»netto Wit
Ein vaterländischerRoman vonHansDietzke
Urheber-Rechtsschutz
durch Verlag Oskar Meister. Werdau.
11. Forti eyung *11 >cvdruct .«erboten»
„So ist es — mutzte man denken . . ." versetzt Rambeaux spitz, „und doch wäre es besser für Sie, Herr Hauptmann, über jeden, auch den leisesten Verdacht, der aus solcher Verbindung herrühren kann, in Zukunft erhaben zu sein."
Rambeaux verabschiedet sich. „Nehmen Sie den Rat. wie Sie ihn wollen — er kommt ausrichtig! Vorsicht ist in jedem Fall am Platz--wir leben
in bewegten Zeiten. Herr Hauptmann."
Landry ist mit seinem Kommando ins Dors geritten. Bor dem Wirtshaus trifft er auf einen Schlitten. der hoch mit Heu und Stroh beladen ist. Der Förster Brinkmann, der ihn führt, lüftet seine Pelzmütze. „Fouroge für die Kommandantur Glogau!" meldet er dem Korporal. „Zch bitte um den Begleitmann."
Landry winkt Jeast heran und malt mit unförmiger Hand feinen Namenszug auf den Passier- schein.
Dann zieht der Schlitten an und fährt auf der Strotze nach Glogau davon. Ein Stück Weges geben die französischen Reiter noch dem Gefährt das Geleit. Am Kreuzweg nach der Gemeinde Blietzkowitz trennen sie sich.
Ein unmerkliches Lachen huscht über das zerfurchte Gesicht des alten Försters. Er schneidet eine Grimasse und schnalzt zufrieden mit der Zunge. Gibt dem Braunen die Peitsche und sieht einen Moment lang seitwärts zurück, wo die Patrouille im dichten Nadel- holz den Blicken entschwindet.
Tölpel! denkt der Alte, mein „Heu" wird euch eines Tages in die verdammten Knochen fahren, daß ihr laufen lernt! Fast zärtlich fatzt die schwielige Hand prüfend unter das Stroh, wo gut versteckt die vom Parteigänaer Wemper geschmiedeten Waffen liegen. Das Arsenal des Tugendbundes in Glogack wartet seit Tagen auf diese Sendung. Heute fand sich die Gelegenheit, denn der Jean wird gebraucht zu solchen Manöoern. Die Hanne hat ihm gehörig Den Kopf zurechtgesetzt, bis sie ihn soweit hatte. Abxr letzt hält er dicht — jetzt gibt es kein Zurück mehr. Und im Grunde tut es der biedere Sachse von Herzen gern. Nicht allein Hannes wegen, der er sein Wort gab, den Parteigängern zu helfen. Dor einer Stunde haben der Förster und der Schmied Wemper im Forsthaus im Eulengrund heimlich die Ladung fertiggemacht. Dort warten noch Flinten, Säbel und Seitengewehre auf ihre Schmuggelfahrt in die Stadt. Sie alle werden zur rechten Zeit unter offizieller
Bedeckung des Feindes das Löbauer Tor in Glogau passieren. Und wenn man erst die geheime Ladung im Schuppen des Kaufmanns Friedrichs in der Ulrichgaffe verstaut hat, dann kommt auch die Kommandantur mit ihren paar Zentnern Futter in ihrem Recht. Schwer genug wird es jedesmal, diese Tarnkappe aufzutreioen Der stille Jubel bei allen Verschworenen, wenn das Derk gelungen ist, ist der schönste Lohn für Mühe und Gefahr.
„Der Korporal wird den Plietzkowitzern wieder z:> schaffen machen," meint Jean, zu Brinkmann ge- wandt. Der knallt blotz mit der Peitsche. Das heitzt soviel roie: Hol der Teufel diese Lumpen!
„Heute werden sie's bei dem Schulzen probieren. Der Geheime ist mit. Da gibt’s kein Pardon. Bis jetzt hat er's immer geschasst, daß sie leer abgezogen find — der Korporal hat eine Wut aus ihn."
Brinkmann knurrt vor sich hin. Er möchte Beelzebub jein und diesem Korporal und seinen Helfershelfern die Knochen brechen . .
Landry und sein Kommando halten den Schulzenhof in Plietzkowitz besetzt, während der Geheim- beamte den Bauern ins Verhör nimmt. Es verläuft. wie immer, ergebnislos
Da nimmt sich der Korporal mit zwei feiner gewiegtesten Leute selbst der Sache an.
In der Scheune beginnt die Untersuchung. Die Tenne ist leer. Kahl und düster ragen die trockenen Balken des Stützwerks. Die Pflugschar steht einsam in einer Ecke. Säcke und Körbe liegen verlassen umher. Den Boden bedeckt dürftige Spreu.
Landry gibt das Kommando zum Beginn der Aktion. Die beiden Soldaten drehen ihre Gewehre um und klopfen mit den Kolben, von einer zur anderen Seite schreitend, systematisch den Boden ab.
Der Korporal und der „Geheime" warten. Man nimmt in aller Seelenruhe eine Prise Schnupftabak. Das Manöver hat immer verfangen — es wird auch hier endlich zu dem gewünschten Ergebnis führen.
Der Schulze steht unbeweglich am Tor. Die Bäuerin hält die Hände in der Schürze verkrampft, ihr Brust geht in gepreßtem Atem auf und nieder.
Jetzt hält der eine Soldat im Schreiten inne. Dreimal klopft der Kolben mit Dumpfem Schlag auf den Boden — dann fegt bas Bajonett die Spreu hinweg und der Deckel einer Falltür wird sichtbar.
„Allons!" sagt trocken der Korporal, und der Geheime tritt näher
Die Bäuerin schreit auf und greift mit abwehrenden Händen nach vorn. Unbeweglich noch steht der Schulze. Die Gestalt steht, als müsse sie gegen einen Orkan standhalten.
Die Soldaten steigen in das Kellerversteck. Mit schnellem Blick umfassen sie Anzahl und Inhalt der Säcke — so was lernt sich ... ihre Stimmen rufen durch die Luke nach oben. Der Korporal und der Geheime geben Auftrag, Das OefunDene restlos heraufzuschaffen.
Da hält es Die Bäuerin nicht länger. Mit Jam
mern unD Schluchzen stürzt sie vor dem Korporal nieder. „Erbarmen — Herr! Habt Erbarmen — es ist unser Letztes!"
Ein Futzlritt trifft die Frau, datz sie stöhnend zur Seite iallt. Da springt der Schulze vor und ein Fausthieb saust dem Korporal ins Gesicht.
Das ist das Ende. Geiesielt wird Der Bauer ab- geführt Der Gutshos geht zur gleichen Stunde in ylammcn auf.
Das Urteil lautet auf WiberstanD gegen Die Gewalt Der Besatzungsarmee! Darauf steht: Tod!
Nach Drei Tagen ist Das Urteil vollstreckt.
Man hat den Schulzen von Plietzkowitz auf dem Sandanger bei Löbau verscharrt — mit fünf französischen Kugeln im Leib.
Die Bäuerin hat man am gleichen Tag ins Siechenhaus gebracht.
12.
Wie ein Lauffeuer ist Der Mord an Dem Schulzen von Plietzkowitz Durch alle Bergtäler geeilt. Das Glimmen des geheimen Aufruhrs fchlägt in allen empörten Herzen zu lodernder Flamme auf. Nacht um Nacht reiten die Bolen der Parteigänger von Ort zu Ort, der Landkreis wird in Alarm gesetzt, Die Massen aus Den Verstecken geholt. Kugeln gegossen. Pulver unter alle wehrfähigen Männer verteilt.
Der Kommissar Rambeaux hat mit dem abschreckenden Beispiel, das er an dem Schulzen vollstrecken ließ, das Gegenteil erreicht: Blut fordert Biut! Das Exempel. Das er statuieren ließ, kennt nur eine Antwort: Vergeltung! Mord verlangtSühne!
Hauptmann Lefevre ist der Mittelpunkt aller Angriffe. Er und seine Leute sind ihres Lebens nicht mehr sicher. Die Patrouillen sind verstärkt, kein Mann darf allein und ohne Waffen die Straßen passieren. Die Bolkswut ist auf das höchste gestiegen. Alle Requisitionen sind eingestellt. Der Hauptmann handelt bewußt gegen den Befehl — er und feine Leute fitzen in einer belagerten Festung. Ein Schuß noch — und der Sturm bricht los!
Rambeaux aber, der Anstifter des Verbrechens, sitzt geborgen in feiner Amtsstube in Glogau. In unsichtbaren Kanälen legen er und seine Spitzel weiter Gift und Mord, im Namen ihres Kaisers.
*
Sturm fegt von den Bergen ins Tal hernieder. Wolkenfetzen jagen über den grauen Himmel. Knarrend beugen schwarze Tannen ihre Wipfel. Aus geborstenem Eis sickert Wasser Des Gebirgsbaches. Fern echot Der erschreckte Ruf eines Nachtvogels.
Schritte überqueren vereiste PfaDe, zertreten morsches Knüppecholz, stolpern über Geröll unh Steine.
Ein Dutzend Gestalten haben in der letzten Stunde diesen Weg gekreuzt. Ihr Ziel ist der Eulengrund. Nachtschwarz hockt das Blockhaus des Försters Brinkmann in der versteckten Bergfalte. Kein Lichtschein bringt aus den verschlossenen Läden. Mit Mvvs und Flechten sind alle Ritzen Des
Balkenwerkes sorgsam verkleiDet. Keines Spähers Auge roürDe Verdächtige» bemerken. Friedlich nur träufelt sich Der Rauch des roärmenDen Herdfeuers durch das Dach und verliert sich in endlosen Himmelsweiten.
„Gib Das Kennwort!" ruft aus Dem Dunkel eine Stimme Dem Amtmann Günther entgegen Der auf Die Tür Des Hauses zutastet. Der Schatten einer hochaufragenden Gestalt löst sich unmerklich von dem deckenden Leid einer uralten Buche.
„Dreizehn!" ruft ihm gedampft Der Amtmann hinüber. Nun tritt Der Wächter herzu. Dem alten Günther Die HanD reichend. Die gezogene Pistole oerschwinDet in der Tasche Des weiten Mantels.
„Ihr feiD Der letzte, Amtmann", flüsterte Der junge Jürgen Thorn, tnDem er Den Riegel Der niederen Tür löst.
Die beiden treten ein. Im spärlichen Lichte Des Herdfeuers sitzen Die wartenden Männer. Die Begrüßung ist kurz. Der Förster setzt noch eine Kien- fackel in Brand, bann nimmt er bas Gewehr, pfeift seinem Hunb unb verlätzt bie Hütte, um Wache zu gehen.
Baron von Löbau, als Vorsitzender Des LanD- kreises, nimmt bas Wort. An ein Dutzend Männer, Vertrauensleute ber umliegcnben (Bcmeinben, sind in dem Raum versammelt. Gespenstisch flackert ber Lichtschein über ihre lauschenben Gesichter.
„Mord — an unserem Landsmann und Parteigänger — hat uns hier zusammengeführt." Der Baron macht eine Pause, bie schweigendes Geben- ken ist für ben Toten „Gewalt unb Willkür for- bern Sühne! Wir alle kennen nur eine Forberung in biefer Stunbe: Vergeltung!
„Blut sei unsere Parole!" ruft ber junge Tborn bazwischen. Worauf warten wir noch? ... Herr Baron — wir haben Waffen, wir sinb Männer genug, um bie,em traurigen Hausen Uniformierter Mordbrenner die Stirn zu bieten!"
„Ihr wißt, was wir dem Gesetz des Tugend- bundes schuldig sind", entgegnete ruhig ber Baron. „Gehorsam und Treue!"
Die Debatte kommt in Hitze. Meinungen werben laut.
„Wie lange soll ber Morb noch hier umgehen?! Der alte Klaus wirst feine Tonpfeife in bie Glut, bie hoch aufzischt. „Die nächsten finb wir! Sollen wir warten, bis auch wir bie Kugeln im Leid haben?"
Lehrer Fischer, ber brüben in ber Gemeinbe Purschwitz amtiert, verlangt bas Wort. „Ich sage — unb wenn mich alle verfemen um meiner Meinung willen — es ist purer Wahnsinn, bie Waffen zu erheben! Es ist Selbftmorb, auch nur.einen Moment zu glauben, baß unser Widerstand vier bern ßanbe nützt! Was hilft Schlesien, was gilt für bas gesamte Preußen eine Erhebung in unserem kleinen Lanbkreis?! Es bringt nur Den BunD in Gefahr unb forbert sinnlose Opfer!"
(Fortsetzung fok
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