Ausgabe 
2.11.1935
 
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Nr. 25? Zweites Blatt

Gießener Anzeiger tGeneral-Anzetger für Oberhessen)

Samstag, 2 November (955

Bei Erkältungsgefahr, Halsentzündung und Grippe schützt vor Ansteckung Foirmatnitif

In allen Apotheken und Drogerien.

Die Medizin im Dienste des Volkes.

Von Dr. Hans Hartmann

In diesen Tagen sind es 225 Jahre her, seit 1710 der erste Preußenkönig Friedrich I. Asyle gegen die damals in seinem Lande wütende Pest errichten ließ. In ihnen sollten die Kranken ausgenommen werden und eine sachgemäße Pflege genießen. Eines dieser Peschäuser wurde vor dem Spandauer Tor ln Berlin gebaut und brauchte glücklicherweise seinem Zwecke gar nicht erst zugeführt zu werden, da die Pest Berlin verschonte. Aber es war nicht umsonst gebaut. Durch den Weitblick des Soldaten- künigs Friedrich Wilhelms I. wurde das Haus im Jahre 1727 gleichzeitig als Garnison- und Bürgerlazarett bestimmt, baulich erweitert und mit Lehrkräften, versehen, die dort die wissen­schaftliche Medizin zu lehren hatten. Kranke Men­schen, an denen sie medizinische Forschungen an- stellen konnten, waren stets zur Genüge da, und so waren alle Vorbedingungen dafür gegeben, daß die Charit s" unter der Leitung vieler besonders tüchtiger Mediziner ihren großen Ruf in aller Welt erhielt und stets vermehren konnte. Heute blicken viele Menschen aus allen Ländern auf sie und es darf uns mit Stolz erfüllen, wenn wir sehen, was dieses Institut alles für die leidende Menschheit geleistet hat.

Die nun seit 225 Jahren in der Charite gepflegte Medizin ist in einem besonderen Sinne volks- verbunden gewesen. Das ist, wie wir wissen, nicht jede Forschung, denn recht oft finden wir tiefe Gräben zwischen der Wissenschaft und dem Volke. Heute, wo wir alle nach einer volksnahen Wissenschaft streben, haben wir ein Recht, in erster Linie jenen Charitegeist zu preisen, der sich nicht in weltfremde Spekulationen und Begriffe oder in kunstvolle Wissenschaftslabyrinthe, womöglich noch in einer dem Volke unverständlichen Sprache Der» spönnen hat, sondern sich unmittelbar ins Volk begab, um ihm mit allen Kräften zu dienen. Daß wir dabei nicht die rein fachlichen Errungenschaften vergessen werden, das sind wir den großen Namen schuldig, die auf immer mit der Charite verbunden sind, und von denen hier nur einige genannt seien: da ist der erste Medizinische Leiter der Charits, der weitgereiste Eller, der den Grund legte zu der Lehranstalt und von 1727 bis 1735 tätig war. Sein chirurgischer Kollege war S e n f f. Beide hatten ihre Nachfolger; die Gebiete der sogenannten inneren Medizin und der Chirurgie blieben noch bis ins 19. Jahrhundert streng geschieden. So war es seit alters Sitte, und derArzt" der vorhergehenden Jahrhunderte hatte sich sehr erhaben gedünkt über den Chirurgen, den er als einen Charlatan, eine Art Dorfbarbier oder einen Doktor Eisenbart an­sah. Erst als die Regimentschirurgen, die den Na» menFeldscher" trugen, in den vielen Kriegen des 17. und 18. Jahrhunderts große B.deutüng erhielten und als sich diese Bedeutung durch die strenge soldatische Disziplin der preußischen Kö­nige 'mach hob, gewann der Chirurg an Ansehen. Aber das entwickelte sich sehr langsam. Das Volk wußte noch lange Zeit hindurch nicht zu unterschei­den zw'schen einem Jahrmarktdoktor, der die schwie­rigsten Operationen wie z. B. Blasensteinschnitte ausführte, und einem Chirurgen, der am Ber­liner collegium medico-chirurgicum gelernt hatte. Freilich bestanden auch hier noch Unterschiede: es gab Chirurgen, die rein handwerklich ihren Lehrern das Wichtigste abgesehen hatten, und es gab solche die Einblick in die inneren Zusammenhänge be­kamen und die wissenschaftliche Medizin erforscht hatten.

Die Charite, gegründet aus soldatischem Geist der preußischen Könige, wurde denn auch bis in unsere Tage hinein von hohen Militärmedizinern geleitet. Daher stammt ihre alte Verbundenheit mit der Armee und vor allem dem Heeressanitätswcsen.

Der von 1770 bis 1779 wirkende Henckel för­derte jene medizinischen Zweige, die mit dem Nach­wuchs zu tun haben. Zum ersten Male sehen wir in seinen Jahrzehnten eine gesteigerte Verantwor-

kunde) arbeiten zusammen.

e l a n d s , der als einer

Das Buch als Waffe des Geistes

Zum Abschluß der Woche des deutschen Buches.

Dle für die medizinische Wissenschaft ungünstige Trennung zwischen innerer Medizin und Chirurgie blieb bis zum Tode H u f e l a n d s , der als einer der Allergrößten von 1800 bis 1836 als erster Arzt der Charite gewirkt hatte, bestehen. Erst dann wur­den beide ersten Stellen, die desersten Arztes", wie er schlicht hieß, und die desersten Wund­arztes", in einer Person vereint und zwar in der Person des Generaldivisionschirurgus Rust. Jetzt erst konnte es zu der so notwendigen inneren 23er--

| Man sieht, wie lebendig die Wissenschaft vom deutschen Neuaufbaues, i Menschen gestaltet werden kann. Es ist bester alter Die ,Lehre vom Menschen" ist ja der Schnittpunkt,Charitsgeist", verkörpert in Dutzenden ihrer Pro- wo sich Rassenpflege, Medizin und allgemeine fefforen: überall d i e großen Zusammen- Kultur treffen. Auf der Naturforscherversammlung h ä n g e zu sehen, nicht am Kleinen hängenzubleiben in Innsbruck von 1869 war Virchow einer der und wahrhaft volkstümlich zu fein. Heute leben wir Gründer der Deutschen Anthropologischen Gesell- ja in einer Zeit, wo die Volksmedizin wieder mehr schäft, deren Vorsitzender er 1870 wurde. Virchow zu ihrem Recht kommt. Das unmittelbare hygienische setzte da an, wo die Wissenschaft im argen lag, Gefühl der Menschen, ihre uralte Erfahrung über und er ist ein Wegbereiter der.Germanenkunde. Am Heilpflanzen und richtige Ernährung, ja überhaupt verdienstvollsten ist vielleicht dieses: er veranlaßte richtiges Verhalten strömen wieder stärker in die eine in ganz Deutschland ausgeführte Untersuchung Medizin ein.

der Schulkinder mit dem Ziele, die Verbreitung der | --------

S i ? X ? 5 X to.3 neugeborene [ heute besonders interessieren muß, war dieser Cha-' blonden und der brünetten Rasse festzustellen. Die fnm iinhGrrl < ? X ' mJ^en wirk-! riteprofessor groß. Es war das der Anthro po- Resultate waren so aufschlußreich, daß man in fast p b geschützt werden muß, wurde m seinem l o g i e, bie sich nach vielen bilettantischen Versuchen allen Nachbarländern sehr bald ähnliche Festste!- marl i m°n ba äur Gegen- j erst sehr spat zu einer wirklichen Wissenschaft ent- langen traf. Besondere Studien widmete er Den

5 J^,e Rnjsen- und Erbhygiene eine auf- , wickelte. Sie findet heute auch in der Charite ihre, alten Trojanern und den deutschen Friesen.

hm? in bxr Äan?- eMr^.Geburts-1 Pflege und stellt sich, wie wir alle wissen, mehr Man sieht, wie lebendig die Wissenschaft vom

Hilfe, Gynäkologie und Pädiatrie (Die Kinderheil- und mehr in den Dienst des deutschen Neuaufbaues.! Menschen gestaltet roerbcn kann Es ist bester alter

bindung kommen. Schon seit 1817 war durch könig­liche Kabinettsordre eine wirklich auf der Höhe der Wissenschaft stehende chirurgische Klinik ge­gründet worden, die zugleich auch zwölf Betten für Augenkranke enthielt. Es will uns jetzt unvorstell­bar Vorkommen, daß einst Chirurgen die Kranken behandelten, die von den funktionellen Teilen der

Medizin, Den Organen, Nerven, Muskeln, Dem Blut unD Den Drüsen nicht viel Ahnung hatten. Heute können beide Disziplinen nur in engster Zu­sammenarbeit etwas Großes leisten.

Daß auch die anderen Einzeldisziplinen sich ab­spalteten, erwies sich einfach als Notwendigkeit Der Zeit. Unter Dem genialen Graefe, Der Die Ope­rationen desgrauen Stars" verbesserte und, die desgrünen Stars" erfand, und dem vor der Charite eines der schönsten Denkmäler Berlins ge- : widmet ist, wurde die Augenklinik eine beson­dere Anstalt und die Ophthalmologie eine selbstän­dige Wissenschaft. In ähnlicher Weise wurde später das Fach der Hals-, Nasen- und Ohren­heilkunde selbständig errichtet. Ebenso ging es mit Der Kinderheilkunde, die unter Heub - ner und Czerny zu einem der lebendigsten und unmittelbar jeden ansprechenden Fächer der Medizin wurde. Hier hatten die neuen Ideen der Konstitu­tionslehre die beste Gelegenheit, sich durchzuletzen.

Geht man heute durch die<5tabt Der Kliniken" auf Dem G'länbe Der Berliner Charite, so spürt man Den Geist jener Männer, Die unermüdlich gegen Die Krankheit zu FelDe zogen, Die mit einem Witte­rungsvermögen sonDergleichen jeDe Spur verfolgen, wo sie Den FeinD packen konnten. Einer Der aller­größten unter ihnen war Robert Koch, Dem es gelang, die Bakterien sichtbar zu machen, ihre Le­bensgewohnheiten zu studieren, und so die ersten Gegenmittel gegen sie zu schaffen.

Ein anderer Großer im Reich der medizinischen Wissenschast ist Rudolf V i r ch o w , der auch als Po­litiker bekannt wurde, dessen wahre Größe aber auf dem ©'biet' Der pathologischen Sinai o- m i e liegt, Die Die kranken Organe und Zellgewebe studiert und daraus ihre Schlüsse sowohl für die Lehre vom Ausbau des Körpers wie vom Funk­tionieren feiner Organe zieht. Er gilt als der Be­gründer der sogenannten Zellularpatholo­gie, die die Krankheitserscheinungen von Vorgän­gen in der Zelle aus ableitet, aber er war auch auf allen anderen Gebieten der pathologischen Anatomie anregend und fruchtbar. Virchow, der große Cha­ritsarzt, war vom Geschick ausersehen, auch tief in das praktische Anwendungsgebiet der Medizin ein­zugreifen. So war er in Den Kriegen von 1866 unD 1870/71 Mitglied des Vorstandes des Berliner Hilfsvereins für die Armee, organisierte die ersten preußischen Sanitätszüge und erbaute das Baracken­lazarett auf Dem Tempelhofer Feld Er gehörte auch Der wissenschaftlichen Deputation für das Me- dizinalwefen im Kultusministerium und der Berli­ner Stadtverordnetenversammlung an und hatte da­durch in manchen Fragen, wie etwa bei der Ber­liner Kanalisation, großen Einlluß. Virchow brachte den Ruf deutscher medizinischer Wissenschaft weit in die Welt, u. a. durch seine Studienreisen, von denen er eine im Jahre 1859 nach Norwegen machte, wo er im Auftrage der dortigen Negierung den Aussatz an Der Westküste Des Landes studierte.

Aber noch auf einem anderen Gebiet, das uns

Walter Zechlin: Diplomatie und Diplomaten, Deutsche Verlags-Anstalt Stutt­gart. Preis geb. 6,50 Mark. (362) Bei dem großen Jnle,e,se, das die Oeffentlichkeit von jeher in ein^m seltsamem Gemisch von beißender Kritik und ehrfürchtigem Staunen vor dem Geheimnis­vollen, den Diplomaten und der Diplomatie ge­schenkt hat, ist es eigentlich überraschend, wie gering Die Literatur über diesen Gegenstand ist. Wir ent­sinnen uns eines im zweiten Kriegsjahr erschienenen Buches von Mackay über die moderne Diplomatie, Das nach einem geschichtlichen Rückblick mit vorsich­tig abgewogenen Reformvorschlägen der scharfen Kritik die Spitze abzubrechen suchte, die damals, als Europa nach einem Wort Lloyd Georges soeben in Den Weltkrieghineingeschliddert" war, an der Diplomatie kein gutes Haar zu lassen pflegte. Sehr viel anders ist das allgemeine Urteil über Die Diplo­matie auch heute nicht, und nicht ganz schuldlos Daran ist Die große Unkenntnis über Das Wesen und Die Möglichkeiten Der Diplomatie, in Deren Be­reich die rechtschaffenen Hanbwerker an Zahl Die genialen Künstler ebenso überwiegen wie auch sonst überall, wo Die Größe Der Aufgabe nur selten Den Meister findet, der wider menschliche Enge und Vor­eingenommenheit sich durchzusetzen vermag. So war dies Buch von Zechlin geradezu eine Notwendigkeit. Ein erfahrener Mann vom Bau, der sowohl in der Zentrale, wie auf den verschiedensten Außenposten reiche Erfahrung sammeln konnte und auch als ein­stiger Pressechef der Reichsregierung die Fragen kennt, die Die Oeffentlichkeit befonbers bewegen, gibt hier oft mit feinem Humor, aber Doch mit durchaus nüchterner Sachlichkeit, vor der keine romantischen Illusionen standhalten können, einen gut geglieder­ten Aufriß des divlomatischen Handwerks. Wir ler­nen den diplomatischen Apparat in allen Einzelheiten kennen, die Strbeit des Diplomaten, sein Handwerks­zeug, seine Stellung zur eigenen, zur fremden Re­gierung. zu Den Kollegen und zum Deutschtum im Ausland. Wir erfahren, wie ein schlüpfriger Boden Das diplomatische Parkett ist und wie nur ein siche­rer Takt und innere Ueberlegenheit einen guten Diplomaten an all den Fallgruben vorbeiführen, die für ihn täglich aufgestellt sind. Wir sehen aber auch Die Grenzen seiner Wirsamkeit, Denn nicht er macht die Politik, wie man in Der Oeffentlichkeit beson­ders bann leicht anzunehmen geneigt ist, wenn eine Sache schief geht, sondern die Zentrale, von der er meist sehr genau umschriebene Instruktionen erhält und die das beste Beispiel dafür ist wohl die England-Politik der wilhelminischen Aera keines­wegs immer geneigt ist, Den Berichten ihres diplo­matischen Auslandvertreters Glauben zu schenken, wenn sie ihr nicht in Die eigene Schablone vasten. Ein wichtiges Kavitel behandelt auch die Ausbil­dung Der jungen Diplomaten, an die recht erhebliche Anforderungen gestellt werden. In diesen Zusam- menhang gehört die oft erörterte Frage, wie weit Außenseiter in der diplomatischen Karriere von Nutzen sind. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staa­

ten, wo mit dem Präsidenten und dem gefaulten Stab der leitenden Beamten auch die wichtigsten Außenmissionen zu wechseln pflegen und mit Ver­trauensleuten des neuen Regierungschefs besetzt werden, sind die europäischen Mäche durchweg mit Außenseitern recht sparsam gewesen. Es liegt in Der Natur Der Sache, Daß diese und ähnliche deli­kate Fragen von Zechlin nur andeutungsweise be­rührt werden. Trotz dieser gebotenen Zurückhaltung ist das Buch außerordentlich aufschlußreich und roiro gewiß dazu dienen, manches Vorurteil über die Diplomatie und die Diplomaten zu zerstören.

-e

Gerhard Gesemann:Die Flucht". Roman. In Seinen gebunden 4,80 Mark. Verlag Albert Langen,Georg Müller, München. (373) In diesem Tagebuch-Roman erzählt ein Deutscher, Der 1914 als Lehrer am Gymnasium in Belgrad vom Krieg überrascht wurde und nicht mehr in die Heimat zurückkehren konnte, die abenteuerliche Ge­schichte seiner Flucht mit dem serbischen Heer über die fast ungangbaren Gebirge Montenegros und Al­baniens herab zum Adriatischen Meer, wo er schließ- lich in Sicherheit gelangt und den Weg zur erhofften Rettung findet. Dieser Rückzug des Durch Hunger und Seuchen geschwächten serbischen Heeres, das sich, nahezu von allen Seiten umzingelt, nur mühsam seiner Verfolger erwehrt, wird nach der Eroberung Belgrads durch die deutschen Truppen zur Flucht eines ganzen Volkes, dessen Schicksal unrettbar be­siegelt zu sein scheint. Als einer der serbischen Ge­fangenen muß dieser Deutsche Leid und Mühsal und alles Elend der Flüchtlinge auf sich nehmen; und dennoch bewahrt er sich inmitten des drohenden Un­tergangs sein wissendes Herz und seinen fühlenden Verstand und überwindet alle tödliche Verzweiflung angesichts der seltsamen Schönheit des fremden Landes und feiner Menschen, mit denen ihn das Schicksal des Krieges zusammenführt. Seine Flucht­kameraden sind Bauern und Hirten, Professoren und Studenten, Frauen und Kinder. Mit ihnen kampiert er in Ställen, Scheunen und auf freiem Felde, zuweilen wird er aber auch gastlich ausge­nommen von edlen serbischen Familien und from­men Mohammedanern. Diesem MaNne erschließt sich auf seiner beschwerlichen Flucht das wahre Wesen jenes oft mißverstandenen Volkes erst in seiner ganzen Größe. Er geht in Den Städten und Dörfern dieses umkämpften Landes feiner uralten, wechselvollen Geschichte nach, erfährt von den noch immer Herr-

Gießener Konzertverein.

1. Symphonie-Konzert.

Die auf urgefunöem musikalischem Kem erwach­sene Suite im alten Stil von Ottmar ©er­ster wurde dem beginnenden Konzertwinter ein verheißungsvoller Auftakt. Prunkvoll, den trefflichen einzelnen Klanggruppen Des Orchesters angemessen, entsaftete sich das Vorspiel im reizvollen Wechsel der Klangepisoden der Streicher und Bläser. Form­schön und liebenswürdig, mit einem Zug ins Gra­vitätische Das Menuett, ^n Dem nur Den Bläsern zu- geteilten Triosatz strahlten diese mit ihrem Können im hellsten Licht. Die anmutige Schäferszene mit ti r mp iiTufani n Oboe uhrte hinüber zu der Jagdszene, die den Komponisten mit seiner poly­phonen Fülle, feiner markigen Thematik, Dem Fein- empfinDen für Klangschattierungen und Der Ent­wicklungssteigerung Des großen Schluffes zeigte. Hier bewies der spontane Beifall, Daß Die junge Generation Die Anerkennung Der Konzerthörer stets finDen wird, wenn sie in ihren Werken tüchtiges Können und zielstrebiges Wollen mit der Kraft Der Er'indung vereint.

Was Maria Neuß, Berlin, im Vorjahre mit ihren Fähigkeiten verheißen hatte, wurde mit der Durchführung des Violin-Konzertes von Johannes^B r a h m s vollste Erfüllung. Wie sie ge­rade als Frau dieses herbe, strenge Werk meisterte. Das zwingt Bewunderung ab. Ihr warmer klang- gesättigter Ton, der jede innere Regung aufs engste widerspiegelt, allen dnnamischen Graden nachgebend, stets tragend und mit feinem Schmelz den Raum erfüllt, iic Die sicherste Voraussetzung für ihre breite strömende Kantilene. Ueber Die Bewältigung des Technischen allein ist Maria Neuß weit hinaus, die größte Schwierigkeit wird von ihr schlackenfrei gelöst. Um so tiefgründiger kann sie daher das Werk durchdringen und frei von jeglichem Anstu­dierten erlebte man hier die ideale Nachschaffung des an musikalischen und technischen Klippen so rei­chen Konzertes. Und dennoch, was sie als Geigerin vermag auf der Höhe der musikalischen Erregung im Banne der großen Intuition, das bewies die Kadenz im ersten Satz. Wenn nach dem reichen Erfolg im Vorjahre noch eine Steigerung möglich war, 'so wurde sie diesmal unableugbare Tatsache.

Die große Linie der musikalischen Darstellung, die Professor Dr. Stefan Temesvary mit © e r ft e r 5 Suite bedeutungsvoll begonnen hatte, bestätigt^ sich im Brahms- Konzert. Wie fein er die Klangmassen differenziert abdämpfte, um den Solisten sein Recht zu geben, wie er im Orchester-' pari Den musikalischen Vorgang organisch klarlegte.

und Oder war es kein Wunder, wenn plötzlich in Der

... k 1 A V* PaM ß 1 t « A t A Ti A L A M M A «tf L A*

Dr. H.

500 Paar wol ene Strümpfe!

lag'

Be­

blanken Kugel ein Gestöber von Flocken anhub, ein Tanz von glitzernden, Hellen kristallklaren Schnee-

BOM. rm O:enste der Tin erh lfe

Auf dem Schreibtisch der Untergauführerin eiMmerkwürdiges Paket, das als Aosender Die

und zog damit nach Hause. Schon mittags hatten wir nur noch Wolle für Drei ober vier Paar.

Nachmittags aber war auf Der Geschäftsstelle ein Hochbetrieb wie noch nie:Wir haben gehört, man kann bei euch Strickwolle für Die.Winter­hilfe bekommen. Unsere Mädel möchten auch gern helfen ..." Dreimal mußten wir im Laufe des Nach­mittags bei der NSV. anrufen und neues M a - t e r i a t nachfordern. Am andern Ende des Drahtes wurden sie immer vergnügter:Aber Mädel, wollt ihr das wirklich übernehmen? Es ist uns ja eine große Hilfe. Aber schafft ihr's denn auch?" Ich übernehme die Verantwortung", sagte die Un­tergauführerin.

Bis zum Abend hatten wir Wolle für 200 Paar Strümpfe verteilt. In den nächsten Tagen tarnen noch 300 dazu. Dann hatte die Nähstube keine Wolle mehr. Aber noch immer kamen täglich Mädel zu

fternen, Die von irgenDwoher kamen und im Nu Den Hohlraum im Glase mit ihrem Geflirr und Geflitter anfüllten? Wenn sie stand die Kugel wieder fest auf ihrem alten oder auf einem neuen Platz sich leise und langsam herabsenkten auf die roten Dächer, den goldenen Hahn auf dem spitzen Kirchturm und auf Das Moos im Grunde? Wenn mitten im Sommer oder im Frühjahr oder im braunen Herbst hier ein winterliches Fest vor un­seren Auaen aufging und, von ihm kommend, vor unseren Nasen der Duft von Bratäpfeln, vor un­seren Ohren Das Knirschen von Schnee und lustiges Schellenklingel der Schlitten, vor unseren Augen Der Winter in seiner ganzen Herrlichkeit entstand? Wer wollte da uns Kindern dies Wunder von den gläubigen Herzen abstreiten?

Die Kugel ist im Laufe der Jahre verschollen. Vielleicht ist sie zersprungen, einmal irgendwann; vielleicht liegt sie irgendwo in einem Winkel eines

Mein Schneegestöber liegt nicht in der Zukunft, es kommt aus Der Vergangenheit. Dort trieb es im Hause meiner Großeltern sein Wesen, still unD meist unbeachtet auf Dem Schreibtisch eines alten, wür­digen Herrn, in einer mächtigen Kugel aus dickem Glase. Aus einem Schreibtisch, der von uns Kin­dern "'N hrfer Glasf"ael willen mit höchster Ehr- i furcht und mit tiefer Sehnsucht betrachtet wurde.

das ließ seine Dirigentenfähigkeiten aufs neue er­kennen. Ganz besonders stark mußte da der Ein­druck von Beethovens Siebenter werden. Die erwartende Vorbereitung Der Einleitung bannte und spannte, nicht zuletzt in den Ueberleitungs- taften. Die Entwicklung des Vivace war für ihn gleichbedeutend mit einem steigerungskräftigen all­mählichen Hineinwachsen in das Tempo. Das über Das Auegretto ausgegopene wachsende Licht erhob sich bei ihm zu plastischer Deutlichkeit. Drängend das Scherzo mit klanglicher Beschaulichkeit des Trios. Unerscyop,ilich in seiner Krast und Vielseitigkeit Der Ausbruch Des Temperaments im Finale.

Das Orchester folgte seinem Dirigenten bis zur letzten, feinsten Ausdeutung, in jeher Klanggruppe von stärkstem Wollen beseelt und glücklichem, vol­lem Gelingen begabt. Ein geringfügiges Versehen Der Trompeten bei Der Triowiederholung im Scherzo soll angesichts der Gesamtleistung nicht gewertet sein

Das sehr gut besetzte Haus belohnte das ernste Bemühen mit vollster Zustimmung.

Das ist nun schon eine Weile her, und inzwischen klapperten an den Heimabenden überall eifrig die Stricknadeln. Auch bei uns im Untergaubüro be­nützen mir jede freie Minute, umschnell mal eine Reihe abzustricken".

Schon sind die ersten Paare fertiger S t r ü mpfe bei uns eingetroffen und wurden.

fein übereinander gebündelt, bei der Winterhilfe ab­gegeben. Die andern werden in den nächsten Wochen nachkommen. Denn wir haben eine Aufgabe über­nommen, für die wir einstehen. Auch wenn es sich nicht um große Dinge handelt, sondern nur um 500 Paar Strümpfe. R. T.

schön!"

Die Bürostunden gingen weiter, wie gewöhnlich. Jedes Mädel, das auf die Geschäftsstelle kam, er­hielt sein Päckchen Wolle in die Hand gedrückt

xmhhch, um uciicu tun: ipuitrie oeu niujib anzu­fangen wußte. Vielleicht war sie zu bunt, um noch leben zu können, als kein Kind mehr an ihr Freude hatte. Wer weiß das alles. Wer kennt die

Nur wegen dieser Kugel und beileibe nicht wegen Der Aktenbündel ober der alten Bücher, die im Hin­tergründe aufgestapelt standen wie eine graue, drohende Wand.

Was war Das für eine Kugel! Was war es um sie für ein schönes herrliches Geheimnis! Sie ruhte auf einer Glasplatte unD unten, auf ihrem abge- flachten Boden, war ein Dorf eingebaut, ein win­ziges Dorf mit winzigen Häusern unter ziegelroten Dächern, mit einer Kirche, Die einen spitzen Turm trug und einen richtigen goldenen Hahn darauf. Der Boden war grünes Moos mit Wegen darin­nen, die glänzten wie die verschörkelten Pfade im bunten ©arten hinter dem Hause, auf die man in jedem Jahre neuen Silberkies schüttete. Aber bann, wenn man bie Kugel in die Hanb nahm, um einen neuen Brief barunter zu tun ober um ein Aktenbündel Damit zu beschweren, dann geschah Das Wunder.

Seele einer solchen Kugel, bie mitten im hohen Sommer einen weißen Winter in sich hineinzau- bern konnte.

Vielleicht war sie ein Poet in bem Geschlecht der Briefbeschwerer. Einer von denen, über die man sagt, daß sie etwas zaubern können, was eigentlich gar nicht da fein dürfte. Schneegestöber im Sommer, ein Schn'«'gestöber in der Glaskugel: Was sind dies nun für Dinge ...

Zeichnung NSV. trug. Es war groß, dick und fühlte sich weich an. Als wir die Verschnürung ge­lost hatten, fielen 20 Lagen weicher schwar­zer Wolle heraus. Die Nähstube der NSV. hatte uns Material für 10 Paar Strümpfe geschickt, die wir für die Winterhilfe stricken sollten.

Wir freuten uns, und die Wolle wurde verteilt. Zwei Paar übernehm ich!"Mir auch zwej Paar, bitte!"Viel Zeit habe ich ja nicht, aber ein Paar schaffe ich schon!" Im Handumdrehen war das Paket leer.Weiter ist nichts mehr da? In meiner Mädelschaft hätten die Mädel bestimmt

uns auf die Geschäftsstelle:Hier soll es doch Strumpfwolle fürs Winterhilfswerk geben ...", zogen enttäuscht ab, wenn sie unsere leeren Fächer sahen.

führerin,die Nähstube gibt uns sicher gern noch Wolle!" Sie rief bei der NSV. an.Die Näh­stube, bitte! Hier ist der BDM der Unter­gau, jawohl! Können wir noch einmal Strumpf­wolle haben? Etwa für 50 Paar? Fein! Danke

Schneegestöber.

Von Johann £)fo Br nqezu

Gemach, gemach; noch ist es nicht die Zeit, daß 1 alten Hauses unter Gerümpel versteckt bei anderen die Flocken vom Himmel stäuben, wenn Frau gingen, mit denen eine spätere Zeit nichts anzu- Holle ihre Dunklen Himmelsbetten schüttelt. UnD ich fangen wußte. Vielleicht war sie zu bunt, um noch

auch gern gestrickt!" Es gab immer noch einige, w m m ........................... ......

Deren Wünsche nicht erfüllt waren! | bin*"fein" WÄerkunDi'ger,' der^

Ach, wenn es Daran liegt", lachte Die Untergau- will, Die im Oktober ober im November so gut xu niht im« firfcor n»r i eintreffen können, wie im Dezember ober Januar.