Ur. 150 Zweiter Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheften)Montag, 1. Zull 1955
Jahresfeier und Gemesterschlußappell derLlniversität
Am Samstag fand die Jahresfeier und der 6c-. mefterschluhappell der hiesigen Universität statt. Die neue Aula war festlich mit frischem Grün, mit den Farben des Dritten Reiches und einem Bildistswerk des Führers geschmückt. Zur Feier waren zahlreiche Gäste erschienen. Partei, Wehrmacht und Behörden waren erschienen, die Rektoren der beiden benachbarten Universitäten nahmen teil, die studentischen Korporationen hatten Fadnenabordnungen und ihre Chargierten entsandt. Zahlreiche Gäste aus unserer Stadt und viele Studenten waren anwesend. In feierlichem Zug begab sich die Dozentenschaft in den Saal.
Sodann sprach
(5e. Magnifizenz der Rektor, Professor Dr. Pfähler.
Er stellte seinen Worten zunächst eine geschichtliche Erinnerung aus dem Jahre 1622 voraus, da der jungen Universität von selten des Herzogs Christian
von Braunschweig Krieg drohte und sich die Gießener Studentenschast in einem einigen Mehrmillen fand. Die Studenten bildeten eine Wehrgemeinschaft und schrieben auf ihre Fahne die Worte: „Wissenschaftsdienst und Wehrdienst, zu beiden sind wir bereit!"
Mit den vergangenen Monaten liege ein Semester seit der Wiedereinführung der Wehrpflicht hinter uns. Dieses Semester bilde einen Markstein in bet* Geschichte der Universität. Roch nie sei es innerhalb der Dozentenschaft so stark empfunden worden, daß sich die Studenten zu Wissenschastsdienst und Wehr- dienst gleichermaßen so bereit fanden, wie in der jüngsten 3cit. In dem übergreifenden Dienstwillen für das Volk sei der Arbeitswille und der Wehr- wille bindend geworden im Rahmen unseres politischen Lebensstiles. Der heutige Tag, so fuhr der Redner fort, sei ein Tag der prüfenden Rückschau auf die geleistete Arbeit itn Wissenschaftsdienst und in der Derufserziehung, die den eigentlichen Auftrag der Universität darstellten.
Die Dekane der Fakultäten erstatten Bericht.
Nach einem Chor (Danklied von ftntjbn) in der prächtigen Wiedergabe durch das Collegium must- cum (Leitung: Universitätsmusikdirektor Professor Dr. Temesvary) erstattete zunächst
Professor Saenchen
den Bericht über die Arbeit der Theologischen Fakultät im vergangenen Jahre. Alle Arbeit dieser Fakultät stehe, so führte er einleitend aus, unter dem einzigartigen Gesetz der Voraussetzung der Wirklichkeit Gottes. Nur in dem, was Gott zu sagen habe, habe die theologische Arbeit ihren Sinn. Es sei Arbeit um Erkenntnisse und insbesondere um Erkenntnisse evangelischen Geistes. Die Theologie bemühe sich, beizutragen zur rechten Lehre in Dogmatik und Ethik, um auch in der Gegenwart dem fordernden Gotteswillen zu dienen. Auf allen diesen und manchen anderen Gebieten habe sich die Arbeit der theologischen Fakultät bewegt. In seinen weiteren Ausführungen wies der Red- ner auf die geleistete Arbeit im Einzelnen hin, und gab bekannt, was an wesentlichen Schriften erschien, sprach von den gehaltenen Borträgen niib der Arbeit in einem Lager. Abschließend betonte er, daß die theologische Fakultät durch ihre Arbeit im vergangenen Jahre bewiesen habe, daß sie den Fragen der Gegenwärt durchaus nicht fern stehe.
Der Dekan der Juristischen Fakultät,
Professor Dr. B'ey,
sagte einleitend, daß die Rechtswissenschaft im Sinne des Nationalsozialismus eine politische Wissenschaft sei. Man sei dabei, aufzuräumen mit einer wertelosen und deshalb wertlosen Rechtswissenschaft. Nicht nur der Begriff, sondern der Grundwert bestimme die Arbeit. Noch müßten wir notgedrungen unter einem überkommenen Rechte leben. Der Neubau fordere Zett. Das bisherige Recht habe aber bereits einen grundlegenden Sinnwandel erfahren. Wertvollste Arbeit in dieser Hinsicht sei im vergangenen Jahre von der Fakultät geleistet worden. Eine wesentliche Aufgabe sehe man darin, einen volksnaben Rechtswahrer st and heranzubilden. Die Bor- lesungen seien neu gestaltet, Seminare und Schulungskurse eingeführt worden. Die Schaffung eines wahren deutschen Rechtes sei aber ohne eine Pflege der Rechtsgeschichte nicht denkbar. Die Juristische Fakultät habe bei der Abfassung des nationalsozialistischen Handbuches des Rechtes (Dr. Frank) maßgeblich mitgewirkt. Für die Zukunft sei Neues die Einrichtung eines „Instituts für Rechtsvolkskunde" geplant. Man hoffe, daß der Plan genehmigt werde. Der deutsche Jurist habe nicht die Möglichkeit, sich so durchzusetzen, wie der deutsche Richter, hinter dem die Autorität des
Staates stehe, er habe vielmehr allein durch die Ueberzeugungskraft seiner Worte zu wirken. Fest stehe aber: die Rechtswissenschaft ist aus ihrer Isolierung herausgetreten. Das neue Deutsche Recht werde, so schloß Professor Dr. Bley, ein nationalsozialistisches Recht sein, oder es werde überhaupt nicht sein.
Einen sehr ausführlichen Bericht erstattete der Dekan der Medizinischen Fakultät,
Professor Dr. Fischer.
In der medizinischen Fakultät sei, so sagte er u. a., eine Menge aufschlußreichster Arbeit geleistet wor- den. Neue Erkenntnisse yinsichtlich der Erbgänge seien durch die Zwillingsforschung und die Sippenforschung gewonnen worden. Man sei erst am Be° ginn. Der Grundstein sei aber gelegt. Fortlaufende Arbeit fei geleistet worden für die Verhütung erbkranken Nachwuchses. Besondere Arbeiten kamen heraus über die Herztätigkeit und den Blutkreis- lauf in größeren Höhen. Anatoinische Forschung beschäftigte sich mit der Gewebsstruktur. Neue Methoden seien hierfür gefunden worden. In der chemischen Forschung sei es gelungen, den Geheimnissen der Zellen und des Zellkerns näher zu kommen. Viel Arbeit sei dem Studium des Blutes gewidmet worden. Das Leben lasse sich jedoch nicht einfach messen. Resigniert werde nicht. Lebendiges Geschehen werde dereinst auch einmal in Zahlen zu bannen sein. Immerhin wurden bereits Zahlenwerte" gewonnen, die bei Operationen sehr nützlich sein könnten. Hinsichtlich der Studien über Herzfunktionen hatten sich die Bad-Nauheimer Institute als sehr wertvoll erwiesen. Viel Arbeit habe die Prüstma neuer Herz- und Kreislaufmittel aus der Industrie gebracht. Lebhaft habe man sich mit der Auswertung schmerzbetäubender Mittel beschäftigt Als theoretische Arbeit seien Gewebezüchttrngsver- K gemacht worden, die gelangen. Bisher habe er nur das tote Gewebe zur Verfügung gestanden, nun könne man mit lebendem Gewebe arbeiten. Der Eindruck dieser neuen Forschungsmöglichkeit sei selbst auf die Mediziner sehr stark gewesen. — Der Kampf gegen den Krebs sei in allen Kliniken gleichmäßig weiter vorwärts getrieben worden. Es seien Methoden von unerhörter Feinheit ausgearbeitet worden, so daß bereits die Erkennung auch nur einer Krebsbereitschaft möglich sei. In den Kliniken unter sich sei synthetische Arbeit gepflegt worden. Weiter habe man große Aufmerksamkeit der gegenseitigen Abhängigkeit von Seele und Körper zugewandt. Ein ärztlicher Fortbildungskurs, der wiederum mit gutem Erfolg durchgeführt worden sei, habe unter dem Gedanken „Fürsorge für Mutter und Kind" gestanden.
Professor Dr.Küst
schilderte als Dekan der V e t e r i n ä r - medizinischen Fakultät die Umbauten und Erweiterungen in den Veterinär-Kliniken und die damit oerbunbenen Möglichkeiten bet Arbeitserweiterungen. Er schilderte im einzelnen die betriebenen Forschungen im Interelse des Tieres und im volkswirtschaftlichen Interesse der Landwirtschaft. Insbesondere berichtete er über den Ausbau der Schutzimpfungen, über die Untersuchungen der '.Blutarmut bei Pferden, sowie über die Untersuchungen an Geflügel und Schweinen. Er betonte, daß man auch au neuen Methoden der Feststellung der Trächtigkeit bei Kühen gekommen sei. Künstliche Befruchtungen von Rindern seien in vielen Fällen gelungen. Mit einem kurzen llebcrblirf über Vorträge, veröffent- lichte Arbeiten und Berichterstattungen, auch im Auslande, schloß der Vortragende.
Als Dekan der Philosophischen Fakul - t ä t (Philologie) referierte
Professor Dr. Taeger.
Die Zeit, da das Wesen der Universität van der philosophischen Fakultät bestimmt wurde, sei vorüber. Im Arbeitsgebiet der Abteilung I seien besonders die Ausgrabungen am Glauberg nennenswert. Begrüßenswert lei der Lehraustrag für Vor- geschichte. Das indogermanische Sprachgebiet werde in altem Umfange weitergepflegt. Der klassischen Altertumswissenschaft habe man nach wie vor viel Arbeit gewidmet. Ferner berichtete der Referent über die Arbeiten in der neueren Geschichte, in der Kunstgeschichte, der Musik, und erörterte bann die Fülle der Veröffentlichungen in den verschiedensten Wissensgebieten. Abschließend betonte der Redner, daß sich trotz der großen Vielheit der Arbeitsgebiete doch alles der höheren Orbnuna einfüge und dem Gebot des Dienstes am Volk und am Staat gerecht werde.
Für die Naturwissenschaftliche Fak ul- t ä t umriß
Professor Dr. Baader
die Fülle der veröffentlichten Arbeiten und stellte dabei die Arbeiten der mathematischen Seminare voraus, umriß kurz die experimentelle Arbeit im Physikalischen Institut und dann die geologischen Forschungen, insbesondere in Oberhessen. Man habe sich intensiv mit der Verbesserung der Rohstofferzeugung in Deutschland beschäftigt. Nachdem der Redner noch auf die Arbeiten des Botanischen und des Zoologischen Instituts hingewiesen hatte, sprach er von dem hohen Mert der Arbeitsgemeinschaften, die sich aus den wissenschaftlichen Querverbindungen heraus bildeten. Wirtschaftswissenschaftlichen, landwirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Fragen habe man starke Aufmerksamkeit geschenkt. Mit den Worten: „Erkenntnis in der Wissenschaft ist Leben! Möge aus reichem Volkstum eine reiche Wissenschaft erblichen!" schloß der Vortragende. — Gleichzeitig war mit diesem Bericht die Reihe der Rechenschaftsberichte der Fakultäten beendet.
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Im weiteren Verlauf der Feier sprach als Führer der Dozentenschast
Professor Dr. Hl m
zur Festversammlimg. Der wissenschaftliche Nachwuchs sei. so führte er u. a. aus, im Geilte des Dritten Reiches zu schulen. Für den Individualisten sei kein Platz mehr. Im vergangenen Jahre sei man eifrig bemüht gewesen, zwischen der Dozentenschaft und der Studentenschaft nicht nur in wissenschaftlicher, sondern auch in persönlicher Beziehung ein engeres Verhältnis herzustellen. Dav sei im Wesentlichen gelungen. Bemüht sei man gewesen. die Verbindung mit wetteren Volkskreisen herzustellen. In seinen weiteren Ausführungen sprach der Redner von der Bedeutung der Dozentenakademie und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß In diesem Jahre 17 Anmeldungen von Gießen aus
gehen konnten. Zum Schluß betonte Professor Dr. Hummel, daß die Aufgaben der Universität nur dann erfüllt werden könnten, wenn jeder der Beteiligten freiwillig mltarbeltc. Nur der freiwillige Mitarbeiter habe im Dritten Reiche berechtigten Platz
Der Führer der Hochschulgruppe
H. Stenger
wies in seiner Ansprache darauf hin, daß ein Semester ernster Arbeit zurückliege. Die Verwaltung sei vereinfacht worden. Das Verhältnis zwischen Dozenten und Studenten habe sich gebessert. In den Fachschaften lei viel Arbeit geleistet worden. In fünf Fachschaftvlagern habe man sich zu ernster Arbeit gefunden. Der NSStB. pflegte enge Gemeinschaftsarbeit und habe dabei Stoßtrupp» na- tionalsozialistischcn Geistes ausgebildet Der NSStB. werde immer wieder politische Stoßtrupp» stellen. Man werde nicht eher ruhen, bi» in der Zusammenarbeit von Dozentenschast und Studentenschaft die Hochschule zu einem starken Bollwerk nationalsozialistischen Geistes geworden sei. Mit dem Dank an den Rektor für dessen zähe und verständnisvolle Arbeit, mit einem Treuegelölmis und einem dreifachen „Sieg-Heil!" auf Führer und Vaterland schloß er seine Ansprache. Gemeinsam wurden sodann die ersten Verse des Deutschlandliedes und bc» Horst-Wessel-Liedes gesungen
In der Gchlußansprache dankte der Rektor
Professor Dr. pfassler
allen Dozenten und ihren Mitarbeitern für die Einbringung der reichen Ernte. In aller Arbeit spiegle sich das Schicksal unseres Volkes. Die Universität habe bestimmt das Recht, nach außen hin in betonen, daß solch» (Ernte bei stillen {Reifem bedürfe. Forschungsarbeit bedürfe des Mutes zur Zurückgezogenheit. Hier gerade übernehme der For- scher den Anteil seiner Arbeit am Bau des Reiche». Aber einer sei herausgetreten aus dieser Stille, und zwar Prof. Phllalethes Kuhn, dessen Arbeit vom Führer eine besondere persönliche Würdigung er- fahren habe. — Dank sei der Landesregierung gesagt, daß sie trotz aller Beschränkung der Universität die Mittel für die zu leistende Arbeit zur Verfügung stellte. Er gab ferner dem Wunsche Ausdruck, daß diese Arbeit auch für weiterhin gesichert werden möge.
Nachdem der Rektor die jungen Doktoren und die habilitierten Doktoren des Jahres begrüßt hatte, teilte er die
Ergebnisse der diesjährigen akademischen preisaufaaben
und bereu Preisträger mit. Preisträger waren:
1. stuck, thcol. Richard Scharmann mit einer Arbei/t über „Das Gesetz In der Theologie Friedrich Gogartens".
2. Lise Cornclie Frey, Schorndorf (Württemberg) mit einer Arbeit über „Konstitutionelle Tuberkulose beim Meerschweinchen".
3. Studienreferendar Walther Hof, Darmstadt, mit einer Arbeit über „Der Gedanke der deutschen Sendung in der deutschen Literatur".
Der Diezprcia wurde der Stuhienreferenbarin Dr. Herta Wendel aus Lampertheim zuerkannt, und zwar für die von ihr vorgelegte Arbeit: „Ar- kadien im Umkreis bukolischer Dichtung in der Antike und in der französischen Literatur"
Von der Osann - B e u l w i tz - Stiftung wurde nach den Gutachten der Fakultäten folgenden Studierenden je ein voller Preis zuerkannt:
1. Alfred Becker aus Gießen für die Arbeit: „Lupus als Teilerfcheinung einer konstitutionellen Tuberkulose".
2. Malter Bauer aus Worms für die Arbeit: „Die spätgotische Hallenkirche in Hessen".
3. Heinrich Gärtler aus Gießen für die Arbeit: „Das asymptotische Verhalten der Eigenwerte und Eigenfunktionen bei den partiellen Differentialgleichungen der mathematischen Physik".
4. Heinrich Götz aus Wetzlar für die Arbeit: „Petrologifche Untersuchung der Keratophyre und Keratophyrkonglomerate der westlichen Lahnmulde".
AG.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude".
Abendlonzerl auf dem Schiffenberg.
Im Rahmen eines Sömmerfestes auf dem Schis- fenberg veranstaltete die NS-Gemeinschast „Kraft durch Freude" dort ein A b e n d k o n z e r t, das in seiner Folge nur Werke von Mozart enthielt. Wie Amtswalter Christ in seiner kurzen Be- grüßungsansprache betonte, sollen diese Sommerkon- zerte im Freien zu einer ständig alljährlich wiederkehrenden Einrichtung werden. Zugleich bat er die Anwesenden, für diese wirklich ideale Sache in Freundes- und Bekanntenkreisen, denen es um die Pflege guter Musik ernst ist, recht eifrig zu werben.
Ohne Zweifel ist der Kreis derjenigen, der sich bei einer solchen Veranstaltung, die Tiefe und Ernst auf ihr Banner geschrieben hat, zusammenfinben, ungleich kleiner, als wenn es sich um leichte oder gar seichte Dutzendware handelt: um so erfreulicher war es, daß die Besucherzahl recht stattlich war. Unter ihr befanden sich viel Jugendliche, die dereinst die Träger der deutschen kulturellen Bestrebungen sein sollen.
Niemanden wird es gereut haben, an diesem so schönen Sommerabend hinaus auf den Schiffenberg gegangen zu sein. Alles hatte seinen besonderen, der ganzen Sache eigentümlichen Reiz. So ähnlich kann es gewesen fein, als zu der Zeit der Klassiker im alten Wien die Serenaden auf der Straße ertönten, oder wenn die berühmten Konzerte im Augarten abgehalten wurden. Die Wir- fung ist wohl nicht fo rauschend, aber gewiß nicht weniger innerlich.
Das Konzert begann mit dem berühmten „Ave verum“ für Chor und Streichorchester, jenem unvergleichlichen Meisterwerk, das der Meister auf der Höhe seines Könnens 1791 schrieb. Die herzgewin- nenbe Einfachheit und die erhabene und reine Empfindung des Stückes kamen bei dem Vortrag durch den Akademischen Gesangverein schon und klar zur Geltung.
Das Streichorchester mit Pauke spielte dann die 1776 komponierte Serenade In D • D u r. Das Werk hat drei Sätze von mäßigem Umfang. Was aber Mozart in diese knappe Form an köstlichem Geist gießt, muß staunen machen. Die mitwirkende Pauke gibt dem Ganzen ein eigenes Kolorit und unterstreicht den innewohnenden Humor recht deut- lich. Das Merkchen sand eint reizende Wiedergabe,
die in ihrer Beschwingtheit wohl allgemeine Freude auslöste.
Den Abschluß bildete ein Offertorium für ChorundOrchester. Dies Werk schrieb Mozart als ganz junger Mensch. Und doch schon diese Reife der Erfindung und Empfindung. Mozart schrieb das Stück zu Ehren eines von ihm hochgeschätzten Be- nediktinerpaters Johannes. Es ist voll srischer Jugendlichkeit und Fröhlichkeit. Ein musikalischer Gedanke. das Iohannes-Tbema könnte man cs nennen, durchzieht das ganze Werk und schafft eine Einheitlichkeit, wie sie nur ein Meister zustandebringen kann. Der Chor hatte keine leichte Aufgabe, die noch dadurch erschwert wurde, daß bei der wohl recht stilvollen, aber nicht sehr zweckmäßigen Fackel- bcleuchtung Noten und lateinischer Text nur mühsam zu lesen waren. Trotz dieser Ungunst hielt sich, von einer kleinen Schwankung abgesehen, der Chor sehr tapfer und sicher und vermittelte das Werk im Sinne seines Schöpfers. Das Orchester war dabei guter musikalischer Rückhalt.
Zwischen den musikalischen Darbietungen trug Schauspieler Neuhaus mit gepflegter Sprache und viel Empfindung ein Gedicht „Mozart" vor.
Verantwortlich für das gute Gelingen des Abends ist Universitätsmusikbirektor Professor Dr. T c m e s - oary, ber mit sicherer Hanb und großer Einfühlung die Werke zum Erklingen brachte. Ihm dankte Herr Christ am Ende ber Darbietungen befon- h<,r<Y unb her am Schluß einsetzende, lehr herzliche Beifall galt neben allen erfolgreichen Mitwirkenden besonders ihm. —
Oer ewige Robinson.
Die Geschichte eines Romans
In einem geheimen Winkel ihres Herzens bewahren auch diele Erwachsene unter uns eine kleine Sehnsucht nach Abenteuern in fremden Ländern, nach weltverlorener Einsamkeit und nach einem Leben, das weit wegführt von ber Unrast unserer Umgebung. Nur wenige werden soweit gehen wollen wie bie Robinson» unserer Zeit, bie mit kühnen Dor- sätzen ihr Zelt auf einer Insel fern in der Südfee aufschlaqen und dann doch bald nach tragikomischem Scheitern reumütig In den Scboß der Zivils- sation zurückkehren, die meisten werden sich damit begnügen, wieder einmal nach den Reise- und Abenteurerbüchern der Knabenzeit zu greifen, vor allem nach dem ewig jungen „Robinson Crusoe". Dieses Buch des englischen Politikers uni) Schriftleiters Daniel Defoe, da» schon kurz
nach seinem Erscheinen in fast allen europäischen Ländern und vor allem in Deutschland einen mächtigen Widerhall fand, ist — unabhängig von den erzieherischen Absichten des Verfassers — auf dem Boden eines tief im Menschenwesen wurzelnden Verlangens nach Naturnähe und Entdeckerfreuden gefallen. Da dieses Bedürfnis mindestens so alt zu sein scheint wie der zivilisierte Mensch selber, kann auch der literarische Niederschlag einer so gearteten Empfindungswelt auf eine lange Vorgeschichte zurückblicken. das Merk Deloes hat durch seine große Wirkung jedoch erst den Begrifs der Robinson a d e als einer bestimmten Gattung des Schrifttums geprägt. Ihre Vorformen sind die verschiedensten Abenteuer-Romane und Seeromane, und die Entdeckungen und Weltreisen im 16 und 17. Jahrhundert haben ihr einen gewaltigen Stofs zugeführt, fo daß die Entstehung, wenigstens aber die Wirkung des Robinson Crusoe aus diesem Zusammentreffen erklärt werden kann.
In einer Darstellung des Stammbaums ber Ro- binfonaben, bie Fritz Schmitt in seinen im Jun- ter und Dünnhaupt Verlag, Berlin erschienenen „Tabellen zur deutschen Literaturgeschichte" gibt, wird ein 1185 veröffentlichtes Werk des spanischen Arabers Abu Tafgr ibn Tofael, in dem das „Erleben der Gottesidee eines von der Kultur abge- schnittenen Menschen" geschildert ist und das 1686 seine erste englische, 1700 seine lateinische und 1726 seine deutsche Uebersetzung erlebte, als erster Vorläufer ber Roblnsonaben bezeichnet. Die Gudrun- Sage kann in diesem Zusammenhang als älteste deutsche Robinsonade gelten, unb auch im 6. Buch des weltberühmten „Simplicissimus" von Grimmelshausen gehört das Motiv der Einsiedelei als Asyl zu dem geistigen, wenn auch gewiß nicht bewußt gewordenen Erbgut des Daniel, Defoe. Hap- pel nähert sich in seinem 1682 erschienenen „infu- ionischen Mandorell", der Geschichte des spanischen Schiffbrüchigen Serrano, schon stark ber realistischen Haltung, die für den Robinson Crusoe so kennzeichnend ist. 1708 kam bann ber „Krinke Kemmes", bie Robinsonade des Heinz Texel, heraus. Die unmittelbare Anregung für Defoe aber mar bie 1713 von Steele niebergeschriebene Geschichte des Schotten Selklrk, der tatsächliche Begebenheiten nach Auszeichnungen eines Kapitäns zugrunde lagen. Zu nennen ist auch die 1731 zuerst erschienene „Insel Felsenburg" von Johann Gottfried Schnabel, eine ber ideenreichsten und dichterisch wertvollsten deutschen Robinsonaden.
Wie in dem Robinson Crusoe eine lange Ahnen reihe endet und in ihm der Geist des Abenteuer- Romans unb Seeromans vor dem Hintergrund der
besonderen Zeitereignisse in einer einzigartigen Meise verdichtet wird, fo breitet sich die Mirkung dieses Werkes mit einer ungewöhnlichen Schnelligkeit aus Schon in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts folgte dem Original eine Anzahl von Ueberfetzungen, Nachahmungen und Bearbeitungen, 1720 bereits in Deutschland Zugleich tauchten auch Satiren aus die Lehren auf, die mehr ober minder ausgesprochen aus dem Merk Daniel Defoeo heraus- zulefen sind, und die Robinsonade verband sich mit utopischen Darstellungen, die zum Teil anarchistisches Gepräge tragen. Daneben hat der Robinson einen hervorragenden Ehrenplatz in dem „Schrifttum für die reiferen Jugend" erhalten, an die der Verfasser zweifellos urfprünalid) nicht gedacht hatte.
Ueberblickt man die wechselvolle Vergangenheit dieses Werkes, so darf man ihm wohl ohne Kühnheit noch eine lange Lebensdauer Voraussagen, denn keine Zeit kann in dem Menschen den Hang nach Abenteuern unb bie Sehnsucht nach einer unbekannten Insel irgenbwo weit braußen im Weltmeer vernichten.
(Sin unbekannter (^iierbändiaer.
Ein mächtiger Stier, frisch vom Lanbe, wurde von einem Schlächter durch Marschau» Straßen nach dem Schlachthaus gesührt, als er, durch einen roten Straßenbahnwagen in wilde Mut versetzt, sich losriß und davonraste. Eine Panik entstand. Schreiend stürzten Männer, Frauen und Kinder davon, um sich in Sicherheit zu bringen, und ein wüstes Gedränge entstand. Da entstieg ein stattlicher Mann einer Droschke, zog seinen Rock au» und stellte sich dem Stier entgegen. Dieser griff ihn an. Der Mann fing seinen Stoß geschickt mit ber Jacke auf unb ließ ihn unter feinen gestreckten Ar- men burchrennen. Dann manbte er sich um, mlebcr stürmte der Stier aus ihn zu das Spiel wiederholte sich Nachdem das Tier drei Minuten lang durch beständiges vergebliches '21 nrennen ermüdet war, packte der Mann beim nächsten Angriff den Stier bei den Hörnern unb brückte ben Kopf mit gewaltiger Muskelkraft zu Woben Dann drehte er mit einem geschickten Griff den Hals so lange, bis das Tier auf ber Erbe lag. Nun wagte sich ber Schlächter roieber heran, und mit Hilfe von mehreren Schutzleuten wurde der Stier unter dem jubelnden Beifall ber Menge gefesselt unb auf Die Beine gestellt. Aber als man sich nun nach über- ftanbener Gefahr nach dem „6ticrbänbigrr" umsah, mar dieser verschwunden Er war in Hne Droschke gestiegen unb davongefahren.
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