Ausgabe 
2.1.1935
 
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Die Lag- im Januar.

Eine Rückschau.Vorwärts auf neuen Wegen.

zeitig ein Schießerei-Konzert" im Gange, das nicht von schlechten Eltern war. Mit allen mög­lichen Feuerwerkskörpern wurde da in unermüd­licher Weisegearbeitet"; vom stärksten Kaliber der Kanonenschläge bis zum bengalischen Zündholz war alles recht, wenn es nur irgendwie knallte, zischte, fauchte oder wenigstens ein ungewohntes Licht gab. Dazu kamen die zum Teil recht stimm­gewaltigen Prosit-Neujahr-Rufe, auf den Straßen wurde mehr laut, als schön gesungen, kurzum es herrschte richtiggehender Trubel, der nach unseren Eindrücken erheblich stärker war, als im Vorjahre. Erfreulicherweise ging es bei all diesem Treiben ohne Schäden und ohne Störung der öffentlichen Ordnung ab, denn weder die Polizei, noch die Sa­nitätswache oder die Feuerwehr bekamen in der Silvesternacht und auch am gestrigen Neujahrstage irgendwelche Arbeit.

Der Neujahrsmorgen brachte erstmalig ein großes militärisches Wecken unserer Garnison, bei dem die Spielleute und das Musikkorps, sowie ein Zug der Truppe durch zahlreiche Straßen marschierten und dabei die gebührende dankbare Aufmerksamkeit der Bevölkerung fanden. Weiterhin erfreute das Mu­sikkorps unserer Garnison von 11 bis 12 Uhr mit einem Platzkonzert auf dem Landgraf-Philipp-Platz, das einer außerordentlich starken Zuhörerschaft viel Freude bereitete. Die Neujahrsgottesdienste fanden gleichfalls bei vollbesetzten Kirchen statt.

Alles in allem ist zu sagen: abgesehen von der programmwidrigen Witterung hatten wir einen Jahreswechsel zu verzeichnen, mit dem wir durch­aus zufrieden sein können.

Winterhilfswerk

des deutschen Volkes 1934/35.

Kreisführung Gießen.

Vetr.: Kohlen- und Vriketlgulscheine.

An

sämtliche Kohlenhändler der Stadt und des Kreises Gießen.

Sämtliche Kohlen- und Brikettgutscheine müssen jeden Monat spätestens am 5. bei der zuständigen Ortsgruppenführung des Winterhilfwerkes einge­reicht werden.

Daselbst erhalten Sie auch die Wertquittungen. Es ist besonders'darauf zu achten, daß jeder Kohlen- bzw. Brikettgutschein von dem Kohlenhändler auf der Rückseite abgestempelt ist. Scheine, die nicht den Vermerk tragen, werden ohne weiteres zurück- gegeben.

Gleichzeitig ist darauf zu achten, daß nur Kohlen- und Brikettgutscheine von der abzurechnenden Serie eingesandt werden.

Heil Hitler!

Gez.: K l ö ß, Kroisbeauftragter.

Amt für Volkswohlfahrt, Ortsgruppe <T«eßen-Süi>.

Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine am

Freitag, 4. Januar, zwischen 15 und 18 Uhr, auf unserer Geschäftsstelle, Crednerstraße 24, einzu­reichen. Später eingereichte Gutscheine können nicht mehr angenommen werden.

Deutsche Arbeitsfront.

RS.GemeinfchaflKraft durch Freude".

NS. - Kulturgemeinde.

Nachdem der Saarkalender in einer Auflage von 0,75 Millionen innerhalb kurzer Zeit vergriffen war, ist nunmehr das Saar-Jahrbuch 1935 zum Preise von 1 Mark erschienen. Das Saar-Jahrbuch enthält neben einem ausführlichen Kalendarium Kartenskizzen, Aufsätze und Bilder aus dem Kampf um unser Saarland.

Das Saarbuch, das in allen Buchhandlungen zu haben ist, verdient weiteste Verbreitung innerhalb der NS.-Kulturgemeinde.

Skilehraang im Schwarzwald, Kniebis (etwa 10 0 0 Meter Höhe) vom 6. Januar 1935 bis 13. Januar 1935. Abfahrt ab Frankfurt am 6. Januar 1935 um 6.05 Uhr mit O-Zug nach Karlsruhe, dort umsteigen nach Freu­denstadt, Weiterfahrt mit Omnibus zum Kniebis im württembergischen Schwarzwald. Die Kosten für

Wie der Junge und das Mädel, denen das Christ- kind eine Ski-Ausrüstung brachte, bis jetzt immer wie­der durch Thermometer, Barometer und Wetterbericht aufs neue enttäuscht wurden, so geht es dem Weid­mann auch. Aus die Schönheit der wirklichen Win­terjagd hat er bis jetzt vollkommen verzichten müs­sen. Und doch gibt es kaum ein schöneres Weidwerk als Treibjagd und Drückjagd im winterlich verschnei­ten Wald. Noch schöner ist aber der Pirschgang nach einer Neuen für den, der im Buche der Natur zu lesen vermag, das dann weit aufgeschlagen vor ihm liegt. Doch nicht nur deswegen ist das Fehlen von Frost und Schnee vom jagdlichen Standpunkt aus bedauerlich, weil dem Jäger etwas fehlt, worauf der zünftige Waldjäger zum wenigsten sich schon das ganze Jahr freute, sondern auch die Rücksicht auf den Gesundheitszustand des Wildes läßt den Winter schmerzlich vermissen. Der Winter merzt aus, was nicht vollkräftig ist und zur Entartung des Bestan­des beiträgt, wenn es zur Fortpflanzung kommt, Frost und Schneedecke verhindern die Aufnahme ge­wisser Krankheitserreger mit der Aesung auf den Feldern und lassen immer die Wildkrankheiten zu­rückgehen. Leider werden jetzt schon Fälle bekannt, wo Rehwild an typischen Erscheinungen der Früh­jahrserkrankungen (Erkrankungen des Magens und Darmes) gefallen ist, und auch von vereinzelten Hasenfunden wird berichtet. Das wundert den er­fahrenen Weidmann angesichts des dauernden nassen und weichen Wetters nicht. Wenn bald der Winter seinen Einzug hielte, würden diese Er­scheinungen wieder verschwinden. Darum wünscht sich der Weidmann im Hartung Eis und Schnee.

Derartige Beobachtungen im Revier regen natür­lich die Frage an, ob Abwehrmaßnahmen durch den Menschen möglich sind. Dazu gehört vor allem das umgehende und reichliche Auslegen von Lecksalz in Feldnähe, die Erneuerung oder Neuanlage von Salzlecken. Wir wiesen im Dezember schon darauf hin, daß das Salz meist seinen Zweck nicht mehr erfüllen kann, wenn es erst im März und April ins Revier kommt. Ueberall dort, wo das Wild sich jetzt zu stärkeren Wintersprüngen zusammen­tut und seinen gewohnten Einstand hat, biete man sofort reichlich Kochsalz. Daß auch sonst die Wild- pslege im Januar eine besondere Rolle spielen muß, ist klar. Dabei sei vor allem an die Fütte­rung des Fasans erinnert, die bei jedem Wetter zu erfolgen hat, wenn der bunte Vogel reviertreu bleiben soll. Daß bei Schneefall den Feldhühnern zu schütten ist, versteht sich im gepfegten Revier von selbst. Wir wiesen vor einigen Tagen an ande­rer Stelle schon darauf hin, daß Wildhege heute nicht mehr in das Belieben des einzelnen gestellt ist, sondern daß er gesetzlich zur Winterfütterung verpflichtet ist und sich nicht mehr um die damit verbundenen Unkosten herumdrücken kann. Der Jäger pachtet nicht mehr das Jagdausübungsrecht wie eine Ware, die er gut oder schlecht behandeln kann und aus der er in seine eigene Tasche ohne Rücksicht auf die Allgemeinheit möglichst viel her­ausholen kann. In seinem Neujahrsaufruf weist der Reichsbauernführer Walther Darrs darauf hin, daß die Voraussetzung für die wirtschaftliche Be­hauptung des deutschen Volkes die Steigerung der

diesen Skilehrgang einschließlich Fahrt, Derpfle- gungskosten, Skigebühr betragen für Mitglieder der DAF. 39,60 Mark, für alle anderen Teilnehmer 43,10 Mark.

Anmeldungen für diese Wintersportfahrt nach dem Schwarzwald haben sofort bei dem Sportamt Frankfurt a. M. der NSG.Kraft durch Freude" bzw. bei den Sportämtern Kassel oder Mainz unter Einzahlung des ausmachenden Betrags zu erfolgen. Die Anmeldung ist verbindlich. Rücktritt kann nur bei nachweisbar triftigen Gründen geschehen. Die Rückfahrt erfolgt am 13. Januar 1935 nach Ein­nahme des Mittagessens vom Kniebis aus. Aus­gangsort: Frankfurt a. M.

Die Teilnehmer an der Fahrt aus anderen Städten und Orten zahlen bis Frankfurt ermäßigte Zufahrtkosten.

Lebensmittelerzeugung ist. Auch der deutschen Jägerschaft erwachsen in diesem Erzeugerkampfe Aufgaben. Noch genügten in den letzten Jahren die in Deutschland anfallenden Mengen an Hasen und Federwild nicht, so daß aus Böhmen und Ungarn eingeführt wurde. Der Zwang zu hegerischer Jagd­ausübung ist daher auch volkswirtschaftlich und nicht nur ethisch begründet.

Die Schußzeit für verschiedene Wildarten ist be­reits zu Ende. Der Rot- und der Damhirsch haben wieder Schonzeit, dagegen darf Kahlwild noch während des ganzen Monats abgefchoffen werden.

Der Abschuß von Sauen litt seither unter dem Schneemangel.

Für das Rehwild hat am 1. Januar die Schonzeit begonnen. Da das Wild in den nächsten Wochen in stärkeren Sprüngen zusammenzustehen pflegt, ist jetzt die beste Zeit für eine Bestands­aufnahme, die als Grundlage für die Abschußfest­setzung notwendig ist. Es wäre am besten, wenn derartigeZählungen" für besÜmmte Stichtage all­gemein angeordnet würden. So sieht es z. B. auch das Gesetz in Preußen vor.

Der Hase hat noch bis zum 15. Januar Schuß­zeit. Daher wird der Januar die letzten Feldtreib­jagden bringen.

Fasanen dürfen in Preußen noch bis zum 15. Januar geschossen werden, in Hessen dageaen sind die Hennen bereits geschützt, während Hähne während des ganzen Monats Schußzeit haben.

Die Jagd auf Wildenten ist in Hessen noch offen, in Preußen ist sie an sich zu, jedoch haben angesichts des milden Winteroerlaufs einzelne Pro­vinzjägermeister den Abschuß von Erpeln gestattet. In welchen Provinzen dies zutrifft, ist aus den Jagdzeitungen zu ersehen.

Die Rollzeit des Fuchses beginnt im Ja­nuar. Da der rote Freibeuter dann zu allen Tages­zeiten auf den Läufen zu fein pflegt, verspricht jetzt seine Jagd guten Erfolg. Auch das Sprengen aus dem Bau mit scharfen Erdhunden kann in dieser Zeit gerade zu den allerbesten Erfolgen führen. Sonst müssen Hasequäke, Mausepfeifchen oder Trei­ber den Schelm vors Rohr bringen.

Mit dem Ende des Monats endigt das Jagdjahr. Das neue Jagdjahr wird auch in Hessen unter die Herrschaft des neuen Reichsjaqdgesetzes fallen. Es ist für den Jäger, vor allem für den, der vor einer Pachtung steht, sehr unangenehm, daß er noch völlig im unklaren darüber ist, welche Auswirkun­gen das Gesetz in Hessen haben wird. Es sind eine ganze Anzahl von Fragen, die vorher geklärt wer­den müssen, wenn nicht jemand pachten soll, ohne zu wissen, welche Verpflichtungen ihm das Gesetz auferlegt. Da aber heute schon alle Jagden unserer Gegend wesentlich überteuert find, kann niemand ohne weiteres noch neue finanzielle Verpflichtun­gen übernehmen, wenn er deren Höhe vorher nicht abzusehen vermag. Es ist daher der dringende Wunsch der hessischen Jägerschaft, daß die Aus­führungsbestimmungen zum Reichsjagdgesetz und die hessischen Verordnungen dazu baldigst bekannt werden. Hubertus.

Meldepflicht der Handelsvertreter und Handelsmakler.

Auf Grund von Ziffer 3 der Anordnung des Reichswirtschaftsministers vom 29. November 1934 ist die FachgruppeHandelsvertreter und Handels­makler" mit der Durchführung des Meldeverfahrens für die Fachgruppe durch den Leiter der Wirt­schaftsgruppe beauftragt worden. Meldepflichtig bei der FachgruppeHandelsvertreter und Handelsmak­ler" in der WirtschaftsgruppeVermittlergewerbe" find alle Unternehmer und Unternehmungen, die eine Tätigkeit gemäß Paragraphen 84 und 93 HGB. ausüben. Ausgenommen hiervon find Handelsver­treter und Handelsmakler, die gemäß der dritten Verordnung über den vorläufigen Aufbau des Reichsnährstandes vom 16. Februar 1934 und auf

Grund ergänzender Anordnungen ausschließlich zum Reichsnährstand gehören. Anmeldepflichtig sind auch solche Unternehmer und Unternehmungen, die eine Tätigkeit als Handelsvertreter und Handelsmakler neben einem anderen Gewerbe ausüben. Bestehen Zweifel über die Meldepflicht eines Unternehmers oder einer Unternehmung, so wird vorsorgliche An­meldung empfohlen. Daraus entstehen keinerlei Ver­pflichtungen, ein etwa gezahlter Beitrag wird zu- rückvergütet. Die Anmeldung hat in der Zeit vom 2. bis 15. Januar 1935 zu erfolgen, und zwar aus­schließlich bei den in allen Bezirken eingerichteten Meldestellen. Die Hauptmeldestelle befindet sich in Berlin SW 68, Ritterstraße 48. Die Meldung gilt nur dann als ordnungsgemäß vollzogen, wenn sie

Ortsgruppe Gießen

-es Bun-es -er Saarvereine.

Leiter: Polizeihauptwachtmeister Thum, Neuen Väue 4, II.

Sämtliche Anfragen von Abstimmungsberechtigten sind an die Saarobleute zu richten, die zu jeder Auskunft und Unterstützung gerne bereitstehen.

Saarobleute sind:

1. Oberarzt Dr. Rau h, Gießen, Universitäts- Augenklinik,

2. Verwaltungs-Oberinspektor Hentschel, Gie­ßen, Welckerstraße 12,

3. Gerichtsreferendar koch, Gießen, hitlerwall 51.

Anfragen wegen des Transportes zur Abstim­mung sind an den Transportleiter Thum oder den stellvertretenden Transportleiter k o ch zu rich­ten (Anschriften siehe oben). Abfahrt und Rückkunft des Sonderzuges Nr. 15, der von Gießen aus fährt, wird jedem rechtzeitig bekanntgegeben werden.

auf dem dazu bestimmten Meldevordruck, der in den Meldestellen vorrätig ist, bei gleichzeitiger Zahlung des Beitrages für Dezember 1934 erfolgt. Der Meldevordruck wird auf Anforderung gegen Einsen­dung des Rückportos zugesandt. Die Beitragspflicht zur Fachgruppe bzw. zur Wirtschaftsgruppe beginnt mit dem 1. Dezember 1934. Der Beitrag für De­zember von 1,50 RM. ist grundsätzlich gleichzeitig mit der Abgabe des Metdevordruckes an die Melde­stelle zu entrichten. Soweit die Beitragsquittung für Dezember eines der bisherigen Verbände bei der Anmeldung vorgelegt wird, entfällt die Verpflich­tung zur Zahlung des Beitrages an die Meldestelle.

Daten für Mittwoch, 2. Januar.

1777: Der Bildhauer Christian Rauch in Arolsen geboren (gestorben 1857); 1921: ider Maler Franz von Defregger in München gestorben (geboren 1835).

Daten für Donnerstag, 3. Januar.

1829: der Philologe Konrad Duden auf Gut Bos- sigt bei Wesel geboren (gestorben 1911); 1912: der Historiker und Dichter Felix Dahn in Breslau gestorben (geboren 1834).

Vornotizen.

Tageskalender für Mittwoch. Stadt­theater: 19.30 bis 21.30 Uhr: Parole Heiraten! Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Grüß.mir die Lore noch einmal". Aftoria-Lichtspiele:Im Geheim­dienst".

Stadttheater Gießen. Heute Abend der SchwankParole: Heiraten!" von Karl Ludwig Lindt, mit dem Autor als Spielleiter und Schau­spieler.

*

** Leistungsfähige Stenographen und Mafchinenschreiber gesucht. Man schreibt uns: Immer kehren die Klagen wieder, daß leistungsfähige Stenographen gebraucht werden, daß sie aber nicht aufzutreiben sind. Aus allen Berich­ten der Arbeitsämter tönt das gleiche Lied. Die kaufmännischen Stellenvermittlungen führen in ihren Listen einen verhältnismäßig großen Teil

Oer Lausbub.

Anekdoten um Ludwig Thoma.

Erzählt von Korsiz Holm.

Das Mütterliche, das in jedem Weibe steckt, macht viele Frauen schon in den Backfischjahren erwachsener, als unser angeblich stärkeres Geschlecht gemeinhin selbst im Greisenalter wird. Wir Männer bleiben meistens ewig Kinder; und mehr noch als auf andere trifft das auf die Dichter zu. Zu äußern aber pflegt sich das darin, daß man als reifer Mensch entweder noch zu derben Jungenstreichen neigt, oder noch wie ein Jüngling schwärmt, oder mit beidem abwechselt. Und das war Ludwig Thomas Fall.

Wie sich dieser große Bayerndichter in seinem meistgekauften Buch alsLaubub" geschildert hat, blieb er nachher als Mann: rücksichtslos angriffs­lustig nur gegen Leute, die es auch verdienten, sonst durch und durch ein guter Kerl, warmherzig, fein­fühlig und von leicht verletzlichem Gemüt. Neben der Freude an der urwüchsigen Ausdrucksweise seiner lieben Bauern und der ihm stammesmäßig eingeborenen Lust an Witz und Prozzelei ist es vor allem wohl die Angst gewesen, er könnte gar zu weich und, um ein Wort von ihm zu brauchen, zu sehr alssüßer Schokoladhund" wirken, was ihn oft einen etwas rauhen Ton anschlagen ließ. Auch war er schüchtern und bescheiden von Natur und half sich dadurch drüber weg, daß er recht keck und unbefangen tat.

Ein Beispiel dafür weiß ich aus der Zeit seines ersten Besuches in der Reichshauptstadt. Sein Name war seit kurzem erst bekannt geworden, und Ber­liner Freunde von ihm meinten ihn dadurch zu ehren, daß sie ihn zusammen mit Hermann Su­dermann einluden. Aus dessen Büchern und Theaterstücken machte sich Thoma nicht sehr viel, bedrucklich war ihm die Begegnung mit dem be­rühmten und entsprechend selbstgefälligen Manne aber doch. Er trank sich Mut mit ein paar Gläsern von dem alten Portwein, der in jenem Hause zur Förderung der Stimmung schon vor Tisch herum­geboten wurde, setzte sich dann, leicht angeheitert, zum Essen neben den Olympier von Berlin W und sagte mit immerhin ein wenig schuldbewußter Un­schuldsmiene:Wissen S' was, Herr Sudermann, vor allem töt ich mir erst einmal den Vollbart wegmachen." Dies Wort schlug ein wie eine Bombe, alles saß starr. Sudermann aber nahm, was sehr für seine Klugheit spricht, die Sache von der hei­teren Seite, und Thoma, der zuerst über sich selbst

erschrocken war, grinste verstohlen auf dem Stock­zahn, wie ein echter Lausbub lacht.

Ein bißchen mehr verübelt hat ihm mancher seiner juristischen Berufsgenoffen ein ähnlich dreistes Wort, das er schon früher, als noch ganz junger Rechtsanwalt, im Anwaltszimmer des Münchener Justizpalastes äußerte. Die Herren, die dort warten mußten, verstrichen sich die Langeweile zweckmäßig damit, zu ergründen, wer der dickste und wer der dünnste unter den Münchener Anwälten fei. Ueber den Dicksten herrschte sehr bald Einigkeit, wegen des Dünnsten teilten sich die Meinungen. Da sagte Thoma sachlich und wie obenhin:Natürlich doch der Soundso." Er nannte einen wegen seiner Wir­kung auf Geschworene damals viel angestaunten Strafverteidiger. Seine Behauptung weckte Wider­spruch; man fand nicht, daß Kollega Soundso auf­fallend mager sei.Ach so, den Dünnsten haben Sie gemeint?" gab Thoma mit vollendeter Harm­losigkeit zurück.Ich hab' mir denkt, daß Sie den Dümmsten wissen wollten."

Erheiternd als Beleg für Thomas saftige Aus­drucksweise ist auch die Antwort, die er mir gab, als ich ihm einmal davon sprach, daß irgend eine große, angesehene Firma mit prunkvollem Ge­schäftsgebäude in der Münchener Altstadt in Kon­kurs geraten sei. Er kleidete seine Teilnahme in den Satz:Na, weil's nur wieder so ein vierstöckiges Rindvieh zerrissen hat!"

Aber nicht nur durch Worte, sondern auch durch die Tat, durch richtige Jungenstreiche, bewies der würdige Herr Doktor, wie kindlich sein Gemüt ge­blieben war.

Ich weiß es noch, wie ich einmal mit ihm in der Trambahn fuhr und dort ein Kontrolleur er­schien, der die Fahrkarten sehen wollte. Thoma griff in die Manteltasche und überreichte dem Gestrengen solch ein Stück Papier. Der aber schien diesen ver­stohlen grinsenden Herrn mit den vielen Schmissen schon zu kennen und von seiner Seite ähnliches des öfteren erlebt zu haben er sah den Zettel flüchtig an, zerriß ihn, ohne eine Miene zu ver­ziehen, ließ ihn lässig zu Boden flattern und hielt die Hand von neuem heischend hin. Bereitwillig griff Thoma wieder in, die Manteltasche, und das Gleiche wiederholte sich zehnmal zum mindesten; mit immer strahlenderem Ausdruck spitzte sich Thoma daraus, daß der Beamte doch noch wütend würde. Da dies nicht zu erreichen war. holte er end­lich aus der Westentasche den Zahlungsausweis für die heutige Fahrt. Dabei muß man bedenken, daß es ein gut Vierzigjähriger war, der um solch eines harmlosen Vergnügens willen die alten Trambahn­karten gleich zu Dutzenden in feinen Taschen speicherte.

In ThomasLausbubengeschichten" spielen be­kanntlich pulvergeladene Feuerfrösche eine wichtige Nolle. Und in seinem späteren Leben taten sie das auch. Man konnte nächtlicherweile kaum mit ihm auf der Straße gehen, ohne daß er an feiner stän­dig brennenden Zigarre ein paarmal solch ein Ding entzündet und irgendwohin geworfen hätte, wo sein Krachen ängstliche Seelen unbedingt erschrecken mußte. Gefaßt worden ist er dabei nie; denn er verstand es, nach solch einem groben Unfug der­maßen unbeteiligt auszusehen, daß kein Schutzmann ihn verdächtigen, konnte. Nicht jedem glückt das so. Einmal in Tübingen war Hermann Hesse Zeuge dessen, wie Thoma binnen einer halben Stunde ungestraft in diesem nicht sehr weiträumigen Ort drei oder vier solche Feuerwerkkörper knattern ließ. Begeistert von der Kühnheit dieses Unterfangens, wollte nun auch der Dichter desSiddartha" sich im gleichen Sport betätigen, wurde aber schon bei seinem ersten zaghaften Versuch geschnappt und auf die Wache abgeführt. Und Thoma sagte mitleidig kopfschüttelnd:O mei, das kennt man gleich, wenn's einer bloß als Dilettant betreibt!"

Er selbst trieb es als abgefeimter Fachmann wei­ter, bis der große Krieg kam und die Donnerstimme ernster gemeinter Explosionen der Lust an harm­losem Geknalle Einhalt tat. Und dann nach dem Zusammenbruch war Thoma, den das Unglück sei­nes Volkes schwer bedrückte, die Laune an der­gleichen Spielereien endgültig vergällt. Als er ge­storben war, fand man in seinem Schreibtisch eine Schublade gestrichen voll von Feuerfröschen, die ihrem Zwecke zuzuführen ihm die Not der Zeit ver­boten hatte.

Doch nicht nur in solchem Uebermut bekundete sich seine ewige Jungenhaftigkeit, sondern vielleicht noch stärker darin, daß er Gefühle, die ihn richtig packten, nie nach den geltenden Gesetzen über das, was guter Ton ist, zu verbergen fähig war. Ich habe ihn zweimal, und beide Male schon in reiferen Jahren, stürmisch verliebt gesehen. Und war er das, so konnte man es in der lat von weitem merken: er schmachtete das Wesen, das sein Herz entzündet hatte, immerzu so selbst- und weltvergessen selig an wie ein von einem blonden Backfisch um den Ver­stand gebrachter Lateinschüler.

In dem zeitlich früheren dieser Fälle ging er ein­mal mit dem Gegenstände feiner Schwärmerei und ein paar Freunden irgendwo am Tegernsee spa­zieren. Seine so hübsche wie kokette Flamme nun hatte am Wegrand ein Vergißmeinnicht gefunden und ihm in das Knopfloch seines Rockaufschlags ge­steckt. Nach einer Weile sah sie ihn prüfend an und schmollte:Oh, Doktor, was ist das! Wo haben Sie

denn mein Vergißmeinnicht? Na, Ihnen pflück' ich aber nie mehr eins!" Und Thoma wurde blaß vor Schreck.So etwas Dummes!" rief er reuig und verkündete dann mit eiserner Entschlossenheit:Aber ich geh zurück, und passen S' auf, ob ich's Ihnen net wiederbring!" Man kann sich vorstellen, wie seine Freunde, rauhe Naturen, gleich ihm selber in normalen Zeiten, sich über feine Wallfahrt nach her blauen Blume belustigten, und daß sie ihm das keineswegs verhehlten. Da drehte er sich errötend um und rief:Was ihr alleweil habts! Mich tät's bloß intereffiern, zu wissen, ob mein Jageraug' noch scharf genug ist, daß ich dös Bleamevl find'."

Mag man auch mit den spottlustigen Burschen lochen, die damals diese Worte hörten es mischt sich auch etwas wie Rührung in die Heiterkeit, und man gewinnt den Menschen lieb, der auf der Höhe seines Ruhmes noch die Bescheidenheit besaß, von der diese kindliche Ausrede Zeugnis ablegt. Doch darf man nicht vergessen, daß dies nur eine Seite von ihm war, und daß zugleich ein seiner selbst sehr sicherer ganzer Mann in Ludwig Thoma steckte, der wußte, was er wollte, und sich und seinem Werk, der Heimat und dem deutschen Wessen, wie er es sah und mir es heute sehen, unwandelbar die Treue hielt.

Oer Elefant als Maschinenstürmer.

In Siam hat sich kürzlich ein schweres Eisenbahn- Unglück ereignet, das eine höchst ungewöhnliche Ur­sache hatte. Der Lokomotivführer einer rangierenden Maschine sah plötzlich einen Elefanten auf den Ge­leisen geradezu der Lokomotive entgegenlaufen. Er löste sofort die Signalpfeife aus, aber ihr schriller Ton schreckte das Tier nicht ab, sondern reizte es nur noch mehr, so daß es nicht sein Heil in der Flucht suchte, sondern die Lokomotive angriff und sie aus den Schienen warf. Auch der Tender wurde von dem rasenden Koloß umgestoßen, und nur durch rechtzeitiges Abspringen konnten sich die Beamten retten. Inzwischen war der Elefantentreiber heran- gekommen, dem'das Tier entlaufen war, aber auch ihm gelang es nicht, den wilden Dickhäuter zu be­ruhigen. Er griff auch ihn an und trampelte ihn zu Tode, um dann in den Dschungel zu fliehen, in dem er noch nicht aufgefunden werden konnte. Im allgemeinen sind die Elefanten ruhige und verlässige Tiere, die dem Menschen bei den verschiedensten Schwerarbeiten als Helfer dienen, und die unge­wöhnliche Wildheit, die plötzlich in dem maschinen­stürmenden Elefanten aufgeflackert ist, hat großes Aufsehen erregt