Nr. 25b Zweites Blatt
Siebener Anzeiger iGeneral-Anzerger für Gberheffen)
Zreiiag,!. November 1W
öJL-tfpoit
manche andere, die nicht so ohne weiteres erkennbar sind. Jede Hausfrau kann eine Patenschaft übernehmen: das heißt: arme Kinder werden zum Mittagstisch eingeladen; darüber hinaus wird die Hausfrau aber den „Patenkindern" noch manche andere Hilfe angedeihen lassen. Hier sind die Möglichkeiten des Helfenwollens unbeschränkt. Das Patenkind bekommt mal ein neues Kleid, ein paar Handschuhe, auch vielleicht ein Spielzeug. Das ist wohl eine der schönsten Formen der Hilfe für die notleidenden Volksgenossen.
Unbedingt beachtenswert ist aber noch die Tatsache, daß bei Spendensammlungen wohl meist d i e Hausfrau der gebende Teil ist. Durch ihre Hände geht das Haushaltungsgeld, sie kann sparen und die ersparten Mittel dem Winterhilfswerk zur Verfügung stellen. Wenn die Weihnachtszeit naht — auch vor- und nachher — gibt es noch neue Möglichkeiten. Es können Strümpfe gestrickt werden, Baby-Wäsche wird genäht, und manche andere praktische Handarbeit kann für notleidende Volks- genossell gemacht werden. Das ist alles Mithilfe und Einsatz für das Winterhilfswerk, für Volksgenossen, denen das Leben Leid und Elend gab.
Frauen aller Kreise unseres Volkes helfen schon als ehrenamtliche Kräfte mit — es dürfte sich keine davon ausschließen, deren Mittel und körperlichen Kräfte es erlauben. Hier liegt für die Frau ein Teil der verantwortlichen Aufgaben am Wohlergehen des deutschen Volkes.
50 Nationen
bei den Olympischen Gpiel-n.
Aus Bolivien kommt die Meldung, daß das dortige Olympische Komitee den Beschluß gefaßt habe, sich an den XI. Olympischen Spielen zu beteiligen, und zwar an den Wettkämpfen in der Leichtathletik und im Reiten. Die offizielle Meldung dieser Nation beim Organisations-Komitee in Berlin wird erwartet. Domt ist das halbe Hundert der nationalen olympischen Komitees voll, die sich zu der deutschen Einladung in zustimmendem Sinne geäußert haben Diese Beteiligung übertrifft diejenigen aller bisherigen Spiele bedeutend.
Folgende Nationen werden an den Spielen in Berlin teilnehmen: Aegypten, Afghanistan, Argentinien, Australien, Belgien, Bolivien, Brasilien, Bulgarien, Chile, China, Columbien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Haiti, Holland, Honduras, Indien, Island, Irland, Italien,. Japan, Jugoslawien, Kanada, Lettland, Luxemburg, Liechtenstein, Mexiko, Monaco, Neuseeland, Norwegen, Oesterreich, Peru, Philippinen, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, Schweiz. Spanien, Südafrika, Tschechoslowakei, Türkei, Ungarn, USA., Uruguay.
Winterhilfe des deutschen Sports.
Am kommenden Sonntag machen die Handballspieler mit ihren Veranstaltungen zugunsten des Win- terbilfswerkes den Anfang der deutschen Sportgemeinde. Am 20. November folgen die Fußballspieler, am 24. November die Hockeyspieler, am 2. Februar die Skiläufer und 19. April die Ruderer. Diese Aufstellung "ift noch nicht vollständig.
Opfertaq der Ruderer: 19. April 1936.
Da die Ruderer im Winter keine Möglichkeit zu gemeinsamen sportlichen Kundgebungen haben, ist als Dnfertag des deutschen Rudersports für das Winterhilfswerk der 19. April 1936 vom Fachamtsleiter bestimmt worden. Dieser Tag wird zugleich der seit zwei Jahren mit großem Erfolg durchgeführte „Tag des deutschen Rudersports" für das Olympiajahr 1936 sein. Er wird die traditionellen
Freiwillige vor!
Oer Einsatz der Frau im Winterhilfswerk
Sehen wir uns zunächst mal einige Zahlen des Rechenschaftsberichtes des Winterhilfswerks 1934/35 an. Insgesamt sind im vergangenen Winter durchschnittlich in jedem Monat 13 866 571 Volksgenossen vom Winterhilfswerk in irgendeiner Art betreut worden. Das ist eine Zahl, die die riesige und umfassende Arbeit des Winterhilfswerks klar zum Bewußtsein bringt. Diese auf der ganzen Welt einzig dastehende Leistung wird von dem deutschen Volk getragen.
Unermüdliche, aufopfernde Arbeit ist dazu notwendig: wieder muß eine Zahl genannt werden, die beweist, wieviele Kräfte nötig sind, um dieses große Werk durchführen zu können. Im Monatsdurchschnitt haben 1 338 335 Volksgenossen für die Durchführung des Winterhilfswerks ihre Mitarbeit zur Verfügung gestellt. Darunter sind — wieder im Monatsdurchschnitt — 308 262 ständig ehrenamtliche Helfer und 509 258 gelegentliche Helfer. Nur gering ist die Zahl derer, die für ihre Arbeit ein Gehalt oder eine Entschädigung bekommen.
Ehrenamtliche, freiwillige Helfer! Das bedeutet: neben Beruf, neben Haushalt und anderen Arbeiten haben diese Volksgenossen mitgearbeitet an dem Gelingen der gestellten Aufgabe. Im diesjährigen Winterhilfswerk ist es genau so. Es kann ohne Uebertreibung gesagt werden,..daß ein sehr großer Prozentsatz der ehrenamtlichen Helfer von den deutschen Frauen gestellt wird. Das ergibt sich aus der inneren Einstellung, der Wesensart der Frau, die immer da ihre Kräfte am liebsten einsetzt, wo es zu helfen, zu raten gibt. Der National- sozialismus hat nun in besonderem Maße die Frau wieder zurückgeführt zu sich selbst, zu ihren eigentlichen Anlagen. Sie ist ja nicht nur Trägerin der biologischen Volkserhaltunq. Paula S i b e r hat einmal gesagt: „lieber diese Aufgaben der Rassen- und Dolkserhaltung steht für Mann und Frau die heilige Aufgabe der inneren geistig-menschlichen We- senssteiqerung und Entfaltung, die für die Frau im Muttersein der Seele gipfelt als der höchste Wesensveredlung jeder, einerlei ob verheiratet oder unverheiratet. Aus diesem seelischem Mut- tersein entspringen für dne Frau die verantwortlichen Aufgaben an der Seele des deutschen Volkes."
Jede Frau kennt das, was Paula Siber das „seelische Muttersein" nennt. Nun hört man manche Frau fragen: „Wie soll ich aber meine Kräfte einsetzen in die Arbeit an der Seele des Volkes. Meine Kinder sind selbständig, sie brauchen mich nicht mehr?" Oder eine andere Frage: „Ich habe nur für mich zu sorgen: wie kann ich aber nun mithelfen?" Solch" Fragen werden b"ute kurz und bündio mit dem Satz beantwortet: „Begib dich zu deiner Orts- gruvpe d"r NS. -Nolkswohlfohrt, biet" deine Mithilfe an." Freiwillige Helferinnen sind immer erwünscht, gerade jetzt während des Winterhilfswerks. Zu den Zeiten, da die Arbeitslosigkeit unsere größte Sorge wor, ist viel freiroiH^ Arbeit für das Winterhilfswerk von den Mönne'n getan worden. Diese Hillskräfte fallen jetzt glücklicherweise zum größten Teil weg. Nun ergibt sich also für die Frau hi"r ein neues Betätigungsfeld, zu dem sie eben auf Grund ihrer Anlagen besonders befähigt ist.
Was es nun zu tun, zu helfen gibt? Da werden zunächst Frauen gesucht, die in den bedürftigen Haushaltungen, die vom Winterhilfswerk betreut werden sollen, noch dem Rechten sehen. Gerade das konn eine Frau besser und geschickter ols der Mann. Si" kennt die Nöte und Sorgen der Ehefrau der besuchten Familien. Sie kann offen und ehrlich mit ihnen darüber svrech"n, manchen Rat erteilen und gut zureden. Mahnende Worte, in bitterer Not Trost und bas Versprechen, daß geholfen wird — all das klmM aus Frauenmund gütig und schlägt eine Brücke hinüber zu den Herzen der Betreuten. Es
kommt ja nicht nur auf die materielle Hilfe an, weit mehr gilt es, verbitterte Herzen zu öffnen und ihnen Kraft zu geben, Notzeiten durch eigenen Willenseinsatz zu überwinden.
Auch in den Gemeinschaftsküchen, den Kleiderkammern und bei Ausbesserungsarbeiten der gespendeten Kleidungsstücke werden Frauenhände gute und praktische Arbeit leisten. Scheue, widerspenstige Kinder lassen sich von Frauen viel eher die neuen Kleider anpassen als von Männern. Dann gibt es noch in den anderen Städten des Reiches Wärme- Hallen, in denen Frauen die Aufsicht führen und den Notleidenden Getränke reichen und freundliche Worte miteinander tauschen können. Das sind Möglichkeiten zu helfen, die Kräfte im Dienste am Volksganzen einzusetzen.
Abgesehen davon kann auch bei Straßensammlungen und Plakettenoerkauf die Frau tätig sein. Eine Bitte um eine Spende aus Frauenmund — lachend und freundlich — zuredend ausgesprochen — wird gewiß eher und reichlicher erfüll, als manche lakonische Aufforderung der Männer. Neben diesen direkten Möglichkeiten der Mitarbeit der Fau im Rahmen des Winterhilfswerks gibt es aber noch
Anruderfeiern und die Trainingsverpflichtungen für das 100. Jahr des Rudersportes bringen.
Saugerätemeisterschasten in Hersfeld.
Die am kommenden Sonntag in Hersfeld stattfindenden Gaugerätemeisterschaften, mit denen gleichzeitig ein Ausscheidungsturnen zum bevorstehenden Gerätewettlamps der Gaue Niedersachsen und Hessen am 8. Dezember verbunden ist, werden uns einen Einblick tun lassen in das Leistungskönnen unserer hessischen Spitzenkönner. Alles was im Gau Hessen einen Namen auf diesem Gebiete hat, wird am kommenden Sonntag in Hersfeld vertreten sein. Wir wollen in diesem Zusammenhang nur die Namen der Turner nennen, die nach unserer Unterrichtung ihre Meldung abgegeben haben. Es sind: Seth (Großen-Linden), Schöfsmann (Wieseck), Niemann (Frielendorf), Busch, Sieger und Fluck (Limburg), die Brüder Ludwig und Heinrich Herbert (Gießen), Gergs (Aeltere Kasseler Turngemeinde) und S ch i e b e l e r (Kasseler Turngemeinde). Darüber hinaus steht zu erwarten, daß außer ihnen noch Kehrer und Metz (Aeltere Kasseler Turngemeinde), Eberspächer (Marburg) und nicht zuletzt der alte erfahrene Kämpe Wedekind (Aeltere Kasseler Turngemeinde), der schon wiederholt bei den Gerätemeisterschaften der Deutschen Turnerschaft in der Spitzenklasse zu finden war, mit dabei sein werden. Auf alle Fälle werden die zuletzt Genannten an dem Ausscheidungs- turnfen für den Kampf Hessen — Niedersachsen teilnechrnen.
Bei einem solchen Kampf interessiert immer die Frage des Abschneidens der einzelnen Teilnehmer. Es ist schwer, aus dieser Reihe diejenigen voraus zu sagen, die einmal den Gau bei den Gerätemeisterschaften der Deutschen Turnerschaft in der Frankfurter Festhalle am 30. November und 1. Dezember vertreten werden, zum anderen heute schon die Vertretung für den Kunstturnkampf Hessen gegen Niedersachsen zu nennen.
Man sah vor einiger Zeit Seth (Großen- Linden), der beim Gastturnen der Deutschlandriege in Bad-Nauheim einen vorzüglichen Eindruck machte, jedoch auch Busch (Limburg) soll ihm zumindest gleichkommen. Im übrigen ist es aber so,
daß bei derartigen Kämpfen sehr oft alle Voraussagen über den Haufen geworfen wurden, da beim Kunstturnen sehr oft das Allgemeinbefinden des einzelnen für feine Leistungen ausschlaggebend ist. Ein kleiner Fehlgriff in der Gesamtausführung einer Hebung hat schon manchen um den Erfolg gebracht.
Eines steht jedenfalls schon heute fest, für den Gau und damit für das gesamte Turnervolk des Gaues werden die Gerätemeisterschaften am kommenden Sonntag in Hersfeld zu einem turnerischen Großereignis werden, das sich keiner entgehen lassen sollte.
Oie Schneelaufriege des Turnvereins 1846 beginnt ihre Arbeit.
Da sich die Riege mehr oder weniger nur aus Mitgliedern zusammensetzt, die insbesondere während des Sommers in irgendeiner Abteilung des Vereins genügend körperliche Betätigung finden, kann die schneeläuferische Vorarbeit erst spät beginnen. Die vor einigen Tagen stattgefundene Versammlung legte daher fest, daß erst ab der ersten Novemberwoche wieder die wöchentlichen Uebungs- stunden für Anfänger stattsinden. Allerdings wird in diesem Jahre der Stoff derart ausgestaltet, daß auch alle übrigen Läufer daran teilnehmen können. Körperschule für Schneeläufer, wie sie von dem Laufwart der bayerischen Turner, K. Ehgartner, geschaffen wurde, Laufübungen, Langlauf und Spiele sollen den Körper auf die ganz anderen Anforderungen des Schneelaufes oorbereiten. Dabei wird den Trockenübungen der Anfänger die gleiche Aufmerksamkeit wie in früheren Jahren geschenkt werden.
In der Versammlung wurden anhand einer Reihe selbst aufgenommener Bilder einige Schneelaufgebiete gezeigt, die für Urlaubs- und Erholungsfahrten unter Begleitung- der Bretter besonders geeignet sind. Soweit es möglich ist, werden sich die Mitglieder an den Ausfahrten und den Wettkämpfen des Fachamtes beteiligen.
Kurze Sportnotizen.
Prüfung für das Reichsfportabzei- idjen im Radfahren. Der Reichsbund für Lei- j besübungen, Fachamt Radfahren, veranstaltet am ! Sonntagvormittag um 9.30 Uhr die letzte Prüfung für das Reichssportabzeichen im Radfahren. Die Teilnehmer haben sich am Schützenhaus einzufinden. Das Abnahmeheftchen muß jeder bei sich haben.
D i e amerikanischen Schwimmer starteten am Mittwoch in Leipzig und gewannen in gewohnter Weise. Brydenthal holte sich die 100- Meter-Brust in 1:13,7 sicher vor Sietas; Highland gewann die 100-Meter-Kraul in 59,8 vor Heiko Schwartz und Kiefer die 100-Meter-Rücken in 1:07,4 vor Hans Schwarz^ Schließlich siegten die Amerikaner noch in der 3X100-Meter-Lagenstaffel in 3:23,5 vor einer deutschen Auswahl.
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11 m dendeutschenHandballpokal wird am 17. November die Zwischenrunde ausgetragen. Es spielen: Gau Südwelt — Mitte in Darmstadt, Schlesien — Sachsen in Breslau, Westfalen — Niederrhein in Hagen. Im vierten Spiel trifft/ber Gau Niedersachsen in Hannover ober Berlin auf ben Sieger ber am 10. November zur Nachholung kom- menben, am letzten Sonntag wegen Regen ausgefallenen Mannheimer Begegnung Baben — Brandenburg.
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Betty Robinson, die Olympiasiegerin Üm 100-Meter-Lauf von 1928, hat die Folgen eines lange Zeit zurückliegenden Flugzeugunfalls überwunden und ist wieder auf ber Aschenbahn erschienen. Sie lief im Training bereits eine schnelle Zeit unb wirb eine ernsthafte Konkurrentin ber neuen amerikanischen Weltrekorblerin Helen Stephens werben.
Ich lese.
Von Hans Franck.
Vier Jahre lang muß ich in die Rektorklasse ber vierstufigen Stabtschule gehen. Vier Jahre lang muß ich den gleichen ausgelaugten Unterrichtsstoff Wiederkäuen. Ich bin ber Erste, gleichviel ob ich mich fleißig ober faul aufführe, ob ich mich an- strenge ober hubele. Manchmal mache ich mit Absicht im beutschen Diktat Fehler. Nur um von meinem Primusthron herunterzukommen unb endlich wieder mal Grund zum Eifer zu haben.
Womit die inhaltlosen Wartejahre füllen?
Ich fange an zu lesen, wo ich sitze und liege, wo ich gehe und stehe. Ich lese am Morgen und am Abend, des Tags und des Nachts. Ich lese bei Sonnenschein unb Mondlicht, bei Lampenglast und Kerzenschwalch. Ich lese in der Stube und ber Kammer, in dem Stall und dem Keller, auf dem Boden und auf jdem Abort, auf dem Feld unb auf ber Weibe. Ich schlafe lesenb ein unb wache lesend auf. Wenn es in ber ungeheizten Schlafkammer mit ben Eisblumen am Fenster bes Winters zu kalt ist, bas Buch mit ber Hanb festzuhalten, packe ich es mit ben Zähnen unb lese weiter.
Sechs Journale werben Mutter bes Mittwochs unb sechs bes Samstags ins Haus gebracht. Darin stehen ein Dutzend Romane. Ich lese sie — in Fortsetzungen — alle. Hinzu kommt ber Roman in ber Zeitung unb im Kreisblatt. Außerbem kriegt Mutter einen Roman vom Kolporteur geliefert, fünfzehn Pfennige bas Heft. Wie könnte ich mir ben entgehen lassen? Jeber Pfennig, ben ich für Botendienste ergattere, vorn Vater, wenn er guter Laune ist, erbettele, wandle ich in Lesefutter um. Zehn Pfennig kostet ein Jndianerheft. Das ist viel. Aber schließlich sind sie beisammen. Zum Papierhänbler! Die Titelblätter betrachtet? Die mitten im Satz ab- reißenbe Überschrift gelesen? Das blutrünstigste Heft wandert in meine Rocktasche. Auch die andern Jungen kaufen Jndianergeschichten. Durch Tausch der Hefte vermehrt sich die Kunde von Tomahawk- heldentaten unb Skalpierungsgreueln ins Ungemessene. Aus ber Schulbibliothek werben abgegriffene Büchelchen entliehen. Auf bem Vertiko ber besten Stube stehen bie golbrückigen Büchelchen, welche Vater Samstags ber Mutter mitbringt, in langen Reihen. Die sind von einer Winzigkeit, baß man sie mit ber Hanbfläche zubecken kann. So groß ist ihre Zahl, daß bas Fehlen eines Romans, wenn man bie Reihe wieder zusammenrückt, ben Augen der Mutter entgeht. Bändchen nach Bändchen entwende ich und lese im Wald unterm Gebüsch, auf ber Wiese Hinterm Knick „Die letzten Tage von Pompeji", „Nacht unb Morgen", „Rienzi" und alle andern Romane Bulwers; „Ivanhoe", „Waoerley",
„Kenilworth" und alle andern Romane Scotts. Der Gipfel aber Schillers „Räuber"! Darin sind Stellen, die man sich nur zeigen kann, wenn man gegen jßbe Ueberraschung geschützt ist. Einen abgefeimteren Schurken als Franz, einen redlicheren Grafen als Karl, eine süßere Unschuld als Amalie hat kein Romanschriftsteller auf die Beine gebracht. Auch kann man in unfern Wäldern Roller und Spiegelberg weit besser spielen als Kondorauge und Prärieschlange, bei denen man sich manches vormachen muß unb zuweilen nur mit Mühe bas Lachen verkneift.
Der Vater schllt auf bie ewige Leserei. Ein Schulmeister braucht nicht soviel Bücher zu kennen. Um ben Kinbern 2X2 = 4 unb be unb a heißt ba, aber a unb be heißt ab, beizubringen, bazu weiß ich schon reichlich genug. Mutter stellt sich schützend yor mich hin: Auch ein Schulmeister kann keine zu große Bilbung haben. Auch ein Schulmeister kann nur zu wenig, nicht zu viel lesen. Einzig bas Lesen ber Fünfzehnpfennighefte, welche ber Kolporteur ins Haus bringt, verbietet bie Mutter mir. Diese finb nichts für Kinber.
Eines Abenbs wirb in ber besten Stube, bie mit Besuch gestopft ist, eifervoll erörtert: Wer benn wohl bei bem erst in bem 36. Heft angelangten Roman ber Mörber ist, unb wer bis ebte entführte Gräfin, wenn sie boch noch befreit werben sollte, heirn- führt. Alle finb verschiebener Meinung. Sogar ber Vater wirb gefragt. Er hat nur flüchtig in bie Hefte hineingesehen, erklärt bas Ganze für zu- fammengefchmiertes bummes Zeug unb sagt, baß er keine Meinung habe. Da gibt Mutter, bie sich bisher lächelnb zurückhielt, ihre Ansicht kunb. Sie, bie gleichzeitig Romane butzenbweis lieft, ohne je mit ihrer Erinnerung von einem in ben anbern zu verirren, erklärt alles Bisherige für falsch unb macht ben Schweigenben klar, wer ber Mörder, wer ber zu Unrecht Anqeschulbigte itt, unb baß bie Gräfin diesen zu Unrecht Angeschuldigten mit ihrer schmalen blaublütigen Hanb glücklich machen wirb. Niemanb wagt zu wibersprechen. Doch, einer hat ben Mut, onberer Meinung zu sein: ich.
Die Mutter ist so empört über ben Wiberspruch, daß sie nicht gewahrt, von wem er kommt unb ernsthaft mit mir zu streiten beginnt. Dann erkennt sie ihren Gegner unb kollert in Staunen ab: Ja, wieso ich etwas von bem Roman wisse? Ob ich etwa trotz ihres Verbotes bie grünen Hefte lese? Ich lüge: Nein. Ich — ich hätt' bie Hefte nicht gelesen. Ich — ich — ich hätt' mir meine Meinung auf Grund ber langen Gespräche über ben Roman gebilbet. Sie hätt' ben Inhalt boch erzählt. Mutter sieht mich prüfenb an unb schweigt Weil sie mir glaubt? Weil sie mich vor ben Nachbarn nicht bloßstellen will? Iebenfalls kommt sie auf bie Sache nicht zurück. Selbst bann nicht, als sich erweist, bah
biesmal auch sie ben Ausgang bes Romans falsch vorhergesagt hat. Seit jenem Abenb schließt bie Mutter bie grünen Hefte mit ben schrecklich-schönen Bilbern im Vertiko ein.
An einem heißen Julinachmittag sagt Mutter zu mir: Ich brauche nicht gleich mit in bie Wiese zum Heuen. Sie habe sich eine Frau zur Hilfe genommen. Erst zur Kaffeezeit soll ich in ber Wiese sein und bann die Kruke voll Kaffee mitbringen. Den Kaffee müsse biesmal ich kochen. Die Schwester sei in ber Hanbarbeitsfchule. Nun, Kaffee werbe ich ja wohl zustanbe bringen! Es sei alles von ihr vorbereitet: Wasser im Teekessel, Holz barunter, Kruke mit Trichter im Hals baneben, auf ber Kannenborte bie Kaffeemühle mit ben Bohnen. Die feien aber noch nicht burchgebreht. Dann gehe ber Duft verloren. Ich brauche also nur bas Holz anzustecken, bie Bohnen zu mahlen, burch ben Blechtrichter ben gemahlenen Kaffee in bie Kruke zu schütten, kochendes Wasser hinterherzugießen, bie Kruke zuzukorken unb mit bem Kaffee in bie Wiese zu kommen. Ob ich begriffen hätte: Streichholz an, Feuermachen, Bohnen mahlen, Kruke schütten, Wasser bärüber, Korken braus, in bie Wiese bnmit. Ich bin beleibigt: natürlich habe ich begriffen! Nicht nötig, alles zweimal zu sagen. Ich werbe boch Kaffee kochen können? Ebenso gut wie bie Schwester. Mutter geht mit ber Harke auf ber Schulter unb bem Flunkerhut auf bem Kopfe fort. Ich begleite sie bis zur Tür. Dort sagt sie noch einmal: Alles richtig machen! Uhr brei in ber Wiese sein! Nicht eine Minute später, benn es sei mörderisch heiß, daß sie und die Helferin sicher schon von zwei Uhr an mit ber Hanb über ben Augen nach bem Kaffee ausschauen würben.
Ich bin zwei Stunden im Haus allein! Was kann ich Besseres, Seligeres tun als Lesen! Es gelingt mir, bas Vertikoschloß mit einem Drahthaken aufzumachen. Ich halte bie verbotenen grünen Hefte in Hänben. Ich lese — lese
Plötzlich schlägt bie Uhr Drei. Ich laufe in bte Küche unb koche Kaffee. Eigentlich habe ich bas Heft, bis zu bem ich mich hinfieberte, in bas Vertiko zurücklegen wollen. Ich kann mich aber nicht losreißen. Mit bem Heft in ber Linken tue ich meinen Küchenbienst. Der Kaffee ist fertig! Kruke zugekorkt, Heft in bas Vertiko, bie erbrochene Tür schließen — es gelingt; nur einige Schrammen auf ber Politur hats gegeben — im Trab zur Wiese. Mutter unb bie Helferin schauen beibe, bie Linke über ben Augen, nach mir aus. Ich renne, was ich kann.
Als Mutter ben Kaffee in bie Tasse gießt, kommt bampsenbes klares Wasser aus ber Kruke gekluckert. Ich habe vergessen, bie Bohnen zu mahlen. „Du heft jo webber löst, bu verbammtige Lümmel!" schreit Mutter. Ich lüge: „Nee! Ganz gewiß nich!" Mutter schlägt mit bem Harkenstiel auf mich ein.
Ich laufe weg. Mutter hinter mir her. Sie holt mich ein, schlägt nach mir, trifft statt meiner bie Erbe. Der Harkenstiel zerbricht. Da ifts um mich geschehen. Mutter zerbläut mich mit bem abgebrochenes Stiel. Ich reiße mich los, renne aufs neue bavon, Mutter hinter mir her. Ich komme zum Bach. Da schreie ich: Wenn sie nicht aufhört mich zu schlagen, springe ich ins Wasser: ganz gleich, ob ich ersaufe ober nicht. Entsetzt über meine Verworfenheit sinkt Mutter weinenb in bie Wiese. Was bleibt mir also übrig, als mich neben sie zu setzen, auch zu meinen, alles zu gestehen, zu versprechen, was sie von mir verlangt, unb, als wir versöhnt finb, nach Hause zu laufen, eine heile Harke zu holen, richtigen Kaffee zu kochen, mit Harke unb Kaffee zur Wiese zu rennen unb für Drei zu arbeiten, um bie burch meine Schulb entftanbene Arbeitsversäumnis auszugleichen.
Seelöwen-Varadies.
Bei ben Königin-Charlotte-Infeln, einer fana» bischen Inselgruppe an ber Nordwestküste Norb- amerikas, bie von Fjorben zerschnitten unb burch bie Hecate-Straße vom Festlande getrennt finb, be» finbet sich ein kleines Eiland, das nur aus unwirtlichen Felsen besteht. Da sie aber in vollstem Sonnenglanze liegt, so haben sich, wie der kanadische Gelehrte H. D. Parizeau, ber sich mit einem Ex- pebitionsschiff im Bereich ber Inseln befinbet, mitteilt, bort zahlreiche Gäste eingefunden. Es sind Tausende von Seelöwen, die sich auf dieser namenlosen und unbewohnten Insel äußerst wohlfühlen unb aus ihren bunklen Augen gelassen auf bie Brandung hinabsehen, die an die Felsenriffe schlägt.
Hochsch^n^chrichten.
Professor Dr. Rudolf Stucken, Ordinarius für Nationalökonomie an der Universität Jena, ist in gleicher Eigenschaft vom 1. November d. I. ab an die Universität Hamburg berufen worden.
Professor Dr. Wilhelm Meyer, Extraordinarius für Zahnheilkunde an der Universität Breslau, ist zum ordentlichen Professor an der Universität Königsberg ernannt worden.
Ernannt wurden: Professor Dr. Karl Justus Dbenauer, Extraordinarius für deutsche Philologie an der Universität Leipzig, zum ordentlichen Professor an ber Universität Bonn; Professor Dr. Karl Schmibt, Extraordinarius für Augenheilkunde an der Universität Bonn, zum ordentlichen Professor in Bonn; ber Dozent Dr. Heinrich K a u p e l an ber Universität Münfter zum orbentlichen Professor für alttestamentliche Exegese in Münster (Katholisch-Theologische Fakultät.)


