Ausgabe 
31.5.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 125 Erstes Blatt

185. Jahrgang

Mittwoch, 31. Mai 1935

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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John Pierpont Morgan.

Die Gestalt des Wcltbankicrs John Pierpont Morgan, des Jüngeren, hat seit Jahrzehnten schon jene mit Scheu und Mißtrauen, Unglauben und wohl auch Reid erfüllte Hochachtung umge­ben, die den Namen Morgan über das Menschliche weit hinaushob. Die große Säuberungsaktion, die jetzt auch in Amerika der absoluten Gerechtigkeit zum Siege verhelfen will, hat vor der ins Riesen­hafte übersteigerten Gestalt des großen Geldman­nes nicht halt gemacht, sie hat ihn vor das Tribunal geholt und das nachgewiesen, was viele vermuteten: John Pierpont Morgan ist auch nur ein Mensch und nicht einer der besten.

Wir Deutschen haben allen Grund, uns über diese Bloßstellung des großen Bankiers nicht zu ärgern, denn es ist noch in aller Erinnerung, daß Morgan es war, der bereits am 6. August 1914 einen vollständig ousgcarbeiteten Plan einer amerikanischen Anleihe - Aktion für England herausbrachte. Dr. Arthur Müller hat im Jahre 1915 schon in seinem Buch .Die Kriegstreiber in Amerika" diese Tatsache einwand­frei aufgedeckt. Dieser Morgansch« Plan war da­mals im Anfang des Krieges die größte Tleberraschung für Amerika. Wilson war noch neutral und verbot jegliche Tlnterstützung eines kriegführenden Landes, auch durch Anlei­hen. Daraufhin reiste Morgan wenige Monate später nach England, ward in London zum alleini­gen Agenten zur Beschaffung von Kriegsmaterial für die Entente gemacht und kehrte heimmit acht Milliarden K r i e g s a u f t r ä g e n in der Tasche, an denen er persönlich erst einmal 2 v. H. = 160 Millionen Goldmark Pro­vision verdiente, um dann mit ihnen sein Haupt­geschäft als Aktionär der in Frage kommenden Firmen zu machen. Schon damals wurde Morgan in Amerika als dieGcfahr für denFrre- 6 en bezeichnet. Als Ende 1915 Deutschland noch nicht unterlegen war, erlangte Morgan seine Be­zahlung von England dadurch, daß er die von ihm an England gegebenen Anleihen das ame­rikanische Volk zu übernehmen zwang. Schon da­mals hat Dr. Müller in seinem 1915 in Amerika erschienenen Buch, das wir oben anführten, pro­phezeit, daß Morgan das amerikanische Volk zur Rettung seiner Forderungen an England in Öen Krieg Hetzen werde.

Mit dieser Behauptung hat er recht behalten. Aus deutschem Blut hat Morgan sein Gold gemünzt. In brutaler Rücksichtslosigkeü ging er seinen Weg, skru­pellos immer nur an sich und seine Unternehmungen denkend. Jetzt ist der merkwürdige Glanz, der ois nun den Namen Morgan umleuchtet hatte, ver­schwunden. Das amerikanische Volk selbst hat in seinem begrüßenswerten Gerechtigkeitssinn den Zau­ber zerbrochen und den großen Bankier unter

Die Neuordnung -er Evangelischen Kirche.

D. von Bodelschwingh spricht vor -er presse über seine Absichten und Ziele.

Berlin. 30. Mai. (TTl.) Der Evangelische Deichsbischos D. Friedrich von Bodel- s ch w i n g h hatte Dienstagmittag die Vertreter der Presse zu sich gebeten, um über seine Auf­gaben zu sprechen. Wir sind, so führte er u. a. aus, auch in der Kirche Kinder des heu­tigen Geschlechts und es schallen in unserem Innern die Fragen und Sehnsüchte der heutigen Zeit. Wir haben die Aufgabe, an diese Fragen und Sehnsüchte heranzutreten. Daher ist es für uns selbstverständlich, daß wir in tiefer Kraft teilnehmen an der n»uen Be­wegung, die unserer Zeit und»unserem Ge­schlecht gegeben ist. Indem wir uns in diese Bewegung auch von der Kirche her hinein- st e l l e n. hoffen wir. daß die Kirche eine freie Bundesgenossin des sich erneu­ernden Staates und Volkes werden kann, Tlnsere Kirche hat von ihrem Recht, zu bitten und vielleicht auch hier und da einen mahnenden Finger aufzuheben. Gebrauch zu machen. Bei aller Ehrerbietung vor der Ge­schichte wollen wir aber nicht Hüter über­alterter Formen sein.

D. von Bodelschwingh erklärte weiter, er werde seine bisherige diakonische Arbeit und das in Bethel Gelernte nicht verleugnen. Er habe in Bethel Dienst an der NeugestaI - t u ng des Volkes getrieben. Das letzte Ziel der dortigen Arbeit liege auf dem Gebiet der S i e d- l u n a. Was er dort g^ernt und erlebt habe, gebe ihm für die Zukunft unseres Dolkes und unserer Jugend einen frischen und sehr frohen Mut. Eine weitere Richtlinie für ihn sei d i e Schulung der Pfarrer und Laien entsprechend den Fragen der Gegenwart.

Bei dieser Arbeit, fuhr der Reichsbischof fort, bin ich entschlossen, dafür zu sorgen, daß auchdieLei- tung der Kirche so gestaltet wird, daß sie den neuen Aufgaben gewachsen ist. Ich werde hier und da die Bitte aussprechen müssen, daß alte bewährte Mitarbeiter, denen wir in Dankbarkeit ver­bunden sind, jüngeren Kräften Raum machen. Sollte irgendwo in der Kirche sich zeigen, daß Männer, ob es Theologen oder Laien sind, den Gefahren unserer Zeit innerlich nicht gewachsen sind, würde ich rücksichtslos für Sauberkeit unseres kirchlichen Lebens sorgen. Bei der Erfüllung dieser Aufgabe bin ich entschlossen, allen Kreisen und Bewegungen, die in unserer Kirche lebendig sind, die brüderliche Hand zu reichen. Ich sage dies insonderheit und mit starker herzlicher Bewegung von der Glaubens- BewegungDeutsche C h r i ft e n ". Ich hoffe, daß über Meinungsverschiedenheit hinweg eine Verbundenheit der Arbeit uns ge­schenkt werden möchte in der Gewißheit, daß es sich hier nicht um Personen handelt, nicht um menschliche Ehre, sondern um letzte große Ziele, die jenseits der Grenzen irdischer Geschichte liegen. Ich habe noch gestern abend mit Wehrkreis­pfarrer Müller gesprochen und er stimmte mir zu. daß diese Erneuerung unserer Kirche, sofern sie Kampf fordert, mit geistigen Waffen geführt wird.

Auf verschiedene Fragen erklärte D von Bodel- schwingh, daß in dem geistlichen Ministerium die lutherische, reformierte und unierte Kirche nicht gewaltsam zusammengeschweißt wer­den sollten, sondern jede solle in dem nächsten Mitarbeiterkreis des Reichsbischofs ihre Ver­tretung haben. An der Verfassung der nationa­len Synode werde bereits gearbeitet und der Roh­bau der Verfassung werde in einigen Tagen vor- gelegt werden können. Bodelschwingh erklärte noch, daß er sich in seiner gestrigen Unterredung mit dem Wehrkreispfarrer Müller nach dessen Potsdamer Rede dahin verständigt habe, beide wollten versuchen, in Zusammenarbeit mit den Bevollmäch­tigten der Kirche einen Weg zu finden, der in die Zukunft führt.

Wehrkreispsarrer Müller beim Reichskanzler.

Berlin. 31.7Nai. (OB.) Reichskanzler Adolf Hiller empfing gestern den Wehrkreispfarrer Bl ü l l e r zu einer Unterredung. In der Bespre­chung ergab sich, wie mitgeteilt wird, die völlige Einmütigkeit in der Beurteilung der schwe­benden Fragen.

Wie die Reichsleitung der Glaubens- bewegung Deutsche Christen mitteilt, ist die Auffassung der hinter dem Kapler-Ausschuh stehenden Kreise, daß der Äapler-Ausschuß ohne weiteres ermächtigt 'gewesen sei, mit Zu­stimmung eines Teiles der gesetzlichen Vertreter der Landeskirchen den Pastor Bodelschwingh a 1 s Reichsbischof auszurufen, irrig. Viel­mehr ist die Frage, ob die Ermächtigung des Kap- ler-Ausfchuffes und der führenden Mitglieder der Kirchenregierung derart weit geht, sehr b e ft r i t t e n. Die rechtlichen Grundlagen dieser Fragen wer­den zur Zeit eingehend geprüft. Das Ergebnis tie­fer Prüfung wird bereits in den nächsten Tagen vorliegen.

Aus den Kreisen, die der Ernennung Friedrich v. Bodelschwinghs oppositionell gegenüberstehen, wird ferner mitgeteilt: D. Friedrich v. Bodelschwingh richtete gestern an die Berliner und der in Ser- lin vertretenen Provinzpresse eine Einladung zu einer Konferenz, wobei er sich als den evan­gelischen Reichsbischof bezeichnete. Dazu wird mitgeteilt, daß mit Rücksicht auf die ein- schlägigen rechtlichen Verhältnisse Die Bezeichnung

Der Evangelische Reichsbischof" verfrüht ist, weil die Stellungnahme vom Kirchenoolk und von der Reichsregierung noch aussteht.

Kundgebung des Sfudenfen- lampfbundes Deutscher Christen.

Berlin, 30 Mai. (ERB.) 2m Auditorium Maximum der Berliner Universität fand am Montagabend die erste Kundgebung der H o ch schulgruppe des Etudcntenkarnpf- bundcs Deutscher Christen mit an­schließender freier Diskussion statt-

Der Reichsleiter der Glaubensbewegung Deut­scher Christen, Pfarrer Hossenselder, führte u. a. aus: Der Marxismus hat in das kirchliche Leben eine schwere Bresche geschlagen, bis ihm im Rationalsozialismus eine kriegerische und kämpferische Gegenbcwegung erstand. Die neue Zeit tritt ein für d i e objektiven Le­bensmächte gege n Liberalismus, In­dividualismus und Subjektivismus. Die objektiven Lebensmächte, die für die Zukunft bestimmend sein werden, heißen Rasse und Evangelium. Rasse ist die schöpferische Le­bensmacht, die das Volk schafft, Evangelium die schöpferische Macht, die Kirche und Gemeinde schafft. Aufgabe der Glaubensbewegung Deutscher Christen ist es, die Kirche stark und einig zu machen. Sie muß, entsprechend dem Führer- Prinzip. eine bischöfliche Verfassung haben. Der Redner forderte als Spitze der Kirche einen Mann, der das Vertrauen der Kirche und der nationalsozialistischen Bewegung

Zum Gedächtnis der Skagerrak-Schlacht-

Reichspräsident von Hindenburg nimmt im Hof der Reichskanzlei die Meldung der Ehrenwache ent­gegen, die am Skagerrak-Tage von der Reichsmarine gestellt wird.

Skagerrak-Gedenkfeier am Marine-Ehrenmal in Laboe.

Kiel, 31. Mai. (TU.) Anläßlich des Ska­gerrak-Tages veranstaltete der Marinestandort Kiel Dienstagabend am Ehrenmal in La­boe eine eindrucksvolle Gedenkfeier, zu der alle Truppenteile und der Chef der Reichsmarine sowie die Schutzpolizei, SA., SS., DSBO., ferner der Stahlhelm und die Marine- und Krieger­vereine Abordnungen entsandt hatten. Der Chef der Marinestation, Vizeadmiral Albrecht, der zu den wenigen Männern der Reichsmarine ge­hört, die schon bei der Schlacht am. Skagerrak in führender Stellung entscheidend für den Er- folg der deutschen Flotte eingegriffen hatten, hielt eine Ansprache, in der er ausführte, daß wir hier an historischer Stätte der Gefallenen der Marine im Weltkriege gedenken dürfen. I 1569 Offiziere und Militärbeamte, 8067 Deck- I

offiziere und Unteroffiziere und 25 197 Mann­schaften der Kaiserlichen Marine seien a l S tapfere Soldaten und Seeleute ge­treu ihrem Eid unter der alten ruhmreichen Kriegsllagge gefallen. Hier in Laboe, an der gleichen Stelle, wo früher der mächtige Panzer­turm, den jetzt unbefestigten Kieler Hafen schützte, sei durch freiwillige Spenden der Marinevereine, der Reichsmarine und vieler vaterlandsliebender Männer ein mächtiges Denkmal entstanden, das dem Seefahrer schon von weitem zeige, daß unsere Toten nicht vergessen sind. Wir wissen, so erklärte der Stationschef, daß ihr Toten das innere Band seid für die neue Volksgemein­schaft, die durch unsere Führer, den Reichspräsi­denten Generalfeldmarschall v. Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler neu begründet wurde. Mit einem dreifachen Hurra auf das deutsche Vaterland schloß der Redner seine An­sprache. Mit dem großen Zapfenstreich fand die Veranstaltung ihren Abschluß.

Kontrolle gestellt. Der Einfluß John Pier­pont Morgans, den er Jahrzehnte lang und immer zum Schaden des deutschen Volkes ausüben durfte, wird nach dieser Aktion, deren trauriger Mittelpunkt er selbst war und noch ist, trotz all seines Geldes niemals mehr jene Bedeutung erlangen, die er einst in der ganzen Well hatte. So ist es gewissermaßen ein Nachruf, wenn hier noch kurz der Werde- gang des Bankiers Morgan, des Jüngeren, skiz­ziert wird.

Morgan ist der Typus des kämpfendenSee­räubers", der durch feine starke persönliche Kraft feine Umgebung zu beherrschen weiß. Durch Gewalt schüchterte er feine Gegner ein, und mit Schrecken bahnte er sich feinen Weg. Seine Jacht nannte er Corsar", das ist für ihn ebenso bezeichnend wie fein durch eine krankhafte Entstellung blutrot gefärbtes Gesicht. Beides paßt in diese moderne gigantische Räuberpersönlichkell.

Mit einem Erbe von 40 Millionen Mark begann er seinen Weg, im Vergleich zu dem Sermöcjen, das er selbst dann hinzu erwarb, eine lächerliche oumtne. Der Weg führte über Eisenbahnfpekulationen, Waf­fengeschäfte, große Bankunternehmungen undRe­organisationen von Eisenbahnen". Morgans kühne Durchbrechung der Antitrustgesetzgebung im Jahre 1889 kennzeichnet die ungeheure Macht und die hem- I mungsloje Geldmacherei deutlich. Auch auf dem Ge- I

biete der an die Eisenbahnnetze, die er beherrschte, angeschlossene Kohlenförderung bildete Morgan bald einen der verbotenen Ringe und war so im Besitze der tatsächlichen Macht über das Wirtschaftsleben der Union. Klassisch für den Machtstand Der 'Dior­gangruppe wurden die Plünderungen des Staafs gelegentlich der Ausgabe von Goldobligationen in den Jahren 1894 und 1895. Geschickte Winkelzüge mit Staatsbankscheinen und Banknoten ließen Die großen Bankiers ihre Goldbestände erheblich aus- füllen. Die Staatskassen gerieten in Geldverlegen- hell. Nun kam Morgan und bot der Regierung großmütig Obligationen an. Das Parlament spürte die unheimliche Macht und das Unheil für das Volk, aber alle Warnungen halfen nichts. So kam Faden um Faden in Die Hand Morgans. Nicht um­sonst sagte Präsident Cleveland einmal, allerdings nur privat:Die Banken haben das Land bei der Gurgel."

1901 war die Macht Morgans ungeheuer. Ohne Hall ging sein Raubzug weiter, aber erst Der Weltkrieg sah ihn auf Dem Gipfel feiner Macht. Hearst, der amerikanische Zeitungskönig, hatte ihn oft angegriffen und einmal gesagt:Mor­gan ist ein britischer nicht minder als ein amerika­nischer Bankier gewissermaßen der britische Mini ft er für amerikanische Angele­genheiten." Das bewies die folgende Zeit, Die

wir schon oben kurz kennzeichneten. Als offizieller Fiskalagent Der alliierten Regierungen entwickelte er Damals unheimliche Macht. 2200 Banken schloß er 1915 zusammen, um Die erste große Kriegsan­leihe Der europäischen Westmächte zu finanzieren. Er war Der große politische Bankier Des Welt­krieges. Er verschob Die finanzielle Schwerpunkts­lage von London nach Neuyork und festigte damit die Weltmacht seines Hauses.

Auch nach dem Kriege blieb er Der Hauptbankier Der Alliierten. Nach Ausbruch Des Krieges pumpte er RußlanD 12 Millionen Dollars, 1915 erhielt Frankreich eine neue Morgan-Anleihe in Höhe von 50 Millionen Dollars. Weltpolitischen Einfluß aller­ersten Ranges gewann er durch feine Beteiligung an der Stabilisierung Des französischen Francs und durch seine Teilnahme an Den Beratungen Des Dawes-Plans. Die Francs-StüNungsanleihe ist im Sommer 1924 in Höhe von 200 Millionen Dollars gewährt worden. In den letzten Jahren hat Mor­gan dann die 200 Millionen Dollars Der deutschen Dawes-Anleihe aufgelegt Dagegen lehnte er Die Vermittlung privater Anleihen an deutsche Jndu- strieunternehmungen stets ab. Auf den Gipfel sei­nes politischen Welleins'luffes stieg er im Januar 1929 mit der Wahl zum Sachverständigen im zwei­ten Dawes-Komitee.