Ausgabe 
1.11.1935
 
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Zreitag, L November 1935

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger siir Dberhessen)

Kt. 256 Drittes Blatt

SA und GS. im Dienste des WHW

22

in

Brief.

S°nd-rb°r°r 3*!*«*g^

Hamburg, und unter d// M'llwn M°n,ch-n öu er 8 o rcbeft bu eigenttid)?"

Stadt läuft .hm ausgerechnet L.ena Uder °-nDZ-g. Richtig" $a(i(iu5, er faßte sich nor die

L-na, & Stirn'^. Das akrgaß ich. Du kennst ja meine erste

Meer,° nicht ÄV nur scheinbar. Frau gar nicht mehr."

Die öcutfdic Rrbcitdfront

7;^ n.9.=ÖemcinfchaftKraft durch frcüöc".

auf unserer Geschäftsstelle, Crednerstraße 24, ein­zureichen. Später eingereichte Gutscheine können nicht mehr angenommen werden.

Kreisversammiunq des NSLB.

Der NSLB. des Kreises Gießen hält wie aus einer parteiamtlichen Bekanntmachung hervorgeht am Mittwoch, 6. November, 15.30 Uhr, in der Neuen Pestalozzifchule ihre Kreisversammlung ab. Der Gauobmann Ministerialrat Ringshausen wird sprechen.

Uhr.

Mnterhiifswerk 1935/36

Ortsgruppe Greßen-Güd.

Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die Zahlung genommenen

Kohlengutscheine am Samstag,

2. November, von 16 bis 18 Uhr,

Die politischen Soldaten des Führers in der Gießener SA. und SS. werden ihren Dienst für Führer und Volk am kommenden Sonntaa dem Winterhilfswerk widmen. In kameradschaft­licher Verbundenheit mit den Volksgenossen werden sie sich bemühen, die angesetzte Geldsamm- lung für das WHW. zu einem vollen Erfolg zu gestalten. Unter den Sammelnden der SA. und der SS. werden sich viele Kameraden befinden, die durch ihr Alltagswerk vom Morgen bis zum Abend stark in Anspruch genommen sind, die sich aber dennoch opferfreudig auch während des Sonntags in den Dienst der Aufgabe stellen, aus der den hilfsbedürftigen Familien Erleichterung und Linde­rung ihrer Not bereitet werden soll.

Wie der S2L- oder der SS.-ffiann stets selbst­los feine freiwillig übernommene Pflicht im Dienste der Volksgemeinschaft erfüllt, so wird er auch bei dieser Gelegenheit seinen einzigen und schönsten Lohn darin erblicken, wenn er nach dem Abschluß der Sammlung eine voll­gefüllte Sammelbüchse abliefern kann.

Zur Erreichung dieses Zieles werden die SA.- und SS.-Kameraden alle ihre Kräfte anspannen. Wie

Das erste WHW -Ab eichen 1935/36 kommt am Sonntag zum Verkauf. Die poli­tischen Soldaten des Führers, feine SA. und feine SS. stellen sich in den Dienst der guten Sache. Zeder Volksgenosse helfe mit die Not lindern!

Erste große Tournee

der NS.-GemeinfchaftKraft durch Freude".

Am 4. November im Cafe Leib unter dem Kenn­wort:Lache mit uns". U. a. wirken mit: Grepp und Georgeth. Diese Nummer ist nur

Und als Jolly den Kopf schüttelte:Das kann nur von Vorteil sein. Kurz und gut: ich war früher schon einmal verheiratet, vor der Filimon. Diese erste Frau ist dem Jabusch in Hamburg über den Weg gelaufen. Er hat sie erkannt, nicht sie ihn. Das ist wichtig. Das Moment der Ueberraschung kann entscheiden."

Was beabsichtigst du?" fragte Jolly.Liebst du sie etwa noch? Sollen wir deshalb hinfahren?"

Basilius' Gesicht verzog sich.Mach keine schlech­ten Witze? Jabusch schreibt mir, was er über die Frau in Erfahrung gebracht hat. Sie ist mit einem Konsul verheiratet. Bassenberg heißt er. Konsul ist ein meist unbezahlter Titel, aber es erhalten ibn auch nur Lrnte, die auf Bezahlung keinen Wert zu leaen brauchen. Das schreibt auch Jabusch, Haus an der Alster. Schiffsreeder, Großkaufmann."

Er beugte sich vor, sein Mund zog sich einwärts zu einem häßlichen Lachen.Der Herr Konsul Bassenberg wird auch mit uns ein Geschäft machen,

Der andere Mann legte den Kopf schief.Diese Leute in Amt und Würden sitzen meist sehr fest im Sattel, Basil. Es wird schwer sein, da etwas zu erfahret, was sie zum Absteigen veranlassen könnte. Oder schreibt Jabusch auch darüber schon Ermunterndes? Weiß er etwas."

Jabusch, nein. Aber' er nimmt als selbstverständ­lich an, daß wir kommen werden. Es genügt ja, daß er mir den Namen Lena nannte."

Jolly sah den Sprecher begriffsstutzig an.Ent­schuldige, wieso kann das genügen? Diese Lena war einmal deine Frau. Das mag dem Konsul nicht angenehm sein, aber schließlich wird es ihn kaum zu mehr als einem kleinen Schweigegeld veranlassen. Vielleicht, wenn er es schon von der Frau erfahren hat, und das ist anzunehmen, es steht ja in ihren Papieren, ist es ihm ganz gleichgültig, wenn du heute auftauchst."

Nein." Basilius lächelte hinterhältig, dreses Katze- und Maus-Spiel machte ihm Spaß.

Wieso, nein? Du hoffst doch nicht auf em größeres Geschäft?" . ,

Doch! Auf ein ganz großes! Wenn der Konsul wirklich sehr reich ist, werden wir es auch werben. Denn er wird ein Schweigegeld zahlen müssen, i dessen Höhe ich bestimme."

iUnd warum wird er zahlen muffen?

,Vielleicht zahlt fiel Ich werde zuerst Lena aus­

eifrig sie auch bei solchen Gelegenheiten bei der Sache sind, haben wir noch in Erinnerung von der vorjährigen Geldsammlung der Gießener SA., bei der ebenfalls für ein edles Werk im Dienste der Nächstenliebe eine ansehnliche Geldsumme zusam­mengebracht wurde. Diese opferfreudige Tatbereitschaft der Gießener SA. und SS. mögen sich alle Volksgenossen zum Beispiel neh­men. Sie mögen ihren Willen z u m Helfen und ihre enge Verbundenheit mit dem Werk des Führers dadurch bekunden, daß sie den Männern in der braunen oder der schwarzen Uniform

freudig und opferbereit eine angemessene Geld­spende in die Sammelbüchse

geben. Dabei denke jeder daran, daß es nicht da­mit getan ist, wenn er nur nach seinen Verhält­nissen gibt, sondern daß der rechte Gemeinschafts­geist seinen schönsten Ausdruck erst findet, wenn der Spender sich selbst ein Opfer auferlegt. In diesem Sinne, deutsche Volksgenossen:

Auf zum Opfer bei der Geldsammlung der SA. und SS. für das Winterhilfswerk!

m6o°bequemte Jolly sich denn zu der Frage:Die

den. Gesindewechsel, Zinstag und allerletzter Kohl, Obst, Wein Ernteabschluß gaben chm sein Gepräge. Auch diese wirtschaftlichen Fristen smd nicht primärer Natur, vielmehr gehen sie auf alte < vorchristliche Kultgebräuche zuruck oder doch mit c ihnen Hand in Hand. , 1

Angelsächsisch heißt der November derblot- i monath". Man schlachtete dann, auch im Zusam- , meckhang mit dem Ernteschluß, den Göttern die : Haupttieropfer des Jahres, woran noch dieMar- tinsgans" erinnert. Im Schwedischen hat sich eben­falls der NameBlutmonat" erhalten. Es ist ge­wiß nicht zu phantastisch, wenn man einen ganz natürlichen Zusammenhang mit der Tatsache sucht, daß in dieser kühleren und auch für den Bauern stilleren Zeit die Hausschlachtungen begannen und heute noch beginnen.

Martin kommt auf'm Schimmel geritten , d.h. er bringt Schnee mit. Und dann heißt s noch: St. Martin macht Feuer im Kamin". Die Mar- tinsfeuer und Martinslieder haben sich zumal in Westdeutschland erhalten. Besonders die Kinder feiern ihren liebenZint Mäten" heute noch wie ehedem. Die Andreasnacht vom 29./30. November zeigt den jungen Mädchen im Traume den mit Recht oder Unrecht so beliebtenZukünftigen , denn St. Andreas gilt seit Urvätertagen als Ehe­stifter. Auch spendet er den Kindersegen. Aber selbstverständlich hübsch eins nach dem andern!

Vorrwt?zen.

Tageskalender für Freitag.

NSG.Kraft durch Freude": 21 bis 22 Uhr Ski- Trockenkursus, Reitschule Schömbs; 20.30 bis 21.30 Uhr Allgemeine Körperschule im Lyzeum; 20 bis 21 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. Stadttheater: 20 bis 22 Uhr erstes Symphonie-Konzert. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Winternachtstraum .

Stadttheater Gießen.

Heute von 20 bis 22 Uhr 1. Symphoniekonzert des Gießener Konzert-Vereins und 5. Freitag-Abon- n"m"nt. Leitung: Prof. Stefan Temesvary. Solistin: Maria Neuß, Berlin (Violine). Das ver­stärkte^ städtische Orchester. Programm: Gerster, Brahms, Beethoven.

ütitv neuer Roman.

Der RomanZwei Rheinlandmädel" von Anny von Panhuys wird in der morgen erscheinen­den Ausgabe desGießener Anzeigers" zum Ab­schluß gebracht werden. Schon in der vorliegenden Nummer beginnen wir mit der Veröffentlichung eines neuen großen Romanwerkes, von dem wir uns einen außergewöhnlichen Erfolg versprechen dürfen. Es handelt sich diesmal um einen Kriminal­roman von ganz besonderer Klasse, um eine Ge­schichte von unheimlicher Eindringlichkeit und einer Spannung, die wohl kaum Überboten werden kann.

Schatten der Vergangenheit" von Frank $. Braun

findet etwas.

Was Hot er gefunden?

Einen Menschen. Du errätst es nicht. Meine Frau lebt in Hamburg!"

Jolly kniff ein Auge zu Er schnuff-tte die Luft auf. Aber Basilius roch wirklich nicht nach

so heißt unser heute beginnender neuer Roman, der von Fortsetzung zu Fortsetzung davon sind wir überzeugt förmlich verschlungen werden wird. Viele unserer Leser werden sich gewiß noch des im vorigen Jahre erschienenen RomansDas Halsband" von Frank F. Braun erinnern; wir haben uns bei der in Form einer Preisfrage seiner- zeit veranstalteten allgemeinen Jagd nach dem Täter überzeugen können, mit welcher ungewöhn­lichen Anteilnahme in allen unseren Leserkreisen dieser Roman verfolgt wurde. Der neue Roman, mit dem wir heute beginnen, ist im Aufbau ganz anders angelegt, behandelt auch ein anderes Thema, ist aber genau so packend, scharfsinnig und auf­regend geschrieben wie jener andere. Vom Inhalt sei nichts verraten; jeder wird sehr bald gewahr werden, worum es sich handelt. Wer diesen Roman nicht liest, hat es sich selber zuzuschreiben. Wer ihn lieft, wird ihn mit Genuß lesen und nicht eher auf­hören, bis er mit hörbarem Aufatmen und tiefer Befriedigung die letzte Fortsetzung aus der Hand legen kann. Dieser Roman von Frank F. Braun wird ohne Zweifel ein Haupttreffer werden und allen unseren Leserinnen und Lesern in Stadt und Land eine von Tag zu Tag erwartungsvoll be­grüßte Lektüre sein. '

HZ.-Morgenfeier.

Am Sonntag, 3.November, veranstaltet die Hit­ler - Jugend um 10.30 Uhr in der Aula der Universität eine Morgenfeier.

Der schwäbische Dichter Karl Götz wird von sei­nem Leben und Schaffen erzählen und aus seinen Werken vorlesen.

Alle Volksgenossen sind zu dieser Feierstunde herz­lich eingeladen.

Der Leiter der Stelle für weltanschauliche Schulung des Bannes 116:

Emst Jost, Kameradschaftsführer.

Bund deutscher Mädel

llntergau 116 Gießen.

Dienstbefeht.

Alle Jungmädelführerinnen des Standorts Gießen 1 treten am Sonntag, 3. November, um 10 Uhr vor dem Finanzamt zu der Feier in der Aula an.

Ruth Fabian, Jungmädeluntergauführerin, m. d. F. b.

Basilius strich das Blatt auf dem Tisch glatt. Er nahm das Kuvert nach einmal aut, Poststempel fiamburg. Der Bries hatte zwei Tage bis nach Wien gebraucht. Aber zu spat kannte er nie kam- wußte Jabusch, drum schickte er kein Telegramm, sondern schrieb gleich aussiihrlich diesen

Wie lange ist das her? Zehn, zwölf Jahre. Daß Jabusch sie noch wiedererkannte, bleibt bemerkens- wert. Es soll ihm nicht vergessen werden.

Basilius erhob sich. Er faltete den Brief sorg- faltig und steckte ihn ein. Unten auf der Straße begann gerade ein neuer Tumult, aber das lenkte : ihn jetzt nicht noch einmal ab. Sein Entschluß war gefaßt, obgleich er noch keinen rechten Plan hatte. Jabusch sollte seinen Brief nicht vergebens geschrie­ben haben. ,

Auf dem Schreibtisch stand das Telephon. Er nahm den Hörer ab und lieh sich verbinden. Jean Jolly meldete sich sofort.

Hallo", sagte Basilius,du erkennst zweifelsohne an der Stimme, wer hier spricht." Er hatte stets eine sonderbare Scheu, seinen Namen zu nennen.

Jean Jolly enthob ihn der Peinlichkeit.Rede, Basil, was gibt es?"

Es gibt tatsächlich etwas. Nur kann ich es dir nicht am Tekephon klarmachen. Könntest du sofort zu mir kommen? Es eilt mir. Mir werden unter Umständen noch heute nacht reisen müssen."

Jolly hüstelte. Dann stießt er heraus:Fliehen?" Unsinn!" das kam barsch, aber beruhigend sicher. Also dann, wohin, bitte, werden wir reisen?" Ins Reich", sagte Basilius kurz,also ich er­warte dich, nicht wahr?"

Gewiß", sagte Jolly,in 10 Minuten bin ich bei dir."

Jean Jolly war Schauspieler; das ist ein Beruf, den man behalten kann, auch wenn man seit Jah­ren auf keiner Bübne mehr gestanden hat. Sein Gesicht m-ir alt und zerknittert. Da er fein Haar färbte, glänzte es tiefschwarz. Je nachdem, ob er eine Hornbrille oder die Gläser ungefaßt oder über­haupt keine Brille trug, sah er sehr verschieden aus. Wovon er lebte, wußte niemand außer Basi­lius; und der schwieg.

Jolly benötigte 15 Minuten bis in den Norden nach Floridsdorf. Basilius empfing ihn ohne Vor­wurf. Sie gaben sich die Hand. Jolly legte die Andeutung einer Verbeugung in feinen Gruß, die Basilius übersah.Setze dich Alwin Jabusch hat mir einen Brief geschrieben. Er ist in Hamburg.

i Hattest du ihn nicht nach Berlin geschickt?

- Ja" Basilius m^e eine Handb^weaunq, die i deiUnwurf abtat.Nun, er hat recht gehabt nach Hamburg zu fahren. Ich wußte daß wir Jabusch . schicken mußten. Der Mann hat immer Gluck und

1. Symphonie-Konzert

im Gießener Stadttheater am 1. November.

Aus dem Stadttheaterbüro wird und geschrieben: Das am heutigen 1. November stattfindende erste Symphonie-Konzert, das der Konzertverein gemein­sam mit dem Stadttheater veranstaltet, ist schon seiner Vortragsfolge nach geeignet, das regste In­teresse der musikliebenden Bevölkerung zu wecken. Das verstärkte Städtische O r ch e st e r wird un­ter der Leitung otm Prof. Temesvary eine Fest­liche Suite im alten Stil von Ottmar Gerster vortragen und den Abend mit Beethovens Siebenter Symphonie beschließen. Dazwischen spielt Maria Neuß das Violinkonzert von Brahms. Die junge Künstlerin hat erst kürzlich in mehreren Städten' des Reiches ihren bisherigen Erfolgen neue hinzugefügt und damit bewiesen, daß sie in rastlosem Aufstieg begriffen ist. Zudem ist sie von ihrem Konzert im vorigen Winter her den Gieße­nern noch in bester Erinnerung, und so wird man auf ihr Auftreten mit Orchester mit Recht ge­spannt fein. Das Symphoniekonzert ist das erste Abonnementskonzert des Konzertvereins Gießen und zugleich die 5. Veranstaltung im Freitag-Abon­nement des Stadttheaters. Anfang 20 Uhr; Ende

Er stieß die Hand vor, rüttelte Jolly an der Schul­ter.Begreifst du nun, daß sie bezahlen muffen?"

Ja", räumte Jolly sofort ein,jetzt verstehe ich freilich alles. Wann fahren wir?" Er schüttelte seine Nachdenklichkeit ab.Noch heute. Mit dem Nachtzug/

Sie standen jetzt beide. Basilius' Entschlossenheit übertrug sich auf Jolly.Ich will mich fertig ma­chen", sagte er und ging zur Tür.Wir treffen uns am Bahnhof." .

Aber da fiel ihm etwas ein.Fahren wir über München? Sott Robert Nydegger mit von der Par­tie fein?" Er hielt die Tür schon in der Hand. Ba­silius sah ihn mit leichter Verwunderung an.

Nydegger...", machte er fragend vor sich selbst; aber bann schüttelte er rasch den Kopf.Laß den Jungen aus dem Spiel", meinte er.Nützen kann er uns gar nichts. Höchstens verliert er die Ner- oen, wenn es ernst wird und hart auf bart geht."

Du rechnest damit, daß wir auf Widerstand stoßen?"

Basilius Blick' verlor sich ins Leere.Lena war eine sanfte Natur", meinte er,aber wenn man ihr die Kehle zudrückt, wird sie sich natürlich wehren. Was bleibt ihr sonst übrig!"

Du hast schon einen bestimmten Plan, wie wir vorgehen werden?"

Geb", sagte Basilius,davon später. Im Zug wird Gelegenheit sein, alles zu besprechen."

Gehorsam zog Jolly die Tür hinter sich zu. Er lief hinunter und über die Straße, als sei er der verfolgte Greisler, hinter dem eine gereizte Menge her war. Er hatte es eilig, er mußte pünktlich sein. Basilius' letzte Aufforderung zu gehen hatte recht ungeduldig geklungen." .

Basilius stand am Fenster und sah feinem Be­sucher nach. Seine kalten grauen Augen registrier­ten die Hast dieses Jolly.

Er dachte: ich habe ihm vielleicht doch zuviel ge­sagt? War es ungeschickt, ihm die Wahrheit über Lena zu gestehen? Aber Jabusch in Hamburg hatte ihn sowieso eingeweiht. , , _

Um seinen Mund bildete sich eine harte Falte. So stand er lange und sah hinaus.

In die Straße war eine Nadfahrerpatrourlle der Polizei eingebogen und schuf Ruhe.

Das bemerkte Basilius kaum. Seme Blicke gin­nen über die niedrigeren Häuser der anderen Straßenseite hinweg. Jenseits der Donau lag das steinerne Meer der Stadt. Er fand die Kuppel des Bahnhofsgebäudes.

Dort erst fetzten feine Gedanken ein. Sie waren kalt und klar. Sie rechneten mit Menschen wie mit Zahlen. Es würde sich zeigen, ob solche Rech- nung am Ende wirklich aufging.

i Als eine Uhr schlug, schrak er zusammen. Wie- i viel Zeit blieb ihm? Eine Stunde? Reichlich genug. Er begann eine hastige Tätigkeit. Zweifelsohne t würde er fertig werden. Es hatte in feinem Leben i oft genug Zeiten gegeben, da der Bruchteil einer - Viertelstunde hatte genügen m'"'fsen. sich für eine

I Reise vorzubereiten. (Fortsetzung folgt.)

Aus der Provinzialhauptstadt.

November - Nebelmonat.

So unsicher die Ankunft der milden Tage im Frühjahr ist, so sicher ist die Unaufschiebbarkeit des Spätherbstes, der im November, imNebelmonat oderWindmonat", wie Kaiser Karl ihn bei Jemen Bemühungen um die deutsche Sprache und Volks­kunde nannte, mit aller Rauheit anrückt. Daß man diese Zeit, die mit dem Hubertustag auch den Anfang der Reitjagden bringt, im Tegernseer Kalender etwas groo mitKotmonat bezeichnet, istbetont bajuwarisch"; aber es hat dach seine Richtigkeit damit; denn ein rechter Frostmonat ist der November noch nicht. Wohl aber sucht der Landmann mit verständlicher Anteilnahme den

fUd(But, gut. Aber weshalb wird von einem der beiden überhaupt gezahlt werden? Weil Lena deine Frau war, nur deshalb?

Basilius beugte sich ganz dicht vor des Freundes Gesicht. Seine Augen leuchteten letzt wirklich ge- sährlich.Sie werden zahlen", sagte er.Denn Lena war nicht nur meine Frau, sondern sie ist es noch! Sie lief mir vor zehn Jahren davon Ich suchte sie nicht, so fand ich sie nicht. Jetzt schreibt mir Jabusch, er hat sie zufällig entdeckt. Frau Konsul Lena Bassenberg. Sie hat zwei Kinder

* in der Ehe mit dem Konsul.

Charakter des beginnenden Winters aus den No­vembervorzeichen abzulesen. Der alte Folklorist denn die Volkskunde ist nicht erst von heute und gestern berichtet:Die Bauern haben wegen Be­schaffenheit des bevorstehenden Winters zweyerley Anmerckungen gemacht. Sie gehen 1) nehmlich zu Anfang dieses Monats in das Holtz, und hauen von einer Buche oder Tanne einen ziemlichen Spahn; ist solcher bis auf den Kern trocken, so ver-- muthen sie einen gelinden Winter; ist aber das Holtz fafftig und feucht, so besorgen sie einen har­ten und kalten Winter. 2) Betrachten sie, wenn die Martinsgans gegessen wird, an dem Brust-Knochen sowohl das obere als untere Theil und dessen Farben; die braune Farbe soll große Kälte, hin­gegen die weiße Farbe Schnee und Regen, auch das obere Theil die Zeit vor Weyhnachten, das untere aber die Zeit nach Weyhnachten andeuten."

Im Verlaufe dieses Monats sind einige Tage besonders bemerkenswert im volkstümlichen Brauche und Ansehen. Im Jahre 835 also vor 1100 Jahren wurde der 1. November von Ludwig dem Frommen als Gedenktag für alle Märtyrer kirchlich eingeführt, deshalb ist derAllerheiligen­tag" in katholischen Gegenden ein ernster Feiertag. Man schmückt auch an dem Abend von Allerheiligen bereits die Gräber für den Folgetag, fürAller­seelen". Der Bauer setzt ihnen mancherorts hallte noch einen Teller mit Speise und eine Tasse mit Milch an den früher innegehabten Platz am Abend­tisch. Auch ist die Nacht zwischen beiden Tagen des Novemberbeginns geisterbewegt. Wer am Aller­heiligentage geboren ist, kann hellsehen; und wer die dazu geschaffenen Orte aufsucht, kann in den Stunden vor dem 2. Novembermorgen die Glocken versunkener Städte aus der Tiefe erschallen hören, auch die Schätze jener verdammten Orte erblicken.

Bedeutend wichtiger für die Volkskunde, weil zeitlich viel weiter in der Vergangenheit rückver­wurzelt, ist der 11. November, derMartinstag . Martinus war der erste Heilige, den man in der kirchlichen Öffentlichkeit feierte. Deshalb hat er auch einen Platz an einem vielgeehrten germani­schen Terminstage erhalten. Mit dem Abschluß des ersten Drittels imnaubaimbain", wie der Novem­ber gotisch heißt, war ein allgemeiner Beginn des neuen, des winterlichen Wirtschaftsjahres verbun-

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Vornan von Frank F. Braun.

(Nachdruck verboten.)

1. Kapitel.

Im 21. Bezirk hatte es wieder einmal Krach ge­geben. Der Greisler Pichlhuber war endlich er­wischt worden, wie er das Pfund Reis mit 450 Gramm ausgewogen hatte. Seit je waren die Floridsdorfer temperamentvoll. Es gab zwei em- geschlagene Scheiben und noch wildere Drohungen. Nur sehr langsam beruhigte sich die Menschenmenge auf der Straße. Der unglückliche Greisler verteilte an die Kinder der Gereizten seinen gesamten Ro­sinenvorrat. Von Verdienst konnte keine Rede mehr fein.

Basilius trat vom Fenster zurück. Er wohnte im ersten Stock des Hauses, das dem Laden des Herrn Pichlhuber gegenüberlag. Der Lärm auf der Straße hatte ihn angelockt. Nun würde ja wohl Ruhe werden. r .

Er nahm den Brief wieder auf, vor dem er schon geraume Zeit gesessen hatte. Sem Gesicht, eben noch entspannt und erheitert von den SSorgom gen da unten, die ihn nichts angingen, verzog stcy sofort wieder in Falten des Nachdenkens.

Er war glattrasiert. Sein Haar schimmerte hell; wenn sich wirklich schon graue Fäden einmengten, sah man sie nicht. Sein Gesicht war in gewisser Weise zeitlos. Wenn Basilius lächelte, gab ihm niemand viel mehr als dreißig Jahre; war er da­gegen ernst, nachdenklich oder zornig erregt, schätzte ihn jeder in die Nähe der Fünfzig.

Wie alt er wirklich war, verriet er nicht. Was wußten sie überhaupt von ihm? Man kann nicht mit Menschen arbeiten, denen man zu sehr vertraut ist Will man Führer sein, muß man den Abstand wahren. Nicht aus Stolz. Basilius war nicht stolz. Aus Klugheit. Klug war er wohl, das verrieten feine kühlen grauen Augen.

War es nicht Alwin Jabusch gewesen, der von Basilius' Blick als von dem eines Basilisken ge­sprochen hatte? Aber Jabusch war eigentlich kein Großer Menschenkenner; vermutlich hatte ihm mehr an dem Wortspiel, als an der Feststellung gelegen.