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Vornan von GertRothberg.
(Urheberschutz durch T. Ackermann.
Romanzen trale Stuttgart.)
16 ftortleßuuu Nachdruck verboten.
Pia sagte leise, eindringlich: .Sei gut zu Sdelgarde. Eie kann nicht dafür, daß sie so ist. Sie quält sich durch ihren Charakter am meisten selbst, — fühlst du das nicht?"
»Ich kann nicht immer darauf Rücksicht nehmen", brauste er auf.
»Du muht es, Harry! Lah es zu keinem Skandal kommen. Cs war noch nie ein Eheskandal in Achern. Vermeide ihn um der Eltern willen!"
Seine Hande ballten sich. War Pia wirklich so naiv, daß sie nicht einmal wußte, wie schön sie war?
Er beugte sich zu ihr, sah sie an, und Pia zitterte plötzlich vor diesem Blick. Gr sah es, rih sie an sich, bedeckte den kleinen, rosigen Mund mit glühenden Küssen.
„Ich liebe dich, Pia, ich liebe dich! Welch ein Tor war ich doch!"
Pia hatte halb bewußtlos in seinen Armen gehangen. Jetzt kam sie wieder zu sich, stieß ihn zurück.
„Ich habe dir nie einen Vorwurf gemacht, dah du mir einst nur Leid zufügtest. Aber Achtung beanspruche ich, Harry. Du hast dich vergessen! Ich bin deine Schwester, will auch nie etwas anderes sein. Du aber gehörst deiner Frau. Wenn du sie richtig behandelst, wird es doch noch gut werden. Edelgarde ist doch kein schlechter Mensch, sie ist nur so eigenartig. Das ist ein Erbteil, an dem sie schuldlos ist. Reise mit ihr fort! Sie langweilt sich hier. Wie ein schöner, bunter Vogel kommt sie mir vor, der die Gefangenschaft nicht vertragt und nun mit dem Kopf gegen das Gitter schlägt. Du hast es doch in der Hand, es anders einzurichten. Reise immerhin im Winter mit ihr ein paar Wochen nach Berlin, nach Davos und so weiter: im Sommer vier Wochen See. Du wirst sehen, dann ist sie schon zufrieden. Ich begreife dich nicht recht, Harry, dah du ihren Wünschen so ablehnend gegenüberstehst."
Pias Stimme klang ruhig, und doch kostete es sie übermenschliche Anstrengung, noch länger vor ihm zu stehen, sein erregtes Gesicht zu sehen.
Er lachte bitter.
.Du sprichst ganz gut, Pia. Ich aber sage dir: den Rih zwischen Edelgarde und mir kittet kein noch so gutes Wort mehr. Ich aber liebe d i ch, Pia, mit einer ganz anderen Liebe, als ich Edel- garde geliebt. Du glaubst mir nicht? Ich liebe dich längst, weil ich längst erkannte, dah du, nur du hier an meine Seite nach Achern gehört hättest. Damals schon, als noch kein Mensch daran dachte, daß du geheilt werden könntest. Damals schon hatte ich stets ein warmes, herzliches Empfinden für dich, das stetig wuchs, wenn ich dein stilles Walten hier sah. Du aber sollst nicht denken, dah irgendein unreiner Gedanke mich vorhin so sprechen lieh — handeln ließ, Pia! Ich liebe dich aufrichtig und wahr, trotzdem ich kein Recht habe, dir das zu sagen."
Pia sah ihn immer nur an, und ein seliges Lächeln war in ihrem Gesicht. Er sah atemlos auf dieses Lächeln.
»Pia, du sagtest vorhin, du liebst einen anderen?"
.Rein, das sagte ich nicht. Ich liebe einen Mann, der mir nichts sein kann, habe ihn immer geliebt. Schon, als ich noch ein Kind war."
.Pia!"
Er wagte nicht mehr, sie zu küssen. Da reckte Pia sich und küßte ihn. Dann flüsterte sie: .Sei gut mit Edelgarde, damit keine Schuld in Achern ist. Ich aber gehe nach Hohenbrück. In einem großen Kreis von Pflichten will ich meine Liebe überwinden, sterben wird sie nie."
Achern starrte noch immer auf die Tür, die sich hinter Pias Gestalt geschlossen. Er stöhnte.
.Pia!"
Immer wieder sagte er ihren Ramen vor sich hin. War es denn möglich, daß ein Mensch sein Glück so mit Füßen treten konnte, wie er es getan hatte? Alnö kein Ausweg, aus dem er gutmachen konnte! Ein paar Wochen waren in letzter Zeit soweit ganz friedlich vergangen, er hatte schon auf ein dauerndes, friedliches Zusammensein gehofft. Sie hatten einige Gesellschaften gegeben, und Edelgarde hatte sich hinterher über die Gäste lustig gemacht. Ein scharf verweisendes Wort von seiner Seite goß Oel ins Feuer — der Unfrieden war da. Dann ging es wieder einige Tage, bis Cdelgarde ihm vor hnäem erklärt hatte, sie hasse ihn. Sie hasse alle Männer, sie seien ja nur da, die Frauen unglücklich zu machen. Derartige Ausfälle Überging er wie immer mit Stillschweigen, und er reizte sie dadurch nur noch mehr. Seine Liebe, wenn es überhaupt jemals Liebe gewesen war, war tot. Das wußte Achern. Er kannte sich da zu gut. In den letzten Wochen war Edelgardes Benehmen ihm gegenüber direkt feindselig geworden. Er gab sich keine Mühe mehr, nach dem Grund zu forschen, er war der Reibereien müde und zog sich zurück.
Das war nun sein Leben! So hatte er eS sich selbst zugerichtet I Und Pia liebte ihn! Ein großes, reines Glück hätte in Achern sein können, wenn er nicht blind an diesem Glück vorübergeschritten wäre. Doch nun war es zu spät. Pia hatte recht: die Lösung war nur durch einen Skandal möglich, und der mußte vermieden werden! Ganz gleich, ob das Glück zweier Menschen darüber zugrunde ging.
Achern richtete sich auf. Straff, energisch. Er wollte den Weg der Pflicht gehen, wie die kleine Pia den ihren gehen wollte.
Als Achern sich später drüben in seinem Zimmer umzog, huschte seine Frau herein, hängte sich an ihn, flüsterte zärtlich: »Bist du wieder gut, Harry?"
Doch Harry konnte in der Liebe nicht heucheln, wie er auch sonst nicht heucheln konnte. Sanft, aber bestimmt, schob er sie von sich.
.Kind, ich habe tatsächlich jetzt keine Zeit zu Zärtlichkeiten. Wozu auch? Ich denke, du hassest mich?"
Wie ein Kätzchen schmiegte sie sich an ihn, eine Antwort erhielt er nicht. Sie hatte solche Sehn
sucht nach ihm gehabt. Ganz plötzlich war ihr der Gedanke gekommen, daß er eine andere Frau lieben konnte. Eifersucht, regelrechte Eifersucht hatte sie zu ihm getrieben. Er aber war kein Spielball, für ihre Launen. Er trat zurück, sah sie ernst an.
.Edelgarde, so erhält man sich die Liebe seines Mannes nicht. Ich leide selbst schwer genug unter diesem Verhältnis, doch ich bin in meinen Gefühlen nicht so wandelbar wie du. Es tut mir leid, dir das sagen zu müssen. Doch du sagtest selbst erst vor kurzem, es täte dir leid, so viele gute Partien um meinetwillen verscherzt zu haben. Ich sehe es jetzt selbst ein, ich bin viel zu schwerblütig für dich. Aber das läßt sich nun_ nicht ändern. Ein Romadenleben mag ich nicht führen. Den Achern war es immer auf ihrer Scholle wohl. Doch wenn du willst, wollen wir im Iuli nach Zoppot fahren. Einige Wochen im Jahr kann ich mich freimachen. Vielleicht finden wir uns wieder zueinander. Vorläufig aber bin ich nicht imstande, all das Bittere der letzten Wochen zu vergessen, bloß weil du jetzt kommst und dich vielleicht gelangweilt hast."
Damit tat er ihr unrecht. Sie hatte sich tatsächlich nach ihm gesehnt. Aber er hatte die Erfahrung schon zu oft machen müssen, dah sie erst kam und dann kurze Zeit darauf wieder abstoßend und unnahbar war. Er war dieses aufreibenden Zustandes müde.
Edelgarde stand mit hängenden Armen vor ihm. Ganz bleich war sie geworden, doch er konnte nicht anders. Es tat ihm selbst leid. So küßte er sie jetzt nur flüchtig und sagte: „Vielleicht haben wir nach dem Abendessen ein Plauderstündchen, Edelgarde? Ich muß jetzt mit dem Inspektor Wichtiges besprechen, er fährt in einer Stunde zur Stadt. Auf Wiedersehen einstweilen!"
Schnell ging er hinaus. Mit weit aufgeriffenen Augen blickte sie ihm nach. Dann schluchzte sie plötzlich wild auf. Sie ging in das Zimmer ihres Mannes, und dort ergriff sie eine Vase und schleuderte sie zu Boden. ®an$ starr blickte sie dann auf die Trümmer. Langsam kam ihr das Bewußtsein zurück und damit die Erkenntnis, dah sie etwas Kostbares zerschlagen hatte, dah Harry ihr das nicht verzeihen würde. Denn sie wuhte ja, mit welcher Sorgfalt er über d.ese alte griechische Vase wachte. An der Tür regte es sich. Joseph Wimpert hatte den lauten Knall gehört, mit dem die herrliche Vase in Trümmer ging. Er war, so schnell ihn seine alten Beine trugen, herbeigeeilt. Jetzt sah er fassungslos auf die Scherben.
„Was stehen Sie hier, Sie alter Spion?" Edel- gardes Stimme zitterte vor Empörung.
Stumm wandte der alte Mann sich ab. Drau- hen stand er mit gefalteten Händen, und große Tränen liefen über das durchfurchte Gesicht. Er überhörte den elastischen, raschen Schritt und sah ganz entsetzt zu seinem Herrn auf, als der jetzt sagte: „Ra höre mal, Wimpert, was ist denn dir passiert?"
Der alte Mann faßte sich nur mühsam.
»Gnädiger Herr, die — griechische Vase —“ Achern lächelte nicht mehr. Scharf sah er Ben alten Diener an.
„Hast du die etwa zerschlagen?"
„Rein, gnädiger Herr. Ja. gnädiger Herr* „Sag' mal, Wimpert, bist du vielleicht über- geschnappt? Was sind denn das für konfuse Antworten?"
Achern war bereits zur Tür gegangen, hatte sie geöffnet. Da stand Edelgarde und blickte ihm trotzig entgegen. Zu ihren Füßen tagen die Trümmer der alten herrlichen Vase. Da wußte er auf einmal alles. Ohne ein Wort wandte er ihr den Rücken, herrschte den alten Diener an: „Scherben wegräumen, sofort! Du kannst dann zu mir kommen, Wimpert." Dann ging Achern in fein Schlafzimmer. Hier stand er lange am Fenster, sah in den Park hinunter. Die Veilchen blühten am Gemäuer, und die Primeln und Buschwindrosen hoben die Köpfchen im warmen Strahl der Märzsonne. Doch im Herzen des Mannes sah es finster und grau aus. Niemals wieder gab es einen Weg von ihm zu der Frau hinüber, die einer solchen niedrigen Rache fähig war. Seine Zähne knirschten hörbar aufeinander. Zu was doch eine gute Erziehung gut war! Sie hielt den Mann sogar dort in den Schranken, wo er nahe daran war, den Kavalier zu vergessen. Es war gut so. Achern wandte sich um.
Wimpert war lautlos eingetreten, wie er das seit vielen Jahren durfte.
„Wimpert, i ch habe die Vase aus Versehen zerschlagen. Verstanden?"
Der Alte verstand sofort. Mit verdunkeltem Blick sah er seinen Herrn an.
„Jawohl, gnädiger Herr."
Achern drückte ihm zwanzig Mark in die Hand.
„Ra, Wimpert, das muß ertragen werden. Wir waren ja so hübsch blind und haben nicht gesehen, daß das Glück in Achern war, daß wir es nur nicht sehen wollten."
Der Alte nickte mit dem Kopf wie ein Pagode.
„Jawohl, gnädiger Herr, wir haben das Glück nicht gesehen, — nun geht es fort.“
Elftes Kapitel.
Pia weilte in Hohenbrück. Die Arbeiten für den Umbau hatten schon begonnen. Das junge Mädchen wollte nur die Zimmer ihres verstorbenen Mütterleins bewohnen. Alles andere sollte dem Zweck des Krüppelheims dienen.
Frau Horlinger fand ein reiches Arbeitsfeld. Mit der alten Köchin besprach sie alle Fragen, die Gemüsezucht und Gartenbau betrafen.
Doktor Lansing zeigte sich oft in Hohenbrück. Ihn interessierte Pias Plan ungemein. Dabei verhehlte er sich keineswegs, daß er auch um ihrer selbst willen kam. Er liebte das schlanke, blonde Mädchen, wie er noch «nie eine Frau geliebt. Und seine Hoffnungen waren im Laufe der letzten Wochen gestiegen. Pia hatte ihrer Liebe zu Achern entsagt, um in der Arbeit Trost zu suchen, — soviel übersah er mit klarem Blick, und diese ihre Wesensart machte sie ihm immer teurer. Pia sah ihn mit liebem Lächeln an, als er das erstemal nach ^Hohenbrück kam.
„Ach, Herr Doktor, gerade Sie kommen wie gerufen. Es gibt so vieles zu besprechen. Und Sie sollen mir doch recht viele arme Kinder hierher führen, — solche, denen alle Menschengüte und Menschenkunst nicht mehr helfen kann."
(Fortsetzung folgt.)
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