Der Veichs-erufswettkampf.
Von der Landesstelle Hessen-Nossau des Reichs- Ministeriums für Dolksaufklärung und Propaganda wird mitgeteilt:
Zungen und Mädel im ?riseurgetverbe!
Der Reichsberufswettkampf für eure Gruppe findet nicht, wie ursprünglich vorgesehen, am Freitag, 22. März, statt. Zahlreichen Wünschen entsprechend ist euer Wettkampf auf
Montag, 18. März vorverlegt worden.
Jungfriseure, Jungfriseusen'. Merkt euch euren Wettkampftag! Wer seine Anmeldung zur Teilnahme am Reichsberufswettkampf noch nicht abgegeben hat, hole dies sofort nach! Anmeldeformulare durch die Berufsschulen, die Jugendwalter der DAF. und die Wettkampfleiter.
Friseurmeister! Friseurgehilfen!
Der Reichsberufswettkampf der Lehrlinge des Friseurgewerbes findet nunmehr
am Montag, 18. März, also nicht Freitag, statt. Damit ist zahlreichen Wünschen entsprochen worden.
An euch liegt es nun, diesen Wettkampf eures Berufsnachwuchses zu einem hundertprozentigen Erfolg zu führen. Stellt eure Kräfte in den Dienst dieser gewaltigsten beruflichen Aktion unserer Jugend! Stellt euch den Wettkampfleitern als Mitarbeiter zur Verfügung! Und ihr, Meiller, gebt euren Lehrlingen am Montag, den 18. März, frei, damit sie sich alle am Reichsberufswettkampf beteiligen können!
Die knegsgräbersiirsorge
im Kreis Gießen.
In einer Sitzung der Führerschaft der Kreis- gruppe Gießen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, die gestern unter dem Vorsitz des Kreisgruppenleiters Landgerichtsrat Trümpert stattsand, wurde mitgeteilt, daß die Sammlung im Kreisgruppengebiet am 20. und 21. Oktober voriaen Jahres für die Zwecke des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge einen Nettoertrag von 5266.80 Mark erbracht hat. Dieser Sammlungsertrag ist in vollem Ausmaß an die Landesgruppe in Darmstadt überwiesen worden.
Bei dem Bericht über die Rechnungsablage aus dem Rechnungsjahre 1934 erfuhr man, daß die Einnahmen in diesem Jahre sich auf 8525,94 Mark und die Ausgaben sich auf 903,68 Mark belaufen, so daß sich ein Bestand von 7622,08 Mark als Vermögensgrundlage der Kreisgruppe Gießen ergibt. Die Jahresrechnung wurde von den Herren Bürodirektor Kinkel und Bürodirektor Keßler geprüft und in allen Teilen in bester Ordnung befunden. Dem Anträge der Rechnungsprüfer entsprechend wurde dem Schatzmeister Bock mit herzlichen Worten des Dankes und der Anerkennung für seine mühevolle Arbeit einstimmig Entlastung erteilt.
Da der bisherige Schatzmeister, Oberpostsekretär i. R. Bock, mit Rücksicht auf sein hohes Alter und seine Gesundheit gebeten hatte, ihn vom Amte des Schatzmeisters zu entbinden, wurde als neuer Schatzmeister Bankbeamter Weber in sein Amt eingeführt und von dem Kreisgruppenleiter ver
pflichtet. Dem bisherigen Schatzmeister Bock wurde für seine jahrelange selbstlose und vorbildliche Tätigkeit in gebührender Weise herzlich gedankt. Um den erfahrenen Rat des Herrn Bock auch weiterhin für die Arbeit der Kreisgruppe sicherzustellen, wurde Herr Bock als Beirat in die Führerschaft berufen.
Um die Arbeit der Kreisgruppe auf breiter Grundlage tief in allen Volksschichten -zu verwurzeln, ist vorgesehen, in den einzelnen Gemeinden des Gießener Kreisgruppengebietes Vertrauensleute zu bestellen, durch die eine enge Verbindung mit der Kreisgruppenleitung gewährleistet werden soll und die außerdem bei künftigen Sammlungen die örtliche Leitung übernehmen. Es wurde als zweckmäßig erachtet, für die Tätigkeit als Vertrauensleute die Bürgermeister der Orte zu gewinnen. Erfreulicherweise haben auf eine Anregung des Kreisamtes Gießen hin zahlreiche Gemeinden unseres Kreises bereits ihre Mitgliedschaft bei der Kreisgruppe Gießen des Volksbundes angemeldet, der Beitritt weiterer Gemeinden ist zu erwarten.
Im weiteren Verlaufe der Sitzung besprach man noch kurz einige Fragen der Feier des Heldengedenktages am 17. März, die in den Reichsheer- Standorten bekanntlich von der Wehrmacht veranstaltet wird. Ferner beschäftigte man sich erneut mit der Frage der Uebernahme einer Patenschaft für einen deutschen Kriegerfriedhof auf dem ehemaligen Kriegsschauplatz, ohne jedoch vorerst entscheidende Beschlüsse fassen zu können.
Ein vorbildliches Werk der Volkskunde.
Oie Sammlung der HauSinschristen.
Der Museumsverband für Kurhessen und Waldeck hat die vollständige Sammlung und systematische Ordnung der Hausinschriften in Angriff genommen, d. h. aller Inschriften, die sowohl an Wohnhäusern, als auch an öffentlichen Gebäuden im Regierungsbezirk Kassel, der Provinz Oberhessen und den Kreisen Biedenkopf und Wetzlar nachzuweisen sind.
Der TNuseumsverband ist der Ueberzeugung, daß diese Arbeit gerade seht von vordringlicher Wichtigkeit ist, weil infolge der überall vorgenommenen Hausreparaturen und -aufsrischun- gen viel wertvolles Material unwiederbringlich verloren zu gehen droht, wie auch schon in vergangenen Zeiten von den auf puh gemalten, oder in Holz geschnittenen hausinschriflen viele verwittert, oder durch andere elementare Lin- slüsse zerstört sind.
Die volkskundliche Bedeutung einer umfassenden Sammlung dieses ehrwürdigen Brauchtums unserer Vorfahren leuchtet ohne weiteres ein; auch ihr fa° miliengeschichtlicher Wert ist nicht gering zu veranschlagen, oa namentlch in den Dörfern die Namen der väterlichen und mütterlichen Ahnen in zahlreichen Fällen durch die Inschriften überliefert werden.
Die geplante Veröffentlichung stellt für Deutschland einen ersten Versuch dar, die Hausinschriften einer größeren kulturell (wenn auch nicht sprachlich) einheitlichen Landschaft zu erfassen. Dadurch, daß sie auf diesem volkskundlichen Sondergebiet bahnbrechend vorangeht, ist die Sammlung von nicht zu unterschätzendem beispielhaften Wert.
Die den Grundstock bildende Sammlung des Amtsgevichtsrtas Karl von Baumbach (Fronhausen an der Lahn) und seines Mitarbeiterkreises — das Ergebnis vieljähriger, mühevoller Forschungen — wird jetzt sorgsam ergänzt durch eine Um
frage in denjenigen Kreisen, die den Nachforschungen des Herrn von Baumbach noch nicht oder nicht ausreichend zugänglich waren; Neuland in diesem Sinne ist namentlich auch der Kreis Wetzlar.
Die Anordnung des riesigen Materials soll in vier großen Abteilungen erfolgen; und zwar behandelt Teil 1 diejenigen Hausinschriften, welche sich auf „Die Bauwerke und das Bauen- beziehen; Teil 2 diejenigen, welche sich auf „Den Bauherrn und die anderen- beziehen. Teil 3 bringt dann die Fülle der „Inschriften allgemeinen Inhalts-, also ohne Beziehung auf Bau oder Bauherr: den verschiedenen Ständen und Be
rufen gewidmet, epigrammatische und Sprüche und Lebensweisheit; Klagen über die schlechte Welt; Rätsel- und Vexier-Inschriften usw. Teil 4 endlich faßt die „Inschriften aus Bibel und Gesangbuch- zusammen.
Alle Ortschaften, in denen eine bestimmte Inschrift vorkommt, werden innerhalb der einzelnen Kreise in alphabetischer Reihenfolge aufgefuhrt.
Ebenso werden die Inschriften der Kreise Biedenkopf und Wetzlar gesondert aufgeführt.
Der Museumsverband hofft, bei ununterbrochener Weiterarbeit etwa in einem Jahr ein druckfertiges Manuskript vorlegen zu können.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
ck. Heuchelheim, 28. Febr. Der Kredltver- ein Heuchelheim hielt dieser Tage seine 137. ordentliche Generalversammlung in der Turnhalle ab. Der Vorsitzende des Aufsichtsrates Werner R e h b e r g begrüßte zu Beginn die Mitglieder. Der Jahresbericht über das abgelaufene Rechnungsjahr wurde von dem Vorstandsmitglied Fritz Kreiling verlesen. Die Kasse wies ein befriedigendes Ergebnis aus. Zu der folgenden Vorlage der Jahresrechnung hatte jedes Mitglied die Bilanz des Jahres 1934 in gedruckter Form in Händen. Die einzelnen Posten wurden von dem Vorsitzenden erläutert. Die Versammlung genehmigte die Rechnung, und entlastete den Porstand und den Aussichtsrat. Ein Beschluß über die Verwendung des Reingewinnes wurde von der Versammlung einstimmig gefaßt. Nachdem der Vorsitzende noch einen kurzen Bericht über die stattgefundene gesetzliche Revision gegeben hatte, folgte die Ergänzungswahl des Vorstandes und des Aufsichtsrates. An Stelle des freiwillig ausgeschiebenen Direktors Hermann Römer wurde Fritz Kreiling oorgeschlagen und von der Versammlung gewählt. Als drittes Mitglied gehört jetzt dem Vorstand der schon jahrelang als Angestellter auf der Kasse beschäftigte Theodor M a n d le r an. Die drei satzungsgemäß ausscheidenden Mitglieder des Aussichtsrates Rudolf Gilbert, Ludwig K r ö ck und August Engelhardt wurden einstimmig wiedergewählt und blieben in ihren Aemtern. Die Kreditgrenzen wurden von der Versammlung neu festgesetzt. Auch die Haftsumme der Mitglieder, die für jeden Geschäftsanteil seither 1000 Mark betrug, wurde auf die Hälfte, also auf 500 Mark herabgesetzt. Als ein Zeichen einer gesunden Wirtschaftsführung im Kreditverein Heuchelheim ist es anzusehen, daß die Zahl der Sparerkonten in dem abgelaufenen Jahre bedeutend zugenommen hat. Auch die Mitgliederbewegung ist zufriedenstellend. Es gingen ab durch Tod oder Austritt 10 Mitglieder, während 15 als Zugang zu verzeichnen waren. Der Kreditverein zählt jetzt 425 Mitglieder mit 439 Geschäftsanteilen. Der Leiter der Versammlung ermahnte am Schluß noch einmal alle Mitglieder, dazu beizutragen, daß sich die Kasse auch weiterhin auf gesunder Grundlage weiterentwickelt und schloß die Versammlung mit einem „Sieg-Heil" auf Den Führer.
u. Klein - Linden, 28. Febr. Der Schützen- k l u b „R o l a n d", einer der rührigsten Vereine in unserer Gemeinde, hielt im Turnerhoim seine diesjährige Generalversammlung ab. Der erste Vereinsführer, Lokomotivführer Friedrich Stein, begrüßte den Ortsgruppenleiter Dr. Cröhmann und die Mitglieder und erstattete den Jahresbericht, aus dem u. a. zu ersehen war, daß der Verein im verflossenen Jahre das Bundespreisschießen auf seinen Schützenständen am Bergwald durchgeführt hatte. Der Verein beteiligte sich auch in starkem Maße an dem Bundesschießen in Oberbiel bei Wetzlar. Es fanden im verflossenen Vereinsjahre unter guter Beteiligung der Mitglieder drei Saalpreisschiehen statt. Die Mitgliederzahl hat sich gegen voriges Jahr erhöht, erst in den letzten Wochen erklärten noch
sechs Schützen ihren Beitritt. Der Vereinskassierer, Lokomotivführer Heinrich K e u d e l, gab den Kassenbericht, der in Einnahme und Ausgabe mit 2211,81 Mark abschließt und einen günstigen Stand der Vereinskasse aufweist. Der Ortsgruppenleiter wandte sich mit einer Ansprache an die Versammlung. In üblicher Weise wurde bann der offizielle Teil der Versammlung vom Vereinsführer geschlossen.
* Allendorf (Lahn), 28. Febr. Der sieben- jährige Sohn des Müllers Pietsch von hier erlitt durch einen unglücklichen Sturz einen Ob ersch e n- kelbruch und mußte in die Klinik nach Gießen gebracht werden.
§ Mainzlar, 27. Febr. Gestern gastierte das Kasperle-Theater Radirullala unter Leitung von Herrn Bionbi na im Saale des Gastwirtes Müller dahier. Zu der Nachmittagsvorstellung waren die Schulkinder aus den Orten Daubringen, Mainzlar und Staufenberg erschienen. Der Saal war aut besetzt. Auch die Abendvorstellung war gut besucht. Ortsgruppenwalter der DAF. Kam. Ludwig Vogel, Mainzlar, eröffnete den Abend und begrüßte herzlich die Erschienenen. Anschließend sprach der Bühnenleiter und hieß den inzwischen erschienenen Kreiswalter der „Kraft durch Freude" Christ aus Gießen willkommen. Der Kreiswalter benutzte die Gelegenheit, die Versammelten aus die Bedeutung des Amtes Reisen und Wandern in der NS.-G. „Kraft durch Freude aufmerksam zu machen. Die folgenden Darbietungen des Theaters fanden bei den Besuchern großen Beifall — Gestern abend fand in der hiesigen Kirche ein Missions-Gottesdienst statt, bet dem ein Missionar der Bastler Mission einen fesselnden Vortrag über seine Missionsarbeit in China hielt, wo er zirka 16 Jahre gewirkt hatte.
* Beuern, 28. Febr. Im Zusammenhang mit der Erzeugungsschlacht fand hier im Saale der alten Schule eine Vortragsveranstaltung statt, in der Landwirtschaftsrat N a u von der Bäuerlichen Werck- schule in Gießen über die Düngung der Halmfrucht sprach. Anschließend referierte er über den Kartoffelbau und wies hierbei auf die Bedeutung der Saatgutfrage hin. Ferner beschäftigte er sich mit der Behandlung der Wiesen und mit der Silo-Wirtschaft. Eine rege Aussprache schloß sich an. Ortsbauernführer Herrmann dankte dem Redner und schloß die Veranstaltung mit einem dreifachen „Sieg-Heil!" auf den Führer Adolf Hitler. — Die N S.- G e - meinschaft „Kraft durch Freude" veranstaltete dieser Tage im Saale Dietrich einen Kasperlabend, der außerordentlich gut besucht war. Vortragsmeister Biondio (Mainz) sprach einlei- tend über das Kasperltheater und seinen Sinn. Sodann gelangten verschiedene lustige Stücke des Kasperl zur Aufführung, die starken Beifall auslösten, insbesondere deshalb, weil der Kasperl auch mit Dorfneuigkeiten und Dorfulk aufzuwarten wußte.
> Ettingshausen, 28. Febr. Die SA. R. I und II hielten im Saale von Paulus Walter einen Kamera b sch aftsabenb ab, in dessen Mittelpunkt die Verteilung der Ehrenkreuze für Kriegsteilnehmer und Hinterbliebene
Helma lächelt.
Kriminalroman von Klothilde von Stegmann.
Urheberrochtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (S.).
19. Fortsetzung Nachdruck verboten!
21. Kapitel.
Hopman aber fand keine richtige Ruhe. Er erwachte nach einigen Stunden. Daß er Helma keine Nachricht hatte zukommen lassen, die sein Fernbleiben trotz der Depesche aufklärte, bedrückte ihn. Er hätte auf jeden Fall, selbst auf die Möglichkeit hin, sich in Gefahr zu bringen, sie unterrichten müssen. Vielleicht war sie doch in Sorge und grübelte über sein Fernbleiben nach?
Um sich abzulenken, griff er wieder nach dem chemischen Buch, in dem er nun schon seit gestern in jeder freien Minute studierte und las.
Plötzlich tanzten die Buchstaben vor seinen übermüdeten Augen — ein Ausdruck grenzenlosen Schreckens spiegelte sich in ihnen. Er sprang aus dem Bett, kleidete sich, so schnell er konnte, an, schlich die Treppen hinunter.
Die Haustür des Gasthauses war von innen verschlossen. Unhörbar drehte er den Schlüssel um, und lief in wahnsinnigem Tempo die Dorfstraße entlang, dem Schloß zu. An der Südmauer angelangt, kletterte er schnell entschlossen über die Parkumzäunung — da, ein kurzer Anruf aus der Dunkelheit, eine Taschenlampe blitzte blendend auf — ein Revolver war auf ihn gerichtet:
„Ach Sie, Herr Doktor!" klang gleich darauf verblüfft die Stimme eines Polizeibeamten, den der Kommissar hier auf Hopmans Wunsch ausgestellt. „Beinah hätte ich geschossen. Was machen Sie denn hier?"
Aber Hopman antwortete nicht. Er flüsterte nur: „Hierbleiben! Aufpassen! Wenn ich dreimal schieße, dann kommen Sie sofort!"
Mit diesen Worten sprang er von der Mauer herunter. Im nächsten Augenblick war er im Dunkel des Gartens verschwunden.
Er schlich geduckt in der Finsternis weiter den Weg, den er von seinen Forschungsgängen ja genügend kannte. Und außerdem fand er sich wie ein Tier im Dunkeln zurecht.
Endlich war er an der Front des Schlosses angelangt. Das große Gebäude lag dunkel und ruhig da. Er schlich weiter und sah, gedeckt von einem großen Buschwerk, nun zu Helmas Schlafzimmerfenster empor.
Gottlob, sie waren dunkel. Alles schien ruhig zu sein. Und vor allem: eins der Fenster stand weit offen. Deutlich sah man, wie sich die weißen Fenstervorhänge im Winde bewegten.
Gerade wollte Hopman sich beruhigt zurückziehen — da glaubte er ein leises Geräuschs zu hören. Und auf einmal sah er, wie sich die Flügel
des offenen Fensters leise schlossen und mit einem kleinen Schnappen zugingen.
Einen Augenblick lauschte Hopman, überlegte blitzschnell. Vielleicht hatte Helma selbst das Fenster geschlossen, weil es zu kühl wurde? Aber wie kam es, daß sie kein Licht gemacht hatte?
Da setzte sein Herzschlag rasend ein. Er erkannte die Gefahr, die er erst für die kommenden Tage errechnet hatte.
Er lief unter dem nun geschlossenen Fenster vorbei bis an die Terrasse, von der aus eine Pergola ihre Pfeiler weit hinausstreckte zum ersten Stock des Schlosses. Er warf seinen Rock und seine Schuhe ab. Dann kletterte er wie eine Katze an dem hölzernen Mittelpfeiler empor. Ein Gangfenster stand angelehnt. Er zwängte sich lautlos hindurch und kam auf einen schmalen Korridor.
Dort sah er sich ratlos um. Er wußte nicht, wo er sich befand. Aber nun hörte er eine Tür gehen, dann ein Laufen wie von nackten Füßen. Er entsicherte seinen Revolver und schlich den Schritten nach.
Um die Biegung des Ganges, der von einer nächtlichen Deckenlampe schwach erleuchtet war, sah er eine weibliche Gestalt huschen.
War es Helma? Aber wieso kam sie aus einem ganz entlegenen Teil des Schlosses? Denn nun erkannte er den Weg. Er befand sich auf einem Seitengang, der direkt auf den Hauskorridor und zu Helmas Schlafzimmer führte.
Lautlos schlich er auf Strümpfen der dahinrennenden Gestalt nach, die auch offenbar nichts von dem spürte, was um sie herum war und nur den einen Gedanken zu haben schien: vorwärts!
Nun war er dicht hinter der laufenden Gestalt. Es war nicht Helma — es war Fanny, ihre Zofe. Sie rannte auf Helmas Schlafzimmertür zu. Da war Hopman mit einem Sprung hinter ihr, riß sie herum, hielt ihr die Hand auf den Mund, daß der Schrei aus der Kehle des Mädchens erstickt wurde.
Schon war eine Pistole vor dem angstverzerrten Gesicht.
„Was gibt es da drinnen?" flüsterte er rasend. „Ich bringe Sie um, wenn ich es nicht sofort erfahre!"
Er lockerte den Griff seiner Hand auf dem Munde des Mädchens, und nun kam es wie ein Hauch:
„Helfen Sie! Sie bringen sie um — drinnen. Sie haben die Klingel abgeschnitten — und dann Gift, Gift!"
Ohnmächtig sank sie an der Tür zusammen.
Hopman schwammen rote Kreise vor den Augen. Eine wilde, verzweifelte Wut kam über ihn, die er sonst selbst in Augenblicken der höchsten Gefahr nicht gekannt. Im Gegenteil: je gefährlicher die Situation, desto ruhiger wurde er sonst. Aber hier — hier ging es nicht mehr um einen Fall, der ihm übertragen — hier ging es um ein Menschenleben, das ihm teuer, teuer ...Es ging um das Mädchen, das er liebte.
Wild sah er sich um. Ein schwerer Eichenstuhl stand neben ihm an der Wand des Korridors. Er ergriff ihn — ein Schlag, ein Splittern, ein Dröhnen? Die Türfüllung war eingeschlagen.
Mit erhobenem Revolver wollte Hopman hinein. — Drinnen ein Wutschrei aus einer Männerkehle. Eine gespenstische Gestalt mit einer Gasmaske vor dem Gesicht warf sich herum. Ein Schwaden giftiger Luft kroch wie ein böses Tier durch die eingeschlagene Tür zu Hopman, daß er zurückwich.
Und schon klang vom Fenster her ein Klirren, und die gespenstische Gestalt war hinaus — wie von der Dunkelheit verschluckt. Hopman riß einen kleinen Teppich, der draußen im Korridor lag, empor, warf ihn sich über den Kops, steckte sich sein Taschentuch wie einen Knebel in den Mund und raste durch das giftgeschwängerte Zimmer zum Fenster, das er vollends aufstieß. Dann öffnete er auch das zweite Fenster. Weit und klar strömte die Nachtluft herein. Hopman hielt feinen Revolver hinaus, und drei peitschende Schüsse klangen wie ein unheimliches Warnungssignal in die Nacht.
Und schon hörte er das Anlassen von Motorrädern, die in schneller Fahrt sich dem Schloß näherten.
Hopman hielt noch immer den Kopf zum Fenster gewandt. Er hatte ja nur das giftschwadenerfüllte Zimmer durchschritten, aber das hatte schon genügt, um ihm eine schwere Betäubung und Uebelkeit zu verursachen, die er nur mühsam niederkämpfte.
Endlich aber siegte die reine Herbstluft, die nun ungehindert ins Zimmer strömte. Er vermochte sich ins Innere des Zimmers und dem Bett zuzuwenden.
Da schrie er auf: Bleich und ohne Regung lag Helma von Bodenberg auf ihrem Lager — wie eine Tote. Das Licht der Lampe über dem Bett beschien ihr regungsloses, wächsenes Antlitz und beleuchtete das geöffnete, leere Safe. Auf dem Fußboden aber, halb durch ein Tuch verdeckt, schimmerte der Weihkelch in mattem Glanz. Aber für ihn hatte Hopman jetzt keinen Blick.
Mit angstvollem Griff riß er das bewußtlose Mädchen empor und trug es auf den ausgeftrejften Armen durch die Dünste, die nun schwächer, aber doch noch deutlich fühlbar in dem Raum lagen.
Er stieß mit dem Fuß die Ueberrefte der zersplitterten Tür auf. Da erhob sich vor ihm auf dem Korridor mühsam die Gestalt Fannys. Mit einem schluchzenden Laut ergriff »sie die schlaff herabhängende Hand Helmas.
„Ist sie tot?" schrie sie auf, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen. „Ich wollte sie retten, aber die Tür war von innen verschlossen. — Wenn sie tot ist, dann sterbe ich auch."
Sie machte Miene, an Hopman vorüber ans Fenster zu stürzen. ..
„Jetzt sind Sie vernünftig! befahl Hopman streng. „Wenn Sie Ihr Vergehen gutmachen wollen, so helfen Sie mir jetzt! Vielleicht ist doch noch Rettung! Wohin tarnt ich Fräulein Helma betten?"
Da raffte Fanny sich aus ihrer Verzweiflung auf. Sie öffnete die Tür zu dem gegenüberliegenden Zimmer.
„Das haben wir für den jungen Baron fertig gemacht. Hier das Bett ist ganz frisch überzogen.
Sanft legte Hopman Helma nieder. Da sah er, wie das Mädchen mit einer Gebärde des Schreckens einen Strauß immergrüner, eigentümlich geformter Nadelzweige ergriff, die in einer Vase steckten, und sie zum Fenster hinausschleuderte.
Vom Bett her kam ein leiser Freudenlaut. Fanny wandte sich um und sah, wie Hopman sich mit glücklichem Gesicht über Helma beugte:
„Wir können Gott danken", sagte er ernst, „sie atmet! Sie lebt!"
Da sank Fanny mit einem Lächeln der Erlösung an dem Bett nieder.
„Bewachen Sie das gnädige Fräulein!" sagte Hopman. „Ich glaube, jetzt kann man Ihnen vertrauen."
Das Mädchen hob die Augen zu dem ernst forschenden Männergesicht:
„Ja!" flüsterte sie.
Hopman warf noch einen prüfenden Blick auf Helma, die in einem ruhigen, tiefen Schlaf lag.
„Dem gnädigen Fräulein droht keine Gefahr mehr", sagte er schnell. „Erst müssen Sie mir erzählen, damit ich weiß, was das alles bedeutet. Später werden wir den Arzt rufen lassen."
„Sie werden mich bei der Polizei anzeigen — nicht wahr?" flüsterte Fanny angstvoll. „Und es geschieht mir auch recht. Ich habe es ja nicht besser verdient."
„Das werde ich nicht tun", gab Hopman gütig zur Antwort. „Sie haben ja das gnädige Fräulein gerettet, und was Sie an Schuld auf sich genommen, haben Sie dadurch wieder gutgemacht. Wenn Sie mir nun noch lückenlos Aufschluß geben über alles, verspreche ich Ihnen, daß ich bei Fräulein von Bodenberg ein gute Wort für Sie einlege."
Da küßte Fanny unter heißen Tränen die Hand des Detektivs und begann bann in fliegender Eile — denn es war nicht viel Zeit zu verlieren — zu erzählen.
Hopmans Gesicht wurde nun eifern. Ein gefährliches Leuchten stand in feinen Augen, als er Fannys Bericht anhörte.
„Gott fei Dank!" sagte er. „Ich war auf der falschen Fährte und doch auf der richtigen. Sie bleiben jetzt bei dem gnädigen Fräulein, bis sie sich erholt hat. Das Telephon darf nicht benutzt werden. Wenn Sie mich erreichen wollen, klopfen Sie dreimal gegen die Decke unten. Ich werde einen sicheren Mann in dem darunterliegenden Zimmer stationieren. Im übrigen verhalten Sie sich vollkommen still. Schließen' Sie die Tür zum Nebenzimmer, loschen Sie das Licht. Es wird sich noch Verschiedenes ereignen, aber kümmern Sie sich nicht barum."
(Fortsetzung folgtI)


