Hr.257 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Samstag, 2. November M5
Aus der provinzialhaupistadt.
Mutti wirst Tore.
Ein wunderbarer Tag im Spätherbst. Einer von jenen, die naturverbundene Menschen dankbar genießen als leuchtende Schrittsteine durch die trübe Zeit des Vorwinters. Meine Mittagspause hatte ich noch einmal zu einem Sonnenbad benutzt, und ein linder Südwest von vier bis fünf Sekundenmeter massierte mir mit wohligen Wellenschlägen die sommergebräunte Haut.
Da knallte es ab und zu wie ein Paukenschlag in die sonnige Stille, kurz und scharf, aber auch hohl wie von einer mißhandelten Bretterwand. Dazwischen flogen mir verwehte Fetzen beschwingter Unterhaltung und fröhlichen Lachens um die Ohren, und ich glaubte in den Klangfarben ein gemischtes Doppel unterscheiden zu können. Immerhin mußte die Sache in Ordnung gehen, oder ich mußte mich schwer verhört haben, als so etwas wie „Mutti" raketenhell in meinem unwillkürlich mithereingezogenen Bewußtsein aufleuchtete.
Nur um meine Zuverlässigkeit für Gehörseindrücke nachzuprüfen, nahm ich Einblick in jene geheimnisvolle Klangquelle. Und ich sah, wie auf lichtgrüner Wiese ein strammer Pimpf in schmucker Uniform gerade einen dicken Ball sportgerecht schoß, im gleichen Augenblick sprang eine Frau in kleidsamem Strandanzug vor der Bretterwand hoch und fing einsatzfreudig den sausenden Ball wendig ab. Mit anmutigem Wurf gab sie ihn lachend wieder zurück. Der nächste Schutz traf für Auge und Ohr einwandfrei die Bretterwand, und mit Siegerstimme verkündete der Junge: „Mutti, 6:3!"
Das war also kein harmloses Ballspiel, hier ging es um Kampf und Sieg, und der nachfolgende Seitenwechsel bestätigte diese Deutung. Nun hatte Mutti den Angriff. Sie warf den Ball mit kräftigem Anlauf und langausholendem Arm, aber ihrem flinken Partner gelang es, den Schuß abzuwehren. Der nächste flog über die Bretterwand, lachend holte ihn der Junge zurück und spielte ihn Mutti freundlich wieder zu. Der folgende ging seitlich an der Wand vorbei, und schon war ihr Gegner in langen Sprüngen wieder hinter ihm her. „So bekommst du aber kein Tor, Mutti!" rief er mit dem Ball zurück, und Mutti lachte allerlei Entschuldigungen. „Nun, dann wiederholen wir es gleich noch einmal!" eröffnete er seiner Spielkameradin neue Aussicht zum Aufholen, „du siehst, wie großmütig ich bin!" Und richtig — diesmal ging der Ball stracks auf die Bretterwand zu, aber — der schalkhafte Torhüter wußte seiner Großmut anscheinend Grenzen zu setzen — jauchzend hielt er den Ball hoch in Händen, und Mutti lachte mit...
Glückliche Mütter, die sich auch mit kameradschaftlich durchwärmten Stunden ein Tor in die Seele ihrer Kinder offen zu halten wissen! R. B.
Horno^n.
Tageskalender für Samstag.
NS.-G. „Kraft durch Freude": 16.30 bis 17.30 Uhr Waldlauf. — Stadttheater (Ring Deutsche Bühne): 20 bis 23 Uhr „Der Prinz von Homburg". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Winternachtstraum" — Artillerie-Verein, Gießen: 20.30 Uhr, Kameradscha"«nb"nd im „H"tt'f'-h'n Hof". —
Tageskalender für Sonntag.
Hitler-Jugend, Bann 116: 10.30 Uhr, Morgenfeier in der Aula der Universität. — Stadttheater: 19 bis 22 Uhr, „Paganini" — Lichtsvielhaus, Bahnhofstraße: „Winternachtstraum". — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz: 11 bis 13 Uhr, Ausstellung friesischer Maler der Gegenwart und Kleintierplastik von Lily König. — DHC., Ortsaruvve Gießen- Wander,in" —
Der Spielplan des Gießener Stadttheaters vom 3. bis 10. November.
Aus dem Büro des Gießener Stadttheaters wird uns mitgeteilt:
Sonntag. 3. November, außer Abonnement der große Operettenerfolg „Paganini" von Franz Lehar.
Spielleitung hat Heinrich Hub, musikalische Leitung Ernst Bräuer. Dauer von 19 bis 22 Uhr. — Montag, 3 November, geschlossene Vorstellung ür die NS.-Kulturgemeinde, Ring deutsche Bühne, die Oper „Cosi fan tutte" von Mozart. Musikalische Leitung Paul Walter, Spielleitung P. W r e d e. Dauer von 20 bis 23 Uhr. — Dienstag, 5. November, Wiederholung der Erfolgsoperette „Der Dogel- händler" in der neuen Bearbeitung der Münchener Fassung. Leitung haben: Walter — Wrede — Schultheis. 6. Vorstellung im Dienstag-Abonnement. Dauer von 20 bis 23 Uhr — Mittwoch, 6. November, als 6. Vorstellung im Mittwoch-
„Der Prinz von Hornburg", Schauspiel von H. von Kleist. Spielleitung: der Intendant.
Letzte Aufführung „Der Prinz von Homburg".
Auf vielfache Anfragen teilt die Stadttheater- Jntendanz mit, daß die Aufführung des Schauspiels „Der Prinz von Homburg" von Kleist am Samstag, 2. November, die letzte ist. Da die Sams- tag-Aufführung jedoch im Abonnement der „Deutschen Bühne" stattfindet, eigentlich eine geschlossene Vorstellung ohne Kartenverkauf ist, hat die Intendanz angeordnet, daß für die Nachfragen nach dieser Vorstellung die Möglichkeit besteht, an der Abendkasse des Theaters noch Eintrittskarten zu dieser letzten Aufführung im freien Kartenverkauf zu erhalten. Die Abendkasse wird eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung geöffnet.
Spielleitung der Intendant selbst hat, kommt ein Werk Shakespeares zur Aufführung, das bisher in Gießen noch nie gegeben wurde. Der Erfolg der Erstaufführung vor einigen Tagen war für das Theater dec beste Beweis, daß die dramaturgische Bearbeitung Rothes durchaus seine Gültigkeit hat und diese Bearbeitung dem deutschen Theater eines der unbeschwertesten und heitersten Werke Shakespeares endgültig erobert hat. Dauer von 20 bis 22 Uhr.
Kartenausgabe für November: Montag, 4. November, von 4 bis 7 Uhr, an der Theaterkasse.
Der Goethe-Vund und kaufmännische Verein teilt uns mit: Für den ersten, am kommenden Mittwoch in der Neuen Aula der Universität stattfindenden Dichterabend ist der bekannte Arbeiterdichter Heinrich L e r s ch gewonnen worden. Es ist eine Freude seltener Art, Heinrich Lersch, den Dichter und ehemaligen Kesselschmied, über sein Leben erzählen, oder aus seinen gestaltungsstarken Werken lesen zu hören. In der schlichten Art des Mannes aus dem Volke spricht er, ohne etwas aus sich machen zu wollen, ohne auch die rheinische Mundart und den rheinischen Humor zu verleugnen. Heinrich Lersch vermittelt eine Dichterstunde von tiefstem Eindruck und Widerhall. Sein Vortragsabend wird sicher auch in unserer Stadt bei allen Schichten stärkste Beachtung finden. (Siehe heutige Anzeige.)
7!SD., Ortefflruppe Mitte.
Die Kohlenhändler werden ersucht, die für den Monat Oktober gültigen Kohlengutfcheine am Dienstag, 5. November, abends 8.30 Uhr, bei der NSD.-Gefchäftsftelle, Kaplansgaffe, mit Firmenstempel versehen nebst den entsprechenden Rechnungen einzureichen. Der Termin ist unter allen Umständen einzuhalten, da eine Ablieferung nach dem 5. November streng ft e n s untersagt ist und die Scheine ihre Gültigkeit verlieren.
7!SL., Ortsgruppe Siehen-Nord.
Sämtliche Kohlenhändler werden aufgefordert, die Kohlenscheine der Serie A bis spätestens Montag, 4. November, 18 Uhr, auf der Geschäftsstelle abzugeben. Die Kohlenscheine müssen auf der Rückseite mit dem Firmenstempel versehen sein.
Ortsgruppe Gießen-Süd.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen
Kohlengutscheine am Samstag, 2. November, von 16 bis 18 Uhr, auf unserer Geschäftsstelle, Crednerstraße 24, einzureichen. Später eingereichte Gutscheine können nicht mehr angenommen werden.
Kinderbeihilfen an kmderreicheFamilien
Dorn Städtischen Wohlfahrtsamt wird uns geschrieben:
Durch Bekanntmachung vom 31. Oktober (siehe heutige Ausgabe des Gieß. Anz. D. Red.) hat der Herr Oberbürgermeister gemäß § 5 der Durchführungsbestimmungen zur Verordnung über die Gewährung von Kinderbeihilfen an kinderreiche Familien das Städtische Wohlfahrtsamt als die Dienststelle bestimmt, die für die (Entgegennahme der Anträge auf Kinderbeihilfen für kinderreiche Familien zuständig ist. . Be- werber von Beihilfen, die in der Stadt Gießen ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt haben, können die Anträge nach vorgeschriebenem Formular bei uns einreichen. Die Vordrucke sind auf Zimmer 13, Gartenstraße 2 I, unentgeltlich zu haben. Dort werden auch Auskünfte über die einschlägigen Vorschriften erteilt. Die Beihilfen werden in Form von Bedarfsdeckungsscheinen gewährt, für die die gleichen Vorschriften bestehen, wie für die
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Seltersweg 67 Teleph on 3170
AndieVevölkeninginStadtundKreisGießen!
Das Winlerhilsswerk 1935/36 des deutschen Volkes ist eröffnet. Auch in den kommenden Monaten soll in Deutschland niemand hungern und frieren. Die Opferbereitschaft aller Vevölkerungskreife in den beiden letzten Zähren war groß: das darf aber keine Veranlassung sein, in der Opserkrast zu erlahmen. 3m Gegenteil, das Z^jährige Ringen unseres Führers und unserer Bewegung um alle guten Kräfte in unserem Volke mutz das Gefühl für unsere Volksgemeinschaft und Verbundenheit soweit gesteigert haben, datz das Ergebnis das Winterhilfswerk der Vorjahre bei weitem übertroffen wird.
Venn auch die Arbeitslosigkeit bis aus ein Minimum zurückgegangen ist, so ist aber doch noch viel, viel unverschuldete Rot zu beheben.
Der Führer sagt anlätzlich der Eröffnung des diesjährigen Vinterhilfswerkes:
„Ze mehr ihr in der Erkenntnis aufgeht, datz die Opfer, die wir von euch fordern, mithelfen, eine Volksgemeinschaft aus der Theorie zur wirklichen Gemeinschaft des Lebens zu erheben, um so mehr werdet ihr selbst an dieser Gemeinschaft Anteil haben, und sie wird euch glücklich machen!"
Dir appellieren daher an das Pflichtgefühl aller Volksgenossen, datz jeder nach Kräften das Vinterhilsswerk des deutschen Volkes unterstützt.
Zede Firma, jeder Betrieb, jeder Einzelhändler, jeder Gewerbetreibende, jeder Volksgenosse spende Geld und Sachgegenstände. Erstere auf das Bankkonto des VHV„ Kreisführung Gietzen, Deutsche Bank und Diskontogesellschaft 2938, oder aus das Postscheckkonto Frankfurt a.M. 16114. Sachspenden an die Kreissührung des Winterhilfswerkes Gietzen, Löberstratze 9. Der Eingang der Spenden wird öffentlich in den Zeitungen des Kreisgebietes bescheinigt.
heil Hitler!
Klostermann.
Abonnement, Wiederholung des großen Shakespeare- Erfolges »Komödie der Irrungen" in der deutschen Bearbeitung von Hans Rothe. Spielleitung hat der I n t e n d a nt. Dauer von 19.30 bis 21.30 Uhr. — Freitag, 8 November, als 6. Vorstellung im Freitag-Abonnement Wiederholung des lustigen Volksstücks „Holzappel" von H. 21. Weber; Spielleitung Intendant H Schultze-Griesheim. Dauer von 20 bis 22.15 Uhr — Sonntag, 10. November, 15 bis 17.15 Uhr geschlossene Vorstellung für die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", „Holzappel", luftiges Volksstück von H. A Weber; Spielleitung der Intendant. Kein Kartenverkauf. 19 Uhr Wiederholung des großen Schlagers „Der Vogelhändler" in der völligen Neuinszenierung der Münchener Fassung. Leitung der Operettenaufführung haben Walter — Wr ede — Schultheis. Ende gegen 22 Uhr.
Sladtlheater Gießen.
Heute von 20—23 Uhr als geschaffene Vorstellung der NS. Kulturgemeinde Ring deutsche Bühne:
Der Spielplan der NS.Kulturgemeinde Gießen für November.
Von der NS.-Kulturgemeinde Gießen, Ring Deutsche Bühne, wird uns geschrieben:
Am Montag, 11. und am Samstag, 16. November kommen im Stadttheater Gießen als geschlossene Vorstellungen der NS.-Kulturgemeinde, Ring Deutsche Bühne, der große Urausführungserfolg „Holzappel", ein lustiges Volksstück von H. A. Weber, zur Aufführung. Die Spielleitung dieses echten Heimatstückes hat Intendant Schultze-Griesheim. Man kann eine Garantie diesen beiden Abenden als sicher voraussetzen: ein urvergnügtes Haus wird mit Bedauern den Schluß des Abends erleben und einen heiteren Theaterabend verbracht haben. Dauer von 20 bis 22.15 Uhr.
Am Montag, 25. und Samstag, 30. November, sieht der Spielplan der „Deutschen Bühne" eine Uraufführung des großen Schauspielerfolges „Komödie der Irrungen" von Shakespeare vor in der Neubearbeitung von Hans Rothe. Mit dieser entzückenden und heiterbeschwingten Komödie, deren
Der Anfänger.
23on Wolf Jleume ster.
Man kann von einem ungedienten Ersatzreser- visten schließlich nicht verlangen, daß er in den paar Wochen Ausbildung daheim das Waffenhandwerk und die militärischen Umgangsformen in der Vollendung beherrscht wie ein aktiver Mann, aber wenn einem ein bisher unbekannter Kanonier in den Unterstand stolpert, mit verbindlich fchiefoeleg- tem Kopf fragt, ob er den Vorzug habe mit Herrn Leutnant I. und sich dann vorstellt: „Gestatten — mein Name ist Meier..dann ist man natürlich einigermaßen platt. ....
Die weitere Vorstellung wurde durch eine französische 15-Zentimeter-Granate unterbrochen die uns — rums! — vor die Bude krachte und die Kerze auslöschte. Wir lagen damals an bef Somme und verbrannten außerordentlich viel Streichhölzer, um solche ausgelöschten Kerzen wieder anzuzünden; das ging Tag und Nacht. Als wir wieder Licht hatten, erinnerte ich mich, daß wir ja Ersatz bekommen haben sollten und verstand, daß dieser Herr Meier sich bei mir als mein neuer Hilfsbeobachter melden wollte, denn ich hatte für diesen schwierigen Posten einen intelligenten Mann angefordert. Meine zwei Telephonisten grinsten.
Wir hockten seit drei Tagen und Nächten unter irrsinnigem Beschuß hier in dieser vorgeschobenen Beobachtungsstelle, und seit gestern mein famoser Hilfsbeobachter gefallen war, saß ich fast ununterbrochen oben am Scherenfernrohr. Und nun schickten sie mir so einen „Anfänger".
Immerhin, er hatte Essen und Hartspiritus mit» gebracht — warmes Essen hatten wir seit drei Tagen nicht mehr bekommen, ein paar Gefechtsordonnanzen waren abgeschossen worden, und da hatten sie es aufgegeben in der Batterie. Diesen Neuling hatten sie heute einem Melder der Infanterie mitgegeben, und er war in feiner Harmlosigkeit durchgekommen — „Anfängerglück!" dachte ich und gab ihm die Hand. Dann tat ich mir einen Schlag Essen in den Kochgeschirrdeckel, hielt ihn ein bißchen über eine Spiritusflamme und schlang das Gericht herunter — es war Klippfisch und Kartoffeln zusammengekocht, das weiß ich noch beute. ___ . . . ei.
Dann weihte ich Herrn Meier in seine Funktionen als Beobachter in. Zunächst sagte ich ihm nur das wichtigste: Da unb da seien unsere oorberen Linien, nun solle er unsere Sperrseu-rabschnitte auf das gewissenhafteste beobachten, auf rote Leucht
kugeln passen, das sei das Notsignal der Infanterie, und im übrigen solle er mich sofort rufen, wenn ihm irgendwas auffiele. Zwei Stunden saßen wir zusammen auf der Beobachtung, und Herr Meier fand das alles „kolossal interessant". Die Sache mit dem Beschuß schien ihm noch nicht ganz klar geworden zu fein, denn er zeigte keinerlei Besorgnisse, wenn die schweren Koffer rings um uns einschlugen. Er schien unsere Postenbude aus Minierhölzern für absolut bombensicher zu halten.
Dann legte ich mich unten im Stollen auf eine Stunde hin, schließlich war ich seit drei Tagen ohne Schlaf, und es war gerade mal nichts los. Ader prompt rief nach 20 Minuten irgendein höherer Stab an und wollte wissen, was auf dem und dem Punkt los fei. Ich rief nach meinem Beobachter oben — aber ich bekam keine Antwort! Mit ein paar Sprüngen war ich oben — sollte der arme Kerl...?
Aber der „arme Kerl" hockte gemütlich in seiner Nische und schlief! Ich rüttelte ihn energisch wach. „O Verzeihung!" sagte er lächelnd, „ich bin wohl ein bißchen eingenickt?"
„Sie harmloser Zeitgenosse", sagte ich ärgerlich, „Sie können doch nicht auf Posten schlafen!" Er lächelte erstaunt: „Auf P o st e n ? !" — Posten war für ihn: mit Gewehr über und mit Helm vor einem Schilderhaus, aber daß hier das Schicksal von Hunderten von seiner Aufmerksamkeit abhing, war ihm noch nicht klar geworden. Ich war zu müde, um noch groß zu reden und ging wieder nach unten; aber nach einer weiteren halben Stunde weckte' mich ein leises Geknatter, das der Soldat mit seinem sechsten Sinn auch im Schlafe aufnimmt: Jnfanteriefeuer! Ich sauste hinauf: Richtig — rote Leuchtkugeln, wilde Schießerei und Handgranaten! Ich schrie meinen Telephonisten herunter: „Sperrfeuer auf Abschnitt Bl!" riß die Leuchtpistole hoch und schoß ein paar rote Sterne in den nächtlichen Himmel. Aber vorher — ich muß es gestehen — haute ich den Kolben dieser Pistole erst einmal dem schlafenden Herrn Meier kräftig ins Kreuz.
Er fuhr hoch und starrte mich entrüstet an. „Jawohl'" sagte ich wütend, „Sie haben die Sperrfeuerrufe der Infanterie verschlafen! Sie sind wohl aam von Gott verlassen?!" „Das ist mir schrecklich fatal" meinte Herr Meier ehrlich verlegen, und ch mußte mir das Lachen verbeißen. Gefechtsmäßig tonnte ich nichts tun das Sperrfeuer rollte jo automatisch ab, al o redete ich diesem Anfänger ms Gewisfen: „Sie machen sich ja unglücklich für's ganze Leben", sagte ich, „schlafen auf Posten vor dem Feind! Wenn ich Sie zur Meldung bringe,
kommen Sie vor's Kriegsgericht und kriegen zehn Jahre — unweigerlich!" Da glitt ein mildes Lächeln über Herrn Meiers erst besorgte Züge, und er meinte: „Na, das ist ja wohl ein bißchen übertrieben, Herr Leutnant!"
„Scheren Sie sich runter und schlafen Sie unten weiter" sagte ich ärgerlich und schlug mir auch diese vierte Nacht um die Ohren. Aber Herr Meier war mir ernstlich böse.
Am nächsten Morgen versprach er mir dann gekränkt, nun wirklich scharf aufzupassen und setzte sich ans Scherenfernrohr. Ich ging völlig erschöpft nach unten.
Eine Hand rüttelte mich wach: „Die Untergruppe, Herr Leutnant!". Der Telephonist gab mir den Fernsprecher. „Gasalarm!" sagte eine Stimme dumpf im Mikrophon. „Ich kann Sie so schlecht oerftehen, was ist los?" meinte ich. — „Ja, wir haben die Gasmasken auf, seit einer halben Stunde liegt der ganze Abschnitt unter schwerem Gasbeschuß' Der Kommandeur war in Sorge um Sie!"
Allmächtiger! Herr Meier, das Greenhorn!
Ich stülpte mir die Maske über und konterte die Stollentreppe hinauf, hinter mir einer meiner Telephonisten mit dem Sauerstoffapparat. Ich riß die Zeltbahn vom Eingang — milchige, grüne Nebelschwaden lagen in der Senke hinter uns, standen in den Trichtern um uns. Ich lüftete eine Sekunde lang dis Maske: Pfui Teufel, Chlorgas! — „Posten!" brüllte ich — „Posten!!"
„Ja bitte?" Herrn Meiers eifriges Mondgesicht- chen fuhr verbindlich aus dem Beobachtungsstand heraus „Ja, Mann, merken Sie denn gar nicht, daß wir mitten im G a s stecken?" grunzte ich aus meiner Maske heraus. Da sagte Herr Meier interessiert schnuppernd: „Ach darum! — Das riecht nämlich schon seit einer halben Stunde so komisch!" Aber nach dieser Feststellung kippte er plötzlich aus den Stiefeln und würgte schrecklich wie eine Boa constrictor. Na, bei Chlorgas geht das ja vorüber!
Als gegen Abend ein starker Nebel fiel, ging der Teufel los, und da ich Handgranaten krachen hörte, forderte ich Sperrfeuer an. Die Gruppenführung wollte meine Ansicht genauer hören, und ich mußte einen Augenblick das Gelände vor uns aus den Augen lassen. „Passen Sie gut auf!" sagte ich zu Kanonier Meier, der neben mir stand und mit höflich kleiner Verbeugung seine Bereitwilligkeit dazu kundtat. Nach einer Weile fragte ich: „Gibt es etwas Neues?" — „Nein!"
Vorn flackerte das Jnfanteriefeuer heftig auf. „Etwas zu sehen?" — „Nein!"
„Darf eigentlich die Infanterie da vorn so offen herumlaufen?" fragte Herr Meier einen Augenblick später mit leisem Tadel. „Wer?!" Ich trat auf die Stufe und sah arglos durch den Sehschlitz, Da rannte hundert Meter halbrechts eine Gruppe Franzosen über das Feld, fünfzig Schritt dahinter eine zweite mit einem Maschinengewehr. — „Sie kommen!" brüllte ich meinen Leuten im Unterstand zu, und bann meldete ich rasch in den Apparat, daß der Gegner soeben bis in meine Höhe Dorbringe. „Sehen Sie zu, baß Sie noch rauskommen ..." rief eine Stimme im Apparat, bann riß die Verbinbung ab. Meine Telephonisten erschienen mit ihren Apparaten im Freien, und bann peitschten uns auch schon nahe Infanterie- Schüsse um bie Ohren. Einer ber Fernsprecher kriegte einen ab, unb ich mußte ihn packen, aber wir hatten Glück, ein MG. in unserer zweiten Linie ratterte los, unb mit ein paar verzweifelten Sprüngen burch bie Trichter waren wir bei ber Infanterie in der Aufnahmestellung. Ich setzte meinen Verwundeten ab und konnte mich nun wieder kümmern. „Wo ist das Scherenfernrohr?"
„Jetzt hat das Rindvieh das Scherenfernrohr vorn gelassen!" schimpfte mein Fernsprechgefreiter los, Meier stand und zeigte fragend auf sich: „Sollte i ch das etwa mitnehmen?" Und ehe ich noch etwas hatte sagen können, war Herr Meier mit einem höflichen Wort des Bedauerns schon wieder aus dem Graben heraus. Wir brüllten entgeistert hinterher, — es ging im peitschenden MG.-Feuer unter. „Der ist futsch!" sagte ber Gefreite. Aber nach fünf Minuten war Herr Meier roieber ba und stellte bas kostbare Instrument mit ein paar Der« binblichen Worten vor mich hm; er mußte es mitten aus ben Franzosen herausgeholt haben.
Wir alten Krieger sahen uns kopfschüttelnb an, unb ber Gefreite sagte fast anbächtig:
„Mensch, bas sollte mal einer von uns wagen!"
Hochschuinacknchten.
Die Gesamtzahl ber Stubierenben an der Universität Marburg betrug am 1. November b. I. 1636, bavon waren 1343 männliche und 293 weibliche Personen. — An Lehrkräften wurden folgende Professoren bzw. Dozenten beurlaubt: Professor Dr.phiL Jakobsthal, Professor Dr. phil. Frank, Professor Dr. phil. Auerbach, Bibliothekarsrat Dr. phil. Berger, Dr. phil. Krautheimer, Dr. phil. Löwith und Professor Dr. Homburger.


