Bedarfsdeckungsscheine für Ehestandsdarlehen. Wäh-1 rend jedoch die Bedarfsdeckungsscheine für Eh । standsdarlehen nur zum Bezüge von Möbeln una ! Hausgerät berechtigen, erstrecken sich d i e B e -1 darfsdeckungsscheine der Kinderbeihilfen auch auf Wäsche jeder Art, einschließlich Unterkleidung aus Wolle, Baumwolle ufro. und Strümpfen. Es dürfen nur deutsche Erzeugnisse verkauft werden. Die Geschäfte, die bereit sind, Bedarfsdeckungsscheine für Kinderbeihilfen an- zunehmen, müssen ihre Zulassung bei uns beantragen. Für diese Zulassung gelten die gleichen Vorschriften, wie für die Zulassung zur Entgegennahme der Bedarfsdeckungsscheine für Ehestandsdarlehen. Die Zulassung muß durch Aushang mit entsprechendem Ausdruck ersichtlich sein. Die Verkaufsstellen, die für die Bedarfsdeckungsscheine für Ehestandsdarlehen bereits zugelassen sind und Wäsche feilhalten, weisen zweckmäßig durch Aushang darauf hin, daß auch Bedarssdeckungsfcheine für kinderreiche Familien entgegengenommen werden. Die Aushänge find bei uns gegen Erstattung der Selbstkosten zu haben. Die Empfänger der Beihilfen und Inhaber der zugelassenen Verkaufsstellen werden besonders darauf aufmerksam gemacht, daß verlorengegangene Bedarfsdeckungsscheine nicht ersetzt werden.
VtedeuMe mbeltslront n.S.zbemeinrdiaft „firaft Ourth freuöc"
Die Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde in Gie- ßen hat uns für den Vortrag über Abessinien am 7. November verbilligte Eintrittskarten zur Verfügung gestellt. Die Karten kosten 0,40 Mk. und können auf der Kreisdienststelle, Schanzenstraße 18, abgeholt werden.
Grohvariele am 4. November im Laf6 Leib.
Zu dieser ersten Tournee sind noch Karten zum Preise von 0,60, 0,80, 1 Mark im Vorverkauf er» hältlich: Schokoladenhaus Huntemann, Seltersweg, Musikhaus Challier, Neuenweg, Kreisdienststelle ,KdF.", Schanzenstraße 18.
Sportamt „Kraft durch Freude".
heule folgende Kurse:
Hallentennis: Ab 16 Uhr in der Volks- Halle. Wir bitten alle Teilnehmer, die sich bisher gemeldet haben, zu dieser Zeit zwecks Einteilung anwesend zu sein. Bei genügender Beteiligung findet der zweite Kursus am Sonntag, 3. November, um 9 Uhr statt. Anmeldungen nimmt das Sportamt, sowie der Lehrer zu obigen Zeiten in der Dolkshalle entgegen.
Waldlauf, für Frauen und Männer: Von 16.30 bis 17.30 Uhr, Unioersitätssportplatz.
Kleinkaliberschießen.
Bei genügender Beteiligung findet ab Sonntag, 10. November, ein Kursus für Kleinkaliberschießen statt. Anmeldung und Auskunft auf dem Sportamt. Telephon 2919.
Leislungsbücher für das Reichssportabzeichen!
Wir bitten die Leistungsbücher auf dem Sportamt abzuholen. •
Das Landgras-Ludwigs-Gymnafium hißt die Hitlerjugendfahne.
Sämtliche Schüler über 10 Jahre in der NS-Zugend.
Der gestrige Freitag war ein denkwürdiger Tag in der Geschichte des Gymnasiums. Lehrer und Schuler — fast restlos im braunen Ehrenkleide unserer Bewegung — hatten sich zu einer kurzen Morgenfeier zusammengefunden, um die neuhergerichtete Aula einzuweihen und im Beisein des Führers des Bannes 116 Pg. Erich Schreiber die Fahne der Hitlerjugend auf der Schule zu hissen.
Das Lied „Volk ans Gewehr" leitete die schlichte Feier ein.
Oberstudiendirektor pg. Dr. Wolkewitz gab in einer kurzen Ansprache seiner Freude Ausdruck, daß die Aula nunmehr in ihrem neuen schlichten Kleide einen würdigen repräsentativen Festraum nach außen biete und eine schöne Stätte für die Feierstunden und Gemeinschaftserlebnisse sei. Sodann stellte er in kurzen Worten das Erziehungsziel der Anstalt heraus, das streng national, sozial und völkisch sein müsse. Wohl brächte es das Wesen des Gymnasiums mit sich, daß wir unsere Blicke in die Vergangenheit richteten und die gewaltigen Geistesschöpfungen der Antike auszuwcrten und fruchtbar zu machen suchten: aber wir gingen nicht wirklichkeits- und lebensfremd an den heutigen Ereignissen vorüber, sondern wir stellten den Freiheitskampf des deutschen Volkes in den Mittelpunkt des gesamten Unterrichts.
Wie in der Kampfzeit, fo ständen wir auch heute wieder an der Spitze aller Schulen unserer Stadt und könnten mit stolzer Freude sagen, daß sämtliche Schüler über zehn Jahre • — allo 100 v. ß. — in der ßiflcrtiaenb oder in einer anderen Gliederung der Parleiorga- nifiert seien. Und stolz solle daher die Fahne der Jugend auf unserer Schule wehen, weithin
sichtbar in alle Zukunft, um zu, zeugen von dem Geist und dem Willen, der in unserer Anstalt waltet.
Aber nicht das äußere Zeichen mache den Nationalsozialisten aus, sondern einzig und allein der Geist, der das Herz, die Seele und das Gemüt befruchte. Die Jugend fei revolutionär und müsse revolutionär sein und bleiben: sie müsse selbst in dauernder Bewegung sein, müsse immer wieder trommeln und hämmern und das Volk wachrütteln und zeigen, daß der Nationalsozialismus lebt und marschiert. Die HI. sei die vorwärtsstrebende und vorwärtstreibende Kraft, die das nationalsozialistische Gedankengut ins Volk hineintragen und lebendig erhalten müsse.
Dannsührei- pg. Schreiber
sprach hierauf zu den Schülern. Er erinnerte an die politische Zerrissenheit vor 1933 und stellte dieser traurigen Tatsache die Einmütigkeit von heute entgegen. Durch einen Hinweis auf die deutsche Geschichte zeigte er, wie Deutschland, wenn es einig war, von keiner Macht der Erde geschlagen werden konnte. So sei es zur Zeit Armins gewesen, so sei es auch heute.
Unser Führer habe das deutsche Volk geeint;
und die Jugend habe nun die große Verpflichtung, diese Einheit zu sichern und zu erhalten.
Unter dem Gesang des Liedes der Jugend „Unsere Fahne flattert uns voran" wurde die H I. - F a h n e gehißt.
Mit dem Sieg-Heil auf den Führer, das der Direktor ausbrachte, dem Deutschland- und dem Horft-Wessel-Lied wurde die eindrucksvolle Morgenfeier geschlossen. /
Skl-Fahrten!
Das Sportamt führt in Verbindung mit dem Amt für Reisen, Wandern, Urlaub verschiedene Ski- Fqhrten durch. Prospekte auf dem Sportamt erhältlich.
Vorstellungsbeginn im Stadttheater an Sonn- und Feiertagen.
Der Spielplan der sonntäglichen Vorstellungen soll — wie uns aus dem Stadttheaterbüro geschrieben wird — vor allem gerade den Theaterbesuchern' der Umgegend, denen wochentags der Besuch des Theaters nicht möglich ist, Gelegenheit bieten, mit den bedeutendsten Erscheinungen der Spielzeit bekannt zu werden. Damit die auswärtigen Besucher stets bis Schluß jeder Vorstellung bleiben können, ohne in Sorgen zu fein, den Zug rechtzeitig zu erreichen, hat die Intendanz den Beginn der sonntäglichen Vorstellungen einheitlich auf 19 Uhr ange
setzt und verspricht sich von dieser Regeluna/euie allseitige Zustimmung der auswärtigen Besucher. Die Dorstellungsdauer ist so geregelt, daß nach Schluß jeder Sonntagsoorstellung der Zuganschluß nach allen Richtungen bequem und ohne Hast erreicht werden kann.
rs Zahre im O'enft der Gießener Polizei
Die Polizeidirektion Gießen teilt uns folgendes mit:
Am gestrigen Tage beging Herr Kriminalsekretär Ernst Glänzer sein 2öjähriges Dienstiubi- läum. Nach einer fünfjährigen Militärdienstzeit beim damaligen Leibgarde - Infanterie - Regiment (1. Großh. Hess. Nr. 115) in Darmstadt wurde Herr Glänzer am 1. November 1910 als Schutzmann bei der Polizeidirektion Gießen eingestellt. Er versah längere Jahre zur vollsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten Straßendienst. Im Jahre 1922 kam er zur Kriminalabteilung und machte hier und ab
wechselnd bei der Gewerbepolizei, bei der er sich augenblicklich noch befindet, Dienst. Herrn Kriminal- fetreiär Glänzer, der sich sowohl bei feinen Vor- gesetzten, als auch bei seinen Kameraden des besten Ansehens erfreut wird für seine weitere Zukunft . das Beste gewünscht.
Eröffnung der Führerinnenschute des Obergaues Hesien-Naffau.
Der BDM. Obergau Hessen-Nassau teilt mit: Gauleiter Reichsstatthalter S p r e n g e r und Reichs- referentin Trude Mohr eröffnen am Samstag die neue Jungmädel- - Führerinnenschule unseres Obergaues. Führerinnenschulen sind Mittelpunkte und Kraftquellen unserer Arbeit. Froh und stolz gehen wir an die Winterarbeit, wir Jungmädels, und wissen, daß sie uns ein Stück weiterbringen wird.
Serfammlung der U rmacher-Znnung.
Die Uhrmacher-Innung für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach hielt — wie man uns berichtet — hier im „Postkeller" eine Versammlung ab, die in Vertretung des erkrankten Obermeisters Beck-Gießen durch den Kollegen Jöckel-Grün- berg geleitet wurde. An der Versammlung nahm auch der Bezirksinnungsmeister Trebbe- Gießen
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Zeder fräof morgen da» Wik naersck iff
und bekennt damit, daß er mit dem Führer in wahrer Volksverbundenheit gegen hunger und Kälte kämpft! Es darf sich keiner aus- schließen! helft unserer SA. und SS. im Kampfe gegen unverschuldete Rot der deutschen Volksgenossen! Auch dein Schersleiu i st nötig!
teil. Der Versammlungsleiter sprach zunächst über die Auflösung der Sterbekasse und dankte den Herren Trebbe- Gießen und Wahl- Frankfurt om Main für die in dieser Sache geleistete Arbeit. Die Ausführungen über die Gemeinschaftsreklame fanden den Beifall der Versammlung. Eine längere Aussprache entspann sich über den Punkt „Abwehrware gegen Ramschhäuser". Bezirksinnungsmeister Trebbe betonte, daß es für einen Fachmann nicht angehe, Ramschware in feinem Laden zu dulden. Der Kunde, der zum Uhrmacher gehe, erwarte, daß er fachmännisch bedient werde. Es dürfe nicht die Gefahr heraufbeschworen werden, daß durch niedrigen Preis und minderwertige Ware das Vertrauen zum Uhrmacher untergraben werde. Der Ankauf dieser Ware wurde, wie auch in anderen Orten, von allen Teilnehmern der Versammlung strikte abgelehnt. Nach einigen fachlichen Erörterungen schloß Kollege Iöckel die Versammlung mit dem Gruß an den Führer, dem auch das Handwerk seinen Wiederaufstieg zu verdanken hat.
SieiülWiöeL
Roman von Anny von panhuyö
Urheberrechtsschutz Aufwärts-Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68.
(Schluß.)
Gretel liebte einen anderen! Damit hatte er nicht gerechnet, die Antwort war wie eisiger Hauch, der einen trifft, der noch eben in voller warmer Sonne gestanden.
Er sagte: „Weißt du das bestimmt, daß du einen anderen Mann liebst, Gretel?"
Sie antwortete: „Ja, das weiß ich ganz bestimmt, Rudolf."
Er wollte nicht vieles sagen, fein Herz wollte sich wehren, doch da kam ihm der Verstand zu Hilfe. Er wußte, Liebe läßt sich nicht erzwingen! Er murmelte nur: „Schade, ich hatte mir alles fo wunderhübsch gedacht.", dann reichte er ihr die Hand. „Lebewohl, Gretel, vorläufig werden wir uns nicht wiedersehen. Bitte, grüße deine Großmütter und Hans von mir. Morgen früh reife ich ab."
Er war schon gegangen und Gretel dachte nicht daran, ihn zurückzuhalten, sie hatte zu tun, mit der Erkenntnis ihrer Liebe fertig zu werden.
Es tat so weh, zu wissen, sie liebte einen Mann, der ihr niemals von Gegenliebe sprechen würde.
Leise kam Großchen Jutta herein. Sie trat näher und fragte erstaunt und erschreckt: „Warum ist Rudolf Hammerschmied schon gegangen, noch dazu, ohne sich von uns zu verabschieden? Und warum weinst du?"
Gretel blickte mit tränenschwimmenden Augen auf und aus ihrer Brust lyste sich das Geständnis ihrer Liebe.
Gräfin Jutta war bestürzt, also war Gretel nicht unwissend geblieben. Arme kleine Gretel!
z Sie zog sie zu sich empor und nahm sie mütterlich sanft in den Arm.
„Dr. Diendorf kann die Tote nicht vergessen, deshalb wird er dich nie fragen, ob du seine Frau werden willst. Du hättest Rudolf wohl ruhig ja sagen dürfen, denn du hast ihn doch sehr gern."
„Das wäre ja eine große Lüge gewesen gegen Rudolf! Und ich möchte auch nicht heiraten. Rudolf nicht und keinen anderen — ich möchte nun mein ganzes Leben lang an Gerhard Diendorf denken."
„Närrchen", erwiderte Großchen Jutta mit (eifern Lächeln, „ein Leben kann sehr lang fein."
Großchen Leonore kam. „Nanu, was gibt es denn, und wo ist Rudolf Hammerschmied?"
Jutta Syden übernahm die Antwort: „Weg ist er, weil Gretel seinen Antrag ausgeschlagen hat. Sie hat ihn gern, aber das Gernhaben ist zu wenig für die Ehe."
„Nanu!" sagte Großchen Leonore noch einmal, und ihre welken Züge spiegelten Verwunderung wider. Die beiden hätten doch so gut zueinander gepaßt. Aber, wenn Gretel Rudolf nicht liebte — junge Leute denken eben manchmal anders als ältere Leute.
33. Kapitel.
Ein kleines Notizbuch.
Es war acht Tage nach Gretels „Nein", als Dr. Diendorf Samstags gegen mittag nach Hause kam. Das Geräusch des Möbelausklopfens, gegen das er einen besonderen Widerwillen hegte, klang ihm entgegen. Etwas ärgerlich öffnete er die Tür des Zimmers, das früher von Wally Walb bewohnt wurde und rief dem darin beschäftigten Mädchen zu: „Um diese verhältnismäßig späte Stunde sollten Sie eigentlich schon fertig sein mit dem Radau."
„Ich hatte heute sehr viel zu tun", verteidigte sich die Gescholtene, „und ich bin jetzt auch gerade fertig. Die gnädige Frau meinte, ab und zu müsse geklopft werden, trotz Staubsauger."
Gerhard Diendorf lächelte. "Was seine Mutter meinte, war in feinen Augen immer richtig.
Dr. Diendorf stand an der Tür und sein Blick ruhte gedankenlos auf einer Stelle des Sofas, wo Sitzpolster und Seitenpolster sich berührten. Ein kleiner, brennend-roter Fleck erregte jetzt dort seine Aufmerksamkeit. Es mußte sich irgend etwas in die Polsterspalte eingeklemmt haben.
Mechanisch faßte er nach dem kleinen brennend- roten Fleck und hielt gleich darauf ein schmales und dünnes Notizbüchlein in der Hano.
Ihn durchzuckte sofort der Gedanke; das, Büchlein muhte Wally gehört haben und er erinnerte sich plötzlich an einen Tag kurz vor Wallys Sterben.
Er hatte an ihre Tür geklopft, um sie zu einem Ausgang abzuholen, und sie hatte fein Klopfen anscheinend nicht vernommen. Sie sprach drinnen im Zimmer und er horte sie deutlich sagen: „Das Notizbuch, wo ist es nur geblieben? Wahrscheinlich habe ich es doch schon verbrannt!"
Er war eingetreten und sand Wally allein im Zimmer, damit beschäftigt, mit dem Schürhaken im Kachelofen herumzustochen, dessen Feuerungstürchen weit geöffnet war und in dem Wally anscheinend allerlei Papiere verbrannt hatte.
Wally hatte ihn angelächelt und erklärt: „Es sammelt sich im Lause der Zeit immer viel unnützer Papierkram an und den verbrenne ich ab und zu, damit es in meinen Schubkästen wieder etwas Platz gibt."
Er hatte gefragt: „Du vermißt ein Notizbuch? Ich horte dich von draußen laut mit dir selbst reden."
Sie hatte genickt. „Ach, es handelt sich um nichts Besonderes, nur um ein Notizbuch ohne jeden Wert. Ich wollte es verbrennen und habe es auch anscheinend gedankenlos schon getan."
Das Büchlein, das er eben gefunden, muhte das Büchlein von damals fein.
Mechanisch blätterte er in dem Büchlein. Harmlose Notizen fand er darin. Tag- und Zeitangaben, wenn sie bei der Schneiderin, beim Zahnarzt oder beim Friseur erwartet wurde, auch Besorgungen waren eingetragen und ein paar Zusammenkünfte mit Freundinnen. Harmlos und einförmig war der Inhalt. Er entschied, das Büchlein sollte noch nachträglich verbrannt werden, er wollte es in seinem Arbeitszimmer in den Ofen stecken. Doch ehe er es tat, ließ er sich damit noch vor seinem Schreibtisch nieder und begann wieder zu blättern.
Plötzlich entdeckte er etwas, das er vorhin überblättert. Sein Blick wurde starr und er las:
„Gräfin Wally von Syden, so werde ich bald heißen. Das klingt, das schmeichelt, das gefällt mir tausendmal besser, als Frau Dr. Diendorf zu heißen. Ich liebe Gerhard Diendorf nicht, ebenso wenig den anderen. Frauen, die so schon sind wie ich, lieben wohl meist nur sich selbst."
So las Gerhard Diendorf und ihm war es, als höre er ein silberhelles Lachen neben sich.
So hatte Wally Walb zuweilen gelacht, wenn sie sich über etwas luftig gemacht.
Verrückt ist das ja, solche Gedanken auf dem Papier festzuhalten fand er, und wußte nun, nicht nur er war von Wally Walb betrogen wcnHen, sondern auch der andere, dem er In wildem Rachedurst das Leben hatte nehmen wollen.
Er starrte immer noch auf die Zeilen, die Wally Walbs richtigen Charakter noch nach ihrem Tode enthüllten.
Widerwillen schüttelte ihn und er dachte an den
Brief der Gräfin Jutta Syden, dachte daran, daß ihn die liebliche blonde Komtesse liebte.
Er legte das Büchlein mit spitzen Fingern inxein Fach seines Schreibtisches, als fürchte er sich daran zu beschmutzen und dann ging er langsam auf den Diwan zu, ließ sich darauf nieder und seine Hände liebkosten das von Gretel gestickte und ihm geschenkte graue Seidenkissen mit dem breiten Veilchenkranz.
Liebe kleine Gretel! flüsterte er in jäh aufwallender Zärtlichkeit und ein weiches Lächeln legte sich um seinen Mund. Seine Augen blickten versonnen. Fern von hier, am grünen Rhein, in einem Schlößchen tief in Wald und Park versteckt, wohnte eine, die ihn liebte, die ihn echt und wahrhaft liebte. Er atmete wie benommen, der Hauch eines, reinen Glückes streifte ihn wie Blütenduft und er dachte: Es müßte schön seiy, Ostern doch an den Rhein zu fahren.
Am Abend aber schrieb er an die Gräfin Jutta Syden und legte das dünne Büchlein mit hinein in den Brief. Jutta Syden sollte wissen, wie der Charakter Wally Walbs beschaffen gewesen und einsehen, es wäre vielleicht gut, wenn auch ihr Enkel es erführe.
Nachdem Jutta Syden den Brief erhalten, war es ihr, als müsse sie vor Glück laut beten. Eine einzige Notizbuchseite, in seltsamer Stimmung von einem kaltherzigen schönen Mädchen beschrieben, entschied für das Glück von vier Menschen. Eine Abschrift der Seite ging mit der nötigen Aufklärung von ihr sofort an Hans, der vor Freude, endlich von dem Schatten befreit zu fein, gar nicht wußte, was er tun sollte. Er schrieb vor allem an Großchen Jutta, daß er in Kürze zu flüchtigem Besuch nach Hause käme und man dann alles besprechen könne.
Du lieber Himmel! War er froh.
Wally Walb war falsch gewesen, ihre Liebe hatte nur seinem Titel gegolten.
Als er ein paar Tage später in Mainz zu tun hatte, fuhr er anschließend einige Stunden weiter, um sich mit Großchen Jutta auszusprechen und Bettina zu überraschen. Er brauchte Bettina aber gar nicht erst in dem alten Haus am Ritterplatz aufzusuchen, ein Zufall führte sie ihm schon am Rheinuser entgegen. Sie schritt neben Konrad Wilderling her und er hupte so laut, daß beide entsetzt zur Seite sprangen.
Konrad Wilderling wußte von Bettina längst alles, was mit ihrer Verlobung und Liebe zusammenhing und als das Auto hielt, wollte er sich still trollen, aber Hans Syden lachte: „Verweilen Sie noch einen Augenblick, lieber Meister, das heißt, wenn es Ihnen Freude machen würde zu sehen, wie aus der so ernst blickenden Bettina ein frohes glückliches Mädel wird."
Der alte Musiker schüttelte den Kopf.
„Da brächten Sie wirklich Wunder fertig, Herr Graf, denn Bettina ist jetzt immer sehr, sehr ernst und meine besten Lieder kann sie nicht mehr singen, weil dazu ein lachendes Gesicht gehört."
Hans Syden schaute sich um, die Rheinprorne- nade war leer. Es war kalt und auf dem Rhein drängten sich Eisschollen zusammen. Wie ein Palast des Winterkönigs hob sich drüben am andern Ufer die Burg hoch über dem alten Strom.
Hans Syden trat mit Bettina ein paar Schritte abseits, sagte vorher freundlich: „Verzeihung, Herr Wilderlmg".
Bettina begriff nichts, gar nichts, aber nun sprach er schon auf sie ein, berichtete kurz, fast sachlich, die Geschichte des Büchleins und reichte ihr die Abschrift der Notizbuchseite, die ihm Großchen Jutta gesandt.
Bettina las mit stockendem Atem und ihr war
es mit einem Male, als regiere nicht mehr der kalte Januar am Rhein, sondern der wonnige Mai. Sie zitterte vor jähem Glück und Hans Syden sagte bewegt: „Das Erlebnis mit Wally Walb hat mich schwach gemacht. Ein Schatten nahm mir alle Freude, verlangte mein Glück und meine Liebe als Opfer."
Er warf spähende Blicke nach rechts und nach links, lachte Konrad Wilderling zu und neigte sich, um Bettina auf der kalten Rheinpromenade zu (äffen. Tat es, küßte sie immer wieder und flüsterte bann glücklich: „Der Schatten ist verschwunden, Mädel, ich sehe ihn nicht mehr und er wird niemals wiederkommen. Herrgott, wie ist doch das Leben so wunderschön!"
Meister Wilderling sah ein strahlendes Lächeln auf Bettinas Antlitz erblühen und da drückte er sich still beiseite. Zwischen den beiden Menschen war ja glles in schönster Ordnung.
Ein paar Wochen später aber fanden Gretel Syden und Gerhard Diendorf zusammen. Großchen Jutta hatte geschickt die noch übriggebliebenen kleinen Hindernisse zwischen den beiden weggeräumt und Gretel meinte an der Brust des geliebten Mannes heiße selige GlückstrHnen.
Als dann die Osterglocken läuteten, fanden sich alle im Waldschlößchen zusammen, die nun bald einer Familie angeboren würden. Frau Diendorfund ihr Sohn, Johannes Hochwald mit Frau und Tochter, Gretel und Hans Syoen, sowie die beiden Großmütter. Die zwei Männer, die sich einmal als schlimmste Feinde betrachtet, reichten sich ernst und stumm die Hände, das hieß: Alles sollte vergeben und vergessen sein.
Frau Diendorf erfuhr nichts von alledem, was ihr die Erinnerung an ihre Pflegetochter hätte verbittern können, ihres Sohnes Glück war fo groß, daß er das Gedächtnis der wunderschönen, selbstsüchtigen Wally Walb im Herzen seiner Mutter rein erhalten wollte, selbst auf die Gefahr hin, daß sie vielleicht fände, er habe seine Braut zu schnell vergessen über zwei strahlende Jungmädchenaugen.
Als "man so beisammensaß, bat Großchen Jutta Bettina, das Lied zu fingen, das von der alte Sage handelte, und Bettina fang mit befreitem, hinreißendem Vortrag. Alle faßen stumm, wie unter einem Bann, nachoem sie längst geendet, und dann sprach Johannes Hochwald, gestand: „Ich bekenne offen, eine ganz gräßliche Angst habe ich manchmal um mein Mädel ausgestanden und war oft wie besessen davon, der alte Fluch könnte sich an ihr ebenso erfüllen, wie er sich vor ihr an den Hochwaldtöchtern erfüllt hat. Das Wort ,Zufall' hätte mich ja nicht trösten können, wenn das Furchtbare geschehen wäre. Gottlob! Nun ist Bettina zwanzig Jahre! Die Sage aber ist ohne Sinn, denn Bettina hat keinen ,Herzmann' vor Tod bewahrt, wie es die Sage fordert!"
Vier Augenpaare ruhten flüchtig ineinander, trafen sich mit verstehendem Blick, Großchen Jutta und Hans Syden, Bettina und Dr. Diendorf wußten, die alte Sage hatte doch recht gehabt. Es gab einen Tag, da rettete Bettina dem geliebten Mann das Leben.
Das Notizbüchlein mit dem brennendroten Leder- einband schenkte Gräfin Jutta, mit Dr. Diendorfs Einwilligung, ihrem Enkel, der es gut verwahren wollte, falls sich der Schatten doch noch einmal zeigte, aber er würde wohl nie mehr zurückkehren, weil er ja nur von Hans Sydens erregten Nerven heraufbeschworen worden, weil er nur in seiner Einbildung existierte, solange er an die übergroße Liebe eines schonen Mädchens geglaubt.
Zwei blonde Rheinlandmädel wurden sehr, sehr glücklich, und ein düsterer Schatten, der vor ihrem Glücke gestanden, war für immer gebannt.


