Nr.1 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhefsen)
Mittwoch, 2. Zanuarf«
Forschungsbilanz des Lahres 1934.
Oie wichtigsten Entdeckungen des vergangenen Lahres.
Von Or. W. Hansen.
Zieht man den Schlußstrich unter die wissenschaftliche Ausbeute des Jahres 1934, so darf man das Ergebnis als durchaus erfreulich bezeichnen. Besonders die deutsche Wissenschaft hat im letzten Jahre eine Reihe wichtiger und für die ganze Welt bedeutender Erfolge erzielen können und durch zahlreiche Entdeckungen bewiesen, daß sie nach wie vor in vorderster Reihe steht.
Oie neuesten Ergebniffe der Hormon- und Vitaminforschung. Die moderne Lehre von den „Reguliersubstanzen" des Menschenkörpers, den Vitaminen und Hormonen, die schon seit mehr als zehn Jahren den Schrittmacher und Vorposten der gesamten medizinischen Forschung darstellt, hat in diesem Jahre wieder zu sehr bemerkenswerten Ergebnissen geführt. So gelang es in den vergangenen Monaten, die männlichen und weiblichen Hormone genau zu analysieren und künstlich darzustellen. Man ist also jetzt nicht mehr auf irgendwelche Organ- oder Drüsenextrakte angewiesen, sondern kann diese wichtigen Sustanzen in chemich reiner Form gewinnen. Zwei deutschen Gelehrten, Dr. D i r s ch e l und Dr. Voß, gelang es auch, die lange Zeit rätselhaft gebliebenen Beziehungen zwischen männlichem und weiblichem Hormon aufzuklären. Die beiden Forscher untersuchten das isolierte weibliche Hormon, sie unterwarfen diese Substanz gewissen chemischen Prozessen und veränderten dadurch seine Struktur ganz geringfügig. Mit diesem veränderten weiblichen Stoff konnten sie nun bei allen möglichen Tieren „vermännlichende" Effekte erzielen; diese Ergebnisse beweisen erstmalig die engen chemischen Zusammenhänge des männlichen und weiblichen Hormons.
Im übrigen steht zur Zeit die Hypophyse (Hirnanhangdrüse) im Zentrum der gesamten Hormonforschung. Seit kurzem zeigt sich immer deutlicher, daß dieses winzige Organ sozusagen die Hauptstation und das „Laboratorium" der menschlichen Hormone ist. Allein im Jahre 1934 hat man schon wieder fünf neue Hormone in der Hypophyse gefunden, so daß die Gesamtzahl der von ihr erzeugten Hormonsubstanzen inzwischen auf 15 angewachjen ist! In merkwürdigem Gegensatz dazu steht eine andere Entdeckung deutscher Wissenschaftler. Man braucht, um die menschlichen und tierisch Wachstumshormone zu gewinnen, keine Organextrakte mehr herzustellen — diese Substanzen wurden nämlich in beträchtlicher Menge in altem Schlamm und Moor nachgewiesen! Tierische Hormone und alte pflanzliche Ueberreste müssen also irgendwie miteinander verwandt sein.
Das neueste Vitamin
Die Vitaminforschung erzielte ebenfalls recht erfreuliche Erfolge. Der bekannte deutsch-schwedische Forscher und Nobelpreisträger Prof. Hans von Euler entdeckte das Vitamin J (die Buchstaben A bis G sind durch die Entdeckung der vorhergehenden Jahre schon besetzt), einen Stoff, der meist gemeinsam mit dem antiskorbutischen Vitamin C in dunklen Johannisbeeren und Zitronen oorkommt. Das neu entdeckte Vitamin J hat die überaus wichtige Eigenschaft, Bakterien, besonders die Erreger der Lungenentzündung, zu töten und die Widerstandskraft des Menschen gegen Infektionskrankheiten zu steigern. Die uralte Volksmeinung, die den heißen Zitronensaft schon von jeher als gutes Mittel bei Lungenentzündung betrachtete, hat also wieder einmal recht gehabt.
Wo steht die Krebsforschung?
Zweimal wurde die Öffentlichkeit in diesem Jahre durch sensationelle Meldungen überrascht, die groß-
artige Siege auf dem Gebiete der Krebsbekämpfung verkünden sollten; in beiden Fällen ist es aber jetzt schon wieder still und ruhig gewordey. Die Entdeckungen Prof. F i ch e r a s, der Extrakte aus Milz und Knochenmark als krebsfeindliche Heilmittel verwenden wollte, haben trotz größter Bemühungen noch keine Bestätigung finden und auch keine überzeugenden Erfolge bringen können. Auch die Beobachtungen Dr. W. von Brehmers werden von berufenen Fachleuten weiterhin gründlich untersucht und ernsthaft nachgeprüft, obwohl hier die größte Skepsis am Platze ist. Brehmer wollte in Gestalt eines röhrenförmigen Blutparasiten den „Krebserreger" — den es höchstwahrscheinlich gar nicht gibt — entdeHt haben.
Abgesehen von diesen beiden Fällen, die leider viel Beunruhigung und falsche Hoffnungen erzeugt hatten, machte die Forschung im unermüdlichen Kampfe gegen den Krebs stille, aber stetige Fortschritte. Professor Kl e i n - Ludwigshafen stellte bei feinen Untersuchungen fest, daß die Bildung von krebsartig entarteten Zellen durch ein bestimmtes unsichtbares Agens, ein spezifisches „Krebsgift" hervorgerufen werden kann. Er konnte dieses Gift aus den Krebsgeschwülsten künstlich isolieren und mit ihm bei anderen Tieren ein Geschwulst erzeugen. Es gelang ihm nicht bei jedem Tier, sondern nur bei solchen, deren Organismus durch lang dauernde äußere Reize geschwächt und weniger widerstandsfähig geworden war. Prof. Klein konnte ferner ein Mittel ausfindig machen, mit dessen Hilfe es in Zukunft gelingen soll, die Krebskrankheit frühzeitig in einem heilbaren Stadium zu erkennen. Der gesunde Körper enthält bestimmte krebsfeindliche Substanzen, die im Experiment die Krebszellen auflösen; dem kranken Organismus fehlen diefe Abwehrstoffe. Prof. Klein hat dies nun in zahlreichen Fällen nachgeprüft und tatsächlich bei 90 bis 95 v. H. die richtige Diagnose gestellt.
Expeditionen und Ausgrabungen.
Im Jahre 1934 begann der amerikanische Admiral Byrd wieder eine großzügige Forschungsexpedition nach dem Südpolargebiet. Mit 40 Personen, 150 Polarhunden und einem Flugzeug zog er aus, und von wenigen Wochen lasen wir, daß er in der Antarktis einen ungeheuren vereisten Landkomplex entdeckt und für sein Vaterland in Beschlag genommen habe Die Expedition wird zwei Jahre dauern und wahrscheinlich alle bisherigen Südpolarforschungen in den Schatten stellen. — In Südamerika t)at man bei der alten Stadt Cuzko sehr wichtige Funde aus der Jnkazeit und einer noch älteren Kulturepoche machen können. Bei der Zitadelle von Saxa Huaman wurden ganze Wasserleitungen aus jener uralten Periode der Menschheitsgeschichte ausgegraben. Es fanden sich zahlreiche Schriftzeichen, die aus der „Vorinkazeit" stammen und auf eine noch unbekannte Geschichts- Periode hindeuten.
Auch in unserer engeren Heimat sind die Ausgrabungsarbeiten eifrig im Gange: der deutsche Forscher Professor W e i g e l t - Halle erstattete soeben seinen Jahresbericht über die bekannten Wirbeltier- ausgrabungen im Geisetal. Das vorläufige Ergebnis, das er mitteilte, ist überraschend- es gelang, aus einer etwa 30 Millionen Jahre zurückliegenden Zeit 5000 Reste von Knochenfischen, Fröschen und Fledermäusen, von Halbaffen, Krokodilen, Riesenschlangen und Urpferden zu finden.
„Schweres WaffeS und Element 91.
Auch die Physiker hatten im Jahre 1934 gute Erfolge zu verzeichnen. Das schon früher entdeckte „schwere Wasser" nimmt weiterhin das größte Interesse der Fachwelt in Anspruch. Immer wieder wurden neue Eigenschaften dieser seltenen und kostbaren Flüssigkeit entdeckt. Bekanntlich wirkt es zum
Unterschied vom gewöhnlichen Wasser auf lebenden Organismus schädlich, u. U. sogar tödlich ein. Der Engländer M. Dole kam nun auf den Gedanken, daß vielleicht der tierische Organismus nur das „leichte" Wasser im Körper behält, das schädliche schwere Wasser aber mit seinen Hautdrüjen aus- scheidet. Er untersuchte gewisse Abscheidungen der Tiere auf ihren Gehalt an schwerem Wasser und and diesen Stoff hier tatsächlich in überraschend hoher Konzentration. Auf diese Weise scheint sich also der Organismus von dem gefährlichen „schweren Wasser" zu befreien. Die technische Gewinnung dieses seltsamen Stoffes wurde im Jahre 1934 erheblich verstärkt; der größte englische Chemietrust hat bereits eine Spezialfabrik zur Erzeugung des schweren Wassers eröffnet. Mit Hilfe eines von dem
deutschen Professor Hertz- Charlottenburg angegebenen Verfahrens gelingt es, den „schweren Wasserstoff" in völliger Reinheit herzustellen, indem man gewöhnlichen Wasserstoff durch Tonröhren passieren läßt.
Die Entdeckung der letzten noch unbekannten ch e - mischen Elemente geht ihrem Abschluß entgegen. Wenn sich auch die sensationellen Mitteilungen über das angeblich entdeckte Element Nr. 93 als Irrtum herausgestellt haben, so gelang es dafür zwei deutschen Forschern, Dr. G. Graue und Dr. H. Käding in Berlin-Dahlem, erstmalig, eine größere Menge des Elements Nr. 91, des sogenannten Protaktiniums, in reiner Form zu gewinnen. Das Protaktinium ist ein Stoff, der große Aehnlichkeit mit dem wertvollen Radium aufweist.
Aus der proviuzialhauptfiadt.
Bor dem Marsch ins neue Jahr.
Die Festtage sind verklungen. Wir stehen wieder mit beiden Füßen im Alltag. Wir sahen das Jahr 1934 noch einmal im Geiste vorüberziehen, einzelne Tage traten besonders scharf heraus, wieder andere verschwanden im Nebel.
Wenden wir uns von dem großen Bilde des Weltgeschehens einmal hin zu unseren eigenen Angelegenheiten? Wohl die meisten Menschen haben in den letzten Tagen zurückgeschaut auf das vergangene Jahr, haben darüber nachgedacht, was ihnen diese Zeit gebracht oder genommen hat. Gewiß standen wir mitten im deutschen Volk, haben mitgekämpft und mitgeopfert, daß es wieder zu Ehren kommt. Daneben aber erlebten wir unser eigenes Schicksal, und da ist der Beginn eines neuen Jahres wohl der rechte Augenblick, sich Rechenschaft zu geben über sein Tun und Handeln.
Wir haben manches Schöne erlebt im letzten heißen Sommer. Wir konnten wandern und Rast halten an schönen Plätzen in unserm Vaterlande. Wir sahen das Meer oder die Berge und kehrten neu gekräftigt zur Arbeit zurück. Unsere Kinder wuchsen heran und brachten uns Freude, wir kamen mit Nachbarn und Freunden zusammen, feierten Fest. So steht das abgelaufene Jahr noch vor uns. Wäre es da nicht selbstverständlich, daß wir zur Feder greifen und uns in einigen Sätzen das vergangene Jahr, soweit es uns und unsere Freunde betrifft, festhalten? Das große Weltgeschehen, das Emporwachsen des deutschen Volkes, all das wird schon in Büchern vermerkt werden, aber das Einzelschicksal des deutschen Menschen verrauscht und verweht. Und sind wir es nicht auch unfern Nachfahren schuldig, daß wir einiges aus unserm Leben aufzeichnen? Unsere Kinder und Kindeskinder werden es sicher mit Freuden begrüßen, wenn sie dereinst lesen, wie wir die Jahre verbracht haben. Es soll damit nicht gesagt werden, daß nun jeder ein Tagebuch anlegen muß. Nur einmal im Jahr, am Ende ober am Anfang, dürfte es sich lohnen, einen Rückblick aufzuschreiben.
Auch allen jungen Familienvätern, die kleine Kinder haben, fei empfohlen, mindestens einmal im Jahre in ein kleines Heftchen zu schreiben, welche Fortschritte die Kleinen gemacht haben. Einige Bilder werden beigelegt, vielleicht die erste Handschrift, einige Locken ober sonstige Anbeuten. Wir sollen Familienkunde unb -geschichte treiben. Fangen wir bei ber kleinsten Zelle, bei uns selber, an. Ganz unscheinbare Bemerkungen, Kleinigkeiten können für unsere Nachfahren von Wichtigkeit fein.
Deshalb sollte ber Rückblick über bas vergangene Jahr nicht nur so ein bißchen „Träumerei" sein, sonbern etwas Wirklichkeit muß schon barin enthalten sein. Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen! Unser Ge- bächtnis kann unmöglich alles festhalten.
Aber auch Leib brachte bas vergangene Jahr. Wir haben liebe Freunbe unb Familienangehörige burch ben Tob verloren. Auch ihnen roibmen wir in unfern Aufzeichnungen einige Zeilen.
Dann aber richten wir unfern Blick vorwärts. Wir haben manches erreicht, wir wollen noch mehr
erreichen. Wir haben ein Ziel. Unb bas ist die Hauptsache. Den Blick auf dieses Ziel gerichtet und sich eingereiht in die große Schar aller derer, denen ihr Vaterland und das Wohlergehen aller Volksgenossen das Höchste bedeutet, so wollen wir das Jahr 1935 beginnen. W.
Zum Jahreswechsel.
Von Georg Heß, Leihgestern.
Allen Menschen, die mich kennen und sich Freunde zu mir nennen, bringe ich zum „neuen Jahr" meine besten Wünsche dar.
Denen, die mich schier beneiden, ruf ich zu: „Laßt euer Streiten, denn ihr ändert doch kein Lot, der, der Neider hat, hat Brot.
Laßt den Hader und den Neid, sie passen nicht in unsre Zeit, Iaht das Nörgeln, — nicht so hetzen, Tat beweisen! — Wen'ger schwätzen!"
Das alte Jahr ist nun verflossen, „Deutsche Brüder" — Volksgenossen", oft haben „Worte" dieser Pracht uns allen in das Herz gelacht.
In die Tat sie umzusetzen, kann man nicht mit ero’gem Hetzen, nein — des Führers Werk gedeiht, wenn krönt sein Volk die „Einigkeit".
Ob arm, ob reich, ob Stadt, ob Land, reicht euch die deutsche Bruderhand. Erweist euch -Liebe unb Vertrauen, bann helft ihr mit am Werke bauen.
„Volksgemeinschaft" — „Fried' auf Erden", Führerswille! — So soll's werden.
Wollte Gott, es mürbe wahr, zu Deutschlands Heil, im neuen Jahr!
Oer Jahreswechsel.
Wie ber bisherige Verlauf des Winters und Weihnachten, so bereitete auch der Uebergang vom alten zum neuen Jabre hinsichtlich des Wetters eine Enttäuschung: anstatt mit Schnee und Kälte, wie es sich um diese Jahreszeit gehört, schied das alte Jahr bei außerordentlich gelinder Temperatur und mit Regenfällen von uns, vollzog sich also der Jahreswechsel in einer Flut von Nässe und Schmutz. Trotzdem ließ die frohgemute Stimmung nichts zu wünschen übrig. Nachdem am Silvesterabend in den vollbesetzten Kirchen die üblichen Jahresschlußgottesdienste stattgefunden hatten, setzte auf den Straßen und in den Gaststätten immer mehr das bekannte Silvestertreiben ein. Den vereinzelten Böllerschüssen und Kanonenschlägen im Laufe des späten Nachmittags und des frühen Abends folgten immer mehr dieser Krachmacher, und als um die Mitternachtsstunde das feierliche Geläute der Glocken über die Stadt hin ertönte, war gleich-
Gießener Giadttheaier.
Decker, Bars und Goetze: „Die vier Schlaumeier".
Der letzte Abend des alten Jahres brachte dem Stadttheater nach einmal ein volles Haus in angeregter Silvesterstimmung. Als heiter-harmlosen Abschluß der Spielzeit 1934 hatte man ein Stück gewählt, das sehr geeignet war, diesen letzten Stunden ben rechten Ton zu geben, die Biedermeier-Posse „Die vier Schlaumeier" mit Gesang und Tanz in drei Akten von Bruno Decker und Richard Bars, Musik von Walter W. G o e tz e.
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Dieses Stück spielt „bei uns dehaam", wie könnte es anders sein, in jener Zeit vor etwa hundert Jahren, die man als die gute alte zu bezeichnen pflegt, weit ab vom brausenden Rhythmus der Gegenwart. Die Hauptperson ist der Konditormeister Christian August Lindemann; in dessen Lokal begibt sich an einem Japuarnachmittag der erste Akt unter der Überschrift „Die süße Konditormamsell". Der zweite Akt, „Die vier Schlaumeier", ereignet sich an einem Maimorgen im Park der Donna Maria di Ricambiara aus Mexiko, einer wildexotischen Dame, wie sie nur in Operetten oder in Biedermeierpossen mit Gesang aufzutreten pflegt. Im dritten Akt endlich kommt alles zum Klappen.
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Was da zum Klappen kommt, ist nicht ohne Umstände zu erzählen, denn die Phantasie der von der Muse schallend geküßten Textdichter wandelt bei aller Beschaulichkeit auf verblüffend verschnörkelten Pfaden, was aber natürlich der Silvesterstimmung keinen Abbruch tat; im Gegenteil. So viel steht jedenfalls fest, daß der Konditor bereits im ersten Akt hoffnungslos pleite ist, weil er den Ehrgeiz hatte, seinen sehr geliebten jüngeren Stiefbruder Franz in Bonn zum Doktor promovieren zu lassen.
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be
wahren.
Die Pleite wird durch einen jener märchenhaften Glücksfälle behoben, wie sie sich ebenfalls nur aus dem Theater (allerdings nicht bloß zu Sllve er^ einzustellen pflegen: im vorlwgenden Fall durch die Ankunft einer überaus reichen und verrückten Exotin, die es sich tn den Kopf gesetzt hat die kleine Konditorei in Bausch und Bogen käuflich zu erwerben und dadurch, ahne viel gu fragen, Die Hauptbeteiligten vor dem finanziellen Rum zu c.
So kommt es, daß die vier Schlaumeier, der Konditormeister, die süße Mamsell Ursel, der Droschkenkutscher Sponholtz und der Sekretär Wurm (der mit den Schillerschen natürlich nichts als den Namen gemein hat) sich im Hofstaat der exzentrischen Mexikanerin wiederfinden. Schon hier kündigen sich nicht allein deren wahrhaft romantische Vorgeschichte, sondern auch eine finstere Kriminalaffäre drohend an, die sowohl untereinander als auch mit der Konditorpleite auf eine erstaunliche Weise verknüpft sind, und die im letzten Akt nach den bewährtesten Theaterpraktiken ins Reine gebracht werden
Dies ist die Fabel im Rohbau und in den Grundzügen, und es wäre aus mehr als einem Grunde verfehlt, des näheren auf diesen biedermeierlichen Sturm im Wasserglase einzugehen. Viel wichtiger als die Sache selbst war ja, besonders an einem Tage wie diesem, das Wie der Darbietung und Aufmachung. Die Aufführung wurde vom Spielleiter Hub inszeniert, der in jeglicher Hinsicht die Hauptperson des bewegten Abends war, der die Leute von Anfang an in die richtige Stimmung zu versetzen wußte, mit dem vollbesetzten Hause sofort den nötigen Kontakt herstellte und die idyllische Begebenheit, zumal im letzten Auszug, durch eine Fülle zeitgemäßer Einlagen und Silvesterüberraschungen zu verzieren und zu würzen verstand
Mit das Hübscheste an der ganzen Aufführung waren mal wieder die stilgerechten und wirklich appetitlichen Dekorationen des Bühnenmalers Lökf - l e r. Kapellmeister Fritz Cuje verwaltete mit sicherer und leichter Hand die Musik von Walter W. G o e tz e, die uns stellenweise ganz erstaunlich bekannt vorkam, womit nichts gegen die Partitur an sich gesagt fein soll. Herr Bäulke hatte die choreographische Leitung des Abends und verschiedene, außerordentlich amerikanische Tanz-Intermezzi beigesteuert. Zwei improvisatorische Einlagen des Tanzpaares Belloff-Haase fanden ebenfalls lebhaften Anklang, und ein besonderes Wort der Anerkennung verdient endlich auch die geschmackvolle und farbenfrohe Kostümausstattung des Obergewandmeisters Curt Huber
Herr Hub hatte auch darstellerisch den Löwenanteil am Erfolg des Abends: feinen Konditor Lindemann spielte" er aus dem Vollen, mit ganzem Einsatz der bewährten mundartlichen Pointen „bei uns dehaam"; einigermaßen unvermittelt, aber von bezwingender Komik war die berühmte frankfurter rische Geschichte von ben dreißig Gulden (Stoltze)
und ein Triumph und Höhepunkt des Abends das Siloestercouplet des letzten Aktes, „ganz einfach und bescheiden", aber mit endlosen Fortsetzungen.
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Eine besonders gelungene Nummer war ferner das Schlaumeier-Quartett, das von Hub, Leni Gehrig a. G. (Ursel), Karl-Ludwig Lindt (Wurm) und 23 o l cf (Sponholtz) in ausgelassener Laune zum Besten gegeben wurde. Luise Decker radebrechte anmutig und mit geziemenden Temperamentsausbrüchen die mexikanische Donna Maria; von den übrigen feien Mizzi Rauschenberg a. G., Wolfgang Kühne und Wilhelm Sieten erwähnt.
Es gab stürmischen Beifall und zahlreiche Wieder- holungen; schon im ersten Akt regnete es Veilchensträußchen und Bilderchen ins Publikum. Es würde übrigens von vielen Besuchern dankbar begrüßt worden sein, wenn gerade die Silvestervorstellung eine Stunde früher angefangen und entsprechend zeitiger geendet hätte. hth.
„Grüß mir die Lore noch einmal/'
„In einem grünen Walde, da, steht ein Forster- Haus" — das Lied von der Lore ist eines der volkstümlichsten in unserer Zeit, von Unzähligen gesungen, gespielt und getanzt; es wäre merkwürdig gewesen, wenn sich der Film diese Popularität hätte entgehen lassen, und so hat die Terra eine Art Volksstück daraus gemacht, zu dem Peter F r a n ck e und H. I. Kölln er das Drehbuch schrieben. Das Beste daran sind neben der originellen und zündenden Melodie des Leitmotives die schönen und malerischen Landschaftsbilder, auch einige wirkungsvoll angebrachte neue Melodien von Fritz Wenneis. Die Handlung ist fu, wie sie eben zu» werden pflegt wenn man aus einem einfachen Lied einen ganzen Roman macht, der abwechselnd in dem schon bekannten grünen Walde, im Försterhaus und auf einem großen Herrenhof spielt. Jedenfalls gelangen für unser Gefühl die harmlos heiteren, volksstückmäßigen Episoden besser als der etwas konstruierte Konflikt, der sich natürlich zuguterletzt in lustspiel- haftes Wohlgefallen auflöst. Die in einem recht lebhaften Besuch zum Ausdruck kommende Anziehungskraft des Films dürfte, abgesehen vom Titel, hier bei uns in der Tatsache begründet sein, daß Maria Beling die Lore spielt, und obwohl sie diesmal gar nichts zu fingen hat, macht sie das so hübsch, mit Talent und Humor, daß auch der Verfasser und der Komponist des Liedes mit dieser Verkörperung ihrer Phantasie zufrieden gewesen sein werden. Im
zahlreichen Ensemble zeichnen sich neben ihr in größeren Rollen Schröder-Schrom, Leonie Duval, Vivigenz Eickstedt, Paul Beckers, Friedrich Ettel und der bekannte Komiker Rudolf Platte aus. — Im reichhaltigen Beiprogramm hort man die Berliner Tanzkapelle Ette, sieht man die neue Wochenschau, einen Anreißer zu den „Beiden Seehunden" (mit Weiß Ferdi in einer Doppelrolle) und unter dem Titel „Wie es damals war" eine Serie sehr amüsanter und lehrreicher Ausschnitte aus stummen Filmen von 1925 bis 1927.
Pimpfe können alles.
Also, es war beschlossene Sache. Wir machten ein Winterlager im Schwarzwald.
Natürlich liefen alle Ski; rodeln kam gar nicht in Frage. Schüchterne Anfrage des Jungzugführers: „Jungen, ich habe aber feine (Stier ...!?" Dreißig Stimmen antworten gleichzeitig: „Wir auch nicht!"
Was anfangen, denn daß wir brettelten, war schon beschlossen, und die Bretteln mußten beschafft werden. Aber wie?
In den nächsten Tagen war bei sämtlichen Buchhandlungen der Stadt Nachfrage für die Broschüre: „Wie baue ich selbst Skier?" Ächt Tage lang horten sämtliche Schreiner und Holzhändler immer wieder die Frage: „Haben Sie 10 bis 15 Jahre gelagertes Eschenhölz?" Nach acht Tagen waren viele Gartenzäune in der Stadt verbogen.
Nach drei Wochen war wieder Heimabend; die vorhergehenden zwei waren ausgefallen. 29 Pimpfe und ein Jungzugführer saßen niedergeschlagen im Heim. Die Anwohner der Nachbarschaft brauchten einmal nicht über das laute Treiben der Pimpfe zu klagen.
Aber dann hatte Stups, der bis jetzt gefehlt hatte, das Heim betreten. Unter dem Arm einen in Papier gewickelten langen Gegenstand, der nach Sichtbarwerden eine entfernte Aehnlichkeit mit zwei Skiern hatte. Und dann blieben die Passanten auf der Straße stehen, denn so ein brüllendes Lachen hatten sie lange nicht gehört: Stups hatte ausgepackt. Zwei schmale Bretter, auf die zwei alte Schuhsohlen genagelt waren und die vorne zwei kühn geschlungene Spitzen aus Eisenblech trugen, waren zum Vorschein gekommen.
30 Pimpfe und ein Jungzugführer waren auf 14 Tage im Winterlager und lernten bretteln auf Holzern mit Spitzen aus Eisenblech, lernten fahren wie die roten Teufel von Innsbruck, wie Guzzi Lantschner und Luis Trenor — wenigstens beinahe so. Pimpfe können eben alles. Tip»


