Ausgabe 
31.3.1933 Erstes Blatt
 
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Oie stummen Gäste von Zweilinden

Noman von Anny vonpanhuys.

C< pyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold.

5. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Nun, gar so stumm scheinen sie doch eigentlich gar nicht zu sein, die seltsamen Herrschaften, Justi", spöttelte der Mann,übrigens erinnere ich mich jetzt, du hast mir früher mehrmals davon gesprochen. Aber man vergißt solche Dinge. Also gehören die wortlosen und körperlosen Gäste von Zweilinden zur Klasse der Poltergeister, scheint mir."

Seine Frau lachte:So ist es! Allzu oft machen sie sich hier ja gerade nicht mausig, es vergeht zwischen ihren verschiedenen Gastrollen immer ge­raume Zeit. Aber es heißt, sie treten stets dann auf, wenn Zwei linden ein Unglück droht. Dann hört man vorher im Bankettsaale Schritte mehrerer Menschen, obwohl man niemand sieht, danach werden Stühle gerückt, obwohl sich kein Stuhl bewegt, und schließ­lich klingen feine Gläser aneinander, so, als wenn man vor dem Trinken eine Gesundheit ausbringt und mit den Gläsern anstößt. Damals, zur Zeit Kraft Erdmann von Zweilindens, soll man die unsichtbaren Gäste ost gehört haben, und kein Mensch hätte sich schließlich mehr hier sehen lassen, steht in der alten Kirchenchronik, in der es auch heißt, er sei ein eigen­tümlicher Mann gewesen, der Kraft Erdmann, der bessere Freundschaft mit den Sternen und dem Ge­tier gehalten als mit den Menschen. Verschiedentlich im Laufe der langen Zeit wollen Glaubwürdige den sonderbaren Spuk vernommen haben, ich aber habe ihn, so sehr ich mich als Kind und auch später dafür interesiierte, niemals gehört."

Dieter von Welten lachte:Ein origineller Spuk, er fällt völlig aus dem Rahmen der weißen Frauen und grauen Nonnen und ollen Ritter. Ich würde mich freuen, wenn die sogenannten stummen Gäste von Zweilinden, die ja eigenllich genug Radau machen, uns einmal das Vergnügen bereiten würden. Mir wären sie hochwillkommen!

Dann rückte das Paar zusammen und begann eine eifrige Flüsterunterhaltung. Sie drehte sich um die Erbschaft. In den Augen der beiden brannte die Gier nach dem Reichtum, den Konrad von Zwei- Lnben hinterlassen.

Wenn sie dieses Geld erst hätten! Das war ihr einziger Wunsch, diese Gier nach der reichen Erb- s )aft Nur Geld zu einem angenehmen Leben. Dann konnte ihnen doch alles andere ganz gleichgüllig sein.

5.

Als zum Esten gerufen wurde, rief man auch V-ttina. Sie entriß sich gewaltsam ihrem Gram. Sie n dtUe stark sein, Mills zuliebe. Vielleicht erschien er

noch gegen Abend, und sie durfte ihm nicht mit dick verweinten Augen begrüßen. Ihr Schmerz war der seine, ihr Schmerz tat ihm so weh wie ihr, weil er sie liebte.

Sie wollte auch etwas essen, sie mußte doch einmal in die Gewohnheiten des Alltags zurück.

Sie betrat den Bankettsaal ein wenig zögernd. Lieber hülle sie ja noch im Speisezimmer gegessen als hier, obwohl es ihr weh tat, den Platz des Vaters leer zu sehen. Wer hier unten überfiel sie die Er­innerung an den Spuk der Mitternachtsstunde, als sie aus den Armen des Liebsten gekommen. Wenn Sie auch wollte, sie konnte nicht mehr mit ein paar beliebigen Erklärungen über das Erlebnis Hinweg­kommen, denn am nächsten Mittag war ihr Vater ermordet worden. Sie glaubte jetzt an die stummen Gäste von Zwellinden, die Unheil verkündeten.

Sie nahm Platz, und der Diener servierte lautlos. Man sprach nicht viel während des Essens. Bettina würgte von allem ein paar Bissen hinunter und hörte still zu, wenn Justine von Welten und ihr Mann ein paar Worte über das herrliche Wetter oder über die Speisen wechselten. Da der Diener an­wesend war, fiel es Justine von Welten nicht ein, das Thema zu berühren, das ihr jetzt das wichtigste und interessanteste schien, das schöne Thema der

Erbfolge.

Warum sind die Läden halb zu?" wandte sich Herr von Welten an den Diener.

Der Diener erwiderte höflich: ,Zch glaubte, die Sonne würde die Herrschaften vielleicht belästigen. Sie scheint gerade auf die Tafel hier."

Unsinn", erwiderte Dieter von Welten,machen Sie die Läden weit auf, Sonne und Luft sollen voll herein."

Es fiel ihm nicht ein, Bettina zu fragen, ob ihr diese Anordnung recht wäre. Gestern, ja sogar heute vormittag hätte er es noch getan, aber nun er wußte, sie war nicht trie Erbin, die er bisher in ihr gesehen, hielt er jede besondere Rücksicht für überflüssig. Das einzige, was ihm an Bettina noch imponierte, war, daß sie die Frau des Grafen Speerau werden würde.

Der Diener erfüllte sofort den gegebenen Befehl, aber er beugte sich ein bißchen ungeschickt aus dem Fenster, um die Läden vollends zu öffnen, und stieß sich dabei ziemlich stark an die Ellenbogen.

Tölpel! dachte Frau Justine, aber ihr tat der energische Stoß, den der Diener erhalten, ja nicht weh. Sie ließ sich noch einmal den Kalbsbraten reichen, es schmeckte ihr ausgezeichnet. Bei der Aus­sicht, bald eine sehr reiche Frau und die Herrin hier zu werden, schmeckte ihr alles gleich noch einmal so gut.

Der Diener hielt die Schüstel, und Frau Justine legte sich ein paar Scheiben des Bratens auf den Teller. Bettina dachte unwillkürlich, wie konnte nur eine Frau, deren Bruder man heute zu Grabe ge» tragen, so großen Appetit entwickeln.

In diesem Augenblick erklangen plötzlich Schritte, tappten durcheinander über den Fußboden.________

Die drei am Tisch vergaßen bas Weiteresten und tarrten sich an. Die Schüstel, die der Diener hielt, ing an sich zu bewegen, so sehr zitterten die Hände les Mannes, weil nun Stühle gerückt wurden, ganz nahe, als schöbe man ein paar der leeren Stühle hier an der Tafel zurecht. Und jetzt klangen feine Kelche aneinander, obwohl weder Herr von Welten noch seine Frau oder Bettina Claudius ihre Gläser berührten.

Der Diener Anton trat zurück und stellte die Schüstel auf den Kredenztisch. Er sah kreidebleich aus, und Frau Justine fragte ärgerlich:Was ist Ihnen denn nur?"

Er stotterte:Gnädige Frau müssen es doch auch gehört haben, ich meine die Geräusche, und gnädige Frau kennen doch sicher die Sage von den stummen Gästen von Zwellinden."

Frau Justine wechselle einen Blick des Einver­ständnisses mit ihrem Mann, sah Bettina warnend an und erwiderte:Sie müssen geträumt haben, mein Lieber, ich habe gar nichts gehört, ich war nur verblüfft über Ihr Benehmen und ebenso ist es mei­nem Mann und Fräulein Claudius ergangen."

Man durfte den Dienstboten nicht zugeben, daß doch etwas an dem Spuk war. Sie wollte noch einen Satz hinzufügen, doch schon bei der ersten Silbe stockte sie, denn wieder vernahm man das helle Glüserklingen.

Frau Justine hatte graufahle Wangen, und Bettina sagte mit zitternder Stimme:Anton hat ganz recht, es ist auch zum Erschrecken. Warum wollen wir uns denn etwas vormachen, wenn wir doch alle dasselbe gehört haben." Sie erhob sich.Ich bitte um Verzeihung, aber ich bin seelisch durch den Tod meines Vaters schon so sehr herunter, daß ich mich davor fürchte, den Spuk vielleicht noch einmal hören zu müssen."

Dieter von Wellen lachte so laut, daß es scharf von den Wänden widerhallte.

Oh, wie häßlich war das laute Spotllachen in einem Trauerhause! Bettina drückte ihr Taschentuch vor die Augen und entfernte sich hastig, als wäre sie auf der Flucht.Gehen Sie auch gleich", rief Justine dem Diener zu,sonst werfen Sie vor Angst noch das ganze Geschirr hin. Wir bedienen uns allein weller. Aber eins bitte ich mir aus, machen Sie durch den Mumpitz nicht das ganze Personal konfus. Erfahre ich, daß Sie Ihre Einbildungen als Wahrheit weitererzähllen, werden Sie nicht mehr lange in diesem Hause angestellt sein. Und jetzt gehen Sie."

Anton ließ sich das nicht zweimal sagen, er ver­schwand schleunigst. Wenn er über den gräßlichen Spuk nicht reden sollte, auch gut, er konnte schweigen.

Das Ehepaar aber sah sich an, und der Mann fragte leise:Was hältst du von der Geschichte? Glaubst du, daß sich jemand hier einen dummen Witz mit uns erlaubt hat?"

Seine Frau zuckte die Achseln.

Wie kann ich das wissen? Ich weiß nur, daß man diese Geräusche, die wir eben gehört haben, wenn

ich nicht irre, laut Kirchenchronik schon btt Jahrs 1740 gehört haben will."

Quatsch", brummte Dieter von Wellen etwas un- galant; doch gleich daraus blickte er betroffen feine Frau an, denn schon wieder stießen feingeschliffene Gläser mit Hellem Klang aneinander, dann wurden Stühle gerückt.-

Frau Justine erhob sich überstürzt.

Ich muß bekennen, ich habe jetzt auch genug, es ist verdammt ungemütlich) in der Gegenwart dieser Gäste, die man nicht sieht, die kein Wort sprechen und doch so deutlich ihr Vorhandensein doku­mentieren."

Ihr Mann schob ebenfalls seinen Stuhl zurück. Obwohl er noch kurz vor dem Essen zu seiner Frau geäußert, er möchte die stummen Gäste von Zwei­linden gern kennenlernen, und sie wären ihm hoch­willkommen, war ihm jetzt doch nicht wohl zumute. Er brummte:Ich werde die Geschichte gründlich untersuchen und dem Unfug schon auf die Spur kommen." Seine Frau wollte antworten, doch sie schwieg entsetzt. .

Schleunigst entfernte sich bas Ehepaar; sie fürch­teten, der Spuk könne wieoerkehren.

In ihrem Zimmer auf dem Bett aber lag Bettina und meinte bittere Tränen. Ihre Nerven waren völlig überreizt.

Sie sann, das vorige Mal hatten die stummen Gäste von Zweilinden wirklich Unglück angetünbigt; wer weiß, was sie für ein neues Unglück meldeten. Ihr Herz schlug ganz matt, von einer dumpfen Angst gequält, und sie empfand, zum erstenmal, was sie bisher noch nie gekannt, Furcht vor dem Leben. Sie war froh, daß Wulf Speerau heute gar nicht kam, und sie verließ ihre Zimmer nicht mehr.

6.

Am nächsten Vormittag erschienen auf dem Gute zwei Herren vom Amtsgericht in der Kreisstadt in Begleitung des Bürgermeisters vom Dorfe Zwei- linden und legten vor alle Räume Siegel, damit sie nicht mehr betreten werden konnten.

Bettina durfte ihre Zimmer zunächst behallen, auch den Weitens ließ man ihr Logierzimmer, und die Dienerschaft durfte chre Stuben weiterbewohnen, aber außer der Küche und Speisekammer war sonst alles gesperrt worden. W 1. Juli, das war in fünf Wochen, würde die Dienerschaft enllasten r erden, und auch Bettina und das Ehepaar mußten sich dann andere Unterkunft suchen, bis die Erbschafts­angelegenheit geklärt sein würde.

Der all« Inspektor Ernst Flügge aber durfte auf seinem Posten bleiben, damit der Gutsbetrieb keinen Schaden erleiden konnte. Flügge sollte die Verwal- tung weiterführen wie zu Lebzeiten seines Herrn.

Am Spätnachmittag dieses Tages kam Wulf Speerau, er wollte ein bißchen horchen, ob Bettina noch nicht wußte, wann die Testamentseröffnuna stattfinden würde. Gewöhnlich fand sie bald nach der Beerdigung des Erblasters statt.

(Fortsetzung folgt.)

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