Ur. 177 vierter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Donnerstag,?.August 1935
hast du heute noch das gleiche Vertrauen zu mir wie früher?"
„Ja, Marlen!" war Karlas schlichte Antwort.
Marlen atmete auf:
„Ich danke dir, Karla! Nun wird mir deine Bitte leichter."
„Welche Bitte, Marlen?"
„Daß du nicht fragst, Karla! Ich könnte dir keine Antwort geben. Vergiß,, bitte, was wir über Dietrich Veltheim gesprochen haben. Laß es dir genug sein daran, daß ich Dietrich mein Jawort gegeben habe."
Es kam so tiefernst, daß Karla nicht zu widersprechen wagte. Da war irgend etwas in Marlen so tief verwundet, daß man nicht daran rühren durfte, wenigstens jetzt noch nicht.
„Marlen, ich habe dir gesagt, daß ich dir unbedingt vertraue! Darum werde ich deine Bitte erfüllen. Ich werde warten, bis du selbst mir die Antwort auf all diese Rätsel gibst. Nur das eine sag mir: Hast du wirklich Dietrich Veltheim gesagt, daß du ihn nur um äußerer Vorteile willen heiraten willst?"
Marlen nickte stumm. Ihr blasses Gesicht trug den Ausdruck eines so unerträglichen Schmerzes, daß es Karla in die Seele schnitt.
„Aber Marlen, wie denkst du dir dann euer Zusammenleben?"
Marlen schauerte zusammen:
„Das weiß ich nicht, Karla!"
Ein herzzerreißendes Lächeln ging über ihr Ge- sicht.
„Wir werden nicht zusammenleben. Dietrich Veltheim hat es selbst gesagt; gleich nach der Hochzeit werden wir uns trennen. Er geht dahin und ich dorthin."
Karla umarmte Marlen:
„Marlen, und das wirst du ertragen können/ Fast unhörbar flüsterte Marlen:
„Es muh ertragen werden, Karla!"
13. Kapitel.
Die nächsten zehn Tage vergingen fü_ Ma/ n wie in einem Traum, der so angefüllt ist mit Bildern, daß man jedes einzelne nicht mehr unterscheiden kann. Am Morgen nach ihrer Verlobung hatte Dietrich Veltheim einen herrlichen Blumenkorb geschickt. Er stand frühmorgens auf dem Frühstückstische, als Marlen bleich und übermüdet erschien. Beinah wäre sie in Tränen ausgebrochen, als sie die Blumen sah. Sie wußte ja, Dietrich Veltheim erfüllte damit nur eine Form. Kein innerer Wunsch hatte ihn dazu getrieben, ihr diele glühenden, brennenden Rosen zu senden. Sie waren ganz morgenfrisch, Tau glitzerte auf ihren dunkelroten Blättern.
Wie Blut und Tränen!, mußte Marlen denken. Sie schauerte zusammen. Aber da kam schon Hauptmann Weckenroth herein.
(Fortsetzung folgt!)
eine
Nachdruck verboten!
16 Fortsetzung
deine Marlen wäre nun einmal eine
Hinwegkommen. Es gab
nie zeigen, was er
ihm
irn-
nur ihr
1935 mit der kommissarischen Reichsarchivs beauftragt.
er hatte sie in dem schen Menschen sein Darüber gab es kein eins: aushalten und bedeutete.
Zu- Er-
Dietrich trat ein.
„Nun, Dietz?" wollte Karla fragen. Aber ein Blick auf sein Gesicht zeigte ihr: da war etwas Schreckliches geschehen. Wie sah der Freund aus? Seine Züge waren geradezu versteinert. Seine Augen waren hart und verächtlich. Um seinen Mund lag ein bitterer Zug. Er schien wie plötzlich gealtert.
Karla sprang auf:
„Um Gottes willen, Dietz, was gibt es? Hast du mit Marlen gesprochen?"
„Marlen Korda ist meine Braut! sagte er mit harter Stimme. . r ,, .
„Aber Dietz, das sagst du mit solch einem Gra- beston? Sieht so ein glücklicher Bräutigam aus?"
Dietrich Veltheim lachte auf. Es klang unheim-
Marlen stand hoch aufgerichtet da. Sie hatte die Hand um die Lehne des Sessels gekrampft. Nicht schwach werden!, dachte sie. Nicht zusammenbrechen! Die Komödie weiterspielen — um Georgs willen, und auch um Dietrichs willen! Wer konnte wissen, wie eine andere Frau ihm innerlich gegenüberstehen würde! Keine würde ihn so inbrünstig lieben, wie sie ihn liebte. Keine würde sich so bemühen, sein Dasein nicht zu belasten.
Sie hatte sich ihren Weg vorgezeichnet, und sie mußte ihn gehen, wie hart es auch sein würde. Nur der Gedanke an Georg gab ihr einen kleinen,
ung des
gebracht!" Da ging eine Bewegung durch die Versammlung, ein einziges Aufschluchzen all dieser , harten Männer, die, bis ins Herz ergriffen, das offene Grab umstanden.
Nur stockend und mit Tränen in den Augen vermochte der alte Divisionspfarrer das Schluß- gebet zu sprechen. O. R.
Wir hast du mir gesagt: sie würde nie um äußerer Vorteile willen einen Mann nehmen. Sie würde nur ja sagen, wenn ihr Herz spricht."
Karla sah den Jugendfreund ernst an:
„Und dabei bleibe ich. Für Marlens innere Anständigkeit lege ich meine Hand ins Feuer."
Wieder lachte Dietrich hart auf:
„Das solltest du nicht, Karla! Man soll für keinen Menschen bürgen. Jetzt habe ich es ein für allemal erkannt. Weißt du, warum Marlen Korda, dieses Vorbild an Uneigennützigkeit und innerer Sauberkeit, mir ihr Jawort gegeben hat? Sie hat wörtlich gesagt: Ich habe es'sehr schwer im Leben gehabt, und ich möchte es sorgloser haben. Darum nehme ich Ihren Antrag an."
„Nein!" schrie Karla auf. „Das ist unmöglich! Niemals kann ich das von Marlen glauben."
„Dann frag' sie doch selbst", kam es hart zurück.
Karla rang mit sich. Sie hatte es auf den Lippen, Dietrich zu sagen, was sie am Abend mit Marlen gesprochen. Was war das alles für ein Wahnsinn? Wie konnte Marlen Dietrich sagen, daß sie ihn nicht liebte, da sie doch ihr selbst ihre Liebe, zu Dietrich eingestanden hatte. Irgend etwas mußte Dietrich falsch verstanden haben. Aber angesichts der klaren Wiederholung von Marlens Worten war das nun auch wieder nicht möglich.
Sie fuhr sich über die Stirn, di? feucht war vor Erregung. Dann atmete sie tief auf:
Dietrich, irgendein Verhängnis liegt über dir und Marlen, das muß ich erst klären!"
Es gibt nichts zu klären, meine liebe Karla! Marlen hat mir ja klar und deutlich genug gejagt, was sie von mir hält. Klarer kann man es doch nicht aussprechen, als daß man einem Manne sagt: Ich liebe Sie nicht, aber ich habe es sehr schwer im Leben gehabt und möchte es sorgloser haben, darum nehme ich Ihren Antrag an. Ich verspreche Ihnen ich werde nach außen hm alles tun, um den Namen einer Gräfin Veltheim mit Ehren zu tragen." , .... . „ .
Karla hielt sich mit beiden Händen den Kopf:
Nein nein, Dietrich, so kann das nicht sein! Warte bis ich mit Marlen gesprochen habe! Geh nicht so fort! Das alles wird sich aufklären."
Halbmast am Todestage Hmdenburgs.
Ltandortappelle der Wehrmacht.
Berlin, 31.Juli. Der Reichs und Preußische Mini st er des Innern gibt folgendes bekannt:
Auf Anordnung des Führers und Reichskanzlers fetzen aus Anlaß des Todestages des Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg am Freitag, 2. August d. I., alle st a a t l i ch e n u n d kommunalen Verwaltungen, An st alten und Betriebe, die sonstigen Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts sowie die öffentlichen Schulen d i e Flaggen auf Halbmast.
Aus Anlaß des Todestages des verewigten Reichspräsidenten von Hindenburg hat der Reichs- kriegsminister folgenden Erlaß herausgegeben:
1. Am 2. August 1935 find in allen Standorten Appelle abzuhalten. Die Ausgestaltung der Feiern bleibt den örtlichen Befehlsstellen überlassen.
2. Der Kommandierende General des I. Armeekorps und Befehlshaber im Wehrkreis I legt am Sarkophag im Tannenbergdenkmal je einen Kranz des Führers und Reichskanzlers und der Wehrmacht nieder.
3. Am Tannenbergdenkmal ist von 8 bis 20 Uhr eine Ehrenwache in Stärke eines Zuges unter Führung eines Offiziers zu stellen. Doppelposten am Sarkophag, vor dem Marschallturm und vor dem Haupteingang.
4. K e n n w o r t am 2. August 1935 für die gesamte Wehrmacht: Hindenburg.
5. Die Dienstgebäude flaggen halbmast. Schiffe der Kriegsmarine legen einfache Flaggentrauer an.
Oie Heeres-7lachnchienschu!e von Jüterbog nach Hatte übergesiedelt.
H a l l e, 31. Juli. (DNB.) Die jüngste Waffen- schule der deutschen Wehrmacht, die Heeres-Nach- richtenschule, siedelte von Jüterbog in ihren neuen Standort Halle über. Unter Führung des Kommandeurs, Generalmajor Sachs, rückten vier Kompanien der Stamm- und Lehrtruppen teils motorisiert, unter dem Jubel der Bevölkerung in die mit Fahnen und Tannengrün festlich geschmückte Stadt ein. Auf dem Roß-Platz, auf dem am gleichen Tage vor 21 Jahren das alte Füsilier- Regiment 36 zum Ausmarsch angetreten war, hießen Partei und Stadt in einer großen Kundgebung die neue Garnison willkommen. Nach 'Begrüßungsworten des Oberbürgermeisters Dr. Dr. Weid'ernann, des rangältesten Offiziers des Standortes General von B a h r f e l d und des Gauleiters Jordan und nach einer kurzen Dankesansprache von Generalmajor Sachs fand ein Vorbeimarsch statt.
Der Reichsminister des Innern, Dr. Frick, hat im Einvernehmen mit dem preußischen Ministerpräsidenten den Generaldirektor der Staatsarchive, Prof. Dr. B r a ck m a n n , mit Wirkung vom 1. August
Oie Tat ist alles!
Sechs unbekannte Begebenheiten aus dem großen Krieg.
Don Otto Biebicke.
lief), dieses höhnische Lachen. Er trat dicht vor Karla hin, sah ihr mit zornigem Gram in die Augen:
„Zum Glück dürste ich wenig Ursache haben, meine liebe Karla!"
„Aber du sagst doch eben, daß Marlen und du
euch einig seid?"
„Einig darin, daß wir uns heiraten wollen. Aber ebenso einig darin, daß Marlen nicht einen Funken Liebe für mich hat."
Karla wich zurück. Sie wurde ganz blaß:
„Um Gottes willen, Dietz, was sagst du da?"
„Die Wahrheit! Ja, ja, Karla, so ift’s, wenn man an eine Frau glaubt. Da habe ich gedacht, “ ' " ' Ausnahme.
schwachen Trost.
Sie sah Dietrich Veltheim hinter der Glastür verschwinden. Hell von der Sonne beleuchtet, sah« ne die Silhouette seiner hohen, stolzen Gestalt. Als er verschwunden war, war es mit ihrer Fassung vorbei. Sie floh in ihr Zimmer. Dort verriegelte sie die Türen und warf sich aufs Bett. Und nun weinte sie ihren Jammer und ihr Herzeleid aus.
Dieser Tag war nun ihr Verlobungstag, der Glückstag in dem Leben der meisten Frauen. Hätte Dietrich sie geliebt, ja hätte er nur ein Fünkchen warmes Empfinden für sie, sie wäre auch tief- glücklich gewesen. Dann hätte sie um feine Liebe geworben, still, demütig und hoffnungsvoll. Aber Heiligsten belogen, was zwl- konnte — in der Liebe.
In ihrem Wohnzimmer wartete Karla mit mer steigender Ungeduld. Wie lange dauerte diese Aussprache zwischen Dietrich und Marlen! Sie atmete auf, als es nun an ihre Tür klopfte.
Erika Röste! hielt noch weitere Stunden aus und blieb mit dem Oberkommando in Verbindung, bis die Russen sich des Postamts erinnerten und die Apparatur zerstörten. Der Zarenoffizier, dem der Zweck eines Telephonfräuleins offenbar nicht bekannt war, entließ sie unbehelligt. Noch in der Nacht konnten die Deutschen auf Grund der Berichte des jungen Mädchens den Gegenangriff aufnehmen.
Als Memel in deutschem Besitz war, und Erika Röstet wieder wie immer an ihrem Apparat saß, überreichte ihr ein Stabsoffizier das persönliche Dankschreiben Hindenburgs und ein Armband mit ehrender Widmung. Das Eiserne Kreuz, für das Ludendorff sie vorgeschlagen hatte, konnte sie damals nicht bekommen; das Deutsche Reich aber schenkte ihr eine goldene Uhr.
„Wir haben b:e Geschütze doch zuriMehrachi!"
Kronprinz Wilhelm erzählt in seinen „Erinnerungen" nach dem Bericht eines Augenzeugen:
Eine schwere Batterie war auf grundlosen Wegen unter unsäglichen Mühen herangebracht, um am Hang einer Höhe in Stellung zu gehen, von wo sie durch ihr Feuer die unter der weit überlegenen französischen Artillerie schwer leidende Infanterie entlasten konnte, soweit es die knapp bemessene Munition zuließ.
Die von der festen Hand ihres Batteriechefs, eines allgemein beliebten Vorgesetzten, vorgeführte Batterie war aber noch nicht feuerbereit, als ein schwerer Eisenhagel auf sie niederprasselte. Ihrem Führer war die Not seiner Kameraden in der Feuerlinie wichtiger und dringender erschienen, als die möglichst vorsichtige Vorführung der Batterie. Lage auf Lage wohlgezielter schwerer Einschläge der französischen Artillerie zerschlugen in kurzer Zeit zwei Geschütze völlig, ein Teil der Bedienungsmannschaft lag blutend am Boden. Die Nutzlosigkeit aller aufgewendeten Mühe und Hilfsbereitschaft einsehend, verbot der Divisionskommandeur daher die Fortsetzung des aussichtslosen Artilleriekampfes und befahl, daß die Bedienungsmannschaft d i e Geschütze vorübergehend verlassen, und die Batterie später die Stellung wechseln solle. Es bedurfte eines energischen Befehls an den nur widerstrebend gehorchenden tapferen Batterieführer, um zunächst wenigstens das erstere zu erreichen und das Herausziehen der Geschütze dem Dunkel der Nacht vorzubehalten. Doch vergebliche Mühe! Im Morgengrauen des folgenden Tages fiel der tapfere Batteriechef im A u g e n b l i ck , als er selbst mit Hand anlegte, seine schwer beschädigten Geschütze zu bergen. Aber der Wille des gefallenen Führers blieb in seinen Leuten lebendig, in der folgenden Nacht brachte sein getreuer Wachtmeister den Re st der Batterie unter erträglichen Verlusten heraus und in
Bodenwelle zum Dorf heranwälzen will. Da steht der Reserveleutnant Karl Müller mit seiner 9. Batterie vom Feldartillerieregimcnt Nr. 108. Feindliche Beobachtungsslieger entdecken seinen Stand und leiten das Feuer aller Kaliber in die schwache Batteriestellung. Ein Geschütz nach dem andern wird getroffen. Die Mannschaft fällt. Aber immer wieder, wenn ein Tank sich über die Bodenwelle hebt, wird er durch einen Volltreffer zurückgeworfen. Zehn . . . zwölf Tanks liegen zerschossen vor dem Dorfeingang. Stunden wird schon gerungen, kein Deutscher ist weit und breit mehr zu sehen — aber immer wieder schießt ein Feldgeschütz auf jeden Tank, der angreift. Jetzt sind schon fünfzehn der stampfenden Ungeheuer außer Gefecht gesetzt; wie Wracks liegen sie im Trichterfeld vor den ersten Häuserruinen. Leutnant Müller steht an diesem letzten Geschütz seiner Batterie. Alle Kameraden sind tot.
Jetzt kommt der sechzehnte Tank über die Bodenwelle. Einen einzigen Schuß hat der Leutnant Müller noch im Rohr — er zieht ab, wieder legt sich ein Tank auf die Seite und brennt aus. Nun greift Leutnant Müller zum Revolver: „Lebend sollt ihr mich nicht bekommen!" Die vorquellenden Engländer stutzen. Schnell Schüsse, einige stürzen — dann liegt Leutnant Müller, letzter feiner Batterie, tot über seinem Geschütz. Die Engländer salutieren: Ein Held! Und der britische Heeresbericht vom 21./22. November meldet: „Viele von den Treffern auf unsere Tanks vor Flesquieres erzielte ein deutscher Artillerieoffizier, der, als letzter feiner Batterie, allein ein Feldgeschütz bediente, bis er an diesem getötet wurde. Die große Tapferkeit dieses Offiziers wurde von den Soldaten aller Ränge bewundert." „Sie sind ein Meres Mädchen!"
Erika Röstel war Telephonisttn in Memel. Sie blieb es auch, als am 17. März 1915 die Russen die Stadt überrumpelten. Während die Soldaten des Zaren die Häuser plünderten und sich über die Alkoholvorräte hermachten, saß Erika Röstel, diensteifrig wie immer, am Klapperschrank des Kaiserlichen Postamts. Es lag etwas abseits und war offenbar von den Russen übersehen.
Plötzlich rief das Oberkommando O st aus Posen an — ahnungslos, daß es mitten in die Feinde hineintelephonierte. Erika Röstel gab dem verwunderten Generalstabsoffizier den ersten Bericht* über die Lage, fachlich und dienstgewohnt. Sie konnte genaue Angaben über Truppen, Zustand und Angriffsrichtung machen. So etwas war dem Generalstabsoffizier noch nicht vorgekommen, deshalb bezweifelte er die Richtigkeit. Da hielt Erika Röstel den Telephonhörer aus dem Fenster heraus und übertrug durch ihn den Kanonendonner in das Hauptquartier. Das genügte. Und aus den weiteren Worten vernahm Erika Röstel nun mit nicht geringem Staunen, daß sie — mit General ßuöenöorff selbst sprach. Der General dankte für die große Hilfe.
Bald wurde sie wieder aus Posen angerufen, der Generalstabschef ließ sich neuen Bericht geben, dann sagte er plötzlich: „Warten Sie bitte, ber Herr Generalfeldmarschall will mit Ihnen sprechen!" Ehe die Telephonistin zur Besinnung kam, meldete sich die tiefe Stimme des Feldmarschalls von Hindenburg. Der große Befreier Ostpreußens lobte ihre Pflichttreue, dankte ihr für feine. Truppen und schloß: „Sie find ein tapferes Mädchen!"______
Wir landen peiiiwer.
Roman von Mothiwe v. Stegmann.
Urheberrechtschutz: Fünf-Türme Verlag Halle (S.)
Der höhnische Zug auf Dietrich Veltheims Gesicht verstärkte sich:
„Liebe Karla", er sprach tadellos höflich, nichts von dem früheren kameradschaftlich-unbefangenen Ton war zwischen ihm und der Freundin, „verzeih, wenn ich deiner Bitte nicht nachkommen kann. Es gibt noch vielerlei zu tun, bis ich abreise. Besonders, da ich jetzt glücklicher Bräutigam bin." e
Karla zuckte zusammen. Welcher Hohn lag in diesen Worten: glücklicher Bräutigam!
Dietrich fuhr fort:
„Ich möchte meine Verlobung mit Marlen vor meiner Abreise veröffentlichen und morgen schon das Aufgebot bestellen. Bitte, sage Marlen Bescheid, damit sie ihre Papiere morgen bereit hält. Ich komme morgen, um alles Nähere zu besprechen."
Er gab Karla schnell die Hand und ging. Sie vermochte nicht, ihn zurückzuhalten.
Mein Gott, mein Gott, dachte sie, was ist da nur geschehen? Sie war eiskalt vor innerer Erregung. Sein und Schulter schmerzten plötzlich wieder heftig, wie immer, wenn irgend etwas Schlimmes passiert war. Mühsam und schwer ging sie die Treppe hinaus zu Marlen.
Sie drückte auf die Klinke von Marlens Zimmer. Die Tür war verschlossen.
„Marlen!" rief sie. „Bitte laß mich herein!"
Eine verweinte Stimme klang zurück:
„Ach, bitte, Karla, laß mich, ich habe schreckliche Kopfschmerzen!"
Karlas Angst wurde immer größer.
„Marlen", bat sie, „laß mich doch hier nicht stehen! Ich vergehe ja vor Angst."
„Ist Dietrich Veltheim fort?" fragte es hinter der Tür.
Als Karla bejahte, öffnete Marlen. Karla sah in ein verweintes, elendes Gesicht. Auch ihr stiegen die Tränen in die Augen. Stumm umfaßte sie Marlen und führte sie zu dem Sofa:
„Nun komm, Liebes, erzählt' mir, was ist geschehen!"
Marlen verbarg ihr Gesicht an Harlas Schulter, in heiße Tränen ausbrechend. Karla ließ die Freundin ruhig gewähren. Sie wußte, Marlen würde sich schon wieder fassen. Endlich richtete Marlen sich energisch auf, trocknete ihre Augen. Mit einem wehen Blick sah sie Karla an und fragte:
„Was hat Dietrich Veltheim dir erzählt, Karla?" „Daß ihr euch verlobt habt. Aber, Marlen, wie kann er glauben, daß du ihn nicht gern hast? Er behauptet, du hättest ihm das mit klaren Worten gesagt. Marlen, sieh mich an, weich mir nicht aus! Es ist ja gar nicht so — du hast ihn ja gern, den Dietrich. Warum hast du ihm das nicht eingestanden?"
Da veränderte sich Marlens Gesicht, verschloß sich, wurde scheu und abweisend:
„Karla, du weißt, ich bin immer zu dir ganz offen gewesen! Ich war glücklich, daß ich zu dir sprechen konnte wie zu einer Schwester. Karla,
Mit zwei Gefangenen mitten im Feind.
Rußland. Eine stockdunkle, eiskalte Herbstnacht. Der Sturm heult und wirft die Bäume eines Buschwaldes durcheinander, in den eben ein Trupp Kosaken einreitet. Vorn irgendwo liegen die Deutschen; hin und wieder peitschen Gewehrschüsse. Der Krieg hat ein schweres Gesicht bekommen; auch hier in Rußland ist die offene Feldschlacht vorbei. Der Kosakenhauptmann reitet mit feinem Adjutanten abseits; auf Rufnähe bleibt er bei seiner Truppe, aber der Sturm jagt dazwischen. Hin und wieder nur hört man das Klappern der vielen Hufe.
Plötzlich bäumt sich bas Pferd auf, der Offizier wird heruntergerissen, ein Faustschlag gegen die Stirn, ein Knebel in den Mund — wehrlos. Auch der Adjutant liegt schon neben ihm, ebenfalls geknebelt. Zwei Deutsche nehmen ihm die Waffen ab und drücken die Offiziere nieder. Die Pferde bleiben stehen. In der Ferne verklingt das Getrappel des Kosakentrupps. Jetzt ist es ganz still; nur ganz vorn ballern ein paar Geschütze. „Ver- fluchte Sache!" murmelt der Offizierftellvertreter Klose, „Mitten im Feinde, weit hinter seiner Linie —und nun noch zweiGefangene!" Er war mit einem Kameraden zur Erkundung arisgeschickt, nun hatten sie gründlich „erkundet" — gleich zwei Mann konnten sie mitbringen.
Sie binden die beiden Pferde fest, damit sie nicht nachlaufen, dann machen sie sich mit den beiden Kosaken auf den Weg. Schritt für Schritt muß erkundet werden; überall sind russische Feldwachen, und die beiden Gefangenen haben nicht übel Lust, den Spieß umzudrehen. Ader Klose versteht keinen Spaß, mit geladenem Revolver geht er hinter ihnen her, während sein Kamerad die Führung hat. Mehr als einmal müssen sie sich hinwerfen und die Kosaken herunterzerren. Am Tage verstecken sie sich im dichten Busch. In der nächsten Nacht geht es weiter; völlig gleichgültig folgen jetzt die Kosaken. Man hat ihnen erzählt, daß sie es gut haben sollen. .. So kommt der merkwürdige Trupp im Morgengrauen in der deutschen Stellung an — und am gleichen Tage noch werden die Russen aus dem Walde herausgeworfen. Klose wird später zu Hindenburg befohlen. Da er die höchsten Orden schon hat, schenkt ihm der Feldmarschall sein Bild.
1918 leistet dieser tapfere Offizierstellvertreter an der Somme sein Bravourstück. Während eines deutschen Feuerüberfalls auf ein englisches Lager stößt er mit drei Mann vor. Die Engländer glauben an einen deutschen Jnfanterieangrisf und rennen davon. Sie überlassen der überraschten Patrouille — e1fTanks!
„Als letzter feiner Vallerie..
Am 20. November 1917 bricht d i e Tank- schlacht von Cambrai los. Mit gewaltigen Tankgeschwadern stoßen die Engländer überraschend durch die Siegfriedstellung; ihre Kavallerie dringt bis in die Vorstadt von Cambrai. Die Schlacht umbranöet das Dorf Flesquieres, rechts und links davon find die Massen der Engländer vorgeftoßen! Aber das Dorf.können sie nicht nehmest — noch nicht!
Zwischen den Ruinen der Häuser steckt eine deutsche Batterie, Schuß auf Schuß feuert sie gegen jeden Tank, der sich wie ein Ungeheuer über die
Sicherheit.
Wir begruben den tapferen Batteriechef an einem strahlenden Wintertage auf dem kleinen, schmucklosen Dorffriedhof. Ein ruhiger Tag an der Front.
Wer sich freimachen konnte, war zur Stelle, um diesem bis zum Tode getreuen Manne die letzte Ehre zu erweisen. Nach einer ergreifenden Ansprache des Divisionspfarrers trat einer nach dem anderen heran, um dem lieben Kameraden Hand voll Erde in das Grad zu werfen.
Als letzter der Wachtmeister. — Ein kurzes fammenfchlagen der Sporen. — Seine innere regung mühsam beherrschend und mit tränenerstickter Stimme, aber doch wie etwas Selbstverständliches, bisher Versäumtes, klang seine streng dienstliche Meldung laut und vernehmlich über seines alten Hauptmanns offenes Soldatengrab: „Ich wollte Herrn Hauptmann auch noch melden, wir haben die Gefch ütze doch zuruck-


