Ausgabe 
2.9.1935
 
Einzelbild herunterladen

Nr. M Erster Blatt

185. Jahrgang

Montag, 2. September 1035

Erscheint täglich, außer Sonntags und Feiertags Beilagen: Die Illustrierte Gießener FamilienblStter Heimat im Bild Die Scholle

Monatr-Vezugrprels:

Jtit 4 Beilagen NM. 1.95 Ohne Illustrierte 1.80 Zustellgebühr .. -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt

Hernsprechanschliiffe unter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnach» richten: Anzeiger Sieben poftscheckkonto: granffurt am Main 11686

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vruK und Verlag: vrühl'sche llnivrrsttStrvuch- und Steindruckerei «.Lange in Gießen. Schristleitung und Geschäftsstelle: Schulftrahe 1

Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis 8'/,Uhr des Vormittags

Grundpreife für 1 mm höhe für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rpf., für Text- anzeigen von 70 mm Breite 60 Rpf..Platzvorschrift oder schwieriger Satz 25°/0 mehr

Ermäßigte Grundpreise: Stellen-, Vereins», gemein­nützige Anzeigen sowie ein­spaltige Gelegenheitsanzei­gen 5 Rpf., Familienanzei­gen, Bäder», Unterrichts» u. behördliche Anzeigen 6Rpf. Mengenabschlüsse Staffel B

Vor der Völkerbundstagung.

Oer italienisch-englische Gegensatz in der Abessinienfrage.

Von unserem ständigen Mst.-Berichterstatter. Italien hat bekanntlich auch die neuen sehr weit­gehenden Konzessionen abgelehnt.

An diese in den Einzelheiten verwickelte, in ihren großen Zügen aber sehr eindeutige Vorgeschichte der Septembertagung muß erinnert werden, wenn man ihre Bedeutung für den Völkerbund verstehen will. Genf hat hinsichtlich Abessiniens nie ein gutes Gewissen haben können. Es hat bei der Aufnahme dieses Landes vor 12 Jahren aus politischem Opportunismus auf die strikte Anwen­dung wichtiger Grundsätze verzichtet, und es verhält sich jetzt ebenso, wenn auch mit um- aekehrtem Vorzeichen und in einer bedeutend ge­fährlicheren Situation. Wenn es jetzt wieder in die aktive Politik eingeschaltet wird, so verdankt es dies lediglich dem Interesse Englands an der Aufrecht­erhaltung eines Systems von Verfahrensregeln und Rechtsgrundsätzen, in deren Namen das Foreign Office jederzeit in die Welthandel eingrei­fen kann. Italien hat versucht, dieser englischen Dölkerbundspolitik eine Politik der voll­endeten Tatsachen und der stillschweigenden Ignorierung entgegenzusetzen. Nach dem eng­lischen Ministerrat vom 22. August, der den Ein­druck unbedingter, wenn auch maßvoller Entschlos­senheit hinterließ, und nach dem Bozener Minister­rat, der vorerst die vom französischen Vermittler

Mussolinis Politik der Faust.

An die englische Adresse.

London, 1. Sept. (DNB.)Sunday C h r o n i c l e" enthält eine Unterredung mit Mussolini, in der dieser erklärt hat:Ich bin für den Frieden, aber was ich begonnen habe, werde ich beenden. Ich wünsche im Völkerbund zu bleiben, wenn das möglich ist.

Abet wenn die Entscheidung gegen Italien fällt, werde ich den Völkerbund verlassen. Da­mit wird der Völkerbund erledigt sein.

Ich werde die italienische Klage gegen Abessinien Vorbringen. Dann werden die Nationen der Welt zu entscheiden haben. Ich kann es nicht verstehen, wieso unsere berechtigten Ansprüche von irgend je­mand in der Welt mißverstanden werden. Groß­britannien weiß, was es heißt, in Kriege ver­wickelt zu sein. Großbritannien sollte es wissen, wie weit man gequält und gestoßen werden kann, bevor man eine Zioilisierung unternimmt, die dem weihen Mann obliegt. Immer wieder haben die Abessinier italienische Rechte verletzt und die Treue

WieAbessinien Älilglied desVölkelbundeswurde.

Eine zeitgemäße Erinnerung. - Die Intrigen in Genf.

bloßgelegten Konsequenzen gezogen hat. dürfte diese Periode des italienischen Boykotts gegen Genf ab­geschlossen sein.

Immerhin hat Italien erreicht, daß schon seine Beteiligung an einem regelrechten Dölkerbunds- verfahren als beträchtliches Zugeständnis gewertet wird, für das es, um bei guter Laune zu bleiben, sicher wichtigere sachliche Konzessionen verlangen wird. Das Feilschen um den Preis für die Aufrechterhaltung des Friedens wird, nach den Junioerhandlungen in Rom und der August-Konferenz in Paris, wahrscheinlich auf der Genfer September-Tagung fortgesetzt werden. Wenn hierfür die Artikel 15 und 16 der Völker­bundssatzung, die jeden Krieg und jede Kriegs­drohung zwischen Mitgliederstaaten als Angelegen­heit des ganzen Bundes bezeichnen, als Grundlage und Rahmen dienen sollten, so hätte der Genfer Organismus in letzter Stunde feine monatelangen Versäumnisse einigermaßen gutgemacht. Im Augen­blick wagt man hier, dieses Ergebnis lediglich als möglich zu betrachten. Eine Wahrscheinlichkeit für die Vermeidung von Feindseligkeiten in Abes­sinien mit all ihren Auswirkungen würde sich erst ergeben, wenn die jetzt noch ganz hypothetische Ein­heitlichkeit der englischen und der französischen Völkerbundspolitik hergestellt würde.

gebrochen. Wie lange müssen wir uns derartige rechtswidrige Handlungen von selten einer barba­rischen Nation gefassen lassen? Ich glaube, ich bin sehr geduldig gewesen.

Abessinien ist kein Staat und keine Nation. Ich kann es nicht verstehen, wie jemand bei seinem Urteil über Italien zu einem rückständigen Teil der Dell wie Abessinien sich für dieses Land aussprechen kann.

Ich werde eine ganze Bibliothek über Sklaverei­greuel in Abessinien vorlegen, Dokumente und Pho­tographien. Ich habe keinen Zweifel darüber, daß sich die Ansicht der öffentlichen Meinung in Groß­britannien ändern wird. Die Photographien werden die Tatsache und den Schrecken des Sklavenhandels beweisen, der seit Jahrhunderten ein Schandfleck für die'' Zivilisation gewesen ist. Die Photographien . werden eine Sensation sein, die einen Abscheu über ! Abessinien in der ganzen Welt verbreiten wird.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Genf, 31. August 1935.

Noch nie ift ber Völkerbund so oft genannt worden und dennoch so wenig in Aktion getreten, wie bei dem italienisch-abessinischen Konflikt, der seit dem 5. Dezember vorigen Jahres, seit dem schon historisch gewordenen, aber offiziell noch immer nicht geklärten Zwischenfall von Ual-Ual, die Weltöffentlichkeit beschäftigt und auf der bevorstehenden Tagung alle anderen Fra­gen völlig in den Schatten stellen wird. In diesen neun Monaten ist täglich in allen irgendwie inter­essierten Ländern, bald in skeptischer, bald in zu­versichtlicher, in positiver oder in ablehnender Form von einem Eingreifen Genfs die Rede ge­wesen; aus der Kriegsgefahr wurde eine Kriegs­wahrscheinlichkeit, die an Gewißheit grenzte, und doch blieben die Kriegsverhütungsvorschriften des Völkerbundspaktes abseits von dem Gang der Er­eignisse. Die abessinische Regierung wandte sich schon am 16. Dezember 1934 nach Gens und be­antragte einen Monat später in aller Form die Einleitung des Vermittlungsverfahrens auf Grund von Artikel 11 der Satzung. Der Rat, der damals versammelt war, begnügte sich mit einer Vertagung auf die nächste Session, also auf Mai, nachdem den abessinischen Vertretern nahegelegt worden war, sich unmittelbar mit Italien zu verständigen. Um tiefe Anregung nicht ganz aussichtslos erscheinen zu lassen, hatte Italien seinen früheren Standpunkt, daß der Streitfall nicht unter die Bestimmungen des Freundschafts- und Schiedsvertrages vom 2. August 1928 falle, aufgegeben. Auch hatte es feine im Dezember kategorisch erhobene Forderung, daß Abessinien sich wegen des Zwischenfalles von Ual Ual entschuldigen und eine Entschädigung leisten sollte, sttllschweigend zurückgestellt.

. Die vorläufige Selbstausschaltung des Völker­bundes auf vier Monate war nichts anderes als der völlige Verzicht auf jede Stellungnahme in einem Konflikt, der damals noch keinen großen Um­fang angenommen hatte, aber in der internationalen Öffentlichkeit allgemein als der Anfang einer ent­scheidenden Auseinandersetzung über das Schicksal Abessimens empfunden wurde. Auch auf der un­vorhergesehenen Ratstagung im April hielt der Völkerbund an feiner Taktik des Verschleppens fest, obwohl schon Mitte Februar die ersten italienischen Mobilisierungsmaßnahmen bekanntgegeben und seit­dem ständig Truppen- und Materialverschiffungen nach Ostafrika vorgenommen worden waren. Außer­dem hatte Abessinien schon am 17. März ein Ver­fahren auf Grund von Artikel 15 der Satzung ver­langt, da eine Lage bestehe, die zum Bruch führen könnte. Gleichzeitig war bekanntgeworden, daß die Schlichtungskommission, die sich des Zwischenfalles von Ual-Üal annehmen sollte, noch nicht gebildet werden konnte, da Italien keine europäischen Ju­risten als Vertreter Abessiniens anerkennen wollte.

Nun konnte auf der Ratstagung im Mai ange­sichts der fortschreitenden Zuspitzung der Lage das beliebte Mittel der Vertagung nicht mehr Her- Halten; das bedeutet aber nicht, daß der Völker­bund endlich das Verfahren eröffnete, das durch die drohende Kriegsgefahr geboten schien. In -Mehr­tägigen inoffiziellen Verhandlungen wurde damals lediglich die Zustimmung Italiens erreicht, daß es eine von ihm schon im Januar gemachte Zusage, nämlich die Durchführung des Schlichtungs­und Schiedsverfahrens, einhalten werde. Auch dieses neue Versprechen war nur bedingt, denn von nun an bildete zwar nicht mehr die Na­tionalität der von Abessinien bestimmten Schieds­richter einen Stein des Anstoßes, wohl aber die Frage, ob bei den Verhandlungen der Kommission die territoriale Zugehörigkeit von Ual-Ual erörtert werden dürfe oder nicht. Die Ausführung der beiden Ratsentschließungen vom 24. Mai sollte daran schei­tern. Man hatte geglaubt, bis September eine Atempause gewonnen zu Haden; der Zusam­menbruch der Schlichtunasverhand- lungen in Scheveningen machte aber schon Mitte Juli die Einberufung des Rates spruchreif. Das Ergebnis des zähen diplomatischen Ringens vor und während dieser neuen Ratstagung, die am 31. Juli zusammentrat und mit den beiden Entschließungen, sowie dem Dreimächtecommuniquö vom 3. August endete, war eine neue Vertagung, diesmal allerdings auf einen festen, wenngleich von Italien nicht angenommenen Termin, den 4. Septem­ber.

Zwischen dem 24. Mai und dem 31. Juli hatte sich aber eine Entwicklung vollzogen, die dem ita­lienisch-abessinischen Konflikt die ganze Bedeutung einer europäischen Krise geben sollte: das offene Hervortreten des englisch-italieni­sch e n Gegensatzes. Edens Besuch in Rom am 24 Juni und fein von Mussolini abgelehnter Ver­mittlungsvorschlag, das aufsehenerregende Angebot ber Abtretung des Hafens Zeila in Britisch-Somali- lanb, bedeutete zugleich Höhepunkte und Ende der direkten und freundschaftlichen Verhandlungen zrpi- schen London und Rom. Alle weiteren Auseinan­dersetzungen erfolgten in einer Atmosphäre zuneh­mender Gereiztheit und bedurften des französischen Ministerpräsidenten als eines unentbehrlichen Ver­mittlers. Diese Rolle hat Laval zuletzt bei den Orei-Mächte-Verhandlungen m Pan?, t»ie außerhalb des Völkerbundes eine sachliche lo- litng der abessinischen Lage herbeiführen sollten mit Geschick, aber ohne greifbaren Erfolg gespielt.

Es war am 28. September 1923. In den kunst­losen und unzureichenden Reformationssaal des Genfer Volkerbundspalasts treten glänzend schwarze Gestalten ein. Es sind die beiden Delegierten Abes­siniens, das heute feierlich in den Völkerbund aus­genommen werden soll. Der eine ist bekleidet mit einem Gewand aus schwarzer Seide, das auf eine enge weihleinene Hose herabfällt. Der andere ist in einen Mantel aus blauem Seinen gehüllt. Würdig und schwer steigt der erste zur Rednertribüne hin­auf; er zieht aus einem goldenen Etui die gold­gefaßten Gläser und liest langsam in einer alten unbekannten Sprache, in der die dunklen Laute des Hebräischen klingen, die feierliche Erklärung vor: Im Namen Ihrer Majestät Saoditu, Königin der Königs und Seiner Kaiserlichen Hoheit des Thron­folgers und Regenten des Reiches Ras Tafari..." Als er endet, herrscht im Saal ein trunkener Enthusiasmus. Die Bänke der Delegierten prasseln Beifall. Die Genfer Damen strampeln vor Vergnügen! Die Schönheit der broncierten abessini­schen Männer! Das schwarzseidene Kleid, der blau- leinene Mantel, der Klang der unbekannten Sprache. Es war der Schauer einer allgemeinen B e - s e s s e n h e i t!---

So etwa schildert im PariserTemps" Jacques Bardoux den Einzug Abessiniens in bie Völkerbundsoersammlung, aus der es jetzt nach 13jähriger Mitgliedschaft auf.it alie- nischen Vorschlag wieder ausgeschlossen werden soll. Es ist für die politische Bedeutungs­losigkeit dieser Genfer Schaustellungen bezeichnend, daß das hysterische Gehabe, von dem der französische Augenzeuge ein so ironisches Bild entwirft, nichts von den Schwierigkeiten verriet, die der Aufnahme des afrikanischen Staates in den Sitzun­gen der Kommissionen vorausgegangen waren und von denen die breite Öffentlichkeit erst jetzt Kennt­nis erhalten hat, als England an feinen da­maligen Widerspruch gegen die von Frank- reich und Italien betriebene Aufnahme Abes­siniens erinnerte. #

Diese Bemühungen, die ein interessantes Stuck der eifersüchtigen Ententediplomatie der Nachkriegsjahre bilden, gehen bis auf das Jahr 1919 zurück. England schob sich taktisch mit dem Antrag dazwischen, eine Untersuchung des Volker- Hundes über den Sklavenhandel in Ades- finien zu veranstalten, ein Argument, das sich jetzt bekanntlich Italien zunutze gemacht hat. Aber der englische Delegierte, der damalige Unterrichts­

minister Lindley Wood, blieb mit seinen Kollegen aus den englischen Dominien und den Delegierten einiger kleiner europäischer Länder allein. In der Sitzung der Militärkommission des Völkerbundes vom 6. September 1923 beantragte der Vertreter Frankreichs, Oberst R o q u i n, zu erklären, daß der gegenwärtige Zustand Abessiniens kein Hindernis für seine Zulassung bilde. Der eng­lische Vertreter Oberst Lowe wurde überstimmt und gab seinen Widerspruch zu Protokoll. Dasselbe Bild in der 6. Kommission, wo es sich um den Sklavenhandel und um die Waffenein­fuhr handelt. Der wortgewandte Delegierte Frankreichs Henri de Jouvenel argumen­tierte, daß gerade die Unterdrückung des Sklaven­handels die Einfuhr von Waffen nötig und wün­schenswert mache. Das war selbst dem italienischen Vertreter zu viel: er beantragte mit dem englischen, nur 500 Gewehre jährlich zur Einfuhr freizugeben. Der vorsichtige Vertreter des kleinen Lettlands, Meirowitz, ging aber weiter; er wollte festgestellt wissen, daß die Macht der abessinischen Zentral­regierung auf die entfernten Provinzen unzurei­chend sei, und daß Abessinien seine internationalen Verpflichtungen nicht eingehalten habe. Italien, das diese Feststellungen jetzt wörtlich wiederholt, rührte sich nicht. Frankreich beherrschte die Situation.

Auf diese internen Verhandlungen folgten am 19. und 20. September 1923 die öffentlichen Sitzun­gen: Der Schweizer Vertreter Motta, unterstützt von Holland, Lettland und Norwegen, beantragte, die Ausnahme zu vertagen und eine ge­nauere Untersuchung des Falles zu beschließen. Der englische und der australische Delegierte erklärten, daß dieser Antrag durch den Waffenschmuggel und den Sklavenhandel in Abessinien gerechtfertigt und zu empfehlen sei. Die Wage schwankte; nur Belgien und China traten vorläufig für die Aufnahme nach französischem Wunsch ein. Von der Haltung Italiens hing alles ab. Bis zur nächsten Sitzung am folgenden Tage hatte der Fran­zose De Jouvenel die Schwierigkeiten beseitigt. Italien, dem vielleicht in einer Vorahnung der heutigen Situation, bei der Aufnahme des schwar­zen Bundesbruders nicht so recht wohl gewesen war, hatte klein beigegeben und war für den französischen Standpunkt gewonnen. Der Faschismus steckte damals noch in den Kinder- schuhen, hatte soeben sein Korfu-Unternehmen, den ersten Schritt auf dem Glatteis der auswärtigen

Politik, unter dem Druck Englands liquidieren müssen und hatte noch keine feste Linie. S o setzte Frankreich seinen Willen, Abes« finien in Genf zu sehen, durch. Die» mischeJdea Nazionale" schrieb am 26. September 1923 hierzu folgende Worte, die heute einen merk» würdigen Beigeschmack haben:Italien war immer den Verpflichtungen getreu, die es für die Unver­sehrtheit des äthiopischen Kaiserreichs übernommen hat, dessen Unabhängigkeit es anerkennt und re­spektiert. Es hatte aljo keinen Grund, sich dem Aufnahmegesuch Abessiniens in den Völkerbund zu widersetzen. Somit entfallen alle Vermutungen über unsere anders gerichteten Ziele."

Es wird aus diesem protokollarischen Hergang klar, daß die Verantwortung für die Aufnahme Abessiniens ausschließlich bei Frankrei ch, in minderem Grade in der Duldung Italiens wider feine bessere Einsicht liegt. Der französische Schriftsteller sieht den Ärund für die Beharrlichkeit der französischen Diplomatie auf diesem exotischen Gebiet in der damaligen europäischen Situation: der Zusammenbruch des deutschen Ruhrwiderstandes in jenen Tagen habe Frankreich in den Rus des Imperialismus gebracht. Um dies zu ent­kräften, habe es, wie er sich ausdrückt,das Abend­mahl der Genfer Ideologie" zelebriert. Das mag vielleicht fein. Der wichtigere und zutreffendere Grund aber war die französische Absicht, Eng­land und seinem unbequemen Außenminister Lord Curzon, der Poincare im Ruhrjahr beson­ders auf die Nerven gefallen war, zu be st rasen und in Afrika einen fühlbaren Tritt zu ver­setzen. Dafür war der Völkerbund nach französischer Methode der geeignete Schauplatz. Es ist nur d i e Rache der Geschichte, wenn Frankreich am 4. September 1935 in Genf büßen muß, was es vor 13 Jahren gesündigt hat.

Die Mkerbundskatte bis zum Gude.

Englische Ausblicke auf Genf.

London, 2. Sept. (DNB. - Funkspruch.) Die Bedeutung der am Mittwoch beginnenden Sitzung des Völkerbundsrates wird von den mei­sten Morgenblättern in Leitaufsätzen hervorgehoben. DieT i me s" sagt u. a., Eden habe in Genf einen verhältnismäßig geraden Weg vor sich. Hinter ihm stehe geschlossen das Kabinett und unfraglich auch die öffentliche Meinung des Landes.

Das britische Volk glaube an den Völkerbund als beste Methode, die Ideale des Friedens und der Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten, was auch immer in Genf geschehen werde, um diese Methode zu zerstören. Von seinem eigenen Vertreter erwarte es, daß er seine Völker­bundskarte bis zum Lude aus­spiele.

Das Blatt lobt die Art und Weise, in der die britische Außenpolitik in den letzten Wochen geführt worden sei. Das Foreign Office und die britische Presse hätten eine kluge Gleichgültigkeit gegenüber dem erbärmlichen Strom england- feindlicher Verleumdungen gezeigt, der sich aus der unter Staatsaufsicht stehenden Agentur in Rom ergossen habe. Das Foreign Office habe auf dem regelmäßigen diplomatischen Weg für Mäßigung Italiens, für klugen Realis­mus in Abessinien und vor allem für ein Zusam­menwirken mit Frankreich gearbeitet. Edens Stel­lung werde dadurch um so stärker werden. Es habe in den letzten 24 oder 48 Stunden willkommene Zeichen dafür gegeben, daß die britische Hal - tu n g gegenüber der italienischen Kriegs­drohung in ihrer Selbstlosigkeit besser verstanden werde.

Frankreich stehe vor der Dahl, entweder ein wichtiges Glied in der kette seiner Freund­schaften preiszugeben, oder den völligen Zu­sammenbruch des Völkerbundes zu riskieren. Die Entscheidung, die Mussolini Frankreich ausgezwungen habe, werde nicht leichten Her­zens erfolgen, keiner der Feinde Frankreichs werde seine Verlegenheit durch einen Druck ver­größern, aber gewisse Erwägungen allgemeiner Art mühten angestellt werden. Der Vfeil, der vor den Völkerbund komme, sei ein Probepfeil in einem zielentschiedenen Sinne. Es handele sich um einen vorsätzlichen Angriff eines Mit­gliedes des Völkerbundes auf ein anderes Mit­glied. Wenn Italien den Frieden breche und die anderen großen Nationen des Völkerbun­des diese Handlungsweise verzeihen werden, so würde dies eine unbegrenzte Aussicht aufge­bildete Plünderungen- eröffnen. Das ganze kollektivsyftem würde vernichtet und unwider­ruflich sein Ende finden. Diesen Erwägungen könnten sich die logisch denkenden Franzosen nicht entziehen.

JrnDaily Telegraph" wird ausgeführt, wenn Mussolini an seinem entschlossenen Willen fest­halte, Krieg zu beginnen, so sei die britische Regierung ebenso entschlossen, den Apparat des Völkerbundes in Anwendung zu bringen. Dieser Apparat könne nicht in Tätigkeit treten, wenn die Stimmabgabe der Nationen nicht einhellig sei. Eden werde heute bei feiner Unterredung mit Laval über diesen Punkt wertvolle Nachricht erhalten.

Falls Frankreich in Genf nicht mit England Zusammengehen sollte, werde der Völkerbund seinen Sroerf verfehlt haben.