Ausgabe 
2.2.1935
 
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besitzerverein und Prümer vom Mieterverein, wurden dann die vorliegenden Fälle zur Zufrieden­heit der Beteiligten geregelt. Damit war der erste Verhandlungstag erfolgverheißend beendet.

Gießener Wochenmarktpreife.

* Gießen, 2. Febr. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,50 bis 1,55 Mark, Landbutter 1,42, Matte 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, frische Landeier 11 bis 13, ausländische 10 bis 13, inländische Kühlhauseier 10 bis 13, Wirsing, das Pfund 15 bis 20, Weiß­kraut 8 bis 10, Rotkraut 15, Gelbe Rüben 8 bis 10, Rote Rüben 8 bis 10, Spinat 18 bis 25, Grün­kohl 12 bis 15, Rosenkohl 25 bis 30, Feldsalat 80 bis 90, Zwiebeln 10 bis 12, Meerrettich 25 bis 50, Schwarzwurzeln 25 bis 30, Kartoffeln 4 Pf., der Zentner 3,20 bis 3,50 Mark, Aepfel, das Pfund 12 bis 15, junge Hähne 90 Pf. bis 1 Mark, Suppen­hühner 75 bis 90 Pf., Gänse 80 bis 90, Enten 90 Pf. bis 1 Mark, Tauben, das Stück 50 bis 60 Pf., Blumenkohl 40 bis 60, Salat 20, Endivien 10 bis 20, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 10, Sellerie 10 bis 30 Pf.

Vornotizen.

Tageskalender r Samstag: Deut­sche Arbeitsfront, Berufsgruppe der Techniker, 20 Uhr, im Ortsgruppenheim VortragAus der Bohr­technik" von Reg.-Baurat Steinbach. (Mitglieder des RS.-Bundes Deutscher Technik und Reichsbund Deutscher Baumeister). Stadttheater (Deutsche Bühne), 20 bis 22.15 Uhr,Was ihr wollt". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße,Hermine und die sieben Aufrechten". Astoria-Lichtspiele, Selters­weg,Dick und Dof". Deutsche Kolonial-Ausstel- lung, 15 bis 21 Uhr, im Einhorn. GRG. Stamm­tisch im oberen Bootshaus. Ehemalige Leib­gardisten, 20.30 Uhr, Jahreshauptversammlung im Postkeller. Artillerie-Verein, 20.30 Uhr, Haupt­versammlung im Hessischen Hof. Reichsverband deutscher Turn-, Sport- und GyNMastiklebrer im RS.-Lehrerbund, Bezirk 2, Gießen, 20.15 Uhr, im Caft Leib: Große Veranstaltung zugunsten des Winterhilfswerkes.

Tageskalender für Sonntaa: Deut­sche Arbeitsfront, Berufsgruppenamt, Berufsgruppe der Werkmeister, 15 Uyr, Kaufmännisches Vereins­haus, Wernerwall, Monatsversammlung. Stadt­theater, 15 bis 17 Uhr,Parole: Heiraten?"; 19.15 bis 22 Uhr,Vier Schlaumeier". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße,Hermine und die sieben Aufrech­ten". Astoria-Lichtspiele, Seltersweg,Dick und Dof". Deutsche Kolonial-Ausstellung 10 bis 18 Uhr im Einhorn. Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz, 11 bis 13 Uhr, 1. Jah­res-Ausstellung. Bauerscher Gesangverein, 20.30 Uhr, mit Familie im Aquarium. Vogelsberger Höhenklub, Wanderung. Oeffentlicher Vortrag von Prof. Dr. B ü r k e r im Physiologischen Insti­tut über:Warum tut Blut-Untersuchung not?". Der Evangelische Bund, 20 Uhr, in der Stadtkirche, Bundes-Abend.

Stadttheater Gießen. Sonntag, 3. Februar, 15 Uhr, außer Abonnement der Schwank: Parole: Heiraten!" von Karl Ludwig Lindt. 19.15 Uhr, die Biedermeier-Posse:Bier Schlau­meier" von Walter W. Goetze; die launige und einfallreiche Spielführung Heinrich Hubs läßt auch nach der Silvesteraufführung gleich lustige Stim­mung noch beibehalten. Dienstag, 5. Februar, 20 Uhr, das Schauspiel:Ein Volksfeind" von Ibsen; Spielleitung Wolfgang Kühne. Mitt­woch, 6. Februar, Wiederholung der Bieder­meier-Posse:Die vier Schlaumeier" von Goetze; Spielleitung: Hub, Cuj 6, Bäulke. Freitag, 8. Februar, Erstaufführung unserer Karnevals- Operette:Der goldene Pierrot" von Walter W. Goetze; Leitung Oberspielleiter Paul Wrede und Kapellmeister Fritz C u j 6. Anfang 20 Uhr.

Vom Gießener K o n z e r t v e r e i n wird uns geschrieben: Für sein drittes Solistenkonzert am Sonntag, 10. Februar, konnte der Konzertver­ein die Geigerin Maria Neuß (Berlin) verpflich­ten. Die Künstlerin, deren vorzügliches Können, ge­sangvolles, ausdrucksreiches Spiel und Beherrschung

von Stoff, Stil und Technik die Pressestimmen be­sonders hervorheben, wird Werke von Tartini, Mo­zart, Beethoven, Reger und R. Strauß zu Gehör bringen. (Siehe heutige Anzeige.)

Deutsche am Nanga-Parbat. Am Donnerstag, 7. Februar, findet in der Neuen Aula der Universität ein Vortrag statt, der das Inter­esse eines breiten Kreises unserer Bevölkerung fin­den dürfte. Dem VfB.-Reichsbahn ist es gelungen, den Teilnehmer der Deutschen Expedition zum Nanga-Parbat (Himalaja), Willy Schneider, zu einem Vortrag zu gewinnen. Auf die heutige An­zeige sei besonders aufmerksam gemacht

Der Kneipp-Verein Gießen lädt in unserem Anzeigenteil zu einem Vortrag am Montag­abend im Bayerischen Hof ein. Näheres in der heutigen Anzeige.

** Dienstjubiläum bei der Reichs­bahn. Der beim Bahnhof Gießen tätige Reichs­bahnbetriebsassistent Christian Klotz, Friedrich­straße, kann heute auf eine 25jährige Dienstzeit bei der Reichsbahn zurückblicken. Aus diesem Anlaß wurden ihm von dem Dienststellenvorsteher, Reichs­bahnamtmann Wahl, die Glückwünsche der Reichs- bahnoerwaltung und seine persönlichen Glückwünsche ausgesprochen. Von seinen Mitarbeitern wurden ihm neben einem Iubiläumsgeschenk zahlreiche Ehrungen zuteil.

** Ein Doppeljubiläum. Am morgigen 3. Februar kann der städtische Angestellte Gg. B r u - sius, Walltorstraße 15 wohnhaft, in bester Schaf­fenskraft seinen 60. Geburtstag begehen. Der Ge­burtstagsjubilar konnte ferner am 1. Februar d. I. auf eine ununterbrochene 25jährige Bezieherschaft des Gießener Anzeigers zurückblicken. Der treue Be­zieher seines oberhessischen Heimatblattes erfreut sich in weiten Kreisen der Gießener Bevölkerung und auch bei seinen Arbeitskameraden verdienter großer Wertschätzung.

** Vom städtischen Schlachthof. Der Tierarzt Wilhelm Wendel beim städtischen Schlachthof wurde als Fleischbeschauer für die Stadt Gießen verpflichtet.

** Sterbefälle in Gießen. Es verstorben in Gießen in der Zeit vom 16. bis 31. Januar: 17. Max May, Kaufmann, 59 Jahre alt, Moltke- straße 24. 18. Koroline Jakob, geb. Beyfuß, Witwe, 76 I., Schottstraße 11; Luise Schmitt, geb. Letter­mann, Wwe., 87 I., Kanzleiberg 7. 19. Hannelore Detter, 4 Monate, An der Kläranlage 80; Heinrich Seelig, Postdirektor i. R., 62 I., Äebigstraße 93. 20. Katharine Rahnefeld, geb. Dieter, 65 I-, Schan- zenstraße 2. 22. Johannette Blank, geb. Geitz, 68 I., Frankfurter Sttaße 148. 23. Heinr. Arnold, Glaser­meister, 70 I., Grabenstraße 8; Hedwig Maria Götze, geb. Kohlund, 51 I., Ludwigstrahe 51. 24. Friedrich Neuling, Invalide, 44 I., Rodheimer Straße 56. 25. Friedrich Leo, Rentner, 81 I., Hindenburgwall 3; Lina Kalbfleisch, geb. Schuchard, Wwe., 73 I., Steinstraße 73. 27. Theresia Huck, Hausangestellte, 29 I., Liebigstraße 24,Anna Maria Kißling, geb. Stumm, 80 I., Älicenstrahe 28. 28. Karl Ludwig Petri, Amtsgehilfe i. R., 73 I., Wetzsteinstraße 12; Karl Cullmann, Generalmajor a. D., 90 I., Hinden- burgwall 16; Karl Schmidt, Holzbildhauer, 76 I., Grabenstraße 3. 29. Marie Schrön, geb. Leschhorn, Witwe, 53 I., Schiffenderger Weg 24. 30. Bernhard Kratzenberger, Wagenmeister i. R., 60 I., Liebig- straße 41; Henriette Pfeil, geb. Platt, 71 I., Am Kugelberg 59; Georg Jung, Schlossergehilfe, 53 I., Dammstrahe 48. 31. Marie Hainebach, geb. Pabst, 75 I., Ludwiastraße 29.

** Das Museum im Alten und im Neuen Schloß ist am Sonntag zwischen 11 und 13 Uhr geöffnet.

** Viehmärkte in Gießen. Am kommen­den Dienstag findet hier Rindvieh(Nutzvieh-)Markt statt. Der nächste Schweinemarkt wird am Mittwoch, 20. Februar, abgehalten.

** Die Vergebungvon Straßenbau­arbeiten betrifft eine Bekanntmachuna des Tief­bauamts der Provinzialdirektion Oberhessen in un­serem heutigen Anzeigenteil. Die an der Material­

lieferung und an der Ausführung der Arbeiten in­teressierten Firmen seien auf die Bekanntmachung besonders hingewiesen.

** Verpachtung der Liebigshöhe. Die Büraermeistereie Gießen schreibt in unserem heutigen Anzeigenteil die GastwirtschaftZur Lie- bigshöhe" zur Verpachtung aus. Die Verpachtung soll vom 1. April ab zunächst auf fünf Jahre erfol­gen. Weitere Einzelheiten sind aus der Bekannt­machung ersichtlich.

** Städtische B r e n n h o lz - V e r st e i g e - rungen. Am Mittwoch und Freitag nächster Woche finden wieder Brennholz-Dersteigerungen der Stadt Gießen statt. Näheres in der heutigen Anzeige.

* Die Lieferung von Lernmitteln für die Volks -und Berufsschulen wird von der Bürgermeisterei in einer Bekanntmachung in unserem heutigen Blatte ausgeschrieben. Die in- terelsierten Firmen seien besonders darauf hinge­wiesen.

** Eine Holzplastik prächtiger alter W a v p e n k u n st, ein in Holz geschnitztes Wappen der Gießener Landsmannschaft Darmstadtia, ist zur Zeit im Blumengeschäft Weber, Mäusburg, aus­gestellt. Dos Wappen, das mit reichem ornamen­talem Laubwerk und Farbengebung der Heraldik ausgeführt ist, wurde von dem Holzbildhauermeister M. B e r l e angefertigt.

** Die Innung des Damenschneider- Handwerks Stadt und Kreis Gießen veröffentlicht in unserem heutigen Anzeigenteil eine Bekanntmachung über Gesellenprüfungen. Inter­essenten seien auf die Anzeige besonders hinge­wiesen.

** Beim Rangieren im Gießener Bahnhof verunglückt. Gestern kurz nach 15 Uhr ereignete sich im Güterbahnhof des Bahnhofs Gießen ein ernster Unglücksfall. Der dort im Rangierdienst beschäftigte Zugführer Johannes Weitzel von Gießen, Buddestraße 7 wohnhaft, wollte am Güterwagen-Ablaufberg einem ablaufen­den Wagen ausweichen und kam dabei unver­sehens einem anderen anlaufenden Güterwagen zu nahe, von dem er mit großer Wucht gestoßen und zu Boden geschleudert wurde. Man fand den be­dauernswerten Mann neben dem Gleis liegend stark blutend und bewußtlos auf. Nachdem er 3um Bahnhofsgebäude gebracht worden war und dort die erste ärztliche Hilfe erhalten hatte, wurde er mit dem Krankenauto der Freiwilligen Sanitäts­kolonne vom Roten Kreuz nach der Chirurgischen Klinik übergeführt. Hier ergab sich bei der Unter­suchung, daß der Verunglückte Rippenquetschungen und erhebliche Kopf- und Armverletzungen erlitten hat. Sein Befinden war heute früh den Umständen entsprechend gut.

"OeffentlicheBücherhalle. Im Januar wurden 1818 Bände ausgeliehen. Davon kamen auf: Literaturgeschichte 10, Zeitschriften 77, Gedichte und Dramen 15, Erzählende Literatur 1098, Iugend- schriften 276, Länder- und Völkerkunde 99, Kultur­geschichte 3, Geschichte und Biographien 138, Kunst­geschichte 6, Naturwissenschaft und Technologie 28, Heer- und Seewesen 8, Haus- und Landwirtschaft 4, Gesundheitslehre 5, Religion und Philosophie 16, Staatswissenschaft 31, Sport 1, Fremdsprachliches 3 Bände. Nach auswärts kamen 3 Bände.

Oeffentlicher Dank im Weihnachtswerk 1034.

In den Spendebriefen des Weihnachtswerks 1934 waren unmittelbare Dankschreiben der Beschenkten an die Shender der Weihnachtspakete ausdrücklich als unnötig bezeichnet worden.

Trotzdem haben die beschenkten Volksgenossen vielfach ihrer Freude über die unerwarteten und schönen Gaben in Briefen nicht nur an die Spender der Pakete, sondern auch in Schreiben an die Dienst­stellen des WHW. Ausdruck gegeben.

Infolge Arbeitsüberlastung mit anderen dringen­den Arbeiten sind diese Dienststellen nicht mehr in der Lage, diese Schreiben durchzusortieren und den Spendern der Pakete zur Kenntnis zu bringen. Ich

bitte deshalb die Spender, meine Dienststellen von dieser Arbeit zu entbinden. Allen denjenigen Volks­genossen, die das Weihnachtspaket mit besonderer Liebe und mit persönlichen Opfern zusammengestellt haben, spreche ich daher auf diesem Wege den Dank für ihr Weihnachtswerk aus.

Wie aus den eingegangenen Briefen ersichtlich, ist das Samenkorn sozialen Verständnisses gerade in der Weihnachtszeit auf besonders fruchtbaren Boden gefallen. Die Ernte wird für uns und vor allem für unsere Kinder im Reiche Adolf Hitlers reifen!

Gez. Haug

Gaubeauftragter des WHW. 1934/35

Deutsche Krauen helfen dem Lustschutz!

Deutsche Volksgenossinnen!

Der Reichsluftschutzbund ruft in Stadt und Land zur tätigen Mitarbeit und zur Einreihung in seine Gliederungen auf. Im Dritten Reich hat die Frau Seite an Seite mit dem Manne für die Belange des ganzen Volkes und des Vaterlandes einzutreten. Dies umsomehr, als unsere waffen- und wehrlose Heimat einer Welt von hochgerüsteten Staaten gegenübersteht. An Deutschlands Grenzen ballen sich gewaltige Luft­flotten zusammen, die jederzeit startbereit stehen.

So sehr das ganze deutsche Volk, mit seinem Führer an der Spitze, den Frieden will, heißt es jedoch drohende Gefahren rechtzeitig zu er­kennen und vorzubeugen. Nur wer im Frieden und von tanger Hand sich vorbereitet, die Heimat zu schützen, wird im Falle der Vot die Gefahren meistern können.

Der deutschen Frau und Mutter, dem deutschen Mädel erwachsen damit Aufgaben, die weit über die alleinige Sorge für die Familie hinausgehen. Sich mit dem gesamten Ideengut des Luftschutzes vertraut zu machen, im ganzen deutschen Volk den Willen wachzurufen, mit für den Schutz von Heimat, Familie,

Herd und Scholle einzutreten, das ist jetzt Pflicht der deutsch denkenden Frau.

Deshalb, deutsche Frauen und Mädels, tretet ein in die Front der inneren Landesverteidi­gung! Betätigt euch als Luftschuhhauswarte und Laienhelferinnen, erwerbt die Mitgliedschaft des Reichsluftschuhbundesk Der Reichsluftschuh­bund benötigt für seine nationale Arbeit nicht nur die Unterstützung der Männer, sondern in gleicher Weise auch die der Frauen. (Einen ge­ringen Monatsbeitrag für den Reichsluftschuh­bund wird auch das haushallungsgeld noch ab­werfen.

Es gilt, dem Führer bei feiner schweren Arbeit, dem deutschen Volke Ehre und Freiheit wiederzugeben, zur Seite zu stehen in echt weiblicher Hingebung, an einer großen nationalen Aufgabe mitzuschaffen.

Luftschutz ist Volksschutz!

Frau 3. Vrinkhoff

Gauamtsleiterin der NS.-Frauenschaft, Leiterin des Deutschen Frauenwerks im Gau Hessen-Nassau.

Was soll ich denn mit einem Auto?

ROMAN VON KÄTHE METZNER.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türrne-Verlag, Halle (S.).

24 Fortsetzung Nachdruck verboten!

Aber ein Irrtum war doch so gut wie ausge­schlossen gewesen. Der Name, das Aussehen alles stimmte. Kein Zweifel, die Tänzerin aus der Verdi-Diele war Gerlinde gewesen, aber mußte sie deshalb schlecht sein? Nun ja Doktor von Sachs stand da noch im Hintergrund. Und doch vielleicht war Gerlinde nicht schlecht, sondern nur irgendwie haltlos und unglücklich. Vielleicht zwang nur Not sie auf die schiefe Bahn, und er, Gers­heim, hätte das Mädchen retten können?

An diesem Abend spielten sie beide schlecht. Der Alte und der Junge. Denn beiden war es nicht möglich, sich restlos auf das Spiel zu konzentrieren. In Nyssen wühlte die Vergangenheit, in Gersheim keimte aufs neue die Liebe zu Gerlinde.

Als er gegen Mitternacht durch den tiefen Wald heimritt, beleuchtete der Mond seinen Weg und schuf eine märchenschöne Stimmung. Aber Günter von Gersheim achtete nicht, wie sonst, darauf. Seine Gedanken eilten gen Norden. Wo mochte Gerlinde jetzt sein? Was war aus dem hübschen Wagen ge­worden, den sie da gewonnen hatte? Aber das war ja Nebensache. Was war aus ihr geworden?

Wochen vergingen. In Gersheims Seele wurde es nicht wieder ruhig. Manchmal ertappte er sich da­bei, daß seine Gedanken nur halb bei der Arbeit waren, während sie meistens in Berlin weilten. Er merkte endlich immer mehr, daß alles in ihm drängte, Gerlinde noch ein einziges Mal wenig­stens zu sehen; aus ihrem eigenen Munde wollte er hören, daß sie die Freundin des Doktors von Sachs fei, und er sich damals nicht getäuscht habe Aber sie sie selber sollte es ihm sagen. Dann wollte er es glauben.

Die Zeit eilte weiter. Mehr als zwei Wochen waren schon vergangen, seit Gerlinde Steinbrück die geliebte Mutte hatte hingeben* müssen. Dom Geschäft hatte man Gerlinde für einige Zeit be­urlauben wollen, weil sie gar so blaß und schmal aussah, aber das Mädchen hatte sehr energisch ab- gelehnt.

Instinktiv schien Gerlinde zu fühlen, daß die Pflicht am ehesten über das Leid hinweghalf, we­nigstens schien ihr der Gedanke, daheim herum- Ansitzen und über ihr Schicksal nachzudenken, viel unerträglicher.

Scholzchen tat an ihrem jungen Schützling, was

sie nur irgend konnte, und Gerlinde dankte es ihr in ihrer rührenden Art nach bester Kraft.

Nun waren die tausend Mark, die Gerlinde sorg­lich auf die Sparkasse getragen hatte, für so an­dere Zwecke ausgegeben worden, als sie es sich da­mals erträumt hatte. Die Begräbniskosten, die Rech­nung des Spezialarztes hatten noch mehr als das verschlungen, und Gerlinde war mit einem Male in Schulden gekommen, die sie von ihrem kleinen Gehalt nur mühsam abtragen konnte.

Scholzchen hatte Gerlinde mehr als einmal von ihren eigenen Ersparnissen angeboten; sie hatte ja ein stattliches Sümmchen auf der Bank. Aber Ger­linde brachte es nicht über sich, von ihrer Wohl­täterin auch noch Geld zu nehmen. So sah denn die gütige alte Dame mit wehen Blicken, wie Ger­linde sich mühte, wo sie doch ohne viel Anstrengung hätte ehtipringen können. Aber sie verstand die Hemmungen in Gerlinde vollkommen und war viel zu feinfühlend, um sich gewaltsam aufzudrängen.

Die kleine Steinbrücksche Wohnung war in­zwischen aufgegeben worden. Gerlinde war ganz zu der Direktrice übergesiedelt. Die meisten Ein­richtungsgegenstände waren verkauft; nur von eini­gen hatte Gerlinde sich nicht trennen können. Es waren die ßieblingsmohel der Verstorbenen, die in Fräulein Scholz' Wohnung aufgestellt wurden.

Damit mein Herzchen sich ein bißchen daheim fühlt", hatte die Gute gesagt.

Aber davon konnte wohl noch keine Rede fein. Zu frisch noch war der Schmerz um die Mutter in Gerlinde, um nicht bei jeder Gelegenheit aufs neue wieder wach zu werden, und dann noch eine furchtbare Sorge schleppte sie mit sich herum. Gerlinde zermarterte sich oft vor Angst um das Schicksal ihrer Schwester Gisela.

Aus Paris waren ja aus diesem Krankenhause Saint Ieanne zwar günstigere Nachrichten gekom­men. Gisela hatte die Krisis überstanden. Ihre Ju­gend hatte den Sieg über den Tod davongetragen; aber noch immer war Gisela sehr schwach, und ihren Beruf auszuüben, daran konnte sie überhaupt nicht denken, wie sie erst heute wieder mit schwacher Hand der Schwester mitgeteilt hatte.

... Zudem bin ich auch mit meinem Geld am Ende, Linde. Ich weiß ja, daß es Euch selbst nicht gut geht; aber kannst Du mir nicht wenig­stens eine kleine Summe von den tausend Mark schicken, die Du auf der Sparkasse hast? Ich muß die Krankenhauskosten hier bezahlen und bann sehen, wie ich weiterkomme ..."

Gerlinde war wie zerschlagen, als sie diesen Brief gelesen hatte, wbem drehte sich ihr Herz bald um, wenn sie die ahnungslosen Worte der Schwe­ster las. Sie hatte es nicht fertig gebracht, Gisela den Tod der Mutter während ihrer Krankheit mit­zuteilen. Die Schwester sollte sich erst kräftigen, damit der harte Schlag nicht ihre Gesundheit er­neut schwer gefährdet*

Die tausend Mark? Oh, wenn Gisela ahnte, daß sie schon längst verschlungen waren! Ja, wenn die fünfhundert Mark von Doktor von Sachs nur ge­kommen wären, die noch als Rest auf den Wagen 3u zahlen waren. Sie waren schon am 30. Januar fällig gewesen.

Ob sie doch Scholzchen bat? Aber Gerlinde schüttelte mit dem Kopfe. Nein! Sie mußte ver­suchen, wie sie es fertigbrachte. Plötzlich kam ihr eine Idee. Sie würde zu Doktor von Sachs hin­gegen. Er war ja schon lange wieder in Berlin. Vielleicht hatte er es nur vergessen oder besaß ihre neue Adresse nicht.

Klopfenden Herzens machte sich Gerlinde an einem Sonntagmorgen auf den Weg. Es war der einzige Tag, der ihr für Privatzwecke zur Ver­fügung stand. Sie hatte die Wohnung aus dem Adreßbuch festgestellt und befand sich bald in einem der vornehmen Miethäuser des Bayrischen Viertels.

Der Fahrstuhl führte sie schnell hinaus in die zweite Etage des hochherrschaftlichen Hauses.

Sie hatte Glück. Doktor von Sachs war zu Haufe.

Er empfing Gerlinde mehr als erstaunt, ließ sich aber nichts merken und war äußerst liebenswürdig. Köstlich! Treibt mir der Wind auch noch diese herr­liche Blume gerade ins Haus!, dachte er schmun­zelnd.

Nun, meine Gnädigste? Freut mich ja ganz außerordentlich, Sie in meiner Wohnung begrüßen zu dürfen." Er reichte ihr sein elegantes Etui: Zigarette, bitte?"

Gerlinde stutzte und wehrte dankend ab.

Oh!, ganz andere Passionen scheinbar als das Fräulein Schwester? Die Gisela raucht. Sie wird bald wieder hier sein. Ist ja nicht ganz gesund. Sie wird auf die Dauer den Beruf nicht durchhalten!" sagte von Sachs in seiner näselnden, lässigen Art.

Ja, meine Schwester die die ist doch so sehr krank gewesen. Schwere doppelseitige Lungen­entzündung. Sie liegt doch schon seit Wochen im Krankenhaufe Saint Ieanne!" sagte Gerlinde er­regt und starrte Doktor von Sachs mit großen Augen an.

Der wurde vielleicht einen Schein bleicher im Moment; bann aber sagte er ruhig:

Das ist mir aöerbings nicht bekannt!"

Das ... bas ist Ihnen nicht bekannt? Ja, küm­mern Sie sich benn gar nicht mal um meine Schwester? Steht sie benn nun so ganz mutter­seelenallein ba in bem fremben ßanbe?" fragte bas junge Mäbchen fast tonlos.

Kümmern? Aber, meine Gnäbigste, um wen sollte ich mich benn ba alles kümmern? Ich bin boch fein Fürsorgeinstitut!" Seine Augen flackerten aber plötzlich begehrlich auf, unb er neigte sich so bicht zu Gerllnbe hin, baß fein heißer Atem ihre Wangen streifte:Die Gisa, ach, bie kümmert sich schon um sich selbst. Ist resolut genug. Aber um

Sie würde ich mich kümmern Sie süßes, kleines Baby!"

Herr Doktor!" Gerlinde sprang auf, und ihre Augen schimmerten dunkel vor Zorn.

Hoho!, mein Kleines! Nur ruhig! Das Schwe- sterchen war doch nicht so ... so kalt!?"

Meine Schwester? Oh, meine arme, verirrte Schwester!" brach es jäh aus Gerlinde heraus. Geben Sie mir bitte die fünfhundert Mark, die mir noch zustehen. Ich will sofort nach Paris fah­ren. Ich habe solche Angst um Gisela!"

Für den Wagen? Hm! Der ist schon lange im Chausseegraben gelandet. Dem Schwesterchen konnte es nicht toll genug gehen. Sie ist unbegreiflich glimpflich davongekommen. Aber ... nach Paris wollen Sie fahren? Hm! Interessant! Sie kennen Paris nicht?! Ich würde Ihnen gern Paris zeigen. Ah!, Paris! Paris! Am Tag und noch mehr bei der Nacht!"

Gerlinde stand wie auf glühenden Kohlen ba. Sie war kaum imftanbe, sich noch länger zu beherrschen. Das widerliche, teuflische Gelächter dieses Mannes schien ihr unerträglich. Wenn sie doch nur erst hier heraus wäre!

Bitte, ich möchte jetzt Ihre Wohnung verlästern Wann darf ich mit dem Betrag rechnen?"

Sachs zog feine Brieftasche hervor unb lächelte gemein.

Wenn Sie ein liebes Mäbchen sinb sofort! Nur einen einzigen, ganz kleinen, bescheibenen Kuß, bann lege Ich noch einen blauen ßappen braus. Kleines!" näherte sich Doktor von Sachs Gerlinbe, unb feine Hänbe griffen begehrlich nach ihr.

Gerllnbe aber stieß feine Hände zurück und floh nach der Tür.

3a, haben Sie benn nicht einmal Achtung vor meinem Trauerklelb?!" rief sie schmerzlich.

Habe schon festgestellt, daß Schwarz Sie ganz vorzüglich kleidet!" sagte der Mann falt. Seine Niederlage empörte ihn.

Dann aber riß er vor Gerlinde mit spöttischer Verbeugung die Tür auf.

Bitte! Solche Szenen möchte ich mir in meinem Hause verbitten. Was aber das Geld anbelangt, so fragen Sie bei Ihrer Schwester an, die den Wagen faputt gefahren hat. Ich bin augenblicklich nicht bei Kasse."

Wie ein gehetztes Reh flüchtete Gerlinde über den langen Flur zur Tür und riß sie auf. In diesem Augenblick stand sie vor einer mondän gekleideten Frau, die bas erregte Mäbchen erstaunt musterte.

Nanu! Was hatte es benn ba gegeben? Zwei Augenpaare begegneten sich, und Gerlinde erkannte --Ria Velten. Diese sah das Mädchen, um des- fentroillen ihr der reiche Gersheim entgangen war den Mannequin aus dem Modenhaus Merkur.

(Fortsetzung folgt!)