Nr. 203 Erstes Blatt
185. Jahrgang
Donnerstag. 31. August 1955
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Metzener Anzeiger
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Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Or H.THyriot; für den übrigen Ted Ernst Dlumschein und für denAn» zeigenteil i.D.Th.Kümmel sämtlich in Gießen.
Montagnes Normans Amerikareise.
Pfund und Dollar.-Währungssturz und Welirnärkie.-Zusammenschluß gegen Frankreich?
Don unserem L.-Äerichierstafter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! (-) London, Ende August 1933.
Plötzlich ist das Pfund gefallen, und der Dollar dazu. Tas Pfund fiel stärker als der Dollar, überraschend, denn in den letzten Wochen und Monaten war es in England um die Währungsfrage verhältnismäßig ruhig geworden. Nachdem man sich gehörig über die „Torheit" der amerikanischen Währungspolitik aufgeregt hatte, und zu der Feststellung gekommen tvar, daß England selbstverständlich nun nicht etiva einen Wettlauf zwischen Pfund und Dollar in der Entwertung veranstalten könne, hat sich die Lesfentlichkeit wieder beruhigt — sichtlich auf einen Wink des Gouverneurs der Bank von England hin. Warum dieser über die Währungsfrage keinerlei Diskussion wünschte, liegt dabei auf der Hand. Sie hätte nur Beunruhigung in die Bevölkerung und die übrige Welt getragen, und die Währungspolitik der Bank von England wäre nur noch schwieriger geworden, als sie es ohnehin schon ist. Denn ganz so leicht ist es nicht, das Pfund stabil zu hallen. ES bedarf dazu einer sehr vorsichtigen Politik, die nicht ganz srei von Wagnissen ist, und die zu durchschauen dem berühmten Mann aus der Straße schwer fallen dürfte. Jedenfalls bedarf Herr Norman zu seiner Politik der Z u s a m m c n a r b e i t mit anderen Notenbanken, da sich natürlich nicht absehen läßt, wie lange die inzwischen für den Herbst angesammelten Gold- und De- visenvorräte reichen werden, wenn dann ein neuer Angriff aus das Pfund erfolgen sollte. Und inzwischen ist die Abwertung plötzlich eingetreten.
Herr Norman hatte sich im übrigen seit einigen Monaten bereits einen Bundesgenossen zur Verteidigung des Pfundes in G e st a l t des französischen Franken gesucht und sehr weitgehend mit der Bank von England zusammengearbeitet. Die Zusammenarbeit mit den Franzosen war anscheinend ziemlich erfolgreich, wenn sie auch gewisse politische Folgen hatte, die in einer sehr weitgehenden Bindung der englischen Politik an Paris bestanden, was sich nicht zuletzt in allen mitteleuropäischen Fragen ausgewirkt haben dürfte.
Ueberraschcnd ist also der Pfundsturz, nachdem schon allein die Ankündigung einer Reise Normans nach Washington unvermittelt genug empfunden ivorden war. Da Norman wie üblich der Presse nichts Genaueres über Ziel und Zweck der Reise mitgeteilt hatte, setzte denn auch sofort ein Rätselraten darüber ein, was er in den Bereinigten Staaten wolle. Verhandlung über die Stabilisierung des Dollars? Aussprache über die Kriegsschulden? Oder gar am Ende Verkoppelung von Dollar und Pfund ähnlich wie bisher zwischen Pfund und Franken? Das sind alles Fragen, die zwar auf der Hand liegen, die zu beantworten jedoch wahrscheinlich selbst der Präsident der Bank von England kaum in der Lage wäre.
Auch eine Informationsreise kann natürlich von größter Wichtigkeit sein. Man darf nicht übersehen, daß die Währung in England genau wie in Amerika die Wirtschaftspolitik geradezu beherrscht. Das Pfund sollte stabil bleiben, weil man sich davon in England beträchtliche wirtschaftspolitische, finanzpolitische und eine ganze Menge anderer Vorteile versprach, im Gegensatz zu den Amerikanern, die sich von einer Entwertung des Dollars eine Steigerung der Preise, eine Wiederbelebung der Wirtschaft — kurz alles das versprechen, was sich England von der umgekehrten Politik erhofft. Tas allein wäre also Grund zu einer Aussprache zwischen den führenden Finanzleuten beider Länder. Dazu kommt dann noch eines: Beide angelsächsischen Großmächte beeinflussen einander außerordentlich stark. Und nun sinkt das Pfund, sinkt stärker als der Dollar! Kleiner Druck für die Besprechungen in Washington?
Tas internationale Kapital hat die Vereinigten Staaten fluchtartig verlassen, seitdem der Dollar zu sinken begann. Man wollte die .(iapitalanlagen nicht nutzlos entwerten lasten. Tas Geld strömte nach London und nach Paris und ermöglichte — so nebenbei — die Stabilerhaltung der englischen Währung. Wenn aber nun plötzlich die Amerikaner womöglich noch bei hohen Zinssätzen stabilisieren? Alles Geld würde dann fluchtartig wieder den Londoner Markt verlosten und in das „reiche" Amerika zurückströmen. Die Folge wäre erneuter Sturz des Pfundes und noch st ä r f c r e A vhängigkeit vom französischen Franken. Bei dem scharfen wirtschaftspolitische): Konflikt, der wegen der Kriegsschulden und der Währungspolitik zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich besteht, könnte England so in eine fatale Klemme geraten, die außenpolitisch übrigens auch für Deutschland zu beachten wichtig genug wäre. Beides wären Folgen der amerikanischen Stabilisierung, die eine Besprechung über Gegenmaßnahmen schon lohnen würden, denn Amerika könnte eben, wenn es stabili
siert, sehr wohl ein Jntereste daran haben, daß dann nicht etwa das Pfund zu rutschen beginnt.
Aber auch wenn Amerika nicht stabilisiert, tritt für die Engländer unter Umständen eine bemerkenswerte Lage ein. Es entsteht nämlich, je schärfer die Entwertung des Dollars wird, die Gefahr eines amerikanischen Exportdumpings, das den englischen Handel vielleicht nicht sofort, aber doch auf längere Sicht um den Erfolg der bisherigen Währungspolitik bringt. An sich sind die Gefahren der Schädigung des englischen Außenhandels durch amerikanisches Unterbieten bisher nicht groß gewesen, weil die Amerikaner
nicht so sehr auf den Export eingestellt sind, wie man das gemeinhin annimmt — aber der Zeitpunkt könnte eben doch kommen. Ta würde eben nur ein Abkommen helfen, das eine konstante Beziehung zwischen Pfund und Dollar aufrechterhält, und damit die Gefahr des Wettlaufs in der Entwertung abwendet. Inflation oder nicht — das ist jedenfalls noch nicht entschieden, man muß daher bezweifeln, ob die Besprechungen des geheimnisvollen Herrn, der Bank von England mehr als ein Palaver sein werden, das ihn zwar an Wissen reicher, aber nicht reicher an Macht nach Hause zurückkehren lassen dürfte...
Roman Savis mit einer Äoischast Roosevelts nach Europa unterwegs.
Neue Initiative Amerikas in der Abrüstungsfrage.
Neu york, 30. Aug. (1DI23.) Die Abfahrt des Paffagierdampfers „Washington" wurde heute dadurch verzögert, daß Norman Davis, der bereits an Bord gegangen war, noch eine vertrauliche Botschaft des Präsidenten Roosevelt abwarten mußte, die den europäischen Regierungschefs übergeben werden sollen. Norman Davis beabsichtigt, zunächst acht bis zehn Tage in Lo n d o n zu bleiben. Alsdann wird er die vereinigten Staaten auf der Abrüstungskonferenz vertreten
Die Meldung beweist das unverändert starke Interesse, das Amerika trotz aller wirtschaftlicher Schwierigkeiten der Abrüstungsfrage entgegenbringt. Norman Davis ist diesmal der Ueberbringer schriftlicher Mitteilungen des amerikanischen Präsidenten an die europäischen Regierungschefs. Es ist anzunehmen, daß diese Mitteilungen, die vorläufig nicht in die Ocf- fentlichkeit gelangen sollen, an die Botschaft anknüpfen, die Roosevelt am 16. Mai an die Staatsoberhäupter der ganzen Kulturwelt gerichtet hat. In dieser Botschaft hat Roosevelt die Linie seines Vorgängers, dessen Mitarbei- ter Norman Davis bereits war, konsequent fortgesetzt und praktische Maßnahmen, vor allem durch Abschaffung der schwe
ren Waffen, auf der Grundlage des englischen Konventionsentwurfes angeregt. Diese Anregungen sind durch den amerikanischen Vertreter in Genf nach der politischen Seile in sehr bemerkenswerter Weise dadurch ergänzt ivorden, daß Amerika für den Fall eines Konfliktes die Beteiligung Amerikas an einem Konsultatiopakt und den Verzicht auf das von ihm bisher stets verteidigte Prinzip der Freiheit der Meere in Aussicht stellte.
Bekanntlich hat die Haltung Frankreichs trotz allem einen Fortschritt der Abrüstungskonferenz im Sommer verhindert und auch 2)ie letzten Versuche, die Henderson auf seiner Europa- Rundreise unternommen hat, zur Erfolglosigkeit verurteilt. Es ist deshalb kein Zufall, wenn Norman Davis bereits jetzt eine eingehende Fühlungnahme mit der englischen Regierung und im Anschluß daran, Besprechungen in Paris ankündigt. Amerika scheint diesmal die Zusammenarbeit mit England in der Abrüstungsfrage noch wirksamer gestalten und die französische Regierung, die bisher zu immer neuen Ausflüchten gegriffen hat, vor praktische Entscheidungen stellen zu wollen. Die Entwickelung auf der Abrüstungskonferenz ist tatsächlich soweit fortgeschritten, daß die verantwortlichen Regierungen auf Grund der technischen Vorarbeiten endlich politische Beschlüsse fassen müssen.
Schule und Hitlerjugend.
Ein Erlaß des preußischen Kultusministers.
Berlin, 30. Aug. sTU.j Amtlich. Im neuen Staat haben neben Elternhaus und Schule die Bünde, in erster Linie d i e Hitler-Jugend, die bedeutsame Aufgabe, die deutsche Jugend zu vollbewußten Gliedern des nationalsozialistischen Staates zu erziehen. Tas kommt jetzt insbesondere auch in einem Erlaß des preußischen Kultusministers an die gesamte Unterrichtsverwaltung in Preußen eindeutig zum Ausdruck. Der Minister legt Wert darauf, daß dieser Erziehungsarbeit genügend Raum und jede erforderliche Unterstützung gewährt wird, besteht aber zugleich mit allem Nachdruck darauf, daß da, wo der Staat selbst Träger der Autorität ist (roie in der Schulej, diese Autorität in jeder Beziehung unerschüttert bleibt. Tenn jeder Eingriff v on a u ß e n h e r in die Befugnisse des Staates widerspricht der nationalsozialistischen Staatsaufsassung. Erste und vornehmste Pflicht eines jeden Nationalsozialisten ist es, an der Stelle, an die er gestellt ist, seiner Aufgabe mit allen Kräften gerecht zu werden. Gerade auch die Schuljugend müße sich dessen bewußt sein, zumal cs ihre Pflicht ist, den Anforderungen, die der Staat durch die Schule an sie stellen muß, freudig und unbedingt nachzukommen. Ter nationalsozialistische Staat trägt auch Sorge für genügend Raum zur Erhaltung und Pflege des Familienlebens. Darauf — so heißt es in dem Erlaß — haben Schule und Hitlerjugend Rücksicht zu nehmen.
Unter diesen Gesichtspunkten ordnet der Kultusminister im Einvernehmen mit dem Neichsjugendführer zur Gewährleistung eines reibungslosen und vertrauensvollen Zusammenarbeitens von Schule und Bund zunächst an, daß der Hitler-Jugend wöchentlich zwei Nachmittage zur freien Verfügung stehen sollen. Von diesen beiden Nachmittagen soll der eine mit dem bisher schon a u f g a b e n f r e i e n Nachmittag zusammenfallen, der andere möglichst auf den Samstag verlegt werden. Auch dieser Nachmittag habe aufgabenfrei zu bleiben. Es sei aber ein Verstoß
gegen den Sinn dieser Bestimmung, den dadurch entstehenden Ausfall an Hausarbeiten durch entsprechende Mehrbelastung anderer Tage auszugleichcn. In der Regel soll das Jungvolk im Sommer nicht über 21 Uhr, im Winter nicht über 20 Uhr, die Hitlerjugend hingegen nicht über 22 Uhr in Anspruch genommen werden. E i n Sonntag im Monat soll dienstfrei bleiben und uneingeschränkt der Familie gehören.
Der Erlaß verbietet gleichzeitig Eingriffe in die Tätigkeit der Schule von außen her und betont, daß im Schulleben d ie Schüler den Leitern und den Lehrern unbedingten Gehorsam schuldig seien. Er verpflichtet ferner alle Schüler ausnahmslos zur Teilnahme an Schulfeiern, sofern nicht im Einzelfalle der Kultusminister andere Anordnungen trifft und bringt noch einmal nachdrücklichst das Verbot des Mitführens von Waffen jeder Art in der Schule in Erinnerung.
Dann läßt sich der Erlaß über die Bestellung von Vertrauenslehrern für jede Schule aus, die in Zweifelsfällen die Verständigung übernehmen sollen. Da auf dem Lande die Bestellung eines solchen Lehrers für eine Schule unzweckmäßig ist, soll dort ein Lehrer diese Aufgabe für eine Anzahl benachbarter Schulen übernehmen. Tic Beziehungen der Schule zur Hitlerjugend zu pflegen, wird in Zukunft ein besonders hierzu beauftragtes Mitglied in jeder Schulabteilung bei dem Oberpräsidenten lNegierungspräsidentenj betraut werden. Mit diesem Mitglied hat sich der zuständige Bann- bzw. Unterbannführer der Hitlerjugend vor Erlaß allgemeiner Anordnungen, die die Schule nicht betreffen, in Verbindung zu sehen. Umgekehrt wird auch der Ober- bzw. Regierungspräsident vor Erlaß von Bestimmungen, die die Hitlerjugend nicht angehen, den zuständigen Führer verständigen.
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Das neue Formular für Fest-Telegramme, das die Reichspost anläßlich des Nürnberger Parteitages herausbringt.
Gauleiter Hofer auf italienischem Gebiet.
Bozen. 31. Aug. (111. Drahtmeldung.) (Bauleiter hoser und jene Ulänner, die ihn aus dem Gefängnis des Innsbrucker Landgerichts befreit haben, find am INittwoch um 22 Uhr an der i ta - l i e n i f d) e n Grenz ft ation am Brenner angekommen. Am Brenner wurde ein amtliches Protokoll ausgenommen. Darauf wurden sie in Begleitung von Polizeiagenten nach Brixen bzw. Bozen gebracht, hoser hatte am rechten Knie eine Fleischwunde, die er durch Schüsse bei der Verfolgung im Kraftwagen erlitten hat. wegen dieser Verletzung gestaltete sich der Uebergang über das Joch sehr schwierig und zeitraubend, hoser mußte den größten Teil des Weges teils gestützt, teils getragen werden. Seine Gefährten find wohlauf.
Einschränkung der Autonomie der Hochschulen.
Auflösung der Deutschen Studentenschaft in Lcsterrcich.
Wien, 30. Aug. (TU.) In einer amtlichen Verlautbarung werden eine Reihe von Verfügungen veröffentlicht, die getroffen worden sind, um Unruhen, wie sie sich in vergangenem Semester an den österreichischen Hochschulen ereignet haben, zu verhindern. Nach diesen Verfügungen, die den Hochschulbehörden bereits zugestellt worden sind, wird eine Hochschulwache errichtet, die ihren Sitz in den Hochschulgebäuden selbst haben wird. Diese Wache ist äußerlich besonders gekennzeichnet. Sie bildet einen Teil der b u n • desstaatlichen Sicherheitsexekutive, der sie auch orgnisationsmäßig unterstellt ist. Sie steht jedoch den akademischen Behörden bei Ausübung der Disziplinarbefugnisse zur Verfügung. Jedoch entscheidet die Wache selb st, wann sie einzuschreiten hat. Sie wird im Bedarfsfall in der Lage fein, die übrigen Organe der Sicherheitspolizei zur Aufrechterhaltung der Ruhe innerhalb der Hochschulen in Anspruch zu nehmen.
Weiter wird die Auflösung derDeutschen Studentenschaft in Oestereich verfügt und zwar mit der Begründung, daß die organisatorisch als 8. Kreis der allgemeinen und auch im Deutschen Reiche bestehenden Deutschen Studentenschaft eingegliedert worden ist. Die Hochschulbehörde wird angewiesen, diese Auslösung durchzuführen und den studentischen Aerntern und ähnlichen Stellen die ihnen zur Verfügung gestellten Hochschulräumlich- feiten zu entziehen. Außerdem wird die Genehmigung zum Anschlägen an das schwarze Brett der Hochschule auf die bereits bestehenden Fachvereine beschränkt und nochmals die Z e n * surpfIicht des Rektorats unterstrichen.
Anschlag auf Professor Lessing in Marienbad.
Lessing tot. — Der Täter ein Wilddieb.
Marienbad, 31. Aug. (ERB. Funkspruch.) Auf den früheren Professor an der Technischen Hoch- schule in Hannover, Theodor Lessing, ist, wie das Prager Tageblatt meldet, gestern nacht e i n Reooloeratten tat verübt worden. Ein noch unbekannter Täter drang über eine Leiter durch das Fen st er in das Zimmer Lessings, feuerte zwei Schüsse auf diesen ab, von denen einer in die linke Wange eindrang und die rechte Seite des Hinterkopfes durchschlug. Lessing wurde in bewußtlosem Zustande ins Krankenhaus gebracht, wo er h e u t e u_m 1 Uhr gestorben ist.
Wie das tschechoslowakische Pressebüro mitteilt, ist


