Nr.177 Erster Blatt
185. Jahrgang
Donnerstag, 1. August 1955
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Heerschau der Leibesübungen.
Zum 1. Gaufest des Neichsbundes für Leibesübungen im Gau XII (Hessen).
Sem Saferlande gills....
Die Gaufeste des Reichsbundes für Leibesübungen, die jetzt in allen Teilen des Reiches stattfinden, sollen Heerschauen deo deutschen Leibesübung sein. Die Gaufefte sollen beweisen, daß der deutsche Sport und die deutsche Turnerei ihren Weg gemeinsam gehen. Der Weg ist oorgezeich- net: Dien st an Volk und Vaterland!
Turner und Sportler sollen über Verein und Verband hinweg beweisen, daß sie die Einheit in der Leibesübung ebenso bejahen, wie die Einheit in Volk und Reich. In der Arbeit am gemeinsamen großen Ziel, an der Ertüchtigung des deutschen Menschen und insbesondere der deutschen Jugend, soll und muß sich der Nationalsozialismus beweisen. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Schaffung des Reichsbundes für Leibesübung eine Notwendigkeit war. Er soll dazu beitragen, alle Kräfte zusammenzufassen und gleichzeitig im Dienst der großen Sache wirksam zu machen. Die Gaufeste, das 1. Gaufest des Reichsbundes für Leibesübungen im Gau XII (Hessen) in Gießen, sollen auch allen Volksgenossen überzeugend und kraftvoll zeigen, daß sich Turner und Sportler dieser großen Aufgaben bewußt sind.
Leibesübung, zielbewußt betrieben, bedeutet eine dringende Notwendigkeit für unser Volk, das durch schwere Jahre ging und noch schwere Aufgaben vor sich hat. Die kommende Zeit verlangt nicht nur den leistungsfähigen Körper, sondern und vor allem auch den charaktervollen deutschen Menschen, der sich stets seiner -Pflicht der Gemeinschaft gegenüber bewußt ist. Leibesübung war von jeher nicht nur Stärkung und Erhaltung der körperlichen Kräfte, sondern stets auch Schule des Charakters, Mittel zur Förderung der Energie, der Willenskraft, der körperlichen und der seelischen Disziplin In der Erreichung des Hochzieles, der Harmonie von Körper und Geist im einzelnen, mit der untrennbar die Opferbereitschaft für die Gemeinschaft verbunden ist, findet die Leibesübung ihren Sinn. Turnerische und sportliche Betätigung bedeutet gleichzeitig für > den jungen deutschen Mann eine Vorschule für den Dienst im Panzer der Nation, in der Wehrmacht.
Der aktive Turner oder Sportler kennt die belebende Wirkung der Leibesübungen, er weiß, daß ihm immer wieder ein Aufschwung gegeben wird für den Kampf im Alltag. Er kennt die Steigerung des Lebensgefühls und des Selbstbewußtseins nach einer befriedigenden Leistung ober gar nach dem Sieg im Wettkampf. Jede gelungene Hebung kann zur Quelle der Freude werden und eine Steigerung des Bewußtseins der eigenen Kraft im Gefolge haben. Niederlagen wird der wahrhafte Turner und Sportler aber nie zum Anlaß fruchtloser Resignation nehmen, sondern immer als ein Fanal zu größerem Willenseinsatz. Und wie hoch ist darüber hinaus die Bewegung im Freien, in der frischen Luft, im Wasser, auf Wiesen oder am Wald zu schätzen?! Vielseitig sind die Segnungen der Leibesübungen. Sie dienen nicht nur dem Gegenwärtigen, sondern auch kommenden Generationen. Um das Deutschtum zu fördern, baute der Reichsbund für Leibesübungen die Dietarbeit in fein Wirken ein. In der völkischen Aussprache soll sie auch beim 1. Gaufest in unserer Stadt ihren Ausdruck finden, denn der Turner und Sportler im Dritten Reich soll nicht nur auf dem Sportplatz seinen Mann stellen, sondern auch Verbundenheit beweisen können mit dem Volke und dem Boden seiner Heimat: er sott zeigen, daß er sich eins fühlt mit den Kräften, die ihn rings umgeben. Es wird kaum einem schwer fallen, sich als einzelner oder in der Gruppe der Kameraden zu äußern. Zu glauben, daß es sich bei dieser völkischen Aussprache um eine irgendwie geartete Prüfung handeln könne, wäre Irrtum.
Es gilt — so ähnlich sagte einmal Reichsminister Dr. Frick — dem jungen deutschen Turner und Sportler, ein neues Ethos zu schaffen, ein Ethos, in dem vereint sind die heiße Liebe zum Vaterland, die Achtung vor dem Staat und seinem Gesetz, der Wille zur Mitarbeit aus freiem Entschluß,
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vor allem der Wille zur Wehrhaftigkeit und zum Nationalsozialismus, die Sehnsucht zum Urgrund seiner eingeborenen Artung, deutschem Blute, deutscher Landschaft entsprossen. — Wer so den Kern des Dietwesens erfaßt hat, wird nicht mehr fragen: Wofür Geistesschulung gerade im Reichsbund für Leibesübungen?
Die Durchführung der großen Veranstaltung ist der Gießener Turnerschaft übertragen. Seit Wochen ist man unermüdlich damit beschäftigt, alles auf das Sorgfältigste vorzubereiten. Unendlich viel Kleinarbeit gilt es dabei zu leisten, für die kein Dank gefordert wird. Alle, die sich für diese Arbeit einsetzen, sehen den Dank für ihre Aufopferung in einer starken Beteiligung der Turner und der Sportler aus allen Lagern. Man erhofft sich auch das starke Interesse der Bevölkerung unserer Stadt, der näheren und der weiteren Umgebung, ja des ganzen Gaues XII, für diese Heerschau der Leibesübung.
Die Tage vom 2. dis 4. August sollen unsere Stadt ganz im Zeichen der Leibesübung sehen, im Zeichen des geeinten deutschen Sportes, im Zeichen kraftvoller deutscher Menschen und einer lebensbejahenden, auf den neuen Staat ausgerichteten I u - g e n d. Das Gaufest soll ein Fest unserer Volks
gemeinschaft sein und soll die zähe, unermüdliche Arbeit aller Organisationen vor Augen führen, die der Leibesübung dienen. Auf den Sportplätzen unserer Stadt aber soll sich in einer großartigen Heerschau die körperliche Leistungsfähigkeit der Turner und Sportler im Wettkampf zeigen. In kraftvoller und schöner Hebung am Gerät, im dramatischen Kampf auf der Aschenbahn, in der klassischen Hebung im Speer- und Diskuswurf, in der kühnen Disziplin Stabhochsprung und in vielen anderen Formen der körperlichen Betätigung soll den Volksgenossen, die noch abseits stehen, werbend gezeigt werden, welch' ein frohes und gesundes Menschentum sich in der Sphäre des Turnens und des Sportes entwickeln kann und sich bereits entwickelt hat.
In der Blickrichtung auf den Dienst an der Volksgemeinschaft und an der Zukunft des Vaterlandes ist dem 1. Gauturnfest des Reichsbundes für Leibesübungen ein großer Erfolg zu wünschen. Der Erfolg des Festes würde Ausdruck des Dankes an den Führer Adolf Hitler und für die Arbeit des Reichssportführers von Tschammer und Osten sein.
(Ausnahmen |13|: Neuner, Gießener Anzeiger. — Aufnahme „Turnen": Krämer, Stuttgart.)
Gießener Tiirnmidvrl8l9.
Während noch in der Leipziger Schlacht Rheinbundstruppen auf Napoleons Seite kämpften, hatten sich schon in Gießen Schüler und Studenten um ihren verehrten Lehrer Friedrich Gottlieb Weicker zusammengefunden im Glauben an Deutschland, und jederzeit bereit, für seine Freiheit zu kämpfen und zu sterben. Auf ihre Eingabe hin errichtete der Großherzog das „Hessische Freiwillige Jäger-Corps", mit dem sie alle nach Frankreich zogen. Nach Friedensschluß entstand in Gießen aus dieser Frontkameradschaft eine „Deutsche Gesellschaft", die von August Adolf Ludwig Fallen und seinem Bruder Carl geführt wurde. Mußte diese Vereinigung sich auch wieder auflösen, so ließ sich doch ein Mann wie Carl Rolfen nicht von seinem Ziele abbringen. 1815 trat der Germanenbund ins Leben, dem auch schon im Beruf stehende Männer wie Professor ©elfter u. a. angehörten. Die Kämpfe der „Gießener Schwarzen", wie dieser Kreis von den anderen Studentenverbindungen wegen ihrer altdeutschen Tracht genannt wurde, führten schon nach einem halben Jahr zur Auflösung. Auch die Fortsetzung als „Deutscher Bildungs- und Freundschaftsverein war nicht von Bestand; trotzdem blieben die Mitglieder innerlich einander verbunden. Die Versal-" gungen durch die reaktionären Behörden brachten es dahin, daß die ganz im Banne des genialen Feuerkopfs Carl Folien stehenden Schwarzen immer radikaler in ihren Anschauungen wurden. So konnte sich allmählich die Schar der „Hnbe- dingten" bilden, von denen einer erklärte: ,.Er ziehe es vor, wegen einer gegen Gottes Gebote verstoßenden Tat, die fein Volk errette, in die ewige Verdammnis zu gehen, als alle feine Volksgenossen dauernder Knechtschaft zu überlassen."
Inzwischen war in Jena durch Auflösung der Einzelverbindungen eine einzige Burschenschaft entstanden. In Gießen traten neben den „Schwarzen" auch die Landsmannschaften für diesen Gedanken ein. Aber in der Studenten-Versammlung im Dezember 1816 im Loosischen Saal kam es zu Auseinandersetzungen beider Parteien und die Vertreter der Landsmannschaften verließen den Saal. Die Zurückgebliebenen bildeten nun die „Christlich - teutsche Burschenschaft" unter Carl Fallens Führung.
Carl Fallen und feine Freunde dachten jetzt nicht mehr an ein neues starkes Kaisertum, sie erhofften Deutschlands demokratische Einheit nicht mehr, wie um 1814/15 von den Fürsten, sondern vom Volke. Ihre „Grundzüge für eine künftige Reichsverfassung" vom Jahre 1818 sind teilweise genährt von den Ideen der französischen Revolution: ein Einheitsstaat, der auch die Schweiz, das Elsaß und die Niederlande umfassen sollte, mit gewählten Fürsten und einem deutschen König. Im Innern verlangten sie Miliz, einheitliches Recht, Reform der Rechtsprechung. Einheitsschule und eine christlich-deutsche Nationalkirche; die Uniüerfitäten sollten einen akademischen Jdealstaat bilden, dem nur Deutsche und Christen angehören dürfen.
„Nicht ein einzelnes Fach der Wissenschaft ober Kunst", schrieb Carl Folien 1818 in seiner „Geschichte der christlich - teutschen Burschenschaft zu Gießen", „und eben so wenig nur eine Art Leibesübung darf uns genügen; nein, ein rastloses Fortwandeln auf selbstgebahnten und durch freundschaftliche Verständigung erweiterten Wegen der Wissenschaft und Wahrheit, und dabei ein gesellschaftliches, turngerechtes Ausbilden aller Leibeskräfte kann zu freiem Einklang unseres Wesens, im Einzelnen wie im Ganzen bin» führen."
Schon die erwähnte „Deutsche Gesellschaft", die im November 1814 entstanden war, hatte sich in Form gymnastischer Hebungen mit dem Turnwesen beschäftigt. Dementsprechend hatten die „Schwarzen" bereits im Sommer des Jahres 1816 eine Turngemeinde aebildet, deren Hebungsplatz vermutlich die Loosische Gastwirtschaft in der Markt-
Rudern: Der Verbandsachter der Gießener RG. im Training. Turnen. Cnbe der siebenfachen Kehre.
Leichtathletik: Im Ziel nach einem 100-Meter-Lauf


