185. Jahrgang
Gietzener Anzeiger
Ur. 151 Erstes Blatt 185. Jahrgang Dienstag, 2. Juli 1955
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Englands Vermittlungsversuch im Abessinienkonsiikt
Die Rettung des Völkerbunds, der Zweck des britischen Angebots. — Mussolini lehnt ab. Scharfe Kritck in konservativen Blättern.
London, 2. Juli. (DNB. Funkspruch.) In den Morgenblättern wird die Unterhaus-Erklärung Edens über seine Sendung nach Paris und Rom eifrig besprochen. Besondere Beachtung findet die Bestätigung der Nachricht, daß der Dölkerbunds- minister in Rom versuchsweise die Abtretung einesteils von Britisch-Somaliland in Aussicht gestellt hat, um eine friedliche Beilegung des italienisch-abessinischen Streites zu ermöglichen.
„Daily Telegraph" (gemäßigt konservativ) führt aus, eine sehr heikle und besorgniserregende internationale Lgge sei entstanden, die der behutsamsten Behandlung bedürfe. Eden scheine ziemlich erfolgreich gewesen zu sein, soweit die Wiederher st ellung der gemeinsamen Front in Frage komme, die durch das englisch-deutsche Abkommen vom 18. Juni erschüttert worden sei. Die Gefahr des Augenblickes sei indessen, daß in der Zeit, da die drei Mächte der gemeinsamen Front die verschiedenen Wege zu einer europäischen Befriedung innerhalb des Rahmens des Völkerbundes erörterten, dieser Rahmen selbst plötzlich zusammenbrechen könnte.
Die Zukunft des Völkerbundes fei unmittelbar in den abessinischen Wirrwarr verstrickt. Deshalb habe die britische Regierung den ungewöhnlichen Schritt getan, Eden dazu zu ermächtigen, einen Gebietsstreifen in Vritisch-So- maliland abzutreten, der Abessinien einen Zugang zum Weer geben würde, um eine Regelung mit Italien zu erleichtern. Dieser Vorschlag sei in Frankreich nicht günstig ausgenommen worden, weil eine neue Eisenbahn den in französischem Besitz befindlichen Hafen vonDschibuti beeinträchtigen würde, und der Plan sei bereits belanglos geworden, da Mussolini ihn nicht annehmen wolle. Die britische öffentliche Meinung werde die Mitteilung Edens an Mussolini billigen, da die britische Regierung nicht gleichgültig bleiben könne, gegenüber Ereignissen, die die Zukunft des Völkerbundes tief beeinflussen könnten.
Großbritannien habe seine Voraussicht bewiesen, als es s i ch 19 23 der Zulassung Abessiniens in den Völkerbund widersetzt habe, während Frankreich die Aufnahme vorgeschlagen und Italien sie unter« stützt habe. Jetzt erkläre Italien, Abessinien sei nicht genügend zivilisiert, um Völkerbundsmitglied zu sein, und drohe, selbst aus dem Völkerbund auszutreten, wenn die Rechte Abessiniens auf Grund der Völkerbundssatzung streng beobachtet würden. Bei dieser schlimmen Stockung sei es von, großer Wichtigkeit^ den Standpunkt Frankreichs zu kennen. Auch Frankreich habe in letzter Zeit hundertmal erklärt, daß feine Außenpolitik auf dem Völkerbund g e - gründet fei, und daß es außerhalb des Völkerbundes keine Sicherheit gebe. Entschlossene Z u - sammenarbeit zwischen den beiden westlichen Regierungen bilde die einzige Hoffnung auf eine friedliche Lösung. Ein Krieg würde den Völkerbund bis in seine Grundfesten erschüttern und die gemeinsame Front würde über Nacht unwiederher- ftellbar zusammenbrechen.
Die „Time s“ bemerkt, Eden habe einem erstaunten und etwas unangenehm berührten Unterhaus mitgeteilt, daß die britische Regierung bereit gewesen sei, Abessinien einen Streifen von Britisch-Somaliland anzubieten. Natürlich würde der Plan, der nur versuchsweise vorgebracht wurde, nicht ohne Zustimmung des Unterhauses ratifiziert worden sein. Der Vorschlag sei kühn, aber die britische Regierung sei berechtigt gewesen, ihn zu machen, um einen Zusammenbruch des Kollektivsystems zu verhindern.
Trotz des Mißerfolges müßten die britischen Vorschläge die italienische Regierung überzeugt haben, daß das britische Interesse in der ganzen Sache sich auf die Ermittlung einer vernünftigen Lösung, auf den Schutz des Friedens und die Aufrechterhaltung der Stellung des Völkerbundes beschränke. Unglücklicherweise sei es kaum noch fraglich, daß Mussolini entschlossen sei, die Kontrolle über einen Teil Abessiniens oder ganz Abessinien zu erlangen. Verteidiger Italiens machten darauf aufmerksam, daß Italien erst später in den Wettbewerb um Kolonien eingetreten sei und viel Versäumtes nachholen müsse. Es sei auch richtig, daß die Abessinier schlechte Nachbarn seien, aber diese Ansichten, die zum Teil wohl zuträfen, berechtigten Italien nicht, den Verträgen und sonstigen Vereinbarungen, die es selbst unterzeichnet habe, durchaus zuwiderzuhandeln.
„M o r n i n g P o st" (Ultra-Konservativ) weift hin, daß verfassungsmäßig die Abtretung von Gebietsteilen ein Vorrecht des Königs sei, erinnert aber daran, daß die Regierung in früheren Fällen dem . Parlament entsprechende Gesetzesvorlagen unterbreitet habe. —
„Daily Mail" (Rolhermere - Konzern, konservativ) sagt, das britische Angebot fei
London, 1. Juli. (DNB.) Minister Eden hat im Unterhaus die bereits angekündigte Erklärung über feine diplomatische Reise nach Paris und Rom gegeben. Er führte u. a. aus: Der Zweck meiner Reise nach Paris war doppelter Natur: Die britische Regierung wollte an erster Stelle die früheste Gelegenheit benutzen, um der französischen Regierung eine volle und o f - jene Erklärung über das deutsch-englische Flottenabkommen zu geben, ferner in Rücksprache mit der französischen Regierung die Mittel und Wege zu erwägen, so schnell wie möglich Fortschritte mit den Verhandlungen über alle Punkte des Londoner Protokolls vom 3. Februar zu erzielen. Ich gab dem französischen Ministerpräsidenten einen Bericht über den Inhalt des deutsch-englischen Flottenabkommens und beschrieb ihm die Umstände, unter denen es abgeschlossen wurde, sowie die
eines Don Quichote würdig. Es fei ein merkwürdiges Ergebnis der Anbetung des V^lkerbunds-Felifchs durch die englischen Politiker, daß sie einer fremden Wacht, bei der noch Sklaverei herrsche, britisches Gebiet und britische Untertanen als Trinkgeld darböten. — „Daily Expreß" (Beaverbrook - Konzern, für konservative Wellreichspolitik) ruft die britischen Wanner und Frauen zum Erwachen auf angesichts eines abscheulichen Verrats. Das Britische Reich solle versteigert werden, Ausländer würden zu Angeboten aufgefordert. Den Sklaventreibern Abessiniens und den Soldaten Italiens sei ein Streifen britischen Gebiets angeboten worden, damit sie sich bereit erklärten, nicht zu kämpfen und damit das Gesicht des Völkerbundes gewahrt bleibe. Eden habe eingestanden, daß diese schädliche Handlungsweise nicht von britischen Interessen, sondern von Großbritanniens Zugehörigkeit zum Völkerbund veranlaßt worden- sei.
Das Arbeiterblatt „Daily h e r a l d" erklärt, wenn der V ö l k er b u n d den Frieden in Afrika nicht schützen könne, dann könne er auch nicht den Frieden in Europa schützen. Wenn die Verpflichtungen der Völkerbundssatzungen nur dann beachtet werden sollten, wenn sie zufällig mit der nationalen Politik oder dem nationalen Ehrgeiz übereinstimmen, dann verlören sie jeden praktischen Wert. — Der liberale „News C h r o n i c l e" hält das außerordentlich weitgehende Angebot der Abtretung eines afrikanischen Gebietsstreifens für einen Beweis, daß die britische Politik in Afrika nicht bloß von selbstsüchtigen Beweggründen beeinflußt werde. Durch die Ablehnung sogar dieses Angebot scheine Mussolini es unzweifelhaft zu machen, daß er Krieg gegen Abessinien führen wolle.
Gründe, die die englische Regierung zu einem Abschluß veranlaßten. Laval legte mit gleicher Offenheit die Ansicht der französischen Regierung über die Auswirkung des Abkommens dar. Im Laufe, dieser Besprechung wurde anerkannt, daß für die Regelung des Luftpaktes, des Ostpaktes, des mitteleuropäischen Paktes und der Vereinbarung über Landrüstungen eine enge Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Großbritannien notwendig sei. Dies sind Fragen, die nicht allein Frankreich und Großbritannien interessieren. Wir suchen daher gegenwärtig mit der französischen Regierung eine Form der Zusammenarbeit, die am besten geeignet ist, so schnell und vollständig wie möglich die Erfüllung des Programms des Londoner Protokolls vom 3. Februar durch alle Länder zu erzielen.
Wir konnten erfreulicherweise eine (Einigung über die Wöglichkeit feststellen,
Edens Bericht über seine Informationsreise nach Paris und Rom.
Oer englische Vorschlag zur Vermeidung eines Krieges in Ostafrika.
Friedensoffensive!
Von Or. Hans von Malottki.
Verhandlungen Edens in Paris, Rom und wieder in Paris, militärische Besprechungen der französischen und italienischen Generalstabschefs, Antwortnoten Frankreichs und Englands auf die deutschen Bedenken gegen die Auswirkungen des französisch-russischen Bündnispaktes, Reise Titulescus nach Paris und London, Erklärungen Lavals zum deutsch-französischen Verständigungsproblem, — das Bild der zwischenstaatlichen Verhandlungen und diplomatischen Aktivität hat an Reichhaltigkeit nichts zu wünschen übrig gelassen. Schwieriger zu beantworten ist schon die andere Frage, ob dieser Geschäftigkeit der europäischen Politik auch ein entsprechender Fortschritt in der Klärung der drängenden großen Probleme gefolgt ist. Ist Europa unter Nutzung des Aufwindes des deutsch-englischen Flottenabkommens einen Schritt vorwärts- gefommen, oder hat es in einer neuen Versäumnis günstiger Gelegenheiten nur wieder einmal mehr die Stärke der negativen, jeder schöpferischen Initiative abholden Tendenzen unter Beweis gestellt?
Daß die Engländer folgerichtig zur Klärung dieser Frage sich zunächst an die Pariser Adresse wandten, ist dort reichlich ungelegen gekommen. Am Quai d'Orsay hatte man sich in der Abschätzung der englischen Energien, die zum 18. Juni führten, erheblich geirrt. Sogar der offiziöse „Temps" fiel diesem Irrtum zum Opfer, indem er den englischen Besuch als Jnformations- fahrt in dem Sinne deuten wollte, daß das Gewicht der französischen Bedenken gegen die neue englische Politik geradezu zwangsläufig eine Frankreich genehme Korrektur der Haltung Londons zur Folge haben würde. Nach der Rückkehr Edens aus Rom mußte Laval feststellen, daß die erwartete Bestätigung aus London ausgeblieben war. Nicht, daß man in London etwa jedes Sühneopfer, das die Schreckwirkung des Flottenabkommens in Paris abmildern konnte, abgelehnt hätte. Die Versicherungen hinsichtlich der Geltung der Londoner Februar-Abmachungen und der Stresaer Beschlüsse blieben ebenso wenig aus wie die Betonung der englisch-französischen Solidarität. Aber Laval war klug genug, zu wissen, daß an diesem Punkt das Problem erst eigentlich begann, geschweige denn gelöst war! Zur vollen Beruhigung brauchte man am Quai d'Orsay mehr als solche Selbstverständlichkeiten, brauchte man vor allem die englische Versicherung, die Methode nicht mehr anwenden zu wollen, die zum deutsch-englischen Abkommen führte, und darüber hinaus gewissermaßen den Schwur, daß London, von der „Abwegigkeit" dieser Methode auch grundsätzlich überzeugt, sie ausdrücklich als Irrtum verdamme. Weil die Engländer — entgegen den französischen Erwartungen — die Reise Edens weniger als „Entschuldigungsbesuch", sondern vielmehr als Aufklärungsfahrt aufgefaßt wissen wollten, mußten die französischen Hoffnungen in diesem Punkt eine Enttäuschung erfahren: wohl gab man in London zu verstehen, daß das Ziel einer Gesamtregelung im Sinne der Londoner und Stresaer Vereinbarungen auch von England aufgegeben ist, aber, so hieß es in einem beachtenswerten Bericht der „Times", „Eden habe Laval erklärt, die britische Regierung habe vorsätzlich in die Methode der allgemeinen Regelung eine Neuerung eingeführt, die nach ihrer Ansicht vielleicht unschätzbare Vorteile zeitigen werde. Das Hauptziel Edens sei gewesen, die französische und italienische Regierung zu überzeugen, daß durch diese neue elastische Methode e i n Fortschritt ohne wahre Preisgabe wichtiger Zusammenarbeit möglich sei." Das bedeutete nichts anderes, als daß England nicht gewillt ist, sich seiner Handlungsfreiheit in einem Augenblick zu begeben, der auch nach seiner Ansicht die Chance weiterer -Lösungsmöglichkeiten zugunsten weiterer Entspannung in Europa enthält.
Die Art nun, wie Frankreich auf diese englische Willensäußerung reagierte, war leider reichlich negativ und schwerlich dazu angetan, der weiteren Entwicklung mit besonderem Optimismus entgegen« zusehen. Die Pariser Mitteilung, der Meinungsaustausch werde auf diplomatischem Wege fortgesetzt, läßt deutlich die Absicht der französischen Regierung erkennen, den Schwung der unbequemen englischen Initiative in einer umständlichen Auseinandersetzung über politische Methoden- und Prozedurfragen zu binden und zunächst unschädlich zu machen. Weiter kommt es Frankreich in diesem Augenblick darauf an, jede weitere Beweismöglichkeit zugunsten der Richtigkeit der von Deutschland und England verfolgten Politik des schrittweisen Vorgehens und der Inangriffnahme begrenzter und übersehbarer Probleme zu verhindern. Indem Frankreich sich weigerte, seine Flotten- sachverständigen nach London zu schicken, will es bewußt die Ausnutzung der deutsch-englischen Flottenverständigung im Sinne einer europäischen Teilregelung der Seerüstungen verhindern. Die Engländer machen jetzt wieder die gleiche Erfahrung, über die sie schon bei den Londoner Flottenoerhandlungen '1930 zu .klagen hatten. Damals war die Weigerung Frankreichs, das Londoner Flottenabkommen zu unterzeichnen, vor allem von der Absicht bestimmt, die Lösung des Seerüstungsproblems zu verhindern, um auf der Abrüstungskonferenz bezüglich der Landrüstungen ein diplomatisches Druckmittel in der Hand zu haben. Geradezu grotesk wirkt die Unterstellung, ein neuer Rüstungswettlauf müsse die Folge des deutsch-englischen Flottenabkommens sein, also eines Abkommens, das nach all den erfolglosen Bemühungen der Genfer Abrüstungskonferenz zum e r ft e n m a l eine Begrenzung der Seerüstungen zweier Mächte oorsieht und damit endlich
auch einen sicheren Ausgangspunkt für weitere Abmachungen dieser Art markiert!
Was haben die Kritiker gegenüber der neuen Politik positiv vorzubringen, wenn sie schon ihre Augen vor den Tatbeständen verschließen zu müssen glauben, die Ansatzpunkte für eine Politik schöpferischer Lebendigkeit bieten? Kann etwa aus der Zumutung, auch jetzt wieder zu den nachweislich erfolglosen Methoden der Vergangenheit zurückzukehren, wirklich das heil erwachsen? Oder aus dem hartnäckigen Willen, auf sogenannten Gesamt! »s ungen zu beharren? Belehrungen vollends über die Idee und praktische Gestaltung der Kollektivität stehen einer Seite schlecht an, die es selbst in diesem Punkt alles andere als genau nimmt, die sich nicht gescheut hat, Bindungen einzugehen, die wohl zur Durchfech« tung gewisser Sonderinteressen dienen mögen, von der immer im Munde geführten und als notwendig bezeichneten Rücksichtnahme auf die Interessen und Rechte anderer dagegen n u r a l l z u wenig erkennen lassen, ja, einen — gar nicht vorhandenen — Angriffswillen Deutschlands geradezu zum Ausgangspunkt gefährlichster und bedrohlich wirkender Beiftandsverfahren machen.
Daß Deutschland diesem Tatbestand, von dem selbst ein durchaus nicht deutschfreundliches Genfer Blatt kürzlich sagen mußte: er erschüttere die Grundlagen des Abendlandes, aus der pflichtgemäßen Sorge um feine Sicherheit mit Mißtrauen begegnen muhte, sollte deshalb dort am allerwenigsten Verwunderung auslösen, wo man alle noch so eindeutigen deutschen Friedensvorschläge stets durch ein in feiner Weise zu rechtfertigendes Mißtrauen illusorisch zu machen beliebt. Wenn schließlich gar der „Temps" d i e deutschen Einwendungen gegen den Russenpakt als juristische Spitzfindigkeiten, nur dazu angetan, Frankreich Schwierigkeiten zu bereiten, oder das Locarnoab- fommen zu unterhöhlen, abtun zu können glaubt,
so kann solcher Diskreditierung der deutschen Motive nicht scharf genug widersprochen werden. Eben weil Deutschland unter keinen Umständen eine unverschuldete Bedrohung seiner ungeschützten Grenzen im Westen durch Frankreich, auf dem Umweg über französisch-russische Beistandsverpflichtungen in den Bereich der Möglichkeiten gezogen wissen will, — eben deshalb waren die deutschen Bedenken von dem Gebot der nationalen Selbstbehauptung diktiert und durchaus keine diplomatischen Spitzfindigkeiten. Wenn man um den besonderen Charakter dieser Bündnisrealität weiß, muß man den Versicherungen, daß die Antwortnote Frankreichs „alle Bedenken ausräume" notgedrungen skeptisch gegenüberstehen. Schließlich muß es ja der „bewährten" Jnterpretationskunst des Quai d'Orsay am Ende gelingen, formaljuristisch die Vereinbarkeit dieses Paktes mit dem Locarno-Abkommen nachzuweisen. Es kommt aber nicht darauf an, wie man diesen Pakt jetzt interpretiert oder was man damit meint, sondern was damit gegebenenfalls gemacht werden kann! Wenn man uns jetzt wieder zur Beruhigung den durch Ziffer 2 des Bündnisprotokolls gewährleisteten Vorrang des Locarnomechanismus vor dem Bündnismechanismus entgegenhält, so kann der schließlich doch allein maßgebende Text dieser Ziffer 2 jedenfalls nicht ohne weiteres beruhigend wirken. Denn es ist ein Unterschied, ob das Wirksamwerden des französischen Beistandes von der vorhergehenden Feststellung der Locarnomächte, ob ein nicht provozierter Angriff Deutschlands vorliegt, abhängig gemacht ober nur gefragt wird, ob sich Frankreich gegebenenfalls Sanktionen seitens der Locarnomächte aussetzt.
Vorläufig sieht man innerhalb des französischen Staatenblocks nur die Tendenz, den Weg gefährlicher militärischer Sonderabmachungen weiterzugehen. So erlebt die Welt bas groteske Schauspiel birefter französisch
italienischer General st absbesprechun- gen zum „Schutz ber langen gemeinsamen Front vom Rhein bis zum Brenner" in einem Augenblick, wo man sich jenseits bes Rheins förmlich überschlägt in bem R u f nach allgemeiner Zusammenarbeit. Daß Laval auch zu seinem Teil von ber Nützlichkeit eines solchen „Friebens gegen Deutschlanbs" überzeugt sein sollte, bas annehmen hieße boch wohl seine staatsmännischen Fähigkeiten geradezu beleidigend gering einschätzen. Eher wird er, der das deutsch-französische Problem eben dahin kennzeichnete, daß „d i e A u s- sprache offen geblieben sei" die Notwen, digkeit einer Lösung mit Deutschland empfinden. Warum dann aber die Verkrampfung in Methoden, die nur auf Furcht vor einem direkten Gespräch schließen lassen? Schließlich sollte auch Laval erkennen, daß Deutschland das Endziel einer allgemeinen Befriedigung und Sicherheit ebenfalls im Auge hat: nur daß die deutsche Methode bes schrittweisen Vorgehens bie Rücksichtnahme auf ben oerschiebenen Reifegrab ber Probleme ermöglicht, anstatt Generallösungen erzwingen zu wollen.
Europa tut nicht bie Fesselung seiner Kräfte in einem unprobuktiven Streit um Prozeburfragen not, es braucht bie befreienbe Wirkung einer mutigen, schöpferischen Tat. Sie ftanb am Anfang jedes Fortschritts. Die Friedens- sicherung im Westen durch Locarno war eine solche Tat. Schließlich haben auch Deutschland und Polen einmal den Mut zu einem solchen Anfang aufbringen müssen, wollten sie nicht in einem unproduktiven Kampfverhältnis erstarren. Das sollte wahrlich ein Ansporn sein, zwei Völkern den Frieden zu schenken, die auch nach Lavals Urteil durch keine Gegensätzlichkeit belastet sind, witz sie Versailles zwischen Deutschland und seinem oft» lichen Nachbarn statuierte.


