Operette „Das Land des Lächelns", die unter der Spielleitung von Heinrich Hub gegeben wurde. Die Aufführung fand lebhaften Beifall.
* W i e s e ck, 2. Jan. Die Mitglieder des Tur n- Vereins und deren Angehörige hatten sich zahlreich zur Siloesterfeier bei Gastwirt Braun eingefunden. Diese zur Tradition gewordene Feier nahm auch in diesem Jahre einen ansprechenden Verlauf. Eine gut besetzte Musik-Kapelle war um die Unterhaltung der Besucher besorgt. Ein Schwank in drei Akten wurde mit viel Geschick zur Aufführung gebracht. Das folgende Singspiel war für die Darstellenden ebenfalls ein voller Erfolg. Vereinsführer D a u p e r t begrüßte Mitglieder und Gäste und umriß kurz die turnerischen Begebenheiten des Jahres 1934. Er wies u. a. darauf hin, daß in dem verflossenen Jahr nicht nur ein Wiederaufstieg im deutschen Volke, sondern auch in den Vereinen Platz gegriffen hätte. Auch der hiesige Turnverein habe in turnerischer Hinsicht große Leistungen vollbracht. Für die reibungslose Durchführung der vielen Veranstaltungen sei auch den Mitarbeitern,sowie Turnern und Turnerinnen, die sich in den Dienst der guten Sache stellten, gedankt. Die geleistete Arbeit gelte nicht nur der DT., sondern in erster Linie unserem Vaterland, denn die Aufgaben des Vaterlandes stünden über denen des Verbandes. So solle auch im kommenden Jahr im Sinne des Turnvaters Jahn weitergearbeitet werden. Verdienten Mitgliedern des Vereins konnte eine besondere Ehrung zuteil werden. Es erhielten mit Worten des Dankes Karl Schäfer für 50jährige, sowie Heinrich Schreiner, K. Wehrum und Hch. Deibel für 25jährige treue Mitgliedschaft je ein Ehrendiplom. Desgleichen konnten an 46 Teilnehmer der
Saartreuestaffel kleinere Urkunden ausgegeben werden. Eine große Anzahl Wetturner und -Turnerinnen, die an Bezirks-, Kreisfesten usw. teilnahmen und preisgekrönt heimkehren konnten, wurden ebenfalls durch Ueberreichung von Diplomen geehrt. Die Turner S ch ö f f m a n n und Lettin, die sich auf dem Gebiet des Kunstturnens einen Namen gemacht haben, wurden besonders gefeiert. Turner S ch ö f f m a n n konnte mit der Meisterschafts-Plakette des Vereins ausgezeichnet werden. Der Verein kann stolz darauf sein, daß auch diese beiden Turner, die bei dem Bezirks-Kunstturnwettkampf in Bad-Nauheim glänzend abschnitten, als Anwärter für die Olympiade 1936 in Berlin verpflichtet wurden. Das ausgebrachte „Gut Heil" auf unseren Führer, unser Volk und Vaterland wurde begeistert aufgenommen. Unter der Stabführung von Chormeister Meyer brachte die Gesangs-Abteilung noch zwei schöne Lieder zu Gehör.
§ Mainzlar, 2. Jan. Seit einigen Wochen ist man in unserer Gemeinde mit Wegebauarbei- t e n unterhalb der Bahngleise der Strecke Lollar— Grünberg beschäftigt. Die Arbeiten schreiten gut vorwärts. Ferner wird der Weg vom ersten Bahnübergang oberhalb der Bahn bis direkt zum Werk (Di- dier-Werk) chaussiert, für diese Strecke ist auch ein Bürgersteig vorgesehen. Mit der Gangbarmachung dieser Wege wird besonders den auf dem hiesigen Werk beschäftigten Arbeitskameraden sowie den Anwohnern des Werkes ein langgehegter Wunsch erfüllt. Ferner dürfte die Instandsetzung auch für die übrige Dorfbevölkerung von großem Nutzen sein.
4- Grünberg, 2. Jan. Am Samstagabend veranstaltete der Sturm 3/116 im Gasthaus „Zum Taunus" einen Kamera dschafts- abenb. Sturmführer Dapper sprach Begrüßungsworte und gedachte der Gefallenen. Weiterhin sprach noch Unterfeldmeister Rockel, der auch das Sieg-Heil auf Führer und Vaterland ausbrachte. Große Heiterkeit brachte der Nikolaus, der einzelnen kleine Scherzgeschenke mit dazu passenden Gedichten überreichte. Gemeinsame Lieder, ernste und humoristische Gedichte, sowie Musikvorträge schufen einen Wend, der recht geeignet war, den Kameradschaftsgeist zu pflegen.
4- Grünberg, 2. Jan. Am Neujahrstage gab der hiesige Musikverein (Feuerwehrkapelle) ein Konzert in der Turnhalle, das recht gut besucht war. Die Kapelle, verstärkt durch einige Mitglieder der Musikvereine Laubach und Stangenrod, spielte unter Leitung ihres Kapellmeisters Walter Horst in Stärke von 28 Mann. Ihre Darbietungen, die auf beachtlicher Höhe standen und von guter Schulung zeugten, fanden starken Beifall, was sie zu manchen Zugaben veranlaßte. Besonders gut gefielen auch zwei Fanfarenmärsche für Kesselpauken und Heroldstrompeten. An das Konzert schloß sich ein Ball an.
ch Lauter, 2. Jan. Die Gemeindeobst- anlagen waren in den letzten Jahren etwas in Unordnung geraten Diese ist aber nicht auf Vernachlässigung seitens der Gemeindeverwaltung zurückzuführen, wie man aus einem kürzlichen Bericht schließen könnte, sondern sie ist in erster Linie der Feldbereinigung zuzuschreiben, die in den letzten
gegen spröde Haut
Die Eichelhäher Haffen mich.
Von Paul Eipper.
Eigentlich habe ich überhaupt keine Veranlassung, dem Eichelhäher gut zu sein. Er ist einer der schlimmsten Schädlinge unserer Wälder, zerstört rücksichtslos fremde Nester und hat viele Singvogel- Junge auf dem Gewissen. Aber ich kann mir nicht helfen, sein Aussehen gefällt mir immer wieder, und ich bewundere auch seinen Mut, wenn er beispielsweise den Kampf mit der Kreuzotter aufnimmt, der kleine, weinrote Raufbold mit dem wunderschönen, schwarz-blau-weißen Spiegelschild auf den Schwingen.
Doch selbst wenn der Singvogelschutz-Gedanke nicht so tief eingewurzelt wäre in mir, hätte ich einen persönlichen Grund zur Verärgerung über den Eichelhäher. Er verdarb mir so manche geruhsame Pirsch im Wald; zuweilen frage ich mich, ob es denn wirklich so sein kann, daß der Eichelhäher aus boshafter Freude am Unfug meine Wege stört.
Verdorbene Pirsch.
Da habe ich mich einmal im vergangenen Sommer in langsamstem Zeitlupentempo durch den Forst getastet, wie ein indianischer Kundschafter jeden Zentimeter Boden abgesucht, ehe ich den Fuß zum nächsten Schritt vorsetzte, damit kein Aestchen knackt und jedes Geräusch unterbleibt. Ich wollte nämlich zur Waldwiese kommen, wo um diese Zeit die Reh- kitzen mit ihren Müttern spielen, wollte still unter einem Strauch liegen und zuschauen.
E^lohnt sich schon, auf zwölfhundert Meter Weg eine Stunde des Anschleichens zu verwenden. Alles scheint auch zu glücken; schon sehe ich durch die lichter stehenden Päume auf das Grün der Wiese; noch fünf behutsame Schritte, im Haken nach rechts, denn qradeaus liegt ein dürrer Zweig, nun unterscheide^ ich mehrere rötliche Punkte, ^ M?ewegen. das zur Abendäsung ausgetretene Rehwlld.
In ganz kleinen Rucken bucke ich mich, gleich werde ich den Busch erreicht haben, kann> mich un- besorgt ausftrecfen. Da lärmt es meinem Kops, schreit gellend wie <eIn kind, das schlimm geprügelt wird, ratscht und kreischt abscheulich. Die Rehe werfen ihre Kopse hoch: sie können mich zwar Nicht Wittern, roetl. öer Lind von ihnen zu mir ftrömt; aber der Rodau dauert fort, und deshalb ftuchten sie - alle Fälle. Dafür setzt sich der E'chelhaher n schönster Sicht etwa zwei Meter von mir ent ernt aus einen Ast und glättet stumm das Brustgesieder
Ein anderes Mal beschrieb Milder Speschrt Förster genau die Stelle, wo mit „tödlicher Sl-yer
heit" der Brunfthirsch orgelnd aus dem Dickicht tritt; aber es war sinnlos, auch nur einen Versuch zu wagen, denn schon hundert Meter hinter der Försterei hängten sich zwei Eichelhäher über mich und flogen mir getreulich voran, erzählten auf turbulenteste Weise der ganzen Waldwelt, daß nun ein Mensch erscheine.
Natürlich weiß ich, daß dieses Benehmen eine Gattungseigenschaft der Häher ist, und doch bilde ich mir manchmal ein, die Sippe dieser Vögel habe einen besonderen Groll auf mich, so, als stünde mein Name auf der schwarzen Liste der Eichelhäher. Ich kann dafür auch einen Grund angeben: ich habe nämlich das Eichelhäherweibchen eines Abends beim Baden überrascht!
Frau Eichelhäher im Bade.
Damals verlebte ich einen ganzen Tag an einem kleinen, stillen Waldsee in Mecklenburg, beobachtete die Käfer, Frösche und Libellen, sah, wie eine dicke Hummel genüßlich Nahrung aus einer Blüte trank und jäh fortaescheucht wurde von einer viel kleineren Wespe, die im Sturzflug heranpreschte und den gutmütig-tolpatschigen Hummelvetter ganz einfach aus dem Sattel schmiß. Dann nahm sie selber Platz am wohlgedeckten Tisch und bürstete mit dem hinteren Beinpaar behaglich ihren Körper.
Ich erlebte damals am Seegrund den Wandel der Sonne von Ost nach West, sah das Spiel der Lichterflecken auf dem Wasserspiegel kommen und gehen, genoß die Silberhelle und das samtene Dunkel, hörte den quakenden Gesang der Frösche und verfolgte die Wanderung des roten Abendleuchtens an der Borke der Kiefern.
So still lag ich am Uferrand, daß eine ganze Weile eine Seejungfer auf meinem nackten Oberarm ausruhte, zierlichstes Libellengeschöpf mit leuchtend rotem Nadelleib. Begreiflich, daß mich diesmal auch das Eichelhäherpaar nicht entdeckte, das unter polterndem Geschwätz sich jagte, die Stille dieser Waldseeschlucht kreischend aufrüttelte.
Das Lärmen hielt wohl ein Viertelstunde an; plötzlich trennten sich die beiden Vögel. Der eine bäumte in der breiten Buche auf; der andere strich zum See hinunter, hüpfte bis an den Uferrand und badete wie eine Möwe, mit Geplätscher, mit anmutig komischen Verrenkungen des ganzen Körpers. Zuerst wurde getrunken, dann die rotgraue Brust ein wenig naß gemacht; Rückzug auf den trockenen Stein; erneuter Vorstoß ins Wasser; dies- mal ein Schrittchen weiter, und jetzt scheint das Vergnügen sich völlig zu entfalten: man taucht und spritzt, erzeugt mit Bücken und Wippen sprühenden Gischt, zetert, gibt sich hemmungslos dem Sommer- vergnügen hin.
Mehr als fünf Minuten dauerte das Bad; dann schüttelte sich Frau Eichelhäher und weil das in einer Sonnenbahn vor sich ging, sprühten die Wassertropfen wie Perlen und Diamanten.
Neugierig forschend schauen dantt die schwarzen Vogelaugen umher; Flügelschlagen; etwas unbeholfen flattert die Häherin zum nächsten Busch, von dort nach dem morschen Uferbaum, an dessen muffiger Rinde sie sich festklammert wie eine Fledermaus und mit ausgespreizten Flügeln hängenbleibt, damit die Abendsonnenstrahlen möglichst schnell jedes Federchen trocknen können.
Ich weiß, es war töricht; aber ich habe mich nach einer Weile aufgerichtet, und so entdeckten mich die beiden Eichelhäher, das Männchen, das im Buchenwipfel Wache hielt, und die zum Trocknen aufgehängte Frau. Sie haben beide tüchtig geschimpft; kein Wunder also, daß ich bei den Eichelhähern besonders schlecht angeschrieben bin.
Oas absonverliche Genie.
Daß geniale Menschen ihre Eigenheiten haben, ja, daß sie häufig geradezu Sonderlinge sind, wissen wir von vielen berühmten Beispielen. Manche von diesen Geschichten mögen glatt erfunden oder doch anekdotisch ausgeschmückt worden sein, sie haben doch fast alle einen Kern innerer Wahrheit. Daß Schiller sich angeblich durch den Geruch fauler Aepfel, von denen immer einige in der Schublade seines Schreibtisches gelegen haben sollen, z"m Arbeiten anregen ließ, ist allgemein bekannt. Christian Dietrich Grabbe, der kein Verächter des Rums war, pflegte feiner tiefen Weltverachtung in einer besonders drastischen Weise Ausdruck zu verleihen; er zog die Hose herunter und setzte sich auf eine Weltkarte — eine nicht mißzuverstehende Handlung. B j ö r n s o n verstreute auf seinen Spaziergängen Blumensamen in alle Winde und versuchte mit großer Leidenschaft, auch seine Freunde dazu zu bewegen. Von Ibsen wird erzählt, daß er die einzelnen Auftritte seiner Dramen durch kleine Figuren mit Tierfratzen darstellte. Offensichtlich verband er mit jeder Figur einen ganz bestimmten Charakter, und die Gegenüberstellung auf dem Schreibtisch diente ihm dazu, wie Waldemar Keller in der „Leipziger Jllustrirten Zeitung" ausführt, die psychologische Linie des Werkes einzuhalten. Strind- berg war ein Mensch mit besonders vielen Eigenheiten; vor allem konnte er nicht mit ansehen, wenn jemand aß. Außerdem verweigerte er oftmals jede Speise, denn er lebte zeitweise in der Furcht, vergiftet zu werden. Ueber Victor Hugos Schweigsamkeit gibt es eine Reihe Anekdoten; höchstens zu
einer Frage soll er den Mund geöffnet haben. Alexander Dumas der Jüngere hatte die Gewohnheit, sich nach Erscheinen eines seiner Bücher ein Gemälde zu kaufen; außerhalb dieser Zeit aber fehlte ihm jeder Anreiz dazu. In einem bestimmten Abschnitt seines Lebens, in dem feine besten Werke entstanden sind, war Zola der festen lieber- zeugung, schwer gehirnkrank zu sein. Balzacs seltsame Arbeitsweise ist Gegenstand vieler Anekdoten geworden: um 18 Uhr legte er sich schlafen, erhob sich um Mitternacht und unterbrach dann die Arbeit nur, um die Kaffeemaschine in Gang zu bringen. Während der ganzen Zeit trug er eine weiße Mönchskutte. Gustave F1 a u b e r t pflegte sich auf dem Teppich zu wälzen, wenn ihm ein Satz nicht gelingen wollte. Thackeray hatte die Gewohnheit, den Hut zu lüften, sobald er an dem Hause vorbeiging, in dem sein Werk „Vanity Fair" entstanden ist. Bret Harte, der Verfasser der „Kalifornischen Novellen", ließ sich gern durch die dunkle Nacht fahren, weil ihm dann die beste Stimmung zur Arbeit kam. Außerdem war er stets geschmeichelt, wenn man ihn für einen Engländer hielt. Arthur Conan Doyle, der Schöpfer des weltbekannten Sherlock Holmes, verschmähte einen Mantel auch im strengsten Winter und hielt sich einen großen Teil des Tages auf dem Golfplatz auf.
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Hans Zeiß, zweiter Direktor des Archäoloaischen Instituts des Deutschen Reiches in Frankfurt, ist zum ordentlichen Professor für Vor- und Frühgeschichte an der Universität München ernannt worden.
Professor Dr. Friedrich Karl von Faber, Ordinarius an der Universität Wien, ist zum ordenr- lichen Professor der Botanik an der Universität München ernannt worden.
Professor Dr. Walter Jacobi in Magdeburg ist zum ordentlichen Professor in der Medizinischen Fakultät der Universität Greifswald ernannt worden.
Professor Dr. Heinrich Koppe, Extraordinarius an der Technischen Hochschule Braunschweig, ist zum planmäßigen ordentlichen Professor für Flugmeteorologie in Braunschweig ernannt worden.
Im Alter von 62 Jahren starb der Professor für Anatomie und Direktor des Anatomischen Instituts der Universität Heidelberg, Geheimrat Dr. Erich Ka11ius. Der Verstorbene, der früher in Göttingen, Greifswald und Breslau wirkte, war Herausgeber der Zeitschrift für Anatomie und Entwicklungsgeschichte.
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