Aus der Provinzialhauptsia-i
OerLnventurverkauf 1935
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ftrafe von 6 Monaten.
Wegen Verächtlichmachung der wurde der Bernhard B r a n d u s
Amt für Volkswohlfahrt, Ortsgruppe Sießen-Glid.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, Zahlung genommenen Kohlengutscheine am
Gardinen: Teppiche und sonstiger Fußbodenbelag, einfarbige Gardinen, Vorhang- und Möbelstoffe. — e) Manufakturwaren: einfarbige Stoffe jeder Art, gemusterte Kammgarnstoffe, einfarbige Wäschestoffe jeder Art. — l) W ä s ch e : weiße Leib- und Oberwäsche jeder Art, Erstlingswäsche, Bettwäsche, Küchenwäsche und Handtücher. — g) Trikotagen: Trikot-Unterkleidung jeder Art. — h) Handarbeiten: Handarbeitsgarne, Stick- und Strickmaterialien. — i) Kurzwaren: Kurzwaren jeder Art. — j) B e t t w a r e n : Inletts, Stepp- und Daunendecken, Reife- und Schlafdecken, Bettfedern, Kapok und sonstiges Betten- Füllmaterial, Matratzen, Reformbetten, Matratzenschoner, Bettstellen. — k) Fahnen und Fahne n st o f f e : Fahnen und Fahnenstoffe jeder Art.
2. Schirme und Stöcke. ,
3. Schuhwaren.
4. Luxus-, Galanterie- und Lederwaren.
5. Reiseartikel.
6. Glas-, Porzellan- und Steingutwaren.
7. Haus- und Küchengeräte.
8. Pelze und Pelzwaren.
Gefängnis-
Reichsregierung aus Gießen zu
ren, oft wochenlangen Betätigungen zu nennen. Im Juli 1921 erfolgte der erste Großeinsatz im Katastrophenschutz anläßlich des 4 Wochen dauernden gefährlichen Moorbrandes bei Elsterwerda und dann später die schnell aufeinanderfolgenden Hilfeleistungen anläßlich von Naturkatastrophen, die ihren Höhepunkt in dem Großeinsatz bei der Unwetterkatastrophe im Erzgebirge August 1927 und den zahlreichen Einsätzen bei Ueberschwemmungen und Bränden im Verlauf der nächsten Jahre hatten.
Der die Technische Jtotfjilfe beherrschende Httfs- gedanke und seine erfolgreiche praktische Auswirkung sind unverkennbar.
Zu wissen, daß für jede Not Hilfe steht, beruhigt, und noch mehr, wenn man der Ueberzeugung sein kann, daß die organisatorischen Vorbereitungen eine schnelle und sachgemäße Hilfeleistung gewährleisten.
Ortsgruppe Gießen des Bundes der Gaarvereine.
Leiter: Polizeihauptwachtmeister Thum, Tleuen Baue 4, II.
Sämtliche Anfragen von Abstimmungsberechtigten sind an die Saarobleute zu richten, die zu jeder Auskunft und Unterstützung gerne bereitstehen.
Saarobleute sind:
1.Oberarzt Dr. Rauh, Gießen, Universitäts- Augenklinik,
2.Verwaltungs-Oberinspektor Hentschel, Gießen, Velckerskraße 12,
3. Gerichtsreferendar koch, Gießen, hitlerwall 51.
Anfragen wegen des Transportes zur Abstimmung sind an den Transportierter Thum oder den stellvertretenden Transportleiter k o ch zu richten (Anschriften siehe oben). Abfahrt und Rückkunft des Sonderzuges Tlr. 15, der von Gießen aus fährt, wird jedem rechtzeitig bekanntgegeben werden.
Käse, das Stück 4 bis 10, Eier (frische) 12 bis 13, (inländische Kühlhauseier) 10 bis 13, (ausländische) 10 bis 13, Wirsing, das Pfund 8 bis 10, Weißkraut 6 bis 8, Rotkraut 12, Gelbe Rüben 8 bis 10, Rote Rüben 8 bis 10, Spinat, 12, Unterkohlrabi 8, Grünkohl 10 bis 12, Rosenkohl 20 bis 25, Feldsalat 70, Zwiebeln 10 bis 12, Meerrettich 25 bis 50, Schwarz, wurzeln 22 bis 25, Kartoffeln 4 Pf., der Zentner 3,20 bis 3,40 Mark, Aepfel, das Pfund 10 bis 15 Pf., Birnen 10, Honig 45 bis 50, junge Hähne 85 bis 90, Suppenhühner 75 bis 80, Gänse 80 bis 85, Tauben, das Stück 50 bis 60, Blumenkohl 20 bis 50, Endivien 10 bis 15, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 10, Sellerie 10 bis 30 Pf.
Bornotizen.
— Tage Skalen der für Donnerstag: Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Grüß' mir die Lore noch einmal". — Astoria-Lichtfpiele, Seltersweg: „F. P. 1 antwortet nicht".
unsere Nachbarn nur fleißig genug üben lassen — haben wir allesamt den Dreh heraus, und geht es erst richtig los ...
denburg" ein zu einem Lichtbildervortrag von Stadtbaurat G r a v e r t über „Die Entwicklung der hessischen Stadt". Eintritt frei!
Deutsche Arbeitsfront.
AS.-Gemeinschast „Kraft durch Areude".
„Freischütz"- Aufführung am 6. Januar. Die bestellten Theaterkarten sind bis spätestens Freitag, 4. Januar, auf unserer Geschäftsstelle, Schanzenstraße 18, Zimmer 10 und 11, abzuholen.
Daten für Freitag, 4. Januar.
1643: der englische Mathematiker, Physiker und Astronom Sir Isaak Newton in Woolsthorpe geboren (gestorben 1727); — 1785: der Sprach- und Altertumsforscher Jakob Grimm in Hanau geboren (gestorben 1863); — 1839: Karl Humann, Leiter der Ausgrabung von Pergamon, in Steele im Rheinland geboren (gestorben 1896); — 1849: der Begründer der deutschen Kurzschrift, Franz Taver Gabelsberger, in München gestorben (geboren 1789); — 1880: der Maler Anselm Feuerbach in Venedig gestorben (geboren 1829); — 1913: der preußische Generalseldmarschall Alfred Graf von Schliessen in Berlin gestorben (geboren 1833); — 1915: der Historienmaler Anton von Werner in Berlin gestorben (geboren 1843).
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 3. Jan. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,50 bis 1,55 Mark, Landbutter 1,42 Mark, Matte 25 Pf.,
3 Monaten Gefängnis verurteilt.
Zwei junge Männer aus Gießen wurden wegen Widerstandes und Beleidigung zu je 2 Monaten Gefängnis verurteilt. Der Bruder der Angeklagten versäumte wiederholt die Fortbildungsschule. Als er schließlich von einem Beamten vorgeführt werden sollte, setzten die Angeklagten dem Beamten erheblichen Widerstand entgegen und ergingen sich ihm gegenüber in schweren Beleidigungen.
fall, wie überhaupt bei irgendwie auftretenden Notständen auf die Einsatzbereitschaft jederzeit zurückgegriffen werden kann. Ihre Hilfeleistung ist die zwangsläufige Folge bzw. Auswirkung des in der Technischen Nothilfe gepflegten
Geistes der Hilfs- und Opferbereitschafk.
In vieler Hinsicht interessant sind die bei Durchführung der Aufgaben infolge der wechselnden Veränderungen des Charakters der Notstände hervorgerufenen Schwergewichtsverschiebungen und -Verlagerungen. Nachlassende Einsatztätigkeit in lebenswichtigen Betrieben bewirkte nicht etwa einen Zustand idyllischer Ruhe für die Technische Nothilfe, sondern die Atempause wurde benutzt, um den Apparat zu überholen und die Auf- und Ausbauarbeit systematisch und planvoll durchzuführen. Währenddessen sorgte die zufälligerweise oder auf „höhere Gewalt" oder auf andere Gründe zurückzuführende stärkere Aktivität im Katastrophenschutz für den Pulsschlag der Organisation. Von einer Seite zur anderen schlägt das von den Verhältnissen in seiner Bewegung abhängige Pendel aus, immer aber um den Punkt herum, an dem steht: Beseitigung von Notständen.
Schnell stellt sich der TR.-Apparat auf die Notwendigkeiten ein und um.
Keine merklichen Spannungen entstehen, alles vollzieht sich in Ordnung. Oft genug hat dies Bewunderung erregt und oft genug ist die Organisations- kunst anerkannt worden. Nicht zuletzt ist das Geheimnis dieser „Kunst" darin zu erblicken, daß die verschiedenartige und verschieden starke Beanspruchung der Technischen Nothilfe bzw. ihrer Dienste den notwendigen Ausgleich geschaffen, aber auch für immer neues Leben und für einen lebhaften Pulsschlag gesorgt hat.
In der Praxis äußerte sich der Hilfsgedanke klar und eindeutig in der tatsächlichen Hilfeleistung. Wir
Das Schifferklavier.
„Wumtata, wut wut mut, wumtata ..." Werner hat eine Ziehharmonika zu Weihnachten bekommen, hält sie den ganzen Tag vor den Bauch geschnallt und spielt, daß der Christbaum zu wackeln anfängt. Es ist doch etwas Herrliches um ein Schifferklavier. Hat es eben noch mit vollen Akkorden gedröhnt wie ein Leierkasten und unsere Unterbewohner rebellisch gemacht, dann kann es im nächsten Augenblick die lieblichste Melodie säuseln, mit zarten Flötenstimmen, daß einem ordentlich weich ums Herz wird. Unermüdlich spazieren die Finger der rechten Hand über die Klaviertasten, während die linke Hand die Baßknöpfe drückt. Manchmal stimmt es sogar schon harmonisch zusammen, und wenn ein Ton so richtig voll und schön aufklingt, dann wird er begeistert in die Länge gezogen, und die „Quetschkommode" schnauft und muß immer noch mehr Puste hergeben. Man kann sich tatsächlich in so einen prachtvollen Akkord verlieben und ihn immer wieder hervorholen.
Falls es einmal glückt, dem seligen Besitzer das Instrument zu entreißen, dann geht die Ziehharmonika bei allen Familienmitgliedern reihum. Schließlich wird sie stundenweise gepachtet, gegen einen Pfefferkuchen, oder eine Nuß, die an Werner zu zahlen sind, natürlich vor Gebrauch.
Auch der Vater hat das Schifferklavier schon lange mit sehnsüchtigen Augen angeguckt, und endlich erwischt er es. Selbstverständlich versteht er eben so wenig wie die anderen etwas vom Ziehharmonikaspielen. Die Kinder wenigstens sind der Ansicht, er stelle sich furchtbar dumm an. So wollen sie ihn mit ihren eben erst erworbenen Kenntnissen unterstützen und teilen sich brüderlich darein. Das sieht dann so aus: Der eine fingert die Melodie, der andere preßt die Akkorde heraus, während der unglückliche Vater dem Schifferklavier die Luft einpumpen darf. Das Bild ist zum Heulen schön, und die Mutter setzt sich auch richtig auf den Stuhl und weint dicke Tränen — vor Lachen ...
Hausmusik, Herrschaften! Noch stümpern wir an dem Instrument herum, aber bald — wenn uns
erinnern uns der großen Einsätze anläßlich de- Kapp-Putsches im März, des Binnenschifferstreiks im Mai, des Königsberger Generalstreiks im Juli und August, des Steuergeneralstreiks in Württem- bertz August-September und des Hafenarbeiterstreiks in Hamburg September 1920, der Landarbeiterstreiks 1921, des großen Eisenbahnerstreiks und des Kommunalarbeiterstreiks in Berlin im Februar 1922, des Müllfahrerstreiks März-April 1922 und der zahlreichen folgenden landwirtschaftlichen Streiks, die sich vom April bis in den Herbst 1922 hinzogen, dann der Einsätze infolge des See- fchiffahrtsstreikes August 1923, des Buchdruckerstreiks in Berlin November 1923 mit dem von der Technischen Nothilfe durchgeführten Druck der Rentenmark, des zweiten Hafenarbeiterstreiks in Nordseehäfen März 1924, des Landarbeiterstreiks in Ostpreußen April bis Mai 1924 und schließlich des mitteldeutschen Gemeindearbeiterstreiks Oktober 1924, um einige von den zahllosen erfolgreichen und größe-
Ein Mann aus der Umgegend kam zwecks Verkaufs von Kartoffeln nach Gießen. Der Angeklagte benutzte die Gelegenheit, beim Einkauf in einem hiesigen Warenhaus eine ganze Anzahl Gegenstände zu entwenden. Das Gericht erkannte wegen Diebstahls im Rückfall auf eine ~
** Umsatzsteuer - Schonfrist. In den vom Wirtschaftsprüfer Hermann Will zu Gießen herausgegebenen „Aktuelle Steuerfragen" (Rundschreiben Nr. 1) lesen wir: Laut Erlaß des Reichs- stnanzministeriums vom 7. Dezember 1934 Seite 4030 bis 4050III fällt die Umfatzsteuer-Schonfrist ab 1. Januar 1935 fort. Die Finanzämter können Unternehmern, die die Voranmeldungen bis 10. d. Monats nicht abgeben können, die Frist auf Antrag bis Widerruf wie bisher bis 17. verlängern. In Betracht kommen solche Unternehmer, die mehrere räumlich getrente Betriebe haben, oder die die Durchschnittskurse für die in Berlin nicht notierten ausländischen Währungen bei ihren Voranmeldungen berücksichtigen müssen.
Amtsgericht Gießen.
versteht die Technische Nothilfe nur richtig, wenn man sie und ihre Arbeiten von dieser hohen Warte aus beurteilt. Helfen in der Not macht ihr Programm aus, das der TN. auch ihren treffenden Namen gab. In ihren Richtlinien ist. ihr Zweck mit „Beseitigung von öffentlichen Notständen" umschrie- den. Mit vielen anderen Organisationen und Einrichtungen, die ähnliche oder gleiche Zwecke verfolgen, hat sie den Hilfsgedanken gemein, doch sind die Einzelausgaben voneinander verschieden und Siegeneinander abgegrenzt. Die Technische Nothilfe oll einen Sonderzweck im Rahmen der zur Be- eitigung von öffentlichen Notständen vorgesehenen Maßnahmen dienen, nämlich den die lebenswichtigen Betriebe betreffenden, und beim Luftschutz ganz bestimmte Aufgaben durchführen. Im Katastrophenschutz ergibt sich ihre Aufgabe im Einzel-
Die Industrie- und Handelskammer Gießen weist nochmals darauf hin, daß der Beginn des Jnven- turoerkaufs auf den 28. Januar 1935 festgesetzt ist und daß der Jnventurverkauf die Dauer von 12 Werktagen nicht überschreiten darf. Als zulässig hat die Industrie- und Handelskammer Gießen für ihren Kammerbezirk (Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach) nachstehende Warengrupve i für die Jnventurverkäufe anerkannt:
1. Textilwaren, mit Ausnahme von a) Herren- und Knabenkleidung: Berufskleidung, Gabardinemäntel, Gesellschaftskleidung, blaue und schwarze Anzüge, Konfirmanden- an^üge-, Gummi- und Lederolmäntel, Lodenkleidung, Leoerkleidung, Uniformen und Trachten, Skisportkleidung, Hausjoppen, Schlafröcke. — b) Damen- und Mädchenkleidung: Gabardinemäntel, Gummi- und Lederolmäntel, Kamelhaarmäntel, Lodenmäntel, Batistmäntel, Twillkostüme (schwarze und marine), Sportkleidung, Kieler Mädchenkleidung, BdM.-Artikel, Kletterwesten, Wasch- und Hauskleider aus bedrucktem Baumwollstoff. — c) Herrenhüte:. Velourhüte, schwarze Hüte, blaue Mützen. — d) Teppiche, Möbelstoffe und
Freitag, 4. Januar, zwischen 15 und 18 Uhr, auf unserer Geschäftsstelle, Crednerstraße 24, einzureichen. Später eingereichte Gutscheine können nicht mehr angenommen werden.
Reichsbund Volkstum und Heimat.
Ortsring Gießen.
Die Deutsche Angestelltenschaft lädt unsere Mitglie- der für Samstag, 5. Januar, 20 Uhr, ins Hotel „Hin-
Hornbostel fliegt nach Kanada Eine heitere Geschichte von HannsW. Kappler Zwei Meilen hinter dem Güterbahnhof von Pitts- burg liegen die großen Wasserbehälter, vor denen die Lokomotiven der Züge tanken. Am Fuße des grasbewachsenen Bahndamms ist der Lagerplatz der „Hobos": aus allen Teilen der Staaten finden sich hier die Leute zusammen, um bei einer günstigen Gelegenheit eine für sie kostenlose Eisenbahnfahrt zu unternehmen, die den einen, je nach Vorhaben, Lust oder Laune, nach Süden, den anderen nach Norden, Osten oder dem auch nicht goldeneren Westen bringen soll.
Unter den Hobos gibt es Grünhörner und Spezialisten ihres Faches. Die ersteren begnügen sich mit einer bequemen Unterkunft auf den Güterwagen, die letzteren indessen suchen sich schon die dahinrasenden Schnellzüge aus. Obwohl der wasch- echte und geübte Hobo von allen guten Dingen des irdischen Daseins zumeist in erster Linie über ein beträchtliches Maß an Zeit verfügt, ist ihm das alte Pankeewort „Time ist money!“ doch schon zu sehr in Fleisch und Blut ubergegangen, als daß er sich gern einem träge dahinrollenden Güterzuge anvertraut.
Es war ein schöner, warmer Sommerabend, als Sam Hornbostel, einer der Zünftigsten unter den Hobos, am Fuße des Bahndammes hockte, in einer leeren Konservenbüchse seinen Kakao kochte und allerlei seltsamen Dingen des menschlichen Lebens in grüblerischem Sinnen auf den Grund zu kommen suchte.
Jumping-Jack, sein Freund und Genosse zahlloser Streifzüge, lag neben ihm im hohen Gras und schaute träumerischen Blickes in den blauen Himmel.
„An der Ferne ertönte ein sich der Tankstelle näherndes Rollen, und einige Minuten später hielt einer der nach dem Westen gehenden, langen Güter- züge auf dem Bahndamm. Ein rußiger Heizer lehnte sich aus dem Maschinenraum und grinste zu den beiden Männern hinab.
„Hallo — Bo!" rief er mit einer bezeichnenden Kopfbeweaung nach den Waggons. „Wie ist's? Haben kühle Gemächer in der Reihe!"
Sam Hornbostel warf einen verächtlichen Blick auf die hellangestrichenen Wagen der Farmer, in denen diese ihre Früchte nach den großen Städten lieferten. Jeder dieser Wagen war mit einem Eisfach versehen, das jetzt, bei der Rückfahrt leer, von den Hobos, allerdings nur von den Anfängern unter ihnen, als willkommener Aufenthaltsort während der Fahrt angesehen wurde.
„Wollen Euren scops (Bahndetektiven) die Nachtruhe nicht rauben", entgegnete ^am Hornbostel und kostete seinen Kakao.
Die Maschine zog an und dampfte nach Westen.
„Bist du dir nun über ein Ziel schlüssig geworden?" fragte Jack.
„Yes.“
„Wohin?"
„Nach Kanada." 0
Jack fuhr hoch und starrte den Gefährten an, als zweifle er an dessen geistiger Spannkraft.
„Ka — na —da?"
„Well. Und das auf dem schnellsten Wege."
Jack legte sich wieder zurück in das Gras.
„Wirst dir noch manchen black-river kochen müssen, ehe du im Norden landest."
„Landest—? Landest—?" wiederholte Sam Hornbostel. „Allright, habe da eine feine Idee. Morgen bin ich in Montreal. Verlaß dich darauf."
„Wetten?"
„Yes.“
„Wieviel?"
„Zähl' erst nach, wieviel der Neffe deiner Tante noch besitzt."
Jack suchte in den Taschen seiner Hose.
„Einen Dollar zwei Cents."
„Very well.“
„Und wie willst du das machen?"
„Du sagtest, daß ich in Kanada landen solle. Allright! Dann muß ich fchon ein Flugzeug benutzen."
„Ein — Flugzeug? stieß Jack hervor.
„Yes.“
„Und woher willst du das Geld zur Flugkarte nehmen?"
Sam betrachtete seinen Freund mit einem mitleidigen Blick.
„Als Flug-Hobo brauche ich kaum einen Cent."
Jack kroch näher und ließ sich nun dicht neben Sam nieder.
„Als Hobo — unter einem Flugzeug? Wenn dir das gelingt, Sam, kommst du ins Magazin. Als neueste Sensation. Der letzte Schrei der Hobos! Fabelhaft!"
„Trink aus, dann wollen wir gehen. Der Flugplatz ift in der Nähe. Vor Mitternacht starten die kanadischen Apparate. Sieh' zu, daß wir uns wieder zusammen am Hoboplatz in Montreal treffen."
Zwei Stunden später erwies es sich, daß im grellen Licht der Scheinwerfer unbemerkt an eines der Flugzeuge nicht heranzukommen war.
„Man muß für eine große Sache auch einmal einen Cent ober zwei opfern können", murmelte Sam Hornbostel und machte sich an den Boy heran. Die schmutzigen Cent? imponierten dem Jungen gar nicht, dafür erweckte eine verlockend aussehende Flasche, die Sam, nachdem er sich vorsichtig nach allen Seiten umgeschaut hatte, einer verborgenen Tasche seiner Jacke entnahm, das Interesse des Boys. Nach kurzen Unterhandlungen war man einig. Sam schlüpfte in die schmucke Uniform des Boys, stülpte
sich die ihm zu kleine Mütze verwegen auf den wirren Haarschopf und verabschiedete sich von Jack. Stolz stand er dann neben dem Apparat und waltete seines Amtes.
Ein Hobo, der im Westen Heilmittel verkauft, im Süden Baumwolle gepflückt und im Norden Geschirr gewaschen hatte, muß sich auf alles verstehen.
Der Propeller heulte durch die Luft, die Räder drehten sich. Mit kühnem Schwung saß Sam auf dem Gestänge, kroch dicht unter dem Flugzeugrumpf und zog einen Lederriemen aus der Tasche, mit dem er sich durch eine Schlinge über der Brust an dem starken Gestänge befestigte. Als Sam damit fertig war, warf er einen Blick zur Erde, und stellte vergnügt fest, daß man sich schon einige hundert Meter von dem Flugplatz entfernt hatte; vielleicht würde man sein Verschwinden gar nicht bemerkt haben. Aber eine Anstrengung würde dieser Freiflug für ihn sein, denn wenn er auch unter den dahinrasenden Pullm an wagen der Pacific einer bemerkenswerten Luftströmung ausgesetzt war, so wurde sie hier oben doch um ein bedeutendes übertroffen.
Der Morgen graute, als sich der Apparat zur Erde senkte. Sam war durchfroren und hatte Mühe, die Lederschlinge zu lösen. Montreal lag dort unten, er kannte es nur zu gut, wenn es auch von oben ganz anders aussah als aus der Perspektive des Bahndamms.
Flink war Sam abgesprungen. Einige Schritte eilte er dem Apparat nach und riß dann die Tür auf. Ansehnliche Trinkgelder ließen ihn den Verlust der geliebten Flasche überwinden. Sam verließ rasch den Flugplatz, aber als er sich der Mütze und der schmucken Jacke entledigen wollte, um in Hemdsärmeln die Straßen der Stadt zu betreten, hatte ihn schon ein findiger Reporter erwischt, und nun ging es zur Office.
Sam Hornbvstel war das Tagesgespräch der Staaten. Der erste Lust-Hobo! Das war ein Coup, auf den man in USA. gewartet hatte und auf den doch niemand zuvor verfallen war.
Sam aber lag drei Tage am Bahndamm, ehe sein alter Genosse Jack vom Trittbrett eines Güterwagens herabsprang.
„Bleibst ein Greenhorn, Jack", bemerkte Sam Hornbostel und roch in seine Konservendose. „Einen Dollar zwei Cents macht der Spaß. Gib schon her!"
Erstaunliche Rezepte in alter Zeit.
Viele Jahrhunderte lang war der Aderlaß das A und O der ärztlichen Kunst. Ob der Kranke ein Greis oder ein Säugling war, er mußte bluten, nach der Regel des großen B o t a I, einer vielgerühmten ärztlichen Autorität des 17. Jahrhunderts: Je mehr fauliges Wasser man aus einem Brunnen zieht, desto mehr gutes tritt an feine Stelle. Das
gleiche gilt vom menschlichen Blut und vom Aderlaß. — In einem einzigen Jahre öffnete man Ludwig XIII. 47 mal die Adern, und verabfolgte dem unglücklichen König während derselben Zeit noch 294 starke Abführmittel. Dieser angeblich kränklich König muß eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit gehabt haben, um eine solche Behandlung zu überstehen. Guy Patin, einer der führenden Aerzte Frankreichs, rühmte sich, einem Herrn dou- finet 64mal zur Ader gelassen zu haben, um ihn vom Rheumatismus zu befreien. Das geschwollene Bein des Kardinals M a z a r i n erhielt einen rie- senaroßen Breiumschlag, wobei die Umschlag- maste aus Pferdekot hergestellt war. Der Begründer der Chirurgie, Androise P a r ö, hatte besonders „von Tieren genommene Heilmittel" empfohlen, daher kamen im 17. Jahrhundert die seltsamsten Mittel in die Rezeptierkunst. Um von der Gelbsucht geheilt zu werden, muß man neun Tage lang Gänsedreck in fein Getränk mischen; sehr gut ist es noch, wenn man Erdwürmer, die in Weißwein gewaschen sind, verzehrt. Man nimmt selbst zu den unappetitlichsten Dingen seine Zuflucht. Um das Asthma zu heilen, verordnen die Aerzte Fuchslunge in Wein zubersitet, Nagelstückchen gelten als ein „ausgezeichnetes Brechmittel"; man kann vielleicht begreifen, daß sich bei ihrem Herunterschlucken, rote es heißt, „das Herz hebt". Der Kahlkopf erhält seinen üppigen Haarwuchs wieder, wenn er seinen Schädel mit einer Brühe bearbeitet, bei der 300 gekochte fette nackte Schnecken in Lorbeer, Honig, Olivenöl und Seife gekocht sind. Auch der Gebrauch von lebenden Tieren wird in den Rezepten verschrieben. Die Wassersucht soll geheilt werden, wenn man einen Gürtel von Kröten trägt, die den Leid und die Hüsten kratzen; gegen die Lethargie ist das beste Mittel, in das Bett des Schlafsüchtigen eine möglichst fette lebende Sau zu legen, sie wird ihn schon aus seiner Erstarrung erwecken. Schlangen sind das Allheilmittel. So schreibt Mme. de S 6 vign 6 e ihrem Sohn: „Herr von Boissy hat mir zehn Dutzend Schlangen von Poitou geschickt. Nimm jeden Morgen zwei davon, schneide ihnen die Köpfe ab, laß sie abziehen, in Stücke hacken und zur Füllung für einen Hühnerbraten verwenden. Den Schlangen verdanke ich die glänzende Gesundheit, die ich genieße." Der Leibarzt König Franz' I. gibt gegen die Gicht folgendes Rezept: um sich davon zu befreien, muß man eine reichliche Mahlzeit von einem Gericht einnehmen, das aus dem Ragout einer fetten Gans mit kleinen Katzen besteht. Was von diesem unverdaulichen Gericht übrig bleibt, soll zu Einreibungen an den schmerzhaften Zehen verwendet werden. — All diese Rezente gaben nickt etwa Quacksalber, sondern die gelehrtesten Aerzte ihrer Zeit.


