Ausgabe 
2.11.1935
 
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sehenden patriarchalischen Sitten und Bräuchen und lernt die Sagen und Heldenlieder eines tapferen, ehrliebenden Volkes kennen, dessen stolzer Freiheits- rville Achtung verdient. Aus Aufzeichnungen des Augenblicks ist ein Buch geworden, das uns mit bildhafter Kraft in fernes Land und Volk, in fremde Schicksale und in vergangene Zeiten versetzt.

Adolf Meschendörfer:D e r Buf­fe l b r u n n e n". Roman. Zn Leinen gebunden 5,50 RM. Verlag Albert Langen/Georg Müller in München. (286) Der Roman erzählt wieder von dem Schicksal der siebenbürgischen Heimat und von dem gefährdeten Volksdeutschen Leben im Süd­osten Europas. Die Handlung umschließt Verlo­bung, Hochzeit und erstes Ehejahr eines jungen Gymnasiallehrers, der an der Seite seiner gelieb­ten Frau den Weg findet aus der Enge verschwärm- ten Aesthetentums in die Wirklichkeit eines neuen tatfrohen Lebens. Auf der Hochzeitsreise ans Schwarze Meer, als er auf fremder Erde an der äußersten Grenze des Abendlandes das deutsche DorfAm Büffelbrunnen" entdeckt und von dessen glück- und leidvollen Auf und Ab im Wandel der Geschichte erfährt, überwindet er alle fruchtlose Träumerei und wird sich seiner Pflichten bewußt, die ihn auf Gedeih und Verderb mit seinem Volke verbinden: der ehedem vor der deutschen Gegenwart die Augen verschloß und in einer untauglichen Welt zu Hause war, ist nun sehend geworden und zum Manne gereift, der weiß, daß er in einem größeren Zusammenhänge steht und daß der Smn eines Manneslebens auf Höheres gerichtet fein muß als nur auf das Wissen um schöne Verse. Diese Er­füllung eines einzelnen Schicksals vollzieht sich in­mitten einer an Abenteuern reichen und vielge­staltigen Welt, die mit ungemein farbiger Anschau­lichkeit sehr reizvoll und eindringlich geschildert wird. Aus all dem Frohsinn und der strahlenden Heiterkeit dieses Lebens spricht der Glaube an die Zukunft des siebenbürgischen Volkes, das trotz vie­ler Feinde ringsum und trotz mancher Mängel und Schwächen im Innern sich immer wieder siegreich behauptet.

Von Anton Schnack sind zwei neue Prosa­bücher erschienen:Kalender-Kantate" in der Greif-Bücherei, Berlin (55 Seiten. '359) und Die fünfzehn Abenteurer", Lebensläufe und Schicksale, im Verlag Max Möhring, Leipzig (140 Seiten. 358) Eine ganze Reihe der in diesen beiden schmalen Bänden vereinigten Kapitel sind früher einzeln in unserem Feuilleton erschienen: sie sind auch insgesamt für die erzählerische Eigenart Schnacks, für den Stil und für den ausgesprochen lyrischen Einschlag in seiner Prosa charakteristisch. In der Kalender-Kantate rollt das Jahr in seinem natürlichen Ablauf vom Aufgang bis zum Nieder­gang am Leser vorüber: die zwölf Kaoitel, von denen jedes einem Momtt gewidmet ist fiepen gleich­sam jeweils unter dem zugehörigen Tierkreiszeichen und fangen in zarten, flüchtigen Bildern und Be­trachtungen, in kleinen Erlebnissen und Erinnerun­gen die Stimmung und jahreszeitliche Besonderheit der zwölf Monate ein. Schärfer im Umriß, ob­wohl nicht unähnlich sonst in Aufbau und Erzähl­weise, präsentieren sich die Lebensläufe und Schick­sale der fünfzehn Abenteurer, Geschichten, die zwang­los aneinandergereiht sind und natürlich beliebig vermehrt werden könnten. Eine wilde und roman­tische Welt tut sich da auf in knappen, fesselnden, oft erregend eindringlichen Schilderungen; Gesichter und Gestalten aus allen Zeiten und Zonen: der Tänzer Nijinsky und der deutsche Condottiere Jo­hann Georg von Wüst, die chinesischen Marschälle Wu-Pei-Fu und Chang-Tsolin, der im Weltkriege gefallene Leutnant Farwick, die exzentrische Gräfin Taylor Toiras und der im ewigen Eis erschlagene Bootsmann Nikifor Begitschew.y

Technik voran? 1 9 3 6. Jahrbuch mit Kalender für die Jugend. Herausgegeben vom Deut­schen Ausschuß für Technisches Schulwesen E. V. Mit 60Pbotos, 40 Zeichnungen, 10 Skizzen, 7 ganz­seitigen und 8 Kunstdrucktafeln sowie 1 Karten­beilage. 240 S. Kart..95 Mark. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin 1935. (355.) Der neue Jahrgang enthält wie seine Vor­gänger kurz gefaßte, allgemein verständliche Berichte und Erzählungen über neueste Ereignisse und Geschehnisse aus dem Bereich der Technik. Die Fortschritte des Verkehrs werden ausführlich be­schrieben und in zahlreichen Abbildungen veran­schaulicht. Fernsehen und Fernmeldetechnik, Winke für Photoliebhaber und Modellflugzeugbauer sind in dem Büchlein enthalten. Auch viele andere Dinge werden behandelt, die heute ieden jungen Deut­schen beschäftigen: Arbeitsdienst und Landgewin­nung. körperliche Ertüchtigung, Sport und Wehr­technik.

Geschichten ans aller Welt

Spur zu kommen. Das beste Geschäft aber machten bis zum Augenblick die Holzfäller, denn sie erhiel­ten einen sehr ansehnlichenFinderlohn".

Ein interessantes Filmverbot.

(zi) Budapest.

Die ungarische Filmzensurbehörde hat dieser Tage einen von einer einheimischen Filmgesellschaft ge­drehten Abenteurerfilm zurückgewiesen. Nicht etwa, weil er vielleicht zu abenteuerlich wäre und Mord und Totschlag in ihm dominierten, oder weil seine Handlung gegen die guten Sitten oder den Ge­schmack verstieße, auch nicht, weil er politisch nicht einwandfrei ist, sondern weil mitten in seiner Handlung eine Verfolgungsszene im Auto vor- kornrnt, die über eine ungarische Landstraße führt. Und bei dieser Verfolgung werden auf eben dieser vaterländischen Landstraße dichte weiße Wolken Staubes aufgewirbelt, die man malerisch sich zur Seite über die Felder wälzen sieht! Diese Szene, meinte die Filmzensur, tue jeder ungarischen Frem­denwerbung Abbruch und sei geeignet, sämtliche Automobilisten davor abzuschrecken, Ungarn zu be­suchen, dessen Landstraßen nicht annähernd so stau­big seien, wie es in diesem Film dargestellt werde.

Dieses Urteil ist für die davon betroffene Film­gesellschaft um so ärgerlicher, als sie, um irt dem Film wie es das Manuskript verlangt einen trockenen und heißen Sommer ganz besonders le­bendig zu veranschaulichen, eigens einige Tonnen künstlichen Staubes auf der Landstraße vor der Aufnahme hatte entleeren lassen.

Tissier seinen Freund, ihm jetzt weiterzuhelfen. Sar­razin aber wies Tissier ab. Worauf der eben aus der Gefangenschaft Entkommene zur Polizei ging und Sarrazin anzeigte. Er wird zwar wahrschein­lich wieder ins Bagno geschickt werden, aber sicher nicht ohne seinen Komplicen Sarrazin, der sich zur Unzeit so geizig gezeigt hatte.

Was ist ein Gentleman?

() London.

Danach ist ein Gentleman, wersauber ist innen und außen; sich nicht erniedrigt vor den Reichen und sich nicht aufspielt vor den Armen; zu gewin­nen weiß, ohne mit einer Wimper zu zucken, aber auch zu verlieren weiß, ohne sich erschüttern zu lassen; wer achtungsvoll ist gegenüber Frauen und Greisen und freundlich zu Kindern; wer zu stolz ist, um zu lügen, aber auch zu wach, um sich betrügen zu lassen; wer klug die Güter verwaltet, die das Leben ihm schenkt, aber auch den anderen ihr Teil läßt und ihr Lebensrecht dazu".

Die schönste Briefmarke der Welt.

(A. Z.) Marseille.

Der Briefmarkenliebhaber bewertet seine Marken bekanntlich nicht nach ihrer Schönheit, sondern aus­schließlich nach ihrer Seltenheit. Die teuersten Mar­ken sind darum keineswegs die schönsten, und die schönsten sind fast ausnahmslos so gut wie wertlos.

Immerhin hat der Philatelist trotzdem Sinn für die Schönheit feiner Marken. Als kürzlich in Frank­reich eine Umfrage nach der schönsten Marke der Welt veranstaltet wurde, nannte kaum einer der Interessierten eine teure Marke, sondern fast aus­nahmslos Briefmarken, die heute noch im Umlauf sind und schon allein deswegen keinen Wert haben können. Als schönste Marke wurde schließlich die schwarze Pennymarke Großbritanniens mit dem

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Wochenlohn literweise.

(zi.) Sidney.

Die neueste Währung auf den australischen Gold­feldern ist Wasser. Besonders im Golddistnkt von Tenants Creek in Mittelaustralien ist Wasser eine derartige Seltenheit geworden, daß kürzlich z. B. ein Zimmermann, der dort Holzbaracken erbaut hatte, seinen Lohn dafür in Gestalt von 80 Gallonen Wasser (eine Gallone = 4,543 Liter) ausgezahlt erhielt.

Dieser Wassermangel gibt übrigens zu den äußer­sten Bedenken Anlaß. Während der letzten sechs Monate hat es in jenen Bezirken nur ein einziges- mal während einer knappen Stunde geregnet, und das dabei aufgefan'gene Wasser ist eine einzige kleine Quelle, die sich nur nächtlich füllt, und nach ihrer anstrengenden Arbeit am Tage wandern jede Nacht Hunderte von Männern und Frauen mit allen möglichen Gefäßen dorthin, um sich ihren Wasserbedarf zu verschaffen. Bisher gibt die Quelle jede Nacht etwa dreitausend Gallonen her, aber fie droht bald erschöpft zu sein. Dann ist auch diese einzige Stelle innerhalb eines Bereiches von fünfzig Quadratmeilen, wo trinkbares Wasser aufgefunden wird, versiegt.

Indische Statistik.

(ha.) Bombay.

In mühsamer Arbeit ist eine große Anzahl frühe­rer statistifcher Angaben über Indien im Laufe der letzten Monate geprüft und revidiert worden. Bei dieser Gelegenheit haben sich mancherlei Zahlen ergeben, die man bisher nicht kannte.

Indien ist so groß wie Europa ohne Rußland. Es hat 1,5 Millionen Quadratmeilen Podenausdeh- nung. Britisch-Jndien allein ist 20mal so groß wie das englische Mutterland. Es gibt in Indien 600 Eingeborenenstaaten. Einige von ihnen sind nur einige Quadratmeilen groß. Andere aber, wie z. B. Haiderabad, sind erheblich größer als England.

In ganz Indien wohnen 339 Millionen Men­schen. Also lebt jeder fünfte Mensch der Erde in Indien. Von diesen 339 Millionen leben in Britisch-

Bild der Königin Viktoria gewählt. Die Marke ist jedem Sammler, auch dem Anfänger gut bekannt, ebenso die zur zweitschönsten erklärte französische Briefmarke mit der Säerin, die in unzähligen Exem­plaren verbreitet ist.

Die Totenstadt unter Granada.

(a. u.) Madrid.

Holzfäller, die kürzlich einen uralten Baum in der Nähe von Granada umlegten, waren erstaunt, als sich unter den Wurzeln eine Höhlung auftat, die den Eingang bildete zu einer regelrechten Gräber­stadt. Gänze Steinhäuser befanden sich in den Tie­fen der Erde. Man schätzt das Atter dieser Gräber-

eines Preisausschreibens, das eine englische Wochen­schrift veranstaltet, auf eine recht interessante Aus­legung des BegriffsGentleman" geeinigt.

Indien allein 257 Millionen. 310 Millionen sind Landleute, sehr arm und stehen auf dem niedrigsten Lebensniveau.

Man zählt in Indien zwei große Religionsgrup­pen. Die Hindus umfassen 239 Millionen, die Mo­hammedaner 77 Millionen Menschen. Es kommen noch hinzu 4,5 Millionen Sikhs und 6 Millionen Christen. Abgesehen natürlich von zahllosen kleinen und großen Sekten, die sich über das ganze Land verbreiten.

52 Millionen Inder gehören zu den niederen Kasten. Interessent ist, daß in Indien 120 000 Misch- blütige leben, also Abkömmlinge von europäischen und indischen Eltern. Ferner sind 160 000 Europäer im Lande.

Nach siebzehn Jahren .. .

(Da.) Mexiko.

Die Damen der Stadt Panama wußten die Sei­fen und Schönheitsmittel des Herrn Sarrazin wohl zu schätzen, und sein Parfümeriegeschäft ging glän­zend. Bis eines Tages ein merkwürdiger Kunde in fein duftendes Reich einbrach und Sarrazin dem Verderben auslieferte. Den Verkäufern des Ge­schäfts war es nicht gelungen, den Eindringling ab­zuweisen. Der verwahrloste Kerl brach sich gewalt­sam Bahn zum Privatkontor des Geschäftsinhabers, hatte eine längere, ziemlich heftige Aussprache mit ihm und verließ den Laden mit drohendem Ge­sicht. Herr Sarrazin mußte selbst eines von seinen belebenden Wässerchen in Anspruch nehmen, ehe er wieder zu sich kam, und verbrachte den Rest des Tages allein in feinem Kontor^ Am nächsten Mor­gen wurde er von der Polizei abgeholt. Seine An­gestellten und die Damen von Panama sahen ihn nicht wieder.

Wie vor Gericht bekannt wurde, hatte sich Herr Sarrazin vor siebzehn Jahren in einem Pariser Vorort an einem Raubmord beteiligt. Als Täter wurde ein gewisser Tissier verhaftet und zum Bagno verurteilt. Er ging nach Französisch-Gua­yana, ohne seine Komplicen anzugeben. Nach fünf­zehn Jahren Gefangenschaft konnte Tissier flüchten, er schlug sich bis nach Panama durch und entdeckte dort den Mithelfer bei feiner Tat, den Parfümerie­besitzer Sarrazin, der damals entkommen konnte und sich mit feinem Beuteanteil in Panama ein­gerichtet hatte. In der Unterredung im Kontor bat

Einführung des Arbeitsbuches fürHäusliche Dienste".

Vom 1. Oktober 1935 ab ist mit der Einführung des Arbeitsbuches für die Angehörigen der BetriebsgruppeHäusliche D i e n ft e" begon­nen worden. Darunter find alle Tätigkeiten zu ver­stehen, die im Rahmen der privaten Haushal­tungen von Hausgehilfinnen oder Angestellten, Lehrlingen ober Volontärinnen verrichtet werden.

So werden also außer den Hausgehilfinnen die hauswlrtfchafllichen Lehrlinge und die lUäb- chen im hauswirlschafllichen Jahr, die Haus­damen, Stützen, haushaltspflegerinnen, Wirt­schafterinnen, die Hauslehrerinnen, Erziehe­rinnen, Kindergärtnerinnen und Kinderpflege­rinnen ufw., aber auch die Diener und Haus­gärtner Arbeitsbücher bekommen. Auch die regelmäßig stundenweise beschäftigten Arbeits­kräfte brauchen ein Arbeitsbuch.

Wie erhalten diese Personen ein Ar­beitsbuch? Sie fordern beim Arbeitsamt einen Antrags Vordruck an. Darin finden sich Fragen über ihre Personalien, ihren beruflichen Werdegang und ihre berufliche Tätigkeit. Sie alle müssen wahrheitsgetreu und sorgfältig be­antwortet werden. Zeugnisfe ober sonstige Ar­beitspapiere finb bereitzuhatten unb bem Arbeits­amt auf Verlangen vorzulegen. Auf bem Antrag ist von ber Ortspolizeibehörbe, bei ber ber Antrag- steiler polizeilich gemelbet ist, bie polizeiliche Mel­dung zu bescheinigen. Diese Bescheinigung wird kostenlos erteilt. Der fertige Antrag muß bei bem Arbeitsamt eingereicht werben, in besten Bezirk ber Antragsteller polizeilich gemelbet ist. Auf Grunb biefer Angaben werben bann vom Arbeitsamt bie Arbeitsbücher ausgestellt.

Wenn also ber Beschäftigte auch selbst bafür sor­gen muß, baß er ein Arbeitsbuch bekommt, so ist es boch Sache bes Betriebsführers, in biefem Fall ber Hausfrau, sich barum zu kümmern, baß

bies geschieht. Sie hat selbst ein Interesse daran. Insbesondere kann sie bei Neueinstellungen int Haushalt feststellen, was ber Bewerber, ben sie in ihr Haus aufnehmen will, alles gelernt hat.

Es empfiehlt sich, die Anlragstellung nicht hin­auszuschieben, da für die Einführung des Ar­beitsbuches in der Gruppehäusliche Dienste" nur einige INonate vorgesehen sind. Von einem bestimmten Zeitpunkt ab, den der Reichs- und Preußische Arbeitsminister nach § 2 des Gesetzes festseht, dürfen keine Arbeitskräfte mehr ein­gestellt werden, die nicht im Besitz eines Ar­beitsbuches find.

Es ist zweckmäßig, baß bie Hausfrau in bem Falle, baß bas Arbeitsbuch zwar beantragt, aber noch nicht ausgegeben ist, bem Arbeitsamt Anzeige von ber Entlastung einer im Haushalt beschäftigten Hilfskraft macht unb beren neue Wohnung angibt, bamit bas Arbeitsbuch burch bas Arbeitsamt richtig zugestellt werben kann.

Alle Hausfrauen unb bie bei ihnen beschäftigten Arbeitskräfte haben von sich aus bazu beizutragen, baß sich bie Einführung bes Arbeitsbuches für die BetriebsgruppeHäusliche Dienste" ordnungsmäßig und reibungslos vollzieht.

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Roman von Frank $. Brann.

1 Fortsetzung. Nachdruck verboten!

2. Kapitel.

Konsul Bernhard Bastenberg wohnte nicht an der Alster. Das hatte Jabusch in seinem Bericht an Ba­silius nach Wien glatt erfunden. Jabusch war der Meinung, jeder reiche Mann in Hamburg müsse fein Haus an der Alfter haben.

Konsul Bassenberg bewohnte mit seiner Familie eine Villa am Mittelweg, bie geräumig genug war, baß auch sein Privatsekretär Herr Zerny bort Un­terkunft fand.

Wenn nicht gesagt worden wäre, daß Zerny wirk­lich des Konsuls Sekretär war, der hätte den noch jungen Mann viel eher als den Hauslehrer der aroei Knaben angesehen. Tatsächlich widmete er seine ganze Freizeit diesen beiden. Unb ber Konsul ließ ihm viel freie Zeit.

Tagsüber war Bernharb Basfenberg in feinen Kontoren in der Innenstadt beschäftigt; abends erst kam er nach Hause. Zerny war sich bis dahin selbst überlassen; denn Frau Lena beanspruchte ihn nicht. Er bekam fie an manchen Tagen überhaupt nicht zu fehen, außer bei den Mahlzeiten, die man an gemeinsamer Tafel einnahm.

An diesem Tage war allerdings die so gewohnt gewordene Zeiteinteilung über ben Haufen gewor­fen worden. Peter, der ältere ber Jungen, wurde zehn Jahre alt. Der Konsul hatte sich schon gleich nach ber Börse freigemacht unb war nach Hause ge­fahren.

Man nahm ben Kaffee im Garten ein, benn es war warm unb bie Sonne schien angenehm. Peter hatte sich ein paar Freunbe eingelaben. Schokolabe würbe getrunken und Geburtstagskuchenberge ver­tilgt. Dann schlug Peter als erster vor, ein Räu­ber- unb Prinzeß-Spiel zu veranstalten. Der große partartige Garten mit seinen Büschen unb Hecken bot Schlupfwinkel und Verstecke genug.

Der Vorschlag wurde sofort einstimmig angenom­men. Frau Lena, der Konsul und Zerny durften sich nicht ausschließen. Frau Lena mußte sogar die Hauptrolle übernehmen; es war ja fast selbstoer- jttindlich. daß sie bie Prinzessin zu spielen hatte.

Ihr müßt mir genügend Vorsprung lassen", sagte Frau Lena; sie warf mit einem Lachen ben Kopf in ben Nacken unb strich bas blonbe Haar zurück, burchaus bereit, eine nur schwer zu erbeu- tenbe Prinzessin abzugeben.

Sie nickte ihrem Manne zu.Du führst wohl bie Räuberbanbe, Rinalbini. Ich verpflichte bich, mich nicht eher zu suchen, bis volle fünf Minuten herum finb."

Der Konsul lachte.Zerny soll Zeuge sein", sagte er,in fünf Minuten brechen wir auf, bich zu suchen."

Sie nickte, beugte sich noch einmal verstohlen zu ben Männern unb flüsterte:Ich gehe in bie Laube an ber Straßenseite."

Der Konsul unb Zerny blinzelten oerftänbnis* innig, Man würde die Jungen in eine andere Richtung locken.

Lena Bassenberg ging den Kiesweg entlang vom Hause weg; hinter den Rhododendrongebüschen ver­schwand sie bereits ben Blicken der Zurückbleiben­den. Sie beeilte sich nicht sonderlich.

Als sie anlangte in der Laube, bie nur ein Netz­gitter von der Straße trennte, waren bie aus­gemachten fünf Minuten noch längst nicht herum. Sie nahm auf ber Bank Platz und wartete. Bald würde der Kriegsruf erschallen, und dann fand viel­leicht Peter ihre Spur, ober ihr Jüngster lief als erster in ihre Arme.

Ihren Mund umspielte ein glückliches Lächeln. Sie sah zum Haus hinüber, das aus bem Grün aufragte unb wartete auf bas Signal.

Auf bie Straße, bie ein wenig tiefer lag als ber Garten, schaute sie nicht. Sie hatte sonst längst ben Mann bemerken müssen, ber bort unter einem Baum stand unb zu ihr hinaufsah. Sicherlich hätte sie ihn auch sofort erkannt, genau wie Basilius sie erkannt hatte.

Basilius überlegte. Soll ich sie anrufen ober steige ich bester erst ein? Vielleicht läuft sie mir einfach bavon, wenn ich jetzt rufe? Seine Munbecken träufelten sich, viele kleine Falten sprangen ihm ins Gesicht. Sie kann ja nicht baoonlaufen, we­nigstens nicht weit genug.

Dom Haus herüber erschollen gellenbe Knaben­rufe. Der Garten wurde lebendig. Ueberall tauchte plötzlich jo ein Krauskopf auf.

Basilius zöaerte, bann begriff er, baß Eile not tat. Entschlossen trat er än bas Gitter, bereit, Lena Bastenberg anzurufen. Aber er tat es nicht. Den Weg herauf kam ein kleiner Junge gerannt.

Er sah bie Frau in ber Laube unb rief schon von weitem:Halt, Mutti, halt! Lauf nicht bavon! Ich habe dich zuerst gefunden!"

Frau Lena erhob sich. Das Lächeln um ihre Lippen vertiefte sich. Sie trat dem Jungen ein paar Schritte entgegen.Langsam, Liebling, du fällst! Ich laufe dir nicht weg!" Und sie breitete die Arme aus unb fing ihren Jüngsten auf, den findigsten aller Räuber.

Die Umarmung war nur kurz.Komm", forderte er mit männlicher Entschlossenheit.Du bist meine Gefangene." Da half ihr nichts. Sie mußte mit. Er zerrte fie übereifrig an ber Hanb ben Weg bem Haufe zu. Ihre Schritte verhallten.

Basilius trat zurück. Sein Gesicht war verschlos­sen. Diese Züge verrieten jetzt nichts mehr. Lang­sam ging er bie Straße hinunter. An ber Ecke warteten Jabusch unb Jolly.Hast bu fie ge­sprochen?"

Basilius schüttelte ben Kopf.Nur gesehen", ge­stand er.Ihr Junge hat ihr eine Gnadenfrist verschafft." Sein Lächeln war kalt.

Alwin Jabusch, der lange hagere Mensch nickte lässig:Aber ich hatte recht, nicht wahr, es ist Lena?"

Basilius nickte.Ich sah sie von der Straße und erkannte sie sofort. Sie bemerkte mich nicht."

Weshalb stiegst bu nicht ein, wie es gedacht war?"

Ich muß sie allein sprechen. Das wird sich heute abend besser machen."

Sie gingen die Straße zu Ende. Er entwickelte ihnen seinen Plan. Er war einfach und fie stimm­ten zu, denn alles Risiko trug Basilius bei dieser Unternehmung.

Gegen neun Uhr, nachdem es noch eine Abend­tafel gegeben hatte, waren die letzten jugendlichen Geburtstagsgratulanten nach Haufe gegangen. Um zehn Uhr schickte dann ber Konsul auch seine bei­den Jungen ins Bett. Er selbst blieb mit seiner Frau unb bem Sekretär noch im Herrenzimmer bei­sammen.

Aber Frau Lena war mübe, unb als sie bie bei­den Männer in ein Schachgespräch vertieft fand,

hotte fie stillschweigend das kleine Tischchen mit bem Schachbrett unb ben Figuren herbei unb stellte es vor ihnen auf.

Sie gab Zerny bie Hanb, strich ihrem Mann über bas Haar unb zog sich zurück.

Die beiben Männer bauten bie Figuren auf. Der Konsul bekam Weiß und zog an. Sie bliesen beide Zigarrenrauch zur Decke und sahen kaum auf vom Spiel. Als der Diener Herrn Doktor Franz Farrenkorn meldete, wurde fast ber beste Freunb als Störenfrieb empfunben.

Sie unterbrachen bas Spiel. Bassenberg ging bem späten Besucher entgegen.

Farrenkorn war Rechtsanwalt unb Notar. Er wohnte nicht weit entfernt in berfelben Strahl und war dem Konsul, mit bem er etwa gleichaltrig war fie näherten sich beide bem halben Hunbert seit Jahren herzlich befreunbet.

Sie machten nicht viel Umftänbe miteinanber. Farrenkorn ließ sich in einen ber Lebersessel fallen. Er war herzleibenb unb fast ftänbig außer Atem.

Ich störe natürlich," stellte er fest,aber ich gehe auch gleich roieber. Bitte, nichts, Bernharb, ich muß mich biefer Tage mit bem Alkohol vorsehen. Das Herz rebelliert roieber in unverschämter Weise. Ich bin nur hereingekommen, um euch zu erzählen, daß da ein Bursche im Garten herumlungert. Er stand hier vor diesem Fenster auf der Veranda unb sah in bies Zimmer. Ich ging auf ber Straße vor­bei unb rief ihn an. Ich glaubte erst, Zerny sei es, aber bann sah ich bie scheuen Bewegungen unb außerbem trug der Kerl eine. Brille. Sie Gläser funkelten einige Male."

Der Konsul hörte nur halb hin.Unb was ge­schah bann, Franz?"

Farrenkorn merkte, baß seine Erzählung hier roe» nig Einbruck machte. Er schloß kurz:Dann lief ber Bursche bavon."

Wohin, auf bie Straße?" fragte Zerny.

Der Anwalt nickte. Er wischte sich ben Schweiß von ber Stirn. Sein abenblicher Spaziergang strengte ihn von Mal zu Mal mehr on.

Eine Verfolgung ist zwecklos", sagte er,aber bu solltest bir endlich einmal ein richtiges Gitter um den ©arten ziehen lassen, Bernhard." »

(Fortsetzung folgt 1)