Ausgabe 
1.2.1935
 
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Nr. 27 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheilen)

Zreitag, L Februar 1955

Spaziergang durch die Berliner Porzellan-Manufaktur

Eine Gründung Friedrichs des Großen. Fabrik mit Handbetrieb.

Wer sich nicht durch Augenschein einmal über den komplizierten Entwicklungsgang der Por­zellanerzeugung unterrichtet hat, vermag sich kaum ein Bild davon zu machen, wieviel Mühe und Sorgfalt und wieviel Sachkenntnis dazu gehört, bis der wassergetränkte Schmutz aus Kaolin, Feldspat und Quarz zum herrlichen zarten leuchtenden Geschirr auf der Festtafel geworden ist.

Neben den Produktionsstätten fast aller in Deutsch­land vorkommenden Industriezweige birgt Berlin, Deutschlands größte Industrie- und Handelsstadt', auch eine bedeutende und auf ein hohes Alter zurück- blickende Porzellanfabrik: die Staatliche (e h e - malsKönigliche) Porzellan-Manufak­tur, die ihre Entwicklung mit Stolz auf Friedrich den Großen zurückführen kann.

Den besten Eindruck gewinnt man, wenn man den guten Rock auszieht und sich im technischen Betrieb umherführen läßt; vor allem, wenn dabei der Ma­nufakturdirektor Professor Dr. Freiherr v o n P e ch - mann selbst einmal den Führer spielt.

Die Porzellanmacher sprechen eine besondere Fachsprache, die nicht jedem von vornherein verständlich ist. Was soll man sich darunter vor- stellen, wenn von Biskuitporzellan, Weich­porzellan oder P a r i a n die Rede ist? Mit der Bäckerei hat das eigentlich nur wenig zu tun, wenn auch der Borbereitungs- und der Brennprozeß äußerlich in mancher Hinsicht an die edle Zunft der Kuchenbäcker erinnert. Aber in den großen Qefen, in denen das Porzellangut" odergar" gebrannt wird, würde der Brotteig schon bald in Flammen aufgehen. Denn die Hitzegrade sind von einer viel größeren Intensität. Trotzdem aber muß die Tem­peratur in den Qefen sehr sorgfältig geregelt und beobachtet werden, denn das Porzellan ist höchst empfindlich. Und nur zu leicht bricht die spröde Masse, wenn sie nach dem ersten oder zweiten Brand nicht sehr sorgsam und schonungsvoll behan­delt wird.

Bei den Hitzegraden von weit über tau­send Grad sind die üblichen Thermometer natür­lich nicht zu verwenden. Wenn die Schamottekapseln in die Brennöfen eingeführt und diese zugemauert< worden sind, bleibt ein kleines Guckloch ausge- | spart, durch das der Hüter der Qefen den Fortgang 1 der Prozedur beobachten kann. Im Innern find sog. Seger-Kegel aufgestellt, die, wenn sie weich werden, die Temperaturentwicklung anzeigen. Es gibt eine ganze Anzahl von verschiedenen Misch­rezepten, aus denen die kleinen Kegel zusam­mengestellt werden, damit sie ebenso verschiedene Temperaturgrade zu melden vermögen. Brenndauer und Brenntemperatur hängen von den Eigenschaften ab, die man dem Porzellan geben möchte.

Tausenderlei ist beim Porzellanbrand zu beobachten, damit die Farben der Malerei, der Schwund der Porzellanmasse, die Porösität, die Standfestigkeit und die Widerstandskraft gegen me­chanische und chemische Einflüsse den gestellten Be­dingungen entsprechen kann. Die besondere Härte der Erzeugnisse gerade der Berliner Staatlichen Porzellan-Manufaktur und ihre leuchtenden Farben s. d das Ergebnis von über 150 Jahren langsamer und stetiger Entwicklung und Praxis. Ob die Malerei von Hand oder auf mechanische Weise über oder unter die Glasur aufgetragen wird, ist ebenfalls von großem Einfluß auf das Endprodukt.

Die Porzellanmalerei ist eine Kunst für sich, die hohe Anforderung an das technische Können und das künstlerl'che Empfinden des Malers stellt. Man stellt heute auch Porzellane her, die in der Masse gefärbt oder die mit einer anders­farbigen Masse überzogen sind und vergrößert so die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten.

Ein besonderes Gebiet ist heutzutage das tech­nische Porzellan, das gerade in der Ber­liner Manufaktur das Rückgrat der Verkaufsoraa- nisation und derStolz der Firma" geworden *. Wer kennt nicht die gewaltigen Isolatoren, die jetzt in nie geahnten Dimensionen gezeigt wer­den? Wer würde vermuten, daß es Porzellanröhr- chen gibt, die erheblich dünner als eine Strick- nabel sind und die doch zwei- oder dreimal der Länge nach durchbohrt wurden? Wer weiß davon, daß man heute Bakterienfilter Herstellen kann, in denen durch unglasiertes Porzellan die feinsten Lebewesen abgefiltert werden können, die das Mikroskop zu erkennen vermag? Aber selbst wenn man die schwierige Arbeit beidurchbrochenen" Ge­

fäßen kennt oder wenn man weiß, daß scharfkantige viereckige Schalen und Töpfe besonders auserlesene Meisterarbeit verlangen, kann man alles das nur richtig würdigen, wenn man die immerhin grob­schlächtig anmutenden Verfahren kennengelernt hat, die üblicherweise bei der Porzellanherstellung ge­bräuchlich und unersetzlich sind.

Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, wenn sich aus den erdigen Rohstoffen mit Hilfe des rußigen Braunkohlenfeuers in schmutzigen Qefen allmählich die kostbaren Werke der Künstler- h a n d herausschälen, die in er st er, zweiter und dritter Wahl für den Konsum bereitge­stellt und von dem Ausschuß getrennt werden. Man muß sie einmal genau betrachten, die feingliedrigen Figuren, die zartblättrigen Blumen, das dünn­wandige, durchscheinende Service, die ausdrucks­vollen Plaketten und Büsten und sich dann den Produktionsprozeß vor Augen führen, um ermessen zu können, welches Wunder man in der Hand hält.

Viel, sehr viel Handarbeit wird in der Por­zellan-Manufaktur gebraucht; Chemiker, Künstler und Arbeiter müssen mit dem tüchtigen Kaufmann an einem Strang ziehen, um gute Ware herzustel­len und sie trotz der Krisenzeiten zu angemessenen Preisen verkaufen zu können. Denn neben der volkswirtschaftlichen Bedeutung der Porzellan- industrie hat sie eine hohp künstlerische und kunst­gewerbliche Aufgabe zu erfüllen, ohne daß sie des­halb dem Staate irgendwie zur Last fallen darf.

Mchlliche Gedenkstunde für Siimnsiihrer Milewski.

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An der Todesstätte des Berliner Sturmführers Hans Eberhard M a i k o w s k i, der nach dem historischen Fackelzuge am 30. Januar 1933 in Charlottenburg unter den Kugeln kommunistischer Mordbuben fiel, wurde, wie schon gestern ausführlich berichtet, am Jahrestage feines Todes eine nächtliche Weihestunde veranstaltet. Reichsminister Dr. Goebbels (rechts hinter dem Mikrophon) sprach zum Gedenken des toten Kameraden. *

Jeder kann mithelfen am Aufbau und Ausbau dieses wichtigen Industriezweigs, wenn er zu­gleich seinem Schönheitssinn nachgebend dafür sorgen würde, daß schadhafte Stücke des täglichen Geschirrs rechtzeitig ausgetauscht und ersetzt werden. Denn Porzellan ist nicht nur deutsches Er­zeugnis aus deutschen Rohstoffen, sondern es ist außerdem schön und billig.

Kunst und Wissenschaft.

Professor Dr. Pazaurek f.

Der bekannte frühere Direktor des Landesge­werbemuseums, Professor Dr. Gustav E. Pazau­rek, ist im Alter von nahezu 70 Jahren im Ruhe­stände g e st o r b e n. Pazaurek war Deutschböhms von Geburt und wurde im Jahre 1906 nach Stutt­gart berufen, wo er im Landesgewerbemuseum alle Gebiete des Kunsthandwerks und Gewerbes verwaltete. In zahlreichen Veröffentlichungen hat Ä sich besonders mit Gläsern befaßt, auch schrieb er über guten und schlechten Geschmack; weitbekannt wurde das von Pazaurek geschaffeneKitsch- Museum".

Ehrentag der schwäbischen Dichtung.

Die Reichsschrifttumskammer veranstaltet vom 9. bis 11. Februar in Stuttgart einen Ehrentag der schwäbischen Dichtung. Es ist eine Reihe von Veranstaltungen im Landestheater, im Deutschen Auslandsinstitut und in der Universität Tübingen vorgesehen. Hierbei werden der Reichs­statthaller und der Präsident der Reichsschrifttums­kammer sprechen. Die Veranstaltung gilt in erster Linie der schwäbischen Dichtung. Der Ehrentag der schwäbischen Dichtung ist der Auftakt zu einer Reihe weiterer Veranstaltungen, in denen die Dichtung der einzelnen deutschen Landschaften hervorgehoben wer­den soll.

Olympischer Wettbewerb des deutschen Schrifttums.

Die Reichsschrifttumskammer hat einen Aus- scheidungs w e 11bewerb des deutschen Schrifttums zur Olympiade 1936 aus­geschrieben. Er soll dazu dienen, die Werke zu er­mitteln, die Deutschland für die olympische Aus­zeichnung innerhalb des Kunstwettbewerbes vor­schlägt. Die drei besten Einsendungen werden außer­dem mit einem Ehrenpreis von 1000 R M. und zwei Ehrenpreisen von je 500 RM. ausgezeich­net. Zur Beteiligung sind veröffentlichte und unver­öffentlichte Werke des Schrifttums in der Form eines Romans, einer Novelle, einer Erzählung, einer Kurzgeschichte, eines Schauspieles oder Hörspieles, eines Textbuches zu musikalischen Werken, eines Sprechchores, einer Filmvorlage, eines Drehbuches ober einer Verrichtung (Lieb, Ballabe, Hymne, Kantate ufm.) geeignet. Die Werke müssen nach bem 1. Januar 1932 geschaffen ober veröffentlicht sein unb bürfen nicht im Wettbewerb ber 10. Olympischen Spiele in Los Angeles 1932 gestanben haben. Es bürfen nur Werke eingereicht werben, bie Bezie­hungen zum Sport aufweisen. Einzelheiten finb beim Reichsverbanb beutscher Schriftsteller, Berlin W 50, Nürnberger Straße 8, zu erfahren.

Opernaufführung in Darmstadt.

Im Hessischen Lanbestheater in Darmstabt fand in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste sowie bes Komponisten bie Uraufführung von Wolf­gang R i e b e l s OperDer Tob bes Johan­nes A P r o" statt. Der Tonbichter lebt feit länge­ren Jahren in Rosenheim in Oberbayern, wo er als Chorleiter tätig ist. In musikalischen Kreisen ist Wolfgang Riebel namentlich burch sein Liebschaffen bekannt geworben. Sein großes Werk für Chor unb OrchesterTraumbilb" ist vielfach zur Aufführung

Gottfried Keiler und der Film.

Hermine und die sieben Aufrechten" im Lichtspielhaus.

Das hätte sich Herr Gottfrieb Keller, Alt- Staatsschreiber unb Ehrenmitglieb bes Züricher Stadtsängervereins, als er Anno 1860 soherrlich fleißig" war, die Hände voll Tintenkleckse hatte und an seiner schweizerischen Patriotenklub-Geschichte knorzte", nicht träumen lassen, daß seine sieben Aufrechten oder Freiheitliebenden, Vaterlands­freunde, Erzpolitiker und strenge Haustyrannen, genau 75 Jahre später eine so lebendige Aufer­stehung würden feiern können: verwandelt von den Zauberkünsten einer neuen Zeit, dennoch unver­fälscht und seines Geistes und Blutes so natür­lich und unverdorben wie jene Regine, deren trauriges Schicksal er im achten Kapitel vornSinn­gedicht" beschrieben hatte.

Wir aber, die Zeitgenossen, denen doch die Zauberkünste der Kamera nicht mehr fremd sind, sondern sehr vertraut und alltäglich, bestaunen etwas anderes: daß nämlich zwei Meisterwerke des deutschen Films, kurz nacheinander, vor uns ent­standen sind ... beide aus jener literarischen Gat­tung, welche wir bisher, aus manchen trüben Er­fahrungen, nur mit Mißtrauen und selten ohne Aerger und gewichtige Einwände zu betrachten ge- wohnt waren. Was folgt daraus? Etwas ver­blüffend Einfaches, die Erkenntnis: auch ein Film, der auf eine echte Dichtung zurückgreift, kann ein neues, eigenes und ebenbürtiges Kunstwerk wer­den, sofern der Stoff in die rechten Hände gerät. (Es soll hernach noch ausführlicher davon die Rede fein.)

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BeiRegine" lag der Fall ein wenig anders; da hatten die Bearbeiter entschieden in die Vor­lage eingegriffen, dergestalt, daß recht eigentlich das von Keller knapp und scharf umrissene Grund- motiv der Fabel den Rohstoff für die optische Neu- . geftaltung abgab. Hier nun, imFähnlein", ist, ab­gesehen vorn Titel, grundsätzlich so wenig geändert, daß man nach der Lektüre (auch davon sprechen vir noch) fast jede Szene des Films voraussagen 2ann. So oder so, möglich ist beides, entscheidend wird in beiden (und allen ähnlichen) Fällen dies sein, daß man am Ende die Dichtung und das Filmwerk gelassen nebeneinander stellen, nebenein­ander betrachten und auf sich wirken lassen kann, ohne daß das eine vor dem andern sich zu ver­stecken oder zu schämen braucht. Wenn es so ist, dann wird der Film sein Prädikatkünstlerisch wertvoll" mit Recht und mit Stolz tragen und oor- weisen können.

In die rechten Hände, sagten wir, muh der Stoff oder das fertige Kunstwerk des Dichters geraten. Dann kann nichts geschehen und dann ist alles gut, und das ist zum Glück hier wie in derRegine" der Fall gewesen. (Denn wir würden es unerträg­

lich finden, wenn ein Stümper oder Kitschbold sich an Dinge heranwagte, die längst ihren unbestritte­nen und unangreifbaren Ehrenplatz in der Ge­schichte der deutschen Dichtung haben.) Was den FilmHermine und die sieben Aufrechten" betrifft, so hat ihn ein Mann inszeniert, dessen Name uns zwar bisher auf der Leinwand noch nie begegnet ist, der sich aber durch seine Leistung sofort legiti­miert hat. Seine Spielführung ist, dies scheint uns wichtig zu sein, vor allem ausgezeichnet durch zwei

^ottfriedKe'l-r.

Nach einer Radierung von Karl Stauffer-Bern.

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Eigenschaften: Respekt und künstlerisches Tempera­ment. Wer ohne Ehrfurcht an ein Kunstwerk heran­geht, um ein neues daraus zu machen, wird alle­mal Schiffbruch leiden. Der Regisseur Frank W y s- bar, das merkt man bald, hat seinen Film aus Liebe zu Keller und mit Liebe geschaffen, ohne Ehrgeiz am unrechten Ort und ohne verstimmende Eigenmächtigkeiten; er gab dem Dichter, was bes Dichters ist und immer bleiben wird. Was er kann, sieht man sogleich überall da, wo er unter eigenem Gesetz steht und über das Buch hinausgreift mit feinen Mitteln. Man sieht es daran, wie er den Schauplatz Stück für Stück abtastet, ins Bild rückt und lebendig macht; wie zart und leicht verschleiert er die Landschaft einfängt in den Szenen etwa, wo das junge Liebespaar im Boot über den See treibt. Man sieht es auch daran, wie er die Kellersche Einzelszene nachzeichnet, wie er die Hauptfiguren besetzt und Charaktere herausarbeitet. Und endlich I ein reih optisch außerordentliches Motiv, Höhe­

punkt, Schlußpunkt und Lösung der Novelle, das große Schützenfest: von der Ausfahrt der Sieben mit Büchse, Zylinderhut und wehendem Fähnlein vierelang zum Stadttor hinaus bis zu dem ganz impressiv erfaßten Scheibenschießen und der fest­lichen Rede des jungen Karlvor tausend Men­schen" eine meisterlich bewältigte und gegliederte Leistung; Regieführung mit Sinn für Farbe, Stimmung, Bewegung und überlegen geführter Masse.

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Unter den Charakterköpfen der sieben alten Patrioten heben sich zwei besonders hervor, die auch bei Keller durchaus die erste Geige spielen: Heinrich George gibt den Zimmermeister Fry- mann; er macht eine prachtvoll lebendige Gestalt daraus, einen Patrioten, Patriarchen, Hausvater und Haustyrannen, aufrechten und würdigen Bür­ger von altschweizerischem Schrot und Korn, wie er im Buche steht, aber mit Humor und einem kind­lichen und guten Herzen. Der Dichter selbst würde, wenn er ihn hätte sehen können, kaum etwas wider ihn einzuwenden gehabt und sich vielleicht gewun­dert haben, wie ähnlich ihm, in manchen Augen­blicken, der Schauspieler in Maske und Haltung werden konnte.

Den Hediger macht Paul Henckels; sein rhei­nisches Temperament steht zu Georges Erscheinung in lebhaftem Kontrast: eine Kabinettfigur mit vie­len runden Einzelzügen und eine darstellerische Lei­stung, die neben fernem Wibbel wie neben dem Datterich in Ehren besteht. Karin Hardt ist die Hermine und sieht genau so aus, wie man sie sich nach dem Lesen vorstellt, sehr jung, sehr zart, aber nicht süßlich, sondern auch mit Mundwerk und herzhafter Fröhlichkeit begabt. Wir haben diese Schauspielerin noch nie so sicher und so persönlich gesehen; die kleine Szene mit dem Kampf um den Kuß gehört zu den schönsten Eindrücken des Films. Albert Lieven als Karl: wir kennen ihn aus der Reifenden Jugend"; hier ist er knapper, männ­licher und minder kompliziert; man glaubt ihm die Küsse und die Treffer am Scheibenstand ebenso wie die begeisterte Rede vor dem Präsidenten.

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Wir wollen darauf verzichten, auf weitere Ein­zelheiten der Besetzung einzugehen; es wäre da noch manches zu sagen. Aber wir möchten lieber zum Ausgangspunkt zurückkehren: vom Drehbuch zur Vorlage, vom Film zur Novelle, von Wysbar, George und Karin Hardt zu Gottfried Keller. Wir haben uns, um noch ein letztes Beispiel vorzubrin­gen, daran gefreut, wie fein der Spielleiter ein Motiv, das er bei der Taufe feines Werkes unter­schlagen hatte, bildhaft zu formen und auszuwerten verstanden hat: nicht allein, daß wir die Entstehung jenes Fähnleins aus grüner Seide mit dem ein­gestickten Wahlspruch und dem Schweizer Wappen von der auf den Wirtstisch hingestrichenen Zeich­nung bis in die Nähstube der tüchtigen sieben Ehe­weiber hinein verfolgen es diente auch auf eine I überaus sinnfällige, der Kunst bes Erzählers aber

unzugängliche Weise dazu, ein Stück Vorgeschichte anzudeuten, Vergangenheit und Gegenwart in ein paar Augenblicken zu überbrücken und so die sieben Ehrenfesten zu erklären samt ihren Ideen unb ihren Idealen.

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Unb da scheint es an der Zeit zu sein, sich ein­mal zu erkundigen, wie das denn im Buche ge­wesen ist, und wie der Staatsschreiber, Bürger unb Dichter Gottfried Keller das gemacht hat. Grund­sätzlich gesprochen: wir finden, daß der gute lite­rarische Film nicht allein Selbstzweck ist, sondern, außerdem noch eine Mission zu erfüllen hat, die gerade heute von Wert und Wichtigkeit ist: die Tausende nämlich, an deren Augen er vorüber­zieht, in großen und kleinen Städten in ganz Deutschland, vom Sehen zum Lesen, von der Lein­wand zum Buch zu führen. Nicht bloß um jener Probe willen, von der wir vorhin sprachen, mag, wer den Film gesehen und sich an ihm gefreut hat, heimgehen und sich das Buch hervorholen und das Fähnlein" nachlesen. Es lohnt sich und wird den Genuß erhöhen und verfeinern, den Eindruck des Gesehenen zugleich bestätigen und vertiefen, wenn man sich etwa in den köstlichen Disput der sieben Aufrechten um die Ehrengabe in Kellers Schilde­rung vertieft, oder in das heiter-zarte Idyll mit denMäusen" am Kaffeetisch, oder in die wahrhaft groteske nächtliche Kasernenszene.

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Das waren Einzelheiten und sie sollen nur als Beispiel gelten. Aber vielleicht ist es nicht übel, bei einem Anlaß wie diesem auf Grundsätzliches und Allgemeines hinzuweisen: wie nämlich vomFähn­lein" ganz ohne Zwang, einladend und geradezu der Weg sich öffnet zu den übrigen Züricher Novellen, und von diesen zu denLeuten von Seldwyla", zumGrünen Heinrich", zum Sinn­gedicht" und zu den Köstlichkeiten der sieben Legen­den. Manche werden gewiß des Umweges über das lebendig-bewegliche Bild nicht bedürfen, aber viele werden dankbaren Herzens auf solchem Um­weg Zugang und Eingang finden zu einer großen und reichen, vielgestaltigen und klassisch gewordenen deutschen Erzählkunst; sie ist nicht einmal alt, stammt aus dem Jahrhundert unserer Väter unb ist, unter uns gesagt, noch immer zu schade dazu, im Bücherschrank ungelesen zu verstauben. Wir wissen sehr wohl, daß es nicht ganz leicht ist, den Zugang zu Keller zu finden, wenn man an der verkehrten Stelle zu lesen beginnt. Aber wir wissen auch, welche gesunde Lebensfrische und Weisheit, wieviel herzergreifender Humor, wieviel echte unb unverwelkte Poesie sich in diesen Bänden bergen; welch eine Fülle unvergeßlicher Gestalten, Junge und Alte, Männer und Frauen, Verliebte und Be­trübte, Schlimme und Heilige, Ritter und Teufel, die sieben Aufrechten und die drei Gerechten, Ju­dith und Anna, Ursula und Eugenia und die kleine himmlische Tänzerin Musa ...

Daran wollten wir gerne bei dieser Gelegenheit einmal erinnert haben.r