Aus der Provinzialhauptstadt.
Senkung der Gebühren für dieprüfung von Kraftwagen und -führern in Heften.
Die Staats Pressestelle teilt mit: Es ist bekannt, daß aus Anregung des Reichskanzlers die amtlichen Gebühren für die Prüfung von Kraft, wagen und Kraftwagenführern gesenkt wurden. Die neuen amtlichen Sätze ergeben sich aus folgenden zwei Tabellen:
A. Für die Prüfung von Kraftfahr- zeugen.
Angabe des Prüfungsgefchäfts. I. Für die Typenprüfung. 1. am Wohnsitz des Sachverständigen: für einen Kraftwagen 60, für ein Kraftrad 25; 2. außerhalb des Wohnsitzes des Sachverständigen: für einen Kraftwagen 75, für ein Kraftrad 32,50 Mark. II. Für die Prüfung einzelner Kraftfahrzeuge: 1. am Wohnsitz des Sachverständigen: für einen Kraftwagen 15, für ein Kleinkraftrad (Antriebsmaschine) 7, für ein anderes Kraftrad 10; 2. außerhalb des Wohnsitzes des Sachverständigen: für einen Kraft- wagen 18, für ein Kleinkraftrad (Antriebsmaschine) 10, für ein anderes Kraftrad 13 Mark.
B. Für d i e Prüfung von Kraftfahr- zeugführern.
Angabe des Prüfungsaeschäfts. Kraftwagen — Krafträder. 1. Für die erf'e Prüfung von Führern am Wohnsitz des Sachverständigen 10 (Krafträder 7,50), außerhalb des Wohn itzes des Sachverständigen 13,50 (10,50) Mark; 2. ür jede weitere im gleichen Prüfungstermin mit demselben Prüfling ab- gehaltene Prüfung für ein Kraftfahrzeug einer an- deren Betriebsart oder Klaffe 6 (3) Mark.
Die neuen Gebührensätze gelten mit Wirkung vom 26. August 1933. Es wird jedoch darauf hinge- wiesen, daß bei Vornahme derartiger Prüfungen durch die Beamten der Hessischen Dampfkesielinspek- tion zu Darmstadt, Heinrichstraße 56, die Gebühren im Voraus auf das Postscheckkonto der Hessischen Dampfkesselinspektion (Frankfurt a. M. Rr. 70 000) einzuzahlen sind, da Prüfungen sonst nicht oorge- nommen werden können.
Die Senkung der Prüfungsgebühren beträgt gegenüber den alten Sätzen etwa 20 bis 30 v. H. durchschnittlich. Die Gebühren für Feststellung des Hubraumes (Zylindernachmessung) betragen
wie seither:
1. Kraftwagen
2. Kraftrad
3. Kleinkraftrad (bis zu 200 ccm).
Darmstadt 5,— RM. 3,75 „ 2,50 „
außerhalb 8,— RM. 6,75 „ 5,50 „
Für die Prüfungen außerhalb Darmstadts beträgt der Zuschlag von 1 bis 3 nicht mehr 5 RM., sondern nur 3,— RM.
Welche Ersatzbeschaffungen sind fteuerfrei?
Auskunft durch die Finanzämter.
Trotz der amtlichen Erläuterungen zum Gesetz über Steuerfreiheit für Ersatzbeschaffungen und der dort gegebenen Beispiele werden im Einzelfalle noch Zweifel bestehen können, ob die Voraussetzungen des Gesetzes gegeben sind. Damit aber solche Zweifel, soweit möglich, beseitigt werden, bevor der Steuerpflichtige sich zur Ersatzbeschaffung entschließt, hat der Reichsfinanzminister angeordnet, daß die Steuerpflichtigen ihr Finanzamt um Auskunft darüber bitten können, ob ihnen die Sterervergünsti- gung zusteht. Sie haben dabei dem Finanzamt die Angaben zu machen, deren es zur Prüfung der Frage bedarf. Dazu gehört insbesondere
1. Beschreibung des neuen und des alten Gegenstandes;
2. Mitteilung über den Zeitpunkt der Anschaffung oder Herstellung des alten Gegenstandes und darüber, was mit dem alten Gegenstand geschieht;
3. Mitteilung über den Zeitpunkt der Ersatzbeschaffung;
4. Mitteilung über die Maßnahmen, die sicherstellen, daß die Verwendung des neuen Gegenstandes nicht zu einer Minderbeschäftiaung von Arbeit- nchmern im Betriebe des Steuerpflichtigen führt.
Das Finanzamt hat diese Angaben zu prüfen und dem Antragsteller mitzuteilen, ob es glaubt, dem Steuerausschuß Vorschlägen zu können, die Steuervergünstigung zu gewähren. Jede Auskunft des Finanzamtes soll aber den Hinweis darauf enthalten, daß eine endgültige Entscheidung erst im Veranlagungsoerfahren getroffen wird.
Außerordentlicher Dekanatstag
-es Dekanats Gießen.
Gestern vormittag trat im Johannesfaal zu Gießen ein außerordentlicher Dekanatstag des Dekanats Gießen zusammen. Er wurde nach dem Lied „Lobe den Herren, o meine Seele" mit einer biblischen Ansprache von Pfarrer Reusch - Leihgestern über Osfb. 21,5: „Siehe, ich mache alles neu!" eröffnet. Sein Thema war: „Das neue Deutschland ruft", und er gab Antwort auf die beiden Fragen: „Wer ruft?" und „wie sollen wir hören?". Sein Appell, als Gottes Werkzeuge auf seinen Ruf in dieser großen Zeit zu hören, klang aus im Gebet.
Dekan Gußmann-Kirchberg begrüßte neben den Abgeordneten als Gast den Herrn Superintendenten Oberkirchenrat D. Wag - n e r. Sein Blick auf die Zeichen der Zeit mündete in dem Wunsch, daß das Kirchenvolk nicht versage. Alsdann wurde die Beschlußfähigkeit festgestellt. Wahlprüfungen erübrigten sich, da alle Wahlen zum Dekanatstag bereits vom Dekanat mit diesmal erweiterter Vollmacht sür gültig erklärt worden waren.
Unterbleiben konnte die Wahl von Dekan und Dekanstellvertreter; diese werden nachdem Zusammenschluß der südwcstdeutschen Kirchen zur Großhessischcn Kirche und einer möglichen neuen Einteilung des Dekanats wohl durch Ernennung überflüssig werden. Bei der Wahl des Vertreters des Dekanatsstellvcrtreters im Dekanatsausschuß wurde Pfarrer B ö ch n e r - Treis mit 45 Stimmen wiedergewählt.
Warme Worte des Dankes widmete der Vorsitzende Altbürgermeister Leun-Großen- Linden für seine langjährige treue Tätigkeit im Dekanatsausschuß; mit Rücksicht auf sein Alter hatte er gebeten, von einer Wiederwahl abzusehen. Die Wahl der weltlichen Mitglieder des Dekanatsausschußes hatte folgendes Ergebnis: Wiedergewählt wurden Landgerichtspräsident i. R. Neuenhagen - Gießen, Prof. Dr. Weimar- Gießen, Bürgermeister Schmidt- Lollar und neugewählt Bürgermeister Lang- Großen-Linden. Stellvertreter wurden Kaufmann Horst-Gießen, Reallehrer L R. Ha
b er-Gießen, Lehrer Walter-Treis und Lehrer Ranft-Hausen.
Nach reger Aussprache wurde eine Entschließung an das Landeskirchenamt über die Behandlung der Organisten und Chordirigenten, ähnlich der in Hungen gefaßten, gegen 6 Stimmen angenommen.
Mit einem hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft schloß der Vorsitzende die mit dem Lied: „Ach, bleib' mit deiner Gnade" endende Tagung.
».Arbeit! Dienst! pflidyf!** als Werbevorstellung im Stadttheater
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Um die alten Freunde zu behalten und neue Freunde zu gewinnen, veranstaltet das Stadttheater Gießen die heutige Aufführung des Volksstücks: „Arbeit! Dienst! Pflicht!" von Pg. Heinrich Bartholomäus als Werbcvorstellung für die Vormiete der Spielzeit 1933/34. Die Intendanz gewährt allen alten und neuen Abonnenten auf allen Plätzen trotz der geringen Preise von 0,30 bis 1,50 Mark noch 50 v. H. Ermäßigung. Kassen- stundcn von 10 bis 13 Uhr und von 16 bis 17 Uhr. Spieldauer von 20.15 bis gegen 22.15 Uhr.
Straßen Umbenennungen im Kreise Gießen.
Aus derBearbeitungdesneuenAdreß- b u ch e s für Stadt und Kreis Gießen sind bis jetzt 40 Fälle von Straßen-Umbenennungen bekannt (einige weitere Straßenumbenennungen sind angekündigt, bedürfen aber noch der Bestätigung). Bis jetzt wurden in Stadt und Kreis Gießen geändert:
12 Straßen in Adolf-Hitler-Straße
3 „ „ Adolf-Hitler-Platz
1 „ „ Hitler-Wall
8 „ „ Horft-Weffel-Straße
1 „ „ Horst-Weffel-Wall
7 „ „ Hindenburg-Straßs
1h., Hindenburg-Wall
1 „ „ Dr.-Werner-Straße
1 „ „ Ferdinand-Werner-Straße
1 „ „ Werner-Wall
2 „ „ Schlageter-Straße
1 „ „ Hermann-Göring-Straße
1 „ „ Giinther-Groenhoff-Straße
Die von diesen Aenderungen betroffenen Adressen werden durch die in Bearbeitung befindliche Ausgabe 1933 des Kreis-Adreßbuches richtig erfaßt.
Daten für Donnerstag, 31. August.
1821: der Naturforscher Hermann von Helmholtz in Potsdam geboren; — 1875: der Geograph Oskar Peschel in Leipzig gestorben; — 1920: der Philosoph Wilhelm Wundt in Leipzig gestorben; — 1921: Feldmarschall Karl von Bülow in Berlin gestorben.
Bornotizen.
— lagestalenber für Donnerstag. Katholisches Vereinshaus, 9 bis 19 Uhr, Möbelausstellung der Kelkheimer Möbelfabrik. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Paprika".
— Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: „Arbeit! Dienst! Pflicht!", das vom Ensemble des Stadttheaters Gießen unter Intendant Hanns Königs Leitung vor einigen Tagen in Darmstadt mit stärkstem Erfolg uraufgeführte Volksstück von Heinrich Bartholomäus, kommt im Stadttheater Gießen am heutigen Abend nochmalig zur Aufführung. Die Intendanz weist besonders darauf hin, um irrigen Vermutungen vorzubeugen, daß die heutige Aufführung aus spielplantechnischen Gründen die letzte Aufführung ist. Eine Uebernahme dieses interessanten Volksstückes in den Winterspielplan kann nicht erfolgen. Es sei daher -nochmals nachdrücklichst auf die heutige unwiderruflich letzte Vorstellung hingewiesen. Auch für die heutige Aufführung gelten die gleichen volkstümlichen Preise von 0,30 bis 1,50 RM. wie bei der Erstaufführung. Spieldauer von 20.15 bis gegen 22.15 Uhr. Kartenverkauf in den Vorverkaufsstellen und an der Tageskasse von 10 bis 13 Uhr und von 16 bis 17 Uhr.
— IrnLichtspielhaus (Bahnhof st raße) gelangt ab heute ein neuer Tonfilm unter dem Titel „Paprik a" zur Aufführung, in dem in der Hauptrolle sich ein neuer Filmstar, Franziska Gaal, dem Publikum vorstellen wird. Auf die heutige Anzeige sei hingewiesen.
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** Spende zur Förderung der nationalen Arbeit. Der Nordostverein beschloß in seiner letzten Vorstandsversammlung eine Spende von 50,— NM. zur Förderung der nationalen Arbeit.
** Versammlung des Hessischen Jagdklubs Gießen. Die Monatsversammlung des Hessischen Jagdklubs der Ortsgruppe Gießen war trotz der Blattzeit recht gut besucht. Von einem Vortrag war diesmal abgesehen worden, dafür fand eine Aussprache über den Bockabschuß in der Blattzeit statt. Ein Schreiben des Hauptoereins Darmstadt, in dem dieser der Ortsgruppe für die außer-, ordentlich gute Werbearbeit dankt und für den Winter drei seiner Herren mit ausgearbcitcten Vorträgen zur Verfügung stellt, wurde durch den 1. Vorsitzenden verlesen. Die hiesige Ortsgruppe beteiligte sich an der Jagdausstellung anläßlich der „Grünen Tage" in Bad Homburg. Troy schärfster Konkurrenz konnte die junge Ortsgruppe einen vollen Erfolg buchen, denn von 52 ausgestellten Gehörnen konnten 7 mit Preisen bedacht werden. Außerdem erhielt die sehr interessante Hegesammlung des Herrn Förster Walter - Maulbach — 30 Hege- und überaltete Böcke aus drei Jahren — einen 2. Silberschild. Je eine goldene Medaille erhielten die Herren Wilh. Schäfer-Gießen und Förster Heß- Leihgestern. Zwei silberne Medaillen Buchhändler Keißner-Gießen,eine weitere silberne Herr Wilh. Schäfer- Gießen. Je eine Bronzemedaille die Herren August Balzer-Gießen und Lehrer Sch neide r- Wieseck. Die Veranstalter der Jagdausstellung, die Kurverwaltung Bad Homburg hatten als Preisrichter zwei Herren der hiesigen Ortsgruppe, die Herren Dentist Friedrich und Buchhändler K ei ß n e r zugezogen, während der 1. Vorsitzende August Balzer dem Ehrenausschuß angehörte. Der Hessische Jagdklub weist noch darauf hin, daß der Schrotschuß auf alles Schalenwild jetzt auch in Heffen endlich ganz verboten ist.
Zu dem myfteriösen Tod des Lokomotivheizers Breckner.
Frankfurt a. M., 30. Aug. (WSN.) Zu dem mysteriösen Tod des Lokomotivheizers Breckner, der zwischen Raunheim und Kelsterbach der Strecke Mainz — Frankfurt vom Tender der Lokomotive herunter fiel und so schwer verletzt wurde, daß er auf dem Transport ins Krankenhaus starb, erfahren wir noch, daß der mit ihm Dienst auf der Lokomotive versehende Lokomotivführer Hißnauer nicht verhaftet, sondern nur einem eingehenden polizeilichen Verhör unterzogen wurde. Dadurch ist die Verwechslung entstanden, daß er verhaftet worden wäre, besonders da auch gleichzeitig das Gerücht verbreitet war, daß Hißnaucr mit Breckner verfeindet gewesen sei. Auch dies hat sich nicht bestätigt. Die Untersuchung geht nunmehr in der Richtung, ob Selbstmord vorliegt, denn Breckner war in der letzten Zeit sehr nervös. Die Sektion der Leiche ist angeordnet worden.
Dr. Lommel
Landrat des Kreises Ufingen?
WSN. B a d H o m b u r g, 30. Aug. Wie wir erfahren, ist der Krcislcitcr der NSDAP, im Obertaunuskreis Dr. Lommel in Rod an der Weil kommissarisch mit der Leitung des wiederhergestcllten Kreises Usingen ab 1.Oktober beauftragt worden.
Spanische Professoren und Studenten in Frankfurt.
Frankfurt a.M., 30.Aug. (WSN.) Spanische Studenten mit ihren Professoren, die sich auf einer Studienreise durch Deutschland befinden, sind gestern hier eingetroffcn. Die Studenten, die Pharmazie an der Universität Barcelona studieren, interessierten sich besonders für das große JG.-Haus, das ihre ehrliche Bewunderung auslöste. Sie besichtigten weiter das Goethehaus und den Römer und die sonstigen Sehenswürdigkeiten der Altstadt. Abends wohnten sie der Aufführung der „Jungfrau von Orleans" auf dem Römerberg bei.
Rheinland in Kelten.
Oiebe,Vateflandsverräter,3uchthäu6ler und Deserteure errichten eine Republik.
Urheberrecht: Darnrnert-Pressedienst, Berlin W 35.
II.
Friß oder stirb!
Die „Hohe Interalliierte Rheinland-Kommission". die sich aus Vertretern verschiedener Siegerstaaten zusammensetzt, beurteilt indes die separatistischen Bemühungen Frankreichs durchaus nicht einheitlich . Das besonders wichtige Amt des Vorsitzenden hat Clemenceau dem als befähigt geltenden Verwaltungsjuristen Tirard übertragen. Monsieur Rolin-Jaeguemhns, der Vertreter Belgiens, segelt im Kielwasser der Franzosen und macht praktisch keine Schwierigkeiten. Aber die Engländer! Und erst die Amerikaner! Ist schon mit Lord Kilmarnock schwer auszukommen, so kann man mit Allen, dem Amerikaner, gar schwer verhandeln. Wie seltsam ernst dieser Mann seine Auffassung von Treu und Glauben nimmt. Unverständlich! Dafür allerdings ist der „diplomatische deutsche Vertreter bei der Hohen Interalliierten Rheinlandkommission"" nur eine Puppe, die ein besiegtes Land zu vertreten hat und der man befiehlt, was man will!
Offiziell weiß Herr Tirard nur das Allernotdürftigste von den separatistischen Umtrieben, die durch französische Gelder genährt werden. Er ist nur Verwaltungsbeamter und hat „Verständnis für eine menschliche Behandlung der Rheinländer". Lesen wir doch seinen Ausruf vom Januar 1920, den er kurz nach feinem Amtsantritt veröffentlichen lieh:
„... Auf Grund des Friedensvertrages übernimmt die Hohe Interalliierte Rheinlandkommission von heute ab die oberste Vertretung der alliierten Regierungen im besetzten Gebiet.
Entsprechend den Weisungen der alliierten Regierungen wünscht sie, die Lasten der Be- sahung für die rheinische Bevölkerung so leicht wie möglich zu gestalten unter der einzigen Bedingung, daß die deutsche Regierung sich bemüht, die schuldigen Reparationen an die vom Kriege heimgesuchten Völker zu zahlen.
Die Oberkommission verbürgt sich gegenüber der rheinischen Bevölkerung dafür, daß das Rheinlandabkommen, dessen besonders freiheitlicher Inhalt ohne Beispiel in der Geschichte dasteht, seinem Geiste und seinem Wortlaut nach durchgeführt wird...
Die Oberkommission hofft, daß die Berührung zwischen den Truppen der alliierten Rationen und der rheinischen Bevölkerung nicht eine Ursache von Reibungen sein wird, sondern ein Mittel für die Völker, um sich besser kennen zu lernen und einander näher zu kommen in der Vereinigung der Arbeit, der Ordnung und des Friedens zugunsten der Zukunft einer besseren Menschheit."
Tirards Erlasse.
Unterdes ist jedoch die Zeit vergangen. Eiern e n c e a u wurde wider fein Erwarten nicht zum Präsidenten der französischen Republik gewählt und geht beleidigt ab. M i l l e r a n d tritt an seine Stelle und wird dann durch B r i a n d erseht, der seinen Platz am 15. Januar 1922 an Poin - c a r e abtritt. Wer aber auch immer das Oberhaupt des Staates ist: die Rotwendigkeit, Frankreich die schönen Rheinlande einzuverleiben, sehen alle ein. Die Drachensaat beä „Tigers" Clä- menceau hat giftige Früchte erzeugt.
Die deutsche Presse wird geknebelt. Wie man das macht? Herr Tirard veröffentlicht einen harmlos erscheinenden Erlaß:
„Alle Zeitungen, Abhandlungen oder Veröffentlichungen, die geeignet sind, die öffentliche Ordnung au gefährden oder die Sicherheit oder das Ansehen der Hohen Kommission oder der Desatzungstruppen zu beeinträchtigen, sind verboten. Die Kommission kann solche Zeitungen bis zu drei Monaten oder im Wiederholungsfälle für dauernd unterdrücken oder vom besetzten Gebiet aüsschliehen. In dringenden Fällen kann der Kreisdelegierte ein Verbot für drei Tage aussprechen."
Um die Rheinländer irgendwie an die bald kommende grün-weiß-rote Fahne der „Autonomen Rheinischen Republik" zu gewöhnen, müssen die deutschen Farben verschwinden. Wie das gelingt? Sehr einfach: Eines Morgens klebt ein neuer Erlaß an den Hauswänden:
„Da es Sache der Hohen Interalliierten Rheinland-Kommission ist, den Unterhalt, die Sicherheit und die Bedürfnisse der Besahungs- truppen und infolgedessen die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zu gewährleisten, verordnet die Hohe Kommission:
Artikel 1.
Es i st verboten, auf öffentlichen oder privaten Gebäuden oder an öffentlichen Orten irgendwelche Rationalfarben oder sonstige Farben zu hissen, sofern dem Kreisdelegierten der Hohen Kommission nicht 48 Stunden vorher Anzeige erstattet worden ist.
Artikel 2.
Wenn der Kreisdelegierte der Ansicht ist, daß die Beflaggung die öffentliche Orbnung oder die Sicherheit der Desatzungskräfte gefährden könnte, so fann er sie untersagen oder Vorschriften über ihre Art unb Weise erlassen."
Die deutschen Beamten lassen sich so leicht für den Separatismus nicht kaufen. Sie bilden im Gegenteil sogar das Rückgrat des deutschen Widerstandes. Man muß sie wohl massenweise entlassen — ausweisen — um Ruhe zu bekommen. Das gelingt durch einen meisterhaften Erlaß:
„Jeder deutsche Beamte im besetzten Gebiet kann durch Beschluß der Rheinlandkornmission abgesetzt werden, wenn nach ihrer Rieinung diese Maßnahme notwendig ist, um den Unterhalt, die Sicherheit oder die Würde der alliierten Streitkräfte zu gewährleisten."
Auch Dürgerversarnmlungen könnten gefährlich werden. Wie verbietet man sie?
„Die Hohe Kommission fann jederzeit die Abhaltung politischer Versammlungen und jeder sonstigen Versammlung, die nach ihrer Auffassung die Sicherheit der Truppen gefährden würde, untersagen."
„Alle Vereine, deren Zweck oder Tätigkeit nach Ansicht der Rheinlandkommission die Sicherheit der Besatzungsarmee zu beeinträchtigen scheint, können verboten werden. Ra- mentlich ist allen Vereinen verboten, sich mit militärischen Dingen zu befassen."
Herr Tirard ist wirklich ein ausgezeichneter Beamter. Seine Regierung kann mit ihm zufrieden sein. Wie entzieht er z. B. die deutschen De r-- rä ter ihrer gerechten Strafe? Er schreibt einen harmlosen Erlaß:
„Wenn die Rheinlandkornmission auf Grund ausreichender Anhaltspunkte der Meinung ist, daß jemand von irgendeiner deutschen Behörde oder einem deutschen Gerichte mit Strafmaßnahmen verwaltungsrechtlicher, disziplinärer, strafrechtlicher oder zivilrechtlicher Art bedroht wird, weil er den alliierten Desahungsbehörden Dienste geleistet hat oder mit ihnen in Beziehungen gestanden hat, so kann die Rheinlandkommission sich mit der Sache befassen. Sie kann selbst in der Sache entscheiden oder das ergangene Urteil ober bie Entscheibung einer Revision unterziehen ..."
Die Brieftasche bes Herrn Dorten, des Liebhabers von Separees und schmachtenber Musik, wird immer praller. Der Arbeiter S m e e t s lädt jebcn Abenb den Gott werden läßt, eine stattliche Anzahl „Kollegen" zum Freibier. Sie haben sich schon längst ihre Arbeitseinteilung gemacht. Dorten bearbeitet die Intellektuellen, Smeets die Arbeiterkreise. Doch die Bevölkerung ist noch immer nicht gesonnen, das deutsche Joch zu sprengen und einer neuen französischen Morgenröte entgegenzumarschieren.
Einfall in Frankfurt.
Jmwischen besinnt sich der Geschäftsteilhaber des Herrn Tirard, General Degoutte, Oberbefehlshaber der französischen Besatzungstruppen, darauf, daß er ja als Krieger auch kriegerische Lorbeeren ernten müsse. Bietet sich gutwillig keine Gelegenheit, so muh man sich eine machen. Als sich während des Frühjahrs 1920 kommunistische bewaffnete Rotten erheben, sendet bie Regierung wenige Regimenter Reichswehr in das stark bedrohte rheinisch-westfälische Gebiet unb bittet gleichzeitig bie Rheinlanbkommission wegen des formellen Verstoßes gegen bie 50-Kilometer- Grenze um Gewährung. Die Gewährung wird versagt. General Degoutte befiehlt dem General Mordacq, der in Wiesbaden liegt, eine Strafexpebition in bas unbesetzte Deutschlanb.
In der Morgendämmerung erobert dieser Held das friedlich Frankfurt, dessen Bewohner alle noch schlafen. Man schreibt den 6. April 1920. Als Tags darauf eine Gruppe Reugieriger eine algerische Maschinengewehrrotte umsteht, befiehlt ein sadistischer Offizier plötzlich Feuer — wenige Sekunden darauf wälzen sich 150 Deutsche blutend auf dem Straßenpflaster. Im Erinnerungsbuch des General Mordacq aber sieht das folgendermaßen aus:
„Die Besetzung Frankfurts begann in der Morgendämmerung und gestaltete sich wie folgt:
Während drei Bataillone (Jäger unb Marokkaner) mit ber Eisenbahn in bas ©tabtinnere geworfen würben, umschloß ber ganze Rest ber Infanterie, verstärkt burch eine Kavalleriebivision unb Artilleriebatterien, bie Stadt und rückte allmählich gegen das Zentrum vor, um so jeden Widerstand zu erfticfen. Zur selben Zeit überflogen Flieger die Stadt, um nötigenfalls einzugreifen, während zu guter Letzt bie Rheinflottille bie Besetzung ber Drücken übernahm unb bort Maschinengewehre aufstellte.
Alles wickelte sich programmähig at>.
Gleichzeitig mit dem ersten Dataillon betrat ich bie Stabt. Da bie Polizei Wiberstanbs- gelüfte zeigte, ließ ich sie sogleich entwaffnen. Tags darauf stürzte sich aus einem Platze bie beutsche Volksmenge auf eine algerische Wache, so bah biefe bie Maschinengewehre in Tätigkeit sehen mußte. Hundert bis hunbertfünfzig Deutsche wurden getötet ober verwunbet. Diese Lehre brachte vollkommene Ruhe in die Devöl- kerung, die bis zum Ende ber Besatzung nicht mehr rückfällig würbe. Haben sie bie Macht vor Augen, so beugen sich bie Deutschen immer.“ Im Bureau Deuxieme aber hatte man schon einen neuen separatistischen Feldzugsplan ausgeheckt. (Fortsetzung folgt.)


